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Jüdische Rundschau · 1928-10-30 · Heft 86 (30.10.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 86 (30.10.1928)
Date
1928-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 004 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80, 30. X. 1928 daran gewöhnt, den Blick über die Erde zu erheben, als daß man in den Erscheinungen auf der Erde das Ideal einer kirnstkrischen Vollkommenheit suchte. Diese Probleme haben nicht nur für die Plastik Geltung, sondern äußern sich auch in der Architektur, deren F.rscheinungen mit ihr parallel laufen. Europäische Krise in dreifacher Beleuchtung Am Mittwoch, dem 21, Oktober, fand im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates der siebente Abend der Europa isehen Tribüne statt. Zur Diskussion war das Problem der europäischen Krise gestellt, und so stand denn dieser Abend unter dem Zeichen der mehr oder weniger berechtigten abendländischen Untergangsstimmung, wie sie Spengler, auch von den Rednern häufig erwähnt, seinerzeit so suggestiv formuliert hat. In den einleitenden Worten erklärte Frau Mary Schneider-Braillard, daß die Krise Europas diesmal von den Vertretern dreier Weltteile besprochen werden sollte: von einem Amerikaner, einem Europäer und einem Orientalen. Als erster Redner sprach Herr Edgar A n s e I Mowrer (Chicago). Er verteidigte Amerika zunächst gegen den Vorwurf, eine Gefahr für Europa zu bedeuten. Die Amerikaner seien ja der Abstammung nach selbst Europäer und die Lebenserscheinungcn Amerikas seien nichts anderes als eine Port- Setzung europäischer Elemente. Was man Europas Amerikanisierung nennt, hätte sich auf jeden Fall vollziehen müssen, auch wenn es die Vereinigten Staaten gar nicht gäbe. Nicht aus den amerikanischen Einflüssen, nämlich der Demokratie und der Technik, resultiert die Krise Europas. Sie ist die Krise des europäischen Lebensstiles als solchen. Einem Lebensstil, so führte der Redner aus, muß eine Idee zugrunde liegen. Die Wissenschaft hat sich als ungenügend erwiesen (׳ל*). Europa braucht einen neuen religiösen Aufschwung. Wir sollten versuchen, die materielle Uniformierung zu fördern und zugleich auch die geistige Differenzierung. Dr. Gustav Wyneken nannte Europa den Piratenkontinent, den kleinen, beweglichen, von Energie erfüllten Erdteil der Abenteuerlustigen. Charakteristikum des Europäers sei die Aktivität, die fortwährende Spannung, das Streben nach Bewußtwerdung, der individualistische Aristokratismus, der im Genialitätsbegriff gipfelt. Die Höhepunkte der europäischen Kultur waren die Antike und das kirchliche, das organisierte Christentum. Die Aufgabe des europäischen Geistes lautet heute: Abbau des Aristokratismus und ■der Sclbstvergöttening, Kultur ohne Sklaverei. Es dürfe aber darüber nicht die Er- Ziehung zur Qualität vergessen werden. Als letzter Redner sprach Professor P a n d i t T arachand Roy (Indien). Er bezeichnete das rasende Tempo unserer Zeit als die Ursache der europäischen Krise. Die Menschen seien nur mit Dingen der äußeren Wirklichkeit beschäftigt. Philosophische oder okkultistische Gespräche seien eine Seltenheit. Der Europäer findet keine Zeit, so führte der Redner aus, beschauiich zu sein und sich zu vertiefen. Er beurteilt die Mitmenschen nur nach dem Erfolg. Schuld an der Krise sei auch das gestörte Familienleben, das Gleichheitsstrcben der Frau, die nüchterne unromantische Einstellung der heutigen Jugend zur sexuellen Frage. Der Wert der Vernunft werde vom Europäer überschätzt. Der Geist dürfe nicht der Beherrscher, sondern nur der Freund des Menschen sein. Der Abend, gut und von einem Publikum mit Niveau besucht, war nicht zufriedenstellend. Dringende Zeitprobleme, wie Pazifismus und Kommunismus, wurden mit einer unzeitfemäßen philosophischen Weltfremdheit gestreift. Besonders er letzte Redner, so vielversprechend durch seine interessante Erscheinung und sein temperamentvolles Auftreten, war eine Enttäuschung. Es hätte gerade vom jüdischen Standpunkt aus soviel bedeutet, moderne Verständigungswege von Orient zu Okzident aufgezeigt zu sehen. Aber was man zu hören bekam, war nackter, bloßer Konservatismus. Klara Blum. Oskar Baum: Bas Geheimnis der ]Odischen Energie Im Gartensaal des Logenhauses, Kleiststraße, sprach Oskar Baum im Rahmen der Veranstaltungen der B.Z.V. über das Geheimnis der jüdischen Energie. Bei seinem Vortrag, der seherisch und klar war, vor diesen von Geist durchleuchteten Zügen und diesen aus lebendigstem geistigen Erlebnis strömenden Worten vergaß man völlig, daß dieser begeisterte Künstlermensch selbst ein Beispiel ist für diese jüdische Energie, daß es eigenes Erleben war, wenn er davon spricht, daß diese Energie, das geistige Vorwärtsstreben eingeborene Veranlagung ist, wenn auch das jahrhundertelange gefahrvolle Leben der Juden nicht wenig zur Stählung dieser Anlage beigetragen hat. Der Jude lebte fast ständig am Rande der Vernichtung, daher kommt seine Hast, daher kommt seine empfindliche Witterung der Gefahr, seine natürliche Sendung als ״Reisender in Volksbefreiung, in Menschheitsbeglückung'‘. Oskar Baum schürft sehr tief. Er nennt die jüdische Energie einen Teil der großen asiafischen Willenswunder, nur daß der Asiate seine Energie diszipliniert hat. Die jüdische Energie ist ohne Disziplin, sie entspringt dem Gefühl. Die jüdische Energie resultiert nämlich zum Teil auch aus der Angst: Angst vor der Not, Angst, in Not und Elend zu kommen inmitten einer feindlichen Umwelt, daher das Mehr, der Ueberwert, denn mehr Energie als die übrige Menschheit hat der Jude keineswegs mitbekommen, nur andersgeartete. Die Gefühlsverschiedenheit des aktiven und passiven Gottvertrauens kommt daher. Der Jude hat den ״tragischen Instinkt“, er ist aktiv, empfindet sich selbst als einen Teil Gottes. Der Germane leuchtet ruhig und gleichmäßig, der Jude verbrennt im eigenen Feuer. Er nennt als Beispiel Gustav Mahler und Richard Strauß. Die jüdische Energie hat, wie jede Energie, ihre Wurzel in der Gegensätzlichkeit. Oskar Baum sagt das so dichterisch herrlich, daß ich seine eigenen Worte wiederholen will: ״Das Eis des Verstandes und das Feuer des Temperament es sind die Gegensätzlichkeiten des jüdischen Volks- Charakters. Die Flamme schlägt hoch und bringt die. Eishülle zum Schmelzen, sie hält die Form..., Ekstase bei klarem Verstand.“ Nach diesem einigermaßen abstrakten Teil wurde Oskar Baum sehr konkret. Er wandte sich gegen die lauen Juden, gegen die Vertreter des Wortes, ״man kann auch ein guter Jude sein, selbst wenn man konfessionslos wird, cs genügt, wenn man“ sich freut, daß der und der Uebeltäter zum Glück kein Jude ist. Er meint, daß diese Juden wohl den Preis kennen, nämlich die vielen Hindernisse, die sie ihr Judentum als Last empfinden lassen, daß sie aber nicht den Wert dieses Judentums kennen, und daß es deshalb schon allein das praktisch richtige wäre, wenn sie sich für eineu so teuren Preis das richtige aktive Judentum erkauften. Nicht Distanz und Anerkennung genügt, sondern Mitarbeit. Die gehaltvollen Ausfiihrangen lohnte reicher Beifall. Ruth Morold. Granowski bleibt in Berlin Der ״Montag-Morgen“ weiß Nachstehendes zu berichten: Von unterrichteter Seite erfahren wir, daß der erfolgreiche Direktor und Regisseur des Moskauer Jüdisch-Akadcmischen Theaters, Granowski, sich dauernd in Berlin mederlassen will. Ein schwerer Konflikt mit der Sowjetregierung, der während seines erfolgreichen Gastspiels in Berlin und Paris entstanden ist, hat Granowski die Rückkehr nach Sowjetrufiland unmöglich gemacht. Granowski hat bereits Verhandlungen eingeleitet, um in Berlin ein neues Theater zu gründen. Er wird anfangs deutsche Stücke in seiner Inszenierung zur Aufführung bringen. Die Granowski-Btihne, die in der Tat als politisches Propagandamittel für die Kommunisten völlig unbrauchbar ist, war bereits seit längerer Zeit schärfsten Angriffen der radikalen Richtung in der Sowjetpresse und den Moskauer Kunstinstanzen ausgesetzt. Seine Erfolge in Westeuropa scheinen Granowski noch ״verdächtiger“ gemacht zu haben. Vor einigen Wochen wurde Granowski aufgefordert, sein Gastspiel abzubrechen und nach Moskau zurückzukehren. Unter schweren materiellen Opfern, die sein Unternehmen in Berlin in ernste Verlegenheit brachten, mußte Granowski auf ein Gastspiel in New York, das bereits vertraglich vereinbart war, verzichten. Nachdem Granowski sich allen Wünschen der Sowjetregierung unterworfen hatte, wurde ihm jetzt durch einen besonderen Beauftragten, Herrn Paladnik, die Mitteilung gemacht, daß die Sowjetregierung beschlossen habe, die staatlichen Subventionen für das Theater einzustellen. Die Erhaltung eines Theaters ohne Subventionen ist gegenwärtig in Sowjetrußland unmöglich. Granowski sieht infolgedessen keine Möglichkeit, seine künstlerische Arbeit in Moskau fortzusetzen. Er hat sich entschlossen, in Berlin zu bleiben und hier ein Theater zu gründen. Mit Granowski werden auch seine hervorragendsten Darsteller, S u s k i n und Michoels, nicht mehr nach Sowjetrußland zurückkehren. * Mit Bezug auf das Verhältnis von Granowski zur Sowjetregierung wird uns noch aus Wien mitgeteilt, daß während des dortigen Gastspieles des Jüdisch-Akademischen Theaters der Konflikt zwischen Granowski und Moskau sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befand. Das Jüdisch-Akademische Theater sagte in Wien, nachdem der Besuch am ersten Rosch Haschanah-Abend äußerst gering war, die Vorstellung am zweiten Tage ab. Daraufhin wurde das Theater telegraphisch von Moskau aufgefordert-, am KolNidre-Abend zu spielen. Wohl oder übel mußte Granowski gehorchen, obwohl keine Zuschauer erwartet werden konnten. Uns will es scheinen, als ob der Moskauer Jewsekzia das Jüdisch-Akademische Theater wegen des natürlichen jüdischen Bewußtseins vieler seiner Mitglieder verdächtig geworden sei. Daher die unversöhnliehe und rücksichtslose Behandlung dieses hervorragenden Kunstinstituts. Ernst Klippel: Wanderungen Im Heiligen Lande. Hochweg- Verlag. 15. M. Der Erbauer der jetzt als Regierungsgebäude dienenden Augusie-Viktoria-Sfiftung in Jerusalem erzählt in diesem Buche ״des Geschehens und Erlebens“ im wesentlichen von den Christliehen und mohammedanischen Heiligtümern Palästinas. Die ersten hat er während seiner Bautätigkeit kennen gelernt, die anderen bei einer Reise durchs Land, die er 15 Jahre später als mohammedanischer Pilger verkleidet unternehmen konnte, nachdem er die dazwischenliegende, in Kairo verbrachte Zeit zum Studium des Arabischen und der islamischen Volkssitten benutzt hatte. Dank dieser Vorbereitung interessiert er sich für die Sitten und Bräuche der palästinensischen Araber und die davon handelnden Partien sind meist interessant, manchmal lehrreich. Sonst aber legitimieren weder Auge noch Sprache den Autor, dieses Buch geschrieben haben zu dürfen. Er sieht das Land unter einem ganz engen Gesichtswinkel und greift, statt zu schauen und aas Einzelne im Ganzen verbunden zu sehen, wie es ist, auf die Geschichte zurück; nicht das Land, die Geschichte des christlichen Palästina ist es, die er betrachtet und das in keineswegs irgendwie zureichender Darstellungsweise. Von Juden wird im Buche fast nicht geredet, wo ihrer Erwähnung geschiebt, diktiert der Haß die Rede. Zum Beispiel: die ״Philister- Städte“, heute kleine Dörfer, werden kurz, aber mit nur historisierendem Pathos beschrieben; dann heißt es: ״Auf den Besuch der fünften Philisterstadt Ekron konnten wir um so eher verzichten, als von ihr kaum noch Spuren von Ruinen sichtbar sind, während die dort eingenistete (!) Judenkolonie keine Anteilnahme in uns aufkommen ließ“ (von mir gesperrt). Dieser Satz allein richtet das Buch und seinen Autor. Alles in allem ein Buch, das nicht der Fülle der Schöpferlust und des Könnens entstammt, sondern dem Ressentiment. Es wird auch unter nichtjüdischen Lesern und auch solchen, die dem Autor politisch nahestehen, kaum viele Freunde finden. M. Spitzer. Cassel, Theoretische Sozialökonomie, 4. Auflage, Deichertsehe Verlagsbuchhandlung Dr. W. Stoll, Leipzig 1927. Kaum ein Lehrbuch der Nationalökonomie dürfte in den letzten Jahren mehr Verbreitung gefunden haben ah das nunmehr in neuer Auflage vorliegende und um ein fünftes Buch, den internationalen Handel betreffend, erweiterte Lehrbuch von Cassel. Das über 600 Seiten starke Werk gibt ein geschlossenes System der Nationalökonomie. Sein Angelpunkt ist das ״Prinzip der Knapphei t“. Sein Kernstück die auf diesem Prinzip aufgebaute und an Stelle einer Wertlehre getretene umfassende P r e i s 1 e h r e. Hat Cassel auch in Manchem und nicht Unwesentlichem Vorläufer gehabt, so ist er doch eigentlich zum Begründer einer ganzen theoretischen Schule und zum Vorbild insbesondere auch für theoretisierende Praktiker geworden. Trotz allem aber muß gesagt werden, daß gerade wichtige Punkte, solche, auf die es Cassel besonders ankommt, nicht ohne weiteres als Erklämng des Wert- und Preisproblems anerkannt werden können. Mit Recht kann wohl gerade die Grenznutzenschule Cassels Prinzip der Knappheit entgegentreten. Dr. F. M. Verlegung der ,,Ziko“ nach Palästina. Am 26. Oktober erschien die ״Zionistische Korrespondenz“ in Berlin zum letzten Male. Die nächste Nummer wird bereits in Jerusalem erscheinen, und zwar am 1. November. Alle Zuschriften an Administration oder Redaktion der ״Zionistischen Korrespondenz“ sind in Zukunft zu richten an die Adresse: ״Zionistische Korrespondenz“, c 'o Keren Hajessod, Head Office, Jerusalem, P. O. B. 731. Warschau, 26. Oktober. (J.T. A.) ln Wilna bildete sich ein Komitee zur Vorbereitung der. Herausgabe einer hebräischen Tageszeitung unter dem Namen ״Hasman“ und unter der Redaktion des hebräischen Publizisten C i t r 0 n. Der aus Galizien stammende jüdische Maler Leopold Gottlieb erhielt vom französischen Senat den Auftrag, die Portraits mehrerer Staatsmänner und Gelehrter Frankreichs zu malen, so u. a. Briand, Paul Boncour, Clemenceau, Herriot, Poincare, Painleve, Henri de Jouvenel, Prof. Langevin, Henri Bergson und Marschall Foch. Soeben ist in London die erste Nummer von ״The M o n t h 1 y Pioneer“ erschienen, die der Förderung Palästinas gewidmet ist. Sie enthält Beiträge von Sir Alfred Mond, Colonel Wedgwood, Pinchas Rutenberg, Leon Simon, Prof. S. Brodetsky. Jerusalem, 26. Oktober. (J. T. A.) Bei Aufräumungsarbeiten gelegentlich eines Brandes in der Wohnung des verstorbenen hebräischen Sprachforschers Ben Jehuda, Verfassers des Thesaurus Ben Jehuda, wurden viele Hunderte von Briefen Ben Jehudas an jüdische Gelehrte und Schriftsteller aufgefunden, die man bis jetzt vernichtet geglaubt hatte. Der Inhalt der Briefe ist sehr interessant und aufschlußreich. Vortage geblieben sei, wie es auch der ruhenden und streichenden Hand des Alten nicht standgehaiten habe und der Knabe in gesundem Schlaf liege. Sie nötigte den Mann in den Nebenraum, dem Helfer zu danken, der lächelnd abwehrte. Solch einem Kind gesund werden helfen, meinte er, sei Freude mehr als Arbeit, da die weichen und beweglichen Kräfte וו0זי selber auf den Weg der Genesung sich zögen, wenn er nur eröffnet sei. Er kenne schwerere Hülfe, daran er oft verzage, wenn der Kranke in sein Uebel mit den verhärteten Kräften des Erwachsenen verklemmt sei und selber der Heilung grollend sich \vri~ere. Da möge denn zwischen dem ersten heilsamen Berühren und der Genesung Fremdheit, Kampf und ein Lauf unheilvoller Jahre sich hinziehen und gar, wenn es doch komme, für Menschc^uigen das Heil nicht mehr sichtbar sein unter der Verwüstung. V. Kapitel Zwei Tage vergingen, an denen morgens das Gebet des Alten durch die dünne Wand hin Frieden und Licht in Naftalis Halbschlaf, dunkle Schauer in sein Erwachen goß. Als am Mittag des zweiten das Kind, ohne Fieber und klaren Blickes, wieder kräftige Nahrung begehrte, sagte Abraham seine Abreise für den kommenden Morgen ״n. l.'aftali wanderte einsam in seinem Zimmer und grübelte, was nun zu tun sei, hundert Pläne entwerfend und verwerfend, da verlangten zwei Fremde zu ihm, die überraschende Kunde brachten. Der Rabbi der großen, fernen Gemeinde Frankfurt am Main war verstorben, und die Vorsteher der Gemeinde wünschten Naftali Hakohen zu seinem Nachfolger zu machen. Ehe der öffentliche Ruf an ihn erging, ließen sie mm seine Meinung erfragen. Die war in Naftalis ehrfrohem Sinne sogleich entschieden, und nur, um sich nicht allzu wohlfeil zu zeigen, lud er die Boten, einige Tage, bis er alles wohl erwogen habe, seine Gäste zu sein. Eilig teilte er der Frau die gute Nachricht mit und malte sich nun, zwischen Gesprächen oder allein, die neue Würde und Arbeit in behaglicher Erregung aus, bis in den Schlaf der Nacht. Aber als in der Frühe die betende Stimme ihn weckte, da griff ihm ein jäher Schrecken vor unersetzlichem Verlust würgend an die Kehle. Ausgetrunken und einverleibt werden mußte das Heil aus jenem tönenden Gefäß, ehe es ins Ferne entrückt war und vielleicht in der Entrückung zerbrach und der kostbare Trank in die fühllose Erde verlief. In irrer Hast warf der Reiter die Kleider sich an und stand bei den letzten Worten des Gebets vor dem unbekümmert aussingenden Gaste. Dessen stilles Endigen seines Dienstes machte den Wirt scheuer und gehaltener, so daß, was erst als Forderung aus seinen Lippen stürzen wollte, als Bitte hervorkam: Abraham möge noch bleiben; da er nun so viel für Naftali getan habe, möge er ihm, der nun bald das Land verlassen werde, auch die Kunst geben, wenn der Helfer nicht mehr erreichbar sei, selber sich und Andern zu helfen; er möge ihn seine Macht, zu heilen, möge ihn allen Zauber, dessen er kundig sei, lehren; einen würdiger vorbereiteten Schüler werde er nicht leicht finden, und was sei all sein Können endlich nütze, wenn ers nicht Einem überliefere, der nach ihm es fortübe. Der Alte hatte in seiner versunkenen Art zugehört, nun hob er aus langer Stille beide Arme in der Bewegung schmerzlichen Bedauerns und einen Blick innigen Mitleidens gegen den Bittenden. Sehr leise, die Hände, als beschwöre er auch den Andern leise zu sein, flach und mit Zittern senkend, brachte er ein vielfaches ״nicht, nicht“ hervor, schüttelte den weißen Kopf, sah von nahe in Naftalis Augen und wiederholte nur ״nicht, nicht“. Dann wandte er sich zum Fenster und schien mit Anstrengung da draußen etwas erspähen zu wollen. Naftali ergriff eine dunkle Starrheit wie einmal als Knaben, da er eins seiner Tiere, das abseits ging, hart mit dem Steine getroffen hatte und ein unergründlicher Blick aus dem Rinderhaupt ihn angekommen war; als der Blick Abrahams von ihm ließ, war das Auge jenes Tieres auf ihm und ließ sein Inneres in Angst erkalten. Mit Trotz aber richtete er sich nun auf, drehte den Schlüssel in der Türe um und sprach zu dem abgewandten Alten, er möge nun wollen oder nicht, hier komme er nicht fort, er gäbe denn zuvor sein Geheimnis her. Nicht dazu habe er, Naftali, Jahre in Qualen geforscht und bis an die Grenze menschlicher Kraft sich gemüht, um nun, da das immer noch fehlende, krönende Wissen des Wissens ihm greifbar nahe sei, es den Händen willig entgleiten zu lassen. Da drehte der Gast sich um und sagte mit spottlosem Ernst, Naftali könne ruhig offen lassen; er gebe sich also gefangen und verspreche, zu bleiben, solange der Dränger ihn halten wolle. Der Gewalt widerstrebe er nicht, aber sie werde auch nichts an ihm gewinnen. ״Was ich weiß,“ fuhr er fort, ״mögt Ihr alles hören, aber Ihr wißt mehr, und was frommt Euch mein Weniges? Was ich kann, hat mich keiner gelehrt, wers denn nach mir können soll, dem wird es gegeben werden wie mir.“ Und fast zärtlich schloß er: ״Vergeßt es, Freund, vergeßt einmal alles, was Ihr wo! t. Ihr bedrängt nicht mich allein, den Herrn der Gabe aber, wenn er kommt, wenn er scheidet, fangen Tür und Riegel nicht.“ Von all dieser Rede hatte Naftali nur vernommen, daß seine Forderung erfüllt werde; in der Lust daran versank ihm das Weitere. Um so größer war denn bald die Enttäuschung. Wo der Fehler liege, der die alten Weisungen zu magischer Kunst in Naftalis Hand und Mund unwirksam hatte bleiben lassen, wußte auch der Maggid nicht zu zeigen, noch schien er überhaupt tieferes Studium an sie gewandt zu haben. Lasen die beiden miteinander, so versuchte wohl der Jüngere durch eine plötzliche, wie selbstverständlich getane Frage nach geheimer Bedeutung des Worts dem Alten ein verstecktes Wissen zu entlocken. Der konnte dann mit dem Stuhl weit fortrücken, listig blinzeln aus dem in Fältchen zergangenen Gesicht, mit dem Finger drohen und lachen, aber rasch wieder ernst, ja traurig werden, den Jüngeren mißbilligend aus zurückfahrendem Kopf unter strengen Brauen anschauen, mit einem kurzen ״ä“ und einem Handstrich übern Tisch den Versuch wegwischen und befehlend mit dem Zeigefinger aufs folgende Wort pochen. Befragt, auf welche Art er heile und Fieber herabdrücke, setzte er wohl mit nachdenklichem Gesicht und einem Anheben des Arms ins Ungefähre zur Rede an, schüttelte aber bald den Kopf und meinte, das müsse man in den Fingern haben und nur recht dabei sein. Ob er denn von Zauberwort1;!•״nd -Zeichen nichts halte? Das wolle er nicht sagen,’ein Anderer möge sich damit helfen oder schaden können; er verstehe sich darauf nicht. (Fortsetzung folgt.)

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