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Jüdische Rundschau · 1928-12-18 · Heft 100 (18.12.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 100 (18.12.1928)
Date
1928-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 18. Dezember 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 41 Max Brods neuer Roman Von Günther Birkcnfeld. Dr. BtrkmfeU stellt um auf untere Bitte den nachstehenden Auf- Satz zur Verfügung, der ungefähr dem Rundfunk*V ortrag entzprieht, dm Dr. Birkenfeld ab Einführung zum Berliner Brod-Abend des Ver• bandet Deutscher Erzähler gehalten hat. Für unsere Leser Ist beton• den interessant, wie hier ein Niehtjude das jüdische Element in Brods Dichtung würdigt. Red. Max Brod ist ein Dichter des heroischen Lebensgefühls. Seine Menschen erdulden Jahre, Jahrzehnte der Enttäuschung, der Wirrnis und Verfehlung in dem immer bewußter und machtvolief werdenden Verlangen nach diesem letzten Ziel: Erf&liung des eingeborenen Oesetzes, Verwirklichung der einen Stunde des Glücks, in der sich der Mensch vollendet weiß — in der seine Tat getan ist —, durch die sein mühseliger und oft schlimmer Weg gesegnet wird. Wer mit der Stunde seines Voilendens begnadet wurde, wer auch nur kaum den heilen, überirdischen Rausch dieses Glücks kostete, dem munden alle Quellen das Lebens nicht fürder, der gibt sich — schon in heiterer Entrücktheit — dem rühmlosen Untergang willig preis gleich dem Fürsten der Juden ״R € u b e n i“ — oder dem demütigen Hinwelken im verlorenen Winkel, vielleicht als Maronenverkäufer an einer scliattigen Ecke des Montpamasse gleich dem dereinstigen K. u. K. Leutnant Erwin Mayreder, der in der ״Frau.nachderman sich sehnt", die vollkommene Liebe erfuhr und an ihr verbrennen mußte.*) ״Tycho Brahe“ hat sich ein kämpferisch-kraftvolles Leben hindurch um den Weg der Gotteserkenntnis gemüht, hat ihn zu bannen gesucht mit seinen genialen astronomischen Instrumenten und Theorien, hat mit dem Liebling und Vertrauten, Kepler, dem nüchternen Tatsachenforscher, der Tychos Lehre erschüttert, verzweifelt um die Wahrheit seiner Gottesdeutung gerungen, hat seine Nächsten vernachlässigt und ihrem Glück Gewalt angetan. Aller Instrumente und Hoffnungen beraubt und leer der lärmenden Großsucht, vielmehr von Wort dis ehrwürdiger Prager Rabbi Löw wundersam angewandelt, daß der Gerechte dazu da sei, um Gott zu helfen und ihn zu stützen, und sei es mit einem Leben voller Irrtum: steht der greise Tycho auf kahlem winterlichen Felde und hebt die Augen zu <fen Sternen. Erst spreizt er noch die Finger vor dem Firmament wie ein Leben lang Zirkel und Sextanten. Dann erkennen seine zum erstenmal unbewaffneten Augen Gott im Wunder seiner Gestirne. In guter Müdigkeit streckt sich ein Sterbender auf dem mächtigen Felde. Während in ״Tycho Brahes Weg zu Gott״, im ״Reubeni״ und in ״Die Frau, nach der man sich sehnt“, während ln diesen Romanen die Helden im Angesicht Ihrer •verwirklichten Sehnsacht zusammenbrechen: bedeutet für Christoph Nowy, den Helden des soeben im Verlag Paul Zsolnay, W««״» erschienenen Romans ״Zauber rnlc;h',Äer.,|,t1;I};e״ dfifcStuMle.&if^r.;: fül«g.eiÄ|anat||cjj',#folfä eines neuen Beginnens, der Befreiung vom Fluch seines alten Schicksals. Dieser Fluch war, daß Christoph vor Jahren in seiner Heimatstadt Prag unschuldig zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Das Urteil gründete sich auf den meineidigen Eid*seines einstigen Studienkameraden Professor Gestertag, der Christophs kunsthistorische Arbeiten seit Jahr und Tag aus einem ietzterdings unerfindlichen Haß hämisch zu kritisieren und das KM seines Studiengenossen unduldsam zu ״vereinfachen“ pflegte. Die Schilderung dieser Episoden Ist ein mutiges Gericht mit gewissen Entartungserscheinungen einer heute mitunter allzu großmächtig und allwissend sich gebärdenden Presse. ״Denn“, so sagt der große und zarte Liebende aller unschuldig leidenden Kreatur Max Brod, ״es ist ein -Grundgesetz der geisägen Welt, daß man stets nur seine eigenen Leiden, nie die des Nebenmenschen bagatellisieren darf.“ — Dieser Professor Gestertag wollte also gesehen haben, daß Christoph, der als Sozialist bekannt war, Arbeiter zum Widerstand gegen die Polizeigewalt aufgereirt hätte, daß also er an der Füsilierung *) Voa den hier erwähnten Werke« ,Max Brods sind erschienen: ״Tycho Brahes Weg zü Gott“ «hd ״Reübeni“ bei dem Verlag Kurt Wolff ln München, ״Die Frau, nach der man sich sehnt“ und ,,Zauberreich der Liebe‘* bei den» Verlag Paul Zsolnay ln Wien. von fünf Proletariern schuldig sei. Nach der Entlassung ata dem Zuchthai» durchreist Christoph Nowy Europa und das Mittelmeer, ruhlos umgetrieben von dem leidenschaftlichen Wüten, das Fehlurteil durch die derweil in alle Richtungen zerstreuten Zeugen klarzusteilen und die volle Wahrheit über den grausamen Haß des Professors Gestertag gegen ihn zu ergründen. Er selbst fühlt sich schuldig, freilich anders schuldig und gerecht verurteilt, ein zerbrochener ״alter Prager“, wie er sich in bitterer Melancholie bezeichnet Die Versuchung zum Bösen ist ihm aus den genußsüchtig-üppigen Barockfassaden seiner im innersten bösen Heimatstadt ins Blut geschlagen. Er hat die Ueberlegenheit, die ein spielerischer Zufall ihm bot, mit argloser Jungenhaftigkeit genutzt um seine herrliche Liebe mit der blonden, norddeutsch-spröden, verhalten-ungestümen Lena Frowein zu befestigen, zu verewigen. Doch Lena wird durch eben dieses Liebesglück, das der Dichter in hymnischer Innerlichkeit im sommerlichen Wiener Walde voll erblühen läßt, in verzweifelte Ratlosigkeit getrieben, da sie an einen schwindlerischen Spekulanten, einen seelischen Boxertyp, durch überstürzte Kriegsehe gebunden ist. Sie ist allzu norddeutsch, um sich Über die leere Form dieser Trauscheinehe hinwegzusetzen — und Christoph ist nicht entschieden und männlich genug, um die Geliebte aus diesem unwürdigen Zwiespalt und ganz zu sich herüberzureißen. Das ist seine noch tiefere Schuld, dieses fanatische Kompromißlertum, wie sein verstorbener Freund Richard Garta, der ein Mensch von unerbittlicher Klarheit und Strenge gxgen sich selbst war, das an Christoph nannte. Vor der leuchtenden herben Gradheit dieses bewunderten und geliebten Freundes, mit dem Max Brod der Vollendung Franz Kafkas Gestalt schuf, fühlte sich Christoph stets als ein Halber, mit dem nützlichen Bösen spielerisch Paktierender. So ist es zuletzt Richard Gartas Lauterkeif^durch die sich der fanatische Komprornißler mit Recht zum Zuchthaus verurteilt und zum ״alten Prager“ erniedrigt fühlt Doch Gestertags Lüge muß enthüllt wenden! Auf dem Schiff, das den Rastlosen nach Alexandria und dann nach Haifa trägt, begegnet ihm die Tänzerin Solange, eine leichtsinnige, doch im Herzen gütige Grande Coquatte. Ihr beichtet Christoph sein Schicksal und Ist auch ihrer Lust willfährig, beides in seiner stumpfen Zerschlagenheit und ergriffen von ihrer fraulichen Teilnahme, die sich so sorglos, uitbefangen gibt Dieser Bericht eines Lebens, unterbrochen von MittelmeerbiHern und Uebesstunden mit Solange, ist ein meisterliches Mittel der Rückentwicklung, der mählichen Deutung des ersten durch das letzte und schafft jene besondere intensive Spannung, mit der sich die früheren Romane Max Brods, die leidenschaftlich gespannt genug schon waren, nicht messen können. Solange sucht in Haifa den Mann Lena Froweins, den seelischen Boxer auf, der sie von ihrer gemeinsamen Fronttheaterzeit kennt Frowein gesteht der einstigen Geliebten, daß zuletzt er selbst Christoph Nowys Verurteilung herbeigeführt hat, in der gehässige« Sucht, sich am )Zerstörer seiner Ehe und ' Lena Froweins..ztf:TWh»«-.;Äof«s^JOestertäf •■aw1rv1uv.»cin.-; allzu willfähriges Werkzeug, Schon plb vom alten Flüche erlöst, fühlt sich Christoph Vollends v081 Schicksal des gestrigen Tages freigesprochen durch die Erkenntnis, daß nicht er an Richard Gartas Erbe der Reinheit zu tragen hat, daß es vielmehr mit Richards jüngerem Bruder Erich in den zionistischen Kommunen Palästinas schlichte, große Wirklichkeit geworden ist. In kraftvoller, holzschnittartiger Manier zeigt der Dichter, wie hier jüdische Jünglinge und Mädchen auf niemandem geraubten Boden, unter schwerster Arbeit und Entbehrung und in brüderlicher Kameradschaft, der jahrtausende-währenden Demütigung ihrer Rasse im alten Europa der Kriege und Revolutionen nfßde, ein Reich der Gewaltlosigkeit, der Liebe begründen, jenen freien und eigenen Staat unter den Staaten, den dereinst im grausamsten Mittelalter der Vertreibungen und Inquisition der Prager Judenknabe David Lerne! durch eine heldische Lüge, die ihm die erfundene Würde des Sar Dawid Räubern aufzwang, verkünden, begründen und befestigen wollte. Reubeni mußte an seinem übermenschlichen Wagnis zus«mmenbrechen, vier Jahrhunderte später findet es Christoph Nowy in den zionistisehen Kommunen verwirklicht, Keimzellen eines neuen Volks, das an seinem tragischen Geschick der Zerstreuung und Demfitigung nicht zusammenbrach, vielmehr die Kraft zu neuer Sammlung und Auferstehung aus ihm schöpfte. Dies ist des Dichters und Juden Max Brod weckende Botschaft an das, an sein Judentum. Der leidenschaftlicher» Entschiedenheit des Menschen Max Brod sind ebenbürtig seine großen dichterischen Kräfte, diese volle, inbrünstig bewegte Musik der Sprache, jene bildnerischkräftige Plastik des Aufbaus und der Zeichnung, die unbedingt dramatische Verschlingung und Steigerung der Geschehnisse! Gestalten wie Tycho Brahe und Dawid Reubeni sind dem, der sie kennen lernte, unverlierbare, große Begleiter; die Schilderungen der Ghettos im Mittelalter werden erschütternde Dokumente eines bis in die letzten Herzfasern erschütternden Dichters bleiben. Was Max Brod als Dichter ln unserer Zeit Größe und Stimme verleiht, ist über all dies Vermögen hinaus jener hohe Mut, in einer Epoche der Massenerlebnisse und •probleme: die heroische Seelenlandschaft in Einzelnen, die Schicksalsträger sind für die Vielen sinnerfüllt darzustellen. An-ski - Nadel: ״Die Pest״ Uraufführung in Mannheim. Am 8. Dezember wurde im Nationaltheater zu Mannheim das nachgelassene dramatische Werk des jüdischen Dichters An-ski (Salm. Rappaport) nach der Uebersetzung Rosa Nossigs, von Arno Naaet für die deutsche Bühne bearbeitet, uraufgeführt. Seit der Dybuk-Inszenierung Viertels ln Berlin Ist es wohl das erstemal, daß eine deutsche Bühne ein Stück aas dem Gedankenkreis der ostjftdischen Mystik aufführt. Und der Jüdische Zuhörer, der an diesem Abend zwischen dem Abonnements-Publikum des Mannheimer Nationaltheaters saß, mußte an die Schicksalsfrage der Jakobsöhne denken: Ma beza kl naharog ess achten...? ״Was bringt es uns für einen Gewinn?‘"— Und die erschienenen Besprechungen bezeugen unser Mißtrauen. Der Gedanke der Fabel vom Treiben der Schedim, von ihrem Lauern um die Taten des Zaddik, wurde gar nicht verstanden, das tragische, ahnende Schuldigwerden ward als sentimentaler Dialog aufgenommen, das Wirken der Unheimüchkeiten im mystischen Treiben kabbalistischen Feuers ward zum Gegenstück eines Venusberges. Aus dieser Theaterunwirklichkeit erstieg ein schiefes Bild des Chassidismus, das noch völlig verwirrt wurde durch den auch psychologisch nicht motivierbaren Ausgang, bei dem ein Zaddik nach der Enthüllung seiner Mutter, dal er die Frucht einer Schändung bei einem Pogrom sei, urplötzlich seine (ausgerechnet!) christliche Erbmasse entdeckt, und nun Gott und (zum zweiten Male) die Thora schändend, sich mit der Umhüllung der Rolle erwürgt. ״Ma beza...?“ Was kann aus dieser Handlung gewonnen werden? Etwa eine Beurteilung des Chassidismus, oder gar dm Judentums? Ich möchte das stark in Frage ziehen. Nimmt man noch die Tatsache — natürlich reine Theaterwirkung — einer häßlichen Herumzerrung einer Thoraroile hinzu, undf stellt das — selbstverständlich nur als Vergleich — einem ebensolchen Gebaren mit einer Monstranz gegenüber, so wird die Un» mög'.ichkeit dieses Stückes als deutsches Theaterstück genügend beleuchtet ״seit».־' J ‘י ‘Wrilher uetilrile iffdem'Werk von An-sld and welch«׳־ von Arno Nadel stammt, ist dabei nicht von Wichtigkeit. Wenn Nadel dabei ein Verdienst angerechnet werden darf, so ist es das eines guten dramatischen Entwurfs. Das An-skische Fragment ist übrigens noch einmal von Arthur Sackheien bearbeitet worden. Bei An-ski heißt es ״Zwischen Tag und Nacht“, bei Sackheim ״der Zaddik“, bei Nadel ״die Pest“. Und dies ist das Drama in Umrissen: Pest ist in der Stadt Wer hat sie durch seine Schuld herbeigebracht? Der Rabbi, ein allmächtiger Meister der Kabbala, muß helfen. Der aber tut Buße aus unbekannter Furcht. Bei ihm ist noch seine alte Mutter, eine Frau, ״nicht von dieser und jener Welt“; ihr Mann ist bei einem Pogrom erschlagen worden. Nun hält sie Rabbi Don, ihr Sohn, am Leben, er will sie nicht sterben lassen; und auch sie will nicht sterben, bevor sie ihm ihr Geheimnis gesagt hat. — Da ist noch Miriam, Nichte und Mündel des Rabbi, die, getrieben von geheimnisvollen Mächten, entsetzt jede Heirat ablehnt, ahnend, sie sei schon gebunden durch Kräfte, die ihr fremd klingen. In dieser Situation kommen die Aeltesten der Gemeinde, und fordern von Rabbi Don nichts weniger als das Wunder der Abwendung der Seuche. Es ist ja bekannt, wo die Schedim ihre Orgien abhalten: die Mühle, das Haus des Frömmsten in der Gemeinde haben sie dazu erwählt, und keiner vermag sie daraus zu vertreiben. Da verspricht der Rabbi das Wunder und beauftragt seinen Diener Chananja, zur Mühle zu gehen, der heilige Gottesname in seiner Hand wird ihn beschützen. Der Rabbi aber lernt die ganze Nacht in den heiligen Schriften. Auf Sabbat Chanukkah Eine Skizze aus dem Leben 4er Chassidim. Von Binfamin Segel. Schluß. Unzählige Male hatte man die Geschichte vernommen, und doch war sie jedesmal den Hörern neu und jedesmal überlief sie von neuem ein Grauen, welches sich in einem Wonneschauer auflöste. Dann folgte eine Reihe ytfn Geschichten von Chasonim und Synagogensängern, eine wunderbarer als die andere. Von jenem, der am VersÖhnaijgstage, während er den Psalm ״Aus den Tiefen ruf׳ ich tu dir» sang, vor dem Altar in himmlischer Verzückung seine Seele aushauchte. Oder von jenem anderen, dessen Gesang einen Pürsten, der alle Juden seiner Stadt eingekerkert hatte, uq» sie utntubringen, so tief rührte, daß er die Gefangenen freigab. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicksal der ״Nachtigall“. Das war jener Wunderjüngling, dessen Augen so leuchteten wie die Sterne und dessen Stimme wie.df# einer Nachtigall klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Ge* lüste nach ihm. Er floh, aber die '.böii Fra» verfolgte ihn Überall hin und drohte a*r ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, daß Ihm das Licht aus den Augen und die Stimme aus der Kehle genommen werden möchte. Seitdem hat niemand mehr einen Laut von seihen Lippen vernommen; stimm und blind Irrte er bis an das Ende seiner Tage von Stadt zu Stadt und von Land zu Land.... Bei der Erinnerung an diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung so übermannt, daß er heiße Tränen von den Augen hervorqüelien fühlte. Und der Rabbi, wie er sich den Bart- Zipfel kräuselt und horcht, die große Stube mit ihren flackernden Kerzen: kurz, alles stand ihm so lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, daß er erst aus seinem Sinnen erwachte, als seine Sohlen tiefer in den Schnee versanken Hier schien der Weg aus der Versenkung hervorzutreten, wu in gleicher Höbe mit den Feldern dahin zu laufen, man mußte also aufpassen. Der Schnee war locker und nicht eingestampft wie bisher, und Gott allein mochte wissen, was für Untiefen die verräterische weiße Decke verbarg. Auch die große Kälte glaubte Reb Jekel erst jetzt zu fühlen, denn seine Füße waren trotz des eilenden Ganges ganz erstarrt und die Finger froren Ihm in den Atmete, wohin er die Hände wie in einem Muff verborgen hatte. Sogar die Brauen waren ihm angefroren und der Bart hing voller Eiszapfen Er fühlte eine große Ermüdung und verlangsamte seine Schritte. Spähend wandte er sich nach rückwärts und horchte, ob er nicht das Klingeln einer Schelle vernähme, die eine Holzfuhr ankündigte; gegen ein mäßiges Trinkgeld würde ihm der Bauer auf dem Stoß ein Plätzchen gewähren. Doch es war nichts zu hören oder zu sehen. Ein wenig enttäuscht ging er seinen Weg und watete ln dem lockeren Schnee. ״Hu, wie kalt!“ dachte er. ״Wer jetzt zu Hause wäre und beim Ofen säße und sich den Rücken daran riebe!... Wenn ich erst den Wald hinter mir hätte, es wäre nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf, dann ein zweites und gleich zeigen sich die ersten Häuschen der Stadt. Wenn ntir dieser Schnee nicht wäre, in den ich jedesmal bis über die Knöchel versinke! Und keine Wegspur ist wahrzunehmen, es scheint fürchterlichen Sdineesturm in der Nacht gegeben zu haben, alles ist verweht. Und kalt ist’s, daß das Blut ln dm Adern stockt.,.,“ Reb Jekel schlug Im Gehen die Hände gegeneinander, um sich zu erwärmen. Die Füße schmerzten ihn vor Kälte, und es half nichts, daß die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte und nun begann, abwärts za rollen. Trotz der großen Erschöpfung verdoppelte er seine Schritte, um nur so bald als möglich den Wald zu erreichen. Der Frost wurde jede Minute stärker, bei Jedem Schritt ward die Schneedecke tiefer, und 4er Wald war fern. Jetzt fühlte Reb Jekel wahre Sehnsucht nach ihi», wie nach einem Zufluchtsort, denn nicht weit dahinter winkte das Heim mit seiner Wärme und seinem Frieden. ״Wo nur der Wald hingekommen sein mag?“ dachte w Ü Gele«. ״Nttr Eis und Schnee, so lange ich gehe. Die Äü entflieht, und wenn sie nicht da ist, gleicht die Wett einem Eiskeller. Das wäre nicht übel, wenn Ich mich verspäten würde; Geld habe ich bei nrir, eine, volle Tasche Kupfermünzen und eine Menge Sachen dazu. Soll Ich das etwa wegwCrfen?... Oder soll ich es bis ln die späte Sabbatnacht tragen? ... Hu, der Frost geht mir durch die Knochen, er krampft mir die Gedärme zusammen. Nur schnell vorwärts, Jekele, keine langen Pausen! Ja, wer nur schnei! f' .. "" ' . hilf mir, nur die Füße etwas leichter zu rühren 1 Warum aber nur der Schnee hier so tief und locker ist? Eine Straße muß doch ausgefahren sein. Anfangs war’« nicht so Oder ... hab’ ich mich gar verirrt?...“ Bei diesem Gedanken fuhr ihm ein lähmender Schreck durch die Glieder״ der ihm fast die Besinnung raubte. Kein Zweifel, er hatte sich verirrt und war feldein abgebogen. Plötzlich wurde ihm sehr heiß und seine Hände sanken herab und die Füße schienen ihm den Dienst versagen zu wollen. Der Schweiß stand ihm in großen, eingefrorenen Tropfen an der Stirne. Er hätte sich am liebsten in den Schnee hingestreckt, um auszuruhen, aber rechtzeitig erinnerte er sich an Aleksas Mahnung. Wie ein Lichtbild kam ihm der Gedanke, rückwärts seine eigenen Spuren zu verfolgen, bis er den Fahrweg gefunden. Inzwischen dämmerte es, Dunkelheit breitete sich über die Erde, und die weite, schimmernde Schneedecke nahm einen bläulichen Glanz an Der Himmel war heiter, hier und da funkelte schon ein einzelner Stern, und Reb Jekel rannte seinem Ziele zu, kaum atmend, jedesmal stolpernd und gepeitscht von dem Gedanken, daß jedes Ruhehalten den Tod bedeute. ״Oh Gott, hilf mir nur, den Weg zu finden! Soll ich denn hier sterben, in dieser frostigen Nacht, unter freiem Himmel?“ Er horchte nach allen Seiten, ob nicht Oott sich erbarmt und einen Retter gesandt habe. Aber ringsum war alles öde und abgestorben, nur einige verlassene Bäume starrten vielarmig und eingefroren wie Ge• spenster in die Dunkelheit. Plötzlich verloren sich die Abdrücke im Schnee und Reb Jekel fühlte, daß ihm das Herz stille stand Nun war alles zu Ende. Er war dem Umsinken nahe. Aber was war das? Er bückte sich und erblickte zwei tiefe, parallel laufende Furchen im Schnee, wie sie nur ein schwerer Schütte*

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