Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1928)
- Date
- 1928-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 4. Dezember 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU *■*■|HM*׳H1aM|׳*aBBa1M*a*aB1a*1*|׳a|Ha*>a1>>1M>||H1*|H׳aMBBa״^^^S5S5535SSa3SSSS5SS Aus einem literarischen Notizbuch Von Sch. Gorelik, Vor ungefähr zwanzig Jahren wohnte ich in Berlin in ein und derselben Pension mit einem namhaften jüdischen Schriftsteller, der viel Schönes geschrieben hatte, aber von ganz besonders mangeiiafter Bildung war. Seine höchste Leistung auf diesem Gebiet bestand in der Lektüre eines Bandes jüdischer Geschichte von Dubnow in jiddischer Uebersetzung, den er damals gerade vorhatte. Der Eindruck auf ihn mußte überwältigend gewesen sein, denn fast nach jeder Seite, die er las, klopfte er bei mir an, um mir seine Gefühle mitzuteilen. Alles wirkte auf ihn wie eine Offenbarung, alles kam so über• raschend neu, und er fühlte sich ungewöhnlich bereichert. Ich versuchte ihn zu beschwichtigen angesichts der Tatsache, daß es noch viele Bände jüdischer Geschichte gäbe und daß Graetz ihrer zwölf geschrieben habe. Nach einer Weile stürzte er wieder zu mir herein: ״Oh, oh, Herodes“ — rief er ganz außer sich —, ״Herodes, ein ungewöhnlicher Mensch, eine höchst komplizierte Königsgestalt, ich werde über ihn schreiben, unbedingt, ich werde über ihn schreiben; haben Sie denn eine Ahnung, wer dieser Herodes war?“ Sehr viel später verwirklichte dieser Schriftsteller seine Drohung. Er wählte für seine Romane nicht Herodes, aber andere Helden, andere Momente aus der jüdischen Geschichte, was auf weiteres Studieren der folgenden Bände von Graetz und Dubnow schließen ließ. Und diese historischen Romane, die er schrieb, waren schlecht. Die dichterische Kraft, die Wärme, die meisterhafte Schilderung, denen man sonst in seinen Büchern begegnet, verließen ihn, sobald er nicht mehr mit der gesehenen, erlebten Wirklichkeit, sondern mit der Vergangenheit zu tun hatte. Der jüdische Leser, die jüdische Kritik, warten noch immer darauf, daß sich unsere Romanisten, Novellisten un^ Dramatiker an die jüdische Vergangenheit heranwagen und sie zu gestalten versuchen. ״Lest Graetz“ — ermahnte vor einiger Zeit ein jüdischer Kritiker die ostjüdischen Schriftsteller — und er meinte damit nichts anderes, als daß man den Horizont erweitern und nicht immer nur das, was vor Augen liegt, zum Stoff für die Dichtungen wählen solle. Ein kleiner Wandel scheint in letzter Zeit eingetreten zu sein, wobei besonders Salomo Molcho bevorzugt wird. Nach dem hebräisehen Schriftsteller Jewin, der in einem dramatischen Werk mit dem wunderbaren Helden und Märtyrer Diego Pieres — Salomo Molcho fertig zu werden sich bemühte, hat jetzt ein anderer jüdischer Schriftsteller, Kabak, einen dreibändigen Roman aus derselben Epoche geschrieben. Im allgemeinen aber sieht es so aus, als ob die westjüdischen Schriftsteller, die in europäischen Sprachen schreiben, es sein werden, die sich der gewaltigen Stoffe der jüdischen Vergangenheit annehmen werden. Hieß es denn nicht von Lion Feuchtwanger, der so viel Glück mit seinem ״Jud Süß“ hatte, daß er den Josephus Flavius zum Helden seines neuen Romans erkoren hat; ״MÄÄM er nicht gekündigt, daß er es bei Reuoenf allein ment bewenden lassen will, sondern die Sabbatai Zewi-Epoche und die Jacob Frank-Episode in zwei Romanen zu schildern die Absicht hat! Die westjüdisehen Schriftsteller sind nicht von der ״Städtchen“-Tradition behindert, sie haben keine jüdische Wirklichkeit vor sich, sie sind geschickter und von fast unübertroffener Produktivität. Sie werden es gewiß nicht zulassen, daß schließlich nichtjüdische Romanschriftsteller und Dramatiker auf die ungeheuren Schätze, die in Graetz’ 12 Bänden verborgen liegen, aufmerksam werden. Den besten Spinoza-Roman hat der Nichtjude Kolbenhayer geschrieben. An Werfel liegt es nun, Revanche zu nehmen und aus seiner Feder einen Uriel Acosta-Roman entstehen zu lassen. * Der Roman ״Die polnischen Wälder“ von Opatoschu, welchen der Heine-Bund (eine jüdische Buchgemeinde) in deutscher Uebersetzung unter dem Titel ״Der letzte Waldjude“ jetzt herausgegeben hat, veranlaßte mich zu folgender gewiß paradoxer Behauptung: Man soll vielleicht Bücher nicht in der Originalsprache, sondern in der Ueber- Setzung lesen, denn erst dann wird oft der wirkliche Wert eines Buches feststellbar. Es gibt Genießer, die nur das Original gelten lassen wollen, weil bei jeder, auch der vortrefflichsten Uebersetzung, der goldene Staub sich verflüchtige, das Aroma verdufte. Sie sind geizig und trauern um die dreißig Prozent, die wahrscheinlich verlorengehen; jedoch eines vergessen sie zu beachten, daß oft erst die Uebersetzung die Sicherheit gibt, ob sich die übrig gebliebenen siebzig Prozent in dem Buche befinden. . . . Wie steht es nun um Opatoschu’s Roman? Als man vor einigen Jahren diesen Roman im jiddischen Original las, war man geneigt, mit der gesamten jüdischen Kritik sich der Freude hinzugeben, daß hier einem jüdischen Autor ein großer Wurf gelungen sei. Damals hieß es überall, hier komme es nicht auf die einzelnen Genre-Bilder, auf die Milieu- und Naturschilderungen an, sondern hier sei es Opatoschu geglückt, eine Epoche, einen Zeitabschnitt in der Geschichte des polnischen Judentums und auch Polens zu gestalten. Den polnischen Aufstand im Jahre 1863, den Anteil der Juden an diesem Aufstand, die polnische Gesellschaft, wenn auch nur durch einen kleinen Kreis revolutionär, mystisch und philosemitisch gestimmter Grafen repräsentiert, soll Opatoschu in farbenreichen Bildern gezeigt haben. Man war geschmeichelt durch so etwas wie weltmännische Manieren in seinem Roman. Eine jüdischpolnische Rahel Varnhagen oder Henriette Herz thront in ihrem Salon. Sie heißt Felicita, und Graf Komarowski ist in sie verliebt, indes ihr Gatte, der alte Mascil Strahl, über die Welt und die Juden nachsinnt. Und dann die Entzauberung, der Zerfall des Chassidismus, das Leben und Treiben an dem Kotzker Chassidischen Hof, wo alles in Entartung begriffen ist. ^Opatoschu soll unerschrocken, ohne Rücksicht und Bedenken, ״ vorgegangen sein. Den Rahmen zu all den wechselvollen Bildern gibt der Lebenslauf Mordechais, der im Walde bei ' seinem Vater aufgezogen ist, von dort wegen seiner Liebe zu der Tochter eines jüdischen Pächters nach Kotzk weggeschickt wird. Mordechai lernt auf diese Weise die Welt kennen, er erlebt seine große Enttäuschung am Kotzker Hof, gerät unter den Einfluß des alten Mascil Strahl und seiner Frau Felicita Gustav Landauer Ober die judenfrage ln den nächsten Tagen erscheint im Verlag van Buettcn «f• Loening, Frankfurt/Main, eine Sammlung von Briefen Gastao Landauers, Durch Entgegenkommen der Herausgeber sind wir in der Lage, bereits heute einige Bruchstücke aus diesem Buch zu veröffentlichen, und zwar aus Briefen an Freunde, in denen sielt Landauer zu Fragen des modernen Judentums äußert. Dieser Mann, in dem das große jüdische Ethos, die edelste jüdische Tradition in unseren Tagen wieder in seltener Beinheil verkörpert worden, ist, wußte um sein Judentum als tiefste Quelle seines geistigen Wesens. Gegenüber seinen Freunden, die meist eine assimilatorische Anschauung vertreten, verteidigt!;andauer mit großer Entschiedenheit die These vom bestimmenden Einfluß des jüdischen Blutes, ln den von uns wiedergegebenen Bricfstellen tritt diese Haltung Landauers klar zutage. Die zweibändige Brief Sammlung, die ein wahrhaft großes menschliches Dokument darstellt und nicht nur zeitgeschichtlich interessantes Material, sondern vor allem für die auch heute aktuelle geistige Entscheidung wesentliche Gedanken enthält, fahrt den Titel: Guatav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen, Unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer, herausgegeben von Martin Bub e r , Bütten Loening, Frankfurt/M. 1. Aus einem Brief an Julius Bab (Juni 1913) Hier Ihr Judenaufsatz*). Merkwürdig, an wie vielen Punkten wir uns berühren, um sofort weit auseinanderzugehen... Es wäre vie! darüber zu sagen, — ich meine, ohne eine gewisse Spontaneität der Tragik oder Resignation oder meinetwegen des Abwendens, aber jedenfalls ohne das intensiv zum Ausdruck gebrachte Gefühl: tua res agitur dürfte dieses Thema von einem Juden nicht behandelt werden... il. An Julius Bab (20. September 1913) ״Grundlagen“ — schreiben Sie jetzt — ״aller vernünftigen Berechnung bleibt doch Erkenntnis der gegenwärtig existierenden Spannungen.“ Das ist’s ja gerade, daß ich diese nichteuropäischen, orientalischen, uralten Spannungen in mir, in uns Juden gegenwärtig spüre!! Ich wollte doch nicht nörgeln. — Nein, wir sind in dieser Sache noch nicht über das Wesentliche einig, hoffen wir, daß wir es werden. ״Daß Menschheit Ziel, Jude oder Deutscher nur Wege sind —“ das könnte ich nie sagen. Dies ״Ziel“ und diese ״Wege“ gehören mir durchaus untrennbar zusammen, und selbst wenn ich gelegentlich scheiden würde, würde ich nie ״nur Wege“ von diesem wesenhaften Teil meiner Individualität sagen. Von außen betrachtet heißt die Reihenfolge freilich: IndividrnimVolk י-יי Menschheit; innen aber, in.meiner individualität, geht’s umgekehrt zu: da bin ich, um noch weiter auszuholen: erst ein Tier — dann ein Mensch — dann ein Jude, Deutscher, Süddeutscher — dann dieses besondere Ich. Das Ziel Menschheit erstreben wir als äußeres Gebilde: der Weg dahin führt nicht bloß über unser Menschentum, *) In diesem letzten Abschnitt seines Aufsatzes ״Zur Poesie der lüden“ in ״Freistatt“, August-Heft 1913, schreibt Gustav Landauer: ״Anmerken will ich noch, daß meine Anschauungen über Judentum und Deutschtum sich im Wortlaut vielfach mit denen Julius Babs berühren, daß ich aber doch zu wissen flaube, aus den Betonungen seiner Worte und aus seiner Unankbarkeit gegen den erweckenden Zionismus entnehme, daß unsere Gefühle und Gedanken auch in diesem Punkte sehr verschieden sind.“ sondern vor allem über unsere differenzierte Nationalität, die schon zu Individualdifferenzierung gehört. Nein, die Altersunterschiede zwischen uns beiden sind kein ausschlaggebender Grund; denken Sie an Buber, der, glaube ich, noch jünger ist als Sie. Es fehlt Ihnen in dieser Sache, wie soll ich sagen: Ergriffenheit, Freude, Enthusiasmus im Bekennen zum Judentum. Alles, was Sie da sagen, klingt etwas wie verbissene Pflichterfüllung. — Jedenfalls habe ich auch jetzt noch das Gefühl, das im letzten Abschnitt ausgedrückt wurde. Alles Herzliche! Ihr Landauer. III. Aus einem Brief an Fritz Mauthner (20. November 1913) Unsere Judendebatte schlage ich vor nicht fortzusetzen•). Du hast sie zuletzt aufs Geleise der Logik geschoben, hast aus meinen ״Prämissen“ (in den Ketzergedanken) andere ״Schlüsse“ ziehen wollen. Darum aber, ob Du die Eigenschaft des Jüdischen einen ״Duktus des Gehirns“ nennst und etwa das Wörtchen ״nur“ hinzufügst, handelt es sich doch wohl nicht, sondern darum, daß Du, indem Du diesen Duktus jüdisch nennst, nicht bloß von einem Zug sprichst, der Dir individuell eignet, sondern von einem, der Dir mit einer Anzahl Menschen gemeinsam ist. Und, welchen Wert ich dieser von gemeinsamer Geschichte stammenden Gemeinschaft beilege, das entscheidet mir nicht die Logik. Ich für mein Teil finde nicht so viele in die Jahrtausende zurückgehende Gemeinschaften in unserer Zeit, daß ich auf eine verzichten möchte, zumal wenn ich keinen Grund dazu habe. Und eine Gemeinschaft, die man — mit Deinen Worten — an einem ״Duktus im Gehirn“ erkennt, ist eigentlich Wirklichkeit genug. Es handelt sich also um ein ffegleitgefühl zu einer Wirklichkeit; die Logik wird mir’s nicht nehmen können; warum sollte sie’s aber auch wollen? Was die Menschheit angeht, mit der Deine Frau kommt, so wird die Menschheit den differenzierten Nationen und anderen natürlich-gesellschaftlich-geschichtlichen Gemeinschaften so wenig etwas anhaben, wie die Säugetierigkeit die Menschheit austilgen kann. Ihre erfreuliche Menschlichkeit wird untrennbar mit ihrer süddeutschen Eigenart verbunden .sein; und so wird sie auch uns andern lassen müssen, was wir bis ins Physiognomische und Mimische hinein nun einmal haben. Nun bin ich doch in die Fortsetzung der Debatte gekommen, die ich doch lassen wollte. Aber vielleicht habe ich eben nur den Punkt gezeigt, wo keinerlei Räsonnement mehr hinkommt. Dein Deutschtum wenigstens wird man auch Dir nicht wegräsonieren können. Ein recht gutes Jahr! Treu verbunden Dein Gustav Landauer, *) Fritz Mauthner hatte am 10. Oktober 1913 an Landauer geschrieben: ״Dank auch für Deine ,Ketzergedanken‘. Der Eingang hat mich wieder durch Form und Inhalt entzückt. Dann aber lag es wohl an mir (und uns), daß alle Prämissen zu meinem Standpunkte zu führen schienen: ,Ich fühle mich nur ein Deutscher; weift dabei, daß mein Gehirn irgendwie einen Ductus hat, den man jüdisch nennt; um so schlimmer oder um so besser, ich kann und will es nicht ändern. Deine Conclusio ist anders und nur darin gehen wir auseinander.״‘ iniiiiiiiiiniiiiiiiiiniiiiiiiiiiMiimmiMiiiniiininiiiiiiiiiiiiiininiiiiiiiMiiiiiffliiiiMiniiHiiiniimiiiHniiiiiiniiiiiiiniininiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii'niiiniiHiiiiiiiiimiHiiiiiHiiiiimiiiiiiiiiiiniiiHiiiniiiimniiiiiHiiiiiiiiniimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii und die Sonne der Aufklärung geht über ihm auf. Dies ist in kurzem der Inhalt. In der jiddischen Literatur, die an breit angelegten Romanen nicht gerade reich ist, mußte Opatoschus ״Die polbischen Wälder“ als großes Ereignis gewertet werden. Auf vieles, das geeignet war, die Begeisterung ein wenig einzudämmepj vergaß man die Aufmerksamkeit zu lenken. Nun aber wird man durch die jetzt vorliegende Uebersetzung gerade daran stark erinnert. Die Grenzen des wahren Könnens werden gesteckt und in der Beurteilung des Werkes wird die notwendige Korrektur vorgenommen. Demnach verhält es sich mit unserem Dichter ungefähr folgendermaßen: Wenn Opatoschu einen Kultursalon schildert, in welchem philosemitische polnische Grafen verkehren und Konversation halten, ist er ziemlich unbeholfen und wirkungslos. Inder chassidischen Welt kennt er sich zwar gut aus, aber er kennt nur die Worte, nicht aber die Seele des Chassidismus. Bisweilen hat man sogar den Eindruck, als ob ein Nichtjude hier die tragische Gestalt des Rebb Mendele von Kotzk schildert, jenes Rebb Mendele, der nicht mehr als Wunderrabbi gelten will, der die Entartung einer großen Welt vor sich sieht und das Volk fortjagt. Es geht keine Wärme von dieser Gestalt aus, von seiner Tragik wird viel erzählt, aber wir werden nicht erschüttert. Und was dachte sich eigentlich Opatoschu, als er bei den Schilderungen des Verfalls, der Degeneration am Kotzker Hof, Duszka, die Rabbi-Enkelin und Daniel Eibenschitz’ Frau, eine derart dekadente Sprache führen läßt, als hätte sie den Gediehiband Baudelaires ״Die Blumen des Bösen“, diese Oden der Verwesung, auswendig gelernt: ״Kein Licht, Riwkele, kein Licht ... es ist mir so wohl, wenn es dunkel Ist, ich wollte, es wäre immer Nacht, du nicht? Der Tag ist eine Qual für mich. Männer gehen in einem fort hin und her, und ich hasse Männer, ich hasse furchtbar gesunde starke Männer, Riwkele, ich habe kleine Kinder lieb! Kinder habe ich lieb und Krüppel! Wenn ich einen Krüppel sehe, muß ich stehen bleiben . . . ihre verzerrten, traurigen Gesichter beruhigen mich ... da vergesse ich, daß ich Daniels Frau bin und Rabbi Mendele’s Enkelkind ... ich möchte so gerne mit ihnen im Rinnstein sitzen und in Lumpen gehen, betteln, ihren Geruch einatmen und mit ihnen singen,“ Aber Duszka, die am Kotzker Hof lebte, hat Baudelaire bestimmt nicht gelesen, vielleicht aber Opatoschu, dem allenfalls Max Nordaus ״Die Entartung“ nicht unbekannt geblieben sein mußte, denn solche Stellen, wie die oben angeführten, sind in Nordaus Buch oft zu treffen, das sind doch jene Zitate, auf die er seine unglückliche Theorie von der Entartung aufgebaut hat. Wiederum die Schilderung jener mystisch-erotisehen Nacht in der Wohnung des Daniel Eibenschitz erinnert stark an die Beschreibungen der orgiastischen Tänze, die bei der russischen religiösen Sekte Chlisten Vorkommen und unter dem Namen ״Radjenija“ bekannt sind. Schwer anzunehmen, daß sich in solchen Formen, wie wir sie in Opatoschus Roman finden, der Verfall am Kotzker chassidischen Hof äußern konnte. Nein, der große Wurf ist Opatoschu nicht gelungen. Was ihm hingegen gelungen ist, sind gerade kleinere Genrebilder. So wird z. B, die Reise Mordechais nach Kotzk köstlich und mit sehr feinem Können beschrieben. Auch seine Naturschilderungen wirken frisch und stark, wobei zu bemerken ist, daß Opatosciiu die Natur anders empfindet und schildert als der größte Teil der jüdischen Schriftsteller. Er ״verjüdischt“ nicht die Natur. Sein Wald ist ein richtiger goischer Wald und nicht wie bei Asch, in dessen Buche ״Rcb Schloime Nogid“ es heißt: ״Wer ist es, der dort vorbeifährt? Vor wem neigen sich die Bäume im Walde und Aehren auf dem Felde? Das ist der Soicher (Kaufmann) Reb Schloime Nogid, der zum Sabbat nach Hause fährt.“ Asch durchdringt die Natur Gottes mit den Stimmungen des Sabbatnahens, er durchzieht Wald und -Feld mit der innerlichen Religiosität, mit der Romantik des ^Städtchens“. Bei Opatoschu ist keine Spur davon zu merken: ״Die Pferde trabten durch den Schnee; wirbelten kalten, stechenden Staub auf, schlugen mit den langen Schweifen an ihre glänzenden Flanken, warfen die Köpfe mit den erhitzten Nasenlöchern in die Höhe und wieherten.“ Das sind nicht die Pferde, die Mendele und Seholem-Aleichem schilderten, nicht ״Methusalem“ und nicht die ״Kljatsche“. Im allgemeinen darf gesagt werden, daß dem Talent Opatoschus eine gewisse Kälte eigen ist. Er muß einen sehr guten Kopf haben, aber warm wird man bei seinen Büchern