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Jüdische Rundschau · 1928-11-27 · Heft 94 (27.11.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 94 (27.11.1928)
Date
1928-11-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 660 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 94, 27. XL 1928 £ 1ו Umgestaltung oder Zerschlagung? Von Bernhard Bamberger, Würzburg. Der Autor, der hier die von A. Barth in der ״J. R.“ Nr. 91 begonnene Diskussion fortsetzt, legt Wert auf die Feststellung, daß er durchaus auf orthodoxreligiösem Standpunkt stellt, aber wegen der zionistischzentrifugalen Tendenzen des Misrachi diesem nicht mehr angehört. Da cs sich in dem nachstehenden Artikel um eine persönliche Diskussionsäußerung handelt, so er- Übrigt sich die Feststellung, daß wir manche Details, wie z. B. die Beurteilung der Landesvorstandssitzungen, für etwas einseitig halten. — Red. Vor einiger Zeit wurde in diesem Blatte der negative Ausgang der Frankfurter Rabbinerwahl als ein zionistischer Sieg 1m Lager des Gegners bezeichnet. Angesichts des Ergebnisses des Delegiertentages des deutschen Misrachi muß festgestellt werden, daß dieses Mal der Gegner einen Sieg bei uns errungen hat. — Was ist geschehen? Unter den Resolutionen, die der misrachistische Delegiertentag anfenommen hat, erklärt die eine, daß ,,die Umbildung der »V. f. D. in eine territoriale Arbeitsgemeinschaft ein dringendes Erfordernis“ sei. Neben dieser Formel, die anscheinend noch die Diskussion offen läßt, steht jedoch die durchaus auf einen schärferen Ton gestimmte Berichterstattung des Vorsitzenden des deutschen Misrachi, Herrn Alexander Adler, in der ״Jüdischen Wochenschrift“ und die Erläuterung der Frankfurter Beschlüsse durch Herrn Dr. Arnold Barth in Nr. 91 der ״Jüdischen Rundschau“ (S. 637). Dort steht unter anderem: ,,Einige westeuropäische Länder, vor allem Deutschland .... halten noch die Fiktion einer einheitlichen Landes- Organisation aufrecht. Daß dies seit langem nur noch eine Fiktion Ist, kann kaum bestritten werden, denn es gibt kaum ein wesentliches Arbeitsgebiet .. in dem die in der Z. V. f. D. zusammengeschlossenen Gruppen nicht so verschiedener Ansichten wären, daß eine einheitliche Tätigkeit überhaupt nicht mehr möglich ist.“ Dies besagt mit anderen Worten: Die Differenzierung der Meinungen im deutschen Zionismus ist bereits so weit vorgeschritten, daß es sögenannte allgemeine zionistische Tätigkeit nicht mehr gibt. Eine Umbildung der Z. V. f. D. kann also letzten Endes nichts anderes bedeuten, als ihre völlige Zerschlagung in nebeneinander bestellende Organisationen, die grundsätzlich voneinander unabhängig sind und sich nur nach Bedarf und gutem Willen zu Arbeitsgemeinschaften heute auf diesem, morgen auf jenem Gebiet zusammenschließen. Hiergegen erhebt sich zunächst ein wichtiger p r a k t i - scher Einwand. Im deutschen Zionismus gibt es heute Misrachisten; Revisionisten, Linkes Zentrum, Hapoel Hazair, evtl, noch einige Gruppen mehr. Wenn auch der Misrachi für sich auf Grund seiner Weltanschauung eine Sonderstellung in An- Spruch nehmen darf, so wird er in der Folge nicht verhindern können, daß auch die andern genannten Gruppen das Recht zur Selbständigkeit beanspruchen. Vielleicht entdecken eines Tages auch die Ostjuden, daß in ihren Kreisen nur durch Ostjuden Propaganda betrieben werden kann und organisieren ach demgemäß ebenfalls getrennt. Und so weiter. An Stelle einer großen, durch die Vielfältigkeit der Köpfe und Meinungen reichen Organisation treten Orüppchen mit vielleicht sauberen Theorien, denen aber die Basis einer gefestigten Wirklichkeit fehlt. Wollte sich der Misrachi demgegenüber etwa darauf berufen, daß er in Palästina durch seine Schulen und Kolonien,,über eine solche Wirklichkeit verfügt^ so mag dies richtig sein; aber es tritt in Deutschliyid nicht in Erscheinung. Die nichtzionistlsclie Masse, der ohnehin an der Schaffung neuer Nuancen gewiß nichts gelegen ist, wird allmählich durch die Fülle der verschiedenen Zionismen irre werden. Was bisher auf sie wirken konnte, war nicht allein die Ueberlegenheit der Theorie, sondern die Tatsache einer machtvollen Geschlossenheit, die auch dem Widerstrebenden offenbarte, daß es hier um große Dinge geht. Diese Angriffikraft wird ein gevier- und gefünfteilter Zionismus, der sich trotz Innerer Unterschiede gegen außen nicht mehr zusammenfindet, nicht mehr besitzen. Hiermit stehen wir schon bei den prinzipiellen Bedenken gegen den Bardischen Plan. Ueber den komplizierten Fragen des Alltags drohen oft die einfachsten und gerade darum wesentlichsten Grundwahrheiten vergessen zu werden. Um das Wesen des Zionismus, gewissermaßen auf einem Beine stehend, zu umreißen, prägte Herzl das Wort: ,,Wir sind ein Volk, ein V o I k 1“ Auch vor ihm gab es Richtungen, Berufsgruppen, Palästinavereine; er aber erkannte, daß eine Organisation geschaffen werden müsse, die nicht Kulturarbeit, nicht Politik, nicht Palästinaaufbau ist, sondern eint Potenz aus all diesen Einzeltätigkelten. Damit ahnte er, daß zu den charakteristischen Ideen der jüdischen Religion ein lebender Körper gehöre, zu dem alle Glieder des Volkes, seine Heiligen und seine Sünder, gehören. Der Kampf zwischen Orthodoxie und Liberalismus hätte zu einem tatsächlichen Zerfall in mindestens zwei Judentümer geführt,!wenn nicht durch den Zionismus die nationale Zusammenfehörigkeit des Judentums neuentdeckt worden wäre. Im eirtschen Judentum kommt zu den Gefahren der Religions- Spaltung die Assimilationstendenz hinzu, d. h. die Ausgleichung an die Umgebung und damit die gegenseitige jüdische Entfremdung. Dieser Prozeß ist soweit gediehen, daß ein nichtzionistischer Jude kaum mehr daran glauben kann, daß es je gelingen sollte, Juden zu einem einheitlichen Staatsgebilde zusammenzufassen. Im Kampf hiergegen liegt schon sehr viel Gemeinsames für jeden Zionisten. Wer aber gelbst entzweit ist, kann schwer zur Einigung aufrufen. Man verweise nicht auf Polen, wo es auch keine einheitliche Landes- Organisation gibt. Zunächst ist es fraglich, ob djpser Zu- Stand nicht auch dort zu schweren Schäden geführt hat. Ferner aber existiert in Polen das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit als eine Tatsache des täglichen Lebens. In Deutschland fehlen solche Bindungen und müssen durch die zionistische Gesellschaft ersetzt werden. Wird diese aber zerstört und schwenken die Flügel zü ihren nichtzionistischen Gesinnungsnachbarn ab, so werden sie bald von diesen durch Soziologische Bindungen derart erfaßt werden, daß die Kluft gegenüber den übrigen Zionisten ünüberbrückbar wird. Darum brauchen wir die Z. V. f. D. als Zentrum und als Ausgangspunkt jeder zionistischen Tätigkeit. Sie muß uns als das sichtbare Symbol eines Staatsgebildes erhalten bleiben, in der die auseinanderstrebenden Kräfte gebunden werden und ihren Ausgleich finden müssen. Der Schwerpunkt mag wechseln und mit ihm die Führung; aber das Ringen der Einzelfaktoren darf niemals den Rahmen sprengen. Wer dies tut, begibt sich außerhalb des Zionismus. Auf den Fall des Misrachi angewendet ergibt sich hieraus: Je mehr der Misrachi (und dies mit Recht) seine religiöse Anschauungsgemeinschaft mit der Agudah betont, desto klarer ergibt sich, daß den MiSrachiSten seine Zugehörigkeit zum Zionismus vom Agudisten scheidet. Lockert er diese, so gibt er sich selbst »reis. Und mit denselben Gründen, auf Grund deren die Loslöstlng von der Z, V. f. D. als notwendig hingestellt wird, könnte auch ein Austritt aus der Zionistischen Weltorganisation gerechtfertigt werden. Es ist nicht floß die Aufgabe des Misrachi, seine religiösen Forderungen im Zionismus ZU vertreten, sondern auch .gieiehzeitig die tradioneli Gesinnten aus fernstehende!» Kreisen mit dem Geist des nationalen Handelns und der Renaissance zu erfüllen, die diesen ebenso nottut wie jeder andern Gruppe, Darum muß auch festgestellt werden, daß die Verbindung mit der Z. V, f. D. dem Misrachi nicht bloß Hemmungen auferlegt hat. Vielmehr hat der einzelne Misrachist sowie die Organisation als solche sehr wertvolle Kräfte aus dem zionistischen Lager bezogen. Die Vorwürfe aber, daß der Misrachi zu eng mit der ״Linken“ verbunden sei, werden auch nach der Durchführung des Barthschen Planes nicht aufhören. Durch Beteiligung am Nationalfonds, Keren Hajessod und Kongreß ist die Verbindung immer noch so weit gegeben, daß sie bei konsequenten Verfechtern des religiösen Austrittsgedankens nach wie vor Anstoß erregen muß. Damit ist keineswegs gesagt, daß der Misrachi nicht das Recht besitzt, für seine eigenen Zwecke mehr Aktivität zu entfalten als dies bisher geschehen ist. Kein misrachistischer Propagandaredner wird gehindert werden, seinen Standpunkt darzulegen, solange er nicht andere zionistische Standpunkte damit angreift. Auch dies wird einmal geschehen müssen, doch sind die gemeinsamen Werbe- und Wirtschaftsaufgaben und der nur durch einen gemeinsamen Stoß wirksame Angriff auf die Assimilation heute noch wesentlicher. Der Kulturkämpf kann zudem nur in Palästina entschieden werden. Die Auffassung Barths, daß trotz dieser gemeinsamen Aufgaben eine Z. V. f. D. in Wirklichkeit nicht bestehe, scheint jedoch Ursachen zu haben, die beachtet werden müssen. Dem einfachen nichtbeamteten zionistischen Arbeiter, besonders in der Provinz, erscheint eine solche Feststellung als das genaue Gegenteil dessen, was er von seiner Ortsgruppe her kennt. Barth scheint aber durch seine Erfahrungen in bestimmten Zentralinstanzen zu seinem Urteil gelangt zu sein. Und hier muß gesagt werden, daß für jeden, der die Protokolle von Landesvorstandssitzungen verfolgt, die Feststellung Barths psychologisch verständlich erscheinen muß. Der außenstehende Beobachter hat hier den Eindruck, daß in diesem Forum sehr viel überflüssige Parteireden gehalten werden und jede Frage mehr durch Abstimmung als auf Grund gemeinsanier Erkenntnisse entschieden wird. Und es muß ferner anerkannt werden, daß der Misrachi hier besonderen Grund hat, sich zu beklagen. In einigen zionistischen Kreisen scheint man für seine Gewissensangelegenheiten nur sehr wenig Verständnis zu haben, und es darf nicht Wunder nehmen, wenn gegenüber einer dauernden Brüskierung sich Männer ihrer persönlichen Würde erinnern. Diese letzten Feststellungen dienen nicht dazu, die Preisgäbe von Ueberzeugungen zu befürworten, wenn die taktische Situation ungünstig geworden ist. Sie sollen aber dazu dienen, einen Weg für Verhandlungen zu zeigen, durch die eine Lösung dieser Krise gefunden werden kann. Gegen eine Reformation an Haupt und Gliedern ist nichts einzuwenden und viele Fragen, wie z. B. die Kulturarbeit, müssen ehrlich neu durchdacht werden. Bei Toleranz, die nicht bloß wie bisher einseitig verlangt wird, kann ein Weg gefunden werden, der dem palästinensischen Schulaufbau in zwei Gruppen unter einer einheitlichen Aegide entsprechen kann Je enger der Misrachi mit der zionistischen Bewegung in Deutschland verknüpft sein wird, desto mehr wird jede seine Sondertätigkeit einen zionistischen Wert bedeuten und darum nicht nur erlaubt, sondern begrüßt werden. Dann wird er auch seinem Ziel, dem der Verfasser dieser Zeilen ebenfalls nachstrebt, nämlich der Durchführung des Basler Programms auf der Grundlage der Thorah, rascher näher kommen als durch eine Abtrennung, die ihn beiden Seiten, der zionistischen wie der nichtzionistischen, als unzuverlässig erscheinen läßt. Das rumänische jüdische Semeiadegesetz Bukarest, 21. November. (J. T. A.) Das Amtsblatt ״Monitorul Official“ publiziert das neue Gesetz über die Organisation der jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände in Rumänien. Danach stellt die jüdische Gemeinde eine V e r e i n i - gung aller Juden und jüdischen religiösen Anstalten (Synagogen, Gebethäuser usw.), sowie der Anstalten für Kultur und für soziale Hilfe dar. Mehrere Gemeinden dürfen sich zu einem Verband zusammenschließen. In jeder Ortschaft darf nur eine einzige jüdische Gemeinde bestehen, der automatisch alle Juden dieser Ortschaft angehören. Einzig den spaniolischen Gemeinden in Altrumänien und den orthodoxen Gemeinden in Transsylvanien ist es gestattet, außerhalb der Gemeindeorganisation als Sondergemeinden zu bestehen. Alle Gemeinden bilden einen allgemeinen jüdischen Kongreß, der die Aufgabe hat, ein allgemeines Statut der Organisation des jüdisehen Kultus abzufassen und einen Vertreter des jüdischen Kultus für den rumänischen Staat zu wählen. Wieder Lanatscharski Moskau, 23. November. (J.T. A.) Lun a t s c ha rs ki erklärte gegenüber dem Vertreterder J.T. A. auf dessen Frage, wie er sich zur Frage des hebräischen Unterrichtes in den jüdisehen Schulen verhält, folgendes: Unter keinen Umständen werden wir die tote hebräische Sprache als Unterrichtssprache in Schulen einführen, mag dies die Bevölkerung wünschen oder nicht. Ich bezweifle aber sehr, ob irgendwo eine jüdische Bevölkerung — ausgenommen kleine Gruppen — existiert, die die Einführung des Hebräisch in die Schulen wünscht. Eigentlich verboten 18t aber das Hebräische nicht; es darf ebenso wie Latein in Rußland gelehrt werden. Sollte Irgendwo die Bevölkerung die Forderting erheben, daß an einet bestimmten Schule Hebräisch gelehrt werden soll, so werden wir dieses Fach ln den Lehrplan dieser Schule aufnehmen. Tagung der polnischen Agudah Anfang November fand ln Warschau die Konferenz der polnischen Agudas Jisroe!-Organisation statt bei Anwesenheit von über 600 Delegierten, darunter 18 Rabbinern. Für den Weltverband waren die Herren Dr. Pinchas Kohn, Jacob Rosenheim und Dr. Jacobsohn (Hamburg) anwesend. Die Konferenz befaßte sich mit organisatorischen Fragen, mit Fragen des Schulwesens, der Gemeindearbeit usw. Interessant war der scharfe Gegensatz zwischen den A gud a h-A r be i t e r n und dem Weltverband. Das Vertrauensvotum für die bisherige Leitung wurde gegen die Stimmen der Vertreter der Jugend und Arbeiter angenommen. Die Konferenz befaßle sich auch mit der Frage der J e w 1 s 11 Agency, zu welchem Gegenstand Herr Jacob Rosenheim erklärte, die Entscheidung über den Eintritt von Vertretern der Agudah in die Jewish Agency werde auf dem nächsten Weltkongreß (Knessjoh Gedauloh) gefällt werden. Rabbi Chaim Joseph Sonnenfeld, das religiöse Oberhaupt der der Agudas Jisroel nahestehenden extrem orthodöxen jüdischen Gemeinde in Palästina, beging am 19. November in strenger Zurückgezogenheit seinen 80. Geburtstag. Am 25. November cL J. vollendet Dr. Benno Walter, Vizepräsident der Oroßtoge U.Ö. B. B.,־ sein 50. Lebensjahr, Theodore R ei nach hat in «einem Testament bestimmt, daß seine Villa bei Bcaulieu-sup-Mer In ein Erholungsheim für Schriftsteller umgewandelt wird; Diese Villa besteht mis 70 herrlich eingerichteten Räumen. Jakob Wassermanns Antwort Als Antwort auf den in der ״Jüdischen Rundschau״ er• schienenen Artikel ״Jakob Wassermanns Kampf mit dem Juden.- tum“ richtete Wassermann an den Autor, Dr. Felix Weltsch, ein Schreiben, worin es u. a. heißt: ״Sie schreiben, daß meine Aeußerungen über den Zi>J״ snismus oder gar meine ganze Haltung zu diesem Problem in gewissen jüdischen Kreisen schmerzlich empfunden worden ist Es ist mir nicht ganz verständlich. Ich habe mich Zeit meines Lebens zu meiner Abkunft, zu meiner Gemeinschaft, zu meinem innersten Gefühl und zu meiner Ueberzeugung öffentlich bekannt. Am Anfang meiner literarischen Lauraahn steht ein Buch wie ״Die Juden von Zirndorf“, und ich zweifle, ob ein dichterisches Denkmal dieser Art vorher im Judentum zu finden ist als Manifest sowohl wie auch als Gestaltung. Es gibt hervorragende Köpfe im Judentum wie auch außerhalb desselben, die der Meinung sind, daß das Vorspiel, die Geschichte des Sabatai Zewi, einer der wichtigsten Anlässe zur ganzen zionistischen Bewegung war. Fünfundzwanzig Jahre später, in der Zeit der schlimmsten geistigen Verfolgung, habe ich mit meinem autobiographischen Buch ein nicht zu übersehendes Signal gegeben und den Deutschen gesagt, was sie vielleicht nie vorher vernommen hatten. Fast in jedem meiner Romane findet sich, irt einer Gestalt oder in einer sozialen Konstellation, die nicht mißeuverstehende Darstellung eines welthistorischen Unrechts, damit verbunden der unüberhörbare Ruf nach Gerechtigkeit. Ich erinnere Sie an den Raub des Judenmädchens im ״Moloch״, an die Agathon-Episode in der ״Renate Fuchs“, an die Figur des Benda im ״Gänsemännchen“, an die Ruth Hoffmann im ״Chrisiian Wahnschaffe“: ist denn das alles nichts? Haben jene gewisse Kreise das alles ,vergessen? Ist ein menschliches Antlitz, eine geformte Seele, ein gedeutetes Herz, eine mitwandelnde, obschon nur gedichtete Person nicht wirklicher, existenter, tragfähiger, lebenswahrer und infolgedessen (relativ!) unsterblicher als eine politische Gesinnung und die erklärte Zugehörigkeit zu ihr? Ich habe mich niemals auf eine Gesinnung einschwören! lassen und werde mich stets weigern, es zu tun. Es ist nicht meines Amtes. Meines Amtes ist es, zu schauen. Wer die Importanz davon verkennt, der lebt in einer traurigen Finsternis, und kehrt er sich dann von mir ab, so kann ich es kaum beklagen. Wenn die Juden dem Beispiel des nationalen Chauvlnismus folgen, das ihnen die andern Völker allerdings ununterbrachen geben) so richten sie sich selbst. Als ich vor anderthalb Jahren in Chicago eine ganze Nacht lang mit Chaim Weiz-׳ mann zusammensaß und mit ihm über alle diese Probleme sprach, sagteer mir lächelnd: ich billige Ihnen zu, was ich keinem andern zubilligen würde, denn Sie folgen Ihrem Gesetz, und es obliegt mir, nicht mich Ihnen in den Weg zu stellen, sondern dieses Gesetz zu ergründen. Damit drücken wir uns die Hand. Ich bin Ihr sehr ergebener Jakob Wassermann.“ * Der Brief Wassermanns ^charakteristisch für dessen Stellung zur Judenfrage. Für ihn Ist die Judenfrage eine Wassermann-Frage, ein rein individuelles Problem, und er glaubt, der ausführlichen zionistischen Argumentation nichts anderes entgegensetzen zu müssen, als einen Hinweis auf seine dichterischen Versuche, mit jüdischen Gestalten innerlich fertig zu werden. Niemand leugnete, daß Wassermann uns in seinen Dichtungen vieles Wertvolle auch für die Betrachtung des Judentums gegeben hat. Von dem Vorspiel zu den ״Juden von Zirndorf“, das in Gnessins hebräischer Uebersetzung vielleicht das deutsche Original überdauern wird, bis zu der Problematik des Renegaten Warschauer-Waremtne haben wir auch als Juden dem Dichter Wassermann vieles zu danken. Aber das ist doch hier nicht Gegenstand der Diskussion. Wassermann hat in Reichenhall einen Vortrag über Judentum gehalten, der wahrscheinlich ebenso wie such seine früheren Beschäftigungen mit jü* dischen Dingen, vor allem den Sinn hatte, den Dichter selbst von dem Druck seines Judentums, an dem er leidet, zu befreien, seine persönliche Stellung zu rechtfertigen. Die Anschauungen, die er in dem Vortrag darlegte, haben wir abgelehnt und angegriffen. Die Antwort Wassermanns geht auf diese Argumente nicht ein; er erörtert nicht die jüdische Frage in ihrer ganzen Weite und mit der Verantwortung eines jüdischen Repräsentanten, sondern er denkt rein egozentrisch. Damit aber — und nur darum handelt es sich — hat er das Recht verwirkt, über Judentum Vorträge zu halten; er ist kompetent für die Juden-Neurose des Juden Wassermann, aber nicht kompetent, über Juden und Judentum unhaltbare Allgemeinheiten zu verkünden. Damit ist für uns diese Angelegenheit, über die schrat viel zu viel geredet wurde, abgeschlossen. Die jüdische National- und Universitätsbibliothek Jeru- Salem erhielt während der letzten Wochen eine Reihe von sehr wertvollen Sendungen. Dr. Nathan Korn ln Wien übersandte eine aus ca. 400 Bänden bestehende landwlrtschaftliehe Bibliothek, ein Geschenk des Vereins jüdischer Hörer der Hochschule für Bodenkultur in Wien. Die Sendung enthielt ferner die Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschiften in Wien, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse, Bd. 117—132 (beide Abteilungen), ein Geschenk des Herrn Primarius Dr. Isak Robinson, Wien, ferner eine Anzahl von alten lateinischen Drucken, ein Geschenk des Herrn Dr. Marcus Satz in Wien, und das große vierbändige arabischpersisch-türkische Lexikon von Meninski (1780), ferner eine f“ “ ' * “־*'־־" ־*־ ■"־ ' ־'־ * ׳ Schachtel, Breslau, übersandte eine Kiste mit Büchern, welche u. a. zahlreiche Schriften zur Geschichte des Ordens ״Bne Brith“ und zur Geschichte der ״Alliance Israelite“ enthielt. An dem Zustandekommen dieser Sendung waren auch die Herren Dr. Theodor Breslauer, Dr. Adolf Mandowsky, Ludwig Schachno und der Verlag Dr. Priebatsch beteiligt. — Durch Herrn Dr. Julius Jarcho, New York, erhielt die Bibliothek eine große Sendung neuer ntedizinischer Zeitschriften. — Herr Dr. E. Libman, New York, übersandte eine Kiste mit neuen medizinischen Büchern und mit Ausgaben medizinischer Klassiker, u. a. die große zehnbändige Ausgabe von Hypokrates. — Herr Emanuel Hertz, New York, übersandte der Bibliothek ein Manuskript De natu human (ae intelligentiae?) von einem der Komment«* toren Descartes und die Ausgabe des hebräischen Pentateuch, Antwerpen 1573. — Professor Dr. Theodor L es sing übersandte auf Ersuchen der Bibliothek bereitwillig seine samtliehen Werke, — Der bekannte Psychoanalytiker Dr. Alfred Adler sandte sein Buch ״Der nervöse Charakter“ und zahlreiche einzelne Arbeiten. — Herr Chaim Enzo S e r e n i übermittelte der Bibliothek die Ausgabe der Dialoghi di amore von Leone Ebreo aus dem Jahre 1558. — Herr Jechiel Kurz in Tarnow übersandte acht sehr alte hebräische Drucke, darunter einen Augsburger Druck von Awkath-Rochel (1566). —■ Herr Ludwig ikenoerg, Dresden, vervollstindigte durch Ankauf fehlender Binde die in der Bibliothek vorhandenen Kant- und Schopenhauer-Ausgaben. — Die Buchdruckerei Meyer in Halberstadt übersandte wiederum eine ‘ '־.־־־ י•־,' י ־ ” '־־ ־ Ä ־ große Zahl ma Kunstwerken und Erinnerungsstätten, welche B*ztnr auf die Ö«*eMeht# der Juden Italiens haben, photograpöefen lassen und die Sammlung der Bibliothek zum Geschenke gemacht —'Herr Dr. M. öettinger sammelte ffir die Bibliothek in der Slowakei interessante Plakate zur Geschichte der dortigen Judes. ü

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