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Jüdische Rundschau · 1928-12-11 · Heft 98 (11.12.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 98 (11.12.1928)
Date
1928-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 090 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 98, II. XU. 1928 Die Klagemauer״Affäre — von Genf aus gesehen (Von einem gelegentlichen Korrespondenten.) Der Zufall brachte mich nach Genf, gerade zu der Zeit, da dort die Permanente Mandatskommission tagte, die unter anderem auch die Klagemauer-Affäre prüfen sollt«!. Dank meiner persönlichen Beziehungen einerseits zu dem Delegierten der Zionistischen Organisation in Genf, Herrn Dr. Victor Jacobsori (mit dem mich eine jahrelange Freundschaft verbindet), andererseits zu manchem Mitglied des Sekretariats des Völkerbundes und zu einigen Mitgliedern der Permanenten Mandatskommission selber, ist es mir gelungen, einen genauen Ueberblick über die Verhandlungen wegen der Klagemauer zu gewinnen — darüber hinaus muhte icn über unsere Politik im allgemeinen nachdenkcn. — Vieles habe ich nur als ״streng vertraulich“ erfahren; und so will ich versuchen, ohne einen Vertrauensbruch zu begehen, den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ zu erzählen, wie, von Genf aus betrachtet, die Klagemauer-Aftare aussieht und alles andere in unserer Politik, was dieser Fall aufs neue beleuchtet hat. Zunächst möchte ich ein paar Worte der Arbeit unseres Vertreters widmen. Dr. Jacobson hat eine schwierige Aufgabe zu lösen. 111 den meisten Fällen, da er die zionistischen Forderungen zu vertreten hat, würde er natürlich die Aussichten seiner Aktionen bedeutend günstiger gestalten, wenn er sich auf die ״öffentliche Meinung“ stützen könnte. Durch den Charakter seiner Tätigkeit, die naturgemäß in erster Linie auf persönlichem Verkehr, auf vertrauliehen Beziehungen aufgebaut ist und aufgebaut werden muß, ist cs ihm unmöglich gemacht, einen Appell an die öffentliche Meinung zu richten, muß er jede Mitteilung an die Presse meiden, so daß seine Arbeit, in ein ״mystisches Dunkel“ gehüllt, den meisten unsichtbar bleibt. ״Ich glaube,“ sagte er mir — halb scherzhaft, halb traurig—, ״ich glaube, sogar für meine nächsten Freunde werde ich allmählich zu einem Mythos....“ Und doch ist es ihm gelungen, sich und der von ihm verfretenen Sache eine Position zu schaffen; er hat es verstanden, zu den meisten in Betracht kommenden Persönlichkeiten feste, zum Teil sehr herzliche Beziehungen anzuknüpfen; man hat in ״Genfer Sphären“ Vertrauen zu seiner absoluten Autrichtigkeit, zu der Echtheit seiner Berichte und Mitteilungen, zu seiner vollen, enthusiastischen Hingabe an seine zionistischen Ideale und an die Ideale des Völkerbundes.... In diesem Falle, glaube ich sagen zu dürfen, hat er alles getan, was getan werden konnte, um eine Aufklärung über den wahren Charakter und die Berechtigung der jüdischen Forderung und über den Ernst der durch den Vorfall an der Klagemauer geschaffenen Lage dem Sekretariat des Völkerbundes und den Mitgliedern der Permanenten Mandatskommission zu vermittein. Es wurde diesen Stellen sehr viel — eher zu viel als zu wenig — Material zugeführt, es haben viele Besprechungen stattgefunden, es wurde um diese Frage eine wohlwollende Atmosphäre geschaffen. Es ist interessant, hervorzuheben, daß im ״Journal de Gencvc“ wohl zum ersten Male ein Leitartikel der zionistisehen Frage gewidmet wurde, und zwar aus der Feder des prominentesten Genfer Journalisten, William Martin, dessen Artikel seit Jahren den kompetentesten und schwerwiegendsten Kommentar zur Tätigkeit des Völkerbundes bilden und ihrem Verfasser den Ruf eines der besten und der am meisten gehörten Kenner und Beurteiler der Ideologie und der Praxis des Völkerbundes gesichert haben. In gewissem Sinn war der Artikel im ״Journal de Geneve“, der der zionistischen jüdischen Aüffassung volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen suchte, ein Ereignis! Es wird manchem von uns merkwürdig erscheinen — so auch mir —, daß in einem solchen Fall die Aufklärungsarbeit so nötig und so schwer gewesen sei. Wir alle dachten, daß die häßlichen Szenen der Vergewaltigung an dem für uns heiligsten Orte und in der für uns heiligsten Stunde eine allgemeine spontane Entrüstung Hervorrufen werden. Sollen wir uns darüber wundern, sollen wir uns beklagen, daß es eigentlich fast nirgends und fast bei keinem auch der aufrichtigsten Freunde des Zionismus der Fall war? Ja, wir sollten öfter darüber nachdenken, wie schlecht die anderen uns und wie schwer wir die anderen verstehen. ״Und keine Brücke ist von Mensch zu Menschen.“ Um so mehr in solchen Fällen wie dieser, da in der christlichen Seele, auch in der besten christlichen Seele, der ״alte Glaube“ und die alten ״Erinnerungen“ erwachsen. Der große französische Philosemit A. Leroy-Beatilieu sagte mal: ״Devant un Juif, un chretien — meme athee — se souvient qtie c’ötaient les juifs qui ont crucifiö Jesus.“ Und der feine, der kultivierte ״Unsterbliche", der für all es Verständnis und Sympathien hatte und in der Suche nach Gott nach Palästina gegangen ist, — Pierre Loti schrieb über die ״Juden an der Klagemauer“ in ungefähr solchen Worten: ״C'est tout de meme touchant de voir ces Juifs, encore maintenant, aprös deux mille ans, pleurer devant ce mur — leur indöpendance et leur splendeur d’autre fois.... O n p 1 c 11 - rerait avec eux si ce n’ötaient pas des juifs. Ils portentunstigmateindelibilesurleursfronts: On ne crucifie pas impunöment un J ö s u s.“ Diese ״Psychologie“ ist ein Faktor von entscheidender Bedeutung, den man nicht vergessen darf, wenn man sich ein Bild über die eventuelle Stellungnahme der Mitglieder der Mandatskommisslon zu unseren Forderungen machen und für diese Forderungen die am besten passende und Erfolg versprechende Fassung finden will. Die Mitglieder der Kommission sind gerechte, gewissenhafte und — in ihrer großen Mehrheit — wohlwollende Menschen. Sie wollen die Wahrheit ergründen, sie wollen die ihnen anvertraute Kontrolle über die Gestion dc-r Mandatarmacht elu^ich ausübeii. Zugleich sind diese ziemlich alten Menschen fast alle erfahrene frühere hohe Kolonialbeamte, große Administratoren und Verwalter. Die meisten von ihnen treten an die Erfüllung ihrer Aufgaben in der Ueberzeugung־, daß sie alles besser verstehen, als ihnen Petitionäre oder Vertreter derselben sagen könnten. Sie bringen zu der Prüfung der Angelegenheiten in den Mandatsländern naturgemäß ihre gewohnte Denkweise der alten routinierten kolonialen Administration mit. Nur sehr wenige von ihnen betrachten die Sachen unter dem Gesichtspunkt der ״neuen“ Völkerbundsideologie. Sie haben ein prädestiniertes Verständnis und Mitgefühl für die Schwierigkeiten und Nöte der ״Administration“, für die Rechte des schon Bestehenden, für den ״Primat“ der ״Sehnsucht nach Ordnung und Ruhe.“ Sehr viele von ihnen sind in ihren allgemeinen An* schauungen und Doktrinen konservativ gestimmt. Viele, wohl die meisten von ihnen, haben aufrichtige Svmpathie für das jüdische Werk in Palästina, und wissen die hohen kulturellen Werte zu schätzen, die von Juden dort geschaffen werden. Aber sie haben noch mehr Verständnis für die Maximen eines langsamen und vorsichtigen Vorgehens, die d e Mandatarmacht auf alle wenn auch noch so leisen Vorstellungen und Mahnungen immer anruft. Sehr viele von ihnen haben ein aufrichtiges Vertrauen zu dem ״savoir faire“ der englischen Kolonialbeamtcn und erblicken in den englischen Sympathien für den Zionismus die höchste Gewähr für das Gelingen der Sache. Gerade darum, meinen einige von ihnen, sollten die Zionisten vor allem daran denken, diese Sympathien nicht zu verscherzen. Gerade unsere besten Freunde in Genf betonen oft die Gefahr, alles durch ״voreilige“ und ״unbesonnene“ Forderungen zu kompromittieren und zu zerstören, die Notwendigkeit in allen .,Detailsfragen“ nachzugeben und nicht wegen ״Nebensächlichkeiten“ das große Endziel aus dem Auge zu verlieren. Unsere Sache präsentiert sich dem Genfer Tribunal etwa in folgender Weise: Die Polizei hat sich skandalös benommen, das unterliegt keinem Zweifel, und die Kommission soll natürlich ihr ״Bedauern“ darüber aussprechen. Dies um so mehr, als auch die Regierung über die Vorgänge am 24. September in ihrem offiziellen Communiquö ihrem ״Bedauern“ Ausdruck gegeben hatte. Die Mitglieder der Kommission verstehen ganz gut aus alter Erinnerung, was ein solcher offizieller ״Ausdruck des Bedauerns“ für einen Administrator bedeutet. Sie legen der Notwendigkeit, das Gesicht zu wahren, das Prestige der Agenten der Administration der administrierten Bevölkerung gegenüber zu schützen, eine Bedeutung bei, die den gewöhnlichen Sterblichen weniger plausibel ist. Sie nehmen daher Anstoß an dem Vorgehen der Juden, die schon aus Vorgängen des Jahres 1925 gesehen haben sollten, daß die Administration keine Abweichung von den herkömmliehen Gebräuchen dulden wird, und jetzt wiederum, ohne die Administration zu befragen, ein ״fait accompli“ schaffen wollten. ״Es wurde doch schon einmal verboten! Warum machen es die Juden doch — gegen die Verbote? Warum verstehen die jüdisehen oder die zionistischen verantwortlichen Instanzen nicht, daß die Mandatarmacht — nach dem Artikel 13 — verpflichtet ist, den Status qu o aufrechtzuerhalten?“ Alle Zionisten freuen sich bei der großen Festveranstaltung anläßlich der Erwerbung der Haifa -Bay Donnerstag bei Kroll Die ganze Kompliziertheit der dortigen Verhältnisse — der Unterschied zwischen dem Status des naram-al-Scheriff —, der wirklichen ״Heiligen Stätten" der Araber — des alten Tempelplatzes mit «der dort aufgebauten Omar-Moschee und dem Status des Köthels Ha-Maarawi, der Westmauer, die einen Teil des Fundaments für den Tempelplatz, mit der Omar-Moschee darauf, bildet, aber an sich nie ein Objekt der moslemischen Anbetung darstellte, nie einen ״Kult“ um sich erzeugt hatte, ist ihnen nur allmählich zum Bewußtsein gekommen. Noch weniger klar ist ihnen — das dritte Glied dieses Fragenkomplexes — die ״Pia2zetta“ vor der Klagemauer, mit den sie von der anderen Seite begrenzenden Hüttchen, des Waqf Abu-Madian. Sie wissen nur, daß gewisse rechtliche Verhältnisse bestehen und daß die Mandatarmacht den ganzen Inbegriff derselben als den ,,Status quo“ bezeichnet, dessen Aufrechterhaltung und Verteidigung zu sichern sic sich nach den Verfügungen des Mandats verpflichtet fühlt. Die Aufgabe der Mandatskommission bestand aber, so schien es mir, gerade darin, sich zur Auffassung durchzuringen, daß mail unter ״S t a t u s q u o“ nicht die Aufrechterhaltung aller dieser Schikanen (wie die Verbote, Schemel oder Bänke oder einen Schirm mitzubringen oder einen breiteren Aron Kodesch aufzustellen oder mehr als fünf Lampen änzuzünden), alter dieser Ueberbleibsef aus alten Zeiten verstehen darf. Die Kommission hätte klar machen sollen, daß der Kampf um diese Formalitäten vielleicht in der alten Zeit der Türkenhcrrschaft zu Recht bestand, als man durch die Schaffung solcher Präzedenten Rechte ״ersitzen“ oder erwerben konnte. In einem modernen Gemeinwesen aber, in einem Land, für dessen Aufbau das Mandat einer Macht wie Großbritannien anvertraut' wurde und über welches der Völkerbund die Kontrolle ausübt, sind aber solche Zustände unstatthaft. Die Kommission hätte erklären sollen, daß es die Pflicht der Mandatarmacht ist, die Bevölkerung Palästinas zum Verständnis der ״neuen“, menschlicheren Beziehungen zu erziehen, daß eben diese Erziehung ״une mission sacree de la civilisation“ (wie Art. 22 des Paktes sagt' bildet. Sie hätte sagen sollen, daß eine solche Erziehung durch Sanktionierung von Schikanen als unantastbare Rechte nicht erzielt werden kann. Die Wahrung des Status quo soll und kann nur darin gefunden werden, daß man, den bestehenden moslemischen Rechten in vollem Maße Rechnung tragend, auch die jüdische, seit uralten Zeiten bestehende Servitut des freien Betens als zu Recht bestehend anerkennt, und dafür würdige und dem jüdisehen Kultus entsprechende Formen sichert . . . Sie sollte den Klagemauer-Fall in seiner allgemeinen und ״symptomatischen“ Bedeutung betrachten, die er für die Beurteilung der Zukunft des Jewish National Home hat. Es stehen nämlich ungeheure, fast unüberwindliche Schwierigkeiten für den Aufbau des Jewish National Home vor uns, falls die Mandatarmacht nicht der palästinensischen Administration klare Weisungen darüber gibt, daß sie sich nicht hinter formale Anwendung und strikte Auslegung der vom ״Status quo ante“ überlieferten Dispositionen verschanzt. Es geht nicht, einerseits sich zur Ausführung des Mandates zu verpflichten — dessen Art. 2 stipuliert, daß ״the mandatory shall be responsible for placing the country under such political, administrative and economic conditions as will s ecu re the establishment of the Jewish National Home“ —, andererseits alle bestehenden juridi- Sehen Ansprüche der Nichtjuden in Palästina, alle von ihnen innegehaltenen wirtschaftlichen Positionen, als ein sakrosanktes, unantastbares Recht zu erklären, sie als einen Status quo zu proklamieren, an dem nicht gerührt werden darf. Man darf diese Gedankengänge nicht mißdeuten. Wir verlangen natürlich keine Vergewaltigung der Araber, keinen Raub an ihren begründeten rechtlichen Forderungen, keine Verdrängung des arabischen Mitbürgers aus seinen ökonomischen Positionen. Aber es ist nur recht und billig, daß wir verlangen: es sollen die beiden ״Rechte“, die jüdischen und die arabischen, in Einklang gebracht werden, ohne daß die eine Partei in ihren wesentlichen Interessen der anderen geopfert wird. Es sei gestattet, dies an einem Beispiel zu illustrieren. Man kann in den Protokollen der XIII, Tagung der Permanenzen Mandatskommission (S. 56) nachlesen, wie der Vertreter der palästinensischen Administration, Herr Symes, aut die ihm gestellte Frage wegen der Verminderung der Zahl der Büffel in den Kabbara-Siimpfen antwortet: ״Die Beschwerde gewisser atabischer Stämme geht dahin, daß die Sümpfe, in denen früher die Büffel lebten, ausgetrocknet worden sind, so daß die Büffel zugleich mit den Moskitos verschwunden sind.“ Das deutet an, was wir sagen wollen: das Kommen der Juden ins Land hat bedeutet und wird bedeuten eine Aenderung des Status quo; den Beginn einer neuen Aera, die bessere, menschlichere Bedingungen schaffen will, zunächst für die Juden, da darin die einzig mögliche, einzig würdige, einzig erstrebenswerte Grundlage für das Jewish National Home gegeben wird. Aber die Wirkung dieser Neuerungen wird naturgemäß auch für das ganze Land und seine ganze Bevölkerung gelten. Wir müssen die Sümpfe trocken legen, wenn auch dadurch gewisse arabische Besitzer in ihren ökonomischen Interessen berührt werden! Hier ist die Wahl: Sümpfe -f- Büffel -f־ Malaria Status quo; drainierter Boden andere reichere Kuituren 4־ gesunde Menschen jüdische Forderung! Hier ist die Wahl: versklavte Fellachen, niedriger Arbeitslohn, unmöglieh niedriger Standard of life, skandalöse Kindersterblichkeit, vergnügte Großgrundbesitzer und andere Inhaber der Wirtschaftliehen und politischen Machtpositionen — Status quo; höhere Löhne, ״fair wages“-Prinzip, entsklavte arbeitende Massen, Gesundung der Bevölkerung, Steigen des allgemeinen Wohlstandes und des Kulturniveaus und dadurch Ausgleich zwischen Juden und Arabern, trotz der Fronde und der Intriguen mancher arabischer ״Führer“ des alten Typus — jüdische Forderung! Was wir wollen, liegt auf der Linie des lokalen — palästinischen — und des allgemeinen menschlichen Fortschrittes. Darin ist unser Recht begründet, demgegenüber die bestehenden juristischen Ansprüche, die gegen unser Werk ins Feld geführt werden, wie ein ״Rechtsmißbrauch“ schlimmster Sorte erscheinen.... Fs erfüllt uns mit Genugtuung und gibt uns Berechtigung, den Sieg unserer Bemühungen mit Ruhe und Zuversicht zu erwarten, daß wir in unserem Kampfe für das neue Recht, für das bessere Recht kämpfen und, als Gesinnungs- und Bundesgenossen, alle wirklich fortschrittlichen Elemente der Wissenschaff und der Politik auf unserer Seite haben! Mit ihnen zusammen kämpfen wir für den Sieg der Theorie de l’,,Abus de droit“, die große Siege im Privatrecht schon gefeiert hat und mehr und mehr auch im öffentlichen Recht Anwendung findet. Betrachtet man im Lichte dieser, in allen Kulturnationen sich durchsetzenden Theorie, sieht man so von Genf aus —- auch die Klagemauer-Affäre —, dann ist kein Zweifel, worin die Lösung Hegen kann! Hier ist kein Konflikt zweier Religionen und zweier Rassen, ist kein Konflikt zwischen Arabern und Juden, kein unüberbrückbarer Widerspruch zwischen zwei entgegengesetzten und unkompatiblen Forderungen, den die Mandatskommission, den die englische Regierung vor sich hat. Es ist nicht einmal ein Streit zwischen zwei Konfessionen über eine ihnen beiden gleich heilige Stätte. Es handelt sich um das Recht der Juden, in anständigen Formen ihren Gottesdienst zu verrichten auf einer ״Piazzetta“, die einem ״Waqf“, einer Stiftung, gehört, wobei die ״Besitzer“ diesen Platz n i e zu religiösen Eichungen benutzen, sondern ihn als g e w ö h n I i c h e S t r a ß e gebrauchten, wo sie spazieren gehen, durchwandern, ihre Esel treiben, wo der ganze Unrat aus den an seiner Seite aufgebauten Hütten, nach der schönen orientalischen Sitte hingeworfen wird! Man kann bei der größten Anstrengung der wildesten Phantasie sich gar nicht vorstellen, worin die ״Rechte“ der dort wohnenden marokkanischen Araber, oder die Rechte der Stiftung, oder der muselmanischen Gemeinde berührt oder gemindert werden könnten, wenn man das jüdische, de facto bestehende Recht, dort zu beten, als zu Recht und nicht aus Toleranz bestehend erklärt, und dementsprechend die Ausgestaltung des jüdischen Gottesdienstes an dieser Stelle entsprechend den Gesetzen der jüdischen Religion garantiert! Man sollte wirklich an der menschlichen Vernunft und an menschlicher Gerechtigkeit verzweifeln, wenn man einen Weg zur Schlichtung dieser ״Streitfrage“ (und wie vieler anderer, die ihrer Lösung harren) nicht finden würde! Herr William Martin hat es verstanden und in seinem oben erwähnten Artikel die jüdische Stimmung vortrefflich und in drastischen Worten zum Ausdruck gebracht: er sagt da, daß die Juden ״ne parviennent pas ä comprendre ä quoi servent le sionistne, le mandat et la declaration Balfour, s’ils ne peuvent meme pas prier en paix au Mur des Pleurs“! Auf wieviele andere jüdische Forderungen könnte man dieselbe Formel anwenden! Darin vielleicht liegt das wichtigste Merkmal dieses Klagemauer-Vorfalles, dab er für Alle, die Augen haben um zu sehen und Ohren um zu hören, die ganze'Unhaltbarkeit der Taktik der palästinensischen ßeamtensenaff in solchen Fällen und ihrer Duldung durch die Mandatarmacht und durch die Mandatskommission in das grellste Licht bringt. Aus unserer Verehrung des Genfer Gedankens, aus unserer innigen Verknüpfung mit der Ideologie des Völkerbundes wünschen wir, daß die Mandatskommission die ihr vorgezeichnete Rolle in dieser Entwicklung richtig einschätzt und in erster Linie dem neuen Gedanken, der iin Mandatssystem im allgemeinen und im Palästina-Mandat im besonderen niedergelegt worden ist, zum Siege verhilft. Ihre Mitglieder müssen dazu große Anstrengung machen, um die Hemmungen, die vor allem in ihrer Psychologie und ׳ Denkweise wurzeln, zu überwinden. Sie werden es tun, wenn sie dem Sinne ihrer ״Mission sacrce“, ihrer heiligen Mission, treu bleiben wollen! Wir werden das unsere tun, um ihnen zu helfen. 1. T, Weizmann in Belgien Brüssel, 9. Dezember. (J. T. A.) Der belgische König hat am Donnerstag, den 6. Dezember, nachmittags 5 Uhr, den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. C h a i m Wei zmann in Audienz empfangen. Der König versicherte Professor Weizmann seiner großen Sympathie für den Zionismus und die jüdische Arbeit in Palästina und wünschte der Idee des jüdischen National hei ms Erfolg. Der belgische Senator Speyer, der Führer der Liberalen Partei, gab zu Ehren Dr. Weizmanns ein Diner, dem ein Dekan der Brüsseler Universität und eine große Zahl Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft beiwohnten. Die Judenschaft von Brüssel veranstaltete zu Ehren Dr. Weizmanns einen Empfang, an dem die Mitglieder des Konsistoriums der Gemeinde, der Grand Rabbin Dr. Ginsburger, der Präsident der Ica Philipson, und eine große Zahl jüdischer Persönlichkeiten Belgiens, von denen viele bisher dem Zionismus ferngestanden haben, teilnahmen. Am Sonnabend, den S. Dezember, gab der belgische Außenminister Huymans zu Ehren Dr. Weizmanns ein Frühstück, zu dein diplomatische und politische Persönlichkeiten geladen waren. Dr. Weizmann hielt an der Brüsseler Universität eine öffentliehe Vorlesung über das Thema: ״Die Errichtung eines Jüdisehen Nationalheims in Palästina“. Von Brüssel begab rieh Dr. Weizmann nach Antwerpen, wo er in einer großen öffentlichen Versammlung, sowie in privaten Zirkeln Ansprachen hielt. — Am Sonntag, dem 9. Dezember, verließ Dr. Weizmann Belgien, um sich nach Holland zu begeben. Frau Vera Weizmann In Berlin Frau Vera Weizmann wird in ihrer Eigenschaft als Vor- Standsmitglied des Weitverbandes zionistischer Frauen, der WIZO, Mitte Dezember in Berlin elntreffen, um hier eine Reihe von Besprechungen mit der deutschen Landesgruppe der Wizo, der Frauen-Arbeitsgemein- Schaft für Palästina, abzuhalten. Ihr zu Ehren veranstalten Frau Siegfried H ir s c h am Montag, dem 17. Dezember, nachmittags, und Frau Direktor Wassermann am Dienstag, dem 18. Dezember, je einen Empfang in ihrem Hause. Frau Weizmann, die eben aus den Vereinigten Staaten und Kanada zurückkehrt, wird über den Stand der Frauenarbeit in diesen Ländern, insbesondere über die Mitarbeit der Wizo- Gruppe in Kanada, Interessantes zu berichten haben.

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