Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1928)
- Date
- 1928-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 20. November 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Selma Lagerlöf Zu ihrem 70. Geburtstag. Von S. M e i s e 1 s. D,er Dichtungsbezirk Selma Lagerlöfs liegt abseits von der Heerstraße, auf der wir auch Juden begegnen. Auf keinem der Schauplätze der wunderlierrlichen Lagcrlöfschen Geschichten, weder in Liliencrons Heimat noch im ״Gösta Berling“-Land, noch auf dem Bauernhof der lngmarssöhne ist der Jude zu Hause. Selbst im zweiten Teil des Romans ״Jerusalem“, der doch in der Heiligen Stadt des judäischen Landes spielt, tritt uns kein einziger Jude sichtbar entgegen. Das Jerusalem Selma Lagerlöfs ist die alte Hauptstadt Judäas, aber ohne Juden. Das einzig Jüdische in diesem Roman, wenn man es nun einmal durchaus suchen und finden will, ist die kurze, aber recht an- *chauliche Darstellung der betenden Juden an der Klagemaucr und die Schilderung einer wenig erquicklichen nächtlichen Szene auf dem jüdischen Friedhof im Tal Josaphat. Ein Jude aber, ein leibhaftiger, ein Jude in sichtbarer Erscheinung, ist in Selrha Lagerlöfs Jerusalem nirgends zu sehen. ... .. Ntur c'n einzigesmal hat die Dichterin einen Stoff aus der jüdischen Gedanken- und Gefühlswelt bearbeitet. Ich meine die Legende ״Rahels Weinen“ (abgedruckt in Band 0 der bei Albert Langen in München erschienenen Gesammelten Werke von ,Selma Lagerlöf). ,,Rahels Weinen“ behandelt die alte Legende, die anschließend an den Vers Jeremias 31; 15: ״Rahcl weint um ihre Kinder“ im Midrasch erzählt wird. Selma Lagerlöf gibt ihr eine mustergültige Fassung und einen zeitgemäßen Sinn. Die Dichterin erzählt, wie sie zweimal in ihrem Leben das Weinen Rahels vernommen habe: das eine Mal war es in Bethlehem, als sie gerade an dem kleinen, weißen, von einer niedrigen Kuppel überwölbten Häuschen vorüberfuhr, das Rahels Grab umschließt, und das andere Mal in der Heimat, im August 1914, bei Ausbruch des Weltkrieges. In Bethlehem hatte eine Beduinenfrau, die die Stammutter Raliel 11m Hilfe für ihren kranken Sohn anrief, einen furchtbaren Schrei ausgestoßen, der die Luft erschüttern machte. In der Heimat da war es eine europäische Frau, eine Mutter, die wild aufschrie, weil ihr einziger Sohn in den Kriegsdienst gehen mußte. Beidemal war es Rahels Weinen, der Urzeitlaut der Mutter, der in der Kehle dieser Frauen wieder lebendig wurde. Die Legende selbst, von der Meistererzählerin meisterlich nacherzählt, wirkt erschütternd. Mehrere bedeutende Schriftsteller und Dichter haben diesen altjüdischen Legendenstoff bearbeitet (darunter auch Herder: ״Das Grab der Ranel“ in der Sammlung ״Blätter der Vorzeit“), aber keiner bat ihm die tiefe Deutung gegeben wie die große schwedische Dichterin. Im Gesamtwerk Selma Lagcrlöfs stellt die Legende ״Rahels Weinen“ die einzige geistige Beziehung der Dichterin zur jüdischen Geisteswelt dar. Weit enger und inniger waren Selma Lagerlöfs gesellschaftliche Beziehungen zu Juden. Mit vielen angesehenen Juden ihrer schwedischen Heimat war die Dichterin eng befreundet. Oft und gern besuchte sie das Haus der Warburgs in Göteborg und Stockholm, und so manchen Sommer verbrachte sie auf dem Herrenhof Nääs, der Besitzung August Abrahamsons. (Der Großkaufmann und Gutsbesitzer August Abrahamson war ein bekannter Wohltäter; sein Gut Nääs hat er später in ein Seminar für Handfertigkeitsunterricht verwandelt und es bei seinem Tode 1898 mit einem großen Kapital dem schwedischen Staate geschenkt.) Eine fast dreißigjährige Freundschaft verband Selma Lagerlöf mit der jüdisch-schweaisehen Schriftstellerin Sophie El kan. In den drei Jahrzehnten ihrer Freundschaft verging kein Jahr, in welchem die beiden Freundinnen nicht zusammen gekommen wären; entweder besuchten sie sich wechselseitig oder sie verbrachten gemeinsam die Sommerzeit in irgendeiner Sommerfrische am Meeresstrand. Auch die großen Reisen nach Italien und dem Orient, deren Eindrücke die Dichterin in den Werken ״Die Wunder des Anti- Christ“ und ״Jerusalem“ geschildert hat, machte Selma Lagerlöf gemeinsam mit ihrer Freundin. Sophie Elkan, die unter dem Decknamen Rust Roest feinsinnige Novellen und historische Romane veröffentlichte, wird von dem Lagerlöf-Biographen Berendson folgendermaßen charakterisiert: ״Sie war eine echte Jüdin von vornehmer Art, feinfühlig, lebhaft, geistvoll, voll Ernst gegenüber den Lebensfragen, mit einem Zug zur Schwermut unter heiterer Oberfläche, weltgewandt und tatkräftig.“ Wie es Liebe auf den ersten Blick gibt, so muß es auch eine Freundschaft gleich bei der ersten Begegnung geben; wenigstens war dies bei Selma Lagerlöf und Sophie Elkan der Fall. Anfang 1894, wenige Jahre nach dem Erscheinen von ״Gösta Berling“, traf Selma Lagerlöf Sophie Elkan zum ersten Male in Stockholm, und gleich war auch der Freundschaftsbund zwischen beiden geschlossen. Merkwürdig genug war die Symnathicerklärung (um nicht zu sagen: Liebeserklärung), die Sophie Elkan der Dichterin bei der ersten Begegnung machte; sic sagte: ״Die Verfasserin des vielgenannten ,Gösta Berling' gefällt mir besser als ihr Buch.“ Man weiß, wie sehr die Dicnter Hinsichtlicli ihrer Geisteskinder empfindlich sind, zumal wenn ein Geisteskind ein Erstling und besonders wenn dieser Erstling ein Gösta Berling ist. Und doch hat liier das autrichtige kritische Urteil Sophie Elkatis den Keim zur wahren, dauernden Freundschaft gelegt. Selma Lagcrlöf bekannte später, dab ihr diese Freundschaft das ganze Leben heller und reicher gemacht hat. Die Königliche Bibliothek in Stockholm besitzt Werke von Selma Lagerlöt mit handschriftlichen Widmungen für Sophie Elkan; eine dieser Widmungen lautet: ״Der kleinen Hand, die mich ins Wunderland führte, und dem großen Herzen, das mich es lieben lehrte.“ Sophie Elkan starb 1921. Selma Lagerlöt hielt ihr die Grabrede, eine meisterliche Grabrede, den nekrologischen Meisterstücken der Weltliteratur, wie Börnes Gedenkrede auf Jean Paul, Dostojewskis Gedächtnisrede aut Puschkin vergleichbar — mir mit dem Unterschiede, daß dort «er Schriftsteller dem Schriftsteller, der Dichter dem Dichter Worte des Gedenkens, hier aber die Freundin der Freundin Worte der Liebe nachrief. ln Freundschaft, Verehrung und Dankbarkeit fühlte sich Selm# Lagerlöf dem großen dänischen Kritiker Georg Brandes veibimden. Er allein war es, der ihr den Weg zum fcrtjig und zum Ruhme ebnen half. Als die Dichterin I9OT den Nobelpreis für Literatur erhielt und, •wie üblich, in der schwedischen Äkademie für diese Auszeichnung in einer Rede dankte, da gedachte sie in dieser Rede auch der Förderung, die ihr durch Georg Brandes zuteil geworden war. * Als Schlußbemerkung eine Frage: Warum ist bisher kein einziges der Werke Selma Lagerlöfs ins Hebräische übfrseizt worden? Wohl hat Jakob Rabinowitz es unternommen, den Roman ,Jerusalem“ zu übersetzen, aber er hat bloß den ersten Teil (״ln Dalerne“) veröffentlicht (Jaffa 1921); bei der Reichhaltigkeit des Lagerlöfschen Gesamtwerkes ist die Hälfte eines Ganzen so gut wie gar nichts. Nach Angaben der Dichterin sind fa st. alle ihre Werke ins Dänische, Norwegische, Deutsche, Finnische, Holländische, Englische, Französische, Russische, Polnische und Japanische übersetzt, der größteTeil ihrer Werke wurde bisher in 32 fremde Sprachen übersetzt, darunter auch ms Jiddische, Arabische und in Esperanto. Warum nicht auch ins Hebräische? Die bedeutendsten Werke der skandinavischen Dichter sind in guten hebräischen Uebersetzungcn vorhanden, so Werke von Ibsen, Bjömson, Strindberg, Knut Hamsun und andern. Nur Selma Lagerlöf fehlt! Und wer A fragt, soll auch B fragen: Warum Lst bisher kein einziges Werk von Bernard Shaw ins Hebräische übersetzt? Ja, es sind kleinere, weniger bedeutende, weniger berühmte englische Schriftsteller ins Hebräische übersetzt worden; warum nicht auch Bernard Shaw? Rellgionsgespräehe (Von unserem Berichterstatter.) Das erste der vom Jüdischen Lchrliaus in Stuttgart veranstalteten Religiansgespräche fand am 4. November zwischen Martin Buber und Wilhelm Michel (Darmstadt) statt. Es behandelte das Thema: ״Religion und Volkstum“. Eine zahlreiche Zuhörerschaft folgte mit gespannter Anteilnahme der Unterredung, die nach dem Plan des Lehrhauscs wie auch nach der Absicht der beteiligten Sprecher nicht eine Auseinandersetzung zum Zweck der Her- Vorkehrung des Gegensätzlichen sein sollte, sondern wirkliches und wirkendes Gespräch, zwar von verschiedenen Schulungen und geschichtlichen Grundlagen her, aber hin auf die gemeinsame Konzeption der Religion als eine das ganze Leben erfassende und formende Haltung und nicht etwa ein abgesondertes Reservat des Geistes neben dem Leben her. Von den zwei von Michel als möglich dargelegten Betrachtungsweisen lehnte Buber die eine, nur eine akademisch-politische, zwar interessante, aber unverbindliche Erörterung zulassende, ab: die der Verflochtenheit und Wechselwirkung von Religion und Volkstum. Das Gespräch beschränkte sich demgemäß auf die andere Betrachtungsweise, die an die stark betonte Hervorkehrung des Nationalen in unserer Zeit den religiösen Maßstab anlegt. Der Verlauf des Ges‘präches, bei dem Michel im wesentlichen Buber die Führung überließ und seine eigenen Einwände und Formulierungen auf Fragen beschränkte, ergab eine weitgehende Uebereinstimmung in der Erkenntnis, daß die heutige Anbetung der Nation als Selbstzweck recht eigentlich Götzendienst ist. Wohl gibt es für Buber legitimen Willen zum Bestand der Nation, dann nämlich, wenn dieser Bestand als die vitale Voraussetzung des dieser Nation eigentümlichen Dienstes am .Göttlichen empfunden wird. Zwischen der konstruiert christlichen^ Auffassting Tolstois, der um des Wachsens des Reiches Gottes willen jedes nationale Unglück begrüßt, eine Haltung, die Buber wohl für das persönliche leben des Einzelnen, aber nie im Hinblick auf Dritte, auf die Familie, auf das Volk, zuläßt, und der heidnischen des Christen Dostojewski, der im Weltgeschehen einen ewigen Kumpf der Nationalgötter unteremander sieht, zeigt Buber als die echte religiöse Haltung die der Propheten auf, die wohl den höchsten Auftrag auch über das Glück der Nation stellen, aber deren Leiden eben nicht als solches, sondern um des Heildienstes des Volkes willen beiahen. Dienstbewußtscin, das ganze Leben umfassend, Dienst am Volk um des Dienstes an Gott willen, ist der legitime Nationalismus, den unsere verirrte Zeit von den Propheten lernen müßte. Solange die Nationen an der falschen Selbstvergötterung kranken und diesen Krankheitszustand für normal halten, gibt es keine Völker als Glieder einer Menschheit, demnach auch keine Möglichkeit eines wirklichen Völkerblindes. Hinausführen aus der Lieblosigkeit des heutigen Zu- Standes kann nur der wiedererwachende Glaube an den Dienst, dem alle kleinen und großen Egoismen versinken, also, auch die nationalen, da er auf das einende Höchste bezogen ist. Nicht eigentlich als persönliche Auffassung, sondern anscheinend mehr um Buber zu einer klaren Formulierung herauszufordern, stellte Michel die schon früher (im ״Juden“) von ihm vertretene These auf von der jüdischen Ueberbewertung des Lebens der Nation, im Sinne der von Buber selbst gekenn zeichneten Vergötterung des nationalen Gedankens. Er bezog sich dabei auf den von jüdischer Seite (C.-V.-Zcitung) selber als peinlich empfundenen Satz: ״Du sollst alle Völker fressen“, und auf die angeblich von Gott befohlene grausame Kriegsführung der! Eroberungszcit. Bubers Antwort war ein Wagnis, aber sie führte auf eine tiefe Erkenntnis des Wesens des Religiösen hin, die er selber als wesentliches Ergebnis seiner bisherigen Lebensarbeit bezeichnet: Stellen, wie die von Michel angeführten, deuten auf ein ״Mißverstehen Gottes“ im biblischen Bericht. Aber nur ein ganz auf Gott eingestelltes Volk kann s o irren, ein Volk, das jede Begebenheit seines Lebens und jeden Antrieb auf die Relation zum Göttlichen bezieht, nur ein solches Volk aber auch aus der Ueberwindung* solchen Irrens ein Wachstum seines Gottesbildes erfahren. Nicht in ihren geschichtlichen Einzelinhalten, sondern in ihrem Weg liegt die Wahrheit einer Religion. Der Verlauf und die Aufnahme dieses ersten Versuches eines öffentlichen Zwiegespräches über religiöse Gegenstände darf das Lehrhaus ermutigen, ihn fortzusetzen. Das zweite Gespräch über ״Form und Freiheit“ (Religion und Autorität) wird Buber mit dem Katholiken Hermann H e f e 1 c zusammen* führen. L. M a r x. »Dre| Marksteine jüdischen Geisteslebens" Ein Vortrag von Prof. Felix Perles. Ihres politisch-gesellschaftlichen Charakters beraubt, be-, dient sich die jüdische Geschichte eines Buches, ihres Buches, als Trägers und zugleich Objekts ihres Selbstbewußtseins. Die Besinnung ihrer selbst ergab sich den Generationen aus der Deutung, die sie dem Bibeltext zugleich entnahmen und anlegten. So hat jede Generation ihren Bibelkommentar geschaffen als die Summe ihres jüdischen Geschichts- und damit Existenzbewußtseins. Auch Uebersctzungen sind Kommentare. Das alles ist schon öfter gesagt worden. Prof. Felix Perles (Königsberg) —- der im vorigen Jahre ein Semester lang als Gastprofessor in Jerusalem gewirkt hat ־— rollte nun in seinem vom Verein für jüdische Literatur und Geschichte letzten Donnerstag veranstalteten Vortrag die jüdische Kulturgeschichte des Exils an Hand der Dar- Stellung der drei großen Bibelübersetzungen auf: Der griechischen (Septuaginta), arabischen (Saadja) und deutschen (Mendelssohn). Fiir alle diese drei Ucbersetzuftgen ist es Der Reiter Novelle von Ludwig Strauss (Nachdruck verboten) (Schluß.) Naftali hatte sich, die Augen groß vor Entsetzen, während der Erzählung wieder aufgerichtet. Er müsse, sagte er, an die Stätte des Unheils und helfen, soviel in seinen Kräften sei. Keine Einrede hinderte ihn, wankend sich zu erheben, die Hausfrau ging, der Hausherr half ihm in die Kleider und redete ihm immer noch ab, mit vielen verlegenen Wendungen, als habe die Warnung außer der Krankheit des Rabbis noch einen Grund, den er nicht nennen mochte. Die Aelteste der Mägde erschien, den Knaben zu warten; sie kam aus der Judenstadt und redete nicht anders als der Bürger um ein Ungesagtes herum. Sie händigte Naftali eine Summe Geldes ein, die ihr aus dem brennenden Hause noch zu bergen gelungen war. Er nahm mit Dank das Geld an sich und fragte, sie scharf anblickend, was denn noch zif berichten sei; heftig errötend rief sie ״nichts, nichts“ und flehte nur dringlich den Rabbi an, nicht im Fieber zu gehen. Was sie zu sagen nicht übers Herz gebracht hatte, wurde Naftali deutlich, als er vor dem Tore der Judenstadt in das Gedräng der Menschen tauchte, die Hügel geretteten Hausrats auf dem Platze gehäuft hatten, dazutrugen und ordneten oder jammernd, redend, rufend in Gruppen umherstanden. Viele bekannte Gesichter sah er, aber wo er nahte, verstummte Rede und Lärm. Alle wandten sich ab oder machten am Gerät sich zu schaffen, kein Blick, kein Gruß kam aus der drohenden Stille, die mit ihm wanderte. Er durchschritt die Gassen, wo Jubel seinem Einzug und unlängst noch freudig ehrfürchtiger Gruß seinem Erscheinen geantwortet hatte. Weden von Glut trieben in der Luft und nahmen ihm den Atem, Trümmer sperrten den Weg, aus denen es glomm und rauchte, schwarze Mauerrestc standen zu Seiten mit leeren Fenstern, da und dort saß in einem Winkel noch die Maske des vertriebenen Lebens: ein Stück farbiger Tapete, ein Leuchter an der Wand, auf einem hoch aus der Mauer ragenden Bodenrest ein Tisch und Stuhl. Menschen siäberten im erkaltenden Schutt nach ihrem Gut; sie wandten sich ab von ihm wie die ersten. Andere trugen Möbel und Kisten durch die verengten Gassen; er mußte sich an die rußigen Mauern pressen, daß sie ihn mit ihren Lasten nicht stießen. Vor der Stätte seines Hauses, das bis zum Boden niedergebrannt war, stand ein Kreis flüsternder Männer; einer, mit spitzem Bart und stechenden Augen, kehrte sich gegen Naftali und spie ihm vor die Füße. ״Er hat Feiertag“ hörte der Weiterschreitende hinter sich kreischen, sah an sich herab und sah das prächtige Gewand, das als einziges ihm geblieben war. Schon erblickte er die noch brennenden Häus.r und die Scharen, die mit Schläuchen und Eimern sich mühten, zu löschen. Aber er versuchte nicht erst, sich ihnen zu gesellen, er wich aus der Straße und hastig, um sich spähend, oftmals stolpernd, suchte er sich einsamen Weg durch zerstörte Höfe, zusammengebrochene Mauern, leere Gassen, bis er die unausweichliche Bahn durchs Tor und die feindliche Menge noch einmal, langsam und aufrecht, ging. ln seinem Quartier angelangt, befahl er der Magd mit dem Rest von Gewalt, der noch in ihm lebte, zu berichten, was die Gemeinde von ihm rede. Stockend und angstzitternd brachte sie hervor, es heiße, der Rabbi habe den Geist des zehrenden Feuers beschworen, ihm dienstbar zu sein, den Erschienenen aber nicht botmäßig halten können oder wollen, und so habe der Dämon von des Rabbis Hause her die Stadt erbeutet. Mit mildem Wort hieß Naftali die Erzählerin gehen. Auf dem Lager sitzend, glühend von Fieber und Gedanken, rief Naftali die Bilder seiner Toten auf und klagte sich an, daß er die Lebenden zu lieben versäumt habe, aber das Antlitz der Frau und das ähnliche des Kindes blieben ihm jetzt wie ehe verschlossen. Nur das rastlose Pochen der Schuld ließ seinen Sinn um sie kreisen. Aber war deijn er schuld? Wie Antwort erschien ihm da die uralte Mahnung, die Abraham ihm überliefert und deren Beginn allein er gewogen hatte: daß er selber sterben könne, wenn er die Beschwörung recht vollziehe; das Ende, daß er Unheil über Andere bringe, wenn er sie falsch übe, hatte sein Hochmut nie bedacht. Das volle Maß seiner Schuld goß sich ihm wie Feuer über den stolzen Bau seines Lebens und verzehrte die Macht, verzehrte das Wissen, verzehrte den Ruhm, bis alle Pracht in rauchende Trümmer gewandelt lag, der Stadt gleich, die er übel gehütet hatte. Als er so in seine wahre Armut eingekehrt war, kam wider seinen Willen eine Linderung in ihn, als wolle das Fieber sich kühlen. Er aber nahm die Milde nicht an, er saß aufrecht und peinigte seine Seele, bis er vor Schwäche entschlief. VII. Kapitel Naftali hatte in Frankfurt am Morgen nach jenem Tage seine dringendsten Angelegenheiten geordnet, den Wirt bezahlt, sich Alltagskleider verschafft, und, allein mit dem Sohn, dessen Verletzungen sich als leicht und harmlos erwiesen, die Reise nach dem Osten angetreten. Warschau und das Haus seines Schwiegervaters mied er; in dem Städtchen, wo Abraham, der Maggid, seinen Sitz hatte, kehrte er ein. Nathan, den er bisher von Wagen zu Bett und von Bett zu Wagen hatte tragen müssen, bestand darauf, selber in den kleinen Gasthof zu gehen, brachte es, vorsichtig auftretend an der Hand des Vaters, zustande und sah stolz mit dem ersten Lächeln seit der Unglücksnacht zu Naftali auf. — Am Morgen des Tages, an dessen Mittag Naftali eintraf, war der Maggid abgereist. Seinen Hausstand, der eher karg als reich doch alle, die darin lebten, wohl gedeihen ließ, fand Naftali unter der Leitung des Weibes, einer schönen, frischen Greisin. Ein Sohn und seine Frau und ihre erwachsenden Kinder füllten das Haus. Da Abraham in einem nahgelegenen Ort verweilen und übernachten wollte, ehe er weiterfuhr, konnte Naftali ihn gut am nächsten Tage einholen. Er fragte die Frauen, ob wohl, während er die dringliche Reise zum Maggid tue, der Knabe in ihrer Pflege bleiben könne. Das wurde gerne gewährt, Naftali besorgte sich ein Roß und am nächsten Morgen mit dem Frühesten ritt er aus. Das Fieber, das während der Reise nicht ausgesetzt und in dem zu leben Naftali sich gewöhnt hatte, war in der Nacht noch einmal zu wilder Lohe aufgegangen. Naftali schwindelte das Haupt, als er im Sattel saß, aber die Morgenluft ernüchterte