Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-12-11 · Heft 98 (11.12.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 98 (11.12.1928)
Date
1928-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653057--20443-2678424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

VON JÜDISCHER MUSIK Nr. % tt DeasnW 1928 BEILAGE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Redigiert von Alice Jacob-Loewenson Erich Walter $teraber$ Unter den Komponisten, die es mit der Neubelebung unserer Musik ganz ernst meinen, steht der Berliner Komponist Erich Walter Sternberg in vorderster Reihe. Seit Beginn seiner rächen musikschöpferischen Tätigkeit ist er in Werk und Geist darauf konzentriert, aus seiner Struktur heraus eine legale Bah* nung zu neuem jüdischen Stil zu finden. Schärfste künstlerische Einsicht und eminentes Verantwortungsgefühl erleichtern nicht seinen Weg, aber verstärken ihm seine Intensitäten. Jede seiner edisch-genchteten Kompositionen stellt eine neue, originelle und teressante Lösung dar. Aus der — fraglos richtigen — Erkenntnis heraus, daß fegliehe Art der in der abendländischen Musik üblichen MehTsthnmigkeit dem jüdischen Gesang etwas Fremdes hinzufügt, hat er zu Hymnen von Jehuda Halevy unbegleltete Sologesänge geschrieben, deren Einlinigkeit von starker, explo- •Iver Dynamik ist. In seinen beiden Streichquartetten verwendet er frei-phantasierend-rhapsodisch jüdische Synagogal- und Volks* melodien. Die Thematik seiner beiden großangelegten klavierwerke, der achtsätzigen Suite ״Oestliche Visionen“ und der Komposition ״Priludiumund Fug e“, die kürzlich von Frau Burstein-Arber in Palästina ur- und am 6. Dezember durch die talentierte Pianistin Gertrud Bamberger in Berlin erstaufgeführt wurde, versuchen aus späten Form- Prinzipien der europäischen Kunstmusik (Polyphonie, Variation usiv.) und aus wesenhaft-jüdischen Motiven "Synthesen zu schaffen, deren vollkommenes Geglücktsein allerdings fraglieh erscheint. Der Weg zur typisch-jüdischen Mehrstimmigkeit dürfte in einer anderen Richtung zu finden sein, und gerade Sternberg wird ihn eher von seinen einstimmigen Liedern her ertasten können. Mir scheint, daß hier, wo es sich um das Aufspüren seiner urzeitlichei!, organischen Quellen handelt, ihm sein übersorgsames europäisches Form-Bewußtsein etwas im Wege ist, so daß tr bisweilen den Höhepunkt der ausdrucksmäßigen Klärung überschreitet auf Kosten der Residuen des Chaos, die auch das restlos durchgestaltete Kunstwerk vielleicht nicht verleugnen darf. In einer weniger jüdischen, mehr allgemeinen Musiksphäre stehen einige seiner Lieder, deren Texte jüdische Inhalte haben (״An eine Jaffa-Orange“. ״Hör* nur, du schönes Mädele“, ״Moses' Wiegenlied“ u. a.). Auf dieser Linie bewegt sich auch sei» ״Goliath und David“ (für Bariton und Orchester). Diese Tondichtung von neuartiger formaler Verve und instrumentalem Witz, voD überlegenem, volkstümlichem Humor ist vielleicht Kol Nidre, die Leo Kopf in seinem nächsten Konzei? uraufführt Sterabergs Werlte jüdischer Richtung bilden nur einen kleinen Teil seines Musikschaffens. Er ist Besonders produktiv auf dem Gebiet der Liedkomposition. Seine Werke werden von ernten Interpreten in Deutschland, Ruffland und Palstina aufgeführt .~...A I tce. ~.- Die erste indische Filmmusik Der neue Palästina-Film des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod,,der einen erheblichen Fortschritt auf dem Wege der Palästina-Fflm-Technik darstellt, unterscheidet sich auch darin wesentlich von seinen Vorgängern, daß ihm eine einheitliche, eigens für ihn zusammengestellte Begleitmusik be}• gegeben wurde, die der junge, palästinensische Kapellmeister MaxLampel komponiert hat So hatte man bei der Berliner Uraufführung des Films Gelegenheit, die erste jüdische Filmmusik zu hören, ׳die je produziert wurde. Erinnerungen an frühere Palästina- Filme, deren Musik wahllos, kritiklos und geschmacklos aus Schlagern niedersten Genres zusammengestückelt worden war, verblaßte vor der überströmenden Fülle wunderschöner, meist bekannter palästinensischer, und ostjüdischer Volksmelodien, die an uns vorbeizogen und sich mit den Klängen der Landschaft von Erez-Israel verbanden. A. J.-L, f Zum Kampf um die neue Musik ״Neue Jüdische Musik“? Die bekannte Berliner Pianistin, Komponist» und Vorkämpferin für moderne Musik Alice Jacob-Loewenson setzte sich wieder einmal mit ihrer Kunst und unter Mit- Wirkung der beiden ausgezeichneten Gesangskräfte Rahel Kaufmann und Leo Kiasanzew für ״Neue jüdische Musik“ ein. Die Namen der Komponisten: Oregoire Krein, Josef Achron, Alexander Weprik, Mordechaj Sand- Berg, Mario Casteinuovo-Tedesco und Darius Milhaud beweisen, daß es die ״Neusten sind, die sich erdreusten*', ferner, daß es tatsächlich Künstler sind, die all die Wagnisse im Zeichen Schönbergs und anderer Experimentatoren vollführen. Für den Laien ist das Anhören dieser Art Kunst ein Martyrium und für den Kritiker, der nicht (wie schon eher die Ausführenden) die absolute Pflicht hat für alles, was neu ist, sich einzusetzen, ein trübes Erlebnis. Denn diesen Stücken haftet zu sehr die Not des Wollens und nicht die des Müssens an. Neu war die meiste Musik nicht, denn man kennt bereits diese zweifelhafte Art zur Genüge. Jüdisch ist sie nur Insofern, als hier und da manches abgebrauchte jüdische Motiv benutzt wird, und Musik ist diese Produktion in sehr bedingtem Sinne. Einzig Castelnuovo- Tedesco erscheint mir modern und dauerhaft zugleich. Auch der ״Zionshymne“ von Milhaud, eines nationalen Reißers, den Riasanzew mit Bravour vortrug, sei gedacht Frau Kaufmann war glänzend disponiert und verhall den textlosen Gesängen zur möglichsten Wirkung. Das Manuskriptwerk des wahrhaften Juden Sandberg ist in der Melodietührung besser als in der Begleitung, die die schöne, gehobene Weise vielfach unmotiviert beunruhigt. — Alice Jacob»Loe\venson spielte und begleitete mit großer Hingabe an die nicht gerade dankbare Aufgabe. Arno Nadel. Tradition and Zusammenhang mit dem Lebendigen am 20. November so bedeutsam und wichtig machte, war die Tatsache, daß hier zum allerersten Male der Versuch unter! nommen wurde, die Strömungen der jüdischen Musik in verschiedenen Ländern zu zeigen. Hierbei gelangten naturgemäß tungen huldigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Art der Zusammenfassung, wie sie die Konzertgeberin, Frau Alice Jacob-Loewenson, in der Programtogestaltung zum Aus• druck brachte, in einer besonderen Weise einen Weg zur Förderung des Zionistischen Gedankens darstellf, näm• lieh die vielfältigen jüdischen Kulturen zunächst mit unserer deutschen und auch miteinander bekannt zu machen und auf diese Weise das gegenseitige Verständnis anzubahnen. Denn wer an jenem Abend etwas intensiver in die einzelnen Vortragsstücke hineinhörte, konnte deutlich merken, wie weit die jüdischen Komponisten der verschiedenen Linder vonfW Ausdrucks- ך Von A. Weprik-Moskau, dessen Werke im Russischen Staatsverlag Moskau, in der Universal-Edition Wien und bei B. Schott-Mainz gedruckt sind, wurden in diesem Jahre in Berlin folgende Werke aufgeführt: ״Totenheder“, für Bratsche utid Klavier (im Rahmen der Berliner Funkstunde); ״Viohn- Suite“ und ״Zwei hebräische Lieder“ (in der Gesellschaft zur Förderung deutscher Kunst); der ״Kaddisch“ wurde schon einmal im vorigen Winter innerhalb des Vortragszyklus von Alice Jacob-Loewenson in der Freien Jüdischen Volkshochschule von Frau Rahel Kaufmann gesungen. Castelnuoro-Tedeseo gemeinsam hat; ebenso be-1 deuten die Namen Sandberg und Milhaud zwei polare Welten. Und trotzdem wird die Achse, die alle diese schöpferischen Kräfte treibt, für den nachdenklichen Hörer überdeutlich. Nicht nur in der jüdischen Gedanken-; und Vorstellungswelt ist ein markanter Abschnitt erreicht. Die politische Neugruppierung blieb nicht ohne Einfluß auf uns Juden. Vieles von dem, was wir für unerschütterlich gehalten, viele äußerliche Dinge, welche für uns festgegründete Tatsachen waren, sind wie Spreu zerstoben. Es gibt eigentlieh nur zwei große Prinzipien in Kunst, Religion, Wissenschaff, Staatenkunde — kurz, in den wichtigsten geistigen und menschlichen Fragen: die altehrwürdige Tradition und der Zusammenhang mit dem Lebendigen. Die Ueberllefenmg* muß immer von neuem mit schöpferischen Kräften durch-; leuchtet werden, soll sie nicht lebensfremd verdorren. Andererseits ist jede echte Revolution eine —• Evolution, ein natürliches und gesteigertes Wachstum.; In Zeiten wie der unserigen, da die Besinnung auf sich selbst unser Volk endlich wieder aktiver werden läßt, hat es der geistige Jude ganz besonders schwer. Daher greifen die Tonkünstler aller Länder mehrfach ln den ewigen Bann unserer Volksweisen und Volkstänze zurück, um den Zusammenhang mit der Tradition zu erneuern und zu betonen. Am stärksten dokumentiert sich die neue jüdische Musik in Rußland, wo eine Gruppe von national-jüdischen Komponisten am Werk ist. Von da wird dem in Musik nicht bewanderten Juden die Brücke des Verständnisses am leichtesten. Weprik hat z. B. in seinen ״Volkstänzen“ einen Stil erreicht, der nicht als jüdisch oder russisch zu bezeichnen Ist, sondern der jene metaphysische Immaterialität hat, die ihn auf eine Ebene mit aen ernstesten Schöpfungen seiner Zeitgenossen stellt In gewisser Beziehung war an diesem Konzertabend Morde-! chai Sandberg die interessanteste Erscheinung: eine Mischung von weitabgewandter Gelehrsamkeit und stark aus-, geprägtem formalen Sinn .... j Ein Wort noch über die Interpretation, die ja in diesem! Falle eine besonders wichtige Rolle spielt Ein jedes Zeitalter verlangt seinen eigenen Stil. Die ein wenig naturalistisehen Gesangsstimmen werden wohl am meisten im Publikum befremdet haben. Wir sind durch jahrhundertelange Konzert- und Synagogentradition verwöhnt und bedenken nicht, daß die wahre Inbrunst der Empfindung sich selbst am strengsten die Grenzen der Aesthetik vorschreibt. Dieser Umstand wurde am deutlichsten in den Gesängen ohne Worte, wo der Gefühlsinhalt nur im Melos der Singstimme zum Ausdruck gelangt Es dürfte aber auch Meinungen gegeben haben, welche die ganze Veranstaltung für eine gelinde Profanation betrachteten, und dies um so mehr, je stärker der Zusammenhang mit dem Ritus hervorgehoben wurde. Da muß ich mich offen und ehrlich zu einer freieren Auffassung dieser Dinge bekennen. Für mich wandelte sich in solchen Augen-1 blicken der Konzertsaal zur Synagoge. ,j Karl Wiener. ׳ " Erziennng znr.uoauuauaia»״»—-—- Alice Jacob-Loewenson, die für diese Veranstaltung verant* wörtlich zeichnete, Ist ein Musiker, dem man schon den Mut Zutrauen kann, ein Programm, ohne Konzessionen an die Masse zu machen, zusammenzustellen. Diesds Programm sollte also erzieherisch wirken. Tatsächlich ist das der richtige Weg, um sich langsam von gewissen Schablonen zu befreien und allmählich ein Publikum heranzubilden, das fähig ist, jüdische Musik ihrem tatsächlichen Werte nach zu beurteilen. Und die jüdische Jugend, der für solche Zwecke wichtigste Jfldfcehe Schallplatten za Channkkab ״Moaus Zur“, unser fromm-heiter-naives Chanukkah- Lied, erschien auf zwei Undström-Platten. Einmal vom Chor des Friedenstempels unter Chemja Winawer's Leitung esungen (Odeon) und einmal als Solo von Hermann Jleischmann, Köln, mit großem Orchester (Parlophon). Fleischmann ist ein ganz vorzüglicher Sänger. In derselben Besetzung gibt es ein wunderschönes ״W’schomru“ von Ntum bourg. (Es ist immer noch als Rarität zu buchen wenn Synagogen-Kompositionen, die nicht von Lewandowsky sind, angenommen werden.) Um die Chanukkahzeit pflegt das Interesse für j ü d i s c h e Volkslieder wieder aufzuleben. Von älteren derartigen Platten sei hervorgehoben: Der Parom (Oberkantor Gordon, Homocord), ״Der Eberschter is der M'chutten“, ״Das Foirele“ (Oberkantor Altschul, Vax), ״Der Talesse“ ״Der Fflosof“, ״Oifra Pripeisehek“, ,ich benk!heim“ (Leo Gollanin, Vox). Volkslieder in modernen Bearbeitungen gibt es bis heute noch nicht. Amu der Redaktion. Anläßlich des Konzertes der BerUmr Zionistischen. Vereinigung ,Neue jüdische Musik” (am 20. No• vember) haben wir einige Komponisten und Masiksehriftsteüer geheim, Sns ihren Eindruck und ihre Stellungnahme darzusteUm. Et liegt uns hierbei natürlich weniger an einer Gegenübersietlmg mehrerer JCritBcen” dm einen ,Moniertes” als daran, tum Verständnis dm jüngsten jüdischen Mmikbewegung. für die jene Veranstaltung nur ein Vorstoß sein sollte, weitere Perspektiven zu gewinnen. Im folgenden Süßem sich: Arno Nadel, der auf Ersuchen der ,Jüdischen Rundschau” das Konzert besucht hat; der Komponist K ar l Wien er, der sich als ׳Musikbeirat der ,ßerliner Funkstunde“ um die Aufführung moderner Musik im Rundfunk Verdienste erworben hat; der Komponist Wladimir Vogel, Mitglied des Berliner Arbeitsausschusses der ״Internationalen Gesellschaft für neue Musik“ und der Kapellmeister Leo K op f , Dirigent des kürzlich ge• gründeten Jüdischen Chors“. Für das Chanukkah-Fesi (Weihe-Fest): Hebräische Gesänge auf Musikplatten Odeon« und Parloplhon- Einige der neuesten Aufnahmen: Verstärkter Syn&gogen~Chor vom Fliedenstempel, Berlin Leitung: Oiemia WInawer 0-2615 Moos Zur, Chanukahhymne (Lewandowsky) Neumondsweihe: ״Es wird nicht untergehen״ (Lewandowsky) 0-2619 Moos Zur, Chanukahhymne (Lewandowsky) Adon olom (Lewandowsky) Solo: Cantor Hartenberg Oberkantor Hermann Fleischmann, Köln a. Eh. P-9329 Moaus zur Je'schuassl (nach Berggrün) Aufnahmen für alle Jüdischen Felerfagel Vorspiel ohne Kaufzwang bereitwilligst in den offiziellen Verkaufsstellen des Lindstrdm-Konzcrns: Odeon-Muslk-Ham CLm.b. H., Berlin W 6, Leipziger StraBe 110 Parlopfcon-Haus, Berlin NW 7, Friedridistrabe 91 Columbia-Musfk-Haus, Berlin W iS, Kurfürstendamm 29 Richard Rühle Musikhandel G. m. b. H., Berlin S 41, Oranlenstra&e 64 temer in allen anderen Odeon- und Parlophon-Musik-Häusem und besseren FachgesdiSßen. CARL LINDSTRÖM A. G. BER1LIN SO 30

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.