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Jüdische Rundschau · 1928-11-27 · Heft 94 (27.11.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 94 (27.11.1928)
Date
1928-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 27. November 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Zivilisierte und Wilde Aus der Sammlung ״Kleine Begegnungen“. Von I. M. Blausfein. Der verbotene Garten. In meiner Heimatstadt im Osten blühte jedes Jahr der Stadtpark nur für die nichtjüdischen Einwohner, Juden, obgleich sie die Mehrzahl der Bürger ausmachten, war einfach der Eintritt •verboten. Wagte sich aber ein Jude dort hinein, so wurde er derart verprügelt, daß ihm für weitere Besuche die Lust verging. Eines Maienabends war die Luft und der Himmel lusttrunken und es trieb mich aus dem Bet-hamidrasch hinaus zu Bäumen und Blumen. Ich war damals ein Jüngling von vierzehn Jahren, mit gekräuselten Locken und einem wundervollen schwarzen Samtrock, der aber den Nichtjuden aus mir damals unverständlichen Gründen ein Dorn im Auge war. Ich schlich mich verstohlen an den Stadtpark, ging ein paarmal um den Zaun herum, wie jener hungrige Fuchs, den es mit aller Gewalt zu den goldenen Trauben zog, und wagte mich schließlich ,׳in den Garten hinein. Aber eh! ich nach Luft schnappen'konnte, faßte mich ein großer Junge am Kragen, versetzte mir einen Fußtritt und warf mich hinaus, fch starnmelte: ״Warum schlägst du mich, ich bin (loch ein Mensch wie du, ich bin doch dein Bruder!!?“ Da stieß er ein Gelächter hervor, daß die Bäume erzitterten ״Ty moj Brat (du bist mein Bruder), ha, ha, ha!“ Viele Jahre sind seitdem verflossen, aber heute noch höre ich oft dieses grauenhafte Lachen: ״Ty moj Brat!“ ״Brüder.“ fm Park der Metropole war eine Negertruppe aus dem Senegal zur Schau untergebracht. Die Mitglieder der Truppe waren alle direkt aus dem Dschungel importiert und fast von der Zivilisation unberührt. Sie ließen ihr Handwerk, ihre Spiele von den Zivilisierten begaffen, und ihre Gesichter waren ewig froh und lachend, als wenn die Umstehenden für sie nicht Fremde, Gaffende, sondern altbekannte, verwandte Wesen wären. Ich befreundete mich mit Mustapha, dem zivilisiertesten Mitglied der Truppe: er war ein schlanker, sehniger Jüngling von 18 Jahren und konnte ein paar Brocken Französisch sprechen. Eines Abends belauschte ich folgende Unterredung zwischen Mustapha und einem echten Germanen. Der Germane gab Mustapha leutselig eine Zigarette, was den Letzteren in helle Begeisterung versetzte. Mustaphü: ״Vous mon frere, mon camarade.“ Der Germane: ״Oh, ce n’est pas possible. Vous fites un homme de la race noire, mais je suis de la race blanche.“ Mustapha: ״Non, c’cst la meme chose; le maitre de cie! est fe pfire de nous fous, c’est la meme chose. Vous fites mon frere.“ Darauf stieß der Germane ein Gelächter hervor, daß der gute Mustapha erschrak und ganz beschämt sich an seine Arbeit machte. Die Religion. Der Kampf ums Dasein verschlug den Neger Tom Barie nach Europa. Er tritt allabendlich als Fakir in einem Zirkus auf. ln seinem gorillaähnlichen Gesicht leuchten ein paar Augen, die sehr viel Intelligenz verraten. Eines Abends nach der Vorstellung lud ich ihn ein, mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken. Wir plauderten miteinander über verschiedene Probleme. Jcij fragte ihn, ob er religiös sei und was für eine Religion er eigentlich habe. Tom schlürfte einen Schluck Kaffee und sprach: ״In Afrika Mission. Fm Missionshause Bilder: Jesus schwarz, ist Neger, Teufel weiß, hat weißes Gesicht. Ich guter Christ. Später ich kam Europa, da ist Jesus weiß, Teufel aber schwarz, ich nicht mehr Christ. Ich nur Mensch. Mensch kann wahr sein, Religion aber nicht wahr.“ Ich vermochte Tom nicht zu widersprechen. Der Arier. Eines Abends wurde ich von Zöglingen der alma mater angerempelt. Ich reagiere grundsätzlich auf solche Anpöbeleien nicht, doch konnte ich nicht umhin, die Bemerkung ״Barbaren“ fallen zu lassen. Und setzte meinen Weg fort. Aber nach etlichen Sekunden bekam ich einen Hieb auf die Schulter. Ich drehte mich tun und sah vor mir einen der drei Studiosi in grotesk kriegerischer Haltung. Ich zögerte nicht lange und versetzte ihm einen regelrechten Brusthaken, daß er nur so klatschend auts Pflaster sich langstreckte. Als ich meinen Weg fortsetzen wollte, torkelte mir der Hiebheld nach, salutierte vor mir und sprach ein wenig stammelnd: ״Entschuldigen Sie, ich dachte. Sie wären ein Jude.“ Ich sah das total verblödete Gesicht dieses durch Alkohol und Anschauungen vergifteten Menschen, und es reute mich, einen Augenblick mit ihm verloren zu haben. Der geschichtliche Jesus*) Von Dr. Wilhelm Stein, Wien. Das Interesse an dem innern Gehalt des Christentums, an seiner Entstehung und an seiner Entwicklung ist in jüdischen Kreisen ganz auffallend gering. Man kann die Gelehrten, die sich mit diesen Problemen beschäftigen, an den Fingern einer Hand abzählen, ohne daß die Quantität durch die Qualität aufgewogen würde. Auch die jüdischen Hinweise auf das Ur- Christentum sollen im Grunde meist nichts anderes sein als Belege für die immer und immer wieder hervorbrechende schöpferische und religiöse Energie deS Judentums. Eigentlich dürfte es aber keinen denkenden Juden gehen, der sich nicht mit dem Christentum auseinandergesetzt hat. Wir Zionisten müssen als Bekenner der Sinnhaftigkeit unserer Geschichte die historische Gestaltung, die Christentum heißt, in das Gesamtgefüge unseres Weltbildes einordnen. Nicht aus Miß- Verständnis und Trotz hat das jüdische Volk der urchristlichen Aera die Lehren des Jesus und des Paulus abgelehnt; aber auch ebensowenig, weil es damals — nach Dubnows Auffassung — gerade unter dem Druck der Römerherrschaft in einer Periode des starken kollektivistischen Bewußtseins stand. Vielmehr stehen sich zwei typische und darum ewige Ausprägungen religiöser Wirklichkeit gegenüber: der unbeirrbare Glaube an die Erlösung des Menschen und der Menschheit durch die eigene Kraft und die demütige, aus der Verzweiflung geborene Hoffnung auf die!Gnade. Nielsens Buch entwickelt den historischen Hintergrund des werdenden Christentums und stellt in diesem Zusammenhang die Rolle des Judentums in der vorderasiatischen Welt des Altertams dar. Freilich scheint es mir daran zu kranken, daß es der Weltiinterfrancsstimmung der ausgehenden Antike nicht voll gerecht wird, wie es ja auch gewisse humane Tendenzen der Philosophie, besonders der Stoiker, links liegen läßt und als ausschließlich christliche Lehren in Anspruch nimmt, was Gemeingut der griechisch-römischen Gedankenwelt dieser Zeit war; der Abschnitt über die Stellung des Sklaven etw׳a ist übrigens auch vom jüdischen Standpunkt aus durchaus unrichtig. ף Nielsen Ditlef: ״Der geschichtliche Jesus“; München, Meyer 8! Jessen, 1928. Aber über solche Einzelheiten wollen wir mit dem Verfasser nicht rechten, da er uns mit seinem Buche eine aus eigenem Erlebnis stammende Darstellung des Lebens Jesu gibt. Allerdings nicht in der laienhaften und unwissenschaftlichen Art etwa Giovanni Papinis, dessen in unzähligen Auflagen verbreitetes Buch ein Sühnopfer für seine frühere Verhöhnung der Religion sein sollte. Der verdienstvolle Orientalist Ditler Nielsen dagegen, dessen Hauptarbeit der altarabischen Altertumskunde gilt, versucht mit den letzten Erkenntnissen der Religionsgeschichte die festen, weil gesicherten Umrisse des Lebens Jesu zu ziehen. Gerade wer die schwierige Literatur, die seit Bauer und Strauß um die historische Existenz des Stifters des Christentums erwachsen ist, nur einigermaßen kennt — die dickleibige Uebersicht von Albert Schweitzer ist bereits überholt —, vermag die Sicherheit einzuschätzen, mit der Nielsen allein die wertvollen Zeugnisse behandelt. Robert Eislers glückliche Ergänzung und Deutung des altslavischen Josephus — über die noch einmal ausführlich zu berichten sein wird —, hat ja wohl auch die Geschichtlichkeit des Jesus endgültig erwiesen. Aus den spürliehen außerbiblischen Zeugnissen und biblischen Nachrichten haut Nielsen nun das Werden auf, stets bedacht, die orientalischen Elemente aufzudecken, die sich um eben diese historische Oestalt kritallisieren. Dabei tut die gerechte Würdigung wohl, die Nielsen der rcligionsschöpferischen Kraft des Semitentnms zuteil werden läßt; der deutsche Leser ist in dieser Hinsicht alles andere denn verwöhnt. Nielsen schreibt: ״Die alten Semiten sind nicht allein deshalb den größten Kulturvölkern des Altertums beizuzählen, weil sie die höchststehende Religion besaßen, sondern weit diese Religion bei ihrer sozialen und kulturellen Betätigung stets der bestimmende Faktor war. Religion war da nicht eine Feiertagsstimmung, sondern die Kraftquelle für die Arbeit des Tages, nicht ein Kulturelement neben vielen anderen, sondern die Lebensmacht, die das ganze Leben und die ganze Kultur in ihren Bann zog. Deshalb wurde sowohl das Leben des Einzelnen wie der ganzen Gesellschaft der Forderung des göttlichen Gcbots entsprechend eingerichtet. Hammurabi empfängt ebenso wie Moses seine Gebote auf den Gesetzestafeln aus Gottes Hand, und eine ganze Reihe gewaltiger Persönlichkeiten, die ihr Leben dafür einsetzten, die Gesellschaft nach den göttlichen Geboten umzuformen, reden zu uns aus jener fernen Zeit, die in der Kulturgeschichte der menschlichen Persönlichkeit als die klassische Periode dasteht.“ Besonders aufhellend wirkt Nielsens scharfe Herausarbeitung der beiden Religionen, die im neuen Testament überliefert sind und die eigentlich sehr spät zur Synthese kommen: Das Judenchristentum oder Urchristentum ohne Dogmen und Sakramente, das von Jesus und dem ältesten Evangelium stammt und sich in die Worte zusammenfassen läßt: ״Es ist nur ein Gott und Jesus ist sein Prophet.“ Und auf der anderen Seite das aus Syrien kommende Heidenchristentum, das das Johannesevangelium und die anderen neutestamentlichen Schriften hervorbringt, und von!eher von drei Gottheiten, Vater, Sohn und heiliger Geist, weiß. Das Buch Nielsens Ist ernsten Interesses wert, obwohl es selbst keine neuen und originellen Forschungsergebnisse bringt, aber durch die gefühlsinnige Gewalt und die Geschlossenheit seiner Darstellung dauernd mitzwingt. Besonders hervorgehoben soll iedoch noch die übersichtliche und grundsätzliche Einführung in die Leben-Jesu-Forschung werden, die nicht von Nielsen stammt, sondern bescheiden mit L. F. gezeichnet ist und auf wenigen Seiten in die verwirrende. Fülle dieses Schrifttums ertreuliche Klarheit bringt. Die Ablehnung der doppelgesichtigen liberalen protestantischen Theologie ist scharf, aber einleuchtend. In dieser Einleitung wird auch die große Bedeutung des hebräischen Jesu-Buches von Josef Klausner gewürdigt, das ״mit dem ganzen Rüstzeug der modernen, namentlich deutsehen Forschung arbeitet“; von ihm sagt L. F.: ״Es zeigt nicht den Bruch der protestantischen historischen Theologie und gestaltet den Stoff überlegen, umsichtig und erschöpfend.“ Dieses Buch Sst wohl der einzige 'j üd i s c h e Beitrag zu dieser Forschung. Es sei noch bemerkt, daß der Verlag dem Buche eine überaus sorgfältige Ausstattung zuteil werden ließ. Auf 28 Tafeln sind Reproduktionen von Inschriften, Statuen, Münzen und anderen ausgegrabenen Altertümern dargeboten. Arnold Zweigs ״Grlscha“ englisch. Arnold Zweigs Roman ״Der Streit um den Sergeanten Grischa“ ist von Eric Sutton ins Englische übersetzt und im Verlag Martin Secker erschienen. Die gesamte Londoner Presse widmet dem Werk eingehende Besprechungen mit der Schlußfolgerung, daß cs sich hier um einen der größten, wenn nicht den größten bisherigen Kriegsroman handle. So schreibt die ״Times“: ״Zweig macht den Fall Grischas zu einer Art von Strahl, der das ganze preußische Militärsvstem durchdringt und keinen Teil unerleuchtet läßt. Sollten die anderen Bände der Trilogie auf dem gleichen Niveau stehen, so wird ihr Verfasser mehr als jeder andere Romanschriftsteller den Krieg in große Literatur verwandelt haben.“ Zu dem gleichen Ergebnis kommt ein ״Ein großer deutscher Kriegsroman“ iiberschriebener Artikel der ״Evening News“. ״Menschlichkeit gegen die große Kriegsmaschine“, heißt es hier, ״ist das Thema dieses Werkes, .... das ein größerer deutscher Sieg ist als die Schlacht von Tannenberg.“ Auch andere Zeitungen äußern sich voll Bewunderung über das Werk. Leopold Ziegler über der ״europäische Geist“. In der Lessin g-Hochschule hielt der bekannte philosophisehe Schriftsteller Leopold Ziegler drei Vorträge über den europäischen Geist. Europa war nach ihm im frühen Mittelalter eine Realität als ״corpus chrisiianum“ oder ״Sancta civitas“ (Augustinus). Der Vortragende zeigte, wie diese Einheit durch den nationalen und Prinzipats- (landesfürstlichen) Gedanken zerfiel und wie die immer fortschreitende ״Verwissenschaftlichung“ des Geistes die Gegenwart kennzeichnet. (Hierbei konnte sich Ziegler auch einen Seitenhieb gegen die ,,jüdische Aufklärung“ nicht versagen). Die Lösung sieht er in einem ״neuen Mittelalter“ und einem ״Mischsystem zwischen katholischem und protestantischem Geist“ — eine bei der vorläufig noch immer weitergehenden Entgötterung der Welt durch Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ziemlich gewagte Hypothese. Christus ist nach Jpegler der letzte Gott und daher _ kann ein neues religiöses Gefühl nur im Zeichen des Christentums entstehen; einen neuen Gott aus dem Nichts entstehen zu lassen ist Europa ebenso verwehrt wie die Schöpfung einer neuen Sprache. — Aus den vom Reichtum der Gedanken und Formulierungen geradezu überströmenden, häufig sich in interessante Exkurse ergehenden drei Vorlesungen können nur diese wenigen Grundzüge hier wiedergegeben werden. Die wichtigste Frage, die sich dem jiidisehen Zuhörer aufdrängte, ist die nach der Zukunft des Judentums in dieser Zukunft Europas, die die Wiedergeburt eines neuen unkirchlichen Christentums bringen soll. Glaubt Ziegler an die Auflösung des Judentums, soweit es sich nicht nach 1 Asien retten kann, in diesem neuen Christentum? Wird das ״neue Mittelalter“ vollbringen, was das frühere nicht vermochte T A, H, fit G. B. Shaws ״Wegweiser“ Man sollte meinen, daß es nicht allzu schwer sei, das moderne wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben so darzustellen, daß auch solche Leute, die keine akademische Vorbildung besitzen, eine klare Vorstellung seines Ablaufs bekommen. Bisher ist dies aber niemand recht gelungen und in umfassender Form wohl auch nicht ernsthaft versucht worden. Erst einem Dichter und Sozialkritiker vom Range» Bernard S h a w' s war cs Vorbehalten, diese Lücke auszufüllen. Sein Wegweiser für die intelligente Fra« zum Sozialismus und Kapitalismus (Verlag S. Fischer, Berlin 1028, 550 S.) hat zwar den Umfang eines gelehrten Wälzers, ist aber alles andere als das. Das Buch Jst mit jener Einfachheit geschrieben, die nur dem möglich ist, der die Sprache und die wissenschaftlichen Voraussetzungen gleichermaßen beherrscht. Eine Fülle drastischer und geist* voller Beispiele aus dem täglichen Leben lassen die Leserin (und den Leser) tiefe Einblicke in den in unseren Tagen vor sich gehenden Wandlungsprozeß vom Kapitalismus zum Sozialismus gewinnen. Als Beispiel seiner Darsteliungskunst sei hier wiedergegeben, was S h a w zur Frage, wie lange es bis zur Verstaatlichung dauern werde, schreibt: ,.Nur in einer geordnelen, hochkultivierten Gesellschaft mit einer starken Regierung und einem ausgearbeiteten Gesetzbuch ist Gleichheit des Einkommens zu erreichen und zu erhalten. ,Es ist sehr schade, daß der Uebcrgang nicht rascher durchgetührt werden kann. Aber wir müssen uns erinnern, daß Moses die Israeliten, als er sie aus der Knechtschaft in Aegvpten befreite, so ungeeignet für die Freiheit fand, daß er sie 40 Jahre in der Wüste herumführen mußte, bis die, welche in Aegypten als Sklaven gelebt hatten, fast alle tot waren. Die Schwierigkeit lag nicht in der Entfernung Aegyptens vom gelobten Lande, die man leicht in 40 Wochen zu Fuß bewältigen konnte, sondern im Wechsel der Lage, der Gewohnheiten, des Geistes und in dem Willen jener, die als Sklaven sicher und gut behandelt worden waren und nun als freie Abenteurer Gefahren und Entbehrungen ins Auge sehen sollten. Dieselbe Schwie-' rigkeit hatten wir zu bestehen, wenn wir es unternehmen wollten, dem Volke, das nicht dazu erzogen worden ist, den Sozialismus in Bausch und Bogen aufzuerlegen. Es würde ihn zugrunde richten, weil es ihn nicht verstünde und seine Einrichtungen nicht in Betrieb 'setzen könnte. Und einige würden ihn geradezu hassen. Die Wahrheit ist, daß wir gegenwärtig in der Wüste wandern zwischen dem alten Kornmerzialismus und dem neuen Sozialismus. Unsere Industrien und unsere Sinnesart, unsere Gesetze und unsere Religion sind teils kommerzialisiert, teils verstaatlicht, teils verstadtlicht, teils kommunisiert, und die Vollendung des Wechsels wird sein wie sein Anfang, das heißt: ohne daß die unintelligente Frau wüßte, was geschieht, oder etwas anderes bemerkte, als daß etliches im Leben leichter und etliches schwerer wird, und dies mit den entsprechenden Ausrufen begleitete: ״Man wi!se nicht, wo die Welt hintreibe“, oder die Dinge wären ״heute viel besser als früher“. Mark Twain sagte: ״Besser spät als nie, nur kein Jjile!“ Und wer den Wechsel fürchtet, mag sich mit der Versicherung trösten, es sei mehr Gefahr, daß er zu langsam als zu schnell komme, obwohl das Leiden mit der Verspätung wachsen wird. Es ist gut, daß wir, die wir unserer Erziehung nach ganz und gar untauglich für den Sozialismus sind, nicht ewig leben werden. Wenn wir es nur sein lassen wollten, unsere Kinder zu verderben, so würden unser politischer Aberglaube und unsere Vorurteile mit uns sterben, und die nächste Generation brächte die Mauern von Jericho zum Einsturz. Glücklicherweise kann man sich darauf verlassen, daß die Vorteile, die das Proletariat durch den Sozialismus gewinnt, und die Tatsaehe, daß die proletarischen Eltern eine große Majorität der Wählerschaft bilden, die moralische Erziehung mehr und mehr zugunsten der sozialistischen Bewegung beeinflussen werden.“ Die Nationalökonomen werden — und vielfach mit Recht — naehweisen, daß Shaws Meinungen in vielen Dingen unrichtig sind. Sie werden darauf hinweisen, daß die Formel, Sozialismus sei Gleichheit des Einkommens, einseitig sei, daß Shaw die Bedeutung des Produktionsproblems verkenne, und daß die Verstaatlichung der Banken nicht der rechte Weg sei. Auch sie werden sich aber dem Eindruck nicht entziehen können, daß hier ein Mann von Weltwirkung den Niederschlag eines Lebens gegeben hat, das der Schärfung der Gewissen durch die überlegene Schilderung der Menschen und ihrer Gesellschaft gewidmet ist. Ein solches Buch ist auch für uns Juden von großem Interesse und vor allem für uns Zionisten, die den Problemen der modernen Gesellschaff, an deren Umschaffung auch wir in ganz bestimmter Hinsicht arbeiten, mit besonderer Aufmerksamkeit gegenüberstehen. Dr. Rudolf Levy. Zeitschriftenschaii Im Novemberheft der Berliner Zeitschrift ״Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge“ wird in dem Leitartikel ״Vom anderen Ufer“ der überaus interessante Versuch unternommen, die Wohlfahrtspflege und fürsorgerische Arbeit unter dem Aspekt der Befiirsorgten selbst zu betrachten, deren kritische Bemerkungen über die jüdische Fürsorgearbeit Deutschlands veröffentlicht werden. Das Heft enthält ferner einen auf reichem statistischen Material basierenden Aufsatz von N. Gergel über die Strukturwandlungen der jüdischen Bevölkerung im Sowjet-Staat und einen Beitrag zu dem heute besonders aktuellen Problem des Handelsvertreters und -reisenden von dem Breslauer Stadtverordneten Rudolf Huppeisberg. In der Rundschau polemisiert Dr. Georg Lubinski gegen die im ״Israelit“ veröffentlichte Kritik seines Aufsatzes über .,Das Freizeitproblem der jüdischen erwerbstätigen Jugend“, der in Heft 4 der ״Jüdisehen Arbeits- und Wanderfürsorge“ erschienen war. Die Rundschau bringt ferner längere Ausführungen über die Aussichten im kaufmännischen Beruf. Das soeben erschienene Novemberheft der vom Internationalen Arbeitsamt des Völkerbundes herausgegebenen ..Revue Internationale de T r a v a i 1“ (Internationale Revue der Arbeit) enthält einen größeren Aufsatz von Dr. Walter Preuß über den ״Verband der landwirtschaftlichen Arbeiter in Palästina“. In den nächsten Tagen erscheint im Verlag C. A. Schwetschke ft Sohn ein von unserem Mitarbeiter Gerhard Hold heim verfaßtes Buch ״Palästina, Idee / Probleme / Tat- Sachen“. Das gut ausgestattete und für Geschenkzwecke sehr geeignete Buch, das den zionistischen Wissensstoff systematisch zur Darstellung bringt, wird sicherlich eine fühlbare Lücke in der zionistischen Literatur ausfüllen.

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