Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1928)
- Date
- 1928-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 30. Oktober 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Ein zionistisches Romanprojekt Zolas (Mit Benutzung unveröffentlichter Quellen.) Von Dr. Artur Rosenberg (Paris). Es ist bekannt, wie Zola seine Romane schrieb: reit wissenschaftlicher Methodik sammelte er Materialien, in unmittelbarer Bcriihung mit seinem Milieu zeichnete er tausenderlei Wahrnehmungen auf, bis aus Verarbeitung dieser Quellenstudien das Werk entstand. Der Herausgeber der gegenwärtig erscheinenden Monumentalausgabe, Maurice Le Blond, der Schwiegersohn und literarische Sachwalter Zolas, entschloß sich aus einer fruchtbaren Erwägung heraus, die ungeheure Menge der Vor* arbeiten des Meisters zu prüfen, um aus dem Rohstoff, dem die gewaltige Fülle der Ideen und Gestalten Ursprung ver* dankt, das Wichtigste zu wählen und so Einblick in den Schöpfungsprozeß bieten zu können. Diese Materialien gewähren auch vom zionistischen Gesichtspunkte wertvolle neue Erkenntnisse. Zola war nicht, was man als ״philosemitisch“ bezeichnet. Mehrere seiner jüdischen Romangestalten hatten ihn sogar in den Ruf eines Gegners des Judentums gebracht. Vielleicht nicht mit Unrecht. Erst als Zola das Lügenspiel durchschaut hatte, mit dem Dreyfus zum ״jüdischen Landesverräter“ gestempelt wurde, erst als er erkannt hatte, wie damit jüdische Kollektivität getroffen und Menschenrecht vergewaltigt werden sollte, fühlte er sich dem Judentum verbunden. Jetzt erwachte sein Gefühl. Mit der ihm eigenen Schwerfälligkeit und Beharrlichkeit machte er nicht halt. Dreyfus war ihm nicht Einzelschicksal, war ihm Schicksal jüdischer Volkheit. Er begnügte sich5 nicht, es zu beobachten und zu gestalten, auch nicht damit, für den Augenblick abwehrertd einzugreifen, er wollte mit dem Grundsätzlichen und Allgemeinen sich auseinandersetzen, um den Weg zu Besserung und Abhilfe zu finden. Folgerichtig führte ihn dieses Streben zum Zionismus. Die jüdische Frage, die für ihn wie keine zweite alle Probleme der Rechtbeziehungen des Einzelnen zu seiner Umweit in sich beschloß, verband sich für ihn mit der Frage des Rechtes schlechthin, des Rechtes des Einzelnen, der Klassen und Völker, jener Frage, die ihm Wesen aller Dinge bedeutete. Der Klarsetzung dieses Rechtes diente sein Kampf um ״Verite et Justice“, um Wahrheit und Gerechtigkeif, dieser beiden Begriffe, die seine Ideenwelt beherrschten. Das jüdische Problem, das am tiefsten an die für ihn geltenden Kernfragen rührt, sollte, projiziert auf Allmenschliches, Abschluß und Krönung seines Lebenswerkes bilden. Tiefer Sinn liegt in diesem Vorhaben. Schon in dem ersten Brief, in dem Zola, noch mitten im Kampf um die Rehabilitierung Dreyfus’ stehend, von der Absicht einer literarischen Bearbeitung der Affäre spricht, kündigt er dieses Werk als zusammenfassende Rückschau, als letzten Ausdruck *einer Lebensarbeit an. Am 26. März 1899 schreibt Zola aus dem englischen Exil an Theodore Duret: ״Sie haben recht mit Ihrer Behauptung, daß der Kampf bis zum Ende ein erbitterter bleiben wird und daß die Gefahr einer Niederlage, auch wenn wir schließlich siegen, doch bis zum letzten Augenblick fortbesteht. Mit Recht weisen Sie auf die gewaltige Macht hin, die die Reaktion gegen uns ins Treffen führt. Ganze Tage sinne ich darüber nach, da ich doch anderes nicht zu tun habe als nachzusinnen. Es ist die schwerste Krise, die das Land je durchgemacht hat; ja die Behauptung ist berechtigt, daß das Geschick der künftigen Generationen sich jetzt entscheidet. Ich bin nicht allein persönlich mit den gegenwärtigen Ereignissen verbunden, sie beschäftigen mich auch als Schriftsteller; aus ihnen will ich den Stoff für ein Werk schöpfen, mit dem ich meine Lebensarbeit krönen möchte. Gleichsam als Vermächtnis soll es meine Gedanken über ״Wahrheit und Recht (Verite et Justice) zum Ausdruck bringen“. Drei Jahre später lag ״Verite“, der erste Teil des großen Werkes beendet vor. Im Lehrer Simon ist nicht allein Dreyfus, ist ganz allgemein jüdisches Schicksal gestaltet. — Nun sollte die Arbeit am zweiten Teil, an ״Justice“ beginnen. Nach der Darsteilung jüdischer Not in ״Verite“ sollte hier der Weg innerer und äußerer Befreiung gewiesen werden. Zola sah diesen Weg in einem neu sich erhebenden Palästina, das er in ״Justice“ erstehen lassen wollte. Ihm verband sich aber jüdische Erneuerung mit allmenschlicher; Recht, das Heilmittel jüdischer Not, war auch die Rettung der Menschheit. Das Stärkste, was Zola zu geben hatte, sollte hier Ausdruck finden: sein Glaube an die unbedingte Macht des Rechts, seine Ueberzeugung von der aufbauenden Kraft, die in rein verstandesmäßiger Erkenntnis menschlicher Schicksalsgemeinschaff liegt (ein Begriff, der in seiner heute soviel verwendeten Bedeutung bei ihm vielleicht zuerst lebendig war), — mit anderen Worten die Ablehnung des Egoismus, der in Uebermacht oder Ohnmacht seine Wurzel hat. Aus Rationellem heraus entsteht bei ihm ein Ethos des Rechtes, das seinen Platz in der Mitte hält zwischen triebhaftem Ethos der Macht und triebhaftem Ethos der Liebe. Im Juli 1902 hatte Zola die letzte Hand an ״Verite“ gelegt. Seiner Arbeitsweise entsprechend sollte sofort die Beschäftigung mit ״Justice“ sich anschließen. Schon erwog er den Plan für eine Reise nach Palästina, die ihm Kenntnis des Milieus verschaffen sollte. Da erlag er plötzlich, mitten in Arbeit und Plänen, einer Kohlengasvergiftung, die durch die schlechte Ventilation des Kamins in seinem Schlafzimmer verursacht worden war. Was von dem Werk zurückblieb, mit dem Zola sein Schaffen krönen und dem Zionismus ein literarisches Denkmal setzen wollte, sind ein paar Aufzeichnungen, ein paar Bernerkungen zu Le Blond. Erschütternd wirkt an den Notizen die ungeheure visionäre Voraussicht, mit der Zola hier jüdische Zukunft an Probleme allgemein menschlichen Fortschrittes geknüpft hat: ״Menschheit über dem Volksgedanken.. Vereinigte Staaten von Europa .. Bund aller Völker .. Rassenfrage.. Dann der ewige Friede. Problem kann vorläufig auf allgemeine Abrüstung beschränkt werden. Das Wort Justice soll den Sinn annehmen: menschliche Schicksalsgemeinschaft als Mittel für das allgemeine Heil als Ziel.“ — Schon die Wiedergabe dieser wenigen Zeilen aus den schlagwortartigen Aufzeichnungen zeigt, wie hier mit seltener visionärer Kraft vorausgesehen ist, was die nächste Generation in so hohem Maße beschäftigen sollte. Bewußt sagt Zola auch an anderer Sülle dieser Notizen: ״Ich will damit das kommende Jahrhundert einleiten.“ Wenn das große Vorhaben auch nur wenige Spuren zurückließ, so kann doch der zionistisch Empfindende nicht ohne Ergriffenheit davon Kenntnis nehmen, daß einer der größten Schriftsteller des Jahrhunderts als Gipfel und Abschluß seines Werkes die Verwirklichung zionistischen Strebens gestalten wollte, daß hier ein Dichter, der wie wenige auch Seher der Zukunft war, schon in den ersten bescheidenen Anfängen der zionistischen Bewegung die befreiende Kraft des Gedankens so stark empfunden hatte, daß er in ihm die Lösung der jüdischen Frage finden wollte. Jüdische Musik in der Schule der Jugend. In der Schule der Jugend soll die jüdische M u 5 i k von ihren Anfängen bis zur jüngsten Gegenwart — besonder* aber das Volkslied in seinen charakteristischen und \italste11 Exemplaren der jüdischen Jugend in sachlicher und lebendiger Form nahegebracht und ihre begrenzte und zufällige Kenntnis und Auffassting dieses Wescnsgebictcs erweitert werden, —• was auch gerade für das hündische Lehen besonders wesentlich ist. Es ist zu hoffen, daß an tlioser Stelle» ein Zentrum jad i s c 11 e r Musik entstehen wird, geschaffen von einer Jug״nd, die ihre Intensität in dieser Richtung bisher nicht in adäquater Form auswirken konnte. Unsere nächste Beilage ״Von jüdischer Musik“, die demnächst erscheint, wird Näheres und Ausfuhrliehe* zu diesem Thema bringen. A. J.-L. Im Aufträge der Zionistischen Exekutive erscheint demnächst der von Lord Melchett, Dr. Frankel, Felix Warburg und Oskar Wassermann erstattete Bericht der Joint Patesline Survey Commission in deutscher und hebräischer Liebersetzung. Der Verkaufspreis wird 2,50 M. betragen. Bestellungen nimmt das Zcntralbüro der Zionistischcn Organisation in London entgegen. Die Juden in der Plastik Der Heinebuml ermöglicht uns nachstehenden V >rabdruck aus: Karl Schwarz ״Die Juden in der Kunst“. Mit 50 Bildtafeln in Tiefdruck und 0 Textbildern. — Der Heine-Bund, eine jüdische Buchgemeinde, Berlin W 57, Pallasstraße 10 11. Eine Parallelausgabe für Nichtmitgiieder des Heine-Bundes ist im Wcitverlag erschienen und durch jede Buchhandlung zu beziehen. Preis bei gleicher Ausstattung (holzfreies Papier, in Ballonleinen gebunden) S,~ RM. hau saasse l’clio fessel — dt! sollst dir kein Götzenbild machen. Das Wort vom Sinai, das strenge Verbot, vor einem Bilde niederzuknien und es anzubeten, ist die Mahnung an ein Volk, gegeben zu einer Zeit, da die alte Welt in Idolen erstarrte. Oft mußten die jüdischen Propheten den Kampf gegen den Astartekult aufnehmen und immer wieder das Volk ermahnen, nicht dem Baal, dem leibhaftigen Götzen, zu dienen, sondern die Ehrfurcht vor dem unsichtbaren, einzigen, geistigen Gotte zu pflegen. Diese Worte: ״Du sollst dir kein Götzenbild machen“ klangen aber auch weiterhin fort und wurden nur gar zu oft ängstlich und fälschlich aufgelegt, indem man vor jeder Nachbildung zurückscheute. Wenn sich auch die Anschauungen des öfteren gelockert haften und Versuche unternommen wurden, auch bildnerischen Schmuck anzufertigen, so blieb doch die Hemmung eine so allgemeine, daß wir auch be! den Juden der späteren Zeiten nur ganz ausnahmsweise eine Betätigung auf diesem Gebiete finden. Hinzu kommt die dem Juden eigentümliche mehr geistige als künstlerische Veranlagung. Die Neigung zu ausgesprochen geistiger Durchdringung aller Erscheinungen, das mystische Denken und die intellektuelle Spekulation mußten ihn notgedrungenerweise von der Anschauungs- und Empfindungswe’t fernlialten, die in dem Erlebnis der Form rhythmische Harmonie empfindet. Ein Weiteres kommt hinzu. Der Jude als Orientale tritt den künstlerischen Erscheinungen mit einem sinnlichen Gefühl {gegenüber, das sich zunächst in großer Farbenfreudigkeit ausdrückt. Der jüdische Miniator geht nicht von dem Rhvthmus der Linie ans, sondern findet in der Ausmalung der Bilddar- Stellungen seine Freude und sein Genüge. Dort, wo es angängig ist, werden, wie wir gesehen haben, die Synagogen, farbig ausgestaltet, und zwar so, daß man die Fläche über und über mit grellen Farben bedeckt. Man schmückt das Gotteshaus, indem man die prominenten Stellen mit bunten Stickereien behängt. Man gestaltet den Raum feierlich, indem man in ihm viele Lichter entzündet, versteht es aber nicht, ihm durch Form׳ und Gestalt ein besonderes Aussehen zu geben. Man rückt die Gegenstände wahllos zusammen, durchschncidet das Innere mit Säulen und Pilastern selbst auf Kosten der Zertrümmerung der Raumwirkung, macht aus dem erhöhten Mittelpunkte des Almemor keinen ruhigen Zentralpunkt, sondern läßt auch hier eine mehr farbige und unruhige, meistens ganz willkürliche Form walten, die durchaus nichts mit architektonischem Gefühle zu tun hat. Dort, wo das Formgestalten sich am ehesten hätte entwickeln können, wird überhaupt nicht der Versuch gemacht, das Tektonische und Plastische zum Ausdruck zu bringen. Auch in der Friedhofskunst sehen wir, daß die strengen Formen nur selten verwendet werden, hingegen eine künstlerisch-plastische Ausschmückung der Steine in dem Augenblick mit besonderer Hingabe gepflegt wird, da das Malerisch-Krause des Barock in den Vordergrund tritt. Die plastische Darstellung des Reliefs, oftmals von so bezaubernder Innigkeit des Gedankens getragen, genügt nicht, man wendet vielmehr auch hier noch obendrein die Farbe an und überzieht Grabsteine, besonders in den bildliehen Teilen, mit einer grellen Buntheit. Rhythmus und Form, die absolute Kunst, die, allem Spekulativen und Gedanklichen fern, das reine Kunsterlebnis bedeutet, das harmonische Klingen, das die Erscheinungen in das geheimnisvolle Auf und Ab von Licht und Schatten hüllt, dieses Problem des Nichtgeistigen, sondern Erfühlet« der Daseinswelt lag dem Juden genau so fern, wie sich die geistigen Restrebungen von Zion von denen der Akropolis in Athen schieden. Man hat nicht mit Unrecht den Satz geprägt, der Jude höre mit den Augen und sehe mit den Ohren. Das durch die Iris mitgenommene Bild wird von ihm sofort in der Werkstatt des Gehirns verarbeitet. Hier wird cs seziert, zerkleinert, analysiert und durch den ungeheuer präzise arbeitenden Organismus des Empirischen nicht nur auf seine Erscheinungsform, sondern vor allem auf seine Erscheinungsberechtigung hin geprüft. Das Gehörte wird in derselben Werkstatt in ein phantastisch-phantasicvolles Bild gewandelt und erscheint vor dem geistigen Auge als ein Irreales. Man war zu lange Der Reiter Novelle von Ludwig Straus* (Nachdruck verboten) 2. Fortsetzung. So verloren hörte er den Schritt seines Weibes draußen, ging unbewußt zur Tür, griff die Hand der Vorbeischreitenden und zog sie zurück, ins Zimmer, auf den Sessel, der dem seinen gegenüberstand. Er ließ sich nieder, nun erst ganz wach und über das eigene Tun erstaunt, und sah das gewohnte, doch unvertraute Gesicht über Tisch und Bücher weg in verwunderter Frage blicken. Worte stiegen aus seiner verschwiegenen Qual in ihm auf, aber keines wurde 1aut auf den Lippen,“ die sich suchend bewegten. Da gewahrte er, wie alle diese Worte nur um ihn selber und seine Macht kreisten, keines zwischen ihm und einem Menschen oder zwischen ihm und Gott in gemeinsamer Luft tönen konnte; gesprochen wären sie alle nur Oh‘nmacht und Scham geworden, die schon in Gedanken ihn heiß und rot werden ließ. Rund in sich beschlossen verharrte das Gesicht ihm gegenüber und wie feste Steine die braunen Augen darin unter dem straffen Scheitel. Er stand auf, strich mit der Hand über den Kopf der Frau hin, ohne ihn zu berühren, ging zur Tür, wo er einen Augenblick zögerte, und verließ sodann eiligen, harten Schrittes die Stube. Die Frau hörte ihn hinabgehen, schaute unverstehend und dunkel enttäuscht im Zimmer umher, trat ans Fenster und sah ihn im Hof das Pferd zum Ausritt satteln und zäumen. Dann ging sie zu ihren beiden Knaben, in deren Gesichtern sie dem eigenen Blick begegnete; keiner trug Züge des Vaters. — Der Reiter sandte Nachricht an Abraham, den Maggid, Rabbi Naftali Hakohen in Warschau fordere ihn auf, zu ihm zu kommen, wichtiger Unterredung halber. Wie es die herrische Botschaft erwarten ließ, lautete der Bescheid abweisend. Abraham danke für die Ehre der Einladung, seine Geschäfte hielten ihn jedoch ab, ihr zu folgen. Führe sein Weg ihn wieder zur Hauptstadt, so werde er nicht verfehlen, Naftali aufzusuchen. Indessen ließ er ihn wissen, wo er in nächster Zeit anzutreffert sei. Selber zu Abraham hinzureisen, das freilich konnte Naftali seinem Stolz, dem er mit der Botschaft schon viel vergeben zu haben meinte, nicht abringen. Mühsam hielt er indessen Gang des Tagwerks und Haltung des Leibes ein, verrichtete Gebet und Dienst, lehrte und sprach, wie es seine Uebung war. Niemand wußte, daß er mit seinen Worten wie mit eines Fremden Rede zerfallen war, vor seinem Gebet schauderte, an seine Schrift keinen Satz mehr zu fügen vermochte. Nur die Frau, aufgeschreckt von jener wunderlichen Begegnung, sah mit Sorge das Irren seiner Augen und das Zucken seines Mundes. Während sic um die Gesundheit des Mannes bangte, erkrankte ihr der älteste Knabe, der vierjährige Nathan. Wenige Tage, an denen er morgens blaß und gleichgültig lag, abends die giftige Fieberblüte auf seinen Wangen ausschlug und er unaufhörlich redete, jammerte, lachte, eins im andern, ließen ihn so verfallen, daß er ernstlich bedroht erschien. Als die Kunst des Arztes nichts fruchtete, wurde ein zweiter hinzugezogen und endlich ein dritter von hohem Ruhm, der den Eltern eröffnete, das hinlöschende Leben des Sohns sei durch menschliche Kraft nicht wieder zu entfachen. Als er Vater und Mutter allein gelassen hatte unter dem Todesschatten dieses Bescheids, die Frau gesenkten Haupts mit bebenden Schultern stand, der Mann mit ruhlosem Schritt das Zimmer hin und wider maß, vyarf endlich Naftali im Vorbeigehen hin, Jemand habe ihm geraten, Abrahams, des Maggids, wunderbare Heilkunst anzurufen; er freilich halte nichts davon. Die Frau, sogleich zu hoffen bereit und verstehend, was der Mann von ihr wünsche, schlug vor, Abraham holen zu lassen, und verharrte gegen Naftalis verächtlichen Widerspruch solange darauf, bis er ihr, da ja nichts mehr schaden könne, freigab, zu tun, was ihr Weiberverstand für recht halte. Der erneuten Einladung weigerte der Maggid sich nicht, und schon zur Mitte des nächsten Tages sah Naftali den wohlbekannten Wagen in seinen Hof einfahren. Er ging hinab, den Ankömmling zu begrüßen, der nun stiller und mit großem Ernst erschien, war erleichtert, kein Zeichen des Wiedererkennens an ihm zu bemerken, und führte ihn in die Stube neben seinem* Arbeitszimmer, die er bewohnen sollte. Als wenig später der kranke Knabe vernahm, daß ein fremder Mann mit den Eltern bei ihm eintrat, kehrte er sich mit heftigem Schluchzen der Wand zu, durch die wechselnden Erscheinungen der Acrzte, die ihn gegriffen und behorcht und bittere Tränke ihm eingeflößt hatten, gegen jede neue Person widerwillig gemacht. Der Alte ließ sich, ohne ihn artzureden, neben dem Bette nieder und fragte die Eltern aus nach der Mci-, nung der Aerzte und dem Gang der Krankheit. Die gedämpfte Lebhaftigkeit seiner Stimme, die wie ein Hauch freundlicher Kraft wieder und wieder den Raum durchlief, zog den Knaben mählich aus seiner Abkehr herum. Erst als er mit Schluchzen geendet hatte und den Blick aus dem trünenbeströmten Gesichteben mit wohliger Neugier auf der Erscheinung des Alten wandern ließ, begegnete ihm dessen voller B'iek und lächelnder Gruß. Der Maggid unterbrach das Gespräch nicht, er hieß die Anordnungen des letzten Arztes weiter befolgen, und nach einer Weile erst nahm er die Hand des Knaben, die sich gerne gab, in seine Hände. Als Naftali am Nachmittag wieder die Krankenstube betrat, fand er Abraham am Bett, wie er dem Kind erzählte, das bleich und ernst, aber in großem Frieden ihm horchte. Naftali, dem der Alte weitersprechend zunickte, blieb nahe der Tür stehen, gebannt von der reinen Stille, welche die beiden einschloß, und mit einem unwillkürlichen Lächeln, das er aber sogleich auslöschte, da ein feiner Stich des Neides ihm ins Herz fuhr. Nach einer Weile wurden die Augen des Knaben kleiner, die Wangen röter, die Atemzüge heftiger; wie alle Tage um diese Zeit hob sich das Fieber. Abraham hörte auf zu reden, legte die Hand auf die Stirn des Kindes und winkte dem Vater zu gehen. Naftali, ohne zu zögern, gehorchte und nahm es erst wahr, als er wieder an seinem Tisch vor den Büchern saß. 111 verspätetem Trotz verbot er sich nun, noch einmal nach dem Kranken zu schauen. Am Abend kam die Mutter mit strahlenden Augen zu ihm und berichtete, wie das Fieber nicht nur unter der Höhe der