Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mit ״Ettcratur-Blatt* und ״TartsHsdtc Umschatt* Efnxctmrmmcr 0,2S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W IS, MeinekestraOe 10. Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark■ Aaiiandtibonncnurats ward*יו «׳ d«r Wihnsotf der •119z«le*t1 Linder berechnet Wammer 97 | Berlin, 7, XII. 1928 Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr, 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, AazeigenpreiaiSgcfpeltNoapereUiezelle 0.59 G.-M. Steliengemche 0.15 G.-M. Anzeigen«cblnS: Dienitif and Freilig nachmittag• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oeittrreicb: Posttparkaitca&mt Wien, Konto Nr. 156039 Für Tfchechoilowakei: roalfparkauenamt Prag. Konto Nr. 59410« Für Polen: Postiparkaisenamt Werschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ד כפלו■ תרס״ט | xxxin. Jahrg. WEU₪B₪₪₪₪₪BBM₪t₪MKE₪₪₪₪₪₪t₪t₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪n Der Zionismus erstrebt für «*es JQdliche Volk die Schaffuna einer Slfenlllch - rechtlich nenlcherten Heimstatt« ln Palästina. ״Raseier **rorgramm.'* Makkabäer >Tage Politische Tagesfragen — Ueberwindung der Stagnation tut not — Agency-Frage und Aktions - Comite — Jüdische Siedlung da und dort Vom Nutzen und Nachteil historischer Verbundenheit Die Erinnerung an die nationale Erhebung der Makkabäer und an die Wiedergewinnung des Tempels in Jerusalem fällt in diesem Jahre in eine Zeit erregter Diskussion um den letzten Rest, der von jenem größten Heiligtum zurückgeblieben ist. Es mag für manche verführerisch sein, aus der Stimmung des Augenblicks heraus eine Analogie zu ziehen, zumal seit Beginn der zionistischen Bewegung die Makkabäer-Zeit als Vorbild beschworen wurde. Nichts wäre falscher. Zur Makkabäer-Zeit saßen wir im Lande und der fremde Eroberer zwang uns, den Tempel zu schänden; damals war der Tempel das Symbol der nationalen und geistigen Unabhängigkeit, daher das Ziel des jüdischen Feldzugs. Das Ziel unserer nationalen Erhebung ist nicht die Wiedergewinnung eines Heiligtums, das nicht mehr existiert, sondern die Schaffung eines neuen Heiligtums aus dem schöpferischen Wirken und erdverbundenen Leben des befreiten Volkes heraus. Die Klagemauer ist nur die Stätte der Erinnerung, eine Stätte des Klagens, das zwar durch die Intensität des Erlebens alter Zusammenhänge erschüttert, aber weder national noch religiös schöpferisch ist. Der Tempelplatz ist im unverrückbaren Gang der Geschichte an Andere übergegangen, die seit 1200 Jahren dort ihr Heiligtum haben, Del■ Zionismus will dieses Heiligtum nicht antasten. Pakönnen nicht von heute auf morgen gelöst werden, aber wir sind uns der Tatsache bewußt, daß heute im Lande mehrere legitime Ansprüche neben einander bestehen, während der Gewaltakt des Antiochus illegitim war. Heute müssen wir einen Ausgleich der rivalisierenden Interessen finden, um unseretwillen und um des Landes willen, das wir lieben. Die jüdischen Empfindungen sind brutal verletzt worden, die Judenheit hat keine Genugtuung erhalten. Wir haben protestiert, die Welt versteht uns nicht ganz, will vielleicht nicht ganz verstehen. Nicht nur aus Abneigung gegen uns, sondern aus allerlei politischen Rücksichten. Denn es geht hier nicht um eine Angelegenheit des Sentiments, sondern um eine Frage der Politik, ln der Politik ist es erforderlich, manchmal Gefühle zurückzudrängen und besonnen zu handeln, unter strenger Beachtung der Rechtslage und der Machtverhältnisse. Das jüdische Recht, Andachten an der Klagemauer abzuhalten, wird von uns verteidigt, aber darüber hinaus haben wir kein Interesse daran, den bestehenden Konflikt zu vergrößern. Leider hat die Palästina-Regierung nichts dazu getan, die beiden Parteien durch Aufklärung einander näher zu bringen. Sie ließ die arabische Agitation zu, die mit der Gefahr einer jüdischen Eroberung des Tempelplatzes operierte, obwohl es doch ein leichtes gewesen wäre, in diesem Punkt die Araber zu beruhigen. Sie tat nichts, um die Erregung der jüdischen Oeffentlichkeit zu mildern, obwohl kein objektiver Mensch, gleichgiltig wie die Rechtslage war, das barbarische Vorgehen der Polizei rechtfertigen kann. Auch die Mandatskommission des Völkerbundes, deren Bericht durch eine Indiskretion vorzeitig veröffentlicht wurde, spricht die Verwunderung darüber aus, daß die Regierung bisher keine aktiven Schritte zur Beilegung des Konfliktes unternommen hat. Das Weißbuch der englischen Regierung ist in hohem Maße unbefriedigend. Die Regierung wird dem wirklichen Sachverhalt nicht gerecht und zeigt kein Verständnis für die entscheidenden Imponderabilien. Englische Regierung und Mandatskommission sind sich jedoch darin einig, daß eine Lösung nur durch Einigung zwischen Juden und Mohammedanern erreichbar ist. Dieses Ergebnis ist eigentlich naheliegend; und unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, gewinnt mail vielleicht den Eindruck, daß die zionistische Politik der letzten Wochen sich etwas zu stark von den Einflüssen der öffentliehen Stimmung treiben ließ. Gerade in einer so heiklen Sache ist größte Besonnenheit die bessere, wenn auch nicht immer populäre Politik. Wir hoffen, daß auch heute der Weg zu einer friedlichen Einigung nicht verbaut ist, obwohl — wie das Weißbuch richtig bemerkt — die Lösung schwieriger geworden ist, weil dicFrage zu einer nationalen Prestigesaclie gemacht wurde, in der jeder Teil fürchtet, durch Nachgeben seine eigenen Anhänger zu enttäuschen. Die Klagemauer־Affäre sollte, nachdem jetzt alle anrufbaren Instanzen gesprochen haben, nunmehr aus dem Mittelpunkt der zionistischen Politik verschwinden. Vielleicht gelingt es, in einer ruhigeren Atmosphäre leichter Wege der Lösung zu finden. ♦ Die Episode hat die Spannung zwischen Juden und Arabern vergrößert; freilich ist dabei schwer zu unterscheiden, was Wirkung und was Ursache ist. Vielleicht war der Vorfall an der Klagemauer nicht Ursache des Ansclnvcllcns des nationalen Streites, sondern nur eines Sonntag Mittag Der neue Palästina-Film! (Näheres im Innern des Blattes) der Symptome für die im letzten Vierteljahr verschärfte Situation. Der Widerstand der Araber gegen den Zioais- •fntfit! ״־!;'i 5־durföztett fünf; öder sechs Jahren. Dies ist um so seltsamer, als doch die jüdische Einwanderung seit zwei Jahren stockt und daher die Befürchtungen der Araber geringer geworden sein müßten. Das Gegenteil ist aber der Fall. Es besteht hier eine starke Diskrepanz zwischen Programm und Wirklichkeit. In der Zeit der großen Einwanderung und großen kolonisatorischen Arbeit haben die Araber zwar auch gegen den Zionismus gesprochen und geschrieben, aber ihre Aggressivität war viel geringer. Denn die Macht der Tatsachen und der nicht wegzuleugnende Gewinn, den das ganze Land von der jüdischen Einwanderung hatte, waren stärker als die antizionistischen Parolen. Wäre heute eine große Einwanderung und weitverzweigte jüdische Aufbauarbeit, dann würden die politischen Konfiikte sich nicht so in den Vordergrund drängen. Auch für die Besserung der politischen Lage ist daher das beste Mittel: beschleunigte Beendigung der Krise und beschleunigfer Beginn neuer Arbeit. Kapital und Arbeit ins Land schaffen, die Naturschätze wecken, das primitive Niveau des Landes heben, das wird uns auch bei der Ueberwindung der arabischen Widerstände die wirksamste Waffe sein, ln der praktischen Arbeit im Lande können die Völker einen Weg zueinander finden, leere Worte aber trennen und entzweien. Heute wissen die Araber, daß die Zionistische Exekutive in permanenten Geldveriegenheiten ist, mit ökonomischen Schwierigkeiten voll zu tun hat, und in einer solchen Situation sind die antizionistischen Agitatoren die Stärkeren. Wenn es uns Ernst ist mit dem Makkabäer-Geist, so müssen wir wissen, daß er heute vor allem auf dem Felde der Arbeit, des Ökonomischcn und kulturellen Aufbaus, sich zu bewähren hat. Die Assimilation ist geschlagen; aber der Sieg der nationalen Sache kann nur dann Bestand haben, wenn er befestigt wird, wenn er zum Entstehen nationaler R e a l itäten führt. Dazu bedarf es noch größerer Anstrengungen, noch mehr Verständnisses für die Notwendigkeiten unseres Lebens, eines noch wacheren jüdischen Verantwortungsgefühls. Die Aufrüttelung des Volkes durch den Geist nationaler Erhebung ist noch lange nicht vollendet, die Bereitschaft zum Werk des Wiederaufbaus ist noch nicht da. Zehn Jahre sind verstrichen, das jüdische Volk hat, während kleine Teile sich voll einsetzten, als Ganzes noch nicht seine geschichtliche Aufgabe begriffen. * Wird das jetzt anders werden? Wenn auch das jüdische Volk die Chance seiner Wiederherstellung nicht mit der ungestümen Begeisterung aufgenommen hat, von der wir in den ersten Tagen des Zionismus träumten, wenn auch die Widerstände der Trägheit und die Folgen des Golus-Daseins zu starke Hemmungen erzeugten, so kann man doch nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, daß heute wichtige Veränderungen innerhalb der jüdischen Gesamtheit vor sich gehen. Der Zionismus wurde bei seiner Entstehung von der Mehrheit der Juden heftig bekämpft, weil er ihnen mit ihren Lebensinteressen im Widerspruch zu stehen schien. Auch die Gegner der Makkabäer konnten nicht begreifen, warum sic nicht den vorteilhaften Anschluß an die hellenistische Weltkultur vollziehen sollten. Worte, seien sie auch noch so enthusiastisch, können stets nur wenige überzeugen; nur der Gang der Geschichte, der die Richtigkeit des Verkündeten mehr und mehr enthüllt, und darüber hinaus die Taten der vorstürmenden, durch keine Verstandescnvügungen gehemmten Avantgarde zwingen allmählich auch den Widerstrebenden die richtige Erkenntnis auf. Wir sehen heute, daß die Nichtzionisten große Teile'der zionistisehen Ideologie, die sie früher als absurd verworfen haben, mit Selbstverständlichkeit in ihr eigenes Programm übernommen haben. Die Unhaltbarkeit der weltfremden assimilatorischen Ideologie hat sich erwiesen. Von dieser Erkenntnis bis zur aktiven Tat für die Zukunft des Judentu 1ns, das heißt für die Materialisierung des Nationalen Heimes in Palästina, ist aber noch ein weiter Weg. Zehn Jahre zionistischer Arbeit in Palästina, die sich mit der Unzulänglichkeit der Mittel abquälen mußte, sind auch nicht spurlos vorübergegangen. Wir stehen heute in einer Zeit des Uebergangs; große Gruppen des bisher nichtdes Palästinaaufbaus zu befreunden. Alle Organisator!- sehen Schritte, deren Zweckmäßigkeit oder Richtigkeit im einzelnen natürlich der Kritik unterliegen können, sind mir eine Ausdrucksform dieser veränderten Situation und des bei einer großen Anzahl von Angehörigen verschiedener jüdischer Parteien vorhandenen Gefühles, daß die vor mehreren Jahrzehnten entstandene Partei-Abgrenzung im heutigen Judentum nicht mehr ganz der objektiven Sachläge entspricht. Es entsteht der Versuch, neue, ergänzende Gebilde, zu schaffen. Wir stehen am Vorabend der letzten Entscheidungen über die Erweiterung der J e w i s h Agency. Nur zwei Wochen trennen uns noch von der Sitzung des Zionistischen Aktions-Comites, die den Berieht Dr. Weizmanns entgegennehmen wird. Noch sind die genauen Einzelheiten der amerikanischen Vorschläge zum Ausgleich der bestehenden Differenzen bezüglich der Empfehlungen der Survey Commission nicht bekannt; es heißt lediglich, daß Marshall ein Memorandum für das A.-C. Dr. Weizmann übergeben hat, und daß darin der Versuch enthalten ist, die Gegensätze zu überbrücken. Ohne in Einzelheiten einzutreten, kann man wohl feststellen, daß auf Seite der amerikanischen Palästinafreunde ein ehrlicher Wille zur aktiven Teilnahme an dem Pa- Iästinawerk festzustellen ist. Diese Tatsache wird auch auf die anderen Länder zurückwirken. Der Palästina- Wille wird sich in der neuen Jewish Agency kristallisieren. Man kann annehmen, daß die Judenschaft keines Landes sich bei dieser neuentstehenden gcsamtjüdischeu Repräsentanz wird ausschließen wollen. Palästina ist heute, nach dreißigjähriger zionistischer Arbeit, in den Vordergrund des gesamten jüdischen Lebens gerückt. Um Palästina, das früher schon die Zionistische Organisation schuf, bildet sich eine neue — die erste — gesamtjüdische Repräsentanz. Die vereinigende Macht des jüdischen Landes, die Bedeutung des Palästinaaufbaus als eines belebetiden Inhalts des Judentums zeigt sieh bereits im Werden. * Das Bewußtsein des Zusammenhangs mit diesem Lande ist im Judentum noch nicht geschwunden. So sehr man auch diese Beziehung zu spiritualisieren versucht hat, auch die geistige Kraft der Palästina-Erinnerung, die in den Tagen unserer Feste besonders lebendig ist, wird über das Schemenhafte erst durch die Verbindung mit einer lebendigen Wirklichkeit hinausgehoben. Das jüdische Schicksals- und Gescliichtsbewußtsein ist die irrationale Macht, ohne die nichts wesentliches im Judentum geschaffen werden kann. Die neue jüdische Siedlung Palästinas kann in ihrem Kampf mit den materiellen Bedingungen nur darum siegreich bleiben, weil sie sich als Trägerin einer geschichtlichen Mission fühlt. Die Entstehung eines arbeitenden hebräischen Landvolkes auf diesem Boden hat für das Gesamtjudentum eine regene-