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Jüdische Rundschau · 1928-10-23 · Heft 84 (23.10.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 84 (23.10.1928)
Date
1928-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 23. Oktober 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 35 Richard Beer״Hofmann Zur heutigen Vorlesung in Berlin. Die von der Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina veranstaltete Vorlesung Richard Beer-Hofntanns, die heute abend in der Berliner Sezession stattfindet, ist ein literarisches und jüdisches Ereignis ersten Ranges. Die Renaissancebewegung eines Volkes ist nicht nur eine politische Angelegenheit, sondern eine organische innerliche Umformung, zu der das Volk mit allen seinen seelischen Kräften strebt. Dieses geistige Ringen, dieses Sichbesinnen auf verschüttetes Erbgut, diese Sehnsucht nach einem dem Wesen des Volkes gemäßen Leben, dieser Wille zur Gestaltung des eigenen, wiedereutdeckten Ideals findet stets seinen!wehsten Ausdruck in den Werken der Kunst. Die Künstler und Dichter sind es, die alle nationalen Bewegungen begleiten und beschwingen, sie sind die Interpreten der Volksseele. Deutlicher als in theoretischen Schriften oder politischen Formeln zeigt sich das Wesen und die Richtung einer nationalen Bewegung in den Kunstwerken und Dichtungen, die ihrer Sphäre entspringen. Auch die jüdische Nationalbewegung hat begonnen mit dem Wiedererwachen der hebräischen Literatur, an ihrer Wiege steht das befreite jüdische Wort, das aus den Fesseln einer starr gewordenen Tradition befreite Gefühl. Vielleicht kann man die moderne jüdische Bewegung datieren von Abraham Mapu's Roman ״Ahawath Zion“. In Westeuropa hat der Zionismus erst später Fuß gefaßt. Seine ersten Verkünder, seine Politiker sogar waren Dichter und Träumer. Zu Lebzelten Theodor Herzls und abseits vom Getriebe des politisehen Zionismus entstand das vollendetste Gedicht der jüdischen Renaissance, zugleich eines der schönsten deutschen Gedichte unseres Zeitalters: Richard Bcer-Hofmanns ״S c h 1 a flied für Mirja m“. Aus diesen Strophen strömt mit der Unmittelbarkeit musikalischer Offenbarung jenes dunkle und beglückende Gefühl, das die jüdische Verbundenheit der Generationen, die Erlösung aus der Vereinzelung durch die Gemeinschaft bekundet; die so heftig mit banalen Argumenter» aller Art umstrittene Frage, ob die Juden ein Volk sind, verschwindet ins Nichts angesichts der elementaren Wirkung dieser unvergleichlichen Verse. So ist das ״Schlaflied“ ein bleibendes Dokument eines großen geistigen Wendepunktes der jüdischen Geschichte, der Wiederbesinnung unserer Generation auf jüdische Zusammenhänge und Ziele. Es ist eines der köstlichsten Werke der jüdischen Nationalliteratur. Beer-Hofmann, der in einem langen Leben bisher wenig veröffentlicht hat und nur das Vollendetste der Veröffentlichung für wert hält, hat in der Folge seine ganze dichterische Kraft auf jüdische Stoffe konzentriert. Man könnte auch sagen: auf den jüdischen Stoff. Denn ״J a a k o b s Traum“ bedeu%t nichts weniger; als eine Gestaltung der metaphysischen Idee des jüdischen Volkes. Jaakob ist der von Gott Auserwählte, der mit Gott ringt und sich von seiner Mission nicht befreien kann. Die Sinndeutung der Jaakob- Geschichte ist gegeben: Für Gott gibt es in der Durchsetzung seines Willens keine Hindernisse, weder solche der Realität, noch die der menschlichen Ethik. Keine Verwicklangen des Menschenlebens stören den Zutritt der göttlichen Gnade. Israel, der Mensch und das Volk, müssen ihren Weg gehen und für Gott Zeugnis ablegen, für ihn leiden, alle Erniedrigung auf sich nehmen, um endlich der Erhöhung teilhaftig Verden zu können. In wundervollen Versen wird dieser tiefste nationale Gedanke des Judentums in ״Jaakobs Traum“ Gestalt. Dieses Werk von Formvollendung und Gedankentiefe, das aus zahlreichen Aufführungen und der Interpretation großer Künstler bekannt ist, bildet einen Prolog zur ״Historie von König David“, dem eigentlichen Vorwurf des Dichters. Seit vielen Jahren warten wir darauf, und nur ganz vereinzelt drangen kurze Bruchstücke in die Öffentlichkeit, als Boten des fortschreitenden Werkes. Jetzt erst scheint dem Dichter die Zeit reif zu sein, um einen größeren Abschnitt mitzuteilen. Die Wasser sind gesunken, die Taube bringt ein OelMatt, ein Zeichen, daß das Land, die Vollendung nahe ist. Es ist ehrenvoll für die F raue n a r b c i t sgemeinschaft für Palästina, daß sie cs ist, die diese erste Bekanntschaft mit dem Werke des Dichters vermittelt. ״Die Historie von König David“ bildet eine Trilogie. Der erste Teil heißt ״Der junge David“, der zweite ״König David“, der letzte ״Davids Tod“. Der Dichter hat es, wie er sagt, nicht für seine Aufgabe gchalten, die Erzählung der Bibel nachzudichten; gerade die bekanntesten Episoden der David-Geschichte sind in das Drama nicht aufgenominen, weil Beer-Hofmann der Ansicht ist, daß diese Motive ihre einmalige und vollkommene Gestalt in der Bibel selbst gefunden haben; diese Szenen sind durch die Ueberlieferung von Jahrtausenden in ihrer biblischen Fassung geheiligt und jedes verändernde Wort müßte gegenüber dem Originaltext schwach erscheinen. In dem Raum jedoch, den die Bibel ühriggclasseu hat, könne man eigene Dichtung geben. Das Leben und die Charaktere der Hauptfiguren werden aus dem Geiste der Bibel, die Beer-Hofmann jahrelang genau studiert, so vorgeführt, daß nichts, was iin Drama erscheint, nicht auch wirklich gewesen sein könnte. Dies ist der Sinn der Bearbeitung des biblischen Stoffes. Das erste Drama, ״Der junge David“, hat sieben Bilder: 1. An Rahels Grab, 2. Am Hofe Sauls in Gibca, 3. In Bethlehem, 4. An der Jordanfurt, 5. Auf dem Wege nach Aphek, 6. Die Höhen vo!t Gilboa, 7. Vor den Mauern Hebrons. Aus diesem ersten Drama wird der Dichter heute abend vorlesen. Wir hoffen, daß wir bald das ganze Werk in Händen haben werden und daß aucli die Aufführung nicht lange auf sich warten läßt. Es sei uns verziehen, wenn wir in diesen Blättern ein solches Werk nicht nur rein künstlerisch werten, sondern darin ein Geschenk an das jüdische Volk und einen Impuls unserer nationalen Renaissance sehen. R. W. Ein jüdischer Kinderkalender ״Jüdischer Kinderkalender.“ 1. Jahrgang. Herausgegeben von Emil Bernhard Cohn. 5689 — 1928,29. Jüd. Verlag, Berlin. Manchem mag es verspätet scheinen, nach Rosch Haschanah einen jüdischen Kalender anzuzcigcn. Mit Unrecht. Denn dieses Buch ist kein bloßer Kalender, wie wir ihn von den Wohltätigkeitsvereinen aller Schattierungen in mehr oder minder ansprechender Ausführung gewohnt sind. Gewiß, auch hier bildet ein Kalendarium mit bunter zum Teil recht glücklicher Bildverzierung die freundliche Einleitung. Aber eben nur die Einleitung. Denn dies Buch ist ein rechtes Kinderbuch, wie wir’s nicht haben und oft vermißten. Wir alle haben als Kinder bei den Kameraden Auerbachs Kinderkalender oft mit neidischer Sehnsucht gesehen, vielleicht auch geschenkt bekommen — da grünte der Weihnachtsbaum, wenn w׳ir Chanukkah feierten und die Osterglocken klangen, wenn wir Sederabend hielten. Diese sehr fühlbare Lücke in unserer ja überhaupt recht ärmlichen Kinderliteratur soll dies neue Buch ausfiillcn; deshalb beginnt seine ״Saison“ eigentlich erst, wenn man es zu Chanukkah oder zu Purim, den Festen der Kinder, einem jüdischen Kinde schenkt. Das Kinderpublikum wird damit zufrieden sein: da findet es Chanukkah- und Purimspiele, für jugendliche Schauspieler erdacht, die schöne Legende vom ״König Salomo und dem Sehamir“ in neuem Gewände, die von Fritz Kahn prachtvoll erzählte Lebens- und Leidensgeschichte des jüdischen Erfinders David Schwarz. Daneben aber auch Anweisungen, wie die Mädchen eine Sabbatdcckc sticken und die Knaben eine Menorah anfertigen können und anderes mehr. Bcsonders ergiebig erscheint mir der Gedanke, die ״Bible-Games“, wie die englischen Kinder sie lieben, hierher zu übertragen ״Frag mich was aus der Bibel“ — wobei freilich der Frager seine Fragen manchmal nicht eben glücklich gewählt hat. Was soll hier z. B. das tmislriltcnc unbekannte ״tcuschitischc“ Weib, das wohl heut allgemein der Zipporah glcichgcsetzt wird? Ueberhaupt muß man dein vielseitigen und begrüßenswerfen Buche, gerade weil es ein neuer Versuch ist, manchen Mißgriff zugute halten. So würden wir ohne Gram den ״Brief von David Minsker an Jonailian Pinsker" hier vormissen. Auch manche Reime zu der zeichnerisch sehr gelungencn S t r i c 11 b i b e I scheinen uns hier fehl am Ort. Dagegen führt z. B. der Bericht über die wandernde jüdische Jugend mit schönen Bildern und eindringlichen Bcgleitwortcn von der Kadimali und den jüdischen Pfadfindern zu dem Kinderdorfe Ben Schemen, seiner Saat und Ernte und seiner Selbstverwaltung in ,,Arbeit, Freiheit und Gemeinschaft ‘. — Dem schönen Versuch ist eine gedeihliche Nachfolge im nächsten Jahre, zu wünschen; und dem unermüdlich tätigen Manne, der linier vielfachen Masken bis jetzt fast den gesamten Inhalt des Buches bestritten hat (eine gewisse Familieniihnüehkeit zwischen Emil Cohn, Emil Bernhard, Onkel Josua Witzmacher und anderen ,Mitarbeitern ist kaum zu verkennen), ist ein Stab von jugendlichen Mitarbeitern zu wünschen, die ihm bei der Ausführung seiner oft glücklichen und fruclitbaren Gedanken zur Seite stehen. Bath-Hillel. Berliner Ausstellungssireife Bei N c 11 m a 1111 - N i crendorf stellt Käthe E p 11 r a - i m - M a r k 11 s (Breslau) aus. Line sehr erfreuliche Bcgegmmg. Bisher war sic mir durch ihre Kinderköpfe einer weiteren Oeffeutlichkeit bekannt. Ein Aquarell, museumsreif, zeigt auf diesem Gebiet nahezu Klassik in der Kontur. Gut gesehen, farbenfrisch, lebendig und mit dem Gefühl für die leichtere Lebensluft von Paris erfreuen besonders ihre Pariser Stadtbilder. Das Leichte, Farbige, die Cafchaustische auf der Straße, die Fahnen als Symbol für ein Volk, das leichter Feste feiert als die schwerfälligeren Nachbarn, das Feuchtfrische eines Frühlingstages, Bänke in der Proletariergegend, das Wesentliche eines Stadtviertels wird von ihr gut gesehen und interessant wiedcrgegeiien. Auch als Gestalterin leistet sie sehr Beachtenswertes.' Ein kleiner Junge mit Katze, die Augen ebenso schmal wie bei der Katze, ist richtig aus der Kinderpsychologie' erfaßt. Die Katze hält er so ungeschickt verkehrt wie das fast alle Kinder tun und nur die Kinder. Ausgezeichnet gemalt und dargestellt ist auch ihr Gemälde: Kinder am Fenster. Die Große zeigt augenscheinlich eine Münze zum Fenster hinaus, das Kleine schläft aufgedeckt: auf ihrem Schoß. Die Nase rot, die prallen Backen brennend vor Gesundheit, der ganze Kinderkopf ein wenig mongolisch wie ein Japanerkind. Ein ״Mulaltenmädclicn“, eine kleine Topsy, die Figur aus dem unsterblichen Kinderroman Onkel' Toms Hütte, die Bluse rot, der kaffeebraune Kopf schräg geneigt, vital mit vollen roten Lippen, der trotzige Wollkopf sind schon mehr als Versprechen. Diese ״Mulattin“, das Katzenbild und ״die Kinder am Fenster“ sind schon Erfü Hungen, ein reifes Talent, ein guter Weg. * In der Sezession: ״Humor in der Malerei“, ^tßcrordentlich reich beschickt von jüdischem Humor in jüdischer Kunst, eröffnetc am gleichen Tage wie die große Jurvfrcic. Sie ist veranstaltet von S. Margulies, dem Leiter der Neuen Kunsthandlung; und ich sprach von ihr gelegentlich der Würdigung des Malers Arno Nadel. Die jüdische Kunst ist nahezu vollzählig vertreten, von Rahe! Szalit bis Barcvnsky, der übrigens Rahel Szalit in der epischen Breite und im versteckten Humor seltsam ähnlich ist. Auch ein Wiener ist dabei, der eben nach Berlin iibersiedeltc Zeichner Zwi Sußmann, aus dessen jüdischem Vornamen ein Fleinrieh wurde. Scharf profiliert, schwarz (Tusche) mit viel runden Linien, ist diese Zeichnerhandschrift dem Gesichtsausdruck ihres Urhebers überraschend ähnlich. Ueber dies gar nicht so selten beobachtete Phänomen wäre manches zu sagen. Eine Humoraiisstellung ist aufschlußreicher als Ausstellungen sonst. Humor entschleiert. Deutlich zeigt es sich, was echt ist und inwieweit oder wie tief die Assimilaton vom Wesen des Menschen und Künstlers Besitz ergriffen hat. Der Reiter Novelle von Ludwig Strauss (Nachdruck verboten) I. Fortsetzung. Am Abend fand der Oheim den Naftali mit abgeworfenem Kittel im durchschwitzten Hemd, die Haare in klebenden Strähnen, das Gesicht zusammengezogen von schmerzlicher Anstrengung, vor der Tafel. Er wußte alle Buchstaben zu schreiben lind zu lesen, langsam zwar und plump und ohne ihren Zusammenhang mit den Wörtern zu verstehen. Als der Lehrer ihn lobte, löste er sich aus der gewaltsamen Spannung und brach in ein Weinen aus, das spät erst zu dämmen war und mit Stößen von Schluchzen in den " Tlaf nachzuckte. Nach dieser Probe erhoffte der Oheim Großes von dem späten Anfänger, verbarg jedoch Ueberrasehung und Erwartung vor Naftali mit Sorgfalt. Er gab ihm fortan keine andere Arbeit als die des Lernens, die aber lenkte er mit Härte und Strenge, denn es dünkte ihn schmachvoll, daß ein Schüler von solchen Gaben und Trieben soweit zurück hielt, und er brannte vor Ungeduld, den Neffen bald mit Ehren zeigen zu können. Naftali lebte, wem', er nicht beim Essen war oder im Bethaus, einzig in seiner engen Stube. Ueberfiet ihn die Lust nach der Weite, nach Steppe und Himmel, so sprach er laut wie Beschwörung die Worte des Buchs, an denen er eben hielt, und verflaramte in sie die Sehnsucht, die ihm verboten schien. Schmerzte ihn der Kopf vom unablässigen Bemühen und begehrte sHn Leib auszuruhn in der stillen Arbeit an Vieh lind Gerät, so malte er mit wachsender Kunst die Buchstaben hin, wandelnd den Umriß der Dinge, der ihm versagten Frieden barg, in die Form der Zeichen, die das Unfaßbare bedeuteten. Hockte er neben dem Oheim, Neues lernend, unzufrieden mit sich, daß er es noch nicht meisterte, so geriet ihm in das Wiegen der Glieder, das die Gedanken vorwärts schaukelte, wie ers c. m Lehrer absah, ein jäher, heftiger Schwung; er warf sich auf den Rücken des Worts wie in den Sattel, saß mit gespreizten, gespannten Schenkeln und zügelnder Hand, und wie im Wettreiten steigerten sich wechselseitig Eifer des Schülers und Forderung des Lehrers. Als endlich Naftali reif befunden war für die hohe Schule des Talmuds, ging er auch dort nicht ruhigeren Weg. Jüngere fand er da, die nach zeitigem Beginn ihrer Schulung ihm weit voraus waren. Das Rennen ging fort, nun mit den Kameraden um die Wette und nach wenig Jahren nicht mehr nur mit der Forderung des Lehrers, sondern mit dem Lehrer selbst, welchen er denn an Wissen und Verstellen übereilte, wie er Jene übereilt hatte. Wenig mehr als zwanzig Jahre alt. hielt er selber öfters im Bethaus deutende Predigt. Mit kräftigem Bart, die Augen fest, strenge und dunkler geworden, Antlitz, und Glieder mäßig gerundet, sah er männlich und würdig aus weit über sein Alter und wußte mit Anstand den Ruf seiner hohen Gelelirsamkeit zu bestehen, der weit über das Städtchen hinaus erscholl. Deckte er mit der immer noch rauhen, doch schon geschmeidigten Stimme verborgene Ordnungen der Lehre auf, schied das Benachbarte, band überraschend das Ferne, so sali er wohl innen frohlockend die Hörer mit Augen aufleuchten, einen Finger heben, nicken und die Bärte sich streichen, hörte mit Behagen ihr ״ah“ und ״hm“, allein sein Gesicht blieb ernst und fern über dem heimlichen Genuß seiner Ehre. Wonne aus Augen, Wangen und Lippen strahlend aber kostete der Oheim den Ruhm des Schülers, der endlich seinem Hause zur wünschenswertesten Verbindung half. Der Rabbi der Hauptstadt Polens verlobte seine Tochter dem jungen Gelehrten, und im Geleit der Sippe, die ihn wie einen Bettler einst aufgenommen hatte, nun ihr Stolz, reiste Naftali nach dem neuen Wohnort. 111. Kapitel. Unterwegs hatte Naftali mehr, an künftige Tätigkeit und Ehre gedacht als an die Braut, die er nicht einmal im Bilde gesehen hatte. Streifte sie aber sein Gedanke, so erschien sie der immer zarten und gebrechlichen Mutter ähnlich. Als er sie dann völlig anders sah, ein tüchtig blühendes, heiteres Gc• schöpf, nahm er sie ohne tiefem Anteil als die ihm zugewiesene Gefährtin hin. Er stillte in Scheu an ihr sein Blut, dessen Wallung er vordem strenge niedergehalten hatte, er achtete sie und dankte ihr, daß sie ihm Kinder gebar. Gespräch geschah wenig zwischen ihnen, wie er auch sonst in Worten karg blieb, die nicht Worte der Lehre waren. Fr sammelte Schüler um sich, die ihn bewunderten. Er breitete durch Rede und Schrift seinen Ruhm aus. Alle um ihn, auch den Vater der Frau, überragte er hoch a!1 Geist wie an Körper. Ging er durch die Straßen, so beugte sich das Volk ehrfürchtig grüßend, und er, in sammetnen Mantel und Pelzmütze immer sorgsam gekleidet, nickend mit kühler, ernster Freundlichkeit, maß die Schritte, die noch oftmals ihm allzu schnell und weil geraten wollten. Daheim grub er in Schriften und Gedanken, die ihm wenig Widerstand mehr boten, Gänge der Erkenntnis; sie kreuzten sich, mündeten ineinander, schienen endlich alle in einen tinentwirrbaren Zauberkreis geschlossen, in dem der Suchende immer wieder die eigene Spur fand. Er wußte, daß er weiter steigen würde an Macht und Geltung, aber das gab ihm keine Ruhe noch auch mehr den Antrieb, der ihn bisher durch Mühsal um Mühsal zur Hölle gehetzt hatte. Manchmal erschien ihm der zuckende Leib des Tiers, das ihn auf seiner Flucht getragen hatte, wie es hei den ersten ruhigeren Tritten zusammengebrochen war, und er fühlte: die eigenen keuchenden Glieder wollten so versagen. In wachsender Angst suchte er zaubcrische Macht zu erwerben, um sich zu retten wider den Zauber, von dem er sich umstellt fühlte. Aber die Formeln, aus verborgenen Schriften gelesen und aus offenen erdeufet, rannen machtlos von den zitternden Lippen, und wenn die Hand, um den Kiel gepreßt, die magischen Zeichen aufs Pergament gezogen hatte, begab' sich nichts als der gewohnte Ablauf des Tags. Horchte daun Naftali auf und gewahrte, wie die Uhr in der Stube forttickte, ein Schritt auf der Stiege ging, draußen ein Wagen rollte, so drängte es seinen Arm, mit Gewalttat den Gang der Begebenheiten auf/nhalten, der ihn verhöhnte. So oft bissen seine Lippen sich aufeinander, daß ihre Fülle nach innen sich verschob und der Mund schmal und gespannt erschien, Manchmal gönnte er seiner Unruhe

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