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Jüdische Rundschau · 1929-02-01 · Heft 9 (1.2.1929) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 9 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 54 JUEDISCHE RUNDSCHAU Paiasdna-Diditung und Propaganda ff Herkunft und Zukunft“ Arnold Zweigs neues Essaybuch. Von Manfred Sturmann. Es liegt ein besonderer Zauber darin, wenn der Dichter, Banner der Sprache und Beschwörer des fliegenden Gedankens, das Wort ergreift zu dem, was uns am nächsten liegt: zu der Frage der ״Zukunft und Herkunft“ des jüdischen Volkes. Nicht die kalte Berechnung des Politikers, nicht die bedächtige Gründlichkeit des Wissenschaftlers besticht uns an dieser Art zu schreiben, sondern die ahnungsreiche Schau des Dichters und sein kühner Gedankenschwung. Ob es min das Problem des Ostjudentums ist, das Problem der jüdischen Masse überhaupt, oder das des aufblühenden Landes unserer Sehnsucht — niemand wird das neue Es!avbuch Arnold Zweigs•) aus der Hand legen, ohne es auf eine besonders persönliche und warme Art licbgewonnen zu haben; denn in ihm ist ausgesagt, was uns alle bedrängt, und aufgeschrieben, was unser Hoffen beglückt. Da ist ״Das ost jüdisch e A1111it z“, dieser geradezu meisterhafte Versuch, das Leben der jüdischen Masse festzuhalten, wie es der Soldat Zweig im Kriege erlebt hat, nicht als der gemessene ״Westler“, sondern als liebender, verstehender und, in jener furchtbaren Zeit der Besetzung, als mitleidender Bruder: er sieht diese in die Enge gepferchten Männer, aus deren Gesichtern Prophetenaugen leuchten, deren Rücken aber gebeugt sind unter einem schmierigen lastenden Alltag. Er sieht ihr nächtliches Lernen und empfängt Beweise für die Größe ihres Geistes und die Reinheit ihrer Gedanken. Wer nicht liebend in die Tiefe siebt — wie Zweig —, wird nichts sehen als die täuschende Oberfläche: diese kleinliche Geschäftigkeit, diese engen, kinder״efüllten Stuben, diese hoffnungs* los im Elend Versackten, diese verängstigten, unterernährten Knaben, diese früh erwachten Mädchen mit den traurigen Augen. Es ist Proletariat, gewiß, aber das einzige Proletariat der Erde, das genügend Kraft besaß, um aus seinen Massen neue Menschen in ein neues Land zu schleudern. Das Ost- Judentum ist der Schoß, die Herkunft. Die Väter: bärtig, der Welt fern, cingesponnen in das Buchstabengewirr der Lehre. Die Söhne: zur Körperlichkeit erwacht, Wege bauend ins Brachland, die hoffenden Bücke eines alten genualten, in die Länder Ärstreuten Volkes auf sich spürend — sie machen den Buchstaben zum Leben, geben Bewegung den Versteinfen und wandein den klugen, den weisen Juden in den schönen Juden, der aus seiner Verbarrikadierung gegen die Außenwelt herausdrängt und sich allen Winden und Wettern einer n a t ü r - liehen Daseinsform preisgibt. Besonders ergreift uns, was Zweig von dieser ostjüdiseben Jugend sagt: Sie stellte die ersten heldenhaften Chaluzim. Sie fand den kühnen Aufschwung, ein neues Leben auf neuer Erde zu beginnen, und sic hatte es hierin ungeheuer schwer. Das entschlossene Siehherausreißen aus häuslicher Enge ging hier schmerzhafter vor sich als in den westlichen Ländern, wo Juden wohnen. Sic fanden Zweifler und sentimentale Ankläger in der älteren Generation, bei den Vätern, den Müttern, welche diese Sehnsucht nach Renaissance nicht begriffen und dahinter nur Untreue, Abtrünnigkeit witterten. So ist der Gegensatz zwischen diesen Pionieren — uns allen Vorbild an Heldentum und nationaler Entschlossenheit — und der Generation, die sie gebar, besonders kraß. Aber ״ein brennendes Recht fließt durch das Herz der Jugend, guten Jugend“, schreibt Zweig; sie kennt keine Umkehr, sie geht unbeirrt ihren Weg. Doch in diesem;,brennenden liecht“ Hegt ääeby mädt Zweig, eine Gefahr, die Gefahr des wirkliche n Abfalls: die Abwanderung zum Sozialismus, unter dessen schäumendem Impetus das Nationale überrannt wird. Diese Jugend leiht dann ihr gutes Blut und ihre strahlende Gesinnung einem fremden Volk — denn es ist ja zunächst immer nur ein Volk, um das es geht und nicht die Menschheit! — und geht der jüdischen Renaissance in einer (■menschlich einleuchtenden) Verblendung verloren. — Unmöglieh, auf alle Fragen hinzudeuten, die Zweig in seinem Essay berührt: Er dringt mit unbeirrbarer Wahrhaftigkeit in den Kern ostjüdischen Lebens, er hat es Umrissen mit Meisterhand in all seiner Tragik und Größe. Die zweite Arbeit des Buches, ״Das neue Kanaan“, eine wunderbare frischquellende Modulation über das Thema ״Zukunft“ schlechthin — ist unserem jungen Lande und seinem Aufbau gewidmet. Vor Bildern aus Palästina entsteht diese kühne hinreißende Niederschrift: ״Ich schreibe ein Buch der Sehnsucht, des Verlangens, und der inneren Gerichtetheit — kein Buch des Erfahrenhabens, gesättigten Wissens, und das nach dem Gelebthaben sich einstellte als Mitteilung aus der Fülle.“ Das ist das Bekenntnis des Dichters in den Anfangszeilen. In einer unvergleichlich dichterischen Vision läßt uns Zweig dieses junge Land der Hoffnung und der Sorge sehen. Und es ist nicht das Land allein, die oft qualvolle Chaluzarbeit, die Fruchtbarmachung dieses jahrhundertelang brachgelegenen Bodens: es ist die Idee des Aufbaus Oberhaupt, die Zweig hier gestaltet, die Idee des Erwachens zu natürlichem nationalen Leben auf eigenem Boden. Doch lassen wir den Dichter selber sprechen: ״Und nun sehen wir die jüdische Arbeit sich über das Land ergießen. Es hat Platz für sie, es lädt sie ein: Hügel breiten sich hin, die Wein und Oliven tragen wollen, wie einst Feigenbäume und Tamarinden; Ebenen bieten ihre geduldigen Ausdehnungen für das Gold der Weizenfelder und aas gehämmerte Kupfer des Maises an, für alles Gemüse, für die Weide von Rindern und Schafen, für den stampfenden Gang der Traktoren und für zarten Tabak; aus Sümpfen holt der Eukalyptus Land und Bäume, wenn nicht Röhren aus ihnen Quellen holen, und aus der See, der stillen Bucht, zieht der Fischer sein Netz. Aber auf diese Arbeit des Landes baut sich die der Städte auf und ihrer Gewerbe und Industrien: Arbeit genug. . . . Was folgt aus ihr an Seelischem?“ Was ist das für eine Sprache! Man sollte sie allen Nörglern und kleinlichen Zweiflern in die Ohren hämmern, die jeden Mißerfolg, jedes winzige Nicht-Gelingen triumphierend *) Arnold Zweig, ״Herkunft und Zukunft", zwei Essays zum Schicksal eines Volkes. Phaidon-Verlag, Wien 1929. Mit Bildern von Max Liebermann, Marc Chagall u. a. registrieren, um die Bewegung herabzusetzen. Wir haben gelernt, daß sich Land und Leben nur aufbauen können, wenn wir alle Schatten und Enttäuschungen, die eben ״Land und Leben‘׳- bedingen, in das Bauprojekt mithineinkalkulieren. Der Glaube aber ist der beste Triebstoff für diesen Bau. Dieser Glaube hat dem Dichter Arnold Zweig sein schönes und männliches Bekenntnis in die Feder diktiert: wir sollten es allen Zagen und Mäklern — auch jenen in unseren eigenen Reihen — vermitteln, daß sie daran erstarken und sich aufrichten zu neuem Mut. Zauberreich der Palästina *Liebe Eine zionistische Roman-Propaganda. Von Friedrich Torberg. m ״ oder ob die Juden ein Volk oder blofi eis Stemm «irr. Nun, des haben wir gottlob hinter uns. £e ist je so U03 wellig.“ Der neue Roman ״Zauberreich der Liebe“ von Max Brot] ist als literarisches Ereignis bereits gewürdigt worden. Ihn vom jüdischen Standpunkt aus zu beleuchten und die Werte, die er für den Zionismus in sich birgt, klarzulegen, soll Zweck der folgenden Zeilen sein. Max Brod hat eine Reihe von Werken geschrieben, deren voranbedachtes und vorangestelltes Ziel es war, zum Judentum, zum Zionismus Stellung zu nehmen, eine Absicht, die schon im Titel kenntlich wurde: ״Heidentum, Christentum, Judentum“, ״Im Kampf ums Judentum“, ״Zionismus als Weltanschauung“ (gemeinsam mit Felix Weltsch), ״Sozialismus im Zionismus“ und, in gewissem Sinne, auch ״Reubeni, Fürst der Juden“. Hier war also das Problem ״Judentum“ offenkundig, und wer das Buch aufschlug, mußte wissen, daß er sich mit diesem Problem werde auseinandersetzen müssen. Darum schlug es meist nur der auf, welcher an ihm Interesse hatte, pro oder contra, welcher von vornherein zum gedanklichen Kampf gerüstet war, indem er wußte: nun begebe ich mich in eine Welt, die jüdisch sein will und sich als jüdisch deklar i e rt — ich muß also, will ich in dieser Welt leben, vom ersten Schritt an eine Meinung über sie haben, die dann, je nachdem, bestätigt oder entkräftet werden wird. Diese Voraussetzung, der Lock- oder Warnungsruf ״Achtung! Judentum!“ fehlt in Brods neuem Werk. Es ist für das Publikum ein Roman wie jeder andere. Liegt beispielsweise auf dem Pult der Bahnholsbuchhandlung und wird von irgend jemandem, der von Brods Büchern, sagen wir, ״Die Frau, nach der man sich sehnt“, kennt, gekauft und gelesen. Was liest er? Einen Liebesroman, eigenartig durch seine zwei Handlungen, defen Abspielzeit weit auseinanderliegt, die er aber doch simultan erlebt, von denen sich die eine vom Anfang zum Ende entwickelt und die andere fast umgekehrt, zwei Handlungen, die symbiotisch miteinander verquickt sind, iiieinanderspieleu und ihn fesseln. Die liest er. Ihr Held ist ein Christ. Sein schon toter Freund war Jude. Das wird beiläufig erwähnt, und daß er, der Held, Christof Nowy, im allgemeinen keine große Achtung vor den Juden hat, ebenfalls. Darum will er auch den Bruder des toten Freundes, der als Chaluz in Palästina ist, von dieser ״Jugendeselei“ befreien, und ihn in die Heimat, nach Prag, zurückführen. Mehr wird von Judentum nicht erwähnt Sehr, sehr wenig im reichen Geschehen des Buches, durchaus nichts Auffallendes. Und plötzlich steht er, der Leser, in P a 1 ä s t i 11 a. Im jüdischen Palästina, dem Christof Nowy mit starkem Mißtrauen entgegen tritt. Es scheint ihm auf lochrigcn Grund gestellt;׳die ganze Bewegung, der Cbaluz, die Aufbauarbeit und di# Gebärde, von der sie begleitet wird, kömmt ihm ״forciert“ vor, überhastet,gewollt, unecht, zukunftslos. Doch sein Mißtrauen wird beseitigt, langsam, Stück für Stück. Christof Nowy, der Christ, der gekommen war, um Erich Garta von seinem Palästina-Wahnsinn zu heilen, ist zum Schluß selbst durch den Zionismus geistig und innerlich beeinflußt, umgewüjilt, fast stark gemacht durch die Kraft, die der zionistischen Idee entströmt. Erez-lsrael hat ihn überzeugt. Das ist die große zionistische Werbetat des Romans ״Zau• berreich der Liebe“. Auf anderem Weg als in den eingangs erwähnten jüdischen ״Zweckbüchern“. Das war ein Weg, der vom Beginn, an dem die Richtungstafel ״Zum Judentum“ stand, begangen werden mußte. Hier kommt man von anderem Ur- Sprung zum gleichen Ziel, und darum ist es doppelt überzeusend. Denn, wie cs scheint, war dieses Ziel gar nicht mit Vorbedacht angestrebt worden. Wir im besonderen aber sind dem Dichter nicht nur für das Was, vielmehr noch für das Wie dankbar. Es geschieht zum erstenmal, daß wir mit Selbstverständlichkeit und ohne historisches, ja ohne touristisches Gepäck in ein bestehendes Erez-lsrael gelangen, welches so da ist, wie es eben ist. Nicht bei Adam und Eva wird begonnen. Mitten im Land, mitten unter seinen begeisterten Juden stehen wir. Die Tat- Sache des jüdischen Palästina ist einfach Voraussetzung, der theoretische Anfang liegt hinter uns, ist vorbei, nun sind die jungen Chaluzim da und bauen ein neues, schönes Land — wie? Ich Leser weiß gar nichts davon oder doch nur so beschämend wenig? Und es ist doch eine große herrliche Sache, von der Christof Nowy (und nicht nur er) da hingerissen wird?! Diese unbeklemmte, selbstverständliche Einstellung, zu der der Leser gezwungen, mit welcher ihm unvermerkt seine Skepsis zuerst bestärkt und dann überzeugend fortgeräumt wird, ist die zweite große Propagandatat, sie steigert wotnöglieh noch die erste. Ihr gelten die als Motto vorangestellten Worte, welche im Buch der Chaluz loel Feldmann spricht. Es ist ein wichtiges Werk, das Max Brod hier vollbracht hat. Und daß er es als Dichter tat, daß die jüdische Siedlung und ihr Leben und ihre Menschen und damit die ganze Idee mit solch tiefer, hingegebener Liebe geschildert wird, deren Reinheit ganz unanzweifelbar ist, daß hinter den letzten Kapiteln, hinter der Nacht auf dem Karmel, der ehrliche große Glaube an eine ehrliche große Sache sonnenklar hervorleuchtet — das alles, weit über den schalen Begriff der ״Bekenntnisdichtung“ hinausgewachsen, wird uns das schöne Buch so liebenswert machen, daß ■wir es gerne ״Zauberreich der Palästina-Liebe“ nennen möchten. iiiiiiiitiiiiHHiiiHtiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiMiiiiiniiiiiHitiiiiiiiiimiiiiiiilMiiiiiiHiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiinHiiiiiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiimiiiiiHiHiiiiiiiiiiiHiniiiiiiiMUiMiliiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiMatiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiäii Nr. 0. 1. IL1929 ■ ■■.-. ■ ■■■.... Aim£ Palliare spricht in Berlin Die deutsche Judenheit wußte mit Ausnahme von einigen Wenigen erst seit kurzer Zeit von diesem seltsamen Manne. Im Heine-Bunde war 1927 sein Bekenntnisbuch ״Das unbekannte H e i 11 g t u m“ in deutscher Ucbersetzung erschienen, durch kluge Worte von Leo Baeck cingeleitet: absonderliche Seelengcschichte eines katholischen Priesterzöglings, der nach mancher vergeblichen Suche nach dem Göttlichen endlich durch den Jomkippur-Gottesdienst in einer altgläubigen Synagoge zum Judentum hingetrieben wird. Unter der Leitung eines bei uns allzu unbekannten italienischen ״Meisters“, des Oberrabbiners von Livorno Elia B e n a m 0 z eg 11, lernt er dann den Zusammenbang zwischen den Söhnen Noahs, den Noaehiden, und ihrer Sendung und den Söhnen Israels kennen und fühlen; heute ist dieser ehemalige Priester einer der Führer der jüdischen Jugendbewegung in Frankreich. Dies alles wußten wir — und doch war es eine Ucbcrraschung, als man diesem vielberufenen Mann am Sonntag Vormittag im überfüllten Saale des Logcnhauses zuerst ins Auge sah. Die Freie Jüdische Volkshochschule, eine unserer zukimftsreichsten Institutionen, die vor zehn Jahren in umstiimiter Zeit zu überparteilicher Förderung jüdischen Wissens begründet wurde, begann ihr neues Studienjahr mit einem Vorträge Ahne Palliercs. Kein Fanatiker, vielleicht nicht einmal ein Predigertemperament; hagere Gestalt im schwarzen, noch leicht priesterliehen Rocke; ein zeitloses Gesicht, das ebenso gut einem Dreißigjährigen wie einenr Sechziger gehören kann; aber ein scharf ausgemeißelter Schädel und überraschende Augen hinter schweren Lidern, die einen plötzlich voll anblicken, ah riefe er Erde und Himmel zu Zeugen an. Ein Asket gewiß, aber zugleich ein Sohn Frankreichs, wie er es auch in seinen ersten Worten kund tut. Heut spricht er nicht von seinem Weg, solidem vom Wesen des Gefundenen. Und obwohl ihm die Aussprache mancher deutschen Worte offenbar Schwierigkeiten bereitet, obwohl er in dem übervollen Saale in den letzten Reihen sicher schwer verständlich ist, so ist der Eindruck doch sehr stark. Von dem uralten Prophetenvvorte geht er aus, das vor fünfundzwanzig Jahrhunderten dort im kleinen Lande jenseils der Meere gesprochen wurde: es wird eine Zeit kommen, da werden zehn Nichtjuden mit einem Juden gehen und erkennen: dies ist der Weg... Noch ist die Zeit nicht gekommen; aber seinen Weg fand Palföre im Wege des Judentums. Nicht in der Synagoge — hier verwandelt sich seinem rückschauenden Blicke sehr bezeichnend die Darstellung seines Buches. Heut will er nicht von Theologie sprechen; fast nicht einmal von Religion. Denn das Judentum ist ihm nicht bloße Religion, sondern lebendige Durchdringung von religiösen und nationalen Mächten; im Dasein des jüdischen Volkes fand er die ihn innerlich umwälzende Kraft. ״Ich fand nicht die jüdische Religion, ich fand das jüdische V o 1 k.“ Der Gott Israels, der Geheimnisvolle, dessen Name so unaussprechbar ist wie sein Wesen, ist ihm nicht der Gott der Vernunft, sondern der Gott der Offenbarung, der Gott der Geschichte. Seine Beziehung zum Menschen gibt die Thora wieder, die der Einheit Gottes die Einheit der Völkerfamüien entgegenstellt, diesseits und jenseits verbindet, Glauben mit dem Tun. Kein Jota ist in Glaubenssachen in allen den Jahrhunderten geändert worden. Aber mit dem Beginn der neuen Zeit geschah auch hier tiefe Umwälzung: jüdische Institutionen erschienen zum großen Teile brüchig, immer weniger ״jüdisch“ lebt man, ein. dringlich läßt er den Brief eines persischen Juden sprechen ״der Sabbat wird allgemein nicht mehr gehalten, aber es geht uns gut; wir werden mit der Zeit hohe Staatsstellungen erlangen ..Nicht mehr spürt er bei der Mehrzahl der heutigen Juden den Glauben an die verpflichtende, das ganze Volk umspannende Kraft des jüdischen Gesetzes. Wird die jüdische Seele in dieser Zeit untergehen? Da geschah ein neues Wunder der jüdischen Geschichte: ״Ein Wunder im Schoße eines Wunders (Nes betoch Nes)“, wie er es mit altem Ausdrucke nennt. Die jüdische Jugend erwachte und raffte alle Kraft zum Aufbauwerke in Palästina. Dieser welthistorische Moment ist für Palliere die neue Bestätigung der unsterblichen Sendung Israels. An das schöne Wort Disraelis vor fünfzig Jahren erinnert er: ein Volk, 'as seine Weinlesen noch feiert, Jahrhunderte, nachdem es Weinberge und Aecker verloren hat — dies Volk verdient, daß es wieder säe und ernte 1m Lande der Väter. An die Erfüllung dieses Wortes glaubt er mit letzter Ueberzeugung: dank dem heroischen Kampfe der jüdischen Jugend im Heiligen Lande. * Am Montag Nachmittag hatte ein kleinerer Kreis privat Eingcladener im gastlichen Hause von Herrn und Frau Professor Gotthold Weil willkommene Gelegenheit, Palliere noch einmal zu sehen und zu hören. Nach einer herzlichen Begrüßungsrede Kurt Blumenfelds erzählte Palliere in französischer Sprache mit ergreifenden Worten die Geschichte seiner Liebe zum Heiligen Lande: Zion habe er schon damals geliebt, als er, ein Kind noch, Blumen aus Palästina bei der alten Pilgerin fand und küßte... Aber er sagte nun auch, was er vom Zionismus erwarte: nicht nur politische Ziele, sondern geistige Wiedergeburt des alten Judentums. Denn ״Judaisme — c’est Sionisme!" ״Jude sein — heißt Zionist sein!“ So schloß er. * Altjüdische Sage erzählt uns von dem Bitfflübcrsetzer Aquiia, er sei ein zum Judentum übergefretener Grieche gewesen. Aber gerade er übersetzte unsere Bibel ״nach der Weise des Rabbi Akiba“, mit einer Genauigkeit und Treue, die kein Häkchen und kein Partikelchen des heiligen Originals beiseite ließ. Auch dieser neue Aquiia unternimmt es, unser uraltes Geistesgut zu übertragen in die Sprache der Menschheit, kein Jota will er opfern. Wird ihm die altneue Aufgabe gelingen? Bertha Badt-Strauß. * Dienstag Abend hielt Pafföre in der Volkshochschule einen zweiten Vortrag, der sich speziell an die jüdische Jugend wandte und sie aufforderte, jüdische Lebensformen durch jü• disches Wissen und hebräische Sprache wiederzugewinnen. Der Saal war auch diesmal so überfüllt, daß viele Besucher keinen Einlaß mehr finden konnten. Frau Henriette Irwell, Mitglied des Präsidiums der Welt- Organisation zionistischer Frauen in London, feierte am 25. Januar ihren 60. Geburtstag. Frau Irwell ist in weitesten zionisfisehen Kreisen wegen ihres unermüdlichen Eifers für Palästina und wegen ihrer großzügigen Beiträge insbesondere zur Förderung der Frauenarbeit in Erez-lsrael allgemein bekannt und geschätzt (Ziko.) Osljnden und ״Jüdische Volkspartei“ Aus den Resolutionen der Reichskonferenz des ״Verbandes der Ostjuden“ in Deutschland geben wir nachstehend noch den Absatz wieder, der sich mit dem Verhältnis zur ״Jüdischen Volkspartei“ befaßt: Die Reichskonferenz dankt dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Herrn Direktor Georg Kareski, für die in seinem Referate ״Ostjudentuir. und Landesverbände der jüdischen Gemeinden“ festgclegten Richtlinien der Gemeindearbeit, insbesondere: völlige Gleichberechtigung und Ausbau des jüdischen Schulwesens. Die Reichskonferenz nimmt seine Ausführungen als offiziehe Enunziation der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland zur Kenntnis und wird für die Durchsetzung dieses Programme« gemeinsam mit der Jüdischen Volkspartei kämpfen. Insbesondere wendet sich die Reichskonferenz mit Nachdruck gegen den Entwurf einer Verfassung des Reichsverbandes der deutschen Juden, der durch seine antidemokratische Form sich gegen die Ostjuden auswirkt. , In dem von G, Schanz herausgegebenen ״Finanzarchiv'• (Verlag Mohr, Tübingen) erschien eine 20 Seiten lange instruktive Abhandlung von Dr. Alfred Bonne über die Finanzierung des zionistischen Aufbauwerkes in Palästina durch den Keren Hajessod. Die Arbeit bietet eine vollständige Uebersicht über den Zweck und die bisherige Entwicklung des Keren Hajessod.

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