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Jüdische Rundschau · 1928-10-26 · Heft 85 (26.10.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 85 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 594 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 85» 26. X. 1928 leben. Die Juden in Amerika, England, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern des Westens werden, wenn sich die Dinge im Geiste der New Yorker Kon* ferenz weiter entwickeln, in immer mehr steigendem Maße materiell und moralisch an dem Werke des Palästinaaufbaus teilnehmen. Die lebendige geistige und physische Kraft für dieses Werk aber muß zum stärksten Teile aus dem Osten kommen. Amerika kann und wird Geld geben, wenn Polen mit gutem Beispiel vorangehen wird. Das gute Beispiel der polnischen Judenheit besteht aber darin, daß sie sich bereit erklärt, im Ausmaße ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit zu den Kosten des Palästinaaufbaus beizutragen, und wenn sie von einem Geiste erfüllt ist, der immer neue Kaders von Pionieren für die Einwanderung nach Palästina liefert. Es ist für uns klar, daß die polnische Judenheit nicht über jene Mittel verfügt, wie sie den amerikanischen Juden zu Gebote stehen. Aber auch die finanzielle Beitragslcistung der polnischen Juden ist unumgänglich notwendig. Denn sie stellt die Initiative dar, der dann die Juden in der anderen Welt folgen sollen. Für die ersten Tage des November hat der jetzt in Polen weilende Direktor des Keren Hajess04 Leib Jaffe, nach Warschau eine Keren Hajessod-Konferenz einberufen, zu der über 450 Delegierte des polnischen Judentums eingeladen sind. Diese Konferenz soll durch ihre Beratungen und durch ihre Beschlüsse die Antwort auf die Marshall-Konferenz in New York geben. Wir wissen, daß das polnische Judentum unter dem Mißerfolg der 4. Alijalt am stärksten gelitten hat Daß diese 4. Alijah ein Mißerfolg war, ist außer auf verschiedene in der zionistischen Welt genügend geklärte Ursachen auch auf den Umstand zurückzuführen gewesen, daß der zionistische Teil der Judenheit in der Sache des Palästinaaufbaus allein auf sich gestellt war. Die New Yorker Konferenz ist eine Verheißung, daß sich bald jüdische Kreise, die sich bis jetzt vom Palästinawerk femgehalten haben, der avant garde des Palästinaaufbaus, den Zionisten, helfend zur Seite stellen werden. Diese Hoffnung ist geeignet, den Mut und die Begeisterung der mit dem Palästinawerk seit jeher verbundenen Menschen zu stärken. Die Keren Hajessod- Konferenz von Warschau wird also in einem psychologisch günstigen Augenblick zusammentreten. Die polnische Judenheit, gegenwärtig (nachdem der Kern des jüdischen Volkes, das ehemals so starke und wertvolle russische Judentum, durch die Kriegs- und Revolutionsereignisse zersplittert ist) das Herz der Galuth-Judenheit, muß sich des Erbes würdig erweisen, das ihm das Schicksal anvertraut hat: dieTraditionenundden zionistischenWillen der russischen Juden-?heit zu bewahren. Es ist bekannt, daß die tage der poteiSchw Juden♦nicht posig ist Es ist ferner eine durch die ganze Situation der polnischen Judenheit erklärliche, wenn auch wenig erfreuliche Erscheinung, daß die polnische Judenheit und auch der polnische Zionismus noch jener geschlossenen Einheit ermangeln, die im Interesse der polnischen Juden selbst und des Palästinaaufbaus zu wünschen wäre. Aber die Sache des Palästinaaufbaus, die Sache des Keren Hajessod sollte über den einzelnen Richtungen und um so mehr über den einzelnen zionistischen Fraktionen in Polen stehen. Die amerikanischen Juden, Zionisten und Nichtzionisten, würden es nicht begreifen, wenn in dieser Stunde, da die Hoffnung auf neuen Aufschwung im Palästinawerk erblüht, da, wenn auch in geringer Zahl, so doch! zum ersten Male, nach langer Zeit wiederum Zertifikate für neue Chaluzeinw'anderer nach Palästina vorhanden sind, die polnische Judenheit hinsichtlich ihrer Verpflichtung gegenüber dem Keren Hajessod versagen würde. Zweifellos ist die Sache des Palästinaaufbaus eine Angelegenheit der gesamten Judenheit. In erster Linie aber ist das Palästinawerk eine Sache der polnisehen Juden und besonders der polnischjüdischen Jugend. Die Zehntausende Chaluzim in Polen, die auf das Zeichen warten, aufzubrechen und nach Erez-Israel zu ziehen, wären in ihrer Seele beleidigt und entmutigt, wenn die polnische Judenbeit in diesem Augenblick nicht dem Appelle Leib Jaffes nach ihren besten Kräften Folge leisten würde. Wenn nicht alle Zeichen trügen, hat das große Werk des Palästinaaufbaus Krise undStagnati on überwunden. Am Horizonte leuchten Strahlen neuer Möglichkeiten und neuer Hoffnungen. Die Entwicklung des Jahrzehnts nach dem Kriege in der ganzen Welt hat gezeigt, daß trotz aller Unzulänglichkeiten Zionismus und Nationale Heimstätte die Königsgedanken des jüdischen Volkes geblieben sind. Eine neue glücklichere Epoche kündigt sich an. Ungebrochen und voller Tatkraft warten Zehntausende junger begeisterter Juden, daß ihnen Mittel und Möglichkeit gegeben werden, dem Beispiele derer 7u folgen, die den Etnek geschaffen haben. Aus New York kam die Botschaft, daß diesen hoffenden und ringenden Jungen Hilfe naht. Aus Warschau muß ein tausendfach verstärktes Echo schallen, daß der, trotz alledem, wertvollste Teil des jüdischen Volkes die Wichtigkeit der Stunde begreift und bereit ist, der jüdischen Zukunft die Wege zu bahnen. M. W. 600 Einwandererzertilikate Jerusalem, 22. Oktober. (J.T.A.) Die Regierung hat soeben 600 Einwandererzertifikate, darunter 100 für Frauen, für jüdische Einwanderer ausgegeben. Die Zertifikate gelten für die nächsten 6 Monate, wobei bemerkt wird, dal die männlichen Einwanderer das Recht haben, Ihre Frauen und Kinder mit nach Palästina zu bringen. Wedgwood tnllamburä, Nürnberg und Mlindien Hamborg Am 18. Oktober war Colonei Wedgwood in Hamburg. Vormittags besuchte er den englischen Generalkonsul und danach empfing ihn der erste Bürgermeister Dr. Petersen. In einer längeren Unterhaltung, an der auch Dr. Buch holz und Dr. Rosenblüth teilnahmen, wurde über die augenblickliche Lage in und außerhalb Palästinas gesprochen. Am Nachmittag fand im Palast-Hotel ein Presse-Empfang von 15 Vertretern Hamburger, Attonaer, Kieler und Bremer Zeitungen statt, der von Dr. Rosenblüth eröffnet wurde mit einer Skizzierung der Persönlichkeit Wedgwoods. Sofort ergab sich ein angeregtes Gespräch über die aktuellen Fragen, die von den Pressevertretern berührt und von Dr. Rosenblüth und Colonel Wedgwood beantwortet wurden. Alle in Betracht kommenden Zeitungen brachten wohlwollende Berichte über den Empfang. Danach gab Oberbürgermeister Brauer, Altona, der ja selbst Mitglied des Pro Palästina-Komitees ist, einen Tee, bei dem Wedgwood in englischer Sprache vor etwa 30 Sozialisten aus Altona und Hamburg sowie einigen Mitgliedern des Pro Palästina-Komitees über den sozialistischen Aufbau Palästinas berichtete; er ging dabei auf die besondere Rolle des Sozialismus beim Palästina-Aufbau und auf *das dadurch bedingte besondere Interesse der Sozialisten an diesem Werke ein. Wedgwood sprach hier besonders frei und warm für dies Werk, einerseits, weil er in seiner Muttersprache reden konnte, andererseits aber auch, weil er sich, wie er sagte, in diesem Kresie seiner Parteigenossen gleich zu Hause fühlte. Die Wirkung von Wedgwoods Rede wurde für den gesamten Kreis erst durch eine meisterhafte Wiedergabe des Inhalts durch Herrn Naphtali erreicht, der dann im Anschluß daran vor diesem sozialistischen Kreise seinen eigenen Weg darlegte, wie er selbst als Sozialist beim weiteren Durchdenken der ganzen Frage zum Zionismus gekommen sei. Beide Reden übten eine tiefe Wirkung; das zeigten am besten die weiteren Ansprachen von Oberbürgermeister Brauer, der außer auf die jüdische Frage auch auf die deutsche Situation einging, und von Herrn L i s s e r, der gegenüber den anderen sozialistischen Rednern die besondere jüdische Verbundenheit mit Palästina, auch die des jüdischen Bürgertums und seine unentbehrliche Mitarberl beim Aufbau des Landes betonte. Am Abend gaben der Hamburger Keren Hajessod und die Hamburger Zionistische Vereinigung Colonel Wedgwood und Herrn Naphtali einen Begrüßungstee, der einen gehingenen Verlauf nahm. Nach den Begrüßungen durch Herrn L i s s e r und Dr. B u c h h o 1 z sprach Wedgwood. Sein starkes Vertrauen auf das Gelingen des jüdischen Palästinawerkes und seine — durch den Einsatz dieses echten Engländers für die jüdische Sache besonders eindrucksvoll verkörperte — Idee der Partnerschaft zwischen England und dem Zionismus übte auch hier besondere Wirkung aus, die durch das Verlesen des Einstein-Briefes durch Herrn Lisser, der zur Zeichnung für den Keren Hajessod aufforderte, noch besonders vertieft wurde. Nach der Pause, in der Zeichnungen für den Keren Hajessod in Höbe von etwa 40000 Mark abgegeben wurden, sprach Herr Naphtali; trotz der vorgerückten Zeit fanden seine Ausführungen die ungeteilte Aufmerksamkeit der 400 Zuhörer.;י׳■■■','"׳"'׳"''“׳• lHN&i.׳׳ " ■־ ׳■ '׳ Die von dem aus Zionisten und Nichtzionistea bestehenden Keren Hajessod-Komitee in Nürnberg anläßlich der Anwesenheit der Herren Col. Wedgwood, Kurt Blumenfeld und Dr. Martin Rosenblüth durchgeführten Veranstaltungen haben einen in jeder Beziehung ausgezeichneten Verlauf genommen. Wenn wir auch seit langem gewohnt sind, den sogenannten nur ״moralischen“ Erfolg mit Skepsis zu betrachten, so muß doch andererseits festgestellt werden, daß derartige Veranstaltungen in erster Linie dazu beitragen, daß das Palästinawerk heute von der überwältigenden Mehrheit derer, die überhaupt jüdisch interessierbar sind, als die große jüdische Gesamtaufgabe erkannt wird. Schon jetzt kann gesagt werden, daß es gelungen ist, das Bewußtsein, daß die Leistung für den Keren Hajessod in das Jahresbudget des verantwortungsbewußten Juden als eine regelmäßig wiederkehrende eingesetzt werden muß, in einer breiteren jüdischen Oeffentlichkeit zu befestigen. Die ״Wedgwood-Aktion“ in Nürnberg hat dieses Gefühl nicht nur vertieft, nicht nur neuen Menschen zu Bewußtsein gebracht, sondern vor allem auch erreicht, daß die Gebefreudigkeit für den Keren Hajessod sichtlich gewachsen ist. Am Sonnabend, dem 20. Oktober, waren über 250 geladene Gäste im Saale des Hotels ״Deutscher Hof‘ zu einem vom Keren Hajessod-Komitee veranstalteten Tee erschienen. Nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden des Komitees und üer zionistischen Ortsgruppe Nürnberg-Fürth, Dr. Meinhold Nußbaum, überbrachte Rabbiner Dr. Freudenthai den Gästen die Wünsche der Nürnberger Gemeinde. Er benutzte die Gelegenheit, um in herzlichen Worten seine aktive Anteilnahme an dem Palästinawerke zu bekunden, und betonte die große Chance, die gerade für die Nichtzionisten darin liege, daß die neutrale Plattform des Keren Hajessod ihnen die Möglichkeit gebe, |n dieser ungeheuren Aufgabe unbeschadet ihrer jüdisch-politischen Gesinnung tatkräftig mitzuarbeiten. Frau Riwkah Sturmann, in deren Händen ein großer Teil der Vorbereitung des Abends gelegen hatte, dankte Col. Wedgwood für seine großherzige Anteilnahme am Schicksal des Landes in einer hebräischen Ansprache. Hierauf nahm Col, Wedgwood das Wort zu seinem Vortrage, wobei er sich nach einigen einleitenden Worten in deutscher Sprache seiner Muttersprache bediente. Der weitaus größere Teil der Anwesenden war, wie sich während des Vortrages deutlich zeigte, imstande, dem Redner unmittelbar zu folgen. Stürmischer, aufrichtiger Beifall dankte Col. Wedgwood, dem Dr. Nußbaum den Dank der Erschienenen treffend durch die Feststellung übermittelte, daß die Erinnerung an den bedeutungsvollen Abend neben dem Gedenken an den Besuch Weizmanns Ende 1927 ihren vollen Glanz behalten werde. Nach der Teepause, während der Col. Wedgwood sich von Tisch zu Tisch begab, um alle Gäste persönlich zu begrüßen, richtete Dr. Ludwig Frank in seiner Eigenschaft als nichtzionistisches Mitglied des Nürnberger K. H.-Komitees einen eindringlichen Aufruf an die Versammlung, in dem er Opfer, nicht Spenden für den Keren Hajessod verlangte. Er bezeichnete angesichts der unabhängig von jeder Diskussion sich vollziehenden Aufbauarbeit im Lande es als verfehlt, aus prinzipielien Bedenken, die heute jedenfalls ihren Sinn verloren hätten, abseits zu stehen, während dieser große historische Prozeß sich vollziehe, mit dem die Ehre des jüdischen Namens untrennbar verbunden ist. Kennzeichnend für die Stimmung der Anwesenden war der überaus reiche Beifall, der auch diesem Appell folgte. Einen zweiten Höhepunkt erreichte der Abend aber mit der ungemein wirkungsvollen Ansprache Blumenfelds, der die Grüße des Präsidiums des Deutschen Keren Hajessod überbrachte. Mit einem kurzen Schlußworte des Vorsitzenden endete diese Veranstaltung, die in der Presse in ausführlichen Besprechungen glänzend gewürdigt wurde. Für Sonntag, den 21. Oktober morgens, hatte Dir. Paul Metzger zu einem Zirkel geladen, auf den» Im engsten Kreise Col. Wedgwood seine Ausführungen vom Vorabend vertiefte und an ihn gerichtete Fragen in deutscher Sprache beantwortete. Die Herren Blumenfeld und Dr. Rosenbfüth gaben auch ihrerseits Aufklärungen. Am Montag, dem 22. Oktober abends, sprach Blumenfe!d zu einem Forum jugendlicher Zionisten und Nicht- Zionisten. Die Einladung war von einem vor einigen Wochen gegründeten ״Jungzionistischen Kreis“ ausgegangen. In einer sich bis in die späten Abendstunden ununterbrochen bewegenden Diskussion antwortete Blumenfeld auf zahlreiche Fragen, die sich zumeist mit den ideologischen Bedingungen des Zionismus beschäftigten. Vor allem aber gab Blumenfeld ein klares Bild von den Möglichkeiten und Erfordernissen zionistischer Jugenderziehung in Deutschland in der gegenwärtigen Situation. Es ist nicht zu bezweifeln, daß seine Ausführungen eine starke Belebung und unmittelbare Erweiterung des Jugendkreises zur Folge naben werden. Wenn schließlich noch darauf hingewiesen werden kann, daß die im Anschluß an die Aktion durchgeführten und noch im Gange befindlichen Hausbesuche für eien Keren Hajessod fast durchwegs zu Neuzeichnungen und insbesondere zu einer Erhöhung des Spendenniveaus geführt haben, dann dürfte ein einigermaßen hinreichendes Bild von der Bedeutung dieser Tage gegeben sein. Zum Schlüsse sei auch an dieser Stelle Col. Wedgwood für seine aufopfernde Tätigkeit, die ihm viele Freunde auch in Nürnberg erworben hat, herzüchst gedankt. Li-r. Mönchen Auch in München war die Veranstaltung zu Ehren Wedgwoods überaus gelungen. Die Versammlung füllte den großen Cherubim-Saal bis zum letzten Plätzchen und folgte den Ausführungen der Redner mit größter Anteilnahme. Den Vorsitz führte der Vorsitzende des Münchener K. H.-Komitees, Dr. Elias Straus. Am Tische des Präsidiums saßen u. a. der Präsident der Münchener Kultusgemeinde Justizrat Neum eye rund Justizrat Dr. Frankel. Einen besonderen Charakter erhielt dieser Abend durch die Mitw irkung des Präsidenten des Deutschen Komitees Pro Palästina, Grafen Berns- 10rff. Auch der Münchener englische Gesandte war erschienen. Nach einer herzlichen Begrüßung durch Dr. Straus hielt Col. Wedgwood eine zündende Ansprache; er unterbrach seine englischen Ausführungen wiederholt durch längere deutsche Einschaltungen, und den Zusammenhang der Rede verstanden auch die, die kein Wort Englisch verstehen, denn es war — wie Dr. Strans richtig sagte — mit der Sprache des Herzens gesprochen, die unmittelbar zum Herzen dringt Nach der Teepause nahm Graf Bernstorft, mit herzlichem Beifall begrüßt, das Wort Gral Berndorff erzählte zunächst, wie er dazu gekommen sei, sich für die Palästina-Sache zu interessieren. Als er deutscher Bofeebaffer in Konstantinopel war, hatte er Gelegenheit, mit führend!» Zionisten zu verhandeln über die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte durch die Türkei, und er hat sich damals warm für diese Idee eingesetzt und auch mit dem Großvezier darüber verhandelt. So kam es, daß bei der Gründung des Pro Palästina-Komitees Redner zur Uebemahme des Vorsitzes aufgefordert wurde. Wenn heute — so führte Graf Bernstorff aus — auch »vir in Deutschland ebenso wie unsere englischen Freunde für diese Sache eintreten, so tun wir das in dem Bewußtsein, daß hier nicht ein neuer Chauvinismus ins Leben tritt, sondern ein Werk der Versöhnung geschaffen wird. Und es ist ein gutes Zeichen, daß an dieser großen Kulturangelegenlieit alle Völker Zusammenarbeiten, und sogar alle Parteien innerhalb der Völker sind in dieser Sache einig. Nach Verlesung des Programmes des Deutschen Pro Palästina- Komitees betont der Redner, daß der Aufbau der jüdischen Heimstätte zwar vor allem eine Angelegenheit Englands sei, aber nicht mir Englands, sondern auch des Völkerbundes. Seitdem Deutschland Mitglied des Völkerbundes ist, haben wir auf allen Gebieten seiner Arbeit mitzuwirken, nicht etwa nur dort, wo deutsche Interessen auf dem Spiel stehen. Für Deutschland darf der Völkerbund nicht eine Tribüne zur Vertretung der eigenen Interessen sein, sondern ein großes, menschliches Ideal. Und zu seinen großen internationalen Aufgaben gehört auch Palästina. Deshalb — so schließt Graf Bernstorft unter lebhaftem Beifall — habe ich, da die einzige politische Tätigkeit, die ich heute ausübe, in Genf beim Völkerbund liegt, mich auch mit voller Ueberzeugung in diese Arbeit für Palästina hineinbegeben, und solange ich dazu fähig bin, werde ich dabei mitwirken. Dr. Straus dankte Grafen Bernstorff besonders herzlich für dieses Versprechen, das wir Juden wohl zu würdigen wissen. Zum Schluß sprach Herr Kurt Blumenfeld, der zunächst der Versammlung die neuesten Nachrichten aus New York über das Gelingen der Marshall-Konferenz mitteiltei. Sodann wandte er sich an die Zweifler, die es auch in den Reihen der neuewonnenen Freunde gibt und die den wirklichen Sinn des alästina-Aufbaus noch nicht begriffen haben. Er wies darauf hin, daß in der Geschichte des Judentums geistige Erneuerangen möglich waren, weil die Kontinuität der Entwicklung nie unterbrochen war. Das ist heute vorbei. Der schneidende Luftzug der Moderne hat das Judentum völlig verändert. Gcblieben ist die Tatsache der jüdischen Menschen, aber alles, was Judentum ist, ist kontrovers. Man ersetzt das Judentum gern durch ein Bekenntnis oder einen geistigen Inhalt, aber diese Versuche sind künstlich und willkürlich. Nur das wirkliche Leben, das in Erez-Israei entsteht, wird der Boden einer jüdisehen Renaissance sein können. Denn dort mag es Mängel und Unzulänglichkeiten geben, neben dem Guten gehört auch das Böse zum Wesen aes irdischen Lebens, darum schrecken uns nicht einzelne Erscheinungen, die wir vielleicht anders wünschen; denn in Erez-Israel kann der Kampf für das Gute in legitimer Weise geführt werden, in der realen Welt, in einem Reich des Geistes, das nicht imaginär losgelöst ist von aller Körperlichkeit. in Palästina haben wir echte Erfolge, auch echte Niederlagen, wir gehen weiter in dem Bewußtsein, daß dort die Ant- Worten auf die jüdischen Fragen, die heute vor uns stehen, gegeben werden können. Das Palästina-Werk bedarf der Förderung durch die Mandatarmacht, vor allem aber der Stütze durch die Juden selbst. Alles können die Menschen, die dort vorn arbeiten, ertragen, nur nicht das Gefühl, von der Judenheit im Stich gelassen zu werden. Zum Schluß würdigt der Redner die Tatsache des Zusammenwirkens von Juden verschiedener Kreise und verschiedener Anschauungen innerhalb des Keren Hajessod und richtet einen eindrucksvollen Appell an die Versammlung, an der Sache mitzuhelfen. (Lebhafter Beifall.;

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