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Jüdische Rundschau · 1928-12-11 · Heft 98 (11.12.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 98 (11.12.1928)
Date
1928-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 98, ll.XIT. 1928 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 693 E. P. Ta!, Wien) erinnert, das u. a. auch das Schicksal des Intellektuellen in der Revolution, der mit den Massen zusammen um die Freiheit kämpft, aber im Leben diese Solidarität nicht realisieren kann, mit feiner Schärfe enthüllt. Von den Gestalten des alten, vernichteten Rußland erregt in letzter Zeit der ״allmächtige Bauer“ und ״heilige Teufel“ R a s p u t i n erhebliche Aufmerksamkeit. Drei Bücher über ihn liegen uns vor. F ü 1 ö p - M i 11 e r gibt (bei Grethlein & Co., Verlag, Zürich) eine mehr als 400 Seiten umfassende eingehende Darstellung des Lebens und der Persönlichkeit dieses rätselhaften Mannes (mit 93 Abbildungen, sehr gut ausgestattet und gedruckt), die den charakteristischen Untertitel hat: ,,R as p 111 i n u nd d ie Frauen“. Und in der Tat spielt das Verhältnis zu den Frauen — von der niedersten bis zur ״allerhöchsten“ sozialen Stufe — die Hauptrolle, wie im Leben dieses sonderbaren Wüstlings, so auch in dem interessanten Buch. Man wirft einen Blick in die ״Geheimnisse“ des Zarenhofes, dessen Atmosphäre hier von einer bestimmten Seite aus bloßgelegt wird; das System, unter dem die russischen Juden so schwer zu leiden hatten, zeigt sich als das mittelalterliche Fossil, das hier bis in unsere Zeit ragt. Rasputin selbst war eher ein Freund als ein Feind der Juden. Mit jüdischen Börsenspekulanten (Rubinstein usw.) stand er in engen Beziehungen. Schon bei Fülöp-Miiller finden wir darüber manches; ausführliches Material aber über seine Stellung zu Juden bringt das Rasputin-Buch von Aron Simanowitsch, dem Jüdischen ehemaligen ״Sekretär“ Rasputins (Verlag Hensel & Co., Berlin 1928, 8,— M.), der durch die Durchführung von Rasputins Finanzgeschäften zu diesem in ein engeres Verhältnis trat. Simanowitsch schildert seinen eigenen Einfluß bei Rasputin als sehr groß, und er hat ihn zugunsten der verfolgten Juden ausgenutzt. Simanowitsch berichtet, er habe sich selbst ein ganzes Netz von Berichterstattern geschaffen, so daß er über die Lage der Juden im ganzen Reich genau Bescheid wußte und mehrmals sogar Pogrome verhinderte. Die Schilderung seiner Bemühungen ist allerdings nicht immer sympathisch. Er erzählt von einem Bankett für Rasputin, das* von jüdischen Notabein gegeben wurde, um Rasputins Hilfe zu gewinnen. Rasputin hielt eine Ansprache, worin er sagte: ״Die jüdische Frage muß durch Bestechung oder List gelöst werden....“ Seit diesem Tag sei Rasputin, der bis dahin den antisemitischen Einflüssen des Zaren ausgesetzt war, ein Freund der Juden gewesen und habe oft zu ihren Gunsten einfegriffen.... Simanowitsch selbst hat später eine Audienz beim aren gehabt und ihn um Gnade für die Juden angefleht, er erhielt aber eine brüske Abweisung. Es ist schwer zu erkennen, ob die Angaben des Buches alle unanzweifelbar sind, aber das Bild, das es von ״jüdischer Politik“ unter der Zarenherrschaft entrollt, ist wahrhaft deprimierend, das Ganze ein bißchen kolportagehaft. — Schließlich sei noch das Buch von Dr. Alexis Markow erwähnt, das ein ״Beitrag zur Geschichte der letzten Regierungsjahre der Romanows“ sein will. (Verlag der Königsberger Hartungschen Zeitung, Königsberg.) Der Verfasser stützt sich auf das offizielle Material der Untersuchungskommission, wendet sich gegen die sensationelle Charakteristik Rasputins als ״heiligen Teufels“ und erklärt ihn als ״gerissenen Bauer“, der zum Unglück Rußlands an dessen Schicksal maßgebenden Einfluß erhielt. Die Darste'lung Markows leuchtet in die Fäulnis des zaristischen Rußland hinein, die politische Rolle Rasputins wird aber auch hier nicht ganz eindeutig abschätzbar. Jedesfalls atmet man auf bei der Besinnung darauf, daß dieses Rußland nicht mehr existiert. Auch das neue hat mit Problemen zu ringen, die noch ungelöst sind. Die Kühnheit der Versuche auf pädagogischem Gebiet zeigt Nikolaj Ognjews ״Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew“ (Aufzeiehnungen eines Fünfzehnjährigen, Verlag der Jugend-lntcrnatiouale, Berlin O 17), wo die Schwierigkeiten der Anwendung kommunistischer Prinzipien in der Schule freimütig erörtert werden — wichtig auch für die für pädagogische Ressorts verantwortlichen Zionisten. Das neue Leben Rußlands mit seinen Idealen, seinen Kämpfen und seinen menschlichen Spannungen spiegelt sich heute schon in einer dichterischen Literatup, die in deutscher Sprache zugänglich zu machen ein großes Verdienst des Malik-Verlags (Berlin) ist. Die Romane von llja Ehrenburg (Michael Lykow, ein Schieberroman aus Sowjetrußland), Konstantin F ed i n (״Städte und Jahre“), Isaak Babel (die stark jüdischen Bücher ״Biidjonnis Reiterarmee“ und ,,Geschichten aus Odessa“) und andere wichtige Zeitbilder werden nun ergänzt durch den fast 800 Seiten starken Band ״Neue Erzähler des neuen Rußland“ (Eine Sammlung von 30 Werken junger russischer Prosa, 5,50 M.), den der Malik-Verlag jetzt in der bei ihm üblichen guten Ausstattung und zu sehr niedrigem Preis herausgebracht hat. Eine Fülle von Verzweiflung und Hoffnung, tiefes menschliches Ringen um eine neue Welt ahnen wir hier . . . Aber das gehört schon in ein anderes Kapitel. — 0 — Berliner Kalender Büro: Berliner Zionistische Vereinigung, Berlin W 15, Meinekestr. 10. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheck• konto Nr. 37 830 Berlin NW 7. Kassenverwaltung der B. Z. V. Mittwoch, den 12. Dezember abends pünktlich 8 Uhr Chanukkah-Feler des Zelre Misrachl, Berlin, im ״Palais des Zentrums“, Rosenihaler Straße 36 (Nähe Hackescher Markt). Aus dem Programm: Entzünden der Chanukkah-Kerzen, Anspräche, Reigen, jiddische und deutsche Lieder und Theateraufführungen, musikalische Darbietungen. Eintritt 1,— und 2,— Mark, Chaluzim und Jugendliche unter 16 Jahren 0,50 Mark. Karten im Büro des Misrachi, Weinmeisterstraße 18 (Tel: Norden 1159), und bei den Mitgliedern des Zeire Misrachi. Gäste willkommen. Veranstaltungen der Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina. Zusammenkünfte der Bezirksgruppen: Bezirksgruppe Grünewald: Montag, den 17. Dezember nachm. 4(4 Uhr Empfang für Frau Vera Weizmann im Hause von Frau Siegfried Hirsch, Grunewald, Hagenstr. 8. Geladene Gäste. ״ Zusammenkünfte der Studiengruppen: Studiengruppe Lichterfelde: Mittwoch, den 12. Dezember nachm. 4'/״ Uhr Leitung: Frau Boschwitz, bei Frau Holzer, Steglitz, Bergstr, 23. Studiengruppe Schöneberg: Donnerstag, den 13. Dezember abends 8 Uhr Leitung: Frau Bergel-Gronemann, bei Frau Landsberger, Nachodstr. 5, ill. Et. Jugendgruppe I: Mittwoch, den 19. Dezember abends 81/4 Uhr Leitung Else Nathan, Uhlandstr. 194, Pension Schmelz. Die Zusammenkunft am 12. Dezember fällt aus. Bernhard Barons Riesenspenden London, 6. Dezember. (J. T. A.) Herr Bernhard B a r o n, tftr jüdische Philanthrop, feierte am Mittwoch, dem 5. Dezember, den 78. Geburtstag. Er schenkte — wie alljährlich an seinem Geburtstag — jedem der 3000 Angestellten der Firma Carreras, Limited, deren Inhaber er ist, einen Wochcnlohn. An seinem 78. Geburtstag machte der Bernhard Baron-Wohlfahrtstrust für Hospitäler und Asyle für Waisen und verkrüppelte Kinder seine ersten Zuwendungen an etwa 200 Institutionen in der Gesamthöhe von 36 000 Pfund. Für diesen Trust, dessen Vorsitzender der Marquis v. Reading ist, hat Herr Baron bekanntüch 575 000 Pfund in vierprozentiger konsolidierter Anleihe gestiftet. Bis heute hat Herr Baron für Wohlfahrtszwecke rund 2 Millionen Pfund gestiftet, davon einen gewissen Teil für speziell jüdische Wohlfahrtszwecke. Außerdem spendete er größere Summen für Palästinazwecke (Hebräische Universität und Keren Hajessod). Misrachi und A.-C.-Sitzung Jerusalem, 8. Dezember. H. T. A.) Die Leitung der Weltorganisation Misrachi hat beschlossen, auf der Sitzung des Aktions-Coniitcs die Fragen der Alijah und des Palästina-Unterrichts aufzuwerfen. Die Misrachi-Vertretung im Aktions-Comitc wird die folgenden Forderungen aufstellen und durchzusetzen versuchen: 1. Zertifikate für die Einwanderung in Palästina sollen auch den Verwandten der Einwanderer ausgefolgt werden. 2. Die Zionistische Exekutive soll der Stellung allgemeiner zionistischer Schulen unter die Aufsicht des Misrachi nicht widerstreben, sofern die Eltern der die betreffende Schule besuchenden Kinder dies wünschen. Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart. Unter diesem Titel erscheint in der nächsten Zeit im Jüdischen Buch- und Kunstverlage, Brünn, Adlergasso 9, unter der Leitung des Chefredakteurs Hugo Gold, des Herausgebers der ״Jiidisehen Volksstimme“ in Brünn, ein Standardwerk der jüdischen Geschichte Mährens. Die hervorragendsten Gelehrten des In- und Aus- Landes haben die Rodaktion dieses Werkes übernommen. Unter anderen sind dies folgende Herren: Dr. Heinrich Flesch, Kanilz, Dr. I. Freimann, Berlin, Prof. Dr. Max Grünfeld, Brünn, Dr. Theodor Haas, Brünn, Hofrat Dr. Michael Ilolzmann, Wien und Reg.-Rat Dr. B. Wachstein, Wien. Weitere 90 Mitarbeiter haben es unternommen, die Geschichto der Juden in Mähren in populär-wissenschaftlicher Weise zu bearbeiten. Die erste Abteilung de3 Werkes bringt wissenschaftliche Einzelbeiträge über die Einwanderung, die Statuten der mährischen Gemeinden, den inneren und äußeren Verlauf der Geschichto, über die ältesten Grabsteine, das Leben und Treiben in der mährischen Judengasse und u. a. einen Beitrag über die jüdischen Wiener Familien aus Mähren. Die zweite Abteilung bringt in alphabetischer Reihenfolge die Einzelgeschichten von 50 mährischen Gemeinden von Beginn der jüdischen Ansiedelung bis auf den heutigen Tag. Den Abschluß des Werkes bilden Regesten sowie ein Personen- und Sachregister. Das Werk erscheint in Groß- Quartformat in einem Umfange von 70oSeiten mit 800 Illus'ra'ioncn. Auf Wunsch wird ein illustrierter Prospekt gratis zugesendet. Die Subskriptionspreise (,bis 30. Dezember) sind: In Halbleinen Kc. 330. in Ifalbleder Kc. 370. Außerdem erscheinen 100 numerierte und von den M'tarheitern signierte Exemplare auf schwerem Kunstdruckpapier in Ganzlederband zum Preise von Dollar 30. Palästlncndsche Altertümer. Der Eintrittspreis für die Höh le Machpelah (die bis vor einem Jahr ungefähr Nichtmoslems unzugänglich war und dann freigegeben wurde) ist in den letzten Wochen von 25 auf 50 Piaster (10 Mark) heraufgesetzt wc-־,:n. Dieser Preis ist nicht nur objektiv unerhört hoch, sondern steht Luc!. in keinem Verhältnis zu den sonst übliehen Gebühren. Der Besuch der o.na.-Moschee zum Beispiel ist gegen 15 Piaster gestattet. — Vor längerer Zeit beabsichtigte die Regierung verschiedene Reparaturen an Rahels Grab voramehmen, mußte diese Absicht jedoch wegen der Proteste der Juden au",-Len. Kurz darauf ging das Rabbinat an die Reparaturen, worauf die Regierung ihrerseits Einspruch erhob. Es ist jetzt bereits neun Monate her, seit diese Frage zur Klärung steht, ohne daß bisher eine Entscheidung erfolgt wäre. Dritte Weükonlerm der Union der Zionisten •Revisionisten Wie bereits angekündigt, findet die dritte Weltkonferenz der Revisionisten vom 25. bis 31. Dezember 1928 in Wien statt. Das vorbereitende Komitee hat für die Teilnehmer weitgehende Begünstigungen bei der Erteilung der Visa und eine Fahrpreisermäßigung auf den österreichischen Bundesbahnen erwirkt. Das Büro der Konferenz wird auch für Quartiere Vorsorge treffen. Anfragen und Bestellungen sind an das Büro der Konferenz, per Adresse Dr. Norbert Hoffmann, Wien I, Zelinkagasse 13, zu richten. In der Reihe der Veröffentlichungen der P a 1 e s t i n e Economic Society, auf die wir wiederholt empfehlend hingewiesen haben, erschien soeben als Heit 3/1923 ein Heft über die Kultur von Trauben in Palästina von Mr. H. Vit e 1 e s , dem Direktor der Central Bank for cooperative institutes. Am Schluß der Publikation sind wiederum eine Reihe von detaillierten Tabellen und statistischen Daten beigegeben. Max Kolbe: Reportage. (Matinee im Renaissancetheater.) Dies Stücklein mit dem aktuellen Namen und dem Versuch aus der Zeit zu gestalten, ist ohne alle Frage eine Geschickli״hkeitsprobe für Gebrauchsdramatik, und an manchen Stellen schlüpft, soweit es die jugendliche Ueberblasiertheit gestattet, sogar der Dichter mit durch. Leider hat er alle Fehler des schlechten Gewissens mithineingebacken. Trotz der in der Programmzeitung mitgeteilten Versicherung, daß der moderne Journalist ein anderes Wesen sei als der Freytagsche, brachte auch Kolpe nur den heutigen Schmocktyp in der Redaktionsstube und den premierenüblichen Vorstoß auf den Verriß. Der Dramatikergriff scheint trotz der Routine wenigstens fei Nuce mitgegeben: in den Szenen, in denen, scheinbar durch die Zeitung veranlaßt, in Wahrheit aber aus sozialen Motiven, der Mord, hier der Gegenstand der Reportage, von der Idee bis zum Entschluß entwickelt wird und geschieht. Der ״Clou vons Janze“, wie die treibende Hauptfigur ״der Zeitungsmann“ sagen würde, ist die groteske Uebersteigerung: Der Mord geschieht — für die Zeitung. Seitenhiebe auf ״Krieg und Zeitung“, auf Gerichtssachverständige usw. sind an und für sich gut, ein richtiges Stü'k wachsen lassen, ni ht ״machen“, ist noch viel besser. Paul Morgan gab den Redakteurtyp aus Prag oder Wien. Vom Kabarett sekundierten außerdem Nicolaus und Schaffers. Die zahlreichen kleinen und kleinsten Rollen waren manchmal ziemlich unsicher. R. M. Die Stuttgarter Religionsgespräche Von unserem, Berichterstatter. Für das zweite Gespräch über ״Form und Freiheit“ hatte das Jüdische Lehrhaus in Stuttgart als Btibcrs Gegenüber den katholischen Kulturhistoriker 11 ermann H e f e 1 e gewonnen, einen der kultiviertesten Schwaben unserer Zeit. Gegenüber dem schon sehr wertvollen ersten (s. den Bericht in Nr. 92 der ״J, R“) bedeutete dieses zweite Gespräch eine entschiedene Steigerung. Die von allem Anfang an deutliche Verschiedenheit der Standpunkte — weniger des Juden gegen-, über dem Katholiken, als des Verkünders der religiösen Wirklichkeit gegenüber dem geschichtsphilosophischen Betrachter der Religion — ergab eine fruchtbare Spannung, die sich auch aut die Hörer übertrug und sie zweieinhalb Stunden zu fesseln vermochte. Hefele bejaht den Formwillen der zur Kirche sich ordnenden Religion, die er die objektive nennt, aus Buber spricht der formensprengende Geist der ergriffenen, von einem Auftrag erfüllten religiösen Persönlichkeit. Es war kein Streit um Meinungen, das gesprochene Wort wurde zur Brücke des Verstehens, aber daß die zwei sich begegnenden Standpunkte bis zum Ende des Gesprächs unvcrrückt ihren Platz, behaupten mußten, war nicht mehr als natürlich. Für Hcfcle ist Freiheit zwar das eigentliche Bereich des Religiösen, das im Geheimsten der Seele wohnt, als sciptilla animae, schweigend — cs äußert sich nicht. Nur hier im Schweigen spielt sich der Widerstreit der Person gegen das Uebcrgewicht geformter Religion ab. Aber das subjektive religiöse Erleben findet seine Grenze schon an der Schwelle der Gemeinschaft, schon im ersten gesprochenen Wort. Denn das Wort ist nicht mehr frei, ist traditionsgebunden, also Form. Buber sicht in dieser Eingrenzung des eigentlich Religiösen in die innerste Seelenschicht das Wesen der Mystik, an der ihn sein Weg zum Chassidismus ja nahe vorbeigeführt hatte. Aber der jüdische Weg ist anders: Der angesprochene Mensch, in dem der Funke brennt, muß, oft wider Willen, zum Sprecher werden, dem die ergriffene Schar, die Urgemeindc gegenübersteht. Hier ist nocli Freiheit und schon werdende Form — die Grenzen, deren scharfe Trennung im Begrifflichen auch Buber anerkennt, fließen in der Wirklichkeit ineinander. Hier belastet die deutlich verschiedene Auffassung des Freiheitsbegriffes den Fortgang des Gespräches. Denn Hefele sieht schon ein Objektives, von außen an ihn Herantretendes im A u f - t r a g, auf den der Religionsstifter sich beruft, der ihm übrigens als ״religiöses Genie“ zur beispielhaften Betrachtung ungeeignet scheint. Buber dagegen läßt den Geniebegriff im Religiösen nicht gelten; hier sind nur Gradunterschiede — verschiedene Stufen der Intention. Und der Zwang Gottes, unter dem etwa der Prophet seinem eigenen Willen zum Trotz handeln muR, ist nicht mit der Autorität etwa der Kirche zu vergleichen. Freiheit in Bubers Sinn ist Freiheit der Entscheidung, Freiheit, so zu handeln oder so, nicht die unaussprechbare, keines Wirkens mächtige Welt des im Innersten der Seele verschlossenen Funkens. Erkenntnistheoretisch läßt Buber Hefeles ausgezeichnete Definitionen gelten, aber er will vom Relig i ö s e n nicht ‘philosop Kisch, sondern konkret sprechen. Keine Philosophie erklärt die Erscheinung des Propheten, dem es weder um Religion noch um Religiosität zu tun ist, sondern um die Verwirklichung des Gottesreichs. Für Hefele fällt Offenbarung und Dogma zusammen, eine Auffassung, der das gesetzestreue Judentum eher folgen wird als Buber, der von Gott aussagt, er habe keine Geschichte, er wirke in der Geschichte immer neu. Hefele nimmt im konsequenten Festhalten an seiner geschichtsphilosophischen _ Auffassung den geschichtlichen Erfolg zum Maßstab der Legitimitat einer religiösen Bewegung, Buber, an des Propheten Wort vom geschärften Pfeil, den Gott in seinem Köcher verborgen hat, erinnernd, glaubt nicht an das Urteil der Geschichte, söndern siebt den eigentlichen Sinn des Geschehens im Untergrund der Geschichte, in der ״Zersetzung des Wortes“'. Mit diesem Bekenntnis wird seine besondere Stellung im Judentum unserer Tage ganz deutlich: Die Stimme des unterirdischen Judentums, das seit Urzeiten immer neben der geformten, der Gefahr des Erstarrens ausgesetzten Religion lebendig war, spricht aus ihm. An der Geschichte des Tieropfers und Fleischmahles zeigt Buber den Weg von der erfüllten Form des wirklichen Opfers, in dem das Handnufstenimen ein Svmbol der Selbsthingabe war, zur leeren Form, die das zornige Wort des Propheten zerbricht (״Dies habe Ich nicht geboten!“), im Umstoßen sie in Wahrheit erfüllend. Dann ersetzt den Opfcrkult die Gebetsordnung, der vorher durch das Opfer geheiligte Fleischgenuß wird durch die rituelle Schlachtung geregelt, bis im Chassidismus neu das ganze Mahl zur Opferhandlung wird. Hier, am konkretem Beispiel, zeigt sich, daß Hefeles abweichendes Gedankengebäude ihn nicht hindert, im Wirklichen Buber zu folgen, in solchem Ineinandergreifen von Form und Freiheit sieht auch er Erfiillung, nicht Rebellion. Sehr treffend bezeichnete daraufhin Buber den Katholizismus und den Protestant! sin 1! s als die abendländischen Ausdrucksformen der z \v e i r e I i - g i ö s e n Mächte, die im Judentum immer, wieder sich miteinander messen — Gesetz und Prophetie. Daran anknüpfend bekannte er seine eigene religiöse Stellung außerhalb von Orthodoxie und Liberalismus, die beide gleichermaßen an der Mangelhaftigkeit beider religiösen Konzeptionen leiden, der der Form wie der der Freiheit. Ganz dem Objekt verfallen die eine, ganz aufs Subjekt gestellt der andere, wissen beide nichts ven jener Begegnung von Form und Freiheit, die stets der Nährboden des eigentlich religiösen Wirkens war. Bubers eigene Haltung zur Form, vielen bekannt und oft erörtert, wurde hier mit allem Nachdruck ausgesprochen: freie, der im letzten Ernst vollzogenen Verantwortung bewußte, persönliche Entscheidung gegenüber der wahrhaft erforschten Form. — Da das Trennende genügend beleuchtet und geklärt, gegen dieses starke, persönliche Bekenntnis Bubers aber dialektisch nichts zu crin• ern war, konnte Hefele damit das Gespräch für beendet erklären. Der Gesamteindruck, den das Zusammentreffen seiner vornehmen Wisscuschaft'ichkcit mit Bubers• von innerem Feuer durchgliihtern Dienstwillen hinterließ, war stark und nachhaltig. Ein drittes Gespräch mit Thecdor Bäuerle, einem der besten Köpfe des deutschen Volkshi’dungswesens, folgt im Februar. L. Marx. Benschemen-Kinder in Be-lin. Am 3. Dezember ist eine Gruppe von 29 Waisenkindc-11 aus Kowno und Karpathoruß-!and. die für das Kindcrdorf Benscbemen bestimmt sind, in Berlin eingetroffen. Sie wurden von den Vertretern des Arbeitsausschusscs der Jüdi'chen Waren hilfe am Bahnhof empfangen, fanden in der Jugendherberge der Stadt Berlin Aufnähme und wurden im Kinderheim Ahava verpflegt. Dank der freundlichen Unterstützung einiger Freunde der lüe’ischen Waiscnhil.'e ist es gelungen, die Kinder für den Weg nach Palästina gut auszurüsten. Besonderer Dank gebührt der Firma N. Israel. Am 4. Dezember, abends, sind die Kinder nach Triest abgefahren. Vor kurzem verstarb in Jerusalem Rabbiner Dr. Meir Munk im Alter von ungefähr 65 Jahren. Der Verstorbene war ein Sohn des verstorbenen berühmten Altonaer Raw Eli Munk und ein Bruder des jetzigen Rabbiners der Berliner Adas Jisrocl-Gemeinde und Führers der Agudas Jisroel Dr. E s r a M u n k. Das Parlament in New Victoria bat Herrn 11. Cohen zum Minister für Unterricht und Volksbildung ernannt. Herr H. Cohen ist der erste jüdische Minister in Australien.

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