Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85, 28. X. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 595! 30 Jahre Bar Kochba Die jüdisch-nationale Idee hat die jüdische Turn- und Sportbewegung geboren. Wer Mitglied des neu gegründeten Bar Kochba wurde, zeigte offen, daß er ein Sohn des jüdischen Volkes sein wollte. Eine Schar kerniger Menschen schioß sich zusammen, und diese Menschen haben dem Zionismus die Treue gehalten. ln diesen 30 ereignisreichen Jahren wandelte sich auch das Bild der jüdischen Umwelt. Der einzelne Jude hat sich in seinem Wesen nicht so sehr verändert wie die gcsellscbaftliehe Form jüdischen Lebens. Die isolierte Judenheit hat sich zum Teil widerwillig und gegen die alten Theorien der Assimilation jüdisch organisiert. Der Bar Kochba ist nicht mehr allein auf dem Plan. Aber er steht einer jüdisch aufgelockerten Judenheit gegenüber, er ist für uns heute eine größere Hoffnung als je zuvor. Führer der jüdischen Turn- und Sportbewegung, die fest im Zionismus wurzeln, haben heute die Möglichkeit, große Massen junger Juden, wertvolle und bildungsfähige Menschen zu sammeln. Zionistische Männer, die sich die Kraft Zutrauen, die ihr anvertraute Bewegung zu führen und neue Kämpfer für die Ehre und die Zukunft unseres Volkes zu erziehen, haben heute im Bar Kochba eine Aufgabe von höchster Bedeutung zu erfüllen. In der jüdischen Sportbewegung darf man niemals vorsichiig feststellen, ob ungünstige Zeitströmungen unser Werk 'behindern und wieviel man dem jungen Nachwuchs an jüdischer Erkenntnis und an zionistischer Pflichterfüllung zumuten darf; denn unser Werk braucht charakterfeste und zuverlässige Menschen, die in schweren Tagen doppelt der Sache dienen, der sie einmal ihr Leben geweiht haben. Nicht in wenigen Jahren vermag eine willige Jugend den letzten Erfolg herbeizuführen, sondern in allen Zeiten des Lebens muß der Jugendliche und der jüdische Mann sich bewähren. Der ernste und freudige Dienst an dem gewaltigen, niemals beendeten Erziehungswerk gibt unseren Bünden, vor allem aber unserer Turn- und Sportbewegung, ihre innere .Stärke und ihre werbende Kraft. Tausende hat der Bar Kochba gewonnen. Wir hoffen auf neue Tausende, die wir gern einer großen, die Welt umfassenden jüdischen Sportgemeinschaft anvertrauen wollen, die mit allen anderen ringenden Kräften im Zionismus wetteifert, die höchste Leistung für die Befreiung unseres Volkes aus innerer Knechtschaft zu vollbringen. Kurt Blumenfeld. Bar Kochba — dem Jubilar Von Dr. Felix A. T h e i 1 h a b e r. Von der Tribüne des Zionistenkongresses forderte Max Nord au über die jüdische Turnbewegung und ein Muskeljudentum. Eigentümlich und paradox klingt es, daß dieser schmächtige, nervöse und alternde Schriftsteller, der, aus Ungarn gekommen^ der Vorkämpfer des reinsten Psuieyropaeistnus, von •JRarfa«her in wundtrsam geschliffenen deutschen Worten( mit den prägnantesten, passendsten und eindrucksvollsten Ausdrücken zu den Juden sprach. Wundersam, weil man ihn zwar von seinem Kampfe gegen konventionelle Lügen der Menschheit her kannte, ihn, der für Fortschritt, Frieden und Freiheit kämpfte, aber nicht wußte, daß er Jude sei, geschweige, daß er plötzlich im Jahre 1897 einen Beruf in sich fühlte, den es damals nicht gab: nämlich Ekkehart zu sein, Diplomat im Dienste des jüdischen Volkes, Organisator und Reformator zugleich. Das, was er verlangte, war jüdische Politik, Arbeit an den jüdischen Massen, Ermannung, Einkehr und Rückkehr zum Judentum. Dieser Weg führte über die jüdische Turnerschaft. Nachher hat sich die Tragik dieses lange verkannten jüdischen Führers erfüllt. Rohe Polizeigewalt riß den müden, zuckerkranken Qreis im Weltkrieg aus der jahrzehntelang bewohnten Behausung, trieb ihn noch nach Spanien, das ihn, den Juden, diesmal gastfreundscliaftlichst aufnahm und zum Schrifttum in spanischer Sprache veranlaßte. Ebenso paradox wie der Umstand, daß ein physisch schwacher, nur den geistigen und internationalen Kultur- Problemen lebender Europäer der Initiator der jüdischen Turnbewegung wurde, ist der Umstand, daß sein Ruf zuerst in einer Stadt wie Berlin gehört und aufgenommen wurde. Denn gerade von Berlin aus war von den Jüngern Mendelsohns die falsch verstandene Aufklärung ein Jahrhundert betrieben worden. Mit einer auch theoretisch fundierten Agitation wurde die Klal Israel-Politik untergraben, der jüdische Indifferentismus großgezogen und als letztes Hilfsmitte! gegen den üppig ins Kraut wuchernden Antisemitismus die Aufgabe der letzten nationalen jüdischen Bindungen gefordert. Das was dadurch entstand, war ein jüdisches Chaos, eine religiös und national in vollkommener Auflösung begriffene Masse, die ohne Zukunftshoffnung, ohne Gegenwartsprogramm immer mehr den Boden denen bereitete, die mit einem lauten ״Höre Israel“ die Liquidation aller jüdischen Aufgaben forderten. Es gehört schon eine völlige Verständnislosigkeit dazu, um die Wandlung der Dinge zu leugnen oder zu übersehen; nur die Verbohrtheit engstirniger Assimilanten kann die Bedeutung der jüdischen Tat leugnen, die dem Worte und dem Appell Max Nordaus in nunmehr 30 Jahren folgte. Unter den größten Schwierigkeiten, den tausend Verdächfigungen und Angriffen der Assimilanten entgegen, hat das Beispiel der Gründung des jüdischen Turnvereins Bar Kochba glänzend gewirkt. In tausend Städten blühten nachher jüdische Turnvereine auf, ihre Zahl mag allein in Deutschland an die Hundert betragen, ein Viertel davon in der jüdischen Turnerschaft organisiert, ein Teil frei ohne besondere Bindungen, andere durch den ״Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ oder den jüdischen Jugendverband gegründet. Daneben die Gruppen der Wanderbünde, des J. J. W. B., der Kadimah, der Kameraden, der deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft, des Esra, die Jugendgruppen der Agudah usw. Eine Unzahl von Vereinen hat die Plege des Sports in ihr Programm aufgenommen. Und es muß als das Verdienst der jüdischen Turnbewegung bezeichnet werden, daß schon die Organi- Gerung der jüdischen Jugend erst durch das Beispiel und die Vorarbeit dieser ersten jung-jüdischen Bewegung überhaupt möglich wurde. Sogar die der jüdischen Turnerschaft nicht angeschlossenen jüdischen Sportvereine verdanken den jüdischen Turnern des Bar Kochba und den Zionisten persönlieh Ihre Gründung. So ist der jüdische Turnverein von 1905 aus dem Bar Kochba hervorgegangen, an der Gründung des Boxklubs ״Maccabi“ wirkten Mitglieder der jüdischen Turnerschaft mit, den Fußballverein ״Hakoah“ schufen tatkräftige Zionisten. Dankbarkeit ist eine Eigenschaft, die man im Privatleben vermißt, im öffentlichen Leben ist sie keine gangbare Ware. Deshalb wird man nicht erwarten können, daß die der jüdisehen Turnerschaft nicht angehörenden Vereine das Jubiläum des Bar Kochba in dem Sinne mitfeiern, wie es die historische Gerechtigkeit erfordern würde. Nordau wußte recht wohl, daß nur eine langsame Erziehungsarbeit das Zusammengehörigkeitsgefiihl den Juden wiedergeben würde. Noch glauben kleine Vereine, die die Pflege der physischen Regeneration im kleinsten Kreise treiben, damit ihre Aufgabe erfüllt, ohne ein Verständnis für die Größe und Wichtigkeit der Arbeit im Sinne Nordaus zu besitzen, der in der Regeneration des ganzen Volkes die Befreiung vom Fluche der Minderwertigkeit als Ziel n111111111111111111111t11t111111M11111m111111m1t1111c1n11111n1tnt11mu111111111Hi1111t11m1111n1nmm111B11m1n111nnm1m111111111wn Bar Kochba ist die letzte weltgeschichtliche Verkörperung des kriegsharten, waffenfrohen Judentums. Sich unter Bar Kochbas Anrufung zu stellen, verrat. Ehrgeiz. Aber Ehrgeiz st-hl Turnern, die nach höchster Entwicklung streben, wohl an. (1900.) An unserer geistigen Begabung zweifeln auch unsere Todfeinde nicht. Sie müssen uns, wenn auch wulerwillig, Verstandesschärfe, geistige Beweglichkeit, schnelle Auffassung zugestehen, nur suchen sie lächerlicherweise diese Werte, weil es jüdische sind, in Unwerte umzuwerten, worin die erbärmlichen Idioten von jüdischen Antisemiten mit ihnen übereinstimmen. Die Nutzanwendung aus dieser Fest- Stellung ergibt sich von selbst. IVir haben von Natur die unerläßliehen geistigen Vorbedingungen außergewöhnlicher athletischer, turnerischer [jristungen■ Die körperlichen Voraussetzungen, ein gewisses Maß von Muskelstärke, sind durch Urbnng zu erlangen. 11'rr haben also alles, was nötig ist, um. uns als Turner ebenso glänzend zu bewähren wie als Pfleger aller Geislesdisziplinen. (1902.) Max Nordau. iiiuuiiuiiiitiiiitiiiriuiiutiiimiiüiuiiiiiimiiiiiiiiiiiiniiiimiiiiiuiiiiiiiiiiiiiHiiiiitiiiiiiiiniiHiriHmuiiiiiiiiutiiiiiimHiniuiut erblickt. Deshalb ist die 30. Wiederkehr des Gründlingsdatums des Bar Kochba nicht nur der Augenblick, auf die erreichten Erfolge stolz zu sein, sondern ein geeigneter Zeitpunkt, über die Bedeutung des Zieles sich auszusprechen. Selbst in der zionistischen Bewegung ist der Nutzen der jüdischen Turnerschaft nicht überail voll begriffen worden. Nur die Tum- und Sportbewegung kann auf die Dauer regelmäßig die Juden außerhalb der Synagoge zusammenführen. Die Methode, die Zionisten immer wieder wöchentlich mit Vorträgen zusammenzubrin^ea» _u»ußte Schiffbruch erleiden. Nur durch die Möglichkeit einer aktiven Mitarbeit, durch eine an sich nutzbringende Tat kann man unsere Juden zu steter Zusammenkunft zwingen. Erziehung ist nur dort zu leisten, wo die Menschen lange Zeit hindurch erfaßt werden können, wo eine gewisse Disziplin die Voraussetzung dieser Arbeit erleichtert. Mit Bedauern muß ich feststeilen, daß sich noch viele Zionisten für die jüdische Turnerschaft nicht interessieren, aus Bequemlichkeitsgründen oder aus anderen Ursachen die Mitarbeit in der jüdischen Turnerschaft vernachlässigen. Die mangelhafte Beteiligung an der Tätigkeit der Ortsgruppen müßte jedem Zionisten sagen, daß wir ein Instrument haben müssen, das uns die Macht über die Massen gibt. Mit noch größerem Bedauern müssen wir feststellen, daß sogar Zionisten in sogenannten neutralen jüdischen Sportverbänden tatkräftigst mitarbeiten, ohne ernsthaften Willen, diese zu einem Zusammenschluß mit den übrigen jüdischen Turnvereinen zu bringen und damit den nationalen Willen des Volkes und seine Aktionsfähigkeit zu stärken. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, daß einmal eine Fußballmannschaft mit Weltruf aus einer jüdischen Turnerschaft liervorgehen würde, daß es einen erstklassigen Boxklub, glänzende Schwimm-Mannschaften und Skiabteilungen geben könne, die nur aus Juden bestehen, daß die Radfahrmeisterschaften eines Landes an einen Kreis der jüdischen Turnerschaft fallen könnten! Noch 30 Jahre Entwicklung auf diesem Wege und das Märchen von der jüdischen Feigheit ist völlig überwunden. Noch 30 Jahre und kein Antisemit wird sich getrauen, irgendwo Juden zu beleidigen, weil er weiß, daß kein junger Jude ihn dafür ungestraft lassen wird. Welche Wandlung ist schon in der Mentalität unserer Juden vor sich gegangen! Wer kennt nicht den alten Witz von dem Juden in der Eisenbahn, der bei den antisemitischen Gesprächen seiner Weggenossen tüchtig mit auf die Juden mitschimpft, um nicht erkannt zu werden. Heute bereits wissen viele Hakenkreuzler, daß der Jude nicht rechtlos ist und sich beschimpfen läßt'. Noch 30 Jahre Erziehungsarbeit des Bar Kochba und der Nicht- Jude wird mit Stolz von den jüdischen Sportlern sprechen, etwa so wie man in Bulgarien allgemeine Hochachtung vor den Makkabäern hat. Der Turnverein Bar Kochba hat eine Geschichte glänzender Erfolge und schwerster Arbeit hinter sich. Nur die Aufopferung im Sinne des Zionismus hat alle die Hingabe ermöglicht, die dazu gehörte, um gerade die Juden nicht nur zu organisieren, sondern sie zu Turnen und Sport aufzurufen, sie zu Höchstleistungen zu befähigen. Noch sind einzelne der Gründer Mitglieder des Vereins (Dr. Israel Auerbach, Dr. Zirker, Dr. Jolowicz), noch ist der Name des Leiters der jüdischen Turnerschaft Dr. Georg Arndt nicht vergessen und das Andenken des gefallenen Vorsitzenden, Rechtsanwalts Willy Greiffenhagen. Kaum eine Organisation hat der Weltkrieg so sehr geschädigt wie gerade den Bar Kochba. Ungefähr 25 0״ von den männlichen miiitärpflichtigen Mitgliedern sind gefallen und darunter die besten des Vereins. Wenn der Wiederaufbau des Vereins, der das Rückgrat der jüdischen Turnerschaft nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt überhaupt bildete, gelungen ist, so ist es zur Hauptsache die rastlose, nie ermüdende Tätigkeit, die beispiellose Hingabe von Julius Hirsch, der über die Arbeit des Bar Kochba hinausgehend die jüdische Gemeinde Berlins zu w׳eitgehender Unterstützung der physischen Ertuchtigung der jüdischen Jugend aufrief. Noch hat der Bar Kochba nicht einmal eigene Hallen, einen eigenen Sportplatz, ein würdiges Heim. Ein Verein, den» hauptsächlich jugendliche, und oft solche aus den einfachsten Kreisen angehören, dem die jüdischen Reichen nicht wie den vornehmen Polo-, Tennisklubs Zuströmen, hat alle seine Erfolge der Hingabe und dem Idealismus der jüdischen Jugend zu verdanken. Gerade dieser Idealismus ist es, der den Bar Kochba auch noch weiter gedeihen lassen wird. Viele schwere Probleme sind noch zu lösen, bis das jüdische Volk körperlich ertüchtigt ist. Aber die Geschichte der 30 Jahre, die der Jubilar heute zählt, weist die wundersamsten Erfolge auf. Möge es uns vergönnt sein, nach weiteren 30 Jahren die Fülle der Wünsche erfüllt zu sehen. Dreißig Jahre Berliner Bar Kochba Diese Zeilen sollen keine Geschichte des Bar Kochba geben. Dreißig Jahre Tätigkeit einer Organisation berechtigen noch nicht zur geschichtlichen Betrachtung. Wohl aber kann eine Untersuchung über den Wert der in dieser Zeit geleistetem Arbeit dazu führen, die Organisation als einen Faktor im Geschehen des jüdischen Volkes anzuerkennen. Und dies sei am dreißigsten Gründungstage unsere Aufgabe. Als am 22. Oktober 1898 eine kleine Gruppe junger Juden zusammentrat, um den Berliner Bar Kochba zu begründen, da wurde zugleich die formale Tendenz der Organisation für alle Zeiten bestimmt: Erziehung der jüdischen Jugend und Repräsentatiqn der jüdischen Volkskraft. Es war aas erwachte Bewußtscin, daß hinter der gewaltigen Geistestat vom Sinai bis zu Spinoza und darüber hinaus auch ungeheure physische Energien enthalten sind, deren Förderung und Veraltgcmeiherang wieder neue geistige Kräfte entfalten müßten. Diese vor• handenen Kräfte galt es zunächst zu sammeln, denn auch auf dem physischen Gebiete herrschte das allgemeine jüdische Geschick, daß die Leistungsfähigsten und Wertvollsten dem Konto der anderen Völker gutgeschrieben, während die Minderwertigsten zu Lasten des jüdischen Volkes gebucht wurden. Berühmte jüdische Boxer, Turner, Fechter mehrten den Ruhm Englands, Deutschlands und Oesterreichs; aber der geduckte, Kleine, körperlich schwache Jude galt als charakteristisch für uns. Heute erscheint uns diese Erkenntnis als etwas sehr Geläufiges und Einfaches. Damals war sie unerhört neu und Ist nur zu erklären aus dem zionistischen Weckruf, mit dem Theodor Herzl das jüdische Volk aus seinem Schlummer riß: ״Wir sind ein Volk, wir sind ein Volk!“ Bei der Jugend fand dieser Ruf seinen stärksten Widerhall. Er weckte den Willen zur Tat. Die Reorganisation eines Volkes bedarf der schaffenden Arme, um seine geistigen Probleme zu Realitäten umzugestalten, ln dieser Verbindung von Körperlichem und Geistigem ist das Großartige und Neue enthalte«, das die durch den Bar Kochba an der jüdischen Jugend geleistete Erziehung auszeichnet. Nur körperliche Erziehung konnte die jüdische Jugend auch in nichtjüdischen I11|titutipnen erhalten. Ite«: Wiweilei;hetewte. fitÄahke*; BaB wegen der bfesohaeren Eigenart des jüdischen Volkes auch eine besonders gestaltete Körpererziehung betrieben werden müsse, ist nur ein Scheingrund für die jüdischen Turn- und Sportvereine, der durch die Tatsache widerlegt wird, daß der Betrieb der Leibesübungen sich ja stets in den modernen Formen und Systemen abspiclt, die gerade zur Zeit auch bei den anderen Völkern vorherrschen. Vielleicht drückt sich das nationale Moment bei den einzelnen Arten der Leibesübungen durch feine Nuancen des Rhythmus und des Temperaments aus. Aber daß mit dem Wachsen körperlicher Werte Hand in Hand gehen müsse eine neue und starke Entfaltung der jüdischgeistigen Werte, das war eine notwendige Folge und Forderung, wenn sich die Bar Kochba-Jugend ehrlich zum Herzischen Nationalgedanken bekannte. Und sie tat es. Mit Begeisterung und mit sachlicher Umsicht. Schon das erste Jahr des Bar Kochba zeichnete sich vor allen anderen Turnvereinen durch eine Fülle von Vorträgen und Diskussionen über die jüdischen Probleme von Vergangenheit und Gegenwart aus. War der meist zweistündige Uebungsabend vorüber, so saßen diese jungen Pioniere unserer Arbeit oft noch in stundenlanger Unterhaltung zusammen. Sie trugen die Sorge uni die jüdische Zukunft. Das war der Inhalt ihrer Besprechungen, das verband sie zur Kampfgemeinschaft und zur persönlichen Freundschaft. So war es nur natürlich, daß im Jahre 1903 anläßlich des Baseler Kongresses der Verband der Jüdischen Turnvereine gegründet wurde. So wurde die Einheit der Gleichgesinnten in der ganzen Welt hergestellt, allen Widerständen und Trennungen zum Trotz. Zugleich wurde auch die Jüdische' Turnzeitung herausgegeben, die dem gemeinsamen Gedankenaustausch diente. Wenn man heute nach 25 Jahren diese ältesten blauen Heftchen zur Hand nimmt, so erkennt man die Bedeutung der mit ihnen geleisteten Arbeit für die gegenwärtige Entwicklung der jüdischen Turn• und Sportbewegung. Neben guten technischen Artikeln und organisatorischen Fragen werden immer wieder die jüdischen Probleme diskutiert und wird eine Reichhaltigkeit neuer Gesichtspunkte aufgezeigt, die den Verfassem alle Ehre macht. Es ist nicht möglich, die Namen all dieser wertvollen Menschen hier aufzuzählen. Es entspräche dies auch gar nicht ihrer Absicht und ihrem Charakter; denn dies zeichnete sie alle aus: nicht Individualität, sondern Einheit, nicht Persönlichkeit, sondern Volk wollten sie sein, Kollektivgeist und Kollektivleistung. (Das soll heute nach dreißig Jahren für die vielen Jungen betont werden, deren Einzelleistung im Ich-Bewußtsein keine soziale Verbindungslinie zum Ganzen zu finden vermag.) In der ersten Entwicklungszeit war diese Erziehung aufgebaut auf einem mehr gefiihls- und stimmungsgemäßen Untergrund. Als sich aber, bedingt durch die Umformung der körperliehen Erziehung bei allen Völkern, diese immer mehr spezialisierte und gliederte, war es notwendig, die harmonisene Er- Ziehung anders zu fundieren. Der Sportgedanke mit dem Prinzip der persönlichen Rekordleistung erforderte eine andere physische Erziehungsmethode, die den Einzelnen aus seiner Kollektivbindung löste und ihn auf sich allein stellte. Mit dieser wieder stärkeren Individualisierung auf technischem Gebiet drohte die Gefahr einer ebensolchen Individual!־ sierung in der geistigen Haltung der Mitglieder: denn wird der Mensch auf irgendeinem Gebiete oder bei irgendeiner Leistung nach seiner Individualität gewertet, so ist er stets gneigt, diese Wertung auch auf die übrigen Lebenskomplexe auszudehnen. Je stärker der Sport- und Rekordgedanke — teilweise im Dienste des technischen Fortschritts — sich im Bar Kochba durchrang, desto größer wurde die Gefahr in bezug auf die geistig-jüdische Haltung seiner Mitglieder. So entspann sich im Leben der Organisation ein Kampf zwischen beiden Richtungen mit wechselndem Erfolge. Man kann diese Zelt die Krisis des Bar Kochba nennen, in welcher der Patient oft in größerer Lebensgefahr schwebte, als selbst die Aerzte erkannten. Aber das gesunde Prinzip siegte. Und gerade in der letzten Zeit kann diese Krisis als endgültig überwunden bezeichnet werden. Die