Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-10-23 · Heft 84 (23.10.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 84 (23.10.1928)
Date
1928-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653044--20327-2678295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 588 J U E DI SCH E RUNDSCHAU Nr. 84, 23. X. 1928 Pr. Scinnnrja Löwin hielt eine zündende 110bräinehe Ansprache. Smilinnsky sprach jiddisch. Auch Louis Lipskv, der Präsident der amerikanisehen Zionistischen Organisation, und Harry Sae, 11 er hielten Ansprachen, die tiefen Nachhall weckten. * Soweit aus den telegraphischen Nachrichten, die uns kurz vor Redaktionsschluß erreichen, zu entnehmen ist, war die Marshall-Konferenz in New York eine grandiose Kundgebung für den Gedanken des Jüdischen Nationalheims in Palästina und darüber hinaus für die Idee der jüdischen Einheit. Es war der Wille der Vcrsammelten, daß von nun an die Arbeit für Palästina gem e i n s a 111 geführt wird von denen, die bisher schon in der Zionistischen Organisation organisiert waren, und den anderen, die sich ״Nichtzionisten“ nennen, obwohl die Problematik dieser Nomenklatur ihnen selbst offenbar scheint. Denn die Ziele der praktischen Arbeit, die in New York aufgestellt wurden, unterscheiden sich wohl kaum von zionistischen Zielsetzungen. Eine halbe Million jüdische Ansiedler in den nächsten 20 Jahren in Palästina unterzubringen, dies ist ein Programm, das die Anstrengungen der geeinten Judenheit wert ist. Die Schwierigkeiten, die sich aus dem Bericht der Joint Survey Commission zu ergeben schienen, sind vielleicht noch nicht restlos beseitigt, haben aber doch ihre Schärfe verloren. Denn aus dem Verlauf der New Yorker Konferenz ist klar geworden, daß auch die Nichtzionisten diesen Bericht keineswegs als unveränderliche Marschroute auffassen, sondern daß sie den -Willen haben, mit der Zoinistischen Organisation, die ihre Einwände in den Berliner Beschlüssen formuliert hat, zu einer Einigung zu kommen. Selbstverständlich werden auch weiterhin Meinungsverschiedenheiten über Fragen des Aufbaus Palästinas bestehen, aber nicht nur zwischen Zionisten und Nichtzionisten, sondern auch zwischen Zionisten und Zionisten. Diese Differenzen werden im Leben ausgekämpft werden und sind durch keine Formel zu beseitigen. Ihrer ungeachtet gibt es ein gemeinsames Werk, um dessenwillen die Kräfte zusammengefaßt werden müssen. Die New Yorker Konferenz gibt die Hoffnung, daß wir vor einem großen Aufschwung der Arbeit für Palästina und in Palästina stehen. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man einen großen Teil des Verdienstes an der Ueberbrückung der Gegensätze und an der loyalen Haltung der Beteiligten auf Dr. Weizmanns persönliche Bemühungen zurückführt. Bei diesem Anlaß, der eine bisher noch nicht dagewesene konkrete Tatbereitschaft für Palästina bei Juden, die früher unsere Gegner waren, enthüllt, muß der ungeheuren Leistung gedacht werden, die Dr. Weizmann in den letzten fünf Jahren vollbracht hat, unbeirrt von allen Hindern'ssen und Widerständen, die wichtigsten Kreise des amerikanisehen Judentums für unsere Sache zu gewinnen. Diese Arbeit war erfolgreich, weil die Realität des werdenden Palästina und des allen Entbehrungen trotzenden Lebenswillens des jüdischen Volkes mithalf. Vielleicht wird von der New Yorker Konferenz, die im Zeichen Palästinas die jüdische Einigkeit verkündete, eine neue Epoche der jüdischen Entwicklung unserer Zeit anheben. Die Verbauung der Klagemauer Jerusalem, 19. Oktober. (J.T.A.) Die Araber fahren fort, die Klagemauer zu verbauen. Die Bauarbeiten, die sich bisher auf die obersten Teile der Mauer beschränkten, werden jetzt an der linken Planke der Mauer fortgesetzt■ Der Waad Leumi (Nationalrat der Juden Palästinas) hielt eine Sitzung ab, in der über Maßnahmen zur Abwehr des arabischen Streiches beraten wurde. Die Versammlung verlief sehr stürmisch. Ussischkin setzte sich für die Ergreifung radikaler Maßnahmen ein, um eine Einstellung der Bauarbeiten zu erwirken. Jabotinsky, der zum erstenmal seit seiner Wahl zum Mitglied des Waad Leumi an einer Sitzung teilnahm, bestand darauf, daß der Waad Leumi unmittelbar mit der Londoner Regierung und dem Völkerbund in Genf in Verhandlungen treten solle, ohne sich der Zionistischen Exekutive als Mittler zu bedienen. Diese direkte politische Tätigkeit mit London und Genf soll eine permanente werden. Es kam zu keinerlei Beschlüssen. Am Sonntag, dem 21. Oktober, tritt der Waad Leumi wieder zusammen, um endgültige Beschlüsse zu fassen. Die Exekutive an den VSIkerbnnd Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat im Zusammenhang mit den Ereignissen an der Klageimfher in Jerusalem am Versöhnungstage dieses Jahres dem Völkerbund durch Vermittlung des High Commissioners von Palästina anläßlich der am 26. Oktober beginnenden Sitzung der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes eine Petition überreicht. Die Exekutive wird ferner der Sitzung der Permanenten Mandatskommission im Juni 1929, die sich mit Palästina befassen wird, ein Memorandum überreichen, in dem in größerer Ausführlichkeit unter Darlegung der geschichtlichcn Verknüpfung der Judenheit mit der Klagemauer und unter Erörterung der Bestimmungen des Mandats über die heiligen Stätten die ganze Frage behandelt werden soll. Wi9 verlautet, wird die Frage der Klagemauer demnächst im britischen Unterhaus durch Kennworthy (Labour Party) zur Sprache gebracht werden. Leib Jaffe beim Sejmpräsidenfen Daszynski. Der Direktor des Keren Haiessod in Jerusalem, Leib Jaffe, wurde vom Sejm-Marschalik und Führer der Sozialdemokratie D a s z i n s k i empfangen. Jaffd informierte Daszynski über die gegenwärtige Lage itn Zionismus und in Palästina. Der Scjm-Marschalik zeigte großes Interesse für die zionistischen Probleme und ließ sich über die Einzelheiten in ausführlicher Weise berichten. Warum schweigt Gorki? Der Kampf gegen die hebräische Sprache in Sowjetrußland. Von Bcnzion Katz. In letzter Zeit hört man immer wieder von Verfolgungen, denen die hebräische Sprache in Sowjefrußiand ausgesetzt ist. Die Sowjetregierung versucht aber die öffentliche Meinung Europas zu täuschen, indem sie behauptet, daß sic unschuldig sei und daß die betreffenden Mitteilungen eine böswillige Verleumdung darstellen. Lunatscharski äußerte sich in einem Interview dem Professor S. Zeitiin aus Philadelphia gegenüber (der sich zurzeit in Sowjetrußland befindet), daß ״die Sowjetregierung gar nichts gegen die Gründung liebriiischer Schulen in Sowjefrußiand durch Juden habe“, und daß ״auch er, Lunatscharski, persönlich bereit sei, diese Bemühungen zu unterstützen, da er den Wert der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache sehr hoch schätze“. Man hat auch dem Korrespondenten der J. T. A. halboffiziös mitgeteilt, daß die hebräische Sprache im Räteverbande gar nicht verboten sei; als Beweis dafür wurde angeführt, daß in Bobruisk eine hebräische orthodoxe Zeitschrift unter dem Namen ״Jagdil Tora“ erscheint und daß auch, vor kurzem in Charkow eine Sammlung hebräischer Lieder von Benzion Fradkin veröffentlicht wurde. Auch die Tatsache, daß die Gruppe ״Bereschit“ in Rußland legal existiert und daß iiir erstes Sammelbuch von der Sowjetzensur nicht beanstandet wurde und in Sowjctbuchhandlungen verkauft wird, wurde als Beweis für die Toleranz der Sowjetregierung der hfcbräischen Sprache gegenüber angeführt. Man wies schließlich den Korrespondenten darauf hin, daß in der Moskauer Lenin- Bibliothek jedermann hebräische Bücher erhalten kann, daß Hebräisch ein Lehrfach der Moskauer Universität bildet und daß diejenigen, die Judaica studieren, eine Prüfung im Hebräischen abiegen müssen. Also, behauptet die Sowjetregierung: Alles sei pure Lüge und Verleumdung, was über irgendwelche Verfolgungen des Hebräischen verbreitet wird. Ist es denn möglich, daß die hebräische Sprache verfolgt wird, wenn der Kommissar für Volksbildung in Sowjetrußland selbst den Wert der hebräischen Sprache in hohem Maße anerkennt? Auf diese Weise versucht die Sowjetregierung ihren Kritikern Sand in die Augen zu streuen! Denn sie ist gezwungen, sich irgendwie vor der öffentlichen Meinung der Welt z.u rechtfertigen, da erst vor kurzem die Tatsachen bekannt wurden durch die Denkschrift, mit der sich die illegale Konferenz der Tarbut-Organisation an Maxim Gorki gewandt hat. In Wirklichkeit wird die hebräische Sprache nach wie vor verfolgt. Es gibt in Sowjetrußland eine große Menge von Märtyreridealisten, die trotz der größten Gefahr alles mögliche tun, um die Kenntnis der hebräischen Sprache unter der Jugend zu verbreiten und für diesen Zweck sich selbst zu opfern bereit sind. Das Memorandum der Tarbut-Organisation ist mit Tränen und Blut geschrieben. Die Vertreter der illegalen Organisation erzählen, daß es keinen einzigen Mensehen in U. S. S. R. gibt, von dem sie Hilfe in ihrem Kampfe für die hebräische Kultur erwarten könnten. Wer es nur wagt, sich über die Verfolgungen zu beschweren, wird früher oder später verbannt. In dem!Dokument werden tragisch-komische Tatsachen mitgefeilt; so z. B., daß sogar die Schriften von Scholem Aleichem und Mendele in hebräischer Sprache nach Rußland nicht hereingelasscn werden, und daß sie sich auch nicht in den Volksbibliotheken befinden dürfen. Es gibt in Sowjefrußiand keine Schule, in der man Hebräisch lernen dürfe, und sogar die Privatlehrer der hebräischen Sprache werden verfolgt. Die Anhänger der hebräischen Sprache wenden sich nun an Gorki mit der Bitte, er möchte den Kampf gegen die Verfolgung der hebräischen Sprache aufnehmen und für die gerechte Sache eintreten. war doch Gorki immer ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Humanität! Nun soll er auch in diesem Falle seine Stimme erheben. Vorläufig aber schweigt Gorki. Mit keinem einzigen Worte hat er sich zu dieser Sache geäußert, ln seinen Interviews hört er nicht auf, sich in Lobeshymnen über Sowjetrußland zu ergehen, und findet kein einziges Wort der Kritik, obwohl er selbstverständlich sich dessen bewußt ist, daß in diesem Falle ein Verbrechen gegen eine Sprache und eine alte hohe Kultur verübt wird. Wir kennen Gorki seit langer Zeit und wir wissen, daß er keineswegs Gegner des Hebräischen ist. Er interessierte sich sogar ehemals stark für die hebräische Literatur, wollte verschiedene Werke hebräischer Schriftsteller übersetzen, und er selbst äußerte sich mir gegenüber lobend über ״Arie Baal Guf“ von Bialik und hatte die Absicht, die russische Uebcrsetzung dieses Werkes in einem Sammclbuche zu veröffentlichen. Gorki hat auch von Anfang an die ״Habimah“ unterstützt und kämpfte für sie gegen die Jewsekzia: nur dank seinen Bemühungen hat Lenin seinerzeit die Unterstützung der Habimah sanktioniert. Auch hat sich Gorki für Bialik u. a. verwendet, damit sie die Möglichkeit hatten, Sowjetrußland zu verlassen. Er hat Lenin überzeugt, daß hebräische Schriftsteller, die nicht die Möglichkeit haben, in Rußland tätig zu sein, das Recht haben müssen, in ein anderes Land zu gehen. Aber alle diese Bemühungen Gorkis waren privater Natur: nie hatte er den Mut, öffentlich für die hebräische Sprache aufzutreten. Ist ihm das Prestige der Sowjetregierung wertvoller als Wahrheit und Gerechtigkeit? Asch erzählte, er hatte auf Grund einer Unterredung mit Gorki den Eindruck ge- Wonnen, daß Gorki ein tiefes Verständnis für die Bedeutung der alten jüdischen Kultur und für die Ungerechtigkeit ihrer Verfolgung hat. Dennoch schweigt Gorki. Es scheint, als ob statt seiner nun Lunatscharski die Sowjetregierung zu rechtfertigen versuchte. Auch Lunatscharski kennen wir schon lange. Er ist wandelbar. Anfangs war er nicht Gegner der hebräischen Sprache, aber als die jüdischen Kommunisten ihm sagten, Hebräisch sei vom Standpunkte der kommunistischen Lehre zu verwerfen und eine konterrevolutionäre Sache, stimmte Lunatscharski ihnen bei und verbot die Tarbut-Sehtiien. Als der Moskauer Rabbiner M a s e dann zu ihm kam und ihn zu überreden versuchte, erkannte Lunatscharski an, daß Hebräisch eine alte Kultursprache ist und daß er nichts an ihr ausztisetzen vermag. Er hat aber seine schönen Versprechungen nicht erfüllt und die jüdischen Kommunisten haben schließlich gesiegt. Nur in bezug auf das Theater ״Habimah“ haben sie sich bei Lunatscharski nicht durchsetzen können, weil Gorki, der einen Einfluß auf Lenin hatte, auf der Seite der Habimah stand. Lange gab Lunatscharski der Jewsekzia kein Gehör, die nicht zulassen wollte, daß die Habimah zu den f* Berliner Zionistische Vereinigung Am Sonnabend, den 3. November, abends 1,-9 Uhr, im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrats, Bellevuestraße 15. Vortrag von Kurt Blumenfeld Thema! ״Jüdische Entwicklung und zionistische Aussichten״ fl... ■WH ........ akademischen Theatern gehört. Aber als Gorki sich bereits im Auslände befand und Kamenew, der für die Habimah eintrat, seinen Einfluß verlor, erklärte Lunatscharski eines schönen Morgens, daß die ״Habimah“ nicht mehr zu den akademischen Theatern gehört und versetzte ihr damit den Todesstoß. Eine objektive Ursache gab cs nicht für diese Entscheidung: die ״Habimah“ ist die alte geblieben, nur ihr Verteidiger War nicht mehr an Ort und Stelle, und nun tat Lunatscharski alles, was die Jewsekzia von ihm verlangte. Jetzt ist Gorki wieder in Rußland und wir hören bereits wieder aus dem Munde Lunatscharskis, daß er die hebräische Kultur und Sprache sehr hoch schätzt. Er behauptet sogar, daß die Sowjetregierung nichts gegen die Gründung von hebräischen Schulen in U. S. S. R. habe und daß er selbst sie unterstützen würde. Was heißt aber denn de facto, daß luden hebräische Schulen gründen dürfen? Sind denn überhaupt Privatschulen in Sowjefrußiand erlaubt? Es ist wahr, daß das Gesetz erlaubt, auf Kosten der Eltern von der vierten Klasse an und weiter in den Mittelschulen Hebräisch zu unterrichten. Aber dies Gesetz hat niemals praktischen Wert erhalten: in der Wirklichkeit ist es weder erlaubt noch sind die Eltern imstande, auf eigene Kosten den Unterricht der hebräischen Sprache zu ermöglichen. Die jüdischen Schulen aber sind geschlossen, und die Kompetenz der Gemeinden bezieht sich nur auf religiöse Angelegenheiten. Und wenn es auch nach dem Gesetze zulässig ist, für diejenigen, die älter als 18 Jahre sind, Kurse der hebräischen Sprache einzurichten, so hat dies Gesetz auch keine praktische Bedeuiung. Denn die Jewsekzia gestattet niemals die Errichtung solcher Kurse, und nicht nur in der Provinz, sondern auch in der Hauptstadt Moskau gibt es keine einzige sotche Einrichtung, da man es immer wieder versteht, irgendeinen Grund zu finden, um das Gesetz nicht zur Geltung kommen zu lassen. Dasselbe geschieht auch in bezug auf die Veröffentlichung hebräischer Bücher. Man erlaubt dann und wann das Erscheinen einer orthodoxen Zeitschrift, die Drucklegung einer rabbinischen Schrift, weil man damit beweisen will, daß man die jüdische Religion nicht verfolgt und daß sie sich nicht in einer Ausnahmestellung befindet, ln anderen Sprachen, darunter auch in Russisch und Ukrainisch, erscheinen doch viele religiöse Zeitschriften, — nun will man auch den Juden einen Knochen hinwerfen. Aber zu gleicher Zeit wird nicht erlaubt, ein hebräisches Sammelbuch für Schriften weltlichen Inhalts herauszugeben. So z. B. haben die wenigen noch in Rußland übriggebliebenen hebräischen Schriftsteller vor kurzem der Sowjetzensur (dem ״Glawlit“) ein Sammelbuch historisehen Inhalts, der mit Politik nichts zu tun hat, vorgelegt, und trotz aller Bemühungen wurde die Veröffentlichung dieses Sammeibuches nicht erlaubt. Noch weniger kann von der Möglichkeit, hebräische Lejirbiicher in Rußland zu veröffentlichen, die Rede sein. Ist es denn möglich, daß man die hebräische Sprache hochschätzt — wie aas Lunatscharski von sich behauptet — und daß man dabei kein einziges Lehrbuch zu drucken erlaubt? Ist das nicht Heuchelei? Sogar die Gruppe der hebräischen Schriftsteiler ״Bereschit“, die halbkommunistisch sind, hat viel von der Jewsekzia zu dulden, und vor einiger Zeit protestierte sie gegen diese Verfolgungen. , Es kann keine Rede sein von Hoclischätzung der hebräischen Literatur, wenn es notwendig ist, eine Erlaubnis zu bekommen, damit man ein hebräisches Buch aus der Bibliothek erhalten kann, in der ganzen Welt gibt es nicht ähnliche 111quisitionsmaßnahmen gegen eine Sprache. Es wird uns als etwas Außergewöhnliches erzählt, daß es auf der Universität eine hebräische Abteilung gibt. Ist es denn unbekannt, daß noch Nikolaus I. auf der Universität eine. h.ehfä!sche Abteilung gegründet hat? Weder in Sowj^tmßland nfeth Irgendwo ätidets kann dieses als eine besondere Gunst gegenüber der hebräischen Sprache aufgefaßt werden. Gorki schweigt und Lunatscharski spricht! Lieber sollte auch Lunatscharski schweigen! Er sollte sich scheuen, unwahre Behauptungen in die Welt zu setzen. * Was Lnnalscharski letzt sagt Für den russischen Schmelztiegel Moskau, 18. Oktober. (J.T.A.) Der Volkskommissar für Volkserziehung, Lunatscharski, hielt in Leningrad eine Rede gegen den Antisemitismus. Laut einem Bericht der Lcningrader Zeitung ״Krassnaja Gazetta“ soll Lunatscharski u. a. folgendes gesagt haben: Die Lösung des jüdischen Problems in Rußland kann nur in der Weise geschehen, daß die Juden in den großen S c hm e I zti e g e I der die Ränder der Sowjetunion bewohnenden Völker kommen und sich mit ihnen vermischen. Diejenigen Angehörigen der jüdisehen Bourgeoisie, die Sowjetrußland zu verlassen wünschen, um sich nach dem Judenstaat von Englands Gnaden zu begeben, mögen nur gehen. Wir aber wollen es nicht gestatten, daß man hier Schulen für die tote hebräische Sprache eröffnet. Auch die ״Sclmeersohnowschtschina“ (gemeint sind das religiöse Werk und die Richtung Rabbi Schneersohn’s, des aus Rußland ausgewanderten ״Lubawitscher Rebbe“), dieses Ueberbleibsel des Mittelalters, werden wir nach wie vor bekämpfen; unser Ziel ist und bleibt die Verschmelzung aller Völker. Den Angehörigen des jüdischen Proletariats und der jüdischen Intelligenz wollen wir unsere Bruderarmc öffnen. Rücktritt Dr. Ralperns Vom Zentralbüro der Zionistischen Organisation in London wird mitgeteitt, daß Dr. Georg Ha Ipern am 1. November aus seinem Amte als Geschäftsführender Direktor der Jewish Colonial Trust scheidet. Dr. Haipern, heißt es in dieser Mitteilung weiter, hatte bereits wahrend des 15. Zionistenkongresses den Wunsch ausgesprochen sein A״^ niederzulegen, aber dem Ersuchen des Direkte .!ms, bis _ar Erledigung gewisser laufender Angelegenhekeh im Amte zu verbleiben, stattgegeben. Dr. Haipern verbleibt weiter Mitglied des Direktoriums des Jewish Colotiial Trust und der Anglo- Palästine Company. m Mit Haipern scheidet eine umstrittene Persönlichkeit aus der führenden Position der zionistischen Finanzpolitik aus. Haipern wurde 1921 auf dem 12. Kongreß in den Finanz- und Wirtschaffsrat der Zionistischen Exekutive gewählt und. übernahm gleichzeitig die Leitung des J. C. T. Er hat in diesen Jahren an den Arbeiten der Exekutive, insbesondere auf dem Ckblet der Finanz- und Wirtschaftspolitik regsten Anteil genommen. Vor einigen Jahren trat er mit einem Progtamrn der Industrieförderung hervor als einer der eifrigsten Vorkämpfer des Gedankens, daß nur industrielle Entwicklung Palästinas die Vorbedngungen für eine größere Einwanderung schaffen könnte. Halperns An- Behauungen wurden von den Arbeiterparteien scharf bekämpft. Aber auch seine politischen Gegner liatten stets Resptkt vor Halperns Klugheit und zionistischer Haltung. Wenn Falpem jetzt sein Amt niederlegt, so scheidet er damit natürlich nicht aus dem zionistischen Leben aus, mit dem er untrennbar verbanden ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.