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Jüdische Rundschau · 1928-12-07 · Heft 97 (7.12.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 97 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 97, 7. XII. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 681 Literatur ״Blatt Studie über Stefan Zweig Von Manfred Sturmann. I. Wie nach dem Kriege unser Leben ein völlig gcwandeltes Gesiebt erhalten bat, wie der Herbst 1918 den Lauf der vergangenen Jahre abschnitt und eine veränderte, wenn auch nicht neue und konsequent revolutionierte Epoche einleitete, so spüren wir auch in der Dichtung die Kerbe, die Vor- und Nachkriegszeit voneinander trennt. Mancher Dichter gewahrte nach Kriegsende, daß sein Werk ein ganzlieh verändertes geistiges Fundament verlangte, und daß vieles, was vor dem Kriege entstand, neben dein reißenden Strom des Gegenwärtigen verblaßt und ungültig geworden war. Erst als jene frühen Schöpfungen von dem großen Ereignis des Krieges dist anziert, sozusagen hi dorisch geworden waren, fand man wieder einen Weg zu ihnen. Es ist heute wieder möglich, Gedichte von 1900 zu lesen — aber unmittelbar nach dem Umsturz verstanden wir sie nicht, sie kreuzten nicht unsere Welt, sie waren überdonnert von der Wirklichkeit, die sich im Krampfe wand. Stefan Zweig, in der ersten Reihe unserer großen Dichter stehend, ist ein eklatantes Beispiel dafür, wie der schöpferische Mensch in sich den Laut und die Wandlung der Zeit mitmacht. Er selbst hat einmal in einer kurzen autobiographischen Skizze betont, daß sein Leben mit dem Kriege in zwei Hälften geteilt ist, in eine ruhende, harmonische, sorglose — und in eine bewegte, tausendfältige und verantwortungsvolle. Vielleicht verbindet sich mit dem Namen Stefan Zweig immer noch die Erinnerung an die Atmosphäre jenes schöngeistigen, elegischen, musikalisch-lässigen Wiens der Vorkriegszeit, an die klingende Welt der Rilke, Hof- 'י• mannsthal und Altenberg, an eine vornehme Daseinsform, gemischt aus Aristokratie und Intellekt, und an die überaus begabten und den Naturalismus wohltuend ablösenden Dichter eines liebenswürdigen und doch zugleich mutigen Weltbiirgertums. Der Jüngling Stefan Zweig schenkt uns zarte, lyrische Gebilde von einem erstaunlichen Wohlklang. Es sind die wohlgeformten Bekenntnisse eines reichen, unabhängigen, jungen Menschen, der die Welt durchfliegt in langen Reisen, dem es vergönnt ist, lernend zu Füßen der größten Geister Europas zu sitzen, einen Dichter wie Verhaeren Freund zu nennen, und der, so früh schon, beginnt, geistige Verbindüngen zu schaffen zwischen den Völkern, indem er ausländischen Dichtern, die man in Deutschland noch nicht kennt, durch Nachdichtung ihrer Werke Geltung und Ruhm verschafft. Stefan Zweig bedeutet in seinem Frühwerk, und man denke da besonders an die beiden Gedichtbände ״Silberne Saiten“ und ״Frühe Kränze“*), geradezu die Repräsentation dieses Wiens der Vorkriegszeit, das Kriegsende und Inflation hinweggespült hat. Diese Gedichte hätte kaum einer nach dem Kriege geschrieben. Es sind die Strophen des Abends und des Herbstes, der Reisen und der harmonisch gesehenen Landschaften. Sie sind von einer nahezu unwirklichen Zartheit und zeugen von einer Welt.jJje uns, die wir im Kriege Kinder waren und in einem wahnwitzigen Durcheinander aufwuchsen, unbegreiflich, ja märchenhaft erscheint. Diese Dichtung ist in ferne Gärten gelagert, zu denen der Schall der Straße und der Aufschrei der in Not Gequälten nicht dringt. Auch die ersten Dramen!״Thersites“, ״Das Haus am Meer“, ״Verwandelter Komödiant“) wären anders geworden, hätte Zweig sie nach dem Kriege geschaffen, ln dem ״Ersten Erlebnis“, seinen frühen Novellen — ״Geschichten aus Kinderland“ nennt er sie — finden wir jedoch schon Züge, die über diese wirklichkeitsferne Welt hinausdeuten. Es ist wohl kein Zufall, daß Zweig diese Kindergeschichten zum ersten Band seines Novellenkreiscs ״Die Kette“ bestimmt hat. In ihnen ist Wirklichkeit offenbar, hier glimmt, noch verhalten, bereits die Leidenschaft, die seine späteren Novellen beherrscht, hier ist kein Zustand, sondern bereits Bewegung, Entwicklung gegeben. ״Erstes Erlebnis“ ist die Schilderung der Menschen, die später, als Erwachsene, das Zweigsche Werk tragen. ״Brennendes Geheimnis“, wer kennte es nicht, ist eine klassische Novelle geworden und hat den Namen Stefan Zweig überall hingetragen, wo man geistige Kost in schöner Form verlangt. Schon im Kriege vollzog sich die Wandlung. Stefan Zweig schreibt das Drama ״Jeremias“ und nimmt, obschon symbolisch, Stellung zur Wirklichkeit. Mit diesem Drama ruft der Dichter zum Protest gegen den Wahnsinn des Krieges auf, aus dem lyrischen Dichter wird der politische, aus dem Sänger wird der Rufer. Kann man sich noch erinnern, was es auf sich hatte, wenn Zweig mitten im Kriege Worte fand wie die nachstehend aus dem ״Jeremias“ zitierten? Welch ein Mut gehörte dazu, in einer Zeit zwischen 1915 und 1917, da er an diesem Drama schrieb, einen Krieger bekennen zu lassen: ״Wer sind die Völker? Bist du nicht unseres Volkes einer, bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Lehen.“ Hätten das nicht auch die Worte des Unbekannten Soldaten im Weltkriege sein können! Dieses Drama ״Jeremias“ ist uns deshalb immer mehr als ein Zeitstück denn als ein biblisches erschienen. Seine Symbolkraft in Bezug auf die Kriegszeit ist so groß, daß man es nicht mehr als ein eigentlich biblisches Stück bezeichnen kann, es ist ein Drama der Menschheit, eine groß angelegte und wunderbar wirksame Kampfansage an die Geister, die in ihrer Vermessenheit Europa in den Krieg hetzten. — Aber es bleibt nicht bei der Niederschrift des ״Jeremias“. Zweig reist unter großen Schwierigkeiten nach der Schweiz, wo im Fehruar 1918 das Stück uraufgeführt wird. Hier trifft er mit Männern wie Romain Rolland, Leonhard Frank, Henry Barbusse zusammen und beginnt auf dieser schmalen Insel der Vernunft, mitten im kriegsdurchtobten Europa, die praktische Arbeit für den Frieden. Von der Schweiz aus fliegen die Aufrufe und Warnungen dieser im gleichen Geiste verbundenen Männer in die streitenden Länder, von hier aus hat die.Friedensidee sich durchgerungen und die verhetzten und vertierten Europäer, als es schon zu spät war, zur Besonnenheit gezwungen. Nach dem Kriege geht Zweig nach Salzburg, und nun beginnt er, nach einem bewußten Plan srin Werk zu bauen. Jahre hindurch ist er gereist, was er schuf bedeutete eine gelegcntliche Niederschrift. Jetzt aber, im Angesicht einer ganzlieh veränderten Welt, schmiedet er ״Die Kette“, eben jenen Novellenkreis, welcher der Niederschlag eines reich und mit offenen Augen gelebten Lehens bedeutet. Was Zweig in den Jahren vor dem Kriege gesehen, die Länder, die er durchreist *) Zweigs Hauptwerke sind im Inselverlag in Leipzig erschienen. hat, die Menschen, denen er begegnet ist — all flas nimmt I Form an im Werk. Er schöpft es gleichsam aus dem Stauhecken des Erlebten. So werden die Jahre nach dem Kriege Arbeitsjahre, wie jene vor dem Kriege Wanderjahrc gewesen I waren. Der Krieg hat sein Leben in zwei Hälften geteilt. Die Wirklichkeit hat die umfriedeten Gärten jener ersten Gedichte zerstört, ist in sie cingedrungen. Nun hat das Leben, wie es ist, das Wort, das gemeine und leidenschaftliche, das tier- und triebhafte, das die Menschen durcheinander wirft und vor sich herjagt. Nun findet Zweig Sprache und Form für das, was unsere Zeit bedrängt, er zergliedert den Menschen, wie er in uns und neben uns lebt, mit den unbeirrten Händen eines Anatomen, er dringt ein in die verschwiegensten Kreuzungen der Gedanken, er gibt seinen Gestalten Odem und Trieb, er jagt sie und peitscht sie, läßt sie auseinander fallen und zerstört sic. So entstehen die ״Novellen einer Leidenschaft“, der ״Amokläufer“, der ״Brief einer Unbekannten“, um nur diese hier zu nennen. Es entsteht ״Verwirrung der Gefühle“, jene Titelnovelle aus dem dritten Bande der ״Kette“, die ein Gipfelpunkt im Schaffen Zweigs bedeutet, und ״Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“. Alle Menschen Zweigs sind Amokläufer, von einer rasenden Leidenschaft getrieben, die andern entzündend mit furchtbarem Brand, um schließlich niederzubrechen. Die letzte Konsequenz aus der Gültigkeit des Gefühls ist das Spezifikum für die Zweigsche Novelle. Nicht das Hervorgebrochene verhalten, nicht die Beherrschung also — sondern das sich Hingeben und Verbluten, das Besessensein ist Gesetz in dieser Welt. Und wenn Zweig dem Band ״Verwirrung der Gefühle“ Zeilen voransetzt wie diese: ״Wir sind nicht wahr, solang wir uns bewahren, Und nur den Blitz, von dem wir ganz entbrennen, Läßt Blut im Geist und Geist im Blut sich kennen.“ — so gibt er selbst die Ideologie seiner Novellen am besten wieder, sie wollen eben ״Blut im Geist“ und ״Geist im Blut“ erkennen, und dieser Tausch wird zur Einheit, aus der die grandiose Dynamik der Zweigschen Novelle entsteht. Daß seine Sprache zum Edelsten gefiört, was uns je geboten wurde, hedarf hier keiner besonderen Betonung. Und cs liegt das Gelwininis seiner außerordentlichen Wirkung darin, daß der lebendige, zuckende Stoff in eine zuchtvolle, messerscharfe Sprache geschlossen ist. Neben der ״Kette“ schrieb Zweig Essaybände. ״Baumeister der Weit, Typologie des Geistes“ nennt er seine Versuche. Diese mit wundervollem klaren Strich gezeichneten Männer, einsame Große, die aus den gigantischen Gefügen ihres Geistes die unverrückbaren und ewigen Monumente der Dichtung schufen, sie sind so wohltuend als Menschen und nicht als Heroen geschildert, auch sie stehen im ״Kampf mit dem Dämon“ — mögen sie nun Hölderlin, Kleist oder Nietzsche heißen; auch sie haben sich an den Widerwärtigkeiten des Lebens empor zu ihrer Größe hinaufzumühen, und eben jene Welt, an deren Unverständnis sie Mal um Mal zusammenbrachen, vor ihrer Genialität in die Knie zu zwingen, wie Dostojewski und Balzac. Diese Zweigschen Versuche sind keinesfalls nur literarische. Von der Kurve des Lebens wird der Grad der Dichtung abgelesen. Zweig deutet den Kontrast zwischen Dasein und Schaffen und beweist, wie eben aus diesem Kontrast die Genialität sich emporringt. Die Essay» sind ebenso philologisch wie philosophisch, ebenso historisch wie psychologisch — und wir denken dabei mehr an die medizinisch orientierte Psychologie. Zweig begnügt sich nicht mit dem Porträt allein, er malt auch mit einer angenehmen Diskretheit den so notwendigen geschichtlichen Hintergrund. Der Band ״Der Kampf mit dem Dämon“ erscheint uns typisch für die Zweigsche nahezu unerreichte Einfühlungsgäbe. Stefan Zweig ist nicht nur ein großer Dichter, er ist auch ein großer Deuter und Erklärer, ein Pfadfinder in dem einsamen Gestrüpp, das die großen Geister durchschritten und durchkämpft haben. II. Es kann weder unsere Aufgabe sein, noch würde es der zur Verfügung stehende Raum rechtfertigen, an dieser Stelle das gesamte Werk Stefan Zweigs umfassend zu würdigen״). Wir konnten uns das bereits Vorliegende in nur flüchtigen Strichen in Erinnerung rufen, um uns so den Dichter als Typus in unserer Zeit zu vergegenwärtigen. Was uns hier speziell angeht, ist eine andere Frage. Wir alle wissen, daß Stefan Zweig Jude ist, d. h. daß er als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren wurde. Wir wissen aber auch, daß die Geburt bei einem Dichter jüdischer Konfession allein nicht .genügt, um ihn auch als jüdischen Dichter zu kennzeichnen. Wir könnten eine Anzahl jüdischer Schriftstellernanien nennen, bei deren Klang man eher geneigt wäre, ihr Judentum zu vergessen: denn ihre Mentalität hat sich so weit von der jüdischen entfernt, daß ihre Abstammung das einzige ist, was sie noch von ihren nichtjüdischen Schriftstellerkollegen unterscheidet. Wie liegt nun der Fall bei Stefan Zweig? Fällt seine Mentalität mit der jüdischen zusammen, hat er ganz bewußt einmal Fragen, die uns Juden angehen, in seinen Werken herührt, und wie ist das Ergebnis gewesen, positiv oder negativ? Flat er den Mut gehabt, sich zu uns zu bekennen, und hat er bewiesen, daß er einen noch lebendigen Zusammenhang mit seinem Volke besitzt? Sicher wird man zuerst an den ״Jeremias“ denken. Hier hat Zweig eine biblische, eine jüdische Gestalt in den Mittelpunkt seines Dramas gestellt, hat ihr eine leidenschaftliche, eine biblische Sprache in den Mund gelegt und sie mit heißer Angst erfüllt um das Geschick des bedrängten Jerusalems. Gewiß, das ist ein bewußtes Bekennen zur jüdischen Vergangenheit. Und doch scheint uns das Drama zu losgelöst, zu sehr für sich stehend und zu wenig das Jüdische betonend, als daß wir es geradezu als ein jüdisches Stück bezeichnen könnten. Wir sagten auch schon, daß seine Idee mehr eine menschheitliche denn eine jüdische ist, und daß sich seine große Symbolkraft mehr auf die Situation Europas im Kriege denn auf eine jüdische bezog. Wenn wir die Frage beantworten wollen, wo sich Stefan Zweig als jüdischer Dichter erwiesen hat, so müssen ,wir vor allem an die Novelle ״Untergang eines Flerzens“ aus dem Buche ״Verwirrung der Gefühle“ erinnern. Hier hat Zweig tatsächlich in der Gestalt des Geheimen Kommissionsrates Salomonsohn den Typ des Golusjuden — wie wir ihn sehen und bekämpfen — mit einer Bildtreuc und Ueberzeugungskraft gezeichnet, die erschüttert. Eine solche Novelle wiegt ein Dutzend der gescheitesten Aufsätze über die Soziologie der Juden in Europa auf! Hier wird uns der Golusjude vor Augen geführt, in seiner ganzen Tragik und Lächerlichkeit: Salomonsohn hat sich aus engsten Verhältnissen hinaufgearbeitet. Er hat nach jahrzehntelanger Plackerei ein Vermögen erworben, einen Titel, eine Villa — ailes nur un die Frau und die einzige Tochter zu beglücken. F.r selber, der sich während seines ganzen, langen Lehens kaum einen Urlaub gegönnt hat, aber mit zwölf Jahren schon Geld verdienen mußte, verlangt nichts für sich, er will das Geld nur den beiden Wesen, die ״) Wir verweisen auf das ausgezeichnete Buch von Erwin Rieger über Stefan Zweig, das vor kurzem im J. M. Spaeth- Verlag, Berlin, erschienen ist er lieht, in den Schoß schütten. Sie nehmen cs Irin als ein Selbstverständliches, Mutter und Tochter gleiten durch ihr Lehen wie aufgepuizte, feiertägliche Puppen — er aber arbeitet sich herunter für sie, wird ein alter, leidender Mann. Krummbeinig und ungebildet, macht er eine lächerliche Figur neben seinen Damen, neben den Luxuswesen, die er mit seinem Schweiße ernährt und vor allem Bösen bewahrt hat. Einmal hat er sich aufgerafft, den Alltag zu vergessen, und ist für ein paar kurze Ferientage mit den Seinen nach Gardone gereist. Fs sollten Tage der Erholung sein — und werden Tage seiner Vernichtung. Salomonsohn gewahrt durch Zufall, daß sich seine neunzehnjährige Tochter dem erstbesten Luftikus hingibt, daß sie sich wie eine Straßendirne in fremde Betten schleicht. Seine Welt wankt, das Kleinod seines Lebens, dieses Kind, für das er sich und seine Lebenskraft aufgeopfert hat, ist nicht mehr wert als Irgendeine. F.r ist zu feige — denn zu sehr ist er den beiden Frauen versklavt - , über seine Entdeckung etwas verlauten zu lasser,. Er frißt seinen ganzen Zorn und Schmerz in sich hinein. Vergcblicli versucht er, sich aufzulehnen und die beiden zur Heimreise zu zwingen, ln diesen Stunden des verzweifelten Uinherirrens, da der Schmerz ihn zerreißt, erkennt er seine Kläglichkeit. Er ist nur noch ein lächerlicher Clown neben den eleganten Frauen, er stört sie nur bei ihren Flirts, seine Gegenwart ist in dem Gardoncr Luxushotel blamabel, er ist nicht imstande, an französisch geführten Unterhaltungen teilzunehmen, die sie mit jungen Burschen führen. Er beobachtet, wie sich seine Frau, an der Grenze des Alters, leichtfertig und würdelos benimmt. Er selber stört nur, er bekommt kaum ein freundliches Wort zu hören, was er sagt, ist in jedem Falle lächerlich — und doch nimmt man alles von ihm, und doch ermöglicht ihnen allein er mit seinem Geld diese Sorglosigkeit. ״Den ganzen Tag schufte ich für sie, sitze vierzehn Stunden im Kontor, genau so wie früher mit dem Musterkoffer auf der Bahn .... nur Geld für sie zu schaffen, Geld Geld, damit sie schöne Kleider haben und reich werden .... und abends, wenn ich heimkomme, müde, zerschlagen, da sind sie fort: im Theater, auf Bällen, in Gesellschaft .... was weiß ich denn von ihnen, was sie treiben den ganzen Tag?“ Er schleicht wie ein geprügelter Hund in sein Zimmer, die beiden unten tanzen, ihr Gelächter dringt zu ihm hinauf. Er bekommt einen Anfall, windet sich im Schmerz, er ist ganz allein, niemand kümmert sich um ihn. Er bleibt halb bewußtlos liegen, und unten tändeln seine Geschöpfe. Als er erwacht, spürt er nichts mehr in sich, eine beängstigende Apathie hat ihn erfaßt. ״Und mit einem Male war ihm, als ob er schon gestorben wäre, so grauenhaft stumm stockte sein Blut“. Der alte Mann redet nicht, beklagt sich nicht. Er packt seine Sachen und reist allein heim. Eine seltsame Veränderung vollzieht sich mit ihm. Sonst ein Muster an Fleiß, geht er kaum noch in sein Geschäft, er macht lange' Spaziergänge durch die Stadt, redet mit sich selbst, kommt herunter, denn niemand sorgt sich um ihn, auch dann nicht, da die Seinen längst wieder daheim sind. Er ist abgerissen, scheut sich, die Haustüre zu betreten und zieht den Dieneraufgang. vor, um Frau und Tochter mit deren Bekannten nicht zu begegnen. Er wohnt in einem kleinen Hinterzimrner, wo-, hin man ihm das Essen bringt. Nur sein Hund weilt noch* zuweilen bei ihm. So lebt er dahin, sein Herz ist nntergegangen, er ist ein Leichnam. ״Das Seltsamste und für die ganze Stadt Verwunderlichste war: der alte Mann, der nie zu den Gläubigen der Gemeinde gehört hatte, begann mit einem Male fromm zu werden. Gleichgültig sonst gegen alles und bei Tisch und Verabredung immer unpünktlich, versäumt er doch niemals, zu gebotener Stunde in den Tempel zu gehen“. In seinem leeren Hirn glimmt ein Funke auf: er erinnert sich seines Judentums, er flüchtet zurück in den Hafen der Frömmigkeit, um sich noch einmal an etwas Lebenswertes zu klammern. Sein Leiden schreitet fort, eine Operation wird notwendig, er weigert sich nicht. Er weiß, daß er sterben muß. ״Wurden aber Totengebete gelesen, und er sah die Verwandten, die Kinder, die Freunde eines Abgeschiedenen in ergriffen geübter Pflicht .... dann wurden ihm manchmal die Augen trüb: er war der Letzte, er wußte es. Niemand würde für ihn ein Gebet sprechen“. Er verteilt alles Geld, das er bei sich trägt, unter die Armen. ,,Und so, ganz arm, ganz ausgeleert und allein, trat der alte Mann unter das Messer“. Und stirbt. Es ist ein jüdisches, es ist das jüdische Schicksal, das Zweig hier zeichnet. Wo sind jemals ergreifendere Worte hierfür gefunden worden! Die Tragik des Juden, des Eicherliehen Iländlers, des hochgekommenen, aber doch noch unendlich tief unter einer nichtjüdischen Durchschnittsexistenz stehenden, verbrauchten und verarbeiteten Menschen — hier ist sie unvergeßlich gestaltet I Grausam ist diese Novelle in ihrer Realität, aber doch liebend. Wer so das jüdische Schicksal zu sehen vermag und so einzudringen weiß in die jüdische Psyche — und sei cs auch die Psyche eines Degenerierten und Kläglichen —, der hat mit seinem Herzblut geschrieben und sein Tiefstes in das so Geschriebene gegossen. Aber noch einmal hat Stefan Zweig etwas so Jüdisches geschaffen. Das ist die Legende ״Rahel rechtet mit Gott“ ״). Wie dort die jüdische Gegenwart, so wird liier die jüdische Vergangenheit dichterisch geschaut: Das Volk zu Jerusalem hat sich wider Gott erhoben, und er grollt seinem Volke. Furchtbar ist sein Zorn: ״Es flohen di? Ströme davon und beugten sich die Meere, es wankten die Berge Trunkenen gleich und sanken die Felsen ins Knie“. Niemand vermochte Gott zu besänftigen, und die Fürbitten der Erzväter, die aufstanden, Gott anzuflehen, hatten kein Gewicht. Da bittet Rahe!, die Erzmutter, für das Volk, Sie fleht den Herrn an, zu verzeihen, und erinnert ihn an ihr eigenes Geschick, wie sie Jakob geliebt hat, und wie Laban, der harte Vater, nach siebenjähriger mit Ungeduld getragener Wartezeit statt ihrer Lea, die ältere Schwester, an den Geliebten verheiratete. Ihr Herz wäre schier in Zorn und Rachsucht gebrochen, und doch hätte sie sich bezwungen und der unglücklichen Lea geholfen. Sie selbst hätte Jakob die Schwester zugeführt lind ihn durch ein? List glauben gemacht, er umarme Rshel, die sieben Jahre erhoffte Braut. Rahel beschwört Gott zu verzeihen wie sie selbst verziehen hatte. Und ob dieser Milde Rahels wird aus dein Gott der Gerechtigkeit wieder der Gott der Liebe, und er verzeiht dem sündigen Volk. In dieser Legende hat Zweig die Sprachmelodie der Bibel mit unerreichter Meisterschaft getroffen. Er schafft in grandiosen Visionen die biblische Landschaft und ihre Mensehen in einem überaus natürlichen und flüssigen Gebilde. Die Legende ist jüdisch im schönsten Sinn, sie wirkt so echt, als wäre sie einem Buche des Alten Bundes entnommen. Wir dürfen also die oben gestellte Frage bejahen. Stefan Zweig ist ein jüdischer Die 11t er. Wer jüdische Menschen mit solch einer Treue zeichnet, der muß selber ein jüdischer Mensch sein, nicht nur der Herkunft nach, sondern auch nach seiner geistigen Orientierung und nach der Art, die Dinge so zu sehen, wie sie eben nur der Jude zu sehen vermag. ״) In Buchform bisher nicht erschienen. Zu finden in der ״Neuen Rundschau“, S. Fischer Verlag, Berlin, Märzheft 1927.

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