Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 078 Nr. 97, 7. XII. 1928 t JUEDISCHE RUNDSCHAU riercnde Bedeutung, die weit über das numerische Oewicht hinausgeht. Man hat in letzter Zeit den Oedanken der jüdischen Siedlung auch in anderen Ländern propagiert, in Rußland, sogar in bescheidenem Ausmaß in Deutschland. Diese Versuche, eine gesündere Berufsgliederung der Juden herbeizuführen, sind gewiß zu begrüßen. Sie sind Maßnahmen gegen die drohende wirtschaftliche Verelendung und Verdrängung und zugleich Versuche einer physischen Auffrischung der durch die Großstadt gefährdeten Volkskraft. Aber so sehr wir an solchen Bestrebungen, die längst einen Bestandteil des zionistischen Gegenwartsprogramms bilden, Interesse nehmen, sie sind doch nichts prinzipiell Neues. Es geht um Ueberführung einzelner Juden in die Landwirtschaft, u!n die sich nichts kristallisieren kann. In den Galuthländern bedeutet solche Ansiedlung eher Isolierung als Vereinigung, in Palästina ist die Siedlung zugleich das Herz des Volkes, und zahllose Fäden der Geschichte und der Gegenwart führen zu ihr. Es ist darum etwas befremdend, wenn ein Mann wie Alfred Dublin kürzlich schrieb, die Palästina-Sache, obwohl durchaus unterstutzenswert, verkörpere doch den erlösenden Gedanken der Siedlung nicht so rein wie die Kolonisationsversuche in den Galuthländern, etwa in Rußland, ln Palästina sei diese Idee des auf dem Boden Heimischwerdens zu sehr verunreinigt durch Elemente einer romantischen Tradition und durch ״schlechte Modernität“, während im Galuth der Gedanke rein geblieben sei, Siedlung nur um der Siedlung willen. Wenn cs nicht nur Freude am Paradox ist, die zu dieser antimythischen Formulierung geführt hat, so kann man kaum verstehen, wie die menschlieh befreiende Wirkung des Seßhaftwerdens auf dem Lande dadurch beeinträchtigt werden soll, daß die Angesiedelten das Gefühl haben, wirklich auf eigener Scholle zu sitzen — eigen in einem tieferen Sinn als dem privatrechtlichen. Auch der siedelnde Jude weiß doch, daß er im Galuth ist; er kommt innerlich nicht zur Ruhe. In Palästina, dem Nationalheim, ist das anders. Und gerade für diesen Aspekt der Sache ist ja belanglos, daß, wie Döblin schreibt, die ״Staaten von heute keine Staaten von morgen“ sind. Zum wirklich Freiwerden gehört nicht bloß ״Boden ackern“. Liebe zum Lande, Wille der Erneuerung der intimsten, engsten ßeziehungen zu diesem Boden, Gefühl der Dauer, — das sind die Voraussetzungen einer Siedlung, die mehr sein soll als eine momentane Hilfsmaßnahme gegen materiellen Notstand. Gerade wenn man, wie Döblin, den Siedlungsgedanken als Erlösung von einer ״zweitausendjährigen Geschichte der Verzweiflung“ begrüßt, muß man fühlen, daß erst durch den Boden Palästinas dieser Gedanke wahre Realität gewinnt. Nur wenn die Erneuerung des Volkstums durch Palästina gelingt, werden auch andere jüdische Siedlungen, falls sie bestehen sollten, einen Sinn und eine Exlstenzmöglichkeit haben. In Palästina lieg; die Entscheidung für alle jüdischen Bemühungen unserer Tage. Das Gelingen aber hängt davon ab, daß der Geist der nationalen Erhebung und des nationalen Verantwortungsgefühls in den jüdischen Reihen nicht schwindet. Er muß über alle formalistischen, organisatorischen und administrativen Tagessorgen hinweg, ja sogar im Kampfe mit dem eigenen Ressentiment und der nationalen wie antinationalen Phrase, das jüdische Leben durchdringen. Dieser Geist heißt Zionismus. R.W. Lord Meldiett zeichnet £ 100.000 Für eine ntuePalästina-Kolonisationsgesellschaft Das zionistische Zentralbilro in London teilt mit: Aus den Kreisen der vor kurzem in New York stattgefundenen Konferenz der Nichtzionisten hat sich eine neue Gesellschaft für Kolonisationsarbeit in Palästina unter dem Namen ״Palestine Colonisalion Corporation“ gebildet. Das Programm der Gesellschaft basiert auf den Empfehlungen der Joint Palestine Survey Commission. Lord Melchett trat der neuen Corporation bei und zeichnete einen Betrag von 100 000 Pfund für ihre Zwecke. Gemäß einem J. T. A.-Telegramm soll Lord Melchett erklärt haben, daß die vorstehende Mitteilung ungenau ist und den Tatsachen vorauseilt. Wie der wirkliehe Sachverhalt ist, wird jedoch nicht mitgeteilt. % Der neue Wiener KnHasvorstand Wien, 4. Dezember. (J.T. A.) Das Ergebnis der am Sonntag, dem 2. Dezember, durchgeführten Wahlen in den Vorsland der Wiener Israelitischen Kultusgemeindc ist im einzelnen folgendes: Die Liste der ״Union“ vereinigte auf sich 0056 Stimmen, es wurden auf dieser Liste gewählt: Professor Dr. Alois Pick, Dr. Jakob Ornstein, Raurat Wilhelm Rempler, Direktor Siegmund Kandars, Dr. Josef Ticho, Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, Wolf Pappenheim (Agudas Jisroel), Kommerzialrat Max Reif, Richard Bcttelheim (vom Haus Rothschild), Börsenrat Ignatz Gluck, Isidor Pollak, Michael Sternfeld, Bernhard Altmanu, David Dehan, Kommerzienrat Bernhard Buchwald, Emil Engel, Dr. Jakob Deutsch. Die zionistische Liste vereinigte auf sich 5837 Stimmen; es wurden gewählt: Dr. Desider Friedmann, Dr. Josef Löwenberg, Dr. Leo Goldhammer, Dr. Jakob Ehrlich, Moses Rath, Kommerzienrat Max Markus, Dr. Isidor Klaber, Dr. Ignatz H. Körner, Dr. Saul Beer, Josef M. Waltuch, Universitäts- Professor Dr. Bernhard Geiger. Ein Mandat ist noch zwischen derUnfon und den Zionisten strittig. Auf der Liste der ״Werktätigen Juden“ wurden 2899 Stimmen abgegeben; es wurden gewählt: Gustav Maritz, Dr. Rudolf Glanz, Adolf Reich, Wilhelm Hirschfeld, Mendel Singer. Die Liste des Misrachi brachte es auf 785 Stimmen; gewählt wurde Herr Viktor Bautninger. Auf der Liste der ״Unpolitischen religiösen Wahlvereinigun758) “״ Stimmen) wurde Dr. Leo Landau gewählt. Leon Kellner Wie aus Wien gemeldet wird, ist dort am 5. d. M. Professor Dr. Leon Kellner im 70. Lebensjahre plötzlich gestorben. Kellner ist eine altbekannte Figur des Zionismus, obwohl er sich in den letzten Jahren von Öffentlicher Betätigung zurückhielt. Er Ist der Herausgeber -on Herzls zionistischen Schriften. Leon Kellner wurde 1859 in Tarnow, Westgalizien, gehören. Er studierte englische Sprachwissenschaft und Literatur und besuchte in Breslau auch das Jüdische Theologische Seminar. 1900 habilitierte er sich als Privatdozent für englische Sprache und Literatur an der Wiener Universitat, 1904 wurde er außerordentlicher, später ordentlicher Professor für englische Sprache und Literaturgeschichte an der Universität Czcrnowitz. Als die Bukowina an Rumänien fiel, kehrte er nach Czernowitz nicht mehr zurück, sondern setzte seine Forscher- und Schriftstellertätigkeit in Wien fort und war in den letzten Jahren der englische Sekretär des Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch, mit dem ihn von früher 11er Freundschaft verband. Kellner verfaßte eine große Reihe Schriften zur englischen Sprachforschung, die ihm nicht nur in Oesterreich, sondern sogar in den englisch-sprachlichen Ländern einen Samen machten. In der englischen Gelehrtenweit genoß er große Wertschätzung. 111 weiteren Leserkreisen bekannt wurden u. a. seine grundlegenden Werke ״Shakespeare“ (1900) und ,,Geschichte der englischen Literatur im Zeitalter der Königin Viktoria“, ״Geschichte der nordameri- Ionischen Literatur“ u. a. m. Kellner schloß sich schon in seiner Jugend der Chowcwc- Zion-Bewegung an und wurde später ein treuer Anhänger Herzls. Eine Zeitlang redigierte Kellner das Zentralorgan ״Die Welt“. Als zum engsten Freundeskreis Herzls gehörend, wurde ihm nach Herzls Tode die Herausgabe der ״Zionistischen Schriften“ Herzls übertragen. 1929 gab Kellner ein Buch über Herzls Jugendjahre heraus. In Czernowitz stand Kellner an prominenter Stelle im nationaljüdischen politischen Leben. Einige Jahre lang vertrat er das Bukowinaer Judentum im Bukowinaer Landtage. Ein Sohn Prof. Kellners ist Kolonist in Benjamina. Den Hinterbliebenen wendet sich die Sympathie und Teilnahme der gesamten zionistischen Welt zu. Weizmanns Rückkehr aus Amerika Das Organ der Zionistischen Exekutive, ״New Judea", teilt mit, daß die Zionistische Exekutive in ihrer letzten Sitzung dem Bericht des Präsidenten Dr. W e i z in a n n über seine Verhandlungen mit Louis M a r s h a 11 und anderen Vertrctern der amerikanischen Judenhcit entgegengenommen und diesen Bericht, sowie dem von Dr. Weizmann vorgelegten Text der Schlußfolgerungen, die von der gemeinsamen Konferenz zwischen dem Siebener-Komitee der Nichtzionisten und Vertretern der Zionistischen Organisation hinsichtlich der Vorbehalte des Zionistischen Aktions-Comites gegenüber dem Belicht der Joint Palestine Survey Commission und bezüglich wichtiger Kongreßbeschlüsse gezogen worden sind, voll z u - gestimmt habe. Die Zionistische Exekutive, fügt ״New Judea“ hinzu, hat ihrer besonderen Anerkennung für die Art, mit der sich Dr. Weizmann der ihm anvertraut gewesenen Mission in Amerika entledigt hat, Ausdruck gegeben. Die.,von Dr. Weizmann der Exekutive mitgeieißen Schlußfolgerungen, werden dem am 20. Dezember in Bferlin zu einet speziellen Beratung über die Frage der Agcncy-Erweiterung zusammentretenden Aktions-Comitd der Zionistischen Organisation zur endgültigen Beschlußfassung unterbreitet werden. Dr. Weizmann begibt sich in diesen Tagen zu einer längeren Reise nach den Ländern des Kontinents, wo er mit den maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten und Institutionen über deren Vertretung in der erweiterten Jcwish Agency verhandeln rwird. Am 12. Dezember trifft er in Deutschland ein. Leon Le vite, der Präsident der Zionistischen Organisation Kongreßpolens, begab sich nach Paris, wo er mit Dr. Weizmann Zusammentreffen und mit ihm über die Teilnahme der polnischen Judenheit an der Jevvish Agency sprechen wird. Wie uns weiter aus London gemeldet wird, hat Weizmann am 5. Dezember London verlassen. Sein Weg führt ihn zuerst nach Belgien. Er wird in diesen Tagen an der Brüsseler Universität eine öffentliche Vorlesung über ״Die Errichtun״ des Jüdischen Nationalheims“ halten und ferner auf verschiedenen öffentlichen und privaten Zusammenkünften in Brüssel und in Antwerpen Ansprachen halten. Während seines Aufenthaltes in Brüssel wird Dr. Weizmann mit dem belgischen Außenminister Hymans, dem früheren Ministerpräsidenten Vandervelde und dem belgischen Vertreter in der Mandatskommission des Völkerbundes Orts Zusammenkünfte haben. Von Antwerpen begibt sich Dr. Weizmann am 9. Dezember nach A m s t e r d a m , wo er am Abend in einer vom Keren Hajessod veranstalteten öffentlichen Kundgebung sprechen wird. Die folgenden zwei Tage wird er in Amsterdam und im Haag zubringen und auch an der Amsterdamer Universität eine Vorlesung über das Jüdische Nationalheim halten. Nach diesen Veranstaltungen wird Dr. Weizmann, dessen Gesundheit durch die Anstrengungen der Amerika-Reise sehr angegriffen ist, auf strenge ärztliche Verordnung sich eine Woche Ruhe gönnen, und trifft dann zur A.-C.-Sitzung in Berlin ein. Palästina aul dem Aerztekoagreß in Kairo Zu dem internationalen Aerztekongreß, der vom 15. bis zum 22. Dezember in Kairo stattfindet, wird auch eine stattliche Abordnung der palästinensischen Aerzteschaft erscheinen. Der Kongreß findet anläßlich des hundertjährigen Bestehens der medizinischen Fakultät an der Universitat Kairo statt und wird den Fragen der Tropenhygiene und Tropenniedizin gewidmet sein. Das Hauptthema der Verhandhingen wird die Billharzia-Krankheit sein, die ebenso wie die Malaria durch Mücken übertragen wird und ihren Ursprung in Aegypten hat. Zu dem Kongreß erwartet man 2000 Aerzte aus der ganzen Welt. Aus Palästina wird der Chef des Gesundheits-Departements der palästinensischen Regierung, Col. Herron, am Kongreß teilnehmen, und ferner werden etwa 59, meist jüdische Aerzte, nach Kairo kommen. Dr. Hillel J a f f e wird im Namen des Aerztcverbandes, Dr. Ch. Jaski für die Hadassah, Dr. A. Katzenelson für den Waad Habriuth, Dr. Adler und Prot. K 1 u c g 1 e r für die Hebräische Universität und Dr. S c ha p i r o für das Malaria-Institut in den einzelnen Sektionen des Kongresses verschiedene ärztliche Themen behandeln. Außer ihnen sind noch die Aerzte Dr. Masia, Dr. Dostrowsky, Dr. Propper, Dr. Kaspari und Dr. Salzberger als Referenten für bestimmte Themen vorgesehen. Wie der ״Dawar“ berichtet, soll zu Peßach 1929 die vierte Palästina- Ausstellung in Tel Awiw stattfinden, bei der in der Hauptsache Erzeugnisse derLandesproduktion ausgestellt werden sollen. Der Standpunkt der englisdien Regierung In Nr. 95 der ״Jüdischen Rundschau“ haben wir den Haupt- Inhalt des von der englischen Regierung herausgegebenen Weißbuchcs in der Frage der Klagemauer veröffentlicht. In unserem dem Berichte der ״Times“ entnommenen Text war der Schlußabsatz nicht wiedergegeben, der auch in gewisser Hinsicht wichtig ist. In dem vollständigen Text heißt es zum Schluß: ״Es ist der Regierung das Ersuchen vorgetragen worden, sie solle ihre guten Dienste dafür einsetzen, um ein Arrangement zustande zu bringen, das die gegenwärtigen Hindernisse der freien Ausübung des Gottesdienstes an der Klagemauer beseitigt. Die Regierung betrachtet es als Ihre Pflicht und sie hat die Absicht, das begründete Recht der Juden auf Zutritt zu dem Platz vor der Mauer zum Zwecke des Gottesdienstes aufrechtzuerhalten, und ebenso deren Recht, zu der Mauer dasjenige Zubehör mitzubringen, das ihnen auch unter türkischer Herr- Schaft erlaubt war. Es wäre unvereinbar mit der Mandatspflicht der Regierung, wenn sie versuchte, die moslemischen Eigentümer des Platzes zu zwingen, der 'jüdischen Gemeinde weitere Privilegien oder Rechte einzuräumen. Die Möglichkeit, daß solche Privilegien oder Rechte von den Juden durch gegenseitige Vereinbarung mit den moslemischen Behörden erworben werden, ist durch die Tatsache verhindert worden, daß die öffentliche Meinung in Palästina die Angelegenheit ein für allemal aus der rein religiösen Sphäre hinausgerückt und zu einer politischen und nationalen Fra ge gemacht hat. Selbst wenn der Streit nicht diese Richtung genommen hätte, wäre es schwer gewesen, eine alle betroffenen Parteien zufriedenstellende Lösung zu finden. In der gegenwärtigen Stimmung aber ist diese Schwierigkeit noch sehr vergrößert worden. Die Palästinaregierung hat aber in der Hoffnung, daß schließlich eine nüchterne Betrachtungsweise obsiegen wird, sowohl der zionistischen Palästina-Exekutive als auch dem obersten moslemischen Rat vprgeschlagen, daß es eine große Erleichterung wäre, wenn sich moslemische und jüdische Behörden auf ein Protokoll einigen könnten, worin die Abhaltung der Gottesdienste an der Mauer geregelt wird ohne Präjudiz für die gesetzlichen Rechte der moslemischen Eigentümer und in einer Weise, die die normalen iithurgischen Bedürfnisse eines öffentlichen Gottesdienstes befriedigt. Die Regierung würde jede Vereinbarung begrüßen, welche ihr die Erfüllung ihrer Mandatspfücht, alle bestehenden Rechne bezüglieh der Klagemauer zu schützen, erleichtern würde und zugleich eine beide Teile befriedigende Lösung der Frage bieten und die Wiederholung so unglückseliger Vorfälle wie der vom vorigen September verhüten könnte.“ * ״New Judea“, das offizielle Organ der Zionistischen Exekutive, übt Kritik an dem vor kurzem von der britischen Regierung veröffentlichten White Paper betreffend die Vorgänge an der Klagemauer und führt u. a. aus: Das Weißbuch kann nicht als befriedigend angesehen werden. Angenommen sogar, daß durch die zeitweilige Anbringung einer die betenden Männer und Frauen gemäß der Tradition des gesetzestreuen Judentums voneinander trennenden beweglichcn Wand eine Aenderung des bisherigen Zustandes herbeigeführt wurde, wird kein Mensch, der guten Glaubens ist, in einem •Solchen technischen Verstoß gegen die Vor- Schrift einen Anlaß zu einem Einschreiten aer Behörden beim Gottesdienst an dem Fast- und Bettage sehen. Und selbst, wenn die Behörden den Status quo in jedem Detail auch noch so ernst auffassen mögen, wird die jüdische Oeffenit lichkeit die Hast, mit der sie vorgegangen sind, nicht verstehen, ebensowenig den Umstand, daß sie es unterlassen haben, sich mit den zuständigen jüdischen Behörden in Verbindung zu setzen. Und jetzt das Weißbuch: dieses Dokument ist durchaus nicht dazu angetan, den schmerzliehe Eindruckzuverwischen, den das gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen die Betenden an dem heiligsten Orte und dem heiligsten Tage des jüdischen Jahres geweckt hat. Wir zweifeln sehr, ob die Regierung selbst mit der Art, wie der Zwischenfall behande’t worden ist, zufrieden ist; man erinnere sich an die Erklärung Amerys im Unterhaus, daß die Regierung den dem Judentum in der ganzen Welt zugefügten Schlag bedauert. Immerhin ist dem Weißbuch trotz seines ziemlich scharfen und unsympathischen Tones zu entnehmen, daß die Regierung sich dessen bewußt ist, daß hier ein ernstes Problem zu löset! ist, und daß sie gegenüber der einmütigen jüdischen Forderung nach einer endgültigen und befriedigenden Lösung des Problems nicht taub sei. * London, 4. Dezember. (J. T. A ) Im Unterhaus richtete Oberstleutnant Kenworthyan den Minister für die Kolonien, Amery, die Frage, ob er nicht einsehe, daß das von der Regierung herausgegebene Weißbuch betreffend die Vorgänge an der Klagemauer am letzten Versölinungstage unzureichend und von den Ereignissen überholt sei, ob die Regierung nicht beabsichtige, ein weiteres Weißbuch bzw. einen Bericht herauszugeben, der sich mit den neuen Verletzungen des Status quo an der Klagemauer durch die Araber befaßt und auch die Propaganda des indischen Moslemführcrs Mohamed Ali in Palästina einbezieht. Minister Amery erwiderte, die Regierung werde erwägen, welche weiteren Informationen sie in der Angelegenheit der Klagemauer der Oeffentliehkeit übergeben solle. HinsichtlHi der Propaganda Mohamed Alis erwäge die Regierung, ob die Reden des indischen Moslemführers zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht werden sollen. Defizit im palästinensischen Regiernngsbndget Jerusalem, 5. Dezember. (J.T.A.) Das Budget der Palästina-Regierung für die ersten neun Monate des Jahres 1928 weist ein D e f 1 z 11 in der Höhe von 673.463 Pfund auf. Hauptsächlich ist das Defizit durch die Im September getilgten Anleihe - und andere Schulden in Höhe von 579.299 Pfund verursacht worden. Im ersten Halbjahr 1928 betrug das Defizit im ganzen 146.619 Pfund. In diesem Halbjahr betrugen die Einnahmen 1.167.070 Pfund, die Ausgaben t.313.609 Pfund. PalSstineDsische Währung in Transiordanien Die transjordanische Regierung hat den Be« Schluß gefaßt, die Gültigkeit türkischer Münzen und Noten in Transjordanien aufzuheben und an ihrer Stelle ausschließlich palästinensische Währung gelten zu lassen. Der gesamte Bestand an türkischen Münzen, der noch in der Regierungskasse war, wurde zum Verkauf gebracht, w<3durch eine Senkung des Geldwertes der türkischen Münzen hervorgerufen wurde. Die einheimischen Kaufleute haben gegen das Vorgehen der Regierung protestiert. (Ziko.) Die jüdische Gesellschaft zur Erforschung palästinensischer Altertümer hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, eine besondere Kommission zur Untersuchung der historischen, archäologischen, lexographischen und literarischen Seiten des Klageraauerproblems einzusetzen.