Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 598 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 85, 28. X. 1928 Eine Arbeitsgemeinschaft der europäischen Zionisten Wien, 16. Oktober. (J.T. A.) Ueber Initiative des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich fand am 14. Oktober ln Wien eine Beratung der Vertreter der mittel- und osteuropiisehen Landesorganisationen statt, um über die Vorarbeiten zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der Zionistischen Landesorganisationen Luropas zu beraten. An der Konferenz nahmen die Vertreter nachstehender Landesorganisationen teil: Jugoslavien (Ing. Rechnitzer), Kronpolen (Dr. Hindes), Oesterreich (Dr. Finkeistein, Dr. Friedmann. Professor Dr. Wilhelm Stein), Ostgalizien (Dr. Leon Reich, Dr. Rothfeid), Transsylvanien (Jambor), Tschecho- Slowakei (Dr. Franz Kahn), Westgalizien (Dr. Zimmermann, Dr. Sternhell). Von der Zionistischen Exekutive und den Landesorganisationen in Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Großrumänien, Litauen, Schweiz, Ungarn trafen Begrüßungsschreiben ein. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitecs für Oesterreich, Herr Dr. Leo Goldhammer, eröffnete die Tagung mit einer längeren Ansprache, in der er die Richtlinien der zu fründenden Arbeitsgemeinschaft erörterte. Prof. Dr. Wilhelm tein und Paul Stein, Sekretär des Zionistischen Landeskomitces, betonten in eingehenden Referaten die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der europäischen Landesorganisationen und skizzierten die organisatorischen Grundlagen sowie die Arbeitsm&glichkeiten der zu schaffenden Arbeitsgemeinschaft. Nach einer Debatte, in der sämtliche Konferenzteilnehmer ihren Standpnmkt klarierten, wurden nachstehende Resolutionen einstimmig gefaßt: 1. Die am 14. Oktober 1928 abgehaltene Konferenz der Vertreter der zionistischen Leitungen von Jugoslavien, Krönpolen, Oesterreich, Ostgalizien, Transsylvanien, Tschechoslowa- Je«!, Westgalizien begrüßen den Vorschlag zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der Zionistischen Landesorganisationen Europas. 2. Die Konferenz sieht es als eine der wichtigsten Auffaben der zu bildenden Arbeitsgemeinschaft an, die Autorität erl gewählten Instanzen der Weltorganisation sowie der Landesorganisationen anfrechtzuerhalten, und dem Geist der Disziplin als Grundlage einer jeden gesunden zionistischen Organisation zum vollen Rechte Zu verhelfen. 3. In diesem Zusammenhange betont die Konferenz die Notwendigkeit einer interterritorialen Propagandaarbeit, welche durch Austausch von Rednern sowie durch Anwendung aller moderner Methoden der Propaganda durch eine zu schaffende Zentrale im Sinne der Bestrebungen der zionistischen Gesamtexekutive betrieben werden soll. Eine Angl# ־ PalSstinenslsche Citrus-Company Mit einem Grundkapital von 60 000 Pfund, das von Londoner Geschäftsleuten gezeichnet wurde, ist hier zwecks Förderung des Pflanzungswesens in Palästina eine Anglo-Palestinlan Citrus- Company registriert worden. Einer der Direktoren der Companv, Herr F. Garden, der auch Gründer der Zementfabrik Nesher bei Haifa war, teilte der J. T. A. folgendes über das neue Unternehmen mit: Palästinensischer Geschäftsführer der Company wird Herr Smiliansky, der bekannte Fachmann für Orangenzucht, sein. Die Gesellschaft beabsichtigt den Anbau von Orangen, Tafeltrauben und Bananen. Es sollen grundsätzlich ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigt werden, von denen 30 bis 40 bereits jetzt Arbeit haben. Die anderen Direktoren der Company sind die Herren Z. Stalbow, M. Loshak, M. Raskin, J. Gulkov und J. Kestenbautn. 43581 Jaden ia Jaffa and Tel-Awiw '* Jerusalem, 21, Oktober, (J.T.A.J Laut der im vergangepen Monat ditrchgeführtcn V ol k s z ä h 1 ü n g beherbergen die Städte Jaffa und Tel-Awiw, die territorial aneinander grenzen, zusammen 43 581 jüdische Seelen, von denen fast genau die Hälfte, 21607, männlich sind. Allein in Tel-Awiw wohnen 36574 Juden, unter ihnen zwei Hundertjährige. In den beiden Südten wohnen 33 920 Aschkenasim, 6256 Sephardim und 3131 Yemenffen. Der Rficktritt Dr. Blaestoaes New York, 19. Oktober. (J.T.A.; Die Leitung der Frauen- und Mädchenorganisation Hadassah in den Vereinigten Staaten hat in ihrer letzten Sitzung das Rücktrittsgesuch des bisherigen Direktors des medizinischen Werkes der Hadassah in Palästina, Dr. E. M. Blues tone, zur Kenntnis genommen. Dr. Bluestone ist bereits vor einigen Tagen nach Amerika zurück- Bekehrt. Er hat sein Amt im Februar 1926 als Nachfolger von t. Simon Tannenbaum für eine Zeitdauer von drei Jahren angetreten. _ Am 1. Oktober ist die ״Hadassah“ in Tel-Awiw mit einem Teil ihrer Kliniken in das neue städtische Gebäude in der Balfourstraße übergesiedelt. Dr. Emil Margnlles gegen die slovakische Agnda Von unserem Berichterstatter. Brünn, 18. Oktober. Vor dem Obersten Gerichtshof als Kassationshof Brünn fand der politische Ehrenbeleidigungsprozeß der orthodoxen Rabbiner der Slovakei gegen Dr. Emil M argulles (Leitnieritz) ein überraschendes und für die Privatankläger wenig rühmliches Ende. Die Privatankläger,_ die Rabbiner Weber, Pistian, Hirschler und Modern hatten bei den Parlamentswahlen 1925 auf Wunsch von höherer Stelle, welche offen aussprach, dab sie keine jüdischen Abgeordneten wolle, um eine solche Wahl zu verhindern, auftragsgemäß eine eigene jüdische Partei gegen die jüdisch-nationale geschaffen und eine eigene jüdische Gegenliste aufgestellt, 11m die jüdischen Stimmen zu zersplittern. Die Kosten dieser Aktion wurden von dem uichtjüdischen Auttraggeber bezahlt und unter anderem 100900 Kronen bar ausgefolgt. , Das Unternehmen gelang, die jüdischen Kandidaten unterlagen. Nach den Wahlen erhob Dr. Emil Margulies gegen die Privatankläger in der Presse den Vorwurf der Käuflichkeit, des Verrats am jüdischen Volke und des Mißbrauchs des ihnen als religiösen Führern von den Massen entgegengebrachten Vertrauens. Die Rabbiner klagten auf Ehrenbcleidigung. Dr. Emil Margulies trat den Wahrheitsbeweis an. Nach durchgeführtem Verfahren sprach ihn das Landesals Strafgericht Prag frei mit der Begründung, die Annahme von Geld von nichtjüdischer Seite zu dem von dem Angeklagten behaupteten Zwecke sei erwiesen, der Angeklagte habe daher begründete Ursache gehabt, diese behaupteten Tatsachen für wahr zu halten, das Gericht habe die Ueberzeugung gewonnen, daß er die Absicht gehabt habe, mit seiner öffentlichen Kritik ein öffentliches Interesse zu wahren, und er habe auch tatsächlich im öffentlichen Interesse gehandelt. Die Privatankläger fochten dieses Urteil mit Nichtigkeits- Beschwerde an. Bei der öffentlichen Verhandlung vor dem Kassationshof zogen sie, nachdem ein von dem Vorsitzenden angeregter Vergleich an der Weigerung des Angeklagten gescheitert war, die Nichtigkeitsbeschwerde zurück. Dr. Emil Margulies ist somit rechtskräftig freigesprochen, die Anklage der Rabbiner wegen erbrachten Beweises endgültig abgewiesen und das vorzitierte Urteil mit seiner Begründung in Rechtskraft erwachsen. Vor dem Kassationshof war Dr. Margulies wie in der ersten Instanz durch Dr. Angelo Goldstein, die Rabbiner durch Dr. Welwarth vertreten. Anflsemileii-Chroiiik Die antijüdischen Ausschreitungen der ungarischen Studentenschaft in Budapest haben auch auf andere ungarische Universitätsstädte übergegriffen. In Debrczen wurde sogar der Unterrichtsmlnister Klebelsberg bei einem Versuch, die randalierenden Studenten zur Besinnung zu bringen, mit Pfuirufen empfangen. 10 jüdische Studenten wurden in Debrczen blutig geschlagen. In Budapest bestrafte die Polizei 13 Arbeiter, welche gegen die antisemitischen Studenten Stellung genommen hatten, mit empfindlichen Freiheitsstrafen. Ira Budapester Parlament gelangten die antijüdischen Ausschreitungen zur Sprache, und ein linksstehender Abgeordneter warf Regierungsbeamtcn vor, daß sie trotz loyaler Erklärungen mit den antisemitischen Studenten unter einer Decke stecken. Der ״Pestcr Lloyd“ teilt mit, daß unter den in Debrczen verletzten jüdischen Studenten sich der amerikanische Staatsbürger Martin Reiner befindet. Der verprügelte Amerikaner hat sich an sein Konsulat gewendet. י--׳..- . * In Berlin überfielen am 21. d. M. Hitlerleute in der Lothringer Straße, nachdem sic die Schaufenster eines jüdischen Geschäftes eingeschlagen hatten, mehrere jüdische Passanten. Die Exzedenten wurden von der Polizei gestellt und nach heftiger Gegenwehr gefesselt in das Polizeirevier eingeliefert. ״Wie weit sind wir in der fiddisdien Muitnr?“ Ueber dieses Thema sprach am 20. Oktober im Scholem Aleichem-KIub anläßlich der Erinnerungsfeier an die vor 20 Jahren stattgefundene Czernowitzer Konferenz der Jiddischisten der Leiter des jiddisch-wissenschaftlichen Instituts in Wilna, Dr. Max Wein reich. Er schilderte den Werdegang des Jiddischen vom Jargon zu einer in der gesamten literarischen und wissenschaftlichen Welt anerkannten Kulturspräche. Ferner legte er ausführlich die Kulturtätigkeit des Jiddischismus dar. Er erwähnte das jiddische Schuhverk, die ausgebreifete jiddische Publizistik, das große jüdische Zeitungswesen und die literarische sowie Theaterentwicklung in jiddischer Sprache. Der Tenor der Weinrcichschen Dar- Iegungen war, daß das Jiddische die Sprache des einzig zukunftsträchtigen jüdischen Standes, der Handwerker- und Arbeiterklasse, ist. In der Diskussion wiesen KI i n o f f und Gergel darauf hin, daß auch die durchaus bewunderungswerfen Fortschritte und Bestrebungen der Jiddischisten keineswegs volle Beruhigung hinsichtlich der kommenden Entwicklung der jüdischen Massen gewähren. Die Assimilation schreitet in Amerika und auch in Polen vorwärts, und die Tatsache, daß von vielen Hunderttausenden im Schulalter stehenden jüdischen Kindern in Polen höchstens 18 000 jiddische und 18 000 hebräische Schulen besuchen, ist deprimierend. Gergel verlangte Wiederaufnahme der Forderung nach tatsächlicher Durchführung vollständiger jüdisch-kuitureller Autonomie. Diese allein werde imstande sein, die Gesamtheit der jüdischen Kinder jüdischen Schulen zuzuführen. An der Diskussion beteiligten sich noch Lescbtschinsky, T s c h e r i k o \v e r und Meise I aus Warschau, ln den Reden der Jiddischisten kam zwischen den Worten der nolitische Gegensatz zum Zionismus immer wieder zum Ausdruck. Diese Einstellung, zum großen Teile eine Frucht alter Ressentiments, erscheint uns durchaus unangebracht. Man kann das zionistische Werk für vorläufig in seinem Ausmaße unansehnlich betrachten, man kann aber nicht, um mir auf die Schulfrage zu exemplifizieren, leugnen, daß allein in Palästina alle jüdischen Kinder jüdische Schulen besuchen. Der kleine palästinensische Jischuw vereinigt in seinem Schulwerk 000 מ jüdische Kinder. Die drei Millionen polnischer Juden in den jiddischen Schulen 18000. Diese Tatsache allein sollte genügen, den fundamentalen Unterschied zwischen Galuth und Palästina klarzumachen. Nur in Tel-Awiw und im Emek gibt es kein jüdisches Minderheitenproblem. Und darauf kommt es an. M. W. Palästina - Gesellschaftsreisen Der Prospekt der Keren Hajessod-Reisen im Frühjahr 1929 wird in kurzer Zeit erscheinen. Interessenten bitten wir jetzt bereits ihn beim Büro des Keren Hajessod, Berlin W 15, Meinekestraße 10, oder beim Palestine Lloyd G. m. b. H., Charlottenburg 2, Joachimsthaler Straße 38, anzufordern. Konzert Madeleine Grey aas Paris Am 29. Oktober findet im Bechsteinsaal, Linkstr. 42, abends 8 Uhr, ein Konzert von Madeleine Grey aus Paris statt. Madeleine Grev ist eine französische Jüdin, die als erste in Frankreich hebräische Lieder mit großem Erfolg zum Vortrag brachte. Auch in Berlin wird Madeleine Grey in ihrem reichhaltigen Programm, das hauptsächlich französische Lieder und Folklore umfaßt, hebräische und jüdische Lieder zum Vortrag bringen. Unter anderem wird sie den Psalm 144, ״Der Rebbele und der Gabbele“, ״Hamawdil“ und ״Meicrke“ singen. Die Sängerin wird zweifeilos besonders beim jüdischen Publikum Interesse für ihre Darbietungen hervorrufen. Die französische Kritik lobt die Kunst Maaeleine Greys in schmeichelhaften Worten. Bar Kochba. Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen des Bar Kochba findet am Sonntag, dem 28. Oktober, abends 7 Uhr in den Räumen des Logenhauses, Kieiststr. 10, ein Festbankett statt, welches die Freunde und Gönner mit den Mitgliedern des Bar Kochba vereinen soll. Mittelpunkt dieses Banketts wird ein Sketch sein, der von den Herren Dr. Hildesheimer, Gronemann, Barth und Siegfried Engel verfaßt ist. Gesangsvorträge des Herrn Lewandowski und musikalische Darbietungen des Kammermusikorchesters des Bar Kochba werden die Feier umrahmen. Karten für dieses Festessen zum Preise von 7 M. sind im Sekretariat des Bar Kochba, Heiligegeistsfr. 52, Tel.: Berolina 0919, erhältlich. JubilSumsball des Bar Kochba. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten, die der Bar Kochba anläßlich seines dreißigjährigen Bestehens veranstaltet, findet am Sonnabend; dem 3. November, in den Gesamträumen der Philharmonie, Bernburger Str. 22/24, ein Jubiläumsball statt. Aus dem Programm dieses Festes sei erwähnt, daß als Tanzkapellen u. a. Dr. Becce und die Weintraubs engagiert worden sind. In dem Kabarett, das gegen 11 Uhr in einem besonderen Saale stattfindet, wirken hervorragende Kräfte wie Käthe Erlholz, Rudolf Nelson, Leo G o 11 a n i n und Meinhard M a u r mit. Eintrittskarten (im Vorverkauf zum Preise von M. 3,—, an der Abendkasse M. 4,—) sind im Büro des Bar Kochba, Heiligegeiststraße 52, in sämtlichen Verkaufsstellen von Tietz, Bote & Bock und dem Invalidendank erhältlich. Tischbesteilung en können nur bis zum 31. Oktober im Büro des Bar Kochba erfolgen. ״Der junge David" Vorlesung Richard Beer-Hofinann. Aus dem ersten Teile seiner Triiogic ״Die Historie von .König David“ las Richard Beer-Hofmann als Gast der Frauenarbeitsgemeinschaft fiir Palästina in de, Berliner Se- Zession vor einem zahlreichen Publikum das erste Bild: ״An Rahels Grab“. David ist vor dem Haß König Sauls zu den Philästern entflohen, und deren König Achisch hat ihm die Stadt Ziklag als Lehen gegeben. Auf der Flucht vor Sau! war David von dem Priester Animelech und den Seinen, die von der Verfolgung durch Saul nichts wußten, mit Brot und Waffen versehen worden; der wutentbrannte König ließ darum Ahimelech und seine ganze Familie niedermetzeln. Nur der jüngste Solyi des Priesters, Abjatar, entrann und wurde vom Propheten Samuel der Obhut einer weisen Frau, Timna, anvertraut. Am Grabe der Erzmutter Rahe!, in der Nähe der Stadt Rama, dem Sitze des soeben verstorbenen Samuel, dessen Felsengrab seine Jünger nachts verschließen, ruhen Timna und ihr Pflegling. Die erste Szene ist ein Dialog zwischen dem Knaben und Timna. Abjatar stellt Gott und ihr die mit ungestümer Wucht andringende, an den Himmelspfosten rüttelnde, vom Dichter in wundervoll leidenschaftlichen Worten gestaltete Frage — die alte Hiobsfrage —: wie Gott das Unrecht an dem ganzen Geschlecht Ahimelechs zulassen konnte. Des Knaben Fragen und Timnas Antworten rühren an die tiefsten Probleme der göttlichen Weltordnung, und so ist diese erste Szene der Trilogie auch gedanklich die gerade Fortsetzung der letzten, gewaltigsten ihres Vorspiels ״Jaakobs Traum“, während auch räumlich die Kontinuität durch die (von Beer-Hofmann in kurzen, plastischen Erläuterungen des Szenariums durch Wort und Geste geschilderte) Landschaft um das Grabmal der Mutter Jakobs hergestellt wird. Aus der ersten Szene ist noch besonders die wahrhaft dichterische Schilderung der Ahnfrau Davids, der Moabiterin Ruth, hervorzuheben. Auch in der zweiten Szene ist David nicht handelnde Person, sondern nur Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen vier Aeltesten von Rama, die auf seiten Sauls stehen, und zwischcnGad, dem Lieblingsseher des Propheten Samuel, Timna sowie Zadok, einem jungen Priester aus Sch’chem, der gleich den Aeltesten mit seinem Gefolge auf dem Wege zu Saul nach Gibea ist. Der Konflikt zwischen David und Saul wird in dieser von starkem dramatischen Atem erfüllten Szene in seiner ganzen Tiefe und Gewalt sichtbar. Ueber dem wogenden Streit der Worte und Personen schwebt wieder, diesmal kaum ausgesprochen, manchmal nur flüchtig angerührt, eine überzeitliche, übermenschliche Frage, die dieses Königsdrama des jüdischen Dichters von allen anderen europäischen Königsdramen ebenso unterscheidet wie etwa den abendländischen Königsgedanken vom jüdischen: Dieser königliche Gedanke des Judentums, von dem aucli die ursprünglich reine Erscheinung des historischen, von Gott berufenen und eingesetzten, jedoch von ihm jederzeit ebenso zu verwerfenden Königs nur eine matte und unvollkommene Inkarnation ist, ist der Glaube an die Auserwähltheit, an die Heiligkeit des jüdischen Volkes — der immer wieder und tausendfach entstellte und mißverstandene Glaube an die Berufung dieses Volkes zum schwersten Schicksal, über die Richard Beer-Hofmann im zweiten Akt von ״Jaakobs Traum“ das wohl Endgültige und Letzte gesagt hat. In dem jüdischen Königsgedanken der Berufung und Auserwähltheit kontrastiert dieses aus dem Geiste des ewigen, zeitlosen Judentums, aus biblischem Geiste, geborene Stück gegen alle altgriechischen und neuzeitlichen Tragödien, in denen die Schicksalsfrage von Einzelschuld und zumeist unbegreiflich grundloser Begnadung eines Einzelnen, des Königs, gestellt una entschieden wird. Beer-Hofmann las die Szenen mit starker Ausdruckskraft und in stürmischem Vortrag, unter dem allerdings öfter die Deutüchkeit litt. Die von der Größe des Werks ergriffenen Zuhörer dankten ihm mit reichem Beifall. Nach der Vorlesung, die Frau Lina Wagner-Tauber mit einer Ansprache eingeieitet hatte, gaben die Veranstalterinnen einen Tee, bei dem Frau Dr. Grete Turnowsky über die Arbeit des Verbandes in Palästina sprach, und der durch Bibelvorträge von Frau Irene Triesch einen würdigen Abschluß erhielt. Frau Triesch rezitierte das 24. Kapitel von Jesaja, den Psalm 137 und Ezechiel, Kapitel 37, mit ihrer schon aus ihren früheren Bibelvorlesungen bekannten machtvollen Sprechkunst. AlbrechtHellmann. In Antwerpen verstarb kürzlich der jüdische Journalist und Schriftsteiler Abraham T y g e 1, Redakteur des Antwerpener ״Jüdischen Wochenblattes“. Er war ein Bruder des Direktors des Verbandes polnischer Juden in Amerika S. Tygel. ״Hinterhauslegende“ von Dietzenschmidt (Staatstheatcr — Schillertheater). Wenn nachstehend von diesem Stück, das seine Uraufführung vor vier Monaten, am 28. Juni d. J., erlebt hat, gesprochen wird, so geschieht es darum, weil in ihm ein jüdischer Hausierer Simon Salomon, verkörpert von Alexander Oranacli, eine zentrale Rolle spielt. Simon Salomon ist der Dachkanimermieter des Hinterhauses, in dem nichtjüdisches Großstadt-Proletariat wohnt. Der Hausherr ist rin gemeiner Blutsauger und Lustgreis und die Hausbesorgeritt die geschwätzige kupplerische Frau Mudicke. In dieser Atmosphäre spielen sich Trunkenheitsexzesse, Ehebruch, Verführung, Totschlag, Selbstmord und heilige Taten ab. Die letzten sind auf das alleinige Konto des Talmudjuden Simon Salomon zu setzen, der sich in den Kopf gesetzt hat, für andere zu leiden und durch sein Beispiel den Totschläger innerlich zu läutern. Die ganze Geschichte streift hart die Grenze der Detektiv- und Schauerstücke. Neben gut gesehenen und richtig charakterisierten Figuren viel Uebertriebenheit und Unwahrscheinlichkeit. Das Ganze ein literarisch verbrämter Reißer. Am unwahrscheinlichsten die Figur des Altkleiderliändlers und Talmudjuden Simon Salomon. Man erweist weder der jüdischen Gesamtheit noch der Wahrheit einen Dienst, wenn man solche Marzipanjuden auf die Bühne stellt. Simon Salomon ist so süßlich edel, so heilig, daß einem vor all dieser Anständigkeit übel wird. Immerhin, Dietzenschmidts Absicht war gut. Richtig ist, daß man als Jude Altkleiderhändler und dabei Philosoph sein kann. Richtig ist, daß sich gerade im Juden der Zwiespalt von Werktag und heiligem Sabbat zu einer Einheit findet. Das alles ist jedoch aus der Gestalt des Simon Salomon in der ״Hinterhauslegende“ gar nicht ersichtlich. Darum wirkt dieser Edeljude, der ewig Talmud zitiert, unglaubhaft. Alexander Granach gab sich die größte Mühe, den Talmudjuden menschlich glaubhaft zu verkörpern und hatte hinreißende Momente. Das ganze Stück jedoch hinterläßt keinen bleibenden Eindruck. Es ist Literatur und nicht Leben. Mo. Wa.