Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1928)
- Date
- 1928-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 602 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 30.X. 1928 Palästina- Chronik Von unserem Korrespondenten. AQ. Tel-Awiw, 17. Oktober 1928. Kunlerenz der ״niiaclidaih Esracblth Lcumilh“ Vor kurzem fand in Tel-Awiw die Jahreskonferenz der ״H i - t a c h d u t h E s r a c h i t h I. e 11 ra i t h“ (National-bürgerliche Vereinigung) statt. Als vor ungefähr zwei Jahren diese Organisation gegründet wurde, stand Palästina im Zeichen der ״vierten Alijah‘‘, die Zahl der mittelständischen Elemente im Lande war im starken Wachsen begriffen und die Initiatoren der neuen Vereinigung stellten es sich zur Aufgabe, die Interessen der Mittelklassen 1m Lande zu formulieren und zu vertreten. Zugleich sollte es die Aufgabe der ״Vereinigung“ sein, gegen die Arbeiterschaft — die damals einzige bedeutende organi- S i e r t e Gruppe — ein Gegengewicht zu schaffen. I)ie diesjährige Konferenz beweist, daß die ״Vereinigung“ sich ihren beiden Zielen nähert, daß es ihr nach und nach gelingt, bestimmte Kreise der Mittelklasse um sich zu konzentrieren und daß sie sich mehr und mehr als ״bürgerlich“ zu fühlen beginnt, auch insofern, als damit der Gegensatz zu proletarisch gemeint ist. ln dieser Hinsicht unterscheidet sich die ״Vereinigung“ von den verschiedenen Schattierungen der ״allgemeinen Zionisten“ im Lande, die mit Klassen m o menten nichts zu tun haben wollen und immer betonen, daß es ihnen nur darauf ankommt, in jedem Falle und unter allen Umständen die zionistischen Momente zu unterstreichen und sich durch keine Klasseninteressen zu binden. Die ״Vereinigung“ wird dagegen mehr und mehr zur Trägerin einer bestimmten Wirtscbaftsanschauung, nämlich der Privatinitiative, und tritt damit in Gegensatz zur allgemeinen Arbeiterorganisation. In den Beschlüssen der Konferenz können wir zwei Typen unterscheiden: diejenigen, die sich auf allgemeine Fragen beziehen und die heute im Lande fast auf jeder Konferenz gefaßt werden, und andererseits solche, in denen sich die spezifischen Tendenzen der ״Vereinigung“ manifestieren. Zu den allgemeinen Beschlüssen gehören Forderungen nach einem Beginn der neuen Einwanderung, Proteste gegen die Vorfälle an der Westmauer, Resolutionen zur Frage der ״K n e s s e t h J i s r a c 1“ usw. Dagegen ist die Konferenz der ״Vereinigung“ die einzige unter den Beratungen der verschiedenen Parteien in letzter Zeit gewesen, die sich vollständig für den Bericht der Survey-Commission ausgesprochen hat. Die ״Vereinigung“ hat alle Konsequenzen des Expertenberichtes sich zu eigen gemacht und damit für Palästina ein Novum geschaffen. In einem der Beschlüsse wird eine Kolonisation auf privatem Boden als wünschenswert hingestellt, d. h. also im" Gegensatz zu allen andern palästinensischen Gruppen auch die Frage der Nationalisierung des Bodens inden Hintergrund gedrängt. Freilich befindet sich unter den Beschlüssen auch eine Resolution zugunsten des K. K. L., die jedoch in einem gewissen Widerspruch zu der Förderung einer Kolonisation auf privatem Boden steht. Im allgemeinen erhält man von dieser Konferenz den Eindruck, daß sich im Land« langsam, aber zielsicher so etwas wie eine Bürgerklasse bildet und organisiert. Unter dem Gesichtspunkt, daß eine Zusammenarbeit der verschiedenen Kreise leichter sich bewerkstelligen läßt, wenn wir es mit organisierten Gruppen zu tun haben und nicht mit einer amorphen Masse, wäre das zu begrüßen. Andererseits läßt sich die Befürchtung nicht ganz von der Hand weisen, daß für die einzelnen Organisationen, die einander feindlich gegenüberstehen, die allgemeinen und gemeinsamen Interessen leicht von denen der eigenen Gruppe überschattet werden, was die Entwicklung der Wirtschaft erschweren könnte. Vielleicht werden die ״All gemeinen Zionisten“, die sich zu Chanukkah zu einer Konferenz treffen wollen, eine Art Bindeglied zwischen den Klassenorganisafionen zu bilden imstande sein. Die Exekutive ließ sich auf der Konferenz durch ihren Generalsekretär vertreten. Die Konferenz hat die Gelegenheit benutzt, um der Exekutive und in erster Reihe Sacher ihre volle Anerkennung und Dankbarkeit auszusprechen. Eröllnang der Schalen in Tel-Awiw Nachdem vor zwei Wochen die Schulen des Erziehtingsdepartements im ganzen Lande eröffnet worden sind, folgt in der nächsten Woche endlich auch Tel-Awiw. Die 13 500 Pfund, deren Garantie die Zionistische Exekutive von der Munizipalität Tel-Awiw verlangte, sind teils durch einen Budgetposten, teils durch Schulgelder in der Form eines individuell festzulegenden Beitrags sicnergestellt worden. Die Eltern, deren Kinder die Schulen besuchen, werden gegen 6000 Pfund außer der Erziehungssteuer beizutragen haben. Der Beschluß, diesen Weg einzusclifagen, ist nach großen Schwierigkeiten im Stadtrat gegen die Stimmen der Linken angenommen worden. Bei der Eintragung• der Schüler in die Listen müssen sich die Eltern schriftlich zur Zahlung des Beitrags verpflichten. Die deutsche Jagendiabrt in Palästina Die ״Jugendfahrt“ der deutschen Zionisten hat gestern das Land verlassen, nachdem sie ihr Programm gut erledigt hatte. In Jerusalem bereitete der Keren Hajcssod den Touristen einen Empfang, bei dem Miß Szold im Namen der Exekutive präsidierte. Dr. R u p p i n hielt einen umfassenden Vortrag über die Geschichte der zionistischen Kolonisation. In Haifa wurden die Mitglieder der Gesellschaft, die dem deutschen ״Zeire M i s r a c h i“ angehörten, von der Gruppe des ״Hapoel Hamisrachi“ empfangen. Der Stadtrat Tel- A w i w s hatte die Gäste in die Räume der Munizipalität geladen, um sie mit der Geschichte der ersten jüdischen Stadt bekanntzumachen. Ein von der Waadath Hatarbuth der Arbeiterorganisation vorbereitetes Fest mußte ausfallen, weil ein Teil der Gesellschaft noch vor dem Termin der Feier ffcts Land verließ. öle Polwicklung des Billonrwaldes ln der Nähe von O i n e g a r (auf Böden des Keren Kajemeth) wurde, wie erinnerlich, am Anfang dieses Jahres in Gegenwart von Lord PI um er und Lord Melchctt mit der Pflanzung eines Baifottr-Waldes begonnen. Der Umfang des ganzen Waides beträgt 1100 Dunam hügeligen Geländes, nördlich von Gincgar bei der Chaussee Haifa—Nazareth. Bisher wurden insgesamt auf einer Fläche von 200 Dunam 05 000 verschiedene Nadelbäume gepflanzt. Die Pfianzungsarbeiten wurden teilweise durch die Siedler von Ginegar, teilweise durch die Siedler einer anderen Kwuzah vorgenommen. Die Entwicklung der Bäume verläuft ausgezeichnet, und man kann damit rechnen, daß hier ein herrlicher Wald entstehen wird. In diesem Jahre werden weitere 600 Dunam bepflanzt werden. Im Laufe des Monats September wurden in Tel-Awiw 111, in Jerusalem 321 Personen als palästinensische Staatsbiirger neu eingebürgert. Jerusalem, 26. Oktober. (J. T. A) Sergeant Kaspi von der palästinensisch fransjordanischen Grenzschutzmacht hat den Offiziersrang erhalten. Er ist der erste j ü - dische Offizier dieser .Truppe. Die Vorgänge an der Klagemauer Eine Petition des moslemischen Obersten Rates Jerusalem, 26. Oktober. (J.T. A.) Der Oberste Rat der Moslems hat ein Telegramm an König Georg von England gesandt, in welchem er im Namen von Millionen Moslems in der ganzen Welt gebeten wird, dafür zu sorgen, daß mit Bezug auf die Klagemauer Gerechtigkeit geübt werde. In dem Telegramm wird daran erinnert, daß die Moslems vor 13 Jahrhunderten auch den Christen GerechtigWeit widerfahren ließen und daß der Kalif Omar eigens nach Jerusalem kam, um die heiligen Stätten des Christentums zu sichern. Es wird geklagt, daß die Juden in die Besitzverhältnisse der Omar-Moschee eingreife n. Die Moslems, heißt es zum Schluß, fürchten, daß die Regierung den status quo in einer Weise interpretieren werde, daß die verbrieften Rechte der Moslems verletzt werden. Interpellation Kenworlbys London, 25. Oktober. (J. T. A.) Oberstleutnant Kenworthy gibt bekannt, daß er bei Eröffnung des Unterhauses den Staatssekretär für die Kolonien über die Vorfälle an der Klagemauer interpellieren wird. Die Anfrage Kenworthys wird so lauten: Ist der Regierung bekannt, daß die Moslems an der Klagemauer Baukonstruktionen durchführen, und wenn ja, wie kommt es, daß die Palästina-Regierung diese Arbeiten gestattet hat, wo sie doch kurz vorher eine von den Juden vor der Klagemauer errichtete leichte Scheidewand gewaltsam entfernen ließ? Wenn die Regierung den status quo wahren will, wie kommt es dann, daß sie den Neubau über der alten Mauer nicht verbietet? Protestversammiang englischer Jaden London, 24. Oktober. (J. T. A.) In der Kingsway- Hall fand ein von der Zionistischen Organisation einberufenes großes Protestmeeting wegen der Vorfälle am Jom Kippur vor der Klagemauer und wegen des immer noch herrschenden antijüdischen Terrorismus an dieser heiligen Stätte statt. Der Riesensaai war überfüllt. Den Vorsitz führte Dr. M. D. Eder, der ungefähr ausführte: Die tiefsten religiösen Gefühle unseres Volkes sind verletzt worden, verletzt durch die Administration der Mandatarmacht. Uns britischen Juden, die Vertrauen zu ihrer Regierung haben, fällt es nicht leicht, gegen ihre Handlungen zu protestieren. Dennoch hat es die englische zionistische Föderation für notwendig gefunden, die öffentliche Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß die britische Behörde in Palästina die jüdischen religiösen Gefühle verletzt hat. Dr. Eder schilderte die historisch-rechtlichen Verhältnisse an der Kiagemauer, die den Juden stets Andachtsstätte gewesen ist, und kam zu dem Schlüsse, daß das Vorgehen der britischen Polizeibeamten nicht nur brutal, sondern auch im tiefsten Sinne ungerecht war. Wir appellieren, sagte Dr. Eder, an das britische Volk als an den Vorkämpfer für religiöse Freiheit und Toleranz, wir appellieren an das Volk, das als erstes unter den modernen Nationen unser Recht auf ein Nationalheim anerkannt hat. Nach Dr. Eder sprachen noch der Oberrabbiner des Britischen Reiches Dr. Hertz, das Mitglied der Exekutive Prof. S. Brodetsky, Rev. J. K. Goldbloom und Chefredakteur Maurice Myer. Die Resolution Zum Schluß wurde elninütig die folgende Resolution angenommen: 1. Dieses Massenmeeting der britischen Juden erhebt schärfsten Protest gegen die gotteslästerliche Handlung der Beamten, die sich der Störung des heiligen Gottesdienstes an der westlichen Tempelmauer am VenÜhnungstage schuldig gemacht haben. Die Versammlung ist zutiefst erregt über diesen Angriff auf die heiligsten jüdischen Gefühle an dem heiligsten Tage der jüdischen Religion an einer Stätte, die geheiligt ist von Gottesanbetung und Andachten unzähliger Geschlechter. 2. Die Versammlung bedauert es, daß die Palästina- Regierung den Ernst und die Auswirkungen dieser Belcidlgung gegen das Haus Israel nicht begriffen hat, sie fordert im Einklang mit dem traditionellen britischen Respekt vor religiösen Ueberzeugungen, daß ungesäumt Vorkehrungen getroffen werden zum Schutze des traditionellen jüdischen Rechtes, an der heiligsten jüdischen Stätte im Heiligen Lande zu beten. Die Versammlung fordert ferner, daß die Behörden gegenüber den jüdischen Gefühlen die gleiche Achtung hegen, wie sie dies gegenüber den Gottesdiensten und den heiligen Stätten in den anderen Religionen in Palästina tun. 3. Diese Versammlung der britischen Juden fordert im Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit als die Vertreterin der jüdischen Gefühle im Mandatsland die britische Regierung auf, gemeinsam mit der Jewish Agency als der Beschützerin aller gesetzlich begründeter Interessen Schritte zu unternehmen zur Sicherstellung der vollkommenen Freiheit der jüdischen Andacht an der westlichen Tempelmauer iür immerwährende Zeiten. London, 26. Oktober. (J. T. A.) In der Protestversammhing erzählte Oberrabbiner Dr. Hertz in seiner Ansprache ein persönliches Erlebnis an der Klagemauer in bewegten Worten. In den Passah-Tagen 1925 weilte er anläßlich der Eröffnung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Am ersten Passah-Tage nahm er an der Morgenandacht vor der Klagematter teil. Während der Musaf-Andacht vor der Klagemauer fuhr ihn ein schmutziger Araber mit seinem noch schmutzigeren Eselchen, das eine Fuhre Mist schleppte, mutwillig an. Der Führer und sein Oepann kamen bis etwa einen Fuß Entfernung an den Oraun Kaudesch heran, fast wurde Dr. Hertz, der in der Nähe des Oraun Kaudesch betete, von dem Gespann mitgerissen. Solche Szenen, wurde gesagt, wiederholen sich fast je#en Tag während der jüdischen Andacht vor der Klagematier. Unter der türkischen Herrschaft wäre so etwas tinmöglieh gewesen. Und nun zu denken, daß britische Beamte ciiien solchen Huliganismus noch ermutigen. Die Vorgänge an der Klagemauer sind ein Fleck auf der Ehre Großbritanniens. Wir verlangen von der Regierung, daß sie Recht und Gerechtigkeit schützen soll. Will die Regierung den status quo wahren, so möge sie dies auch zugunsten der Juden tun. Die Herzen von mehr als 15 Millionen Juden sind von Schmerz und Trauer erfüllt über die Ungerechtig- Reit, die dem Judentum an seiner heiligsten Stätte angetan worden ist. Der Protest des Anglo Palestiae Club London, 26. Oktober. (J. T. A.) Der Ansjo Palestine Club, dessen Protektor Lord Balf our und dessen Präsident James de Rothschild ist, hat dem Kolonialamt einen nachdrüeklichenProtest gegen die Entweihung des jüdischen Gebetes vor der Klagemauer und gegen die Verschandelung dieser historisch-religiösen Stätte durch Verbauungen übermittelt. Die Regierung wird aufgefordert, in Uebereinstimmung mit dem Geiste des Palästina-Mandates das in der ganzen Welt verehrte jüdische Denkmal vor böswilliger Entweihung zu schützen. Der Pretest Rer Agndas Jisroel London, 24. Oktober. (J. T. A.) Die politische Exekutive der Weltorganisation Agudas Jisroel und der rabbinische Rat der Agudah haben durch Herrn H. A. Goodman dem britischen Kolonialamt ein Memorandum über* reichen lassen, in welchem die Aufmerksamkeit der britischen Regierung auf die tiefe Erregung und Entrüstung hingelenkt wird, die unter der ludenschaft der ganzen Welt, in ganz besonderem Maße aber unter den streng traditionstreuen uden wegen der Störung der jüdischen Gottesandacht durch ritische Polizei'an der westlichen Tempelmauer am Versöhnungstage herrschen. Zehn Jahre nach der Balfour- Deklaration, heißt es in dem Memorandum, sind Vorfälle passiert, wie sie in der ganzen Zeit der türkischen Herrschaft nicht ihresgleichen hatten. Die Agudah schlägt vor, daß das Kolonialamt alle interessierten Parteien zu einer Konferenz einberuft, damit die Frage des Bcsitzrechtes an der Klagemauer und dem Platz vor derselben für die Zukunft geregelt wird. Die Keren Ha|essod-Kampagne In Polen Zur Einleitung der bevorstehenden Keren Hajessod-Kampagne in Polen erläßt die Exekutive der Zionistischen Organisation einen Aufruf an das polnische Judentum, der von sämtlichen Mitgliedern der Exekutive unterzeichnet ist und in dem es u. a. heißt: ״Die ganze zionistische und jüdische Welt blickt mit Ungeduld auf die Ergebnisse der Arbeit in Polen. Denn diese haben nicht nur materielle Bedeutung. Alles, was im polnischen Judentum vorgeht, hat Bedeutung für das Judentum der ganzen Welt. Im polnischen Judentum, dem national stärksten Teil des jüdischen Volkes, sind noch unerschöpfliche Quellen für die Renaissance des jüdischen Volkes und den Aufbau des jüdischen Landes vorbanden. Die polnischen Juden haben durch ihre Tatkraft, ihren Unternehmungsgeist und ihre Opferbereitschaft in Palästina viel geleistet. Sie haben ip den letzten Jahren die jüdische Bevölkerung Palästinas um 30 000 Seelen vermehrt, den jüdischen Bodenbesitz vergrößert und neue Positionen erobert. Gewiß haben sic auch schwere Enttäuschungen erlebt; viele Einwohner mußten gebrochenen Herzens das Land wieder verlassen, weil Palästina für die unerwartet große Einwanderung noch nicht vorbereitet war. Palästina steht so jetzt vor neuen außerotdentliehen Entwicklungsmöglichkeiten. ... Wir stehen vor einer Zeit, die eine neue Ein- Wanderung nach Palästina sehen wird. Diese wird wiederum in erster Reihe von Polen kommen. Solche Einwanderung muß aber vorbereitet und die Vorbcdingungen für eine großzügige schöpferische Aufbauarbeit müssen schon jetzt geschaffen werden. Denn die neuen Einwanderer sollen sofort mit Arbeit versorgt werden, sollen sofort die Möglichkeit zur Niederlassung, sollen billige Kredite zum Häuserbau, zur Gründung industrieller Unternehmungen, zur Eröffnung von Schulen, sollen medizinische Hilfe erhalten. Alles das kan« nur der Keren Hejessod, der Zentralfonds für den Aufbau Palästinas, schaffen.“ Zusammenschluß des polnischen Zionismus Lemberg, 25. Oktober. (LT.A.) Der Oberrat der pciii'lscbifctt.iliomsteHj de* iu.kdea::te*ten.1׳,Tagq1, ■in.»׳. Leml#rg, über die Frage des organisatorischen Zusammen- Schlusses der vier zionistischen Landesorganisationen Polens zu einer einheitlichen Organisation beraten hat, hat auf Grund des Referates und der Thesen von Dr. M. Hin des die folgenden Entschlüsse gefaßt: Der provisorische Oberrat der zionistischen Organisationen in Polen proklamiert die Einheit der zionistischen Organisationen in Polen als Grundlage und als Bedingung für eine schöpferische und erfolgreiche Arbeit^ im Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina und für eine Konsolidierung der Lage des polnischen Judentums. Der Zusammenschluß wird durch eine besondere Einigungskonferenz der polnischen Zionisten vollzogen werden. Aufgabe dieser Konferenz wird es auch sein, ein Programm kontinuierlicher politischer Tätigkeit aufzustellen und die Form der Wahlen der leitenden Organe nach dem Prinzip der Legitimität und der organisatorischen Disziplin festzulegen. Die Verarmung der Juden in Polen. Der provisorische zionistische Oberrat stellt in einer weiteren Resolution fest, daß die Entwicklung der Verhältnisse in Polen, insbesondere aber die herrschende Tendenz, die Rolle der Juden im Handel und im gesamten Wirtschaftsleben des Staates auszuschatten oder zu beschränken, sowie die Anwendung eines ungleichmäßigenSteuer- Systems eine Verarmung der jüdischen Bevölkerung zur Folge hat, die in der letzten Zeit katastrophale Formen angenommen hat. Der Verarmungsprozeß wird beschleunigt durch die staatliche Mbnopolisierufig einer großen Reihe ökonomischer Zweige bei gleichzeitigem Ausschluß der jüdischen Bevölkerung von der Arbeit in diesen Wirtschaftszweigen, durch Begünstigung solcher Verhältnisse, die die jüdische Bevölkerung aus dem Dorf in die Stadt drängen, wo sie keinerlei Möglichkeit für produktive Betätigung findet, ferner dadurch, daß die jüdische Bevölkerung von der Beteiligung an staatlichen Aemtern und Unternehmungen fast ausgeschlossen bleibt. Der Oberrat fordert die jüdische Repräsentanz im Sejm auf, die wirtschaftlichen Interessen der jiidischen Bevölkerung wahrzunehmen und dem drohenden Ruin entgegenzuwirken. Die polnischen Juden und das Staatsjubilium. Der Oberrat nahm schließlich die folgende Resolution an: Am 11. November wird die jüdische Bevölkerung von Polen gemeinsam mit der gesamten Bevölkerung des Landes das 10jährige Bestehen der polnischen Republik festlich begehen. Das jüdische Volk, das seit zweitausend Jahren fern seiner nationalen Heimat in Unfreiheit lebt, kann am besten das Unrecht ermessen, das Polen im Verlauf von 150 Jahren zugefügt worden ist. Das jüdische Volk freut sich darüber, daß dieses Unrecht durch den Wiederaufbau der polnischen Unabhängigkeit gutgemacht worden ist, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das polnische Volk, das die Befreiung seines Vaterlandes aus fremdem Joche der Freiheitsidee verdankt, sich bemühen wird, diese Freiheitsidee auch gegenüber dem jüdischen Volke, das noch immer auf seine Befreiung wartet, gelten zu lassen. * Die von Dr. I n s 1 e r und Dr. Ringel geführte zionistische Opposition in Galizien übersandte der Konferenz ein Memorandum, in welchem der provisorische Oberste Rat als eine Fiktion bezeichnet und gesagt wird, daß nur ein Oberrat, in welchem alle Parteien vertreten sind, das Recht hat, Beschlüsse über eine Vereinigung der Landeskomitees zu fassen.