Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1928)
- Date
- 1928-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Marc Chagall 4× ep/1000027
- Jozef Israëls 2× ep/1026415
- Lasar Segall 2× ep/1026349
- Margarete Susman 2× ep/1025668
- Theodor Herzl 2× ep/1007316
- Alexis Granowsky 1× ep/1039995
- David Neumark 1× ep/1024382
- Ernst Simon 1× ep/1009494
- Josephus 1× ep/1005469
- Lesser Ury 1× ep/1025712
- Maimonides 1× ep/1002614
- Max Liebermann 1× ep/1025314
- Wrocław 1× ep/1002369
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Seite 674 J UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 96, 4. XU. 1928 •ן: g :1 ן!; ׳1 nicht, auch nicht bei seinem besten Buche ״Der letzte WaMjude“. * Derselbe Heine-Bund, der für so mannigfachen Lesestoff für seine Mitglieder sorgt, hat jetzt ein Buch von Karl Schwarz ״Die Juden iii der Kunst“ erscheinen lassen. Es wird Sache des Fachmannes auf diesem Gebiete sein, zu untersuchen, inwiefern der Verfasser seiner wichtigen Aufgabe gerecht wurde. Aber auch dem Laien sei nicht verwehrt, auf einiges aufmerksam zu machen, was ihm recht sonderbar erscheint. In einem Buche, das den Titel ״Die Juden in der Kunst“ trägt, werden Marc Chagall, einem der be. deutendsten Maler der Gegenwart und dem gewiß größten jüdischen Maler, nur neunzehn Zeilen gewidmet. Aus diesen neunzehn Zeilen erfährt man, ״Marc Chagall malt nicht seelische, sondern intellektuelle Vorgänge“ und bald darauf, ״seine Welt ist die der Legende, ist die Mystik des Baalschem“. Man erinnert sich an die Ausstellung von Chagalls Gemälden und Graphiken, die vor einigen Jahren in Berlin stattfand, man erinnert sich der verzückten Menschen, die diese Bilder bewunderten, und diese Bewunderer, unter welchen sich viele Ostjuden aus dem Norden Berlins befanden, dachten gewiß nicht an Expressionismus oder sonst irgendwelche Kunstrichtung, sie waren ergriffen von der seelischen Glut, die von den Gemälden ausging. Vor Chagall malte der jüdische Maler den Juden in Tönen isolierter Geistigkeit und tiefer Schwermut Der Thora-Jude und der Jude mit dem Sack über der Schulter auf seiner ewigen Wanderung, — das waren die Hauptmotive der jüdischen Malerei. Chagall hat nicht nur den Thora-Juden, sondern den Simchas-Thora-Juden gemalt. Er hat seine Juden in blaue, violette, purpurne Gewänder gehüllt, weil ihre Seelen nicht allein A z wu s, die Schwermut, sondern auch C h e d vv a , die Freude, kannten. Es ist übrigens unmöglich, daß die Juden durch den heiligen Schmerz allein sich so lange hätten halten können, wenn nicht der gewaltige innere Stolz und die Ueberlegenheit sich hinzugesellt hätten. Wenn man die jüdischen Köpfe auf all den Bildern, angefangen von Jozef Israels bis Josef Budko betrachtet, so ist das erste Gefühl: Es geht den Juden unerhört schlecht und man muß ihnen sofort helfen. Bei Chagall wird man von anderen Empfindungen überwältigt, von einem Gefühl der Sicherheit; man wird aufgemuntert, gestärkt. Seine Juden Biegen über Dächer, spielen auf den Dächern Geige, weil es Simchas-Thora-Juden sind. Sie sind Herren über den Schmerz, über das Leiden geworden, haben die Kümmernisse des Lebens überwunden. Es ist dieselbe Stimmung, der Bialik in seinem Gedicht ״Ein Fröhliches“ Ausdruck gibt: Nicht ausgeruht, nicht ausgegessen, Nichts erharrt und nichts erlebt, Was denn sorgt ihr? — Wie die Adler Hebt euch jäh empor und schwebt. Und Chagalls Juden, von einem inneren Erleben gepackt, heben sich empor und schweben, schweben. Bei diesen Betrachtungen über den beseeltesten jüdischen Maler Marc Chagall kann es der Laie nicht unterlassen, noch einmal seine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen, daß diesem Künstler, dessen Werke sich fast in allen Kunstgalerien der Weit befinden, in einer Geschichte der jüdischen Kunst nur neunzehn Zeilen gewidmet sind mit dem merkwürdig klingenden Bescheid, daß Marc Chagall nicht seelische, sondern intellektueüe Vorgänge malt. Noch eine Bemerkung: Karl Schwarz hat sich in seinem Buche löblich bemüht, auch die noch wenig bekannten, wenig hervorgetretenen jüdischen Maler zu erwähnen und bedachte mit keinem Wort den Maler Lasar Segall, der in Deutschland in den Jahren, als der Expressionismus blühte, sehr bekannt war und dessen Ausstellung vor zwei Jahren in Berlin (Galerie Nierendorf) von allen Kunstkritikern mit Interesse besprochen wurde. Mehrere städtische Kunstgalerien haben Bilder und Graphiken von Lasar Segall erworben. ״Kaddisch“, ״Die Witwe“ wurden seinerzeit stark beachtet, und Theodor Däubler hat einen überaus feinen Aufsatz über ihn geschrieben. Warum fehlt er bei Schwarz? Hermann Sudermann and Theodor Herzl (Aus einem letzten Briefe Sudermanns.) Hermann Sudermann stand mit Herzl lange Jahre in Verbindung. Nicht nur in literarischer Hinsicht. Auch Herzl, der jüdische Staatsmann und Führer, hatte Gelegenheit, von Sudermanns Freundlichkeit Gebrauch zu machen. Professor L. Kellner berichtet in seinem Buche ״Herzls Lehrjahre“ von einer Uebereinstimmung Herzls und Sudermanns, den Herzl in Capri kennen lernte, in ihrer Meinung über das Feuilleton. Herzl zählte damals 27 Jahre. Eine weitere Erinnerung an eine Zusammenkunft mit Sudermann findet sich in einem Briefe Herzls an Fürsten Wrede, dessen freundlichem Entgegenkommen ich den Inhalt verdanke. ״Ich rate Ihnen, über Arnalfi nach RaveÜo zu gehen. Vor zehn Jahren w'ar ich mit Sudermann in Arnalfi beisammen. Eines Tages ging ich nach RaveÜo hinauf. Das Meer aus der Höhe gesehen, ist dort etwas Unglaubliches. Ich habe mir immer vorgenommen, mein Meisterstück in RaveÜo zu schreiben — und bin nie dazu gekommen!“ a Diesen Brief schrieb Herzl an Wrede nach Neapel, Auf meine Anfrage und mein Ersuchen, Sudermann möge mir frcundüchst über seine Bekanntschaft mit Herzl nähere Mitteilung machen, erhielt ich nachstehende Antwort: ״• ■ Mir selbst wäre es ein Bedürfnis, dem Andenken von Theodor Herzl einige warme Worte zu widmen. Leider bin ich jedoch im Augenblick nicht imstande, Ihren und zugleich meinen Wunsch zu erfüllen, da ich mitten in schwerer Arbeit stecke und mich von jeder anderen geistigen Betätigütig fernhalten muß. Vielleicht wird es mir später noch möglich sein, Ihnen den geforderten Beitrag einzusenden....“ Der Brief ist Ende September 1928 geschrieben worden. Kurz darauf erkrankte der Dichter, welcher leider sein Krankenbeit erst zur letzten irdischen Fahrt verlassen sollte. Dr.,T. Nussenblatt, Wien. Das Granowsky-Theater geht nach Amerika Moskau, 1. Dezember. (J. T. A.) Das Volkskommissariat für Unterricht hat dem von Alexis Granowsky geleiteten Moskauer Jüdischen Akademischen Theater, welches eines der russisehen Staatstheater ist, die Erlaubnis erteilt, eine Amerika- Tournee zu unternehmen. Die betreffenden Verhandlungen mit einem amerikanischen Manager sind bereits zum Abschluß gelangt. Zum Direktor des Theaters wurde Polotaik ernannt. Granowsky, der bisherige Direktor, bleibt 3 berregisseur. Margarete Sasman ttber Rahel Varnhagen Im Rahmen eines Vortragszyklus über ״Frauen der Romantik“ sprach in Berlin Margarete Susman über jene Erscheinung, die, aus dem Kreis der Berliner Romantiker hervorragend, uns Juden am nächsten steht: über Rahel Varnhagen. Wie Immer, wenn Margarete Susman ein Problem geistig-jüdischen Lebens aufrollt und ihm in die feinsten Verwurzelungen nachspürt, hat sie auch diesmal uns den Menschen und die Jüdin Rahel gezeichnet, mit jener Eindringlichkeit des Geistes und des Herzens, mit der ihr verliehenen Macht der Sprache, die das Gestaltete zum Erlebnis werden läßt. ״Rahels Geschichte in ihren wesentlichen Zügen schreiben heißt: die Geschichte des jüdischen Volkes selbst schreiben.“ Anlage und Schicksal bedingen diesen Parallelisraus. Schwere des Lebens und Leidenskraft, in Verbindung mit einer Begnadung des Geistes, einem Drang zur Wahrheit, zur Liebe und zur Freude sind das Zentral-Menschliche in Rahels Wesen, wie sie die Grundzüge des jüdischen Geistes sind. Doch sehr spät erst ist Rahel die Erkenntnis dieser Gemeinsamkeit fühlbar geworden. Bis zuletzt war ihr das Judentum nur eine wunde Stelle, eine Fessel, die soziale Ausgeschlossenheit bedeutete. In ihrem Elternhaus war nichts von einer lebendigen jüdischen Religion zu spüren; in ihrem späteren Kreis, dem Salon der Berliner Jüdinnen, die sich nicht nur Freiheit der Lebensführung, sondern auch Freiheit von allen Bindungen der Tradition erkämpften, war unter dem Einfluß der Aufklärungsepoche der Rationalismus herrschend, und Kultur Ersatz für Religion geworden. Auch die Welt der Romantik war ihrer ganzen geistesgeschichtlichen Struktur nach eine christliche Welt: denn das Vertrauen zur eigenen Göttlichkeit, die Selbstgewißheit der romr.n ischen Seele ist der jüdischen Seele fremd. Dies waren die Strömungen, durch die Rahel hindurchging, um schließlich zu Gott heimzugelangen, ״wie ein müdes Kind am Abend nach Hause“. Nur ihre!unterlassenen Briefe zeugen von Rahels subjektiver Schöpferkraft. Eine objektive Leistung hat ihr tnänniich-schöpferischer Geist nicht hervorgebracht. ihr Wollen war auch nicht darauf gerichtet. ״Mir aber war das Leben angewiesen,“ sagte sie von sich. Und dieses Leben lag im Dunkel, war voll Qual, Demütigung und Verzweiflung. Mehrfach glaubte sie, an der äußersten Grenze ihrer Leidensfähigkeit angelangt zu sein, doch immer wieder erhob sie sich durch die ihr innewohnende geistige Energie — darin ein echtes Kind ihres Volkes. Ihr Wille zur unbedingten Wahrhaf.igkeit, sich selbst und anderen gegenüber, ihre Geistesklarheit und die Fähigkeit, in die letzten Tiefen hinabzuleuchten, machten sie zu einer der größten Kritikerinnen ihrer Zeit — Kritik nicht im zersetzenden, sondern int schöpferischen Sinne verstanden —, wie ihre Liebeskraft und die Freude am Menschen sie zur großen Trösterin machten. ״Seelcnergründcrin“ ward sie vielen ihrer bedeutendsten Zeitgenossen, die, angezogen durch den Reichtum ihres Geistes und ihre s römende Herzenswärme sich um ihre Freundschaft bewarben. So übte Rahel, ohne wirken zu wollen, nur durch die Macht ihrer einzigartigen Persönlichkeit einen überragenden Einfluß aus auf das geistige Leben Berlins. Auf ihrem Totenbett ist sich Rahe! des tiefen Zusammenhangs mit dem Urquell ihres Lebens —' dem Judentum — voll Stolz bewußt geworden. Als eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete fühlte sie sich, die mit Entzücken ihren Ursprung und die Blutsgemeinschaft der Generationen Jahrtausende hindurch empfand. ״Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht’ ich das jetzt missen.“ Mit dichterischer Kraft hat Margarete Susman uns .• Rahel .als .eine in unsere xZeitJiintirtragende, :Gestalt Tebtbdjg zu machen gewußt: der geistwie leiderfüllie! Mensch, der nach Selbsterlösung durch Gemeinschaft strebt. Ina Britschgi-Schimmer. * Margarete Susman hält zwei weitere Vorträge über ״Frauen der Romantik“, und zwar über ״Die Günaerode und Bettina v. Arnim“ am Donnerstag, dem 6. und 13. Dezember, nachmittags 51/״ Uhr, im Hause von Frau Else Milch, Westend, Eschenallee 1 (Tel.: Wester.d, 397). Vorherige Anmeldung erwünscht. Jüdische Kunst München. Die dritte Novemberwoche bot den Freunden jüdischer Kunst zwei seltene Gelegenheiten, sich mit Erscheinungsfornren dieses Gebietes in verschiedenen Zeiten zu befassen. Die Leitung der ״Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde“ hat zweifellos einen guten Griff getan, als sie Herrn Dr. Karl Sch warz aus Berlin zu einem Vortrag gewann. Der starke Besuch des Abends, der den ״Vier g r o - ßen Impressionisten Pissaro, Israels, Lie■* bemann und Ury“ gewidmet war, bewies von vornherein das große Interesse, das dem Thema wie dem Vortragenden entgegengebracht wurde. Nach einleitenden Ausführungen über die Beteiligung von Juden und Judensprößüngen am Kunstleben des 19. Jahrhunderts wandte sich der Redner seinem eigentlichen Thema zu. Mit dem Plcin-Airismus und dem daraus entstandenen Impressionismus erhebt sich die Forderung, die Dinge so wiederzugeben, wie sie gesehen werden. Damit wird das Temperament zum Träger der künstlerischen Auffassung und zugleich die Möglichkeit gegeben, das ״Jüdische“ als seelische Grundeinstellung irgendwie in Erscheinung treten zu lassen. An Camille Pissaro, dem konsequenten Durchführer der l’art pour l’art-Einstellung, an Jozef Israels, der als 40jähriger zum Stimmungsmaler des Amsterdamer Ghettos wird, weist Herr Dr. Schwarz dies ebenso nach, wie an dem heutigen Altmeister des Impressionismus in Deutschland, Max Liebermann, und dem immer noch ringenden, immer noch sich vollendenden Lesser Ury. Starker Beifall und warm empfundene Worte des Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, bewiesen dem Redner, welchen Anklang seine Ausführungen gefunden hatten. — In die Kunst vergangener Zeiten führte ein vorzugsweise niehtjüdisches Publikum im ״Verein für Volkskunst und Volkskunde“ der Kunsthistoriker Theo Harbürger-München ein, unter dem Thema ״Kunst und Volkskunst im Gebrauch der Juden“. Der Vortragende verstand es mit Erfolg, einen Ueberblick über das Kunstschaffen früherer Jahrhunderte bei den Juden zu geben. An Hand von eindrucksvollen Photographien zeigte er mit gut gewählten Beispielen Synagogen und Synagogenschmuck, Geräte zu häuslichen Feiern und Erzeugnisse des jüdischen Kunstgewerbes, wie Vorhänge und Mäntelchen, Wimpeln, gemalte Gebetbücher und Einschlägiges. Dem Redner stand reiches, selbst zusammengetragenes und übep־\eyn j unbekanntes Material zur Verfügung, da er seiten'.?׳, :יVerbandes Bayerischer israelitischer Gemeinden“ mit d r f1־v •ntarisation der jüdischen Kunst- und Kulturdenkmäler ii i :! Gebiete beauftragt ist. Das Publikum folgte mit gro ’! . : <se den Ausführungen, die eine wissenschaftliche Wf ■!; der Erscheinungsformen auf diesem Spezialgebiet chr-, .1 ten. Bücher der Dynamik Zwei neue Werke von Manfred Georg. Ein schmaler Novellenband ״Räubergeschichten“ (Spiegelverlag, Wien) und ein Roman ״Aufruhr im Waren nau 1“ (Weltbücherverlag, Berlin). Beide von gleicher Art Bücher der Aktion, der einfachen, unverästelten Wiedergabe irgendeines Geschehens ohne spekulatives Fragen nach seinem Sinn, ohne sym-! bolisehe Ausdeutung seiner Begleitumstände, sondern nur mit j hartem, gleichgültigem und darum so treffsicherem Erfassen seines Tempos und seiner Erscheinungsform. Die Handlung an sich, ohne reflcktive Betrachtung und psychologische Detail- Spiegelung, mit dem Akzent nur auf ihrer Häufung, Spannung und Elektrizität, sie ist nicht mehr das Sondergebiet aes Kriminalromans — die gute Literatur hat sich ihrer bemächtigt. , ״Aufruhr im Warenhaus“: straffster, härtester Ge״enwartsroman. Fünf Desperados der sozialen Revolution fliehen nach Amerika. Ihr Führer ist ein neuer und wichtiger Zeittypus, mit der Schärfe einer Röntgenaufnahme gesehen: der Typus, der sich durch jahrelangen Dienst an der Idee zum abstrakten Mensehen trainiert hat. Zufälliger Doppelgänger eines New Yorker Milliardärs, gelingt es ihm, sich an seine Stelle zu schwindeln. Geschaffen für ein Scheindasein wie kein anderer, vermag er es, die gesamte Großindustrie Amerikas zu täuschen. Er bemächtigt sich der Betriebe seines Doppelgängers, beginnt sie planmäßig zu sozialisieren, unterstützt von seiner Gegenspielerin, der typtsehen intellektuellen Frau unserer Zeit, Pechvogel wie alle Uebergangsmenschen, begehrt bis zur Raserei, aber nur von Männern wesensfremder, abstoßender Primitivität, klug und tüchtig, aber an sinnlosen Zufällen zerbrechend. Alles vollzieht sich mit mathematischer Zwangsläufigkeit: Verblüffung, dann aber Gegenmaßnahmen der bedrohten Vertreter des Großkanitals, offener Kampf, Untergang des Revolutionärs und seines Experimentes. Ip den knappen, klaren ״Räubergeschichten“ erscheint der soziale Konflikt mit unheimlicher Wucht konzentriert in der Skizze ״Macht“, der Kampf der Geschlechter mit ätzender Schärfe eingezeichnct in der Novelle ״Die Rächerin“. Bücher der Tat von einem jüdischen Autor geschrieben — es berührt angenehm und zuversichtlich wie das Zeichen einer neuen gesicherten und aktiveren Beziehung zwischen dem jüdischen Menschen und der Dynamik des Lebens. <■ Klara Blum. Judatca Von der ״Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters“ des verstorbenen Professor Dr. David Neumark erschien soeben im Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin, der dritte Band (II. Band 2: Die Grundprinzipien II. Drittes Buch: Attributenlehre; zweite Hälfte: Mittelalter). Das Buch enthält ein kurzes biographisches Vorwort von Ruhen Brainin. Von dem Sammelwerk ״Die Lehren des Judentu ms nach den Quellen“ (herausgegeben vom Verband der deutschen Juden, bearbeitet von Dr. S. Bernfeld und Dr. F. Bamberger, Vertag Gustav Engel, Leipzig) ist der I. und II. Teil (״Die Grundlagen der jüdischen Ethik“ und ״Die sittliehen Ffichfen des Einzelnen“) in dritter verbesserter Aufläge in einem Band erschienen (6,50 M.). Im Verlag M. & H. Marcus in Breslau sind erschienen: Dr. Alexander Gut tmann: ״Das redaktionelle und sachliche Verhä'tnjs zwischen Misna und Tosephta“; ferner; Dr. Heinrieh Guttmann: ״Die Darstellung der jüdischen Religion bei Flävius Josephus“. ,Im Veflig j. Kauffmann, Frankfurt a. M», erschien: Dr. Arnold MerzbacH: ״Üeber die sprachliche Wiederholung im Biblisch-Hebräischen“. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin bringt in diesen Tagen eine ihrer bedeutungsvollen Veröffentlichungen heraus: den ersten Teil des groß angelegten Geschichtsvverkes ״Die Juden im christlichen Spanien“. Der Verfasser, Dr. Fritz Baer, hat auf Veranlassung der Akademie zwei Forschungsreisen nach Spanien unternommen und umfangreiches hochwertiges Urkundenmaterial zusammengetragen, das bisher gänzlich unbekannt geblieben war. Diese Funde beleuchten in einzigartiger Weise die äußeren Rechtsverhältnisse der spanischen Juden, die Verfassung und innere Entwicklung ihrer Gemeinden, ihre, religiösen und nationalen Traditionen, ihre Wirtschaftsgeschichte, den Anteil der jüdischen Finanzmänner und Aerzte an der Staatsverwaltung und der äußeren Politik ihres Landes, ihre religiösen Disputationen, Abfall und Rückkehr zum Judentum und die Blutgeschichteu der Inquisitionen. Der erste Doppelband, der jetzt erscheint, behande't Aragonien und Navarra. Für den Abschluß des folgenden Bandes, der Kastilien behandein wird, unternimmt der Verfasser in diesem Winter seine dritte Spanienreise. Jewlsh Studies, in memory of Israel Abrahams, by the faculty and visiting teachers of the Jewish Institute of Religion (New York 1927). Ein monumentales Werk von LXVI und 458 Seiten, das dem 1925 verstorbenen Historiker Abrahams gilt Während die ersten Artikel sich mit dem Leben und Lebenswerk Abrahams’ beschäftigen, wobei auch seine Werke und Arbeiten genannt werden und wozu Stephan Wise, der Präsident des genannten Instituts, ein Vorwort geschrieben hat, liefern die Beiträge von 27 Mitarbeitern wertvolle Studien aus ihrem eigenen Forschungsgebiet, meist in englischer, z. T. auch in deutscher Sprache. Es ist schwer, hier eine Auswahl zu treffen, es sei aber hingewiesen auf den ausführlichen, und tiefschürfenden Beitrag von Diesendruck über ״Maimonides’ Lehre von der Prophetie“, E1 b o g e n über ״Pharisäer und Sadduzäer“, Gressmann ״Jewish Life m Ancient Rome‘1, Travers Herford ״The Separation of Christianity from Judaism“, Kirsopp Lake ״The Council of Jerusalem described in Acts XV“, und David J e 11 i n ״Forgotten Meanings of Hebrew Roots in the Bible“. Das Werk ist von der Georg Aleander Kohut-Stiftung herausgegeben und trägt das Porträt des Gelehrten, dem zu Ehren es erschienen ist. Das Werk kann nicht ohne Einfluß auf jüdische Forschung bleiben. Rabbiner Dr. Posner, Kiel. Im Verlag R. Oldenbourg in München erschien als Bei* heft 15 der ״Historischen Zeitschrift“ eine Abhandlung: ״Ranke und Hegel“ von Dr. Ernst Simon (jetzt Jerusalem). Im Porzakrels, im Rahmen der kürzlich eröffneten neuen Aus- Stellung der Kunstgemeinschaft Porza, deren internationales Völkerverbindendes Programm im Aufsatz über Arthur Bryks erläutert wurde, sprach am zweiten Vortragsabend der Maler Arthur S e g a 1, genauer gesagt, er las seine Apologie der Schwäche, die nichts Geringeres ist als em recht großes Kapitel Dialektik, aber in so glücklicher Mischung von praktischer Schlauheit, naiver Klugheit und dadaistischer Narren- Weisheit, daß dieser einigermaßen unerwartete Fall ins Extrem als eine Art von sportlichem Geistestraining bis zum Schluß ohne Ermüdung und gut gelaunt hingenommen wurde. R. M.