Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 87-88 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 87/88, 2. XI.!928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 013 das wird hier identisch genommen) durchgesetzt. Sieht man auf das Wesen der Sache, so erkennt man an Hand der Wissenschaft, daß die Juden ein Volk sind, im strengen Sinne der wissenschaftlichen Definition, freilich ein Volk, das unter anormalen Bedingungen lebt. Sieht man auf die Spielarten, so kommt man zu dem interessanten Ergebnis, daß alle wesentlichen Besonderheiten, die in der einen oder anderen Spielart mehr hervorgehoben werden, im Wesen des Judentums wiederzufinden sind. Daher passen die Ergebnisse aller ernstzunehmenden Wissenschaftler, die über das Problem der Nation nachgedacht haben, auf das Judentum, angefangen von Fr. J. Neumann, der 1888 — fünf Jahre vor der Gründung des C.-V. — die Nation definierte als ״eine größere Bevölkerung, die infolge hoher eigentümlicher Kulturleistungen ein eigenartiges gemeinsames Wesen gewonnen hat, das sich auf weiten Gebieten von Generation zu Generation überträgt“, bis zu Otto Bauer (letzte Auflage 1927): ״Die Nation ist die Gesamtheit der durch Schicksalsgemeinschaft zu einer Charaktergemeinschaft verknüpften Menschen“, — wobei Charaktergemeinschaft nicht bedeutet, ״daß die Individuen derselben Nation einander ähnlich sind, sondern, daß auf den Charakter jedes Individuums dieselbe Kraft eingewirkt hat“, nämlich ״das Historische in uns“, was ״das Nationale in uns ist, das, was uns zur Nation zusammenschmiedet“. Der umfassende Versuch, die wissenschaftlichen Theorien von der Nation auf das Wesen des Judentums anzuwenden, würde zahlreiche interessante Ergebnisse haben. Er würde z. B. zeigen, daß namhafte Theoretiker des Nationaljudentums — Achad Haam, Dubnow — zu sehr ähnlichen Ergebnissen über das We^en der Nation gekommen sind, wie die ihnen nicht bekannten Vertreter der europäischen modernen Wissenschaft. Der Versuch würde auch klar machen, daß gerade Merkmale, die der C.-V. neuerdings zur Beschreibung des Judentums heranzieht — die Begriffe der Schicksals- und Stammesgemeinschaft — wesentliche Inhalte des Begriffs der Nation bilden. Und diesen neueren Bestandteilen der C.-V.-Terminologie muß um so mehr Bedeutung beigelegt werden, als nach Holländers ausdrücklicher Feststellung auch ״ausgesprochene Gottesleugner“ als Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft anerkannt werden müssen, eine Feststellung, die allerdings schw־er zu vereinigen ist mit der anderen Stelle desselben Aufsatzes, daß der C.-V. im Judentum ״entscheidend noch immer eine religiöse Gemeinschaft“ sehe. (Hier müßte es für sauberes Denken doch nur ein entweder — oder geben: wenn man ״entscheidend eine religiöse Gemeinschaft“ ist, dann sollte man nicht Gottesleugner als zur Gemein- Schaft gehörig anerkennen; wenn man das aber tut, sollte, man zu geben, daß der religiöse Charakter nicht entscheidend für die Gemeinschaft sein kann). Hier kann dieser reizvolle Weg der wissenschaftlichen Untersuchung nicht verfolgt werden, aber es genügt die Fest- Stellung, daß es einen streng wissenschaftlichen Begriff vom Volke gibt, und daß dieser Begriff auf die Juden paßt Ist man einmal bei dieser Definition, so ist es nicht einfach, die anderen Folgerungen des Zionismus zu vermeiden: die Erkenntnis, daß dieses Volk anormal lebt, weil es ohne Land lebt, und daß der Weg zur Gesundung in der territorialen Konzentration eines Volkskernes im eigenen Lande mit der Möglichkeit politischer Selbstbestimmung zu suchen ist. Wenn Zionisten auf die Besonderheit des jüdischen Volkes hinweisen, so kann das — für Zionisten — keinen Widerspruch zum Volksbegriff enthalten, und Nichtzionisten können aus diesem Hinweis nicht auf eine Preisgabe des Volksbegriffes schließen. Mit der Besonderheit des jüdischen Volkes wird nichts anderes ausgedrückt, als daß dieses Volk, wie jedes andere, eine Individualität ist. Wenn seine religiösen Qualitäten hervorgehoben werden, so wird damit nur gesagt, daß die Individualität des jüdischen Volkes sich in besonderem Maße in dieser Begabung ausdrückt. Der Versuch, den Volksbegriff zu entfernen und doch ein positives Judentum übrig zu behalten, führt immer wieder zu den größten Verlegenheiten. Dafür ist Holländers Aufsatz ein neues Beispiel. Der Frage nach dem Wesen des Judentums kann eine jüdische Organisation wie der C.-V., die ja auch eine Erscheinung des lebendigen jüdischen Lebens ist, nicht entgehen, und daher konstatiert auch Holländer, daß das Streben nach politischer Gleichberechtigung, der Rechtsgedanke, den Sinn des Judentums nicht erklären könne. Was ist also seine positive Antwort auf die Frage, weshalb die Juden Juden bleiben sollen? ״Daß die Wertung von Judentum und Judenheit sowohl in der Erkenntnis als auch im Gemütsbezirke von uns und unserer Umwelt in ihrer wirklichen Bedeutung vertieft und gesteigert werden müsse.“ Etwas schwer zu verstehen, aber wenn man es versteht, wird man fragen dürfen, wie das gemacht wird. Diese — höflich gesagt — Allgemeinheit wird keinen Zweifler davon überzeugen, daß das Judentum der Erhaltung wert sei. Nirgends gelingt der Versuch, das ״positive Judentum“ des C.-V. zu schildern, besser. Holländer beschreibt das Judentum als eine ״geistige Einheit mit bestimmten Forderungen in Lebensanschauung und Lebensführung“, eine strenge, recht radikale Auffassung, wenn die bestimmten Forderungen wirklich klar und bestimmt und ernst gemeint sind. Das Nationaljudentum, das doch nach der Meinung des C.-V. den jüdischen Menschen in allzu intoleranter Entschiedenheit mit der jüdischen Farbe anstreichen will, kann sich dieser Schärfe der Auffassung nicht rühmen, es hält sich davon fern, ״bestimmte Forderungen in Lebensanschauung und Lebensführung“ verpflichtend vor dem jüdischen Menschen aufzustelfen und läßt ihm gerade in diesen Fragen die persönliche Selbst- Bestimmung. Erfreulicherweise haben wir gleich Gelegenheit, in Holländers Aufsatz einige von diesen bestimmten Forderungen kennenzulernen. Es wird darauf hingewiesen, daß die Bibel von jedem Juden den Kampf für das Friedensideal verlange, jedem Feudalismus abhold sei, praktische Nächstenliebe verlange. Diese Aufzählung wirkt einigermaßen überraschend. Sind das wirklich die bestimmten Forderungen, die für den C.-V. die ״geistige Einheit“ des Judentums bilden? Aber wenn die Nächstenliebe für den C.-V. die Lebensführung des Juden bestimmen soll, weshalb führt er so schneidig den Kampf gegen den Antisemitismus? Weshalb rühmt er sich immer wieder, ein Kampfverein zu sein, weshalb spricht er auch in Holländers Aufsatz wieder verächtlich von der ״Lammsgeduld“ gegen Angriffe aller Art und rühmt sich der ״scharfen, schnei- (lenden Stimme“ seiner Gründer so sehr, daß er mit ihrer Hilfe in diesem Aufsatz sogar in die Reihe der revolutionären Bewegungen zu avancieren sucht? Wenn die Friedensliebe die Lebensanschauung des C.-V. bestimmt, so schmerzt es ihn sicher tief, daß er einmal in einem Kriege von Juden verlangte, ״mehr als ihre Pflicht“ zu tun; er würde das heute nicht mehr verstehen, und er erkennt wohl gar in konsequentem Pazifismus in dem Kampf gegen das Panzerschiff, eine typisch-jüdische C.-V.-Aufgabe? Wenn er dem Feudalismus so abhold ist, dann werden ihm dessen bedauernswerten Reste, die vom K.-C. in Uebereinstimmung mit der antisemitischen Studentenschaft Deutschlands gepflegt werden, lächerlich und bekämpfenswert erscheinen? Wir Nationaljuden leugnen gewiß nicht, daß die bei Holländer hervorgehobenen Eigenschaften zum Erbgut des Judentums gehören. Aber gerade deswegen müssen wir uns dagegen wehren, daß sie von einer Organisation als Lückenbüßer für ein positives Programm herbeigezogen werden, die allzuoft ״in Lebensanschauung und Lebensführung“ gegen den Sinn dieser jüdischen Forderungen verstößt, und die sich noch heute dem zionistischen Unternehmen, diesen Eigenschaften des Judentums echte Wirkung für eine dauernde Zukunft zu sichern, entgegenstellt. Von diesem positiven Judentum des C.-V. bleibt also kaum etwas übrig, was ernstgenommen werden kann, abgesehen von dem ernsten Bemühen, sich in irgendeiner Weise vom nationalen Judentum abzusondern. Diese Tendenz der Trennung vom nationalen und damit vom Gesamtjudentum wird von Holländer mit einer einigermaßen dunklen Unterscheidung zwischen einer ״absoluten Einheit“, die das Judentum nicht sei, und einer ״relativen Einheit“, als die es anerkannt wird, Verfochten. Relative Einheit soll heißen, daß man nur mit einem Teil seines Wesens zum Judentum gehöre (und mit einem anderen Teil zum Deutschtum). Diese Teilung, in der die Gedankenführung Holländers gipfelt — denn aus ihr ergibt sich der Typus des C.-V.-Juden als schicksalsnotwendiges Produkt —, wird dadurch erreicht, daß das ״Geistige“ vom ״Volklichen“ getrennt wird, d. h. daß das Wesen des deutschen Juden auf zwei voneinander getrennte Wurzeln zurückgeführt wird, von denen die eine auf dem Gebiet der ״geistigen Ueberzeugung“ liegt, während die andere in der ״realen Verbundenheit mit Heimat und Land“ besteht. An dieser Unterscheidung — für welche Holländer die von Eugen Fuchs eingeführten, aber leicht zu Miß- Verständnissen führenden Schlagworte Glaube und Heimat verwendet — wird klar, daß der C.-V. nicht nur nicht imstande ist, einen Inhalt für ein vom nationalen Fflr dte hebräische Winterarbeit 1 DAVID JOSEF BOBNSTEIK EINFÜHRUNG! IN DAS» HEBRÄISCH »ER HERENWART METHODISCHE TEXTE UND ERLÄUTERUNGEN Bornsteins ״Einführung“ ist keine Grammatik und auch kein Konversationsbuch. Durch didaktisch angeordnete Texte, denen die nötigen sprachlichen und grammatischen Erläuterungen jeweils beigegeben sind, dringt der Benutzer in das Gesamtgebiet des HehrSischen ein. Die wohlüberlegte Systematik des Buches gewährleistet wesentliche und bemerkbare Fortschritte von Lektion zu Lektion. Wer die 46 Lektionen des Buches aufmerksam durch arbeitet, verschafft sich eine ausgezeichnete und umfangreiche Grundlage des HebrSischen. BORNSTEINS ״EINFÜHRUNG« zeichnet sich sachlich vor den üblichen Lehrbüchern dadurch aus, daß sie eine sorgfältig gewählte, in Wortschatz und Phraseologie vollwertige hebräische Sprache lehrt. Broschiert RM. 7.50, in Ganzleinen RM. 9.— (zazttgl. RH. 0.50 fOr Porto n. Verpaeknng; Ausland RM.0.70). Nur vom?erlag direkt gegen Voreinsendung des Betrages oder per Nachnahme za beziehen. VERLAG DER JÜDISCH EX RUNDSCHAU Berlin W15, Meinekestr. 10 / Postscheck Berlin 17392 Judentum isoliertes positives Judentum zu finden, sondern daß es ihm auch nicht gelingt, die von ihm gewünschte Beziehung zwischen Deutschtum und Judentum gedanklich zu sichern. Die Trennung dieser beiden Begriffe führt nämlich zu Konsequenzen, die gerade vom C.-V.-Standpunkt aus fast als verwerflich bezeichnet werden müßten. Die Juden der ganzen Welt, auf der einen Seite der C.-V., auf der anderen Seite die auch in diesem Aufsatz Holländers wegen ungehörigen Betragens in geistigen Dingen gerügten Ostjuden, verbindet also die ״geistige Ueberzcugung“. Andererseits verbindet den C.-V. mit dem Deutschtum die reale Verbundenheit der Menschen mit Heimat und Land, d. h., einfacher ausgedrückt, die Tatsache, daß die C.-V,-Juden in Deutschland leben. Diese letztere aber bestimmt — das ist doch der Sinn der gedanklichen Operation — den nationalen Charakter des deutschen Juden, der nämlich zur deutschen Nation, nicht zur jüdischen gehören soll. Aber dann enthält ja diese C.-V.-Theorie eine empfindliche Degradierung des Nationalbegriffs. ״Das Geistige“ wird aus dem Nationalen ausgeschieden und in einen nichtnatinalen Zusammenhang hineingezogen, während der nationale Zusammenhang auf die einigermaßen brutale Tatsache der realen Verbundenheit des — nach Abzug des Geistigen — mehr oder weniger vegetativen Lebens zurückgeführt wird. Da haben wir Nationaljuden doch eine höhere Vor- Stellung vom Wesen des Nationalen, für uns wie für die anderen Völker. Wir halten eine Trennung von ״Geistigern“ und ״Volklichem“ für unmöglich. Für uns ist der Geist der höchste Ausdruck, ja das eigentliche Wesen eines Volkes, und wenn in der Tat dem Juden an keinem Ort der Welt eine Art von Verbundenheit mit Heimat und Land vergönnt ist, die seinem geistigen Wesen, nämlich seinem nationalen Charakter entspricht so scheint uns darin gerade die Anormalität zu bestehen, die überwunden werden muß. Die Tatsache, daß ״Glaube“ und ״Heimat“ voneinander getrennt sind, bedroht den einzelnen Juden und das Judentum mit Vernichtung. Wer jede dieser beiden Wurzeln isoliert voneinander pflegen will, kann die drohende Gefahr nich< aufhalten, daß diese Trennung zur Zersprengung des Judentums führt. Es gibt nur einen Weg der Rettung: Die verschiedenen Elemente, die das Judentum zum Leben braucht, wieder in organische Verbindung miteinander zu bringen. Nur wenn wir die Heimat aufbauen, wird auf ihrer Grundlage ein Glaube entstehen können. In diesem Wege sehen wir, auch in dem von Holländer konstatierten Wandel der Zeiten, noch immer die einzige Möglichkeit, um zur ״Anerkennung der Wertigkeit des Judentums in Judenheit und Christenheit“ zu kommen., Freilich werden wir in diesem Streben nach Anerkennung niemals den Kern und den höchsten Sinn eines jüdischen Programms sehen können, als welcher es bei Holländer durch Fettdruck hervorgehoben wird. Ein positives Judentum, das ״eine Vertiefung und Schätzung der überlieferten und vorhandenen Werte“ propagiert, weil das gut ist, wenn der ״Judenhaß überwunden werden soll, wenn wir im gesamten deutschen Volksleben eine würdige Stellung behalten wollen“, ist uns in bezug auf die Ursprünglichkeit der jüdischen Quellen einigermaßen verdächtig. Wir sind so einfach und anspruchsvoll, unser Recht zum Leben in unserer Art mit unserer Existenz zu rechtfertigen. Um unseretwillen sollen wir unsere Werte pflegen, weil sie den Ausdruck unseres Lebens und Möglichkeiten seiner Entwicklung enthalten, nicht weil sie auch für apologetische Argumente verwendet werden können. Auch wir hoffen, daß das künftige Leben des Judentums die Anerkennung der Welt finden wird, aber wir hoffen das, offen gestanden, nur nebenbei. Mehr berührt uns zunächst die einfache Tatsache, daß wir unsere Existenz, unserer Art einen Sinn zuschreiben und sie deswegen erhalten wissen wollen. Der Theorie des positiven Judentums, die den Geist vom Volk sondern will, ist in jedem ihrer Gedanken Dürftigkeit und Unzulänglichkeit nachzuweisen. Glaubt der C.-V. wirklich, mit dieser Theorie voll innerer Widersprüche ״die Anerkennung der Wertigkeit des Judentums“ durchsetzen zu können? Wir können es nicht glauben, ebensowenig wie wir Holländers Theorie die von ihm in Aussicht gestellte bevölkerungspolitische Wirkung Zutrauen können, daß sich ״die nach unten neigende ljtevölkerungskurve des deutschen Judentums dann heben wird, wenn es gelungen sein wird, das Judesein zu einer wahren Freude im besten Sinne des Wortes zu gestalten“. Das nationale Judentum gestaltet das Judesein zwar nicht immer zu einer wahren Freude, aber es gibt ihm einen Sinn und macht daraus für das persönliche Leben des Einzelnen eine große Hoffnung, die über die eigene Generation hinausweist. Heute fangen wir an, dieser Hoffnung in Erez-Israel sichtbare Gestalt zu geben. Aber dieses Unternehmen erscheint Herrn Holländer belanglos. Der C.-V. hat im Gelingen oder Mißlingen der palästinensischen Siedlung ״nichts Entscheidendes für die Erhaltung des Judentums“ zu sehen. Ihm genügen die ״Bemühungen auf Anerkennung der Wertigkeit“. Können sie wirklich das deutsche Judentum so beruhigen, daß ihretwegen die große historische Aufgabe der jüdisehen Gemeinschaft als belanglos in die Ecke gestellt werden kann? ״Positives Judentum“, das den jüdischen Geist erhalten will, kann den Palästina-Aufbau nicht bagatellisieren; durch Palästina wird das jüdische Volk!eben, und nur durch das jüdische Volk der jüdische Geist.