Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42 JUEDISCHE RUNDSCHAU ‘ Nr. % 25. 1.1929 Der rumänisdie Systemwechsel und die Juden Eine Reminiszenz. Von Dr. Hermann Kadisch, Vöslau. Nachstehend# persönliche Reminiszenz gewinnt an Interesse durch das kürzlich erfolgte Eintreten Dr. Vajdrn für dm Zionismus in der rumänischen Kammer. Der Artikel von Dr. Kadiseh, der aus Raum• numgel erst heute veröffentlicht wird, ist v 0 r dieser Episode ge• schrieben worden. Red. Der letzte rumänische Ministerwechsel und die Berufung eines Ministeriums Maniu-Vajda hat nicht etwa nur die Bedeutung eines Ministerwechsels, wie er in den balkanischen Staaten üblich ist, sondern vielmehr eines vollständigen System• Wechsels in allen grundlegenden Fragen, ganz besonders der Minoritätenfrage und speziell in der Stellung 211 den Juden, Zum ersten Male herrschte bei den rumänischen Wahlen, soweit davon überhaupt in den balkanischen Staaten und in Südosteuropa die Rede sein kann, die Möglichkeit für den ein• zelnen Wähler ohne Unterschied der Nationalität, der Religion und der Klasse, ungehindert zu wählen, und trotz alledem eine imposante, alle anderen Gruppen nahezu erdrückende Majorität der Nationalzaranisten (nationale Bauernpartei); andererseits wurde die frühere sogenannte liberale Regierungspartei, der Anhang Bratianus, nahezu vollständig zerschmettert und die antisemitische Fraktion unter Führung Cuzas voll• ständig hinweggefegt... Die Erklärung dieses Wahlergebnisses Ist nicht etwa nur allein auf unbeeinflußte Wahlen, aut die Wahlfreiheit der nationalen Minoritäten, daher auch der Juden und speziell der Z10* nisten allein zurückzuführen, sondern auch auf andere Motive. Zehn Jahre eines Regimes, das dem Lande nichts weiter bot als die Phrase des nationalen Chauvinismus, das im vollen Gegensatze zu den eingegangenen 1 riedensverträgen die nationalen Minderheiten, besonders die Juden und die arbeitenden Volks• schichten brutal vergewaltigte, genügten, um alle einsichtigen Volkselemente Rumäniens zu überzeugen, daß die Fortdauer des alten Kurses zur Revolution in Rumänien nach innen und zur Isolierung nach außen führen müsse. Tatsächlich erklärte der Minister des Innern Dr. Vajda in einem vor kurzem ublizierten Interview, daß eine weitere Verzögerung des ystemwechsels zu einer gewaltsamen Umwälzung eführt hätte. Zu Jenen Gruppen, die zwecks Verwirkchung der nationalen Gleichberechtigung und der Umgestaltung Rumäniens zu einem Rechts- und Kulturstaate ein Kora* promiß schlossen, gehören auch die Zionisten, die nun zum ersten Male seit dem Bestände Neurumäniens in der Lage sein werden, im Bukarest«־ Parlamente einen jüdisch-parla* mentarlschen Klub mit einem national-jüdisehen Kurs zu bilden. * Da das Verhältnis des rumänischen Staates zu den rumänisehen Juden zum guten Teile in den Händen des Ministers des Innern Dr. Alexander Vaida liegt, ist es nicht über• flüssig, zum besseren Verständnis seiner Stellung zu d e r Judenfrage sich auch mit der Verga n genhe 11sp011 tlk des jetzigen rumänischen Ministers des Innern zu beschäftigen, als Dr. Alexander Vajda noch als Führer der slebenbürgischen Rumänen im ungarischen Reichstage saß und für eine föderalistische Umgestaltung des gesamten Donau• reiches eintrat. Es ist natürlich, daß diese Forderung aut den schärfsten Widerstand der magyarischen Chauvinisten stieß. Die assimilatorischen ungarischen Juden, bis zum Zu• sammenbruche der ganzen Donaumonarchie bedingungslose Verfeindete der magyarischen Oligarchie, der sie auch jetzt noch blinde Heeresfolge leisten, wendeten sich gegen jede ״Kon• Zession“ an die nationale Gleichberechtigung der nichtmagyarisehen Nationalitäten und ebneten auf diese weise dem bis heute nicht geschwundenen Antisemitismus die Wege nicht nur in manchen nichtmagyarischen Gegenden, sondern auch in solchen Gebieten, wo noch Immer die unbeschränkte Präponderanz der magyarischen Oligarchie besteht. Nur dann, wenn man den engen Zusammenhang zwischen den nationalen Streitigkeiten in Vergangenheit und Gegenwart und dem Antisemitismus sowie Klassenkampfe im Auge behält, kann man zu einem richtigen Verständnisse der Lage der Juden und einer richtigen jüdisch-modernen Landespolitik gelangen. Unter diesem Ge• sichtspunkte ist es auch nicht uninteressant und sehr informativ, auf eine Episode im ungarischen Reichstage zurückzukommen, die sich lange vor Ausbruch des Weltkrieges im ungarischen Reichstage abspielte und in deren Mittelpunkte Dr. Alexander Vajda stand. Der jetzige Minister des Innern in Rumänien hielt damals eine Philippika gegen die Mafyarisierungder nichtmagyarischen Nationalitäten, trat für eren Gleichberechtigung und besonders der Rumänen ein und schloß mit einem patriotischen rumänischen Liede —• zum be• sonderen Entsetzen eines chauvinistischen, assimilatorischen J uden, von dem man damals wohl wußte, daß er ein extrem nationaler Kossuthist sei, aber nicht wußte, ob er überhaupt noch dem jüdischen Volkstum und der jüdischen Konfession angehörte, aber durch seine Behandlung des Nationaiitltenproblems Wasser auf die Mühle des Antisemitismus trieb. Nach dieser Episode hatte ich kurz darauf mit Dr. Alexander Vajda eine längere Unterredung, die sich auch auf den Zlon f 8 m u s und das im Jahre 1906 in Krakaubeschlossene jüdisch-politische Programm erstreckte. Dr. Vajda begrüßte damals sehr sympathisch die zionistischen Besfrebungen und wollte auch damals das Krakauer Programm, das auf der nationalen Autonomie fußte, in seinem Blatte abdrucken. Diese Absicht aber scheiterte — am ungarischen Preßgesetze, das, wie sein Redakteur versicherte, in der Erörtern n’gder nationalen Autonomie H och- und Landes verrat erblickte! Man ging damals in Ungarn vielfach von der sonderbaren Ansicht aus, daß die Erlangung der nationalen Autonomie und die Verwirklichung der nationalen Oleichberechligung durch die österreichischen Juden und die österreichischen Nationalitäten überhaupt, in weiterer Konsequenz auch zur Verwirklichung der nationalen Autonomie der ungarischen Juden und der übrigen nichtmagvarischen Nationalitäten und schließlieh zur Zertrümmerung der dualistischen Verfassung und zur Födcralisicrung des gesamten Donaureiches führe! Die Politik der magyarischen Oligarchie und der ungarisch-jüdischen Assimilanten hat wohl den Föderalismus und die Autonomie der ungarischen Juden, keineswegs aber den Zusammenbruch der Monarchie sowie des alten historischen Ungarn, vereitelt, wohl aber dem Antisemitismus in Ungarn und den angrenzenden Staaten zur üppigen Blüte ver- Soffen. fn der Beilage des ״Berliner Tageblatts" vom 17. Januar .indet sich ein Aufsatz von M. Y. Ben-Qavriel, ״Kino in Jerusalc m“, der in höchst amüsanter Weise darstellt, wie intensiv das Filmpublikum in Jerusalem die Vorstellungen miterlebt und oft sogar durch Zurufe und Beifall unterbricht. Dabei werden Kuriositäten erwähnt, wie z. B. die hebräischarabisch-englischen Zwischentitel der Filme, die etwa aus der ״Kreutzersonate" einen ״Senator Kreutzer" machen. Es wird auch darüber geklagt, daß nur veraltete Filme nach Palästina kommen. Brief aus der Schweiz Von unserem N. W.-Korrespondenten. Zürich, 15• Januar. Die Aussicht, daß der nächste Kongreß in Zürich stattfinden wird, hat bei der jüdischen Bevölkerung eine lebhafte Bewegung hervorgerufen. Nur sollte sie nicht geschürt werden durch Uebertreibungen, wie sie eine wohl von zionistischer Seite in der ״Neuen Züricher Zeitung" länderte Notiz darstellt, wo von 1500 bis 2000 Delegierten, 300 bis 400 Journalisten und einer Kongreßzeitung mit einer täglichen Auflage von 25000 bis 30000 Exemplaren die Rede ist.... Die Juden in der Schweiz werden den Kongreß wieder aufrichtig begrüßen und, nachdem sich die Lokalfrage für die Kongreßverhandlungen fn Zürich anscheinend zufriedenstellend lösen läßt, ist es wirklich wünschenswert, ihn einmal hier, wo mehr als dreimal so viel Juden als in Basel wohnen, tagen zu lassen. Er wird hier ein Echo finden, das zumindest dem Keren Hajessod zugute kommen wird. Vor einigen Tagen fand die Generalversammlung der neutrafen Keren Hajessod-Vereinigungen für die Schweiz in Zürich statt. Man kann mit Genugtuung feststellen, daß die Eingänge von Jahr zu Jahr trotz der oft beträchtlichen Schwankungen Tn den einzelnen Städten feine Folge der Tätigkeit oder Untätigkeit von Lokalkomitees) stetig steigen. 1922 betrugen sie 18400 Franken, in den folgenden 23803, 28100, 32100, 32 2ÜO, 38000, 46 700 und 1928 50 100. Nicht zum geringsten zu danken der hingebungsvollen Arbeit des K. H.-Deleierten, Herrn Walter Samuel, in den letzten Jahren. Da ieser Ende Mai die Schweiz verläßt, ist nicht sicher, wie die Sammlungen weitergehen werden. In das neue Landeskomitee wurden gewählt: Dr. Georg Quggenheim als Präsident, ferner die Herren Rabbiner Dr. L111 m a n n, Bernhard Mayer, Silvain Guggenheim, Dr. Steinmarder, Nationalrat Dr. Farbstein, Dr. Barth, Reichenbauch (N. F.-Koinmissär für die Schweiz) und J. Horn. Auch die Lokalkomitees wurden zum Teil wieder- oder neugewählt In der J ugend macht sich stellenweise ein frischer Zug bemerkbar. Zürich hat ein Jüdisches Jugendheim erhalten, es ist leider auf Neutralität abgestimmt, obwohl die Vereine, welche sich dort sammeln, überwiegend zionistisch sind. Jugendlicher Doktrinarismus! Es besteht auch seit einem Jahre ein zionistischer Jugendverband für die ganze Schweiz; er ist aber aus Mangel an Mitteln ziemlich lahmgelegt im allgemeinen sollten mehr geistige Anregungen von auswärts über unsere Grenzen dringen — und nicht nur dies, auch ein größerer Energie- Import täte uns not. An besonderen Veranstaltungen hat der diesjährige Winter noch nicht viel gebracht Zu vermerken wären nur aie öffentliehen Versammlungen, die noch vexachiedenenorts mit Rabbiner Dr. Nurock stattfanden. Am 5. Februar wird Max Brod in Zürich sprechen, sein Vortrag wird den Auftakt zur Schekelaktion für dieses Jahr bringen. Großen praktischen Erfolg — der moralische ist nicht zu bezweifeln — kann man auch davon nicht erwarten. Die Zeit ist organisationsfeindlich, der Nachwuchs temperamentlos (nicht nur bei uns Juden und Zionisten, sondern auch hei den Freisinnigen und Sozialdemokraten in der Schweiz, wie allgemein geklagt wird), so daß weder auf die Menge abestelite Unternehmungen noch eine Einzdpronaganda mit greifaren Ergebnissen abschließen. Die Sorge bleibt, wie wir unsere Cadres mit tätigen ZianU.e.1 auffüllen. Der ״Schweizerische Landesverband für Frauenarbeit tn Palästina״, aus Wiza-Qruppen, solchen des Kulturverbandes, der allerdings gar keine Beziehungen zu den Schweizer Ortsgruppen unterhält, und ad hoc gebildeten bestehend, ist Saison tßr Saison vorbildlich fleißig. Er hat jetzt nach einem Vorschlag der Wizo die Kosten für die Ausbildung einer Palästinenserin zur hauswlrtschaftfichen Lehrerin in einer Frankfurter Schule übernommen- Bedauerlich ist nur, daß das organisatorische Verhältnis zwischen den neutralen, überwiegend aus Nichtzlonistinnen zusammengesetzten Vereinen, die ohne Umweg ihre Beiträge in Palästina verwendet sehen möchten, und der wizo immer noch nicht ge* regelt ist. Italien nnd der Zionismos Vor einiger Zeit erschien (im Anschluß an die italienische Zionistenkonferenz in Mailand) ein Artikel in der römischen Zeitung ״PopoIo di Roma“, der scharf gegen den Zionismus Stellung nahm und in der auch in anderen Ländern bekannten Argumentation den italienischen Patriotismus der Zionisten, die in Italien eine jüdische Nation bilden wollen, anzweifelt. Der Artikel hat ziemliches Aufsehen erregt und eine ganze Reihe von Zuschriften und Erklärungen ln der Italien!- sehen Presse zur Folge gehabt, besonders Zuschriften von Juden, die vom Zionismus abrücken und ihre italienisch patriotische und faschistische Gesinnung beteuern. Im Zusammenhang mit dieser Pressefehde veröffentlicht nun das Präsidium der Vereinigung der italienischen jüdischen Gemeinden eine Erklärung, die dem Justizminister, dem Kultusminister und dem Premierminister Mus solinl vorgelegt worden ist. In dieser Erklärung wird gesagt, daß der Patriotismus der italienischen Juden, Zionisten und Nichtzionisten, in Krieg und Frieden so zahlreiche leuchtende Beweise gegeben habe, daß ein Inzweifelziehen ausgeschlossen erscheinen müsse. Die italienischen Juden, heißt es in der Erklärung weiter, seien von tiefer Hingabe an das Land der Väter, Palästina, erfüllt, wo Oott den Vätern sich offenbart hat; in gleicher Weise betrachten sie sich mit gutem Recht als einen integrierenden Bestandteil des italienischen Volkes, zu dessen Dienst sie früher wie jetzt und in aller Zukunft ständig bereit sind. Im übrigen sind in der letzten Zeit mehrere Ereignisse m verzeichnen, die das Interesse der italienischen Oeffcntiichkeit an Palästina und am Zionismus in einem etwas freundlieberen Lichte zeigen. So hat u B. die italienische Regierung schon wiederholt der Nationalbibliothek in Jerusalem Bücher- Zuwendungen gemacht und jetzt wieder hat das italienische Kriegsministerium dem italienischen Komitee für die Universitätsbibliothek in Jerusalem ein Monumentalwcrk, die Boilatische Uebersetzung des ״Weltkrieges“, überwiesen. Professor Robert Almagia von der Universität Rom hat in einigen italienischen Städten, insbesondere in Ferrarra und Venedig, Vorträge über ״Eindrücke eines Geographen in Pa» lästina“ gehalten- In der ״Revista d’Italia“ spricht Artur Castiglioni, Professor an der Universität Padua, einfehend über das palästinensische Problem ln einem Aufsatz, er wegen seiner Gründlichkeit und seiner besonders wohlwollenden Haltung gegenüber dem entstehenden Natiotsalheim für das jüdische Volk in Palästina weithin Interesse weckt. Er fordert die besondere Aufmerksamkeit Italiens für die werdende Entwicklung Palästinas, weist auf die Wichtigkeit der Konstituierung des italienischen Pro Palästina-Komitees hin und auf die heute noch gar nicht zu übersehenden neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich für Italien aus der Entwicklung des kommerziellen und kulturellen Lebens in einem neuen jüdischen Palästina ergeben• Der Stadtrat von Tel-Awiw hat für das jüdische Friedensgeriefet 60 Richter ernannt, unter ihnen dreiprauen. Zehn Jahre Freie Jüdische Volkshodudiulc, Berlin Von Dr. Bruno Kirschner. Jubiläumsfanfaren? Keineswegs. Eher das Gegenteil. Mindestens Unzufriedenheit über das Erreichte ist die Stirnmung, die uns aktive Vorstandsmitglieder erfüllt. 630, 800 Hörer, selten vor Jahren über 1000, als wir alle Minen der Propaganda springen, berühmte Schauspieler vortragen ließen. Ist dieser Erfolg der Mühe von 10 Jahren wert? Oie Volks* hochschule beschämt dieser Mangel an Teilnahme nicht, beschämt werden nur die Berliner Juden. Als nach Krieg und Umwälzung auch seelische Erneuerung winkte, ln den vermeintliehen Geburtswehen einer besseren Zeit die Wellen der allgemeinen Volkshochschulbewegung anstiegen, wurde in immerhin erfreulicher Einmütigkeit, die das Jüdische über Partei und Richtung hob, von Liberalen, Reformern und Kontervativen, Central-Vereinlern und Zionisten, Laien, Rabbinern und Gelehrten eine Idee verwirklicht, deren Anfänge bis in die 90ger Jahre zurückgeht, deren Wurzeln aber im altjüdischen Beth Hamidrasch steckt: die Idee der systematischen Volksbildung, der Bildungsarbeit an Erwachsenen. Was für schöne Versprechungen haben in der Gründungsversammlung vom 1. Februar 1919 die Vertreter der Organisationen gemacht über Zusammenarbeit und Beteiligung usw. — una heute? Statt daß die Berliner jüdischen Vereine es als Vereinfachung und Erleichterung empfinden, daß eine zentrale Stelle da ist, die, von Fachmännern geleitet, ihnen die Mühe der Vortragsbesorgung abnimmt, wurstelt sich im Vortragswesen alles fort, als ob es keine Volkshochschule gäbe. Jeder Verein unterhält eigene Kurse, Vorlesungs- Zyklen, Führungen. Dabei ist es nicht so, daß die Volkshochschule den Hörern ein Vorlesungsprogramm aufgedrängt hätte: jede Anregung, jeder Wunsch wird gern geprüft und, wenn es möglieh ist, berücksichtigt, und eben erst hat das Sekretariat unter den seitherigen Hörern eine Umfrage veranstaltet, welche Themen, welche Dozenten sie wünschen, was ihnen nicht zusagt. Sind wir antiquiert, verrostet, bürokratisch, etwa überlebt? Nein! Unsere große Aufgabe bleibt einmal: den Einzelnen, Vereinzelten, nicht in Vereinen Organisierten, jüdischen Bildungsstoff, Denkanregung, Diskussionsmaterial, Hinweise zu praktischer Jüdischkeit zu geben, zum andern: an die in den Organisationen bereits zusammengeballten Massen mit Hilfe der Vereinsvorstände heranzukommen. Die speziellen politischen, religiösen, wirtschaftlichen, sozialen, geselischaftliehen, berufsständischen, wissenschaftlichen, künstlerischen Aufgaben sollen die Vereine, können nur sie selbständig erledigen. In der Darbietung von neutralen Vorlesungsreihen aber — soweit es sieb nicht um einmalige Vorträge, son• dem um gründliche Vertiefung eines bestimmten Gegenstandes handelt — müssen wir die organisatorische Zentralstelle werden. Das ist ein Erfordernis vernünftiger Rationalisierung, Kräfteersparnis, nützlichen Erfahrungsaustausches. Oder ist vielleicht eine Zahl von 600, 800 Hörem, darunter Semester für Semester ein gewisser treuer Stamm, gar nicht so verzweifelnd wenig? muß man nicht Cafehaus, Radio und Kino, Sport und Bälle als Konkurrenten um die Seele, jawohl, die Seele der heutigen Menschen respektieren? Wir jedenfalls, wir werden nicht ermatten in unseren Bemühungen, die Volkshochschule nur Zentralstätte der Darbietung jüdischer Bildungsmöglichkeiten zu machen. Am 27. Januar belesen, ferner Goslar, Leo Rosenzweig, Karl Schwarz, Hammerstein, Bernhard Kahn, Dyk u. a. wir steigen nicht nur in unsere Vergangenheit hinab, die Schatten gewesener Tage zu beschwören, sondern sind uns bewußt, daß wir der jüdischen Gegenwart und Zukunft dienen, deren Probleme klären müssen, daß Judentum den meisten Heutigen nicht mehr Gegebenes, sondern Aufgegebenes ist, um das mehr Juden kämpfen, als mancher ahnt Das Ringen unserer Zelt am jüdische Werte, jüdische Gestaltung wollen wir In diesem Semester in den Vordergrund stellen. Der Vorlesungszyklus über ״Die Religion im Geisteskampf der Gegenwart“ darf besondere Aufmerksamkeit erwarten. Der Zweikampf, zu dem die Religion immer wieder durch Naturwissenschaft und Philosophie, durch Sozialismus, Okkultismus und neuerdings durch die Psychoanalyse herausgefordert wird, soll beleuchtet, verstanden, erlebt, doch nicht erledigt werden. Und einen besonderen Genuß versprechen wir uns von zwei Vorträgen Aimä Palliferes, aen wir zu uns eingeladen haben, und der am 27. Januar, um 12 Uhr, über ״Mein Weg zum Judentum“, am 29. Januar, um 8 Uhr, über ״Die jüdische Jugend und ihr Ringen“ sprechen wird (beide Vorträge im Logenhaus, Kleiststraße 10). Für die Ansprachen Palliferes, einer der reizvollsten Persönlichkeiten an der gegenwärtigen jüdischen Peripherie, macht sich bereits beim Vorverkauf der Karten stärkstes Interesse bemerkbar. 600, 800 Hörer? Es müssen, es werden mit der Zeit Tausende werden. Das Ist unser Wunsch zur Zehnjahresfeier. Saul hat Tausende geschlagen, David Zehntausende. Palästina Im neuen ״Meyer“. In dem soeben erschienenen 9. Band der Neuausgabe von Meyers Le xikon finden wir ln dem Artikel ״Palästina“ neben einer Reihe von anderen Ungenauigkeiten (z. B. heißt die Zionistische Exekutive nicht mehr ״Waad hazzirim“) folgenden Satz: ״Diese (sc. die jüdische) Kolonisation, obwohl mächtig vom Zionismus in der der Absatz der Erzeugnisse (Wein, Orangen) stockt und die arabisch-syrische Stanimbevölkerung ihr feindlich gegenübersteht.“ — Diese Darstellung ist durchaus irreführend und in einem Werk, das der objektiven Information dienen soll, sehr zu bedauern. In Wahrheit ist die Krise, wie jeder Kenner der Verhältnisse weiß und in unzähligen Dokumenten nachzuweisen ist, lediglich darauf zurückzuführen, daß die Kapitaleinwanderung mit der Menscheneinwanderung nicht Schritt hielt, daß also zu wenig Kapital vorhanden war, um alle Arbeitskräfte produktiv zu beschäftigen. Gewiß hat ein Teil der Immigranten auch wegen mangelnder Eignung das Land verlassen, wie dies bei jeder Immigration In jedem Lande der Fall ist, aber dies hätte keine ״Krise" erzeugt. Die drei angeführten Gründe sind sämtlich falsch. Lange nicht alle für den Landbau geeigneten Elemente konnten ange» siedelt werden, well das Geld fehlte; der Absatz der Produkte, besonders Orangen, ist weit entfernt davon, zu ״stocken“ und hat sich im Gegenteil In den letzten Jahren zu ungeahntem Ausmaß gehoben; und was schließlich die Feindschaft der Araber betrifft, so ist nur zu sagen, daß sich diese während der Blütezeit der Einwanderung, als allgemein viel verdient wurde, viel weniger zeigte als m der Zeit der Stockung. Es ist verwunderlich, daß der neue Meyer nicht mit mehr Verantwortung und Akribie gemacht ist. Auch die beigegebene Karte ist unvollkommen; außer Petach Tikwah ist kein einziges jüdisches Dorf eingezeichnet obwohl viel kleinere «rabische Siedlungen u zu linden sind•