Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISGHE RUNDSCHAU Seite 711 Nr. 101, 21. xrr. 1928 .",,,,.,י■,., ■״■■—■■■ ■ , ■ ■ ־. Die Nidiiztonisten und die Jewish Agency Eine Erwiderung Von Dr. M a x K o 11 e n s c h e r. Bevor noch die Zionistische Organisation Verhandiungen mit Nichtzionisten in Deutschland über deren Beitritt zur Jewish Agency angeknüpft hat, meldet sich das Organ der Vereinigung für liberales Judentum als erstes zur Agencyfrage zum Wort. Herr Landgerichtsrat Dr. Lilienthal, der zwar nur seine private Meinung äußert, aber immerhin mit der Versicherung der Schriftleitung, daß sic die Auffassung weiter Kreise der deutschen nichtzionistischen Judenheit enthält, ist der Wortführer. Seine Ausführungen werden sicherlich auch im Lager der deutsehen Zionisten mit freudiger Genugtuung aufgenommen werden. Herr Dr. Lilienthal erkennt an, daß jüdische Menschen in aufopferungsfreudigem Idealismus und unter Einsetzung ihrer Existenz in Palästina etwas geleistet haben, was Fortsetzung und Durchführung verdient. Wer wie er die jüdische Solidarität anerkennt und verlangt, daß das Geschaffene nicht verfallen darf, da die Fortführung des begonnenen Werkes im Interesse der gesamten Judenheit liegt, wird bei Zionisten immer ein offenes Ohr und eine Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit finden. Wir Zionisten begrüßen es außerordentlich, daß auch im Lager des liberalen Judentums sich Führerstimmen vernehmen lassen, die uns offen die Hand zur Verständnisvollen Zusammenarbeit reichen. Gerade deshalb aber haben wir auch volles Verständnis für den Wunsch nach Klarheit und Ehrlichkeit. Wir dürfen der Hoffnung sein, daß die Erfüllung dieses Wunsches die ersehnte Einheitsfront nicht zerstören, sondern gerade erst hersteilen und kräftigen wird. Herr Dr. Lilienthal verlangt namens der Nichtzionisten, die in die Agency einzutreten bereit sind, die Einräumung eines entsprechenden Einflusses auf die Palästinaarbeit. Niemand will den neuen Bundesgenossen das Recht auf Einfluß streitig machen oder sie in der Ausübung beschränken. Es ist bekannt, daß die Zionisten in allen Gremien der Agency nicht die Mehrheit für sich in Anspruch nehmen, sondern daß sie sich mit einer Stimmengleichheit begnügen. Sie verzichten damit auf die Majorisierung des anderen Teiles, der allerdings auch seinerseits nicht in der Lage sein wird, die Zionisten zu überstimmen. Friedliche Verständigung auf Grund gegenseifiger Ueberzeugung soll hiernach die Grundlage für die Arbeit werden und bleiben. Ist diese Forderung der Nichtzionisten restlos erfüllt, so wird über die gemeinsame Richtung der Arbeit innerhalb der Jewish Agency wohl noch manches Wort zu reden sein. Wie sie ihre Kompetenzen in der inneren und äußeren Arbeit geltend macht, darüber können im voraus verbindliche Leitsätze nicht angestellt werden. Die praktischen Bedürfnisse jeder Zeit wfcrdcn von Fall zu Fäll praktische Lösungen erheischen und auch finden. Dr. Lilienthal aber wünscht schon jetzt gewisse Feststellungen negativer Art: keine Palästinaarbeit in zionistischer Ideologie, Entpolitisierung der Arbeit und Abwendung von der Phraseologie der Balfour- Deklaration. Hier Klarheit zu schaffen, ist unbedingt notwendig. Von einer ״zionistischen Ideologie“ darf und soll allerdings keine Rede sein. Es wird nicht um die Aufnahme von Nichtzionisten in die Zionistische Organisation gestritten; es handelt sich nicht um eine Erweiterung des Rahmens der Zionistischen Organisation etwa unter Verzieht auf gewisse programmatische Forderungen oder Leistungen dieser Partei. Die Zionistische Organisation als solche bleibt eine Körperschaft, in die nach wie vor nur Zionisten gehören; sie ist für sie das Instrument jüdischer Arbeit auf der Grundlage des zionistischen Programms. Die Zionisten können und werden bei ihrer eigenen Tätigkeit, auch soweit sie praktische Leistungen in Palästina betreffen, ihre zionistische Ideologie nicht aufgeben. Ganz etwas anderes ist aber die Jewish Agency. Noch bis zur Gegenwart ist allerdings auch die Jewish Agency eine Funktion der Zionistischen Organisation. So besagt es das Palästina-Mandat im ersten Satze des zweiten Absatzes von Artikel 4. Allein die Zionistische Organisation hat nach dem zweiten Satze des zweiten Absatzes von Artikel 4 desselben Mandats die Aufgabe, ״Schritte zu unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen“. Bei dieser Arbeit ist gegen* vvartig die Zionistische Organisation, ln Erfüllung der ihr durch das Mandat auferlegten Verpflichtung will sie eine Kompetenz, die ihr bisher allein zustand, auf die Schultern der gesamten Judenheit abwälzen — wenigstens auf die Schultern der gesamten Judenheit, die gewillt ist, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen. Die durch diese Bemühung der Zionistischen Organisation in der Entstehung begriffene Jewish Agency ist nicht die allgemeine Rechtsnachfolgerin der ZioiiiiiinifiiMfiiHiiimBiimininiiiniiiniiHimmmißiiiiiHiiiiiiiiiiHiHiiiiiiiiiiiiiniHimnmiiiiHHiiBiniBiiiiiwiiiiniiimfiHini Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint wegen der christlichen Feiertage am Freitag, den 28. Dezember. Die Dienstag-Nummer fällt aus. iifiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiitiiiiiiiiiiniiiiiiiiimiiiiiiiiiimiHtytHiuuaiHimiuiiHiiiuyiiinHimiuiiituuiiHimuHHuiiiiniiiiiiuni nistischen Organisation; die ״zionistische Ideologie“, die von J.i'icnthal befürchtet wird, geht auf die Jewish Agency nicht über. Allerdings wird die Jewish Agency hinsichtlieh einer Spezialaufgabe die Nachfolgerin der Zionistischen Organisation, nämlich hinsichtlich der im t. Absatz des Artikel 4 des Mandats umschriebenen Aufgabe: ״Eine angemessene jüdische Vertretung zu dem Zwecke zu sein, die Verwaltung Palästinas in solchen Wirtschaftliehen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten und mit ihr zusammenzuwirken, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen“. Zur Er* fiillung dieser Aufgaben ist die Jewish Agency berufen. Darin liegt keine ״zionistische Ideologie“, sondern die Legaldefinition der Aufgabe der Agency. Hier heißt es Farbe bekennen. Wer in die Jewish Agency ein tritt, hat an der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina nritzuarbeiten. Er macht sich auch damit die ״Phraseologie der Balfour-Deklaration“ zu eigen. Die Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 ist dadurch, daß sie in das Palästina-Mandat übergegangen ist, nicht mehr nitr eln$ antfliche Deklaration des britischen Kabinetts, sondern Teil eines völkerrechtlichen Aktes und damit selbst Völkerrecht geworden. Wer jn eine Jewish Agency eintritt, die ihrerseits ein Organ des Palästina-Mandats ist, kann unmöglich ablehnend von einer ״Phraseologie der Balfour-Deklaration“ sprechen. Nachdem eine bestimmte Redewendung, die vielleicht zuvor — ob mit Recht oder Unrecht kann hier unerörtert bleiben — als ״P h r a s e o logie“ bezeichnet worden ist, in einen Rechtsakt übergegangen ist, ist sie ein gesetzestechnischerAusdruck,eineTerminologie geworden. Sie anzuerkennen oder abzulehnen liegt nicht mehr in der Befugnis des Einzelnen. Ebenso wenig wie die Rechtsordnung im allgemeinen auf das Anerkenntnis der Menschen angewiesen ist, ebenso wenig bedarf ein Staatsgesetz oder ein völkerrechtlicher Akt der Zustimmung der Staatsbürger oder der Weltbürger. Die Zionisten sind nicht berufen und nicht legitimiert, die Anerkennung des Völkerrechts oder eines Teiles des Völkerrechts zu verlangen, sie haben aber auch nicht das Recht, andere Personen von der Beachtung völkerrechtlicher Satzungen zu dispensieren. Auch die Nichtzionisten werden die Tatsache des Palästina-Mandates nicht leugne« können. Sie haben allerdings die freie Wahl, ob sie an seiner Durchführung mitarbeiten wollen. Reservationen aber hinsichtlich ihres öffentlich-rechtlichen Teiles zu machen, steht ihnen ebenso wenig zu, wie die Zionisten berechtigt sind, Reservationen entgegenzunehmen und etwa durch Willensübereinstimmung Wortlaut, Sinn und Geist des Palästina-Mandats zu ändern. ״Die gemeinsame Palästinaarbeit selbst muß entpolitisiert werden“ — verlangt Herr Dr. Lilienthal fernerhin. Hier handelt es sich vielleicht wirklich nur um einen Streit um Worte. Wir Zionisten sind allerdings der Meinung, daß die Arbeit der Jewish Agency politische Arbeit sein muß. Die Beratung einer Staatsverwaltung in allen Angelegenheiten, die Wahrung der Interessen der jüdisehen Bevölkerung, die Teilnahme und Hilfe an der Ent- Wicklung des Landes, wird man nach allgemeinem Sprachgebrauch als ״politische“ Arbeiten ansehen müssen. Wenn aber eine mitwirkende Gruppe zwar glaubt, alle diese Arbeiten leisten zu können und zur vollen Mitarbeit entschlossen ist, andererseits aber dieser Arbeit einen bescheideneren Namen als den der ״politischen“ Arbeit geben will, so wird hiergegen nichts einzuwenden sein. Man wird diese Bescheidenheit vielleicht als Mentalreservation bezeichnen. Aber man wird auch dann die Mitwirkung derjenigen, die den inneren Vorbehalt machen, gern annehmen. Herr Dr. Lilienthal wünscht die ״Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses zu den Arabern“. Diesen Wunsch teilen mit ihm alle Zionisten. Aber auch die Balfour-Deklaration und das Palästina-Mandat haben nicht übersehen, daß in Palästina Araber wohnen, deren Interessen zu wahren sind. In beiden Dokumenten ist hervorgehoben, ״daß nichts getan werden soll, was die bürgerliehen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen würde“. Dieser fundamentale Satz ist ein Bestandteil des öffentliehen Rechtes geworden. Die Mandatarmacht wird ihn befolgen. Daß die Jewish Agency, wie sie auch immer besetzt sein mag, ihn respektieren wird, unterliegt keinem Zweifel. Wenn die Araber ebenso redlich bemüht sein würden, die Grundsätze des Palästina-Mandats in die Wirklichkeit umzusetzen wie es die Juden auch hinsichtlieh desjenigen Teiles sind, der die Araber schützt, so ist eine völlige Befriedung sicherlich gegeben. ln demselben Satze des Mandats, der die Rechte der Araber wahrt, ist aber auch ein Grundsatz für die Rechtsstellung der Juden in allen Lindern außerhalb Palästinas enthalten. Der Mandatar hat auch die Verpflichtung dafür, ״daß nichts getan werden soll, was die Rechte und die politische Stellung, deren sich; die Juden in irgendeinem anderen Lande erfreuen, beeinträchtigen würde“. Auf diese Rechtsbestimmung sei im gegenwärtigen Zusammenhänge besonders hingewiesen. Sie wahrt die Einstellung aller nichtzionistischen Kreise, die sich an der Jewish Agency beteiligen wollen, viel sicherer und dauernder, als die Verwahrungen, die jetzt schon gegen die ״Ideologie“ und angebliche ״Phraseologie“ von Zionismus und Mandat eingelegt werden. Die Mitarbeit an dem Aufbau Palästinas auch innerhalb der verantwortlichen Agency wird w׳ederdie Staatsbürgerliehen Rechte der Juden in irgendeinem Lande der Welt beeinträchtigen, noch wird sie von den Juden selbst falsch aufgefaßt worden. Wir Zionisten insbesondere sind weit davon entfernt anzunehmen, daß ein Jude, der mit uns am Palästinaaufbau arbeitet oder der neben unseren Vertretern in der Agency Platz nimmt, dadurch seine Stellungnahme zu jüdischen Angelegenheiten in seinem Heimatlande oder sonst in der Welt irgendwie verändert haben muß. Wir werden uns mit der dankbaren Anerken- Herder und die hebräische Sprache Zum 125. Todestage Johann Gottfried Herders. Von S. M e i s e I s. Spricht man von dem Verhältnis Herders zur hebräischen Sprache, so denkt man in erster Linie an sein Hauptwerk ״V o m Geiste der ebräischen Poesie“. Das ist sehr begreiflich; denn dieses Werk, obgleich Torso, legt beredt Zeugnis ab für das tiefe Eindringen Herders in den Geist der hebräischen Sprache, und enthält außerdem so ziemlich alles, was den Hauptinhalt und das letzte Ergebnis der Herderschen Kibelbctrachtung ausmacht. Das Buch wirkte bahnbrechend durch die neuen Maßstäbe, die hier an das älteste Schriftdenkmal angelegt wurden; cs braehfe, namentlich in Deutschland, Wandlung und Umschwung in der Wertung der Bibel hervor. Dennoch wäre der Standpunkt recht einseitig, das Verhältnis Herders zur hebräischen Sprache einzig auf Grund dieser Schrift bestimmen zu wollen. Gerade die kleineren Schriften, die ebenfalls alttestamentüche Stoffe behandeln, wie ״A ei teste Urkünde der Menschheit“, ״Blätter der Vorzeit“, ״J üdische Dichtungen und Fabeln“ und die (durch Moses Mendelssohn angeregten) ״Jüdischen Parabel n“, und nicht zuletzt auch die ״Fragmente über die neuere deutsche Literatur“, wo man am allerwenigsten Hebräisches erwartet — gerade diese kleineren theologischen und poetischen Schriften lassen am deutlichsten erkennen, wie tief Herder die Wesenheit der hebräischen Dichtungswelt und den Geist der hebräischen Dichtungssprache erfaßt hat. Bei weitem mehr als Osrian und Homer hat den Geiehrten und Dichter Johann Gottfried Herder die Bibel beschäftigt. Wenn er selbst bekennt, ״das Buch ,Vom Geiste der ebräischen Poesie‘ habe er von seiner Kindheit an in seiner Brust genährt“, so ist damit mit aller Klarheit ausgesprechen, daß nicht der gewählte Beruf, sondern innerer Hang und Drang ihn zum Studium der hebräischen Bibel getrieben hat. Herders Bibelkritik fällt schon durch ihre eigenartige Methode auf. Es ist nicht eine archäologisch-kritische, sondern eine ästhetisch-historische Methode, die Herder anwendet. Nicht der Altcrtumskundige allein, nicht allein der Theologe, sondern auch der Dichter ist hier am Werk. Herders bibelkrt'.sche Schriften sind der Form wie dem Inhalte nach gleich poetischen Kommentaren zu den Büchern der Bibel; man könnte sie auch insgesamt als einen Versuch betrachten, den Geist der hebräischen Poesie durch Poesie zu erschließen. Es gibt Passagen in diesen Schriften von einer sprachlichen Schwungkraft, von einer dichterischen Stärke, wie sie der Dichter nur in Augenblicken höchster Begeisterung aufbringen kann; zuweilen macht es den Eindruck, als hätte der Gelehrte und Forscher dem Poeten das Feld geräumt, damit dieser dichtend das Geheimnis uralter Dichtung offenbare. Das Geheimnis aber, das heißt der Zauber der hebräischen Poesie liegt, nach Herders Auffassung, vorwiegend in der hebräischen Sprache. ״Vom Geiste der ebräischen Poesie“ nennt sich Herders Hauptwerk, es könnte ebenso richtig, oder gar richtiger, ״Vom poetischen Geiste der hebräischen Sprache“ heißen. Die hebräische Sprache ist die poetischeste Sprache der W e 11, ist poetisch schlechthin — das scheint mir das Hauptergebnis der Herdersrlien Untersuchungen zu sein. Wo immer auch Herder seine Ansichten über die hebräische Sprache äußert, sei es in den theologischen oder in den kritischen Schriften', immer wieder hebt er den poetischen Charakter dieser Sprache hervor. Klar und eindeutig hat Herder diesen Gedanken an einer Stelle seines Haimtwerkes ausgedrückt. Er meint nämlich, für einen abstrakten Denker sei die hebräische Sprache nicht eben die beste, desto mehr aber für den Dichter. Alles in dieser Sprache ruft: ״Ich lebe, bewege mich, wirke. Mich erschufen Sinne und Leidenschaften, nicht abstrakte Denker und Philosophen: ich bin also für den Dichter, ja ich selbst bin ganz ö 1 c h t u n g.“ Daß Herder das Poetische als den Wesenskern der hebräisehen Sprache ansah, mag seinen Grund wohl darin haben, daß seine Kenntnis des Hebräischen sich lediglich aut d e Bücher der Bibel beschränkte. Das nachbiblische Schrifttum, die beiden Talmude, die Midraschim, die im Mittelalter entstandenen reiigiomphiloscphischen Werke scheint Herder im Original nicht gekannt zu haben. Das geht schon aus der Tatsache hervor, daß er die Stoffe für seine jüdischen Dichtungen, Fabeln lind Parabeln, die doch fast al’esamt dem Midrasch entnommen sind, aus zweiter Hand empfangen hat. Der Herder-Forscher Carl Redlich gibt als Quellen für Herders jüdische Dichtungen und Fabeln an: Schoettgen, Horae Hebraicae et Talmudicae (Dresden und I.eipzig 1733), Philipp Ernst Christfelß: ״Das neue Judentum“ (Onolzbach 1738), Johannes Buxtorf: ״Lexicon chaidaicmn talmudicum et rabbinicum“ (Basel J.540), ja sogar Eisenmenger: ״Das entdeckte Judentum“ (Königsberg 1711) — aber kein einziges althebräisches Originalwerk! ln Beziehung auf das Hebräische hielt sich also Herder nur an die Sprache der Bibel. Die biblische Sprache aber ist ihm, fast ohne Ausnahme, des Poetischen voll; alles, was biblisch ausgedrückt wird, erscheint ihm auch dichterisch ausgedrückt, in jedem Vers, in jeder Wendung findet er Poesie, und noch in dem Geschlechtsregister der Stammväter entdeckt er ästhetisch-historische Eiemente. Herder rühmt auch den Wohlklang der hebräischen Sprache. Interessant ist in den ״Fragmenten“ eine Stelle, die von der Bedeutung der Aspiration, des Hauchlautes, handelt. Die Aspiration, erklärt Herder, gehöre zum Lieblichen der Rede; der Hauchlaut verleihe ״dem Worte Haltung un-d dem Schalle Munterkeit“. Von den Griechen, ״die die Hauche bei ihrer Sprache so sehr brauchten“, durfte Horaz mit Recht sagen: Grajis dedit ore rotunda Musa loqui (״Den Griechen verlieh die Muse, wohltönenden Mundes zu reden“). Und doch — fügt Herder hinzu — reicht die griechische Sprache hierin nicht an die hebräische rnit ihren Aspirationen ח •1> /א und ע. Nun verleiht ja der Wohlklang an sich schon der Sprache einen gewissen poetischen Charakter. Die hebräische Sprache erhält auch noch durch die Vorherrschaft des Verbs ihr eigentümliches Gepräge; und das ist es eben, was sie vorzüglich zu einer poetischen Sprache macht. Herder als Sprachforscher war ungemein feinhörig und er horchte achtsam auf die Stimmen der Völker. Mit Lessing erkannte er, daß poetisches Empfinden kein Vorrecht einzelner Völker sei, sondern eine allgemein-menschliche Naturgabe, die man in größerem oder geringerem Oracle bei jedem Volke antreffen könne. Gleichzeitig erkannte er auch den National- Charakter jeglicher Volkspoesie. Jedes Volk besitzt seine ureigene Lhaesie, die ihm kein zweites nachahmen kann. Deshalb hält Herder jede solche Nachahmung als mit dem Wesen echter Dichtung unvereinbar. Sehr scharf tadelt er in seinen ״Frag, menten“ die ״deutsch-orientalischen Dichter“ jener Tage, nämlieh jene Dichter, die mit Vorliebe ihre Poesie in ein halb morgenländisches Gewand hüllten und mit biblischen Bildern, biblischen Landschaften und andern poetischen Blumen der Bibel ihre Dichtungen schmückten. ״Können wir die Morgenländer nachahmen? Können wir ihnen in der Uiclitkuust gleichkommen?“ fragt Herder. Und er gibt darauf die Antwort: ״Wenn die biblischen Dichter von den Schneegüssen des Li-