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Jüdische Rundschau · 1928-11-20 · Heft 92 (20.11.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 92 (20.11.1928)
Date
1928-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 648 JUEDISCHE. RUNDSCHAU Nr. 92, 20. XI. 1928 charakteristisch, daß sie zur Auseinandersetzung: mit einem Umweitsproblem entstanden sind. Ihre Wirkung nach außen ist versclb.’den: Die griechische, in die reiche, aber in ihrem Selbstbewußtsein bereits schwankend gewordene hellenistische Kultur Aegyptens hinein gerichtet, wirkt missionierend; sie erzeugt die jüdisch-hellenistische Atmosphäre, die später dem Christentum günstig war. Auch Saadjas arabische Bibcliiber« Setzung fällt in eine Zeit der kulturellen Gärung und cntscheidender Auseinandersetzung. Der Islam hatte die Welt erobert und ihr seine Sprache als Stempel aufgedrückt. Die Ueber- Setzung ordnete die jüdische Bibel in diese neue Welt ein, gab ihr darin ihren Platz. In der deutschen Welt brauchte der Bibel ihr Platz nicht erst errungen zu werden. An Luthers Uebersetzung hat diese Welt entscheidend mitgestaltet. Sie für den Juden 711 retten, der zuerst bewußt den Schritt in die bisher als so fremd empfundene Umwelt wagte und dem Rausch verfiel, hat Mendelssohn seine Uebersetzung unternommen. Vom jüdischen Buch her den neuen Weg zu lenken, das war, beabsichtigt oder nicht, die erste Funktion dieser Uebersetzung. Was ist aber aus all diesen Uebersetzungen geworden? wohin haben die durch sie ausgedrückten Kultur- Perioden geführt? Der Rückblick ist immer wieder überraschend, wenn auch im Resultat bekannt. Diese Uebersctzungs- Perioden, die die Würde des Judentums zu steigern, ihm die Endgültigkeit zu sichern hofften, indem sie es mit der im Augenblick gerade erdrückend überragenden Kultur verbündeten, sind Episoden geblieben. Das hellenistische Judentum spielt in der frühchristlichen Kirchengeschichte eine Rolle, der jüdischen Geschichte ist cs fast spurlos entglitten. Das arabische Judentum ist zugleich mit dem Niedergang der hohen islamisehen Kultur niedergegangen; erhalten hat sich aus seinem Schaffen nur, was hebräisch geschrieben oder durch Ueber- Setzung der hebräischen Literatur einverleibt wurde. Und auch die Periode der deutschen Bibelübersetzung־, noch vor kurzem von vielen als eine das Judentum veretidgultigende betrachtet, ist schon überwunden. Was soll nun werden? fragt der Vortragende. Man prophezeit eine neue jüdische Periode unter Amerikas Hegemonie. Es ist richtig, daß Amerika Deutschland weit überflügelt hat, daß dort heute jüdische Gelehrsamkeit und all das, was früher dem deutschen Judentum seine führende Stellung gab, in weit* höherem Ausmaße zu finden ist als hier. Aber es schwebt in der Luft, hat keine Resonanz. Seine amerikanischen Erfahrungen zugrunde legend, vermag der Vortragende dem jüdischen Amerika keine günstige Prognose zu stellen. Der schnell arbeitende Schmelztiegel wird es verschlingen. Bleibt Palästina. Die wenigen Sätze, in denen Prof. Perles das schon heute vorhandene IJcbergewicht Palästinas darstellte, des einzigen Landes, das jüdische, hebräische Atmosphäre hat; in dem Judentum und Leben eins sind, zeigten gerade in ihrer zurückhaltenden Sachlichkeit, wie Palästina auf den wirkt, der von außen kommt, lim längere Zeit beobachtend da zu sein. Palästina wird den ferneren Strom des Judentums aufnehmen; es ist das einzige Land, in dem der Strom fließt Und nicht Episoden sich abspielen; das ist der Glaube des Vortragenden. After es wird noch Jahrzehnte dauern, bis das Galuthjudentum vom erwachsenden Palästina unter die Führung genommen werden wird. Und unterdessen gibt es nur den einen Weg für das Exiljudentum, will es nicht verdorren: durchs Hebräische in den echten Strom des Judentums. Ein Appell für Hebräisch beschließt den gut besuchten und dankbar aufgenommenen Vortrag. M. Sp. Gral Kessler über den Joden Rathenaa Die Liga für Menschenrechte gab an ihrem letzten Klubabend einer breiteren Oeffenflichkeit Gelegenheit, den Rathenau- Biographen (Verfasser des im Verlage Herrn. Klemm, Berlin- Gruncwald, erschienenen Buches über Rathenau) Graf Kessler zu hören. Graf Kessler sieht Rathenau nicht einseitig als Denker, Wirtschaftsführer oder Politiker; er erfaßt ihn als Menschen, bei dem Persönlichkeit und Werk aufs engste miteinander verbunden sind. Uns interessiert hier vornehmlich das Judenproblem bei Rathenau. Graf Kessler ging ausführlich darauf ein; dem Zionisten brachte es wieder die Bestätigung dafür, daß mir die Erkenntnis des eigenen jüdischen Wertes, der eigenen jüdischen Art schützen kann vor tragischen Ver* strickungen, an denen das Leben Rathenaus so überreich war. Nach Graf Kessler litt Rathenau sein ganzes Leben unter der Zwiefältigkeit seines Wesens. Furcht und Mut, der Furchtmensch und der Mutmenseh lagen bei ihm beständig Im Kampf miteinander. Furchtmenschen seien nach R. die Juden; Mutmenschen die Arier. R. gab sich einer Illusion hin über die absolute Hochwertigkeit des nordischen Charakters und fiel als Opfer dieser Illusion. Furchtmenschen seien nach R. Menschen des Geistes, die stets zweckhaft handeln. Mitmenschen seien die Künstler, Mensehen der Seele, die zweckfrei handeln. Aus sich wollte er einen Arier, einen Mitmenschen machen. Man hatte R. nahegelegt, das Christentum anzunehmen. Er weigerte sich: er wollte das Unrecht nicht sanktionieren, das man den Juden in Deutschland antat. Kessler vermutet noch einen tieferen Grund: Rathenau hatte über Buber den Chassidlsmus kennen gelernt und lieben gelernt. R. bejahte mit dem Chassidismus das Leben; er war ein lebensfreudiger Mensch, der die christliche Askese aus seinem Innersten heraus ablehnen mußte. Die Stellung R.s zum Judentum wurde in letzter Zeit positiver. Die Kampfschrift ״Höre Israel“ hat er in seine ge* sammelten Werke nicht aufnehmen lassen. Der geniale Wirt* schattier und Politiker, der erfolgreiche Denker hat mit dem Judentum gerungen, ohne zu siegen — er hat sich nicht heraus* reißen können aus der Kette der Geschlechter. Das Judentum war stärker als er; er gehört zu uns! Johannes Wolff. Das Land zwischen Orient und Okzident (Spanische Reise eines Juden. Von Marcus Ehrenpreis. Mit einem Brief an den Verfasser von Alfons Paquct. 1928, Heinebund, Berlin.) ״Sie gehören neben Martin Buber zu den Männern, denen ich am meisten Einblick in das Wesen jüdischen Lebens, jüdischer Frömmigkeit und jüdischer Gelehrsamkeit verdanke“, sagt Alfons Paquct in dem Vorworte, das dies schöne Buch einleitet. Wer das Buch gelesen hat, wird ihn verstehen. Ein erstaunliches Buch, zwiefach erstaunlich: durch die Gestalt seines Verfassers und die Gestaltung seines Stoffes. Dieser Marcus Ehrenpreis, der nach vielen Jahren der Zurückgezogenheit nun zugleich mit zwei bemerkenswerten Büchern vor die große Oeffentlichkeit tritt, hat einen Lebenslauf, der in sich ein romantisches Kapitel aus dem ungeheuren Epos der jüdischen Wanderung enthält. Aus Lemberg stammend, schreibt er früh hebräische und jiddische Aufsätze. Als Großrabbiner von Bulgarien hat er dann in Sofia verschiedene Blätter in spaniolischer und bulgarischer Sprache, die er beide vollkommen beherrscht, redigiert. Seit 1914 bekleidet er den Posten des Oberrabbiners von Stockholm, erlernt die schwedische Sprache ebenfalls bis zur Meisterschaft, begründet die Zeitschrift ״Judisk Tidskrift“, die im Mittelpunkte des Lebens der jungen Judenheit Skandinaviens steht, und schreibt nun schwedische Bücher, deren vollkommene Sprach* beherrschung die schwedischen, Kritiker loben. Auch das vorliegende Buch erschien 1927 in schwedischer Sprache und wurde vom Verfasser selbst in deutscher Sprache bearbeitet. Schon ist auch das Erscheinen einer französischen, einer polnischen und einer holländischen Ausgabe des Buches gesichert. Es ist ein hohes Verdienst des Heinebundes, den deutschen Juden die Bekanntschaft mit diesem bedeutenden Buche eines interessanten Mannes vermittelt zu haben. Die Reise eines Juden durch Spanien — das ist ein Stoff, der längst einmal behandelt werden mußte. Er hat hier einen Bearbeiter gefunden, der zu seiner Behandlung die wichtigsten Fähigkeiten mitbrachte: das offene Auge eines vielgereisten Mannes, der die besondere Eigenart dieses Landes zwischen Orient und Okzident zu erleben fähig war; und, was mindestens ebenso wichtig war für diesen von jüdischem Stolz und jüdischem Blut erfüllten Boden, das jüdische Wissen. Kein weitfremder Träumer, der hier von Moschee zu Moschee, von Synagoge zu Synagoge wandert, sondern ein weltgewandter Mann, der auf dem Wege schon mit den jungen Literaten und Politikern in Paris, in Spanien, dann mit dem Diktator Primo de Rivera selbst aufschlußreiche Gespräch* führt. Nicht diese journalistischen־ Reiseerlebnisse jedoch sind es, die den Wert des Buches ausmachen; auch nicht die Kunsturteile über Greco und Velasquez, die wir oft schon tiefer begründet gehört haben. Das Eigentümliche dieses Buches und seine eigentliche Bedeutung besteht in dem Charakter dieser Reise. Das ist nicht nur eine Wanderung durch das Spanien in seiner Zugehörigkeit zu der brütenden, gärenden Welt von heute, in der nüchternen Tätigkeit seines Geschäftslebens; nicht nur eine Wanderung durch das Spanien der Stiergefechte und der Mantillen. Es ist eine Reise durch Jahrhunderte, wie Paquet sagt: ״Ein Gang durch große Hintergründe, ein Weg durch die Religionen der Mittelmeerländer, durch diese Kulturen, die sich auf der iberischen Halbinsel in einer unvergleichlich lebendigen und farbigen Begegnung fn uralten flüsternden Städten treffen.“ So wira In Toledo, in Sevilla die ungeheure Polarität von abendländischem und morgenländischem Leben fühlbar und In Ihr der tragische Anteil des Judentums an der grandiosen Geschichte des Landes. In Toledo, der Stadt der Generationen, wie Ehrenpreis sie nach altem Vorgänge mit einem Anklang an das hebräische Wort Toledoth nennt, ersteht das blühende jüdische Zentrum dreier Jahrhunderte, aber auch das Autodafe auf dem großen Platze, wohin man die Verurteilten in ihren Bußhemden, den Sambenitos, schleppte. Der Finanzminister Pedros des Grausamen steht vor uns auf, Samuel Levi, dessen tragisches Schicksal an ähnliche Tragik im Leben des Jud SÜß erinnert. In Malaga steigt die Seelengeschichte des sich langsam verzehrendenGabirol vor uns auf; in Cordova stehen wir am Geburtshause des Maimonides und erleben sein Schicksal* reiches Judenleben wieder aufs neue mit dem vielgewanderten Verfasser, der sowohl in der Geniza von Kairo wie an Maimonld« Grab zu Tiberias zu Hause ist. Lebendiger aber als jene Bilder von versunkener Pracht und verschwundener Größe ergreift uns seine Schilderung aus dem gegenwartigen Portugal. Dort hat er die portugiesischen Marranen aus nächster Nähe kennengelernt: die heimlichen Juden, die seit Jahrhunderten als die Nachkommen der 1496 aus Portugal vertriebenen oder zur Taufe getriebenen Juden zwar formell der katholischen Kirche angehören, aber im geheimen sich als Juden fühlen und die religiösen Riten des Judentums üben. Bei der marranischen Schusterfamilie kehren wir ein, wo die Urahne in treuem Sinne die jüdische Liturgie aufbewahrt — ohne Buch, ohne gedrucktes Vorbild, Vorbeterin bei diesen heimlichen Gottesdiensten. Aber auch zu dem ritterlichen Kapitän Barros Basto werden wir geführt, dem Führer und Wiedcrerweckcr der Marranen im heutigen Portugal. Er selbst ist zur Religion seines Vaters zurückgekehrt; nun Ist er gleich Joseph ausgezogen, seine Brüder zu suchen. Wo er erscheint, da entzünden sich die Lichter der altjüdischen Menorah, da wachsen Synagogen aus dem steinigen Boden, ertönen längst verstummte, hebräische Gesänge. Mitten in unserer Zeit vollzieht sich hier eine religiöse Wiedergeburt vor unseren Augen. Und an das Wort des Propheten werden wir erinnert: ״Menschensohn 1 können diese dürren Gebeine je wieder Leben erhalten?“ Ich aber sprach: ״Herrl Du allein weißt es.“ Bertha Badt-Strau ß. Der letzte Autorenabend des Verbandes deutscher Erzähler, wie immer im Plenarsaal des Herrenhauses, galt zwei Juden: Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig. Beide gleich erfolgreich, beide mit dem langen Atem der großen Epiker, weisen sie bei aller Aehnlichkeit in kleinen Einzelheiten tiefgehende Unterschiede auf, die gerade bei den Proben aus den neuesten Werken beider sehr deutlich wurden. Der neue Roman Feuchtwangers, der erst 1930 erscheinen soll, hat den Titel ״Erfolg“ und das erste der beiden Kapitel, die Feuchtwanger vorlas, führte in das gefährliche Milieu engstirnigster Massenvergiftung, das Milieu, in dem gefährlichste Judenhetze gedeiht. Der trocken genossene Humor ist des Weetchek-Dichters Domäne. Das zweite Kapitel mit der biblischen Unterschrift ״David spielt vor König Saul“ bringt eindrucksstark die Stimmungen des begabten, aber als Ingenieur angestellten jungen Dichters zum Ausdruck, als er dem gewaltigen Industriekapitän seine nroletarisch-revolutionären Verse vorliest, Zeithintergrund: Inflation. Der neue Roman von Arnold Zweig heißt: ,!Die junge Frau von 1914“. Das Schicksal der Beamtentochter aus Potsdam Ist gleich von Anfang an unserer wärmsten Anteilnahme sicher. Sie soll Mutter werden, aber der heimlich Verlobte steht als Armierungssoldat vor dem Ausmarsch ins Feld. Sie will das Kind nicht gebären, alle Vorurteile der Vorkriegs-Beamtenfamilie stehen anschaulich gesammelt vor uns. Aber auch die Konflikte der neuen Jugend sind da. Der junge Bruder des Mädchens errät das Schicksal der Schwester und hilft ihr wie ein erwachsener Kamerad. Es ist eine undankbare Sache, über ein Buch zu berichten, das erst im Entstehen ist, aber bei diesem Buch von Arnold Zweig scheint das Wagnis nicht so groß; die Sprache blüht in den beiden Kapiteln, ein Reifen zu neuem künstlerischen Höhepunkt, wenn nicht alle Zeichen täuschen. R■ M. Ludwig Hardt gibt Bußtag, 21. November, 8(4 Uhr, in den Kammerspielen einen Heine-Abend: hebräische Melodien, Die beiden Simson (aus ״Schnabelewopski“), Deutschland, Zcitgedichte, Romancero, Matratzengruft. In den nächsten Tagen erscheint im Phaidon-Verlag (Wien) ein neues der Judenfrage gewidmetes Buch von Arnold Zweig: ״Herkunft und Zukunft, Zwei Essays zum Schicksal eines Volkes“. In diesen Tagen erscheint im Verlag I. M. Spaeth in Berlin ein Buch unseres Mitarbeiters Manfred Sturmann ״Selbstmord in Dur“ (zwei Erzählungen). Ein Gedichtband desselben Verfassers ״Die Erben“ wurde anläßlich einer Aus- Schreibung vom Literatur-Beirat der Stadt München au «ge• zeichnet und wird auf Kosten der Stadt München gedruckt werden. Warschau, 12. November. (J.T.A.) Der Stadtrat von Lida (Polen) hat beschlossen, drei Straßen der Stadt nach dem Namen von Rabbiner Reines (Begründer des Misrachi), J. L. P e r e z und S. A n s k y zu benennen. und kräftigte ihn, die lange nicht mehr gekostete Lust des frischen Trabes gab ein Licht in sein nächtiges Herz. Er querte nach wenigen Stunden das Dorf, das den Maggid beherbergt hatte, und, die Nähe des Heilenden mit Ungeduld spürend, ritt er eine Strecke scharfen Galopp, bis ferne vor ihm der offene Wagen erschien. Fast erschrocken, das Ziel so sicher zu haben, mäßigte er den Ritt. Neben der geraden Straße lief in Krümmen durch den Laubwald ein Pfad wie ein Kind neben der Mutter, bald nur durch wenige Stämme, bald durch breiten Busch von ihr getrennt, ohne sie je ganz zu verlieren; zu ihm wechselte der Reiter hinüber und unbemerkt nahte er sich dem Gefährt. Bald hörte er durch den Räderlärm lebhafte Stimmen, aann sah er im Gespräch mit den drei Getreuen, die ihn begleiteten, den Alten sitzen, unverändert im Weißhaar das Gesicht, nur die Wangen gerötet von der morgenlichen Fahrt. Manchmal führte der Pfad Naftali weiter ab ins Grüne, verhüllte das Bild und ließ den Klang verhallen, aber immer kehrten die Stimmen zurück und immer die Gestalten. Noch lange wohl wäre Naftali so in Schauen und Horchen geritten. Aber mit einem weiten Bogen des Pfades zurückkehrend horchte er vergeblich nach dem Radgeräusch aus und mit unklarem Bangen lenkte er zur Straße hinüber. Da sah er eine Strecke zurück den Wagen stehn, schief nach vorne geneigt, die Reisenden draußen die Pferde ausspannen und unter das Gefährt spähen. Die Vorderachse mußte gebrochen sein, und dies erkennend fühlte Naftali ein vergessenes Wissen in den Armen wach werden. Er ritt zu der Gruppe hin, stieg ab, ergriff die stumm gebotene Hand des Maggids, neigte sich vor den Begleitern, klappte sodann den Kasten in der Wagenbank auf und fand darin, was er brauchte: Beil und Säge, Hammer und Zange, Schrauben und Nägel. Er gab Anweisung, wie der Wagen seitlich zu wenden, die Vorderräder zu lösen und die zersplitterte Achse zu entfernen seien. Während das geschah, schritt er prüfend durch den Busch, erspähte einen jungen Eschen stamm von der rechten Oröße, fällte ihn und hieb ihn zurecht. Nach mehrstündiger Arbeit unter Naftalis Leitung, der Maggid sah ihr mit Nicken und lobenden Rufen zu, war das Gefährt fürs Erst; haltbar gerichtet. Die Männer stiegen ein. ״Reist Ihr mit?“ fragte der Maggid den Reiter. ״Ja, wenn Ihrs erlaubt.“ ״So kommt in den Wagen.“ ״Dank, ich will neben Euch reiten.“ Ais aber Naftali aufsteigen wollte, kam er nicht in den Sattel, so schwach w׳ar ihm plötzlich unterm senkrechten Sonnenlicht. Während er noch, einen Fuß im Bügel, mit den Händen nach Halt tastete, sprangen zwei der Männer ihm bei und stützten ihn in den Wagen. Der dritte bestieg das Roß, und Naftali ward neben den Maggid gesetzt. Die Gäule zogen an, Naftali wankte im Sitz, da bettete ihn der Alte in seinen Schoß und gab seine Hand auf die Stirn des Fiebernden. Der füh'te die quälenden Flammen langsam aus seinem Blute schwinden. Wenn er die Augen aufschlug, sah er das heilige Antlitz über sich weg in die Feme gerichtet, in die der Wagen rollte. Die Hände indessen lagen hiilfreich um seinen Kopf, er aber, hinlöschend, spürte, daß die Genesung, die sie ihm brachten, Milde des Todes war, und er wehrte sich nicht, als die letzten rauschenden Schmerzen in seine Brust kamen. Der Knabe Nathan wuchs auf in der Hut Abrahams. ״Der Raiter“ ersehe!»♦ I» Mir* 1929 be: Hütten & Loenins-, Frankfurt a. M., als Buch fiarach Agadati io Berlin Der bekannte palästinensische Tänzer gastiert wieder in Europa, und seine fremdartige, völlig exotische Erscheinung fällt überall, in Straßen, Salons und Kaffeehäusern auf. Man kann seinem demnächst statt findenden Tanzabend mit gespannter Erwartung entgcgenselien — führt er doch, der Reihe nach, die Entwicklungsstufen seiner tänzerischen Laufbahn vor, wel- Che zugleich als die Entwicklungsstufen des modernen jüdischen Tanzes überhaupt angesehen werden können. In der Reihenfolge der dargestellten Typen liegt historische Symbolkraft — vom chassidiseh tanzenden ״Reb Nute“ oder ״Reb Schachno“ ausgehend, geht BarucSf Agadati zum ״Morgengebet“ zu den ,,Bacchanalien“, zur chaluzischen ״Hora öalilith“ und zur ,,Jemenitischen Legende“ über. Er erzählt bereitwillig in seiner Sprache weiche von wundervoll durchbildeten Gebärden orientalischer Höflichkeit begleitet ist, wie im Odessacr Ballett zum ersten Mal der nationale Protest in ihm erwachte, die Unzufriedenheit, daß es keinen jüdischen Tanz gab, der Wunsch ihn zu schaffen. Er knüpfte an den Chassidismus an, er studierte die Bewegungen des jüdischen Alltags. Fand, daß die jüdische Ekstase im Gegensatz zur nichtjüdischen starr und advnamisch ist, und daß der jüdische Rausch nicht eine Hingabe an den Körper, sondern einen Kampf gegen den Körper darstellt. Er hat sich große Ziele gesetzt, wie: Loslösung des Tanzes von der Musik, Vermänn- Höhung des Tanzes. Sein erstes Ziel aber ist und bleibt der tänzerische Ausdruck der nationalen Eigenart. So kann Baruch Agadati auf einem Gebiet, welches in der heutigen Kunst einen Immer breiteren Raum einnimmt, als Repräsentant der jüdischen Renaissance angesehen werden. K. B. Ghettobücher (Karl Klüger: ״Das elfte Gebot“, Löwit-Verlag. — S. Fenyes: ״Jüdels erste Wandlung“, Verlag Halm 8! Goldmann.) Während in heißer Mühe und angespannter Volkskraft die neue Welt des Judentums geschaffen wird, stirbt die alte. Es war eine Welt der Schwächen und der Leiden, unerträglich vor allem durch die Tragik der Passivität. Aber ihre Züge, abgehärmt und listig verschnörkelt, waren dem Juden lieb geworden. Und min, wo sie entschwindet, entschwinden muß und soll, versucht er wenigstens ihre Erinnerung festzuhalten, der Nachwelt das Dokument des sterbenden Ghettos zu hinterlassen, bevor es zu spät ist. _ Karl Klüger zeichnet kleine behutsame Ghettoskizzen, alle durch ein dünnes graues Nebelgespinst jüdischer Melancholie gesehen, alle durcnklungen von dem Grundakkord der Titelgeschickte: ״Du sollst Dich nicht freuen“. Als gute Milieu- Schilderungen erscheinen besonders ״Geschieden“ und ״Der Schläger“. Köstlich in ihrem Humor ist die Geschichte von Mykola, dem Schabbesgoj. ״Jüdels erste Wandlung“ ist der erste Teil einer Trilogie, die es auf Interessante Weise, nämlich durch di« Geschichte einer Seelenwanderung, versucht, sich in aller Grundlichkeit mit der Frage des jüdischen Schicksals auseinanderzusetzen. Ein großer Vorzug des Büchleins ist die glatte, schmiegsame Uebersetzung aus den! Ungarischen von Jakob Krausz. Klara Blum.

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