Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1928)
- Date
- 1928-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mit UntcrhaHungs-Beilage Einzelnummer 0,23 Gotdmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,-— Goldmark, Yierteljlhrlich 5,75 Goldmark. Anslandshbofificmtiit« werden 1a der Wihrvaf der eisselaeti Linder berechnet. Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m. b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oeiterreidi: Po U iparketienajat Wien« Koato Nr. 156030. Für T*checho»lowakei; Pottsparkasteoftint Pr*g, Konto Nr, 59 410. Für Polen: Po«t»park**ae!»aa»t Warrebeu, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 84 | Berlin, 23. X. 1928 A&seigeaprait! 8 gMptltNonpereUleieHe 0,50 G.-M. $teUea£e«*ehe 0,25 G.-M. AmeigeasehlttS: D i e b s t c g 8 8 d brcit»gnaehmiU»g» 4 Uhr. ט׳ מרהשון, יזרס״ם | xxxm. Jahrg. Dar Zionismus erstrebt für das JOdlscbe Volk sile Schaffung einer dffentlleb - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*• Glänzender Verlauf der Marshall-Konferenz Die Krawalle in Budapest Keine Juden ״ Immatrikulation — Minister Klebelsberg greift ein — Die Antisemiten brauchen Gewalt — Stra^enexzesse ־— Viele Verwundete — Technische Hochschule gesperrt Für Einigkeit und Aufbau Reden Marshalls, Monds, Warburgs, Weismanns - Sachliche (Jeberelnstlmniang mit den Berliner Be- Schlüssen—Begeisterung für Palästina und Agency— Eine halbe Million Ansiedler in 20 Jahren New York, 22. Oktober. (J. T. A.) Am Sonnabend, dem 2. Oktober, abends, begann im Ambassadore-IIotel in New York die Konferenz der amerikanischen Nichtzionisten mit dem Ziele, über die Er- Weiterung der im Palästina-Mandat vorgesehen״» Jewish Agency sowie über die Aufstellung eines Planes und eines Bndgets für den Palästina-Aufban zn beraten und Beschlüsse zu fassen. Zu den Beratungen fanden sich ungefähr 400 jiidische Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten als Delegierte verschiedener jüdischer Gruppen ein. Den Vorsitz führte Louis M a r s 11 a 11, der in seiner Eröffnungsansprache über die Vorgeschichte der heutigen Konferenz referierte, eine Analyse des Berichtes und der Vorschläge der Joint Palestine Snrvey Commission und der Beschlüsse der Berliner Tagung des Zionistischen Aktions-Comitös gab. Er gelangte zu folgendem Ergebnis: Die Differenzen, die sich scheinbar zwischen den Vorschlägen der Joint Palestine Survey Commission und den Beschlüssen des Zionistischen A.ktions-Comit&s ergaben, sind za einem sehr großen Teil auf Miß- Verständnisse zuvückzuführen. Im wesentlichen besteht über die Hauptziele UebereinStimmang. Marshall betonte ausdrücklich, daß die Nichtzioniston für vermehrte Einwanderung jüdischer Elemente nach Palästina sind. Keineswegs stehen die Nichtzionisten in irgendeiner Gegnerschaft zum Jüdischen Nationalfonds. Ferne!־ versicherte Louis Marshall, daß der Ausbau der Kwnzoth zu Ende geführt werden wird. Die Konferenz wird eine Konferenz der ״Nichtzionisten“ benannt, obwohl vielleicht der Ausdruck ״Unparteiische Konferenz“ glücklieber gewesen wäre: die Benennung wurde aber im Hinblick darauf vorgenommen, weil die zu schaffende* erweiterte Jewish Agency ans ״Zionisten“ und aus ״Nichtzionisten“ bestehen solle. Nach Louis Marshall sprach der in den Vereinigten Staaten zu Gast weilende Lord Melchett (früher Sir Alfred Mond). Er hielt eine leidenschaftliche zionistisehe Rede und machte tiefen Eindruck auf alle Gruppen, die an der Konferenz teilnahmen. Er erklärte, die praktische Aufbauarbeit in Palästina müsse innerhalb der nächsten fünf Jahre einen großen Schritt nach vonvär1׳; und aufwärts tun; wenn wir noch länger in der Stagnation verbleiben, so werden wir eine große Gelegenheit, die nicht mehr wiederkehren wird, ungenutzt verloren haben. Felix M. War bürg gab in seiner Ansprache der Hoffnung Ausdruck, daß nach der Schaffung der Jewish Agency alle Parteidifferenzen verschwinden und man einträchtig am Aufbau Palästinas Zusammenarbeiten werde. Dr. Lee K. Frankel und der Agronom Jacob Goodale Lipmau gaben ausführliche faehmännische Erklärungen über die Aussichten des Palästina-Aufbans. Ihre Erklärungen gipfelten in der Feststellung, daß cs durchaus möglich sei, innerhalb zweier Jahrzehnte 500000 Juden neu in Palästina anzusiedeln. Man muß ein detailliertes Projekt ausarbeiten, und dieser Plan wird auf die Jndensehaft eine unwiderstehliche Wirkung üben und die Grundläge für einen erfolgreichen Palestine-Appeal abgeben. Am Schluß los Eröffnungsabends wurde allgemein der Wunsch ausgesprochen, daß der in der Versammlung anwesende Weizmann das Wort ergreife. Dr. Weizmann erklärte aber, in der Eröffnungssitzung noch nicht, sprechen zu können und kündigte an, er werde erst am Sonnt g, dem zweiten Sitzungstage, und zwar nach der Generalaussprache, das Wort ergreifen. Die Resolution An Sonntag faßte die Konferenz der amerikanischea Ni.'./zionisten einmütig die folgende Eutscblieiung: Seit einigen Tagen steht Budapest unter der Drohung ernster Universitätsunruhen, und es hat den Anschein, als ob für die jüdischen Studentenschaften an den ungarischen Universitäten eine neue Periode schweren geistigen und hysischen Martyriums beginnen sollte. Diesmal scheint die egierung entschlossen zu sein, den jüdischen Studenten zu ihren ohnehin schon eingeschränkten Rechten zu verhelfen, allein die Entwicklung läßt sich noch nicht voraussehen. Der Verlauf der Ereignisse ist folgender: Bei den am 16. Oktober stattgefundenen Immatrikulier»»- gen an der Budapester Hauptuniversität wurden 30 jüdische Studierende, unter ihnen 8 Mädchen, die sogar auf Grund der an den Universitäten eingeschränkten Studiumrechte ein Recht auf die Zulassung haben und noch dazu die Matura (Abiturium) mit Vorzug bestanden haben, durch Beschluß des Senats und des Professorenkollegiums von der fmmatrikulierung ausgeschlossen. Ebenso hatte die Technische Hochschule die Immatrikulierung mehrerer jüdischer Studenten entgegen den gesetzlichen Bc- Stimmungen abgewiesen, nur!veil sie Juden sind. Dieses Verhalten der Professorenschaft hat in Budapest in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen großes Erstaunen und Empörung hervorgerufen. Der Deputierte Pakots, der schon einmal im Namen des Budapester Stadtrates bei der Regierung gegen den Numerus clausus interveniert hatte, erschien heim Unterrichtsminister Graf Klebelsberg und teilte ihm die neuen Tatsachen mit. Graf Klebelsberg ordnete die nachträglicheAufnahme von 16 der abgewiesenen Studenten an. Während nun die medizinische Fakultat drei der abgewiesenen Studenten nachträglich immatrikulierte, haben die Professorenkollegien der übrigen Fakultäten, sowie der Senat der Technischen Hochschule die Durchführung der Verordnung des Unferrichtsministers abgefehnt. Im Parlament wurde über die neugeschaffene Lage erregt debattiert, insbesondere kam es zwischen dem Grafen Klebeisberg und dem Abgeordneten Pakots, der dem Minister Mangel an Energie gegenüber den widerspenstigen Professoren vorwarf, zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung. Der Minister betonte, er werde die Aufnahme derjenigen jüdischen Studenten, die ihr Maturitätsexamen mit Vorzug bestanden haben, durchzusetzen wissen. Daraufhin hat Graf Klebelsberg im Verordnungsweg auch die Aufnahme der anderen 13 jüdischen Vorzugs- Studenten verfügt. Gleich darauf haben die antisemitischen Studenten Plakate an das Tor der Universität geklebt, in welchen sie ihre Entschlossenheit kundtun, die jüdischen Studenten aus der Universität mit Gewalt hinauszutreiben■ Die Gebäude der Universität und der Hochschule wurden von starken Polizeitrupps besetzt. Die jüdischen Studenten haben es vorgezogen, zunächst den Vorlesungen fernzubleiben. ln den folgenden Tagen nahmen die Ausschreitungen der antisemitischen Studentenschaft immer mehr an Ausaehnung zu. Obwohl die Gebäude der Universität und der Hochschulen von Polizei umgeben waren, kamen im Inneren der Gebäude fortwährend Zusammenstöße vor. Der Rektor der Universität, Dr. Wolkenberg, erschien im geistlichen Talar unter den Studenten und nahm einen der insultierten jüdisehen Studenten unter seinen persönlichen Schutz, um ihn vor weiteren Mißhandlungen zu schützen. Die jüdischen Hörer flüchteten aus den Hörsälen und Korridoren. Die Skandal- Szenen wurden auf der Straße fortgesetzt. Der Bericht der Joint Palestine Survey Commission, die in London getagt hat und einen Plan und ein Budget für die Aufbau-Arbeit in Palästina für eine Reihe von Jahren aufgestellt hat, wird als Grundläge einer weiteren Aktion der amerikanischen Nichtzionisten angesehen. Sollten jedoch etwa eintretende geänderte Verhältnisse eine Abänderung des Planes notwendig machen, so wird der erweiterten Jewish Agency empfohlen, Abänderungen, bzw. Ergänzu 11 ge?1 der A u f h a u pIä n e vorzunehmeu, und zwar in einer Art und Weise, welche die Jewish Agency für die wirtschaftliche, geistige und kulturelle Entwicklung Palästinas als die beste erachten wird. In der Resolution wird vorausgesetzt, daß die Bildung der Jewish Agency sehr schnell fortschreiten wird, sobald die in verschiedenen eu 1• opäischen Ländern geplanten Jewish Agency- Beratungen stattgefunden haben werden. In den Abendstunden kam es wiederum zu großen Straßenkrawallen. Studenten und Pöbel zogen singend und johlend über die Ringstraße, wo die Admi,listrationslokale der Zeitung ״Az E s t“ gestürmt wurden. Die Auslagefenster wurden zertrümmert und im Lokale selbst wurden die Bücher vernichtet und zum Teil fortgetragen. Während dieses Angriffs fielen mehrere Revolverschüsse aus der Menge, die aber niemanden verletzten. Die Polizei drängte sodann die Menge in die Seitengassen ab. Ein Teil der Demonstranten zog am Abend zum orthoü o x e n ui d i s c h e n Tempel, wo gerade der Sonnabend- Abendgottesdienst abgehalten wurde. Die Polizei drängte die Menge ab. Mehrere Fenster des Tempels wurden durch Stein würfe zertrümmert. Bei allen diesen Attacken der Demonstranten und der Gegenattacken der Polizei gab es zahlreiche Verwundete; mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Ungeachtet aller Warnungen und Ermahnungen des Unterriehtsnnnister haben die antisemitischen Studenten Sonnabend die Kundgebungen fortgesetzt. Der Oberstadthauptmann hat strenge Verordnungen gegen die Demonstrant e n erlassen, die bis jetzt ebenfalls ohne Wirkung blieben. Um 8 Uhr morgens wurde an sämtlichen Fakultäten bloß je ein Tor geöffnet. Eintretende Studenten mußten sich legidinieren'. Das Zentrum der Unruhen war das Gebäude der philosophischen Fakultät. Als die ersten Studenten hier eintrafen und die Schutzvorkehrimgei! wahrnahmen, gingen sie in den Universitätsliof, wo aufreizende Reden gehalten und Exemplare eines liberalen Morgenblattes verbrannt wurden. Auch vor den übrigen Universitätsgebäuden hatten sich kleinere Studentenansammlungen gebildet. An der Tierarztliehen Hochschule hatten sich ungefähr hundert Hörer versammelt, die die zu den Vorlesungen erschienenen jüdischen Studenten zur Legitimierung zwangen und sie sodann ni i t Gewalt aus dem Gebäude 11 i n a u s s t i e ß e n. Au der philosophischen Fakultät stießet! die versammelten Studeuten Hochrufe auf den Numerus clausus und Pfui-Rufe auf die Juden aus. Straßenpassanten wurden belästigt. In den Wandelgängcn wurden zwei jüdische Studenten verprügelt. Als sich dann die Schlägereien auf der Straße fortsetzten, machte berittene Polizei dem Rummel ein Ende. 17 Studenten wurden polizeilich festgesteüt und nach beendetem Verhör entlassen. Am Sonnabend abend sammelten sich wieder große Massen völkischer Studenten und gleichgesinnter Elemente am Elisabethring an und demonstrierten gegen die Juden. Ein großes Polizeiaufgebot, das seit gestern nacht in Budapest Dienst versieht und heute noch verstärkt wurde, stellte sich den Demonstranten entgegen. Als die Polizei zwei Arbeiter, die mit Studenten in ein Handgemenge geraten waren, zur Stadthauptmannschaft des 7. Bezirks führte, versammelte sich vor dem Gebäude der Stadthauptmannschaft eine mehrhundertköpfige Menschenmenge, die die Freilassung der Arbeiter forderte. Die Polizei machte bei der Zerstreuung der Demonstranten von der blanken Waffe Gebrauch. Viele Demonstranten wurden verwundet; drei Schwerverletzte mußten ins Spital gebracht werden. Der Unterrichtsminister hat die Sperrung der Technischen Hochschule verfügt. Das Bild der Konferenz: Die Konferenz stand im Zeichen einer aufrichtigen Begeisterung für das Werk des jüdischen Aufhaus in Palästina; es herrschte über das Grundziel und die Methoden der Verwirklichung dieses Zieles vollkoinmene Einmütigkeit. Zahlreiche bedeutende Personlichkeit.cn aus dem Lager der Niohtzioniste» hielten Ansprachen, die sieh zu starken seelischen Bekenntnissen steigerten. Alle Redner betonten die Einheit und Einmütigkeit ganz Israels in dem Streben, das Land Palästina geistig und kulturell zu einer große» Entwicklung zn bringen. Mit Nachdruck wurde betont, daß der Pakt zwischen Zionisten und Niehtzionisten nunmehr auch den Niehtzionist'en eine große finanzielle Verantwortung für den praktischen Aufbau Palästinas unterlegt, Tiefen Eindruck hinterließ die Ansprache H eizman ns, mit der die allgemeine Aussprache ihren Abschluß fand. Er sagte, die erweiterte Jewish Agency werde das weithin sichtbare Symbol der geeinten jüdischen Front sein. Louis Marsh all sagte in der S.-hJ.ißunspraehe: Von heute ab sind wir nicht mehr in Nicht zioniston und Zionisten geteilt, jetzt sind wir eins.