Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 99 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 99, 14. XII 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 697 Frauen-Arbeii Zum Empfang von Fran Vera Weizmann Die drei Tage, die Frau Vera Weizmann in ihrer Eigen- Schaft als Mitglied der Londoner Exekutive der Wizo in Berlin verbringen wird, werden von Veranstaltungen der Frauen- Arbeitsgemeinschaft für Palästina voll ausgefüllt sein. Außer den bereits angezeigten Empfängen bei Frau Siegfried Hirsch für die Bezirksgruppe Grunewald am Montag, dem 17., und bei Frau Direktor Wassermann am Nachmittag des 18. Dezember wird auch ein Tee-Nachmittag für die engeren Mitarbeiterinnen der ״Fap“ am Mittwoch, dem 19. Dezember, nachmittags, von Frau Direktor Kareski veranstaltet, bei dem eine eingehende Aussprache über die Arbeit der Wizo im Auslande und in Berlin stattfinden wird. Vorbildliche Chaimkkah-Vorbereitung Wieder einmal die Hadassah. Diesmal ihr kultureller Arbeitsausschuß. Er steht unter der Leitung der in Palästina geborenen und in Amerika graduierten Doktorin der Philosaphie, der jungen Frau Nima Adlerblum. Neben ihrer bedeutenden wissenschaftlichen Tätigkeit, die zuletzt ein bemerkenswertes Buch über den jüdischen Philosophen des Mittelalters Gersonides hervorgebracht hat, konzentriert sie sich mit ernster Hingabe auf die Ausgestaltung der Kulturarbeit der Hadassah. Ein ganzer Stab von Akademikerinnen stellt ihr zur Seite, mit dessen Hilfe Vortragsdispositionen, Artikclmaterial, Bibliographien über verschiedene jüdische Themata und Veranstaltungsprogramme ausgearbeitet und an die mehrere hundert Hadassaligruppen in der Provinz ausgesandt werden. Auf diese Weise wird auch den kleinsten Provinzgruppen der Hadassah, die nicht über Rednerinnen oder geistige Führerinnen verfügen, ein kulturelles Leben ermöglicht und eine immer wechselnde Fülle von Anregungen vermittelt. Folgendermaßen sieht z. B. das Chanukkah-Rundschreiben des kulturellen Arbeitsausschusses aus: Beginn und Endeder Chanukkah-Feie.rtage werden zunächst angegeben — eine wichtige und notwendige Mitteilung für amerikanisch-jüdische Frauenkreise, in denen der jüdische Festkalender sich unter dem Einfluß der jüdischen Renaissance langsam erst wieder einbürgert. Der Sinn des historischen Ereignisses, das das Chantikkahfest verewigt, und seine symbolische Bedeutung für unsere Tage wird dargelegt: wie die Makkabäerkämpfe die jüdische Phantasie dauernd gefangen nehmen, weil sie nicht ein Krieg militaristischer Art, nicht ein Krieg um politische Vorteile waren, sondern ein Heldenkampf um ein hohes sittliches Ideal, um die Behauptung der strengen, eindeutigen jüdischen Ethik gegenüber der laxen, nach beiden Seiten hinkenden der riechischen Welt; wie der Sieg der kleinen Minderheit über iesenarmeen von Gegnern beweist, daß nicht die Zahl, sondern der Geist ausschlaggebend ist bei Lebensentscheidungen eines Volkes, und wie die Analogie mit der heutigen Lage des Judentums auf der Hand liegt. Musterprogramoe für Chanukkab-Veranstaltungen folgen: Angaben zu Vorlesungen aus der Bibel (das Kapitel über die Einweihung des salomonischen Tempels «pus dem Buch der Könige, Absch. 8; aus den Makkabäerbüchern die Kapitel 1 bis 7 und 3 bis 10), Empfehlungen für Rezitationen (die jüdischen Gedichtssammlungen in englischer Sprache von j. Fnedländer, E. Cohen und S. Raskin) und literarische Lektüre (die Chanukkaherzählungen von Perez und Scholem Alechem), Themata für Diskussionen, wie sie in Amerika als Redesport sehr beliebt geworden sind (Wie können wir nach dem Beispiel der Makkabaer die Assimilation bekämpfen — Was kann die jüdische Jugend von heute tun, die den Makkabäergeist in sich lebendig werden fühlt? — Weihnachtsfestlichkeiten in den öffentlichen Schulen und die jüdischen Kinder — Steht die traditionelle Begehung des Chanukkahfestes im Einklang mit seinem wahren Gehalt? — Hätte der Talmud geschrieben werden können, wenn die Makkabäer im Kampf gegen den Hellenismus unterlegen wären? u. a. m.). Anregungen für Gesellschaftsspiele, wie sie bei geselligen Zusammenkünften von Alt und Jung in Amerika sehr gern gepflegt werden (Ein Frage- und Antwortspiel über Dinge und Gedanken, die sich auf Chanukkah beziehen, und bei dem die Fragesteller und Antwortgeber nichts voneinander ■wissen — Eine Chrnnkkahgeichichte, die von einem aus der Gesellschaft begonnen und von allen weitergesponnen wird u. ä.). Der Schluß des Rundschreibens bringt Theodor Herzls Aufsatz ״Menorah". Ein dem Judentum Entfremdeter holt die Menorah wieder hervor, vor der er mit seinen Kindern in den acht Chanukkahtagen immer tiefer in die Symbolik des Lichterfestes und die Makkabäertradition eindringt und vor der er schließlich an sich selbst die heilige Entflammung zu neuem nationalen Idealismus erlebt, und die Ekstase, ein Diener am Licht zu sein. Dr. N ad j a S t e i n. Organisation der palästinensischen Frauen In Nr. 89 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichte Dr. Nadja Stein einen Aufsatz ״Das Organisationsjahr der Frau“. Für uns palästinensische Frauen ist es ungemein erfreulich, wenn wir von so schönen Fortschritten der Frauenarbeit in anderen Ländern hören. Vor uns hier stehen Aufgaben von solcher Größe und Schwere, daß wir den Mut zu ihrer Erfüllung nur dann finden, wenn wir fühlen, daß wir mit den jüdischen Frauen der ganzen Welt in unseren Bemühungen und Bestrebungen verbunden sind. Es wird vielleicht anspornend auf die europäischen Frauen wirken, wenn sie hören, daß in der letzten Zeit die Frauenarbeit auch in Palästina erhebliche Fortschritte gemacht hat. Frauenarbeit in Palästina verfolgt, ebenso wie anderwärts, zwei Ziele, die Erziehung der Frauenwelt zum Verständnis und zur Unterstützung des Aufbauwerkes einerseits, und andererseits die Schaffung von Instituten, die direkt oder indirekt diesem Aufbauwerk dienen. Die erste Aufgabe, die allgemein erzieherische und organisatorische, hat sich seit Jahren die große palästinensische Frauenorganisation ״Histadruth Naschim-Ibrioth“ gestellt. Daß der Gedanke der Organisation unter den palästinensischen Frauen immer mehr durchdringt, zeigt sich am deutlichsten darin, daß die bestehenden Ortsgruppen ständig wachsen und immer neue hinzukommen. So hat sich kürzlich ein so entlegener Ort wie Hebron, in den alle modernen Gesellschaftsformen erst spät eindringen, an die Zentralleitung der ״Histadrulh Naschim-Ibrioth“ mit dem Ersuchen gewandt, bei der Gründung einer Ortsgruppe behilflich zu sein. Es ist die zwölfte Ortsgruppe dieser Frauengesellschaft. Einen ganz erheblichen Schritt zur Organisierung der palästinensischcn Frauen hat man durch die Gründung des Spitzen verbandes ״Moazath-ha-Irgunim scltel Nesche Erez-lsrael“ gemacht. Die Moazah besteht nunmehr seit einem Jahr, und wenn auch begreiflicherweise in den ersten Monaten nicht viel anderes geschehen konnte, als zwischen den einzelnen Vereinen eine Brücke hcrzustellen, so spricht es doch für die Notwendigkeit und die bisherige Arbeitsweise der Moazah, daß auch von den Vereinen, die ursprünglich mit halbem Herzen und eigentlich nur versuchsweise der Moazah beigetreten sind, jeder einzige ihr treu geblieben ist. Die Leitung der Moazah befindet sich zur Zeit in Jerusalem und wird ihr ganzes Bestreben darauf richten, ihre Sammlung von Material über Frauenarbeit und allgemeine soziale Arbeit im Lande so auszubauen, daß sie damit nicht nur den Frauen in Palästina, sondern aued! denen im Auslande möglichst reichliehe und zuverlässige Informationen liefern kann. In bezug auf die praktische Arbeit ist es der Moazah zu einer Stärkung und Ermutigung geworden, daß ihr vom Beginn ihres Bestehens ab Frauenorganisationen in Deutschland und Interessenten in anderen Ländern Mittel hierfür anvertrauten. Die der Moazah angeschlossenen Gesellschaften haben diese Fonds in erster Linie für die Einrichtung und Aufrechterhaltung der Kindergärten verwandt, die der Waad-ha-Chinuch ln seiner jetzigen schwierigen Lage von seinem Programm absetzen mußte, obwohl ihm die erzieherischen und sozialen Werte der Kindergärten durchaus bewußt sind. Die Moazah bereitet jetzt eine Konferenz aller an der Waisenfrage interessierten Stellen des Landes vor, welche wichtiges Material über diese brennend gewordene palästinensische Frage beschaffen soll. Auch in den übrigen Zweigen der Frauenarbeit ist allenthalben Aufstieg und Ausdehnung festzustellen. Die Histadruth Naschim Ibrioth konnte ihre Institute, das Säuglingsheim in Jerusalem, die Tageskrippe in Tel-Awiw, die Miichversorgung und Schwangerenfürsorge in allen Städten, ihre hebräischen und Näh-Kurse und sonstigen Arbeiten nicht nur über die schwersten Zeiten hinwegbringen, sondern auch festigen und ausdehnen. Die Arbeitsstube ״Schani“, die Settlements im Jerusalemer Viertel Schimon-ha-Zaddik und in Haifa haben sich zu wichtigen Instituten entwickelt. Die Frauenzeitschrift ״Ha־ischa“, die jetzt in das dritte Jahr ihres Erscheinens eingetreten ist, hat einen ganz bestimmten Charakter angenommen und wird mit den jetzt von ihr geplanten Soezialnummern — in zwei bis drei Wochen erscheint eine Spezialnummer über Jugendfürsorge, die Informationen über alle Zweige der Arbeit auf diesem Gebiete in Palästina enthalten soll — in- und ausländischen Lesern viel wichtiges Material geben können. Auch die anderen Frauenvereine des Landes sind eifrig bei der Arbeit; unter anderen Arbeiten sei auf das schöne Sommerlager Haifaer Schulkinder hingewiesen, das die Ge- Seilschaft Lemaan-ha-Je!ed auf dem Karmel eingerichtet hatte. Nicht erwähnt kann hier die Arbeit der ,,Moazath-ha- Poaloth“ werden, deren ungemein wichtige Bestrebungen nicht ausschließlich zum Gebiet der Frauenarbeit gehören. Auch die Arbeit von palästinensischen Exposiiuren ausländischer Organisationen, wie die Wizo, kann hier nicht mehr als genannt werden. Beide Gruppen von Fraucnbestrebungen, die in Palästina und die im Auslande, ergänzen einander und werden um so fruchtbarer sein, je mehr sie in inneren Beziehungen zueinander stehen. Helene Hanna Thon. Veranstaltungen Bcuthen. Sämtliche Frniionorganisnlionen i» Betilhen, wie der ״Israel. Fraucnverem“, der ,.Israel. Jungfratienverem“, .,Schwesternhund der M.inirl.-I.-.c■• ״Zionist, Fraticmgr.“ und d״r ,,Verband jüd, Frauen für Kultur,•irlieit in Palästina“, schlossen sich zusammen und luden die jüdische Bevölkern;!״ für den 9. Dezember zu einem ״Tag der jüdischen Frau für das jüdische Kind in Pa- 1 ii s t i n a". Die Initiative hierzu gaben und die Arbeit sowie die Spcnden usw. leisteten fast ausschließlich die zionistischen Frauen. Auch der Besuch der Veranstaltung von seiten der nichtzionistischen Mitglieder der einladenden Vereine ließ viel zu wünschen übrig. Es war jedoch das erstemal, daß eine derartige Veranstaltung zustande kam. Zusammenfassend gesagt, war es ein gelunzener Auftakt für künftige gemeinsame Arbeit für Erez-lsrael. Die Veranstaltung selbst zerfiel in drei Teile. Vormittag, Nachmittag und am Abend wurden gut arrangierte Programme dargnboten. Am Abend sprach, nachdem Kantor A. Przysuchcr die Lichter gezündet hatte, Frau Goldschmidt-Beuthen einen selbstverfaßten Prolog, der in einen Appell an alle jüdischen Frauen, das jüdische Kind in Palästina zu unterstützen, ausklang. Alsdann hielt Herr Arnold Wiener die Festredo, in dar or uns ein glänzendes Bild eines Chanukkahtagos der jüdischen Schuljugend in Tel- Awiw vorzauborte. Den künstlerischen Höhepunkt de» Abends bildeten zwei jüdische Lieder, gesungen von Kantor A. Przysucher. Stürmischer, nicht endemvo'lender Beifall lohnte dem Künstler. Lebhaften Applaus erregten auch Lieder, gesungen von Frau Dr. Kaatzllindenburg. Noch erwähnt seien der Erntetanz der IXimcn-Abteilung des Sportklub ״lIakoah"־Bcuthen, sowie die glänzenden turnerischen Vorführungen der I. Mhnnerriege desselben Sportvereins. Sowohl zum materiellen wie aurh zum moralischen Erfolg dieses Abends kami man den vereinigten jüdischen Frauen Beuthons zum Zwecke der Förderung des jüdischen Kindes in Palästina gratulieren. Sahaw, Köln. Frau Lenkavon Koerber hielt ira Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina und der Schwesternvereinigung der Rheinland- und Moriahloge sowie der Kölner Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes einen Vortrag über die Frauenkistungen in Palästina. Nach einer fünfwöchigen Studienreise durch Palästina und ausschließlicher Beschäftigung mit dem Leben der altorientalischen Frauen und der modernen zionistischen Frauenarbeit zeigte die Rednerin, wie neuartig und ungemein wertvoll die Aufbauarbeit der Zionistinnen ist. Voll ermessen und gewürdigt werden können diese Leistungen für die Judenheit und für alle selbständig schaffenden Frauen der Welt aber nur dann, wenn man das altorientalische Leben in seinem Rhythmus einerseits und seiner kulturellen Begrenzung andererseits neben dem modernen Gestaltungswilien der europäisch-jüdischen Frauen auf sich wirken läßt. Viele charakteristische Lichtbilder verdeutlichten die Darstellung der Referentin, die für ihre interessanten Ausführungen den lebhaftesten Beifall der zahlreichen Zuhörerschaft erntete. Eine neue Arbeiterinnenwirtschait ln Kürze wird in Jerusalem eine neue landwirtschaftliche Siedlung für Arbeiterinnen errichtet werden. Der Boden hierfür im Umfange von 50 Dunam wurde bereits durch den Keren Kajemeth seitwärts von der Vorstadt Talpioth in der Nähe des Grundstückes, das für den Regierungspalast bestimmt ist, erworben. Mit den ersten Arbeiten für die Anlage der Siedlung ist bereits begonnen worden. Die Wirtschaft wird anfangs etwa 25 Arbeiterinnen umfassen. (Ziko.) Auf Sabbat Chanukkah Eine Skizze aus dem Leben der Chassidim. Von Bin jamin Segel. ״Komm’, o Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat laß’ uns empfangen!“ Dieses Verslein trällerte Reh Jekel Melammed leise vor sich hin, während er vergnügt in der niederen Stube auf und ab ging und seinen Gebetmantel zusammenfaltete. Oben an der Wand qualmte die Lampe und erhellte nur schwach den Raum; durch die Fenster drang der blaue Schein des erwachenden Wintertages. Draußen mußte ein grimmiger Frost se:n, denn die Scheiben waren von einer dicken Eiskruste überzogen, aber im Herzen Reb Jekels herrschte eitel Freude und Wärme. Denn heute sollte er sie alle auf zwei, drei Tage loswerden, nämlich seine Schüler, die vier Holzklötze, welche ihn um seine Lunge brachten, wenn er ihnen den Wochenabschnitt aus der Bibel erklären sollte, und ihren Vater, den bnitnnrgen, verbauerten Schankwirt, der jeden Gruß nur mit einem ״Hm! hm!“ beantwortete und seine dicke Ehcliä fte, die ewig keifende und fluchende Hausfrau. Reb Jekel fühlte sich hier wie in der Hölle, aber es war offenbar Gottes Wille, daß er in diesem entlegenen Dorfe, in dieser Einöde, unter ungeschlach'en und rohen Menschen noch einen Winter hindurch das neinvolle Dasein eines Hauslehrers fristen sollte. Und Reb Jekel murrte nicht. Doch jetzt, da er auf den Sabbat Chanukkah nach Hau־e sollte, war er freudig erregt, wie wenn ihm ein großes Glück bevorstiinde. Was war das aber auch herrlich, einen Sabbat, und erst einen solchen, daheim bei den Seinigen zu verleben! Man mußte, wie er, zwei Monate in der Fremde, י ו dieser Umgebung verlebt haben, um dies fühlen zu können. Darum drängten sich ihm die zwei fröhlichen Verse des Sabbatliedes auf die Lippen, und auch noch viele andere Verse und Melodien, die er aber hcrunterschlucken muß'e, denn d־r Hausherr liebte nicht, daß man sang. Dafür wollte er sich schon heute abends schadlos halten. Daß er und ke'n anderer beim Abendgottesdienst in der dicht gefüllten, lichtstnhlcnden Synagoge das Lecho-Daudi*) singen werde, stand fest. Sobald *) Die erwähnte Sabbathymne. man nämlich zu dieser Stelle kam, hielt der Vorbeter gewohnlich inne und der Rabbi, in einem Winkel a!n äußersten Ende der Ostwand, wendete sein schneeiges Haupt und rief über die Versammelten hinweg: ״Reb Jekel! Ist Reb Jekel nicht da?“ Und wenn Reb Jekel da war, mußte er hinauf und das Lied vortragen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er sich zum Almemor hindurchdrängle, besonders an einem ״guten“ Sabbat, wie der von Chanukkah, da Chassidim aus allen Weltgegenden zum Rabbi kamen und die Synagoge voll war, daß keine Stecknadel zur Erde fallen konnte, bas murmelte und raunte und rauschte wie ein vom Winde bewegter Waid. ,.Wer ist das?“ ״Wer ist das?“ ״Ach, Reb Jekel wird Lecho- Daudi singen!“ bann stimmte er das prächtige Lied an, und die Leute wurden still, daß keiner Atem zu holen wagte. Zuerst sang er leise, gleichsam zagend und unsicher, denn Reb Jekel war schüchtern, und wenn er fühlte, daß alle diese unzähligen Augenpaare auf ihn gerichtet waren, wurde er vollends befangen. Allmählich aber riß ihn der Strom des eigenen Gesanges fort, er vergaß alles ringsum und aus der Kehle drangen ihm die Töne in mächtigen Wollen, bald sanft und kosend, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rabbi schloß gleich die Augen, um besser hören zu können; durch die Menge lief ein Flüstern: ״Ah, ah!“ Nach einer jeden der ersten paar Strophen fielen sie mit fürchterlichem Getöse ein, daß man meinen konnte, die Wände würden einstürzen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sic wie durch einen Zauber zu bannen; manche beugten sich mit gespitzten Ohren vornüber, andere seufzten vor Wonne oder stießen einzelne verzückte Laute hervor, wieder andere ließen die Köpfe sinken, wie träumend oder als hätte der Singer sie in ferne, unbekannte Welten entführt. Da waren besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine war wehmütig, schmelzend und weich wie die Trostworte einer Mutter; die andere tönte kraftvoll und munter, jauchzend wie ein Jubel- und Weckruf. Bis der letzte Ton verklang und Reb Jekel wie aus einem Zauberschlaf erwachte. Während er auf seinen Platz zwischen Tür und Ofen zurückkehrtc, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen, man zauste und zupfte ihn: ״Oj, oj, Reb Jekel, ach!“ Öder: ״Na, na, Reb Jekel, war das aber ein Singen!“ ... Ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen bei diesen Erinnerungen, und er überlegte eben, welche Melodie für diesen Abend die passendste wäre, ob die vom ״großen Zaddik“ in tiefen schwellenden Akkorden komponierte oder jene von Jerucham, die leicht und hüpfend war, als Aleksa, der Knecht, eintrat und eine Schüssel mit dampfendem Brei, einen Laib Schwarzbrot und einen Salznapf auf den Tisch hinsteltte. Reb Jekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, daß ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksa machte sich an das Aufräumen der Stube und sagte: ״Ei, ei, Pani Jekel, Ihr wollt also just bei diesem Frost nach Hause gehen? So gießt Euch doch wenigstens den Bauch voll, das wärmt unterwegs. Freilich, ich möchte Euch geraten haben, hübsch in der Stube zu sitzen und nicht die Nase vor die Tür zu stecken. Wartet ein paar Tage, vielleicht läßt der Frost nach. Euer Haus läuft Euch ja nicht davon, welcher Teufel reitet Euch, gerade heute heimzulaufen?“ Reb Jekel lächelte überlegen. Aleksa war ein guter Mensch, aber was verstand ein Bauer von solchen Sachen? Natürlieh wäre es vergebens gewesen, ihm begreiflich machen zu wollen, was es heißt, gerade am heutigen Abend den Weihbecher an seinem eigenen Tisch zu leeren und dann beim Sabbatmahl zur Rechten des Rabbi zu sitzen und die Tischlieder zu singen .... ״Pah, der Frost wird mich nicht aufessen. Nein, Aleksa, sei ohne Sorge. Hat man schon viele Erfrorene gefunden? Du sollst sehen, Sonntag, so Gott will, bring’ ich dir aus der Stadt ein blankes Messer mit und einen Tabakbeutel, wie du ihn schon lange haben möchtest.“ In Aleksas Augen blitzte es auf; aber er versetzte: ״Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet oder ein Paar Tuchstiefel! Aber in diesem federleichten Kaftan! In Euren Stiefeln wird der Frost sich freilich nicht lange aufhalten. Durch das eine Loch geht er hinein und durch das andere hinaus. Hahaha, nicht wahr? Aber ich will Euch wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen.“ Damit entfernte sich der Knecht, und Reb Jekel begann, seine ״sieben Sachen“ zu packen. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig anlangen wollte. Die neunte Morgenstunde war schon vorüber und doch hatte es sich kaum aufgehellt. Um vier Uhr war es schon wieder dunkel. Und