Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1928)
- Date
- 1928-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,25 Goldmark Mit Unierhaltungs ■> Beilage JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meiaekeetrafie 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2.— Goldznark, ▼ierteljihrlich 5,75 Goldtnark. Au* «nasAbotinemveita werden in der Wihrva! dar •imtia«! Lieder berechnet- Nummer 86 | Berlin, 30. X. 1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m,b. H., Berlin W15, Mciuekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165— 70. Aas*i|Mprats1t |Mp«JtNasp*r«ülM*il• 0.30 G.-M. StelleegseeUi» an Ck-M. Aaseifaasckle■! 01•*•!•( oid Freit•( ••kaitt•(• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392 Fär 0*tUrrc<cfc: Foitrparkuinuat Wien, Konto Nr. 156OSO. Für T•«h«eh1»lownkti: P0<t«p«rk»«1en.mt Pr•(, Konto Nr. 54410. F*r P01«n! Poitiparkuanuit W»r»cb«o, Konto Nr, 1101m. RedaktionsrchluO Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט״ז מרחשון׳ תרס״ס I xxxm. Jahrg. Per Zloniamu« erstrebt fUr cla» llldlicht Wolle die ScligHimg einer dffentll<l1 ■ rechtlki« eealcHertew Helmatltte In Pallstina. ״Baseler Programm.“ Tagung der Mandatskommission Die Belsanböden Die ständige Mandatskommission des Völkerbundes trat am 26. Oktober in Genf zu ihrer 14. Tagung zusammen. Den Vorsitz führte Marquis T eodoli (Italien), der in seiner Ansprache darauf hinwies, daß die letzte Völkerbundsversammlung sich für die wirtschaftliche Gleichberechtigung in den Mandatsgebieten ausgesprochen hat. Die Mandatskommission soll sich auch diesmal mit mehreren von jüdischer und von arabischer Seite überreichten Petitionen betreffend Pal.istina befassen. Der Weltverband Agudas Jisroel hat, wie an* läßlich der früheren Tagungen, auch diesmal zw׳ei Petitionen übermittelt. Me Behandlung der Petitionen Wie verlautet, hat die Agudah bei der Mandatskom- Mission auf telegraphischem Wege um •eine weitere Vertagung der Prüfung der von ihr vorliegenden zwei Petitionen angesuclit. Diese Petitionen werden also auf der gegenwartigen Tagung der Kommission nicht zur Sprache kommen. Was die arabische Petition, die die Schaffung eines Parlaments in Palästina fordert, anbetrifft, so ist anzunehmen, daß sie ebenfalls erst auf der nächsten Tagung der Kommission (im Juni nächsten Jahres) behandelt werden wird, da die Kommission in einer so grundsätzlichen Frage sich wohl kaum ohne vorherige Fühlungnahme mit einem Regierungsvertreter für Palästina zu einer endgültigen Stellungnähme wird entschließen können. Die Petition der Zionistischen Exekutive wegen der Klagemauer war am 25. Oktober noch nicht eingetroffen. Wie uns aus London mitgeteilt wird, ist mittlerweile durch die britische Regierung als Mandatarmacht die Petition nach Genf geschickt worden. Sie wird wahrscheinlich am Mittwoch, dem 31. Oktober, zur Verhandlung gelangen. Wir werden in der Lage sein4 den Text der Petition in unserer nieteten Genf, 26- Oktober. (J. T. A.) Die Erwiderung der brifischen Regierung auf das der letzten Sitzung der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes (im Juni d. J.) vorgelegte Memorandum der Zionistischen Organisation bezüglich der Pflicht der britischen Regierung, Staats- und Brachländereien für eine zusammenhängende jüdische Siedlung in Palästina zur Verfügung zu stellen, ist soeben beim Völkerbund deponiert worden. Zu der Frage der Ansiedlung von Juden auf Staatsböden gemäß Artikel 6 des Palästina-Mandates äußert sich die brifische Regierung dahin, daß die Palästina-Regierung sich der Pflicht, die ihr Artikel 6 des Mandates auferlegt, wohl bewußt ist, und daß sie, wie es auch das Memorandum der Zionistischen Organisation anerkennt, bestrebt ist, in der Angelegenheit der Bcisanböden zu einem befriedigenden Arrangement zu kommen. Aus der Petition der Araber von Caesarea, die im vorigen Jahre überreicht worden war, kann die Mandatskommission ersehen, wie sehr die Vorkriegscinvvohner jeden Akt der Palästina-Regierung, der sich auf die Position von Staatsböden bezieht, mißtrauisch beobachten. Pflicht der Regierung ist es deshalb, die Obliegenheiten, die ihr aus Artikel 6 des Mandates erwachsen, m i t jener Vorsicht zu erfüllen, die wesentlich ist für die Erhaltung des Friedens und der Ordnung, ohne welche das jüdische Nationalheim nicht auf sicheren Fundamenten errichtet werden könne. Bezüglich der Beisanböden stellt die Regierung fest, daß eine Sonderkommission die Ansprüche, die sich auf diese Böden beziehen, prüft und hierin bereits betrachtliehe Fortschritte erzielt hat. Es wird erwogen, Einzelpersonen und Körperschaften, die sich mit der Entwicklung der Landwirtschaft befassen, in die Lage zu versetzen, von denjenigen, die auf Grund des Beisan-Abkommens den Boden innehaben, diesen Boden zu erwerben, und zwar unter den gleichen Bedingungen, unter denen ihn jene an sich gebracht haben. Die Regierung hofft, daß ein befriedigendes Ergebnis erzielt werden wird, muß aber bemerken, daß Vorsicht geboten sei, und daß die bodenarmen Elemente unter den jetzigen Inhabern von Beisanböden nicht ganz ihres Bodens verlustig gehen sollen. Bezüglich Absatz 3 des Memorandums der Zionistischen Organisation, in welchem betont wird, daß der Mangel an Kapital des Einwanderers für diesen kein Hindernis, ins Land zu kommen, sein, sondern daß die persönliche Befähigung des Siedlers den Ausschlag geben solle, erklärt die Regierungf, daß der lelteilde litnigraflöhsbeamte nach Direktiven des Oberkommissars handelt und keinerleieigenmächtige Befugnisse betreffend Einwanderer mit eigenen Mitteln besitzt. ־ Was Absatz 31 des Memorandums betrifft, wonach eine stärkere Beteiligung der Regierung an den Ausgaben für öffentliches Gesundheitswesen verlangt wird, so wird die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, daß im Regierungsbudget £ 3800 für die Vollendung des Tel- Awi.wer Hospitals, £ 2000 für dessen innere Einrichtung vorgesehen sind, daß £ 3000 im Verlauf von drei Jahren vom Tel-Awiw׳er Stadtrat aus der ihm von der Regierung zur Verfügung gestellten Anleihe beizutragen sind. Erwogen wird ferner die Schaffung einer Unterbringungs• anstalt für Geisteskranke. Das Judenelend in der ll. S. $. R. Moskau, 26. Oktober. (J.T.A.) Der Publizist B.SIutz- I k y erhebt in dem Hauptorgan der jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei, der Moskauer jüdischen Tageszeitung ״E mess“, schwere Beschuldigungen gegen die Idealen Beliörden in verschiedenen Teilen Sowjetrußlands, denen vorgeworfen wird, daß sie die Gesetze der Sowjetunion in der schimpflichsten Weise umbiegen bzw. mißbrauchen und ein grausames Regime gegen die deklassierten jüdischen Massen führen. Diese Massen ehemaliger wohlhabender Kaufleute und Gewerbetreibender wurden allmählich in einen Zustand grauenvollster Verelendung gebracht; jede Mögiichkeit, sich irgendwie ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wurde ihnen unterbunden. In den Großstädten wie in den Klein- Städten hat sich die Zahl der jüdischen Armen, die auf Unter- Stützung angewiesen sind, in ungeahnter Weise vermehrt. B. Slutzky zitiert ein ukrainisches Gesetz, wonach jede Familie, deren Oberhaupt bis Juli 1927 sich mit Handel abgegeben hat, kein Recht auf eine zwangsbewirtschaftete Wohnung hat. Das hieß also, daß die Wohnungszwangswirtschaft allen früheren Kaufleirten nicht mehr zugute kommt und diese ihre Wohnungen, die sie seit einer unzähligen Reihe von Jahren bewohnen, räumen und sich Wohnungen, die nicht der Zwangs- Wirtschaft unterliegen, neu kaufen müssen. Das Gesetz verursachte ungeheure Panik, es mußte dahin abgeändert werden, dab nur jene auf eine zwangsbewirtschaftete Wohnung keinen Anspruch haben, die noch heute dem Kaufmannsstand angehören und mindestens 3000 Rubel jährlich verdienen. Die ausführenden Organe kehrten sich nicht nach dieser verbessernden Vorschrift und vertrieben rücksichtslos unzählige frühere jüdische Kaufmannsfamilien aus ihren alten Wohnungen, obwohl die Familienoberhäupter längst nicht mehr Kauflente sind, sondern als Handwerker und Heimarbeiter sich ihr Brot verdienen oder arbeitslos sind. Ich kann aus eigener Wahrnehmung bezeugen, so schreibt Slutzky, daß z. B. in Kiew sich die Austreibungen jüdischer Familien aus ihren Wohnungen zu einer wahren Orgie der Grausamkeit ausgewachsen haben. Ausnahmslos sind Juden Opfer dieses Grauens. Die Wohnungskommissionen beugen willkürlich die Gesetze und säen Entsetzen in die Herzen der jüdischen Bevölkerung. Viele Hunderte jüdische Familien wurden durch diese Austreibungen vollkommen ruiniert. Zahlreiche Juden, die noch nicht fünf Jahre dem Arbeiterstände angehören, sind als Nichtarbeiter klassifiziert und aus ihren Wohnungen vertrieben worden. Die Fälle sind dem Gerieht übergeben worden. Die Entscheidungen der Gerichte sind noch nicht gefallen, aber die inzwischen aus ihren Wohnungen vertriebenen Familien sind an den Bettelstab gebracht worden. Der Antisemitismus in Rnfilani Riga, 26. Oktober. (J.T.A.) Aus Moskau wird berichtet, daß gemäß Verordnung des Volkskommissars für Bildung der Dekan des Veterinärinstitutes Arnoldow und die Professoren Manuilov, Winogradow und Malinsky wegen antisemitischer Agitation in der Hochschule ihrer Aemter enthoben worden sind. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind allein in M o s k a u 70 Personen, unter ihnen fünf Mitglieder der kommunistisehen Partei, wegen antisemitischer Betätigung und Propaganda abgeurteilt worden. Die ״moderaisierte“ Türkei Sofia, 25. Oktober. (J. T. A.) Von informierter Seife erhielt der j. T. A.-Vertreter in Sofia über die Lage der Juden in der Türkei nachstehenue Schilderung: Es herrsche gegen die Juden ein Ausnahmsregimc. Aus allen Staat liehen Verwaltungsbehörden seien alle Juden entfernt worden. Die Türen der Regierungshochschulen seien ihnen verschlossen. An der türkischen Universität gebe es keinen jüdischen Studenten. Weder in dem Parlament noch in den Munizipalraten seien die Juden vertreten. Die jüdischen Schulen erhalten keine Subventionen von der Regierung, man dränge ihnen vielmehr noch türkische Lehrer aut, die sie selbst zu bezahlen haben, während den jüdischen Lehrern untersagt werde, die türkische Sprache in den jüdischen Schulen zu unterrichten. Bei dem geringsten Widerstande drohe man mit der S c h 11 e - ßung der jüdischen Schulen. Die MarshaU - Konferenz Der Text der Resolutionen Int Anschluß an die nicht ganz ausreichende telegraphische Berichterstattung über den Verlauf der New Yorker Palästina- Konferenz veröffentlichen wir nachstehend den vollen Text der dort gefaßten Resolutionen und stellen die wichtigsten Etgebnisse der Konferenz zusammenfassend dar, wobei wir freilich bemerken müssen, daß wir uns vorläufig auch nur auf Kabelmeldungen stützen können. Was zunächst den allgemeinen Verlauf der Konferenz anlangt, so stimmen alle Nachrichten darin überein, daß die Stimmung eine ausgezeichnete war, und daß die Annahme der Beschlüsse in einmütigem Enthusiasmus vor sich ging. Die Konferenz war von 400 Delegierten besucht, die weiteste Schichten des amerikanischen Judentums repräsentierten. Die Reden von Dr. W e i z m a n 11, Lord M e I c 11 e 11 und anderen zionistischen Repräsentanten (unterließen einen tiefen Eindruck. Der Text der Resolutionen lautet nach den vorliegenden, vielleicht noch nicht ganz vollständigen telegraphischen Meldüngen folgendermaßen: 1. ״Die Konferenz nimmt den Bericht der Joint Palestine Survey Commission zur Kenntnis, akzeptiert und billigt ihn und erklärt, daß die Empfehlungen der Joint Palestine Survey Commission als Grundlage für die zukünftige Aktion der Nicht- Zionisten Amerikas dienen sollen, wobei jedoch davon ausgegangen wird, daß von Zeit zu Zeit voraussichtlich Umstände eintreten werden, die Aendcrungen einiger Empfehlungen des Berichtes ratsam erscheinen lassen, immer vorausgesetzt, daß für den Fall der Errichtung der erweiterten Jewish Agency diese Körperschaft die Angelegenheit so behandeln wird, daß die wirtschaftliche, geistige und kulturelle Entwicklung Palästinas dadurch am besten gefördert wird." 2, ״Die Konferenz ermächtigt Louis M a r s h a I f, ein Organisationskomitce bestehend aus sieben Mitgliedern zu ernennen, dessen Aufgabe darin bestehen soll, die nichtzionistischen Mitglieder des Council und der Exekutive der Jewish Agency, die auf die Vereinigten Staaten entfallen, zu ernennen. Dieses Organisationskomitee soll bezüglich der den Nichtzionisten anderer Länder zugcteilten Repräsentanten konsultiert werden, und zwar in Uebereinstimmung mit dem Prinzip, daß 50 0/0 der Mitglieder aus Nichtzibnisten bestehen sollen, von denen 40 »k auf die Nichtzionisten der Vereinigten Staaten entfallen sollen. Das Organisationskomitee ist ermächtigt, unverzüglich eine Organisation zu schaffen, die dazu dienen soll, die in der Resolution bezeichnten Aufgaben durchzuführen und mit der Zionistisehen Organisation und Ben verschiedenen nichtzionistischcn Körperschaften in Verbindung zu treten. Das Organisationskomitee ist ferner ermächtigt, gemeinsam mit den bevollmächtigten Vertretern der Zionistischen Welt- Organisation, alle Differenzen hinsichtlich der Interpretation, Wirkung oder Ausführung irgendwelcher Empfehlungen der Joint Palestine Survey Commission auszugleichen, die entstanden sind oder in Zukunft entstehen mögen. Das Organisations-Komitce ist in dieser Beziehung auch bevollmächtigt, die Differenzen zwischen dem Report der Joint Palestine Survey Commission und den vom Aktions-Comite der Zionistischen Organisation in seiner letzten Sitzung gemachten Vorbehalten auszugleichen.“ Soweit der Wortlaut der Resolutionen. Aus den Resolutionen geht hervor: Die Vertreter des amerikanischen nichtzionistischcn Judentums haben erneut ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit im Rahmen der erweiterten Jewish Agency erklärt. Die Konferenz hat alle ihre Rechte auf ein Siebener- Komitee delegiert, das auch befugt ist, die amerikanischen Mitglieder der leitenden Körperschaften der erweiterten Jewish Agency zu ernennen. Den Vorbehalten des Aktions-Comites gegenüber dem Bericht der Joint Palestine Survey Commission ist Rechnung getragen worden. Die Konferenz ist davon ausgegangen, daß noch vor der Errichtung der Jewish Agency die bestehenden Differenzen zwischen den vom Aktions-Comite aufgestellten Grundsätzen und dem Bericht der Joint Palestine Survey Commission ausgeglichen werden müssen. Das Siebener-Komitee hat in dieser Beziehung uneingeschränkte Verhandlungsvoümacht erhalten. Die Verhandlungen zwischen dem Siebener-Komitee und den Vertretern der Zionistischen Organisation haben sofort nach Schluß der Konferenz begonnen. Obschon über Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen zur Zeit noch keine Nachrichten vorliegen, so darf doch darauf hingewiesen werden, daß bereits die Eröffnungsrede von Louis Marshall und aucli die Aeußerungen anderer Redner auf der Konferenz den deutlichen Willen erkennen ließen, zu einer Verständigung zu gelangen. Zum Schluß mag noch auf die Bemerkungen verschiedener Redner hingewiesen werden, daß die Nichtzionisten offenbar keine Rechte in der Agency fordern könnten, wenn sie nicht einen Teil der finanziellen Verantwortung auf sich nehmen wollten. * Jerusalem, 26. Oktober. (J.T.A.) Die hebräische Presse Palästinas begrüßt einmütig die von der New Yorker Agency-Konferenz gefaßten Beschlüsse und sieht in dem Verlauf der Konferenz einen Sieg der zionistischen Bewegung. Sie unterstreicht insbesondere den Willen der Konferenz, die von der Joint Palestine Survey Commission gemachten Vorschläge mit den Beschlüssen des Zionistischen Aktions-Comites in Einklang zu bringen. F>ie Presse drückt die Hoffnung aus, daß den begeisterten Worten in New York nunmehr Taten folgen werden.