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Jüdische Rundschau · 1928-11-02 · Heft 87-88 (2.11.1928) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 87-88 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 614 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 87/88, 2. XI. 1928 Deutschtum und Judentum Eine innere Aussprache im C.-V. Die ״C. - V. - Z e i t u n g“ veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern eine Reihe von Artikeln zur internen Diskussion über die Grundlagen der C.-V.-Arbeit. Die Debatte geht aus von einem Aufsatz von Dr. Friedrich Brodnitz (dem Sohn des Vorsitzenden des C.-V.), der vor einiger Zeit in der ״C.-V.-Zeitung“ eine Revision der Ideologie gefordert hatte. Dr. Brodnitz forderte ein positives jüdisches Programm des C.-V. und faßte die Anschauung der C.-V.-Jugend tftwa in dem Satz zusammen: ״Wir haben der alten Formel: Unbewußtes Judentum und betont gepflegtes Deutschtum, die veränderte Fassung: selbstverständliches Deutschtum und bew 11 ßt zu verarbeitendes Judentum gegenübergestellt.“ Gegen diese Auffassung wendet sich nun Dr. Kurt Loewenstein, Aachen, der u. a. schreibt: ״Schon heute ist nicht so sehr die Besorgnis begründet, daß weitere Kreise unserer jüdischen ״Jugend“ zu senr ihr Deutschtum betonen, als die andere, daß sie sich allzusehr von allgemeinen deutschen Bestrebungen fernhaiten. Sic ist in jüdischen Jugend-, Turn- und Sportvereinen, jüdischen Studentenverbindungen, Frontbünden, jüdischen geselligen lind Berufsvereinen, jüdischen Logen 11sw. organisiert und sie findet kaum mehr Zeit und Lust, sich in interkonfessionellen Organisationen, in denen sie vielfach gern gesehen wäre, zu betätigen. Ein U e b ermaß jüdischer Vereinsarbeit kann zu so einseitiger jüdischer Lebensbetätigung führen, daß der Sinn für die Betätigung im nichtjiidischen Gemeinschaftsleben verloren geht und daß wir die Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben, die die Antisemiten erstreben, selbst auf das kräftigste fördern.“ Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen tritt Dr. Loewenstein für philanthropische Ostjudenarbeit ein, wendet sich jedoch gegen eine Ueberschätzung Palästinas. Der interessanteste Beitrag stammt von Dr. Erich Hirschberg, Oppeln, der seinen Aufsatz überschreibt: ״Der gemeinsame Weg“. Der Verfasser weist darauf hin, daß die scharfe Antithese ״Religion — Nation“ heute in beiden Lagern aufgegeben wurde. Insbesondere hat auch der C.-V. längst eingesehen, daß das Judentum nicht bloße Religionsgemeinschaft ist, sondern pStammesgemeinschaff“ usw. Darin erblickt Dr. Hirschberg eine entscheidende Annäherung zwischen Zionisten und Nichtzionisten, wobei man Fragen der Terminologie zurückstelien müsse. Hirschberg fährt fort: ״Dieser Auflockerung unserer Geisteshaltung in der Erkenntnis des Jüdischen in uns muß notwendig eine erneute Prüfung unserer deutschen Haltung entsprechen. Hat man früher gesagt: der Glaube ist jüdisch, alles andere deutsch, so ergibt sich aus dem bisher Gesagten, daß mit dem größeren Raum des Jüdischen auch das Deutsche eine andere Beurteilung erfahren muß. Richtiger gesagt handelt es sich hier nicht um das Deutsche, sondern um die Einflüsse der Umwelt schlechthin. Die bisherige Verkennung des Jüdischen hat die Gefahr der Lage erhöht. Das Verpflichtende des Jüdischen in uns, das ja auch der ״Gottesleugner“ anerkennt, soll sich in unserem ganzen Dasein auswirken. Das ,,genießerische“ Bekenntnis: ״Wir sind stolz auf unser Judentum“ genügt aber nicht, wie auch Ludwig Holländer hervorhebt. Die Notwendigkeit, um das Jüdische zu ringen, verlangt daher, daß wir uns von Schlagworten der überwundenen Epoche freimachen. Hierzu gehört unter anderem auch eine Behauptung des Inhalts, der deutsche Jude sei unauflöslich in die deutsche Volksgemeinschaft aufgegangen. Sie wird gerade deswegen an dieser Stelle hervorgehoben, weil sie mit ihrer häufigen Wiederholung im Tone einer absoluten Tatsache sich einer klaren Erfassung der Lage entgegenstellt, in ihrer offenbaren Uebertreibung geradezu zur Gegnerschaft herausfordert und überhaupt eine Gefahr für unsere Wahrhcitssuche darstellt. Jene ״Unauflösbarkeit“ wie überhaupt die ״Unbeirrbarkeit deutscher Gesinnung“ sind Uebertreibungen 1m Worte, die als solche bereits durch den Entwicklungsgang Tausender von Ausländsdeutschen erwiesen werden. Was aber soll das Wort vom Aufgehen im deutschen Volke sonst noch besagen? Die rechtliche Seite unserer Zugehörigkeit ist durch die Reichs- Verfassung geklärt. Die kulturelle Verbundenheit liegt praktisch zutage und wird theoretisch nur von extremen Parteien bezweifelt; unser Kulturbedürfnis wird im wesentlichen von der deutschen Kultur gespeist. Unsere Stellung in der deutsehen Volksgemeinschaft hingegen ist problematisch; denn sie hängt nicht allein von unserem Willen ab und wird laut oder leise von denen, auf die es ankommt, nämlich von der Umwelt, immer wieder teils mit, teils ohne Begründung in Frage gezogen. Man kann jene nicht immer als Narren oder Bösewichte abtun. Das Wort ״Judenfeinde“ paßt oftmals auf sie gar nicht; wer wollte etwa Nölting, Hellpach, Walter Bloem, Mitarbeiter der ״C.-V.-Zeitung“, so bezeichnen? Nicht ein Schein von Vorwurf ist atn Platze. Es mutet aber ״seitsam“ an, wenn die Meinungen solcher Männer gerade von jüdischer Seite ״widerlegt“ werden. Wir können nur eine Folgerung aus alledem ziehen: wir sind nicht das fertige Produkt einer ״Synthese von Deutschtum und Judentum“, sondern Gegenstand einer Entwicklung, die noch im Flusse ist. Der Gewinn dieser Folgerung liegt darin, daß wir von einem falsch gegründeten Standort uns in eine Entwicklung hineinstellen, deren Lauf wir aus der Erkenntnis ihrer Triebkräfte heraus noch zu beeinflussen vermögen. Daß diese Ent- Wicklung sich ״stärker auf unser Judentum konzentrieren“ muß,, daß für sie die Fassung zu gelten hat: ״selbstverständliches Deutschtum und bewußt zu erarbeitendes Judentum“, daß sie unter dem Zeichen jüdischer Gesamtverantwortiichkeit vor sich gehen muß, hat Dr. Friedrich Brodnitz 1n I|׳r. 24 der ״C.-V.-Zeitung“ bereits auseinandergesetzt. Mit der Fest- Stellung solcher Grundtatsacher! begeben wir uns auf einen Weg, an dessen Anfang, wenn auch nicht an dessen Ende, wir uns mit sehr vielen Zionisten treffen werden.“ Im Anschluß daran setzt sich Hirschberg ausführlich mit dem Artikel von Dr. Oskar Epstein über Galutharbcit (in Nr. 71 der ״J. R.“) auseinander und Jaßt dann zusammen: ״Wir dürfen annehnien, daß diese Auffassung sich weiter ausdehnen wird, da Hand in Hand mit der Erweiterung der Jewish Agency und dem Aufbau des jüdischen Palästina die Erkenntnis gehen wird, daß immer ein Galuthproblem übrigbleibt, das unabhängig von Palästina besteht und einer selbständigen Lösung harrt. Hatte bisher der Zionismus die bessere Erkenntnis der Grundtatsachen und den stärkeren jüdischen Willen für sich, so haben wir, scheint es, diesen Vorsprung jetzt eingeholt. Auch der C.-V. will mit aller Kraft die jüdische Erneuerung, die des jüdischen Menschen und der jüdischen Gemeinschaft, des jüdischen Stammes oder Volkes oder wie man es nun nennen will. Sieht der Zionismus den Angelpunkt seiner Erneuerungsbestrebungen im Palästina-Aufbau, ohne deshalb, wie wir gesehen haben, auf das Judentumserlebnis in der Galuth zu verzichten, so liegt uns Nichtzionisten am nächsten die jüdische Bewältigung der Gaiuth, die uns keine Verbannung mehr, sondern Heimat ist, und wir können trotzdem, wie das Beispiel hervorragender C.-V.er zeigt, am Aufbau Palästinas tätigen Anteil nehmen. Die Entscheidung für oder gegen den Zionismus ist in höherem Maße, als man glaubt, Sache des Temperaments; denn die Anerkennung der Gnmdtatsaclic des jüdischen Stammes oder der jüdischen Nation, oder wie man es nun nennen will, wirft zwar sofort das Galuthprobkm auf, führt aber nicht zu seiner Lösung durch Palästina. Diese ist eine Möglichkeit, die sich bietet, mehr nicht.... Aber bis zu dem Punkte, wo diese Entscheidüng den Weg des Zionisten vom Wege des C.-V.ers trennt, ist ein weites Stück, das gemeinsam begangen werden kann und muß.“ Dr. Friedrich Brodnitz betont in seinem Schlußwort nochmals die Notwendigkeit stärkerer ״Jüdischheit“ im C.-V. und charakterisiert die Stellung seiner Gruppe zu Palästina folgendermaßen: ״Wir sind, unbelastet von den Kämpfen unserer Väter, in die Beschäftigung mit jüdischen Dingen hineingekommen. Wir haben uns für alle jüdischen Werte offen gemacht, und so hat in uns auch der Begriff ״Aufbau in Palästina“ ein Gefühl warmer Teilnahme erregt. Wir haben inzwischen lernen müssen, daß zwischen diesem schlichten Gefühl und seiner Verwirklichung vieles steht: Schlagworte auf allen Seiten, Parteitheorien nationalistischer und nicht-nationalistischer Art, Starrheit und Unnachgiebigkeit. So bleibt uns nur übrig, uns zunächst nur zu diesem ursprünglichen Gefühl zu bekennen. Wir haben das getan auf die Gefahr hin, daß das — wie es auch geschehen ist — von der einen Seite als leere Dcmonstration, von der anderen als Hinneigung zum Zionismus angesehen werden würde. Das eine hat uns so fern gelegen wie das andere.“ Diese Diskussion gibt einen interessanten Einblick in die Gärung innerhalb des C.-V. und die wichtige Wendung zum Judentum in der jüngeren Generation. Wir werden bei Gelegenheit uns mit dieser Entwicklung noch zu beschäftigen haben. Knlfurabend der Fraaenarbeilssemeioschalt Am 29. Oktober veranstaltete die Frauenarbeitsgemeinschaff für Palästina in der Kunstbibliothek einen Vortragsabend über ״Kind und Jugend im neuen Judentum“. Die Veranstaltung, interessant sowohl durch die Aktualität ihres Gegenstandes als auch durch die Persönlichkeit der eingeladenen Redner und darum glänzend besucht, hatte mit einer Reihe von unvorhergesehenen Zufälligkeiten zu kämpfen. Es ist als eine besonders tapfere Leistung der Frauenarbeitsgemcinschaft zu buchen, daß es ihr trotzdem gelang, einen zionistisch und propagandistisch wirkungsvollen Abend zu erzielen. / ln den einleitenden Worten teilte Frau Grete Turnowsky mit, daß zwei von den angekündigten Vortragenden, nämlich Dr. Elisabeth Rotten und Rabbiner Dr. Baeck im letzten Augenblick abgesagt hätten und an ihrer Stelle Frau Wronsky und Dr. Prinz einspringen würden. Frau W r ת ס s k y sprach über die doppelte Umwelt, in denen das jüdische Kind heute heranwachsen kann. Die Er- Ziehung der Diaspora bemüht sich, ihm alle Kulturgüter zu geben. Die palästinensische Erziehung ist einfacher, aber sie gibt dem Kinde das Wesentliche, das notwendig ist, um aus ihm einen glücklichen Menschen zu machen: Loslösung von der isolierten Position, Verbundenheit mit der Volksgemeinschaft. Die pädagogischen Erkenntnisse, die in Palästina gewonnen wurden, können für die Reform der Erziehung überhaupt ausgewertet werden. Dr. Prinz sieht die Krisis der jüdischen Jugend darin, daß sie keine jüdische Wirklichkeit besitzt. Die Schule, der Lehrer hätten keine Möglichkeit, einen gleichen Einfluß auszuüben wie die unmittelbare Umgebung. Nicht die planmäßige Erziehung sei für den Menschen entscheidend, sondern die unwillkürliche, gleichsam organische Erziehung durch die Einflüsse des Zimmers oder der Straße. Eine Erziehung zum Judentum müsse, wenn sie Wirkung haben solle, eine Erziehung des Atmens sein. Dies sei in Palästina möglich, denn dort atmet das Kind jüdische Luft. Alexander Goldstein sieht im jüdischen Jugendlichen, besonders aber im jüdischen Kind, den Träger und Vorkämpfer des modernen Hebräisch. Dies sei seine Hauptrolle im ganzen Zusammenspiel des zionistischen Aufbauwerks. Die Erwachsenen Palästinas werden auf die natürlichste Weise dazu gebracht, Hebräisch zu lernen — durch die Notwendigkeit, sich mit ihren Kindern zu verständigen. Abiturienten des Tel- Awiwer Gymnasiums besuchen die Universitätsstädte Europas und zeigen den Galuthjudcn, einfach durch ihre Existenz, daß nicht mehr das gemeinsame Leid des Judentums das einzige ist, was sie zusammenhält, sondern ein neues stärkeres Zusammengtfhörigkeitsgefühl begründet ist: der Stolz des Judentums. Goldsteins reizvolle, vollständig gelöste Art steigerte sich bei der Erzählung seiner Reiseerlebnisse zur faszinierenden Charme ganz jüdisch-menschlichen, von jeder Rede- Schablone befreiten Siehaussprechens. Er schilderte das Wunder der hebräischen Wiedergeburt, des Erwachens einer mumifizierten Sprache, zu einer lebendigen, zu einer Sprache, in der man wieder schimpft und Liebeserklärungen macht. Als letzter Redner sprach Colonel Wedgwood. Er besprach zunächst die Vorteile der kollektivistischen Erziehung, wie sie in den Kwuzofh verwirklicht wird. Das Ziel der palästinensischen Erziehung sei Freiheit, Verantwortung und Solidarität. Das palästinensische Kind kennt nicht die Angst des Ghettokindes, ,,schmutziger Jude“ genannt zu werden. Es hat die Haltung eines kleinen Gentleman. Die Kindersterblichkeit bei den Arabern ist sehr groß. Vor 40 Jahren war sie bei den palästinensischen Juden fast ebenso groß, während sie heute bei ihnen sogar geringer ist als in England. Die palästinensische Erziehung lehrt das Kind denken, aber nicht w a s es denken soll. Sie betrachtet es als einen selbständigen und verantwortlichen Menschen. Sie ist genau die Erziehungsform, welche auch Europa nötig hat. Man kann zusammenfassend sagen, daß dieser Abend zur Behandlung seines Gegenstandes eine wertvolle Einleitung gab. Ein gründlicheres Eingehen auf dieses zentralste Um- Sturzproblem jüdischer und menschlicher Gegenwart war natiirlieh in seinem Rahmen nicht möglich. Wichtig ist es fiir jüdische Eltern, Erzieher und Führer der jüdischen Jugendbewegung, die Anregung dieses Abends durch eingehendes Nachdenken über die psychologische Seite dieser Frage, die Reinigung vom Autoritätsbegriff, vom Führerdogma und vom Aristokratismus der Erwachsenen, auszuwerten. Klara B lum. Lord Melchett 60 Jahre alt New York, 26. Oktober. (J. T. A.) Lord Melchett hat soeben an Bord der A c q u i t a n! a die Rückreise nach Engianü angetreten. Am Tage vor seiner Rückreise feierte er seinen 60. Geburtstag. Der Festlichkeit wohnten Louis M a r s h a 11, Felix M. W a r b u r g, Dr. Lee K. Frankel, der Stahlkönig Charles M. Schwab u. a. m. bei. Lord Me!- chett spendete anläßlich seines Geburtstages 7500 Dollar für die weitere Ermöglichung der Publikation des Thesaurus von Eliezer Ben Jehuda, die von dessen Witwe fortgeführt wird. Lord Melchett wurde am 23. Oktober 1868 in Farnworth in Lancashire als der zweite Sohn des aus Deutsch-!and eingewanderten hervorragenden Chemikers Dr. Ludwig Mond geboren. Theodore Reinach gestorben In Paris starb am 29. Oktober der berühmte französische Historiker und Archäologe Theodore Reinach im Alter von 68 Jahren. Theodore Reinach war ein Bruder des verstorbenen französischen jüdischen Politikers und Schriftstellers Joseph Reinach und des noch lebenden Philologen und Archäologen Salomon Reinach. Die drei berühmten Brüder Reinach entstammen einer aus Frankfurt a. M. gebürtigen jüdischen Familie. Joseph Reinach wurde Kabinettschef Gambcttas, als dieser 1881 Premierminister wurde. Salomon Reinach verfaßte zahlreiche vielbeachtete Schriften über Philologie, Archäologie und Philosophie und übersetzte einen großen Teil der Schriften Schopenhauers ins Französische. Der verstorbene Theodore Reinach war nicht nur ein hervorragender französischer Historiker und Archäologe, sondern auch der repräsentative Geschichtsschreiber des Judentums in Frankreich. Trauer um Professor «Aulard Paris, 26. Oktober. (J. T. A.) An der Bestattung des vor einigen Tagen im Alter von 79 Jahren verstorbenen Professors an der Sorbonne Alfons Aulard, Präsidenten der Internationalen Liga für Menschenrechte und der lntcrnationalen Union der Völkerbundiigcn, wohnten Vertreter fast aller französischen und internationalen jüdischen Organisationen bei. Professor Aulard, einer der bedeutendsten Historiker der französischen Revolution, ist jederzeit für das Recht der Juden eingetreten und hat niemals gezögert, gegen ein den Juden zugefügtes Unrecht das Gewicht seiner Persönlichkeit und der durch ihn vertretenen Organisationen in die Wagschale zu werfen. Bekannt ist auch seine positive Stellungnähme in der Frage des Aufbaus des jüdischen Nationaiheims in Palästina. Noch unverwischt ist der Eindruck, den die Aussage des hochangesehenen greisen Gelehrten vor den Pariser Geschworenen im Prozeß gegen Schalom Schwarzbart auf alle gemacht hat. Ein Schlag gegen die jttdlschen Volksbanken Kowno, 29. Oktober. (J. T. A.) Das Finanzministerium hat eine Verordnung herausgegeben, wonach in den jüdischen Volksbanken die gesamte Buch- und Geschäftsführung in litauischer Sprache zu erfolgen haben. Aus technischcn Gründen ist diese Verordnung undurchführbar, wodurch die 82 jüdischen Volksbanken Litauens in eine k r i - tische Lage gelangten und vor der Gefahr stehen, behördlich geschlossen zu werden. Der Finanzminister bat eine ihm von den Volksbankcn cingcreichte Petition, in der die Bitte um Milderung der Verordnung ausgesprochen war, zurückgewiesen. Deiegiertentag des Schweizerischen Zionistenverbandes Am 28. Oktober fand in Olten die Fortsetzung des in Zürich am 9. September nicht beendeten Delegiertentages des Schweizerischen Zionistenverbandes statt. Außer einigen Anträgen auf Abänderung der Statuten stand vor allem die Bildung einer neuen Leitung auf der Tagesordnung. Es war jedoch auch diesmal nicht möglich, ein arbeitsfähiges Zentralkomitee zusammenzustellen, das sich auf eine tragfähige Majorität hätte stützen können. Es wurde schließlich ein provisorisches Zentralkomitee gewählt, bestellend aus den Herren H. Reichen» bauch, Isi Berloivitz, Dr. Barth, Frau Dr. Weldler, Zürich; Dr. Julius Becker, Genf; Dr. Karl Mayer, Basel; Dr. Teitler, St. Gallen. Dieses Zentralkomitee hat den Auftrag, sei es durch Kooptation, sei es durch Einberufung eines neuen Delegiertentages eine arbeitsfähige Leitung zu bilden. Liederabend Madeleine Grey. Einen großen und berechtigten Erfolg errang sich die Pariser Jüdin Madeleine Grey durch ihr äußerst amüsantes und eigenartiges Konzert. Sie sang mit kräftigem, witzigem und treffsicherem Vortrag, überlegener Musikalität und ausgezeichneter Phonetik neue und alte französische und eine Anzahl jüdischer Lieder; letztere in prächtigen Bearbeitungen der modernen französischen Autoren Milhaud,_ Ravel, Algazi und A u b e r t. Am besten gelangen ihr wohl die ״Chansons bourgignonnes“ (überhaupt liegt ihr vor allem das künstlerische Chanson) von Maurice Emanuel und von den jüdischen Liedern (die sie hebräisch und jiddisch sang) ״Der Rebbele, der üabbele“ und das Wiegenlied ״Schluf, schluf, schiuf“. Weniger überzeugend klang der ״Kaddisch“ von Ravel, der wohl doch dem ״stärkeren Geschlecht“ reserviert bleiben muß. Madeleine Grey gebührt das Verdienst, das heitere und geistvolle Genre der neuen Musik ihrer Heimat auf selten einleuchtende und charakteristische Weise auch einem nichtfranzösischen Hörerkreis zugänglich machen zu können. A. J.-L. Granowskis Pläne. In der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ gaben wir die Meldung des ״Montag- Morgen“ wieder, daß der Direktor des Moskauer Jüdisch- Akademischen Theaters, Granowski, in Berlin zu bleiben beabsichtigt. Direktor Granowski hat nun einem Vertreter der J. T. A. erklärt, daß diese Meldung nicht den Tat- Sachen entspricht. Wahr sei nur, daß bezüglich des Amerika-Gastspiels Differenzen zwischen ihm und dem Volksbildungskommissariat der Sowjet-Regierung bestanden haben, die aber gerade durch Herrn Paladni, den offiziellen Beyoll-!nächtigten des Volkskommissars Lunatscharski, bereinigt worden sind, so daß die Truppe nach Absolvierung ihrer Europa-Tournee das Amerika-Gastspiel durchführen wird. Granowski wird in Berlin kein eigenes Theater eröffnen; er hat nur mit einem bestimmten Berliner Theater wegen einer einmaligen Inszenierung eines Klassikers verhandelt. — ln der Notiz der ״Jüdischen Rundschau“ war ferner darauf hingewiesen, daß Granowski seinerzeit in Wien einen Befehl der Sowjet-Regierung erhalten hat, am KolNidre-Abcnd zu spielen. Das Granowski-Theater hat die Vorstellung zwar angesetzt, sie hat aber dann nicht stattgefunden, infolge scharfen Protestes der jüdischen Oeffentlichkeit, der sogar Demonstrationen befürchten ließ. Dr. Saul Tschernichowski, der seit mehreren Jahren in Berlin lebt, hat eine Reise nach den Vereinigten Staaten von Amerika angetreten, wo er Vorlesungen über die Entwicklung der neuhebräischen Literatur und Sprache halten wind. Die Reise steht auch im Zusammenhang mit dem zehnjährigen Jubiläum des Stybel-Verlages. Tscherniehowski wird in Amerika auch fiir die litauische Tarbuth-Organisation wirken, deren hebräisches Schulwerk an der Spitze des gesamten Tarbuth-Werkes steht. Charles Lindbergh, der als erster mit einem Flugzeug den Ozean von Amerika nach Europa überquert hat, wird in kurzem in Konstantinopel eintreffen una von dort für einige Zeit nach Palästina kommen.

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