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Jüdische Rundschau · 1928-12-14 · Heft 99 (14.12.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 99 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 808 JUHDISCHE RUNDSCHAU Nr. 90, 14 XU 1928 Resolution der holländischen Wizo Holland. Ende Oktober dieses Jahres fand in Utrecht (Holland) die Zcntralversammlung des ״Jüdischen Frauen- Vereins für praktische Palästinaarbeit“, eines der neutralen Frauenvereine, welche mit der WiZÜ in der Palästinaarbeit zusanimengehen, statt, in dieser Versammlung berichtete Frau Dr. Polak-van Cleeff über die Council-Tagung in Berlin, der sie ais Abgeordnete des holländischen Vereins beigewohnt hatte. Die Anwesenden stimmten der von ihr geübten Kritik bei, und folgender Antrag wurde angenommen: Die Zentralversammlung des Jüdischen Frauenvereins für praktische Palästinaarbeit nimmt den Bericht des Council-Mitglieds über die Berliner Tagung zur Kenntnis. Die Zcntralversammlung ist der Meinung, daß die WIZO durch die Errichtung eines Councils in Palästina, welchem Frauen sehr verschiedener Richtungen und also auch mit sehr verschiedenartigen Arbeitsprogrammen angehören, Gefahr läuft, ihr produktiv-konstruktives Arbeitsprogramm aufzugeben, da der Council soziale Arbeit aufnehmen und der Arbeiterinnen- Organisation übermäßig viel Einfluß einräumen wird. Die Zcntralversammlung hält es für wünschenswert, daß die WIZO an ihrem ursprünglichen Programm festhält, ihren Instituten eine stärkere finanzielle Grundlage schafft und ohne hinreichende Sicherheiten keine neue Arbeit unternimmt. Die Zcntralversammlung erklärt sich gegen die Schaffung eines aus heterogenen Elementen bestehenden Councils in Palästina. Die Zcntralversammlung fordert die Bildung eines Reservefonds für die Schule in Nahalal und die Lehrfarm in Nes-Zionah. Die Zentralversammlung beschließt, diese Resolution zur Kenntnis der Exekutive der WIZO zu bringen und in ״De Joodsche Wächter“ und der ״Jüdischen Rundschau“ zu veröffentlichen. (Die Zcntralversammlung setzt sich zusammen aus dem Hauptvorstand und den Ortsgruppenvorständen.) Eia Erholnngshebn für Frauen Außer dem Boruchow-Sanatorium für Frauen und Kinder auf dem Karmel, das Mütter und Kinder zugleich aufnimmt und damit der Mutter die Möglichkeit gibt, selbst Pflege zu genießen, während das Kind gut versorgt ist (worüber in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits ausführlich berichtet wurde), wurde im letzten Jahre noch ein zweites Erholungsheim für Mädchen in Palästina begründet. Es ist in Bath Galim bei Haifa gelegen. Dem Heim wurden von der Zionistischen Exekutive die Räume des Einwandererheims, die zur Zeit nicht benutzt sind, zur Verfügung gestellt. Die Organisierung der Küche wurde an das Schulküchennetz der ״Hadassah“ angcschiossen. Die Vorsitzende des Schulküchenkomitees stellte die Haushälterin des Heims. Das Heim begann seine Arbeit im April mit 10 Betten und wurde im Juli auf 15 Betten vergrößert. Es sieht von ärztlicher Behandlung ab und begnügt sich mit einer ärztlichen Untersuchung der Pfleglinge beim Eintritt und einem zweiwöchentlichen Besuch des Chefarztes der Arbeiterkrankenkasse Haifa. Die Kosten für einen Rekonvaleszenten im Monat einschließlich der Gehälter zweier Angestellter sind 4 Pfund, ein im Verhältnis zu den anderen Erholungsheimen wie Mozah oder dem Karmel (die bedeutende Ausgaben für Aerzte und Schwestern haben) sehr niedriger Satz. In Bath Galim wurde der Versuch gemacht, Mädchen eine Erholung zu ewähren, die nur in Ruhe, Seebädern und gesunder Nahrung estand. Für die Ausgaben im Hause pro Kopf und Gast wurde ein Maximum festgesetzt, das niedriger war als gewöhnlieh. Dafür wurden alle Anstrengungen gemacht, um die Organisierung in der Küche und im Hause so gut durchzuf(ihren, das mit dem Minimum, das vorhanden war, gutes und ausreichendes Essen garantiert wurde. Die Mädchen verrichten einige nicht anstrengende Hausarbeiten und lernen zu gleicher Zeit, gesundes und leichtes Essen zuzubereiten. Die Resultate haben die Richtigkeit dieses Systems für Mädchen, die durch schwere Arbeit oder ungenügende Ernährung geschwächt sind, bewiesen. Nach dem Urteil des verantwortlichen Arztes werden die Mädchen wieder völlig arbeitsfähig. In Palästina, wo häufig nicht nur Krankheiten Mädchen und Frauen erholungsbedürftig machen, sondern auch die schwere Arbeit und ungenügendes Essen einen schädlichen Einfiufi ausüben, ist ein solches Erholungsheim, das Ruhe, Bäder und gutes Essen bietet, von großer Bedeutung. Einschränkung des Hadassah-Werkes Mit Rücksicht auf die Reduzierung des Budgets der medizinischen Organisation ״Hadassah“ in Palästina wurde eine Reihe von Aerzten, Krankenschwestern und Beamten entlassen und die Zahl der Betten im Hadassah-Hospital in Tel-Awivv um 20 vermindert. ״Frühling in Palästina" Der neue Kulturfilm des Keren Hajessod und Keren Kajemeth. Der Film ״Frühling in Palästina“, welcher uns Sonntag, den 9. Dezember, in Berlin im Mozartsaal vorgeführt wurde, war kein trockener Arbeitsbericht, sondern ein fließend stimmungsvolles Vorübergleiten lebendigster Bilder, Bilder der Geschichte, der Landschaft, der Tat. Er war durchpulst von plötzlich aufwallenden Akzenten einer starken Begeisterung, eines antithetisch prachtvoll formulierten Siegesbewußtseins, untermalt von chaluzischen Liedern und dem schweren, fließenden Honig arabischer Melodien. Nach den ersten Bildern, welche die armen, traurigen Palästinawüsten des vorzionistischen Zeitalters aufsteigen ließen, setzten mit hinreißender Plötzlichkeit Gegenwartsbilder, Frühlingsbilder, ein, dieselben Landschaften in ihrem heutigen Aussehen. Mandelbäume, Orangenplantagen von Petach Tikwah: Neues, trostvoll gesundetes Heimatland, gerettet und Rettung bietend. Heimatland in Blüte. Zweiter Akt: die alte Romantik des exotischen Judentums, Bucharen, Jemeniten, Sepharden. Die Erscheinungen dieser Urjuden in ihren malerischen Trachten, stilvollen Tänzen sind von stärkster, fast plakathafter Wirkung, beleben in einer direkten und sinnenhaften Weise das entblutete, abstrakt gewordene Nationalgefühl des europäischen Juden. Dann erscheint Tel-Awiw auf der Leinwand, Tel-Awiw von 1919 und das mit unheimlicher Schnelligkeit entstandene Tel-Awiw der Gegenwart. Die Kontrastwirkung peitscht einen spontanen Sturm des Beifalls hoch. 3. Akt: Unsere mutigen, arbeitsstarken Jüdinnen, doppelten Boden erkämpfend: das neue Land des Judentums und die neue Selbständigkeit, Arbeitsvollwertigkeit der Frau. Zwei Fortschritte in eins verschmolzen, doppeltes Rennen, doppeltes Hindernis im Galopp genommen. Junge Mädchen beim Straßenbau. Das Hotel in Tel-Awiw und die Landwirtschaftsschule in Nahalal, die Musterleistung der Wizo. Dazu die köstliche Welt des Palästinakindes. Es sind arbeitsschwere und stolze Bilder. ln der Pause spricht Kurt Blutnenfeld ein paar starke Worte. Er hebt den Extrakt des Films hervor: Eroberung des Landes durch Arbeit, Verschmelzung der Eigenart des jüdisehen Menschen mit der Eigenart des palästinensischen Bodens. Ein Volk hätte nur dann ein Recht auf ein Land, wenn es in diesem Lande Produktives leisten könne. Das stärkste Recht sei das Recht der Wirklichkeit. Richtig verstanden, bedeute jedes dieser Bilder eine Aufgabe für uns. Es folgt der zweite Teil des Films, wechselvoll schöne Landschaften des Jordantales, interessante Beduinenszenen. Sodann setzt der Höhepunkt der Vorführung ein: Es erscheinen historische Rückblicke, Ausgrabungsbilder, Ruinen der Römerzeit und dann — blitzartig, man hatte eben noch die hochmutig schönen Säulen einst erlittener Tyrannenherrschaft vor Augen, erscheint eine mächtige Maschine, im Rhythmus modernster Technik bewegt, Helferin der neuen Zeit, des neuen Judentums: Das Ruthenbergsche Elektrizitätswerk. Der Beifall rast. Das war die große propagandistische Tat des Films. Er gab der ewig zweifelnden, ewig selbstkritischen jüdischen Seele Selbstbewußtsein, Siegesbewußtsein. Er sagte in seiner effektvollen Bildersprache, der Bildersprache des 20. Jahrhunderts: Du kannst etwas leisten und Du mußt etwas leisten. Sein Schlußbild brachte den Hafen von Haifa, wichtigsten Zukunftsfaktor Palästinas, wie Kurt Blumenfeld ihn nannte, auch dieses Bild freudebetont durch den neuesten zionistischen Erfolg, die Erwerbung des Haifa Bay-Territoriums. Volle Anerkennung verdienen die Schöpfer des neuen Palästinafiims: Dr. Hans Kohn, Regisseur I. Oal-Eser, Kapellmeister M. Lampel, dessen glücklich aus jüdischen und arabischen Motiven zusammengestellte Begleitmusik die nationalbegeisterte Stimmung steigerte, und Willy Prager, der bekannte Regisseur des Ufa-Films ״Wege zur Kraft und Schönheit“, welchem die ausgezeichnete Endbearbeitung des Palästinafiims zu verdanken ist und welchem Dr. Ernst Mechner als zionistischer Berater zur Seite stand. Von Dr. Mechner stammen auch die antithetisch formulierten, hinreißend Effektvollen Titeleinfälle. Zusammenfassend ist zu sagen: der neue Film war eine propagandistische Leistung von unerhörter Wirkung, faszinierender Stimmung, vollendetem Erfolg. Klara Blum. Im ״Allgemeinen Statistischen Archiv", dem Organ der Deutschen Statistischen Gesellschaft (Verlag Gustav Fischer in Jena), erschien ein instruktiver Aufsatz von Dr. Alfred Bonne (Jerusalem) ״DerEinflußderEin Wanderung auf die Lebensmittelpreise in Palästina“, der sehr interessantes Material enthält und über das behandelte Spezialproblem hinau9 die Bedeutung der jüdischen Einwanderung für die Umgestaltung der Wirtschaftsverhältnisse in Palästina aufzeigt. Pal&siin&-Jfugendfahri 1928 (Von einem Teilnehmer.) Die Teilnehmer der vom ״Palesiine Lloyd“ veranstalteten Jugendfahrt — über 50 Personen beiderlei Geschlechts — trafen sich in Straßburg. Dort wurde uns von der zionistischen Jugend Straßburgs ein herzlicher Empfang bereitet und die Schönheiten dieser alten Stadt, besonders das Münster, gezeigt. Von Straßburg aus ging die Reise nach Marseille, wo uns der ״Commissaire R a m eI", ein französisches Schiff, aufnahm. Die Verpflegung sowie die hygienischen Verhältnisse aut dem Schiff ließen in den ersten Tagen recht zu wünschen übrig; aber gemeinsames Leid bindet, und so war trotzdem immer gute Stimmung vorhanden. Unterwegs wurden uns von mitreisenden Zionisten Informative Vorträge gehalten und durch eifriges Hebräischlernen — cs gab sogar einen Chug-hvri an Bord — war man so auf das Kommende eingestellt, daß man es kaum mehr erwarten konnte, endlich in Palästina zu sein. Nachdem wir alle Freuden und Leiden der Ausbootung ausgekostet hatten — von der Quarantäne blieben wir glücklicherweise verschont —, stiegen wir in die bereitstehenden Autobusse und fuhren auf schöner Auto-Chaussee nach Mikwch Israel und Kiriat-Anawim. Es wurde dort kurz Halt gemacht, und zum ersten Male hatten wir Gelegenheit, etwas von palästinensischer Landwirtschaft und Aufforstung kennenzulernen. Die folgen Jen drei Tage wurden unter guter Führung zur Besichtigung Jerusalems, sowohl seiner historischen Stätten als auch seiner neuen jüdischen Viertel, schön ausgenützt. Es war außerordentlich interessant, die Judenheit Jerusalems an einem Feiertage kenoenzulernen — es war gerade Simchat-Torah —. und so 00t uns Jerusalem ein prächtiges buntes Bild. Abends war Gelegenheit, mit Freunden und Bekannten zusammen zu sein — fast jeder eittze'ne hat ja heute schon Bekannte in Palästina —und man unterhielt sich bis tief in die Nacht hinein. Von der Zionistischen Exekutive, dem K. H. und dem K. K. L. wurde die Jugendfahrt offiziell empfangen, und der Abend verlief unter dem Präsidium von Miß Szold im Beisein vieler deutscher Zionisten aus Jerusalem sehr anregend. Die Universität und die neue, fast fertige Natlonalbibüothek wurden eingehend besichtigt und mit einem Abstecher nach Jericho und dem Toten Meere waren die schönen Jerusalemer Tage beendet. Unser Hauptinteresse konzentrierte sich naturgemäß auf das E m c k. In jeder Siedlung bildeten sich Gruppen von Fachleuten: die Handwerker gingen zu den Werkstätten, die Lehrerinnen zu den Kindern usw. Die uns ais Führer dienenden Siedler gaben auf alle Fragen bereitwilligst Auskunft, und man kann sich denken, wie sie damit bestürmt wurden. Leider war die Zeit zu knapp, um das Leben in den Kwuzoth und Moschawim genauer kennenzulernen, wie überhaupt ein Nachteil der Fahrt in dem Tempo lag. Bei der beschränkten Zeit aber, die uns zur Verfügung stand, mußten wir uns damit abfinden. Wer sich als Hebraist ln den Siedlungen verständigen konnte, war gewissermaßen im Vorteil, denn der Kontakt war dadurch leichter hergestellt. Es war überhaupt ein erfreuliches Zeichen der Jugendfahrt, daß ein großer Teil sich gut hebräisch verständigen konnte. Die Anlagen und Arbeiten des Elektrizitätswerkes von Ruthenberg hinterließen einen besonders starken Eindruck, ln der wundervollen Landschaft — auf der einen Seite der Jordan und das Judäische Gebirge, auf der anderen Transjordanien — wird hier ein ungeheures Werk jüdischer Arbeit geschaffen, das uns mit Stolz erfüllte. Von Tlberias aus, landschaftlich wohl der schönste Teil der Fahrt, fuhren wir über Safed und Akko nach Haifa, tn der Stadt sahen wir das Technikum, die Realschule und die Seifenfabrik Shetnen. Ein Vormittag führte uns nach Nahalal und in das westliche Emek, und es war genügend Gelegenheit, die Schönheiten Haifas und des Karmels aut Wanderungen kennenzulernen. Der letzte Teil der Strecke wurde mit der Bahn von Haifa nach Tel-Awiw zurückgelegt. Die ״Ivriah“ veranstaltete uns zu Ehren einen Nachmittagstee, bei dem der Bürgermeister von Tel-Awiw uns in einer Ansprache auf Hebräisch von der Stadt, ihrer Vergangenheit und Zukunft erzählte. In Tel-Awiw war jedem einzelnen die Möglichkeit gegeben, sich nach Belieben umzutun, und es ist wohl selbstverständlich, daß gerade diese Stadt mit ihren Eigenheiten bei allen Teilnehmern den stärktsten Eindruck hinterließ. Von Tel-Awiw aus besuchten wir die alten Kolonien von Judäa und hatten als schönen Abschluß einen längeren Aufenthalt in dem ״Kinderdorf‘‘ Ben-Schemen. Allzu schnell waren die vierzehn Tage vergangen, und wir mußten wieder heim. Ueber Kairo, Alexandrien, Athen und Belgrad ging die Reise zurück. Zusammenfassend rechtfertigt das befriedigende Ergebnis durchaus öftere Wiederholungen einer Jugendfahrt, wobei man natürlich manche technische Mängel abstellen kann und muß. Eine immer stärkere Verbundenheit gerade der Jugend mit Palästina ist außerordentlich zu begrüßen, und wird durch solche Reisen und die im Anschluß daran stattfindenden Berichte und Vorträge stark gefördert. Mit dem Ergebnis der Fahrt darf man zufrieden sein. Walter Spiegel. der Weg war lang, mehr als drei Meilen; man hatte endlose Felder und Wiesen zu passieren, auch an einem Wald kam man eine Strecke lang vorbei. Als Reb Jekel an den Wald dachte, überlief es ihn ein bißchen kalt. Dort seilten nämlieh, wie man sich erzählte, Wölfe hausen, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen, das taten sie nur bei Nacht, bei Tag war keine Gefahr, auch konnte man dort gerade Holzfuhren beegnen, die für wenige Kreuzer einen gern nach der Stadt rächten. Aber gegen die Kälte müßte man sich in der Tat schützen. Reb Jekel betrachtete die Fensterscheiben, an efcmcn üppige Eisblumen blühten, und zog seine drei alte» Westen, eine über die andere, an. Dann wickelte er sich noch einen fadenscheinigen Schal um die Brust und band sich ein Wo’ltuch um den Hals. Mit Aieksas Strohflechten in den Stiefeln konnte er sich in den Frost hinauswagen. So ausgerüstet, zählte er nochmals die fünf Gulden Honorar, die ihm der Hausherr eingehändigt hatte, durchlief in Gedanken die vielen Aufträge der Wirtin und, eine Melodie summend, küßte er die Mesusah und machte sich auf den Weg. Ara Tore standen der Hausherr und seine dicke Frau. ״Guten Sabbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Jekel. Der Hausherr brummte sein ״Hm, hm!“ und die Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: ״Daß Ihr mir nicht vergeßt, Sonntag, Schlag zwölf, zurück zu sein. Die Jungens können doch nicht den ganzen lieben Tag müßig umherspringen. Und vergeßt auch nicht, Hefe mitzubringen, und Nadeln und Papier und Seife und Oei und Kaffee und alles übrige. Geld habe ich Euch ja mitgegeben.“ Reb Jekel suchte das Weite. Doch bald ereilte ihn Aleksa, der ihm nachlief, um ihm noch einige gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Da der Schnee alle Spuren verweht hatte, so empfahl es sich, die Hauptstraße einzuhalten und keine Seitenwege aufzusuchen, um etwas rascher zum Ziele zu kommen. Gegen das Erstarren der Finger oder der Nase wäre das beste Mittel, sie mit einer Handvoll Schnee kräftig einzureiben; aber sitzen bleiben, um auszuruhen, dürfe inan keinesfalls, und wenn der Schweiß in Scheffeln vom Körper mm, denn es wäre der sichere Tod. ״Paßt gut auf, Paule Jekel, und Gott geleite Euch!“ Der Bauer nickte, freundlich grüßend, mit dem Kopfe und kehrte um. Reb Jekel verschwand an der Biegung der Straße, wo ihn bald die schnecbedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und drückte wie eine schwere Last auf die Erde, welche mit einer dünnen Glaskruste überzogen schien; überall funkelte und glitzerte der Schnee von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe am Himmelsrande hing und leuchtete, ohne zu wärmen. Bei jedem Schritt ließ sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, und wenn Reb Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reif auf den Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da er Langeweile verspürte, ließ er die Gedanken vorauseilen und gedachte seiner Frau, die ihn erwartet und nun emsig schaffte, um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Woher nur die Arme das Geld dazu genommen haben mag? Ohne Zweifel hat sie die Messingleuchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihn die Sabbatlichter, in zwei großen, ausgehöhlten Kartoffeln steckend begrüßen. Doch was tut das? Er sah das kleine Stübchen deutlich vor Augen, in welchem etwas Poetisches, etwas Festlich-Freudiges jeden Winkel erfüll e. Er sÜmmt ein Lied an, während auf der Tafel die Fische dampfen.... Denn die Fische hat sie gewiß besorgt, die kleine, gute Frau, Wer auf der ganzen Weit versteht es denn auch so Fische zu bereiten wie sie? Sie haben einen Duft und einen Geschmack..., Na!... Hier begann ihm der Mund zu wässern und der leere Magen knurrte ein wenig. Reb Jekel schämte sich, jetzt so ohne weiteres ans Essen zu denken, und bemühte sich, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er malte sich aus, wie er nach dem Abendessen an den Tisch des Rabbi gehen würde. Alle machen ihm Platz. Er erhält einen Sitz zur Rechten des Zaddik, eine herzliche Begrüßung fo'gt und dann beginnt die ״Thora“*). Alle halten den Atem an und lauschen, indem die hinteren Reihen an den Schultern ihrer Vordermänner liegen. Man klettert auf die Bänke, in die Fensternischen, aber nur wenige bekommen etwas zu hören, denn der Raum ist weit und die Men,schenzahl groß. Reb Jekel aber verliert kein Wort. Dann iöst sich die Spannung ein wenig und der Rabbi sagt scherzend: *) Moralisch-homiletische Tischrede des Rabbi. ״Reb Jekele, es ist eigentlich unrecht von mir, daß ich dich Lecho-Daudi singen lasse.“ Hier streichelt er ihm die Wange. ״Wenn ich nachher zu beten beginne, kann ich die Gedanken nicht Zusammenhalten. Sogleich kommen deine Triller und hupfein und tanzen mir im Kopfe herum, daß ich keine zwei Worte zusammenbringe.“ Reb Jekel lächelt etwas verlegen und der Rabbi legt ihm die Hand auf die Schultern und fährt fort: ״Aber was soll ich sündiger Mensch tun? ich muß deinen Lecho-Daudi hören. Es tut mir wohl, und ich fahle, daß bei deinem Gesänge mir die Neschama Jessera**) kommt. Ja, ja.“ Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend auf Reb Jekcfs Haupt, dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während die anderen ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehen. Ja, wer auch so singen könnte! Aber singen, das kann nur Reb Jekel allein. Wohl hat man schon viele Chasonim in der Welt gehört. Doch keinem war in dem Maße die Gabe zuteil, die Seelen zu rühren. ״Wisset ihr, meine Lieben,“ nimmt der Rabbi nach einer Pause wieder das Wort, ״mein Großvater, der im Himmel weilt, pflegte zu erzählen....“ Hier senkte er etwas die Stimme und beginnt von jenem berühmten Chassid zu erzählen, der so wunderbar sang, daß kein Mensch ihm widerstehen konnte. Einmal verirrte er sich im wilden Wald, er wandert« und wandert« und konnte keinen Ausweg finden. Räuber überfielen ihn, srh’ugen ihn in Fesseln und wetzten schon die Messer, um ihm den Garaus zu machen. Da besann er sich, daß es Freit-!״ abends war, und er wollte nicht ohne (lebet aus dieser Welt scheiden. Und er flehte die Mörder an, ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen, um mir das Sabbatgebet verrichten zu können. Und er begann zu singen und sin׳? ohne A:׳fh.%. denn sein Herz war sehr bewegt. Ri־, die Banditen, überwältigt und zerknirscht, sich ihm zu Füßen warfen und um Verzeihung baten. Sie bereuten ihre Sunden, taten Buße und wurden fromme Leute. (Schluß folgt.) **) Die ״höhere Seele“, die dem Volksglauben gemäßden ganzen Sabbattag lang im Herzen des Menschen wohnt

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