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Jüdische Rundschau · 1928-12-11 · Heft 98 (11.12.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 98 (11.12.1928)
Date
1928-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 692 I ]ÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 11. OT. 1928 Faktor, war auch erschienen. Daß man nur halb auf die Kosten kam, darf uns nicht hindern, Frau Alice Jacob-Loewen* Mn für ni.r.ichcs Wertvolle, das sie 1ms an diesem Abend ge* ■boten hat, /u danken. Aller Anfang ist schwer! —• Ein Prelüde und Chant d'Automne von Gregoirc Krein bildeten die Spitze des Programms. Während das Prelude eine zart gezeichnete, aus tiefster Empfindung geborene Komposition ist (wie ein Gebet zu Chazoth), ist die andere ein Stoß ins Leere. Die darübergelegte Gesangstimme ohne Text ist mir ein Rätsel. Von den beiden darauffolgenden Kompositionen von Josef Achron ist das ״Birkath Schalotn“ entschieden die wertvollere: es hat Stimmung, Geschlossenheit und vor allem persönliche Prägung. Die Ballade ״Der Letzte“ ist zu langtonig, ohne Zusammenhang und stark gewollt. ״Vier Volkstanze“ von Weprik, tadellos gearbeitet( prachtvoll gegliedert und ein ״Kaddisch“, das wohl ein symphonisches Poime für Orchester werden sollte, am Klavier aber seinen eigentlichen Charakter verliert, beschlossen den ersten Teil des Programms. Der zweite Teil stand nicht auf gleicher Höhe. Das ״Rezifativ aus Koheleth“ von Sandberg, das klang- und färblos dahinplätscherte, und ״drei Choräle“ über hebräische Melodiea von Mario Castelnuovo-Tedesco (״Variationen“ wäre wohl eine richtigere Bezeichnung), eine mäßige Schülerarbeit, hätten die Studierstube nicht verlassen dürfen. Um jüdische Musik zu schreiben, genügt es noch nicht, eine jüdische Melodie zu nehmen und sie in Harmonien nach den Regeln von Richter, jadassohn oder Bussler zu stecken, wie ein Schuster, der für jedes Paar Schuhe den gleichen Leisten nimmt, ln jeder Melodie steckt bereits die Harmonie drin, um diese herauszufinden, muß man die Eigenart der Melodie, muß man jeden Ton und jede Wendung derselben, kurz deren Seele in sich hineinsaugen, um dann ohne Einfluß von irgendeiner Seite frei und individuell zu schaffen. Honeggers ״König David“ ist ein Beispiel für unbeeinflußtes Schaffen. Leo Kopf. Wiedergeburt der Kanstrnosik ans dem Geiste der Volksmusik , Man stand bis vor kurzem zum melodischen Gute eines Volkes — speziell des exotischen — im allgemeinen in der Kunlt 'so, daß man die Eigenart, den kräftigen Saft, Rhythmus und die i Farbe desselben zur Bereicherung der hin und wieder verblassenden ״hohen Kunst“ benutzt«. Irgendeine Volksmelodie, deren erschütternde Kraft und Schönheit den Künstler bestrickte, ihn 1 wichtige Zusammenhänge mit anderen geistigen Bezirken ahnen und erfassen ließ — wurde in gangbare Formen des jeweilig ' herrschenden Musikstiis gebannt. So würde z. B. zu Bachs Zeiten eine exol!»che Melodie in die Form eines Chorals oder einer Fuge, zu Mozarts Zeiten eines Menuetts oder Marsches (״Entführung aus dem Serail“) gebracht worden seip, Schubert würde die beschwingte Melodie , auf den Hintergrund einer ihm aus dem Wiener Walzer geläufigen Dreivierteltakt-Begleitung setzen, Liszt mit virtuosen Brillanzen füllen, das Heute schließlich — verjazzen. Die Summe aller dieser und anderer Möglichkeiten gibt vom Konzertpodium über speziell für den Hausgebrauch zurechtgemachte Bearbeitungen zum Kabarett herab den bekannten — Volksmelodienschatz. In den letzten Jahren, als die Welt durch die großen Umwilzungen aufgerüttelt wurde, kamen auch die Gesichtspunkte über Musik der Völker allmählich zur starken Revision. Auf welche Webe, worin und wo? Der vorgeschrittene und sich seiner Kultur bewußte Westeuropäer wurde von dem Lächeln eines ln sein Land gekommenen Fremdlings beschämt. Ein russisehes Volkslied in Bachscher Kontrapunktik z. B. ist dem Russen Wesensfremd: er muß eben dabei lächeln.... Auch vom Lächeln Anderer beschämt wandte man sich, schon prinzipiell, begründend .jsww-»£rv&, s£W1f -vönßuKßs. und da kamen eigenartige Dinge zum Vorschein: erstens konnte man die Musik einiger Völker‘ des Ostens gar nicht in unserem Tonsystem notieren. Sofort 3L?־ ß• "? 51°ska!i das ״^stitut zur musikalischen Erforschling־ gegründet mit dem Resultat, daß neue Tonsysteme (Viertel — Achtel — Zwölfteltonsysteme) vorgeschlagen wurden, “״ ^usik 1er Vö|kf greifbar zu machen und ungeahnte Möglichkeiten auf dem Gebiet der Harmonie und Melodie zu eröffnen. Ferner ergab sich eindeutig, daß die Musik des Ostens keine chaotische und hilflose ist, sondern ehemalig hochentwickelte Kulturen repräsentiert oder Keime zur Ent Wicklung einer wesentlichen starken und neuen Musik in sich birgt. Zwecks aller möglichen Wiedergeburten (künstlerischer,! nationaler, marxistischer) horchte auch der Künstler als Wortführer auf diesem Gebiete auf. Wie der Musikforscher auf dem Plane der Wissenschaft, so versucht der Künstler auf dem Wege der Intuition Inhalte und Formen bewußt zu machen, die un Wesen der Volksmusik liegen. Durch Phonogramme und Notizen von Expeditionen aus der Tiefe des Landes und des Volkes wiid diese Musik allmählich dem Künstler bekannt. Wenn man bis vor kurzem davon ausging, einzelne exotische Melodien in westeuropäische Formen zu bannen, so geht man heute gerade den umgekehrten Weg: man räumt mit den bekannten und hergebrachten Formen der Westeuropaisehen Musikkultur (reiner Dur- und Moll-Teilung, Dreiklang, Chromatik, landläufigen aus dem Chopin- und Lisztschen Klaviersatz hergebrachten Passagen, auf deren immerfortigen Grund man sich ״so schön weiden“ kann) auf und verwirft all die typischen Figuren der Begleitung und des Satzes, die das Horen und Verstehen der Musik dem Laien so erleichtert. Man versucht aus dem Wesen der östlichen Volkskunst, die einem ganz anderen Tonuad Musikempflnden, anderen Volksinstrumenten (Schlagzeug, Saiteninstrumente, bizarr und dissonant klingende Instrumente) entspringen, neue Kunstformen zu schaffen. Diesen neuartigen Standpunkt der nationalen Volkskunst gegenüber errang man allerdings erst durch die moderne Musik, je, die Entwicklung dar westeuropäischen Kunst durchmachend, zur Renovierung der klanglichen Ausdrucksmittei kam und den Oeist von der Befangenheit der Vorzeit befreit. Ziele aber und Wege der Kunst- und der Volksmusik sind heute nicht identisch, und darum muß man alle die warnen, welche mit dem Maßstab der modernen Kunstmusik an die entstehenden Werke der Volksmusik herangehen. Die allgemeinen Versuche, die von der Kunstrausik übernommenen Formen und Mittel allmählich abzulegen, sie mit denen der Musik der Völker zu verschmelzen, unterscheidet heute noch die Einstellung der beiden Richtungen: der Volks- und der Kunstmusik. Die russische Volksmusik hat ein vollwertiges Kunstwerk erst in Strawinskis ״Noces“ gebracht, die ungarische in Bartoks Werken. Die östlichere Volksmusik — darunter auch die jüdische — befindet sich erst ziemlich am Anfänge ihres Selbstbewußtwerdens und auf dem Wege des Sammelns von Material. Je nach der soziologischen Umgebung stützen sich die Künstler auf die ihnen eigene Einsteßung. A i e x a n ־ der Weprik geht von einem wirklich vorhandenen realen Milieu der Ostjuden und den damit verbundenen Lebens- und Musikformen aus. In Darius Milhauds Werken spürt man die ästhetisch philosophische Einstellung eines mit fremden Kulturen assimilierten Typs, etwas weniger bei Casteinuovo Tedesco. Beide Künstler schaffen neben ihren jüdischen Werken auch allgemeingültige Kunstmusik und sind mit die Führendsten auf allen internationalen Musikfesten. M, Sandberg geht den'direkten Weg zu den primitiven Urformen, sie mit seinem eigenen geistigen Gehalt verbindend. Ein vollwertiges Kunstwerk auf der Basis der jüdischen Volksmusik harrt noch seines Erstehens. Wladimir Vogel Bücher über Rußland Das Schicksal der Juden ist im letzten Abschnitt unserer Golus-Geschichte mit keinem Land so eng verbunden gewesen wie mit Rußland, wo die stärkste kompakte Judenmasse lebt Die Veränderungen der letzten 15 Jahre in Rußland sind daher für das Judentum von entscheidender Bedeutung geworden. Schon darum beschäftigt Rußlands Wesen und Entwicklung jeden denkenden Juden, ganz abgesehen von dem allgemein menschliehen und politische« Interesse, das die russische Revolution *— über alle Parteinahme hinaus — wach ruft, ln dem Handbuch ״Land und Leute in Sowjetrußland“ von Dr. M. L. Schlesinger (Berün-Schöceberg, Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung, 604 S., 6,— M.), das in enzyklopädischer Anordnung eine Uebersicht über Verfassung, Verwaltung, Einrichtungen, Statistik des heutigen Rußland gibt, finden wir unter dem Stichwort ״Juden“ einen kurzen Abriß der Geschichte der Juden in Rußland, während die Darstellung ihrer jetzigen Lage und Zahl der Juden in der Sowjetunion dürfte drei Millionen be* tragen, da aber der Un'.erricnt des Hebräischen nicht gestattet ist, ״dürfte die Axt an die Wurzel des Judentums im Sowjetstaate gelegt sein“. Das Buch von Schlesinger, das vor allem für den Reisenden bestimmt ist, ermöglicht eine schnelle kurze Onen- Musik •Literatur Der größte Teil der Werke von Alexandre, Grögoire und Julien Krein und von Alexander Weprik Ist ira ״Russischen Staatsverlag“, Moskau, erschienen. Die Kompositionen von Josef Achron druckte die ״Univeisal-Edition“, Wien, ebenso,.einiges von Mario Castelnuovo-T edesco und Darius Milhaud. Für Freunde der Synagogen-Oesänge von Sulzer jjib^el in dfx »Uniase^S^iÄrfusseinem Werk ״Schir Zion“.’ (67״ Gesänge für den israelitischen Gottesdienst.“) ttuhel Ermolnikoff gibt am Sonnabend!, dem 15■ Dezember, im Kiemen Saalbau, Frankfurt a. M.f einen eigenen Abend, an dem Juden“ iÜd'SCh* Liedw singt' “־ a׳ ־•Ge!läng0 ß« jemonischen י" def Schule der Jüdischen Jugend ist ein Musikkurs eröffnet Frau Alice Jacob•Xoewenson gibt am Montag von 8 bis 10 Uhr in der Aula der Schule Kaiserstr. 29 eine Einführung in die volkstümliche jüdische Chormusik. Als erstes wird derchassidische Chor 4.u5 Engels Musik zum ״Dybuk“ studiert Vorkenntnisse nicht erforderlich. Jugendliche Teilnehmer willkommen. Bücherschau Felix Salten, Simson. Das Schicksal eines Erwählten. Roman. Paul Zsolnay, Verlag, Wien. 1928. MSimson-Geschichte scheint in dieser Zeit zunehmenden Heldenkultes eine besondere Aktualität zu besitzen. In einem Jahr haben wir zwei Simson-Romane. Jabotinskys (bei Meyer & Jessen, München, deutsch erschienenes) mit politischer Leidenschaft und aus erlebter Problematik heraus gestaltetes werk ist, bei aller psychologischen Abtönung, eine großartige Geschichtsdeutung eines Kampfes zweier Kulturen; sein Buch wäre aktuell selbst ohne die deutlichen Analogien zur jüdischen?»?rvW!f*rt■ rPi'iM auße,r Simson, dem das liebevolle Interesse des Dichter-PoUtikers Jabotinsky gilt, sucht er auch Delila uns menschheh naher zu bringen; ihr Verrat wir psychologisch er-!,״־töurch eine nie verwundene Liebesenttäuschung. Noch ein« geht Felix Salten, der in seinem mit der ganzen Virtuosität und Brillanz dieses Schriftstellers geschriebenen Buch eine Ehrenrettung Delilas unternimmt. Sie ist nicht die betrügerische Bestie und Heuchlerin, auch nicht die große Patriotin und philistäische Judith, sondern ein entzückendes Wesen, ganz nur treu liebendes Weib; den Verrat vollzieht Bicht sie, sondern — Delilas Schwäche listig nutzend —. ihre Schwester Kadita, dirnenhafte Intrigantin. Delila bleibt noch nach der Blendung Simson innigst verbunden, weicht nicht von seiner Seite, stirbt mit ihm den Liebestod. Die herbe Tragik ״ f 8T°ßen Einsamkeit des besiegten Simson wird so nun freihen etwas versüßlicht, aus dem Heldenbuch wird ein Liebesroman, das ewig Weibliche zieht ihn hinan. Niemand wird ohne Rührung und Ergriffenheit das Buch aus der Hand legen, in dem die Liebe steh stark erweist wie der Tod, mi. John Erskine: Adam und Eva. Kurt Wolff, Verlag, München. In Amerika hat man gegen die Bücher des ״berühmlen Anachronisten" Jotu» lirskme (seine frühere Offenbachiade ״Das Privatleben der schöner, Helena , ist auch bei uns viel gelesen und genossen worden), von jüdischer Kanzel herab gepredigt. ״Seit Jahrzehnten ist kein Buch erschienen, dos so viel lieblos hätte anrichten können, wie Erskmes Helena“, sagte kein anderer als Stephan Wise. Wir wagen nicht daran zu denken, was Stephan Wise «5t sagen würde, wenn er diese biblische Paraphrase der Erzählung vom Paradiese läse. Wir aber, die wir zum Glück nicht von Berufswegen fßr anderer Leute Moral zu sorgen haben, freuen uns an diesem neuen, sehr geistreichen Buche des geseneiien Mannes und erinnern uns mit gutem Gewissen daran, daß die Prolanation biblischer Stoff» in unserer jüdischen Volksliteratur in früheren Jahrhunderten ja gang und gäbe gewesen ist. Mit dem Problem, wie es Adam, Eva und der neben Eva gleichberechtigt auftretenden Lilith im Paradiese zu Mute gewesen sein, muß, beschäftigt sich Erskine hier in der amüsantesten Weise. Besonders die Art, wie Li i.b, das Urbild der Geliehten, und Eva, das Urbild der Ehefrau, den unbeholfenen Adam in die Schule nehmen, ist sowohl ergötzlich als klug. Freilich krankt das Buch an dem Erbfehler aller de ■er angelsächsischen Gesprächsbüchcr: Es ist zu dick. Und so wird der Faden dieser gescheiten Gespräche in umgekehrter Proportion manchmal ein wenig zu — dünn. Aber das Rezept des vielerfahrenen Schriftstellers hat sich auch hier wieder als tauglich erwiesen: Man nehme eine oder mehrere von den klassischen Gestalten der Weltliteratur und stelle sie auf den Kopf, Als Stehaufmännchen wird sie ein neues und absonderliches Leben beginnen. Wir wünschen Sir John Erskine das Leben eines Methusalem. Sonst wird es ihm kaum möglich sein, die Zahl der ihm noch obliegenden Aufgaben zu erfüllen. Bath llillel. Berufung- Von Davin Schöneberger. Axel Juncker Verlag, Berlin. Gedichte eines Rabbiners, von religiöser Stimmung getragen, unendlich sympathisch in ihren Inhalten, welche das Leitmotiv echt jüdischer Religiosität aufzeigen: nicht Weltflucht, nicht Abgekehrtheit, sondern überzeugte Lebensbejahung, Betonung und Erhebung des Gemeinschaftsgefühls. In den Ausdrucksformen der Gedichte ist noch eine große Unsicherheit, Unvollkommenheit fühlbar. Die moderne Komponente fehlt: Knappheit, Straffheit, Konzentration. Wiederholungen machen sich oft bemerkbar, allzu sorgloses Schwelgen im Wort. Doch ist ein unablässiges Ringen um Gestaltung zu spüren und erreicht oft Prägungen von dichterischer Schönheit. So auch im Gedicht ״Dein Tag“ oder ״Rufe der Liebe“, so auch in plöfzliehen Zeilen wie ״Die Sterne, die sich hinter Wolken ducken“ oäet als Charakteristik der Propheten: ״Und waren ihre Worte hart wie Ruten, war ihre Seele still — gleich seidenen Geflechten B. M»c Brod und Eis« Lasker-Schüler lesen im Rahmen «Ines vom Verband Deutscher Erzähler veranstalteten Rezilationsabends, am Mittwoch, dem 12. Dezember, abends 8 Uhr, 1m Plenarsaal des ehemaligen Herrenhauses. Einführung Alfred Döblin. tierung über alles Wissenswerte. Reisebücher über Rußland sind heute natürlich stark ab• hängig von der Parteistellung des Verfassers, die man stets bei Beurteilung der Berichte berücksichtigen muß. Einen kursorisehen Ucfoerblick über die Probleme des heutigen Rußland bietet das Reisebuch des demokratischen Ministers Erich Koch- Weser ״Rußland von heute“ (Verlag Carl Reissner, Dresden, 4,50 M.), in welchem wir manche treffende Charakteristik finden, die uns auch als Zionisten — im Zionismus dominiert russisches Judyitum — berührt, z. B. wenn von den Russen gesagt wira: ״Ein Volk, das alles will, vieles kann und fast nichts vollendet.... Das Wirtschaftliche ist Nebensache, Zeltverschwendung ohne Belang.... Vortrefflich in der Behand.ung des Menschen, versagt er, wo es gilt, die Sache zu behandeln.... Koch-Weser nimmt auch Stellung zu den aktuellen Konflikten, er hält Stalins Weg für richtiger als Trotzkis Wunsch nach Perpetuierung der Revolution, nur die Evolution könne d.e Lösujg bringen. Die Heftigkeit des Trotzklschen Kampfes gegen den ״Terror der Stalinischen Gewaltherrschaft“ kann man jetzt in deutscher Sprache aus T r o t z k i 8 e i g e n e n S c h r i ften kennenlernen, die un:er dem Titel ״Die wirkliche Lage in Rußland“ in einem Band (Avalun-Verlag, Hellerau, 10,— M.j herauskamen. Nicht ohne Erschütterung wird der jüdische Leser dieses Buch in die Hand nehmen, mit ähnlichen Empfindungen wie die eines im Persönlichen geradezu als Antipoden Trotzkis erscheinenden Mannes, Walther Rat he na us. In dessen Gesichtszügen der englische Botschafter Lord d’Abemon, dessen interessante Tagebücher aus dem Jahre 1921 jetzt im ״Berliner Tageblatt“ veröffentlicht werden, «״eine Mischung von Lenin und Trotzkl“ entdeckt — seltsame Charakteristlk aus dem Mund eines welterlahrenen Mannes, den offenbar Rathenaus jüdische Art irritierte. (Rathenaus ״Nachgelassene Schriften“ in zwei Bänden, enthaltend politische, wirtschaftliche, weltanschauliche, künstlerische Aufsätze — meist in Zejtuhgen erschienen — werfen eine Fülle von Schlaglichtern auf diesen von innerlicher Unrast und religiöser Problematik bewegten Charakter, der in seiner Art die Welt aus dem Geist der Gemeinschaft umwandeln, wollte. Es ist wahrhaftig ein nachdenkliches Spiel, diese Bücher — des S. Fischer Venages, Berlin 1928, 8,*- M. — neben Trotzkis Buch zu legen). Trotzkis abci vyu sctiarfer lJul ic&tilc. uod Innerem Feuer; Er verteidigt die Reinheit der Idee, den radikalen Kommunismus, dessen Errungenschaften er gefährdet sieht. Das Tragischste an Trotzkis Los ist, daß sein Buch, das von Sowjetgegnern wohl mißbraucht werden wird, nicht überzeugt, weil man oft das Gefühl hat, daß er zu kühn sich oft über die Reahtäten eines Volkslebens hinwegsetzt: auch das 13t vielleicht sein jüdisches Erbe, wenn wir die jüngst aufgestellte These akzeptieren wollen, jüdische Genialität ze.ge sich in dem Trieb, in jeder Sache bis zum letzten Ende zu gehen. Daß Trotzkl wirklich einer der stärksten Köpfe des Sowjetsystenjs und ein Mann von weiten Perspektiven ist, siebt man aus e'nem früheren Buch, aus der Zeit, wo Trotzki noch offiziell war:״־Europa und Amerika“ heißt das Buch (Neuer Deutscher Verlag, ף Berlin) und enthält die Prognose der revolutionären Entwicx- Jung zuerst Europas, das erst dadurch Paneuropa werden kann, und später erst des hochkapitalitischen Amerikas. Diese Gedanken zu kennen ist wichtig für jeden politisch Interessierten, da sonst leicht die geistige Orientierung zu einseitig westeuro־ paisch wird. Dem Schöpfer des neuen Rußland, Lenin, hat Valeria Marcu in einer schnell berühmt gewordenen Biographie ein Denkmal gesetzt (Verlag Paul List, Leipzig, 9,— ML). Hier werden 30 Jahre russischer Geschichte beleuchtet und zugleich ein an Entbehrungen und Taten reiches Leben mit künstlerischer Plastik dargestellt. Ein Willensmensch sondergleichen ist hier zu einer einzigartigen geschichtlichen Rolle berufen. Dieses Buch sollte jeder kennen, der Rußland und den russischen Mensehen verstehen will. Einen Hintergrund für diese Biographie bildet die ״Geschichte der russischen Sozialdemokratie“ von Julius Martow (Zederbaum) und Th. Dan (Uebersefzung von A. Stein, 340 S., Verlag J. H. W. Dietz, Berlin SW 68, 850 M.). Daß die Verfasser Juden sind, deutet schon auf den Anteil der Juden an der Intellektuellen- Schicht der russischen Arbeiterbewegung. Diese Beleuchtung der 30. Jahre Entwicklung, die Martow gibt, sowie der mehr kursorische Nachtrag von Dan sind fast unentbehrlich zum Verständnis der Revolution. Einblick in d e Geschichte der russischen Sozialdemokratie und das Werden der Revolution gewähren auch die Eiinnerungen von Angelica Balabanoff (Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin), der jüdischen Freundin und späteren Gegnerin Mussolinis, deren Erlebnisse zum Teil in Italien spielen. Sie arbeitete bis L920 mit den Bolschewik), sagte sich aber dann von ihnen los. Die Vorgänge in Rußland werden spannend und lebendig in ihrer Entwicklung gezeigt in den Memoiren des englischen Botschafters George Bucnan ׳a n , desselben, der noch die Huldigung der jüdischen Massen für die Balfour-Deklaration in Rußland entgegennehmen durfte (״Meine Mission in Rußland“, Verlag für Kulturpolitik, :Berlin, 8,— M.). Es ist ein Diplomaten-Tagebuch. das in die Verflochtenhelt der politischen Interessen im Krieg Einblick gewährt. — Auch von der kompetentesten Persönlichkeit der russisch-demokratischen Seite liegt jetzt eine Schilderung der entscheidenden Phasen der Revolution von 1917 und ihrer inner« Kämpfe vor: Alexander Kerenski, der letzte Ministerpräsident, veröffentlicht seine Erinnerungen ״Vom Sturz des Zarenreichs bis zu Lenins Staatsstreich“ (Carl Reissner, Verlag, Dresden, 8,— M.). Kerenskis demokratische Republik, die für das russische Judentum eine kurze Zeit großer Entfaltung in neu gewonnener Freiheit bedeutete, erscheint im bolsehewikischen Spiegel als. Konterrevolution. Auch wer diesem Urten zuatimmen muß, wird mit Gewinn die Anschauungen des führenden Mannes dieser Zeit kennenlernen — wie früher schon Miljukows Darstellung (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart). Kerenski glaubt an eine Rückkehr Rußlands von der Diktatur zu den Idealen der Demokratie vom März 1917. Bei dieser Gelegenheit sei an Hans Kohns viel zu wenig gewürdigtes kleines Büchlein ״Sinn und Schicksal der Revolution“ {Verlag i

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