Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30 JUEDISCHH RUNDSCHAU Nr. 5, IS. 1.1929 Der preußische Landesverband und seine Abgeordneten Von Arnold Wiener, tkuthen. Am 3. Februar tritt die Plenarversammlung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zusammen. Mit dem hi ■r /״.- genden Artikel nehmen wir die Diskussion über einige wichtige Fragen der Verbandstätigkeil auf. Red. Wenn wir bei Schluß der Landesverbandstagung das Herrenhaus verlassen, dann habet! wir für ein ganzes Jahr Ruhe. Das Verbandsbüro stört uns mit keiner Zuschrift, das Verbandsblatt erscheint nicht. Wir empfangen nicht einmal das Protokoll der stattgefundenen Tagung, und da schon zehn Monate inzwischen verstrichen sind, so wird man sich das Situationsprotokoll diesmal wohl ganz schenken. Der Rat des Landesverbandes hält zwar alle paar Wochen Sitzungen und regiert die preußische Judcnheit. Was dort vorgeht, bekommen wir bisweilen in den jüdischen Zeitungen zu lesen. Aber auch durch die Presse wird man nicht ausreichend unterrichtet. Es entgehen uns manchmal die wichtigsten Dinge, in der Breslauer Repräsentantenver- Sammlung berichtete kürzlich der Oemeindevorsitzende, Herr öeheirnrat Goldfeld, daß der Rat des Landesverbandes beschlossen habe, 1 000 000 M. aufzunehmen, um die Mittelstandsdarlelienskasse in den preußischen Gemeinden damit zu dotieren. Wie segensreich wäre eine solche Maßregel! Aber in den jüdischen Zeitungen war nichts darüber zu lesen. Die Verbandsversammlung■ hat sich schon öfters dagegen aufgclehnt, daß sic das ganze Jahr ohne Orientierung bleibt und daher vollkommen ununterrichtet über die laufenden Geschaffe zur Plenarversammlung Zusammentritt. Sie hat auch beschlossen, daß den Abgeordneten die Protokolle der Ratssitzungen regelmäßig übersandt werden sollen. Wie in der Hauslialtskommissior! berechnet wurde, würden die dadurch entstehenden Unkosten 25 M. für jede Ratstagung nicht übersteigen. Aber auch dieser einstimmige Beschluß der Verbandsversammlung erledigt sich wie viele andere Dinge durch Liegenbleiben. Nächstens muß die Versammlung wieder zu ihrer Jahrestagung zusammentreten, und wir ersehen aus den Zeihingen, womit sie sich zu beschäftigen haben wird. Die Ocffentlichfeeit dürfte es interessieren, daß die Verbandsversaminlung ihr Dasein verlängern soll. Sie ist am 1. Februar 1025 auf vier Jahre gewählt worden, so daß ihre gesetzliche Vollmacht eigentlieh am 31. Januar 1929 erlischt, und da die Neuwahlen erst Ende 1930 stattfinden sollen, so handelt es sich um fast zwei Jahre Zulage. Der Rat rechnet zwar nur ein Jahr heraus, aber wir können ihm darin nicht folgen. Wahlrecht ist Volksrecht, und wenn eine Körperschaft auf vier Jahre gewählt ■wird, so heißt dies, daß die Wähler nach längstens vier Jahren ihr Bestimmungsrecht zurückerhalten und sich andere Abgeordnete wählen können. Ich weiß auch, daß das Berliner jüdische Verwaltungsrecht andere Wege gegangen ist, aber das war eine Verirrung. Wenn nun das Wahlrecht Volksrecht ist, so hat die gewählte Körperschaft nicht die mora'ischc Befugnis, ihre Mandatsdauer zu verlängern, außer etwa im Kriege, wo ein großer Teil der_Wähler im Felde steht. Es ist übrigens interessant, daß mitten im Kriege 1866 und 1870/71 das preußische Abgeordnetenhaus und der deutsche Reichstag neu gewählt worden sind. Nun kann man _ bei allein Respekt vor acr preußischen Landesversammlung diese nicht mit den hohen gesetzgebenden Körperschaften vergleichen. Aber einmal stehen wir jetzt nicht mehr im Felde, und dann hat die preußische Judcnheit durch ihre überaus starke Beteiligung an den Landesverbandswahlen im Jahre 1925 — in Hunderten von Bezirken haben mehr als 90 ״/o das Wahlrecht ausgeübt — gezeigt, daß sie der Gesamtvcrtretung der Judenheit Preußens große Bedeutung beilege, und man sollte aen Sinn für die Oesamtorganisation nicht durch eine schlechte Behandlung der gewählten Vertretung svstematisch abtöten. , Die im Rate geplante Mandatsverlängerung ist eine schlechte Kopie des Gesetzes übe* die Verlängerung der Mandatsdauer der preußischen Kommunalvertretungen, denn4 einmal haben nicht aie letzteren ihre Mandatsdauer selbst verlänger! sondern der preußische Landtag hat das getan, und dann bestand dafür ia Wirklichkeit ein ernster Grund. In der Rheinprovinz und in Westfalen werden zur Zeit fast sämtliche Stadt- und Landkreise umgelegt, so daß ia diesen Provinzen Kommunalwahien für den Augenblick schlechterdings gar nicht durchzuführen sind, und in diesen beiden Provinzen lebt ein Drittel aller Preußen. Was spricht aber für die Verschiebung der Landesverbandswahlen? Im Jahre 1930 wird in Berlin und Breslau eine neue Repräsentantenversammlung gewählt und b e i der Gelegenheit kann man auch die Landesversammlung neu wählen lassen. Ist das ein Grund? In Preußen werden die Wahlen für die Kommunalvertretungen alle auf einen Tag gelegt, was bei den jüdischen Verwaltungskörperschaften doch nicht der Fall ist. Und wenn im Jahre 1931 etwa die Gemeinde Frankfurt und Köln und noch 200 andere Gemeinden ihre Repräsentanfen neu wählen, so können sie auch beanspruchen, daß bei dieser Gelegenheit für den Landesverband mitgewählt wird. Und dann ist noch eins wichtig. Die Gemeindewählen in Berlin, Köln, Königsberg, Duisburg, Liegnitz usw. haben gezeigt, daß jetzt die Liberalen überall in die Minderheit gedrängt werden, woraus sich ergibt, daß die Mehrheitsverhältnisse in der preußischen Landesversammlung, wo die Liberalen noch mit sechs Stimmen in der Majorität sitzen, nicht mehr der Wahrheit entsprechen. Darüber müssen sich alle anderen Parteien und auch die Parteilosen freuen, denn es ist immer mißlich, wenn eine einzige Partei in einer öffentlichen Körperschaft alle anderen majorisieren kann. Noch über einen anderen Punkt in der letzten Ratstagung hatte man sich zu wundern. Herr Direktor Karcski hat vorgeschlagen, daß man die Aufwandsentschädigungen für die Abgeordneten des Landesverbandes streichen solle. Diese Etats- Position hat schon ihre Geschichte. Es ist dabei mit der Vergütung gar nicht so weit her. Die auswärtigen Abgeordneten empfangen außer der Fahrkarte noch 20 M. für jeden Sitzungstag. d. h. für jede Tagung 40 M. Damit köpnen sie bei den Berliner Hotel- und Restaurationsureisen :noch gerade auskommen. Für die Reisetage wird keine Vergütung gezahlt, und so legen die von weither zureisenden Delegierten noch jedesmal aus ihrer Tasche zu. Es handelt sich bei diesem Titel also, wie man sieht, noch nicht um einen Exzeß des Parlarnent-rismus in seiner bösartigsten Form. Dennoch schärft das Verwal'ungsjudentum fort und fort sein Gewissen gerade an dieser Position. Es sind schon ein halbes Dutzend Anregungen in der Presse und im Rat des Landesverbandes vergekommen, hier wäre der Punkt, wo man sparen könnte. Dabei würde der Betrag, welcher einfespart werden könnte, gar nicht sehr ins Gewicht fallen. Die i außerhalb Berlins wohnenden De'egiertcn empfangen für die jährliche Tagung alles in allem 2440 M. Aufwandsvergütung, das ist ein fünftel Prozent des Jahrereiats des Landesverbandes und noch bei weitem nicht ein Drittel von der Jahresvergütung, die der Rctsvorsitzendc für seine ehrenamtliche Tätigkeit erhält. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands legen doch heute ausgesprochen Wert auf Repräsentation und Aufmachung, auch haben sie sich schon an eine stattliche Besoldung ihrer oberen Funktionäre gewöhnt, so daß Knausrigkeit nicht mehr in ihren Lebensstii hineinpallt, ur.d so handelt es sich in unserem Falle eigentlich weniger um eine Ersparnismaßregel, wie um eine fortgesetzte schwere Beleidigung der Landesversammlung, der man kaum besser begreiflich 'machen kann, daß sie nicht einmal ihre Spesen wert ist Der Ratsdezernent wird, wenn es zu der Streienung der Aufwandsentschädigung kommen sollte, vielleicht sagen, das gilt iür die Ratsmitgüeder ebenso wie für die Abfeordneteu. Aber wenn zwei dasselbe leiden, so ist es doch nicht asselbe. Die Rätsmltglieder sind Delegierte von Gemeinden und Korporationen und liquidieren dann eben ihren persönlichen Verbrauch bei der Gemeinde bzw. Verbandskasse. Bel wem aber sollen die Mitglieder des Volkshauses liquidieren? Es ist für uns Zionisten bedrückend, daß gerade unsere Partei der Finanzdezernenten des Rates gestellt hat Wie unmöglich dieser Zustand ist, kam mir voriges Jahr so recht zum Bewußtsein, als Herr Direktor Kareski von allen Seiten Glückwünsche entgegennahm dafür, daß er die Landesumlage von s/,0/0 ״ auf 0״ן/״/« der Reich ciakommensteuer gesenkt habe. Aber um welchen Preis ist dieser Sieg errungen worden! Da wurde ein Haushaltsplan vorgelegt, worin der Sozialetat für die gesamte preußische Judenheit auf 110000 M. bemessen war, alle anderen Titel waren auf das kärglichste bedacht. Als die Haushaltskommission einmütig auf das Unerträgliche der ganzen Situation binwies und diese oder jene Position etwas zu erhöhen begehrte, so erhob sich sofort Herr Direktor Kareski und erklärte als Kommissar des Rates, daß diese ganze Betätigung der Haushaltskommission vergebene Liebesmüh sei, der Rat dächte gar nicht daran, irgendeinen Ausgabentitel auch nur um einen Pfennig zu erhöhen, und so ist es gekommen, daß der preu- Bische Landesverband voti 9/tn auf */tn«/« heruntergehen durfte, während in demselben Jahre der bayerische Landesverband seine Umlage klaglos auf 3 °/0 und der württembergische sogar auf 41/3 % festsetzen konnte. Man kanu vielleicht sagen, Sparsamkeit in Gemeindedingen ist eine Tugend, die unter Umständen auch einen Zionisten zu zieren geeignet ist Aber jede Politik ist auf das Verhältnismäßige abgestellt, und es wird Aufgabe unserer bald zusammentretenden Fraktion sein, auch hier die Dinge in das rechte Verhältnis ru rücken. * Kareski* Entgegnung Wir haben den vorstehenden Artikel dem angegriffenen Finanz- AezernrnUn Dir. Kareski vorgelegl und ihn um Acußcrang gebeten. Herr Kareski schreibt uns dazu: Der letzte Teil des Aufsatzes von Herrn Wiener gibt Anlaß zu einigen Bemerkungen grundsätzlicher Art Ein Politiker, der ernst genommen werden will, muß auch den Mut haben, die Verantwortung für diejenigen Maßnahmen, die notwendig sind, zu übernehmen, selbst wenn sie nicht populär sein sollten. Andernfalls muß er darauf verzichten, praktische Arbeit für die Gesamtheit zu leisten und sich auf mehr oder weniger pathetische Deklamationcn beschränken. Ich halte die sachliche Leistung für ein viel wirksameres Propagandamittel, als die Aufstellung von Forderungen, die niemand ernsthaft verwirklichen kann. Von einem Versagen der notwendigen Mittel kann auf den eigentlichen Arbeitsgebieten des Landesverbandes keine Rede sein. Der Landesverband ist in erster Linie nicht für die Großgemeinden gegründet worden, die sich mehr oder weniger gut selbst helfen können, sondern um das Judentum in den verfallenden und zusammenbrechenden kleinen und mittleren Gemeinden zu stützen. Für diesen primären Zweck hat der Landesverband Erhebliches geleistet, auch wenn höhere Leistungen auch auf diesem Gebiete durchaus wünschenswert wären. Eine ganze Anzahl von Gemeinden sind zweifellos durch ihn vor dem Zusammenbruch gerettet worden. Daneben ist er für die Ausbildung der jüdischen Funktionäre, an denen ein fühlbarer Mangel besteht (Rabbiner, Lehrer, Kultusbeamte) verantwortlich. Die Wohlfahrtspflege ist ein durchaus wertvoller, aber keireswegs integrierender Bestandteil seines Aufgabenkreise«. Solange die heurige Grundlage des Landesverbandes besteht wird dieser Aufgabenkreis immer nur in bescheidenem und den Erfordernissen keinesfalls gerecht werdendem Umfange behandelt werden können. Bleibt der Hinweis aqf Bayern und Württemberg. Herr Wiener weiß, oder er müßte es vielmehr wissen, daß Bayern dieses Recht nicht besitzt. Hierin liegt die Ursache der Unzulänglichkeit seines Wirkens. Seine Finanzen beruhen auf der freiwilligen Umlage der Verbandsgemeinden, und jede Gemeinde ist in der Lage, sich durch eine einfache Austrittserklärung ihren Verpflichtungen zu entziehen. Wer die Akten des Landesverbandes kennt, weiß, daß eine Finanzwirtschaft im Sinne des Herrn Wiener zur Abwanderung eines großen Teils der Verbandsgemeinden führen würde. Eine solche Politik kann von niemand gewünscht werden, der eine möglichst umfassende Zusamnienfassung des preußischen Judentums als Etappe für die kommende Reichsorganisation für notwendig hält Gerade in Schlesien, dessen Verhältnisse Herr Wiener doch kennen müßte, sind übrigens Austrittsdrohungen besonders häufig. Nur kluges Maßhalten in den finanziellen Anforderungen an die Gemeinden, die ja, wie jeder weiß, fast überall aufs schwerste mit finanziellen Sorgen zu kämpfen haben, kann dahin führen, daß der heute lediglich auf freiwilliger Leistung beruhende Landesverband in seiner heutigen Bedeutung erhalten bleibt. Diese Situation ist völlig zwingend, und eine Aenderung kann nur durch eine Aenderung der Rechtsstellung des Verbandes kommen. Ich habe gar keine Bedenken, daß die intelligente Wählerschaft, wie sie erfreulicherweise bei der Jüdisehen Volksraartei vorhanden ist, diese Situation versteht, so wie sie die Politik der Partei auch bisher verstanden hat. Wir sind verpflichtet, überall, wo wir die Möglichkeit dazu haben, für eine vernünftige Finanzwirtschaft einzutreten. Das Vertrauen, das die Volkspartei im jüdischen Berlin in so starkem Maße gefunden hat, beruht zu einem erheblichen Teil neben dem Vertrauen in die Stärke unseres jüdi'chen Willens vor allem auch auf der Ueberzeugung, daß wir in Finanzieren Dingen keine Illusionspolitik, sondern Wirklichkeits- Politik treiben. Unsere rücksichtslose Ehrlichkeit in diesen Dingen hat sich bisher bewährt, und sie muß auch weiterhin Voraussetzung unserer politischen Arbeit in Landesverband und Gemeinden bleiben. Kareski. Aas der Berliner Gemeinde wird Von führender Seite •der ״Jüdischen Volkspartei“ uns mitgeieilt: Die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ veröffentlicht im Zusammenhang mit der Meldung über Kareskis Wahl zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde ein Abkommen, das angeblieh zwischen der liberalen Fraktion der Gemeinde und der jüdisehen Volkspartei abgeschlossen worden ist. Diese Veröftentliehung ist durchaus irreführend. Sie läßt die Annahme entstehen, als ob zwischen dem mitgeteilten Abkommen und der Wahl ein Zusammenhang bestünde^ was schon darum unrichtig sein muß, weil die Liberalen sämtlich gegen die Wahl von Kareski gestimmt haben. Aber auch sonst iS die Veröffentlichung sachlich unrichtig. Ein Abkommen über die gesamte Gemeindepolltik, das a’so an die Stelle des bisherigen Blocks eine neue Koalition setzen sollte, ist nicht getroffen worden. Lediglich um eine 80 große Minderheit wie die Liberalen nicht auszuschalten, sind mit ihr einige praktische Fragen der Gemeindearbeit besprochen worden, über die eine Art von j.gentlemen’s agreement“ zustande kam. Der Inhalt ist aber in der ״Jiidiscn-libera’en Zeitung*‘ unrichtig wiedergegeben, und schon darum entbehren auch die daran geknüpften Folgerungen jeder Grundlage. Die Fraktion der jüdischen Volkspartei erwartet, daß die liberale Fraktion selbst die Initiative zur Aufklärung der Oeffcnt'ichkeit ergreifen und sich mit ihrer eigenen Presse auseinandersetzen wird. Wir werden auf die Angelegenheit noch zurückkommen. Verband osljiidischer Organisationen (Reichskonferenz.) Die am 13. und 14. Januar abgehaltene Konferenz des Verbandes der in Deutschland bestehenden ostjüdischen Organisationen war sehr stark besucht und bot ein Bild zunehmender politischer Reife und starken jüdischen Selbstbewußtseins der in Deutschland lebenden Ostjuden. Charakterisrisch war, daß alle führenden jüdischen Organisationen in Deutschland, darunter auch solche, deren führende Mitglieder mit aller Kraft die Gleichbereclitigung der Ostjuden in ihren Gemeinden bekämpfen, sich beeilten, die Konferenz der Ostjuden zu begrüßen und zum Ausdruck zu bringen, daß es für luden in Deutschland keinen Unterschied zwischeu Ost- und Westjuden gebe. Das ist zweifellos als Fortschritt zu bezeichneu, denn in den ersten Nachkriegsjahren sah man vielfach auf deutsch-jüdischer Seite die Anwesenheit der neu hinzugezogenen astjüdischen Elemente innerhalb der deutschen Reichsgrenzen nicht allzu gern. Noch heute muß man, z. B. angesichts der Vorgänge in den sächsischen Gemeinden, bezweifeln, ob die Gesinnung, die sich in den Begrüßungsansprachen ausdrückte, mehr als taktische Gelef" der deutschen judenheit besitzen, ist zwei Umständen zuzuschreiben: der Tatsache, daß sich die Ost juden zu einer zentralen Organisation zusainmengeschlossen haben und daß die ZionistischeOrganisation, was selbstverständlich ist, mit aller Energie für aie Gleichberechtigung und Gleichgeltung der ostjüdischen Elemente im jüdischen Leben Deutschlands gekämpft hat Die Hauptbedeutung des Verbandes der ostjüdischen Organisationen liegt in dem von ihm vertretenen Prinzip der Selbsthilfe. Ost Judentum ati und für sich ist ja kein Progranim und kann auch keines sein. Programm jedes Ostjuden und jedes bewußten Juden überhaupt ist ein selbstbewußtes volksbejahendes Judentum. Die Ost juden sind ihrer Erziehung nach Juden, denen bewußtes Judentum naturgemäß und selbstverständlich ist Darum ist ihr Platz an der Seite der nationalen Richtungen im deutschen Judentum, der Zionistischen Organisation und der Jüdischen Volkspartei. Die Ostjudeu sollten in ihrer Organisation in stärkster Weise alle diejenigen Forderungen vertreten, die im Interesse der Stärkung und Erhaltung ihres bewußten Judentums liegen. Die Durchführung dieser Forderungen aber ist Aufgabe der jüdischen Gemeinden in Deutschland, in denen die Ostjuden ein integraler und wertvoller Teil sind. Es wäre eine Ungerechtigkelt, wenn die Ostjuden, welche Gemeindesteuern entrichten, noch besondere Abgaben leisten müßten, um z. B. jüdische Schulen oder Talmud Thoras zu unterhalten. Der Verband der Ostjuden sollte sich mit spezifisch artjüdischen Angelegenheiten befassen, wie Vertretung vor ihren heimatlichen Konsulaten, juristischer Hilfe usw. Die Wahrnehmung der allgemein jüdischen Interessen der Ostjuden ist eine Aufgabe der Gesamt judenheit In Deutschland ebenso wie die Organisation der ostjüdischen Jugend nicht in besonderen ostjüdischen Organisaäonen, sondern ia allgemeinen jüdisch bewußten Jugendverbänden am besten zu bewerkstelligen ist Westjudentum ist kein Ideal, Ostjudentum ist kein ideal; das zu erstrebende Ziel heißt bewußtes, hundertprozentiges, modernes, einigendes Judentum. m. w. * Am 13. Januar wurde die vierte Reichskonferenz des Verbandes ostjüdischer Organisationen ln Deutschland mit einer Ansprache desVorsitzenden dt« Verbandes, Samuel Haar* pud.er, eröffnet Es folgten Begrüßungen der Vertreter der jüdischen Organisationen Deutschlands, und zwar des Central-vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Großloge Deutschlands des Unabhängigen Ordens Bnei Brith, der Gesellschaft ORT, ehemalige deutsche Juden, des Verbandes russischer Juden in Deutschland, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, des Vereins der Kinderfreunde, der JüdiscbenVolkspartei, der Gesellschaft OSE und der Z.V.TD. Für die Jüdische Volkspartei führte Prof. Heinr. Löwe aus, zwischen der Jüdiseben Volkspartei und den jüdischen Brüdern aus dem Osten bestehe ein menschlich nahes und tiefes Verhältnis. Es gibt kein Ost- oder Westjudentum, sondern einzig und allein ״A c h e 11 u bne Jisrael“, die eine gleiche Vergangenheit und eine gleiche Zukunft haben. Im Namen der Zionistischen Vcreinigung für Deutschland würdigte Dr. Kanowitz die Arbeit des Ostjudentums für Palästina. Das deutsche Judentum befindet sich im Stadium des Abstiegs. Unsere große Sorge und Hoffnung ist es, daß das Ostjudentum in Deutschland nicht ebenfalls von diesem tragischen Schicksal ergriffen werde, sondem daß es dem deutschen Judentum frisches Blut zuführe. Wenn heute jüdische Gemeinden dieOstjudeu als Bürger zweiter Klasse behandeln, so mißverstehen sie den Gedanken ihrer eigenen Emanzipation. In das Präsidium werden gewählt die Herren S. Haarpuder, Benzion Fett und Fuchs. Es folgte das Referat von Dr. I. Taubes über die allgeineine Lage der Ostjuden. Er behandelte den ganzen Komplex der ökonomischen, sozialen und kulturellen Fragen der Juden in Osteuropa und der osteuropäischen Juden im Westen, insbesondere die Frage der jüdischen Wanderung, und berichtete über die Zahl der Ostjuden in den einzelnen Gemeinden Deutschlands, Der vom Vorsitzenden Samuel Haar puder erstattete Rechenschaftsbericht sowie das Referat Benzion Fetts über die Aufgaben des Verbandes bildeten den Gegenstand einer ausführlicheil Generaldebatte. Ueber Ostjudentum und jüdische Gemeinde bzw. über Ostjudentum und Landesverbände der jüdisehen Gemeinden referierten der Vorsitzende der Ber- Iiner jüdischen Gemeinde, Georg Kareski, und Markus Hernstein, Repräsentant der Berliner Gemeinde. Ueber Jugendarbeit und Erziehung sprach Dr. William Levy, und über ״Kulturelle Aufgaben“ Bibiothekar Josef Lia. Die Referate Kareskis, Hornsteins, Dr. Lews und Lins wurden mit großer Aufmerksamkeit angehört und stellten im allgemeinen eine erfreuliche Entwicklung der Be- Strebungen und Arbeiten der Ostjuden auf den genannten Gebieten fest. In allen Referaten drückte sich die bewußtnationale Einstellung der Referenten aus, die bei den Zuhörern und den an der Debatte Beteiligten zustimmenden Widerhall fand. Von den gefaßten Resolutionen, die wir demnächst ausführlich veröffentlichen werden, verdient Erwähnung ein Protest gegen die Bemerkungen Jakob Wassermanns über das Ost judentum in seinem bekannten Vortrage. Das neue Präsidium des Ostjudenverbandes besteht aus den Herren Haarpuder, Benzion Fett und Leser. In die Exekutive wurden nachstehende Mitglieder gewählt: Dr. Altschul, Moses Goldmann, Saio Langermann, Arthur Rottenberg, alle in Berlin; ferner Dr. Büschel (Rheinland), Dr. Koref (Hamburg», Steckei (Breslau) und Time (Nürnberg). Die Vertreter des Verbandes der Russischen Juden bzw. der Jugendverbände werden noch benannt werden.