Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 582 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83, 19.X. 1928 Die 6. Landeskonferenz der ״Poale Zion״״ Die 6. Landeskonferenz der Poale Zion in Deutschland zeigte das Bild eines ernsten Ringens um die Probleme der Ideologie und Taktik des zionistischen Sozialismus innerhalb der deutschen Poale Zion-Organisation. Die Probleme der Weltbewegung behandelte das Referat von Chawer Salman Rubaschow. Der Referent gab eine Analyse der Errungenschaften und zugleich auch der Krise des poale-zio nistischen Wirkens auf den drei Hauptgebieten der Parteitätigkeit: Internationaler Sozialismus, territoriale Konzentration des jüdischen Volkes durch den Aufbau Palästinas, nationale Autonomie. Rubaschow analysierte unsere Errungenschaften in Palästina und kennzcichnete das bisher Geleistete als bestandene Probe. Die Aufgabe der nächsten Periode muß es sein, eine neue Vorbereitungsarbeit im jüdischen Volke ,durchzuführen, bei der jeder an seiner Stelle an der langen Front der Diaspora Chaluzarbeit leisten kann. In dem Rahmen dieser Gedankengänge bewegten sich auch die zwei anderen Referate: das von Liebenstein (Ain Charod) über ״Probleme der Arbeiterwirtschaft in Palästina“ und das von Rudel über die ״Gemeinde- Politik der Poale Zion in Deutschland“. In einem Referat über ״Die Liga für das arbeitende Pa- 1 ä s t i n a“ kennzeichnete Georg L u b i n s k i die ideologischen und organisatorischen Fundamente der neu zu schaffenden Or• ganisation. Die Konferenzteilnehmer nahmen zu allen behandelten Fragen in der Diskussion eingehend Steilung. Ihre Meinungen verdichteten sich in den wesentlichen ideologischen und taktischen Fragen zu Resolutionen, die in der letzten Sitzung gefaßt wurden. Den erhebenden Schlußakt der Konferenz bildete die Wedgwood-Kundgebung in der letzten Sitzung, die ein wirkungsvolles Bild der Sympathien gab, die der sozialistische Aufbau Palästinas in der Internationale, insbesondere bei der Labour Party genießt. Der Gast wurde vom Genossen Dr. Oskar Cohn eingeführt. In seiner Ansprache dankte Colonel Wedgwood für die Begrüßung und gab nochmals der Solidarität der Labour Party mit dem Aufbauwerk der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas Ausdruck. Die Konferenz wählie ein Zentralkomitee aus den Chawerim: B. Eisenstadt, Lubinski, Rosenblatt, Rudel, S. Tschertok und Wahl. Außerdem wurden ein Parteirat und!besondere Dezernate für Oemcindefragen und Programmgestaltung gewählt, Boris Eisenstadt. * Hierzu ist ergänzend mitzuteilen: Bei Wedgwoods Erscheinen führte Oscar Cohn aus: #enn wir auf die jüngste Vergangenheit Palästinas zurückblicken, müssen wir zu unserem Bedauern feststellen, daß die englische Mandatarmacht nicht alles, was sie im Novemher 1917 versprochen hat, erfüllt, und daß das Verhalten der englischen Beamten, wie uns der letzte Fall an der Klagemauer gezeigt hat, nicht In den Rahmen der Verpflichtungen von 1917 hineinpaßt. Unsere Zuversicht ist, daß die Labour Party einen Weg finden wird, bei Wahrnehmung der Rechte der arabischen Bevölkerung auch unsere Rechte zu schützen. Salman Rubaschow sagte u. a.: Wann immer wir Klage führten und gegen uns zugefügtes Unrecht protestierten, fanden wir in der Arbeiterschaft Englands und in Wedgwood Freunde. Vor zwei Wochen protestierte die Leitung der Achduth Awodah gegen ein Vorkommnis, das uns alle tief erschüttert hat: Ein englischer Beamter brachte am Versöhnungstage in unserem freien Land den Mut auf, vor der Klagemauer alte betende Juden mißhandeln zu lassen. Wir bedauern, daß diese Protestbewegung um eine Sache entstand, für die die Verwirklichung des Zionismus irrelevant ist; uns wäre eine Protestbewepung um die Bodenverteilung oder gegen die EinwanderungseinSchränkung lieber. Der Weg des jüdischen arbeitenden Palästina war immer ein Weg der Freundschaft mit den Arabern. Allmählich gestalten sich auch freundschaftliche Verhältnisse zwischen uns und der arabischen Bevölkerung. Es scheint aber, ,daß jemand immer Interesse hat, daß diese Freundschaft nicht zustandekommt. Wir wollen aufrichtig, daß der arabischen Bevölkerung ihr Recht wird; wir wollen aber keinesfalls, daß dies auf Kosten der Rechte und der Freiheit der Juden geschehe. Wir wollen, daß alle in Palästina, der Araber wie der Jude, der Arbeiter, der Beamte und der betende Jude an der Klagemauer, keine ״Natives“, sondern Bürger eines freien Landes sein sollen. Colone! Wedgwood antwortete folgendermaßen: Genossen! Ich liberbringe Euch die Grüße der englischen Arbeiterpartei, die keine englische Regierung ist, aber doch hofft und glaubt, einmal eine englische Regierung zu werden. Wenn auch Ereignisse wie die an der Klagemauer es nicht gestatten, viel Erfreuliches über die gegenwärtige Lage Palästinas zu berichten, so stehe ich doch unter dem Eindruck meines letzten Besuchs in Palästina, wo nicht alle Juden an der Mauer klagen, wo viele Juden des zweitausendjährigen Klagens genug haben und produktiv an dem Werden ihres nationalen Heims arbeiten. Es ist dabei selbstverständlich, daß die Labour-Party das Unrecht an der Klagemauer mißbilligt. Es wird vielleicht lange dauern, bis eine jüdische Mehrheit in Palästina zustandekommt und bis der jüdische Staat geschaffen wird. So lange aber die Juden in der Minderheit sind, müssen wir dafür sorgen, daß in Palästina kein Par- 1 a m e n t entsteht. Ich glaube, daß keine englische Regierung zu einem Parlament ihre Zustimmung geben uVd, das die Errichtung des National Home gefährden könnte. Ich habe den Eindruck, daß die Juden und die Araber freundschaftlich zusammen leben können. Die arabische Bevölkerung ist aber augenblicklich auf einer niedlrigerea Zivilisationsstufe und kann von wenigen Intelligenzlern zu einem Kampf gegen das jüdische Siedlungswerk mißbraucht werden. Ich spreche hier unter Sozialisten. Im Rahmen der großen Aufgabe, die wir übernommen haben, wollen wir dem jüdischen Volke verhelfen, einen jüdischen Staat zu bilden. Aber nicht einen Staat von Maklern und Händlern, sondern einen Staat mit einer produktiven arbeitenden Bevölkerung. Diese Idee kann verwirklicht werden, wenn der Zionistischen Organisation eine starke Arbeiterschaft angegliedert ist. Ich habe mich aut meinen Reisen besonders Tn Amerika überzeugen können, daß die Poale Zion der Aufgabe eines solchen Standes gewachsen ist. Ich sehe in dem Keren K a j e m e t h und seinem Bodenankauf für das arbeitende Volk die Lösung eines Problems, das in der neueren Geschichte bei vielen Völkern zu dauernden Kämpfen und Reibungen geführt hat, nämlich des Problems der Agrarreform. Um so bedeutender ist der Keren Kajemeth, der, wenn ihm genügend Gelder zur Verfügung stehen, die Erscheinung der Arbeitslosigkeit ln Palästina aus der Welt zu schaffen vermag. Boden ist in Palästina genügend vor- Händen; es ist die Pflicht der Regierung, die Bodenerwerbungen des Keren Kajemeth zu fördern, weiter ist es ihre Pflicht, die Möglichkeit zu einer Anleihe zu schaffen, damit dieser Boden bebaut werden kann. Ich kann Ihnen die freudige Mitteilung machen, daß der neue High Com mission e r, der jetzt nach Palästina kommt, ein Mann von großen kolonisatorisehen Ideen ist. Das Zentrale, das ich an dem heutigen Abend zu sagen habe, ist dies, daß die Regierung in kürzester Zeit einen Kontrakt betreffend den Hafenbau in Haifa in Höhe von einer Million Pfund Sterling schließen wird, und daß es uns gelungen ist, fair wag es (Minimallohn) durchzusetzen, so daß für die jüdischen Arbeiter gute Arbeitsaussichten bestehen. Colonel Wedgwood and die Revisionisten Wir erhalten folgendes Communique: Am 16. Oktober fand in Berlin im Hause des Herrn Richard Lichtheim, des Vorsitzenden der revisionistischen Gruppe Deutschlands, ein Tee statt, an dem Colonel Wedgwood und die Mitglieder des revisionistischen Komitees teilnahmen. Herr Lichtheim hieß Colone! Wedgwood herzlich willkommen. Colonel Wedgwood hielt eine Ansprache, in der er die politischen Ideen entwickelte, welche er in seinem bekannten Buch ״The sev’cnth Dominion“ niedergelegt hat. Eine Ausspräche schloß sich an. Die Gedankengänge Colonel Wedgwoods berühren sich sehr eng mit den Forderungen des Rev!- sionismus, und die Mehrzahl der Revisionisten sympathisiert offenbar mit dem Projekt Colonel Wedgwoods, Palästina bei Ablauf der Mandatsperiode in ein jüdisches Dominion zu verwandeln, das, mit den anderen Dominions gleichbere'chtigt, einen Teil des britischen Imperiums bilden soll. Eine offizielle Stellungnahme der revisionistischen Partei zu dieser Frage wird voraussichtlich auf der im Dezember d. J. in Wien stattfindenden revisionistischen Konferenz erfolgen. Nochmals Wassermann Dr. Felix Welt sch hat in der ״Jüdischen Rundschau“ in zwei Aufsätzen zu dem Vortrag Stellung genommen, den Jacob Wassermann in Reichenhall über das jüdische Problem gehalten hat. In der Analyse und Ablehnung der Wassermannsehen Ausführungen hat sich Dr. Felix Welt sch eines Tones befleißigt, der vor allem seiner selbst würdig ist; er ist von der Anschauung ausgegangen, daß den Dichter Wassermann aufrichtiger Wille zur Wahrheit geleitet hat. Die Sache hat abei־ nicht nur eine philosophische, sondern auch eine persönliche Seite, um deremvillen die Ausführungen von Dr. Weltsch leider noch einer Ergänzung bedürfen. Denn — schon Felix Weltsch hat dies zum Ausdruck gebracht — Wassermann ist in vielfacher Hinsicht nicht legitimiert, über das Judenproblem ein Urteil abzugeben. Diesen Beweis hat er selbst in seiner Rede erbracht durch die Anpöbelung der Ostjuden, die um so empörender ist, als sic eine auf nichts begründete Pauschalverurteilung durch einen Mann darstellt, der infolge seines Amtes verpflichtet wäre, von einem ethisch höheren Niveau aus Erscheinungen zu betrachten. Aber auch in dieser Hinsicht wäre noch eine Auseinandersetzung möglich. Nur müßte man glauben, daß es ihm Ernst um die Sache ist. Das scheint nun nicht der Fall zu sein. In der Wiener ״Neuen Welt“ ist eine Zu- Schrift abgedruckt, aus der hervorgeht, daß Jacob Wassermann sein jüngstes Kind evangelisch taufen ließ. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß diese Behauptung den Tatsachen Entspricht. Nun mag mancher meinen, daß es sich hier um eine Privatangelegenheit Wassermanns handelt, die sich aus Gründen, die der Oeffentlichkeit unbekannt sind, so und nicht anders gestalten mußte. Gesetzt, daß es sich so verhält, dann hätte Jacob Wassermann in seinem Privatleben Pech gehabt, und er müßte die Konsequenzen daraus ziehen, d. h. er müßte sich hinsichtlich des Juaenproblemes strengste Reserve auferlegen und absolutes Schweigen beobachten. Es geht nicht an, daß man in der Polemik gegen den Zionismus schreibt: ״Man schlage die Juden tot, man treibe sie aus, man lösche ihre Namen aus der Tafel der Geschichte, das alles wäre minder Verhängnisvoll für das Schicksal der Kuliurmenschheit, als wenn sie sich selber aus der Rolie ausschalteten, die sie durch eine unerforschliche Berufung bisher in der Welt gespielt haben“ — und dann hingeht und sein Kind durch den schmerzlosen Akt der Taufe ״aus der Rolle ausschaltet, die-sie (die Juden) durch eine unerforscbliche Berufung bisher in der Welt gespielt haben“. Da helfen gar keine Kommentare und Entschuldigungen. Wer so handelt, bei wem so eine Diskrepanz zwischen Wort und Tat ist, der hat das Recht verwirkt, ernst genommen zu werden, und darf keinen Anspruch erheben, in Angelegenheit der Diskussion von Judenproblemen als fairer Gegner betrachtet zu werden. M. W. Berliner Jüdische Gemeinde Aus der Repräsentantenversammlung. In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung gelangten zwei Anträge der Fraktion der Jüdischen Volkspartei zur Annahme, die im Interesse der hygienischen und sanitären Versorgung der jüdischen Massen Berlins gestellt worden waren. Einmal wurde der jüdischen Gesundheitsschutzgesellschaft ״Ose“ der Betrag von 3000 M. bewilligt und sodann die Errichtung einer Gemeindepoliklinik im Zentrum der Stadt beschlossen, die zunächst mit einer chirurgischen und inneren Station eröffnet werden soll. Der Sprecher der Volkspartei, Dr. Klee, wies auf das dringende Bedürfnis nach einer solchen Institution fiin, da es für die arbeitende jüdische Bevölkerung der Innenstadt unmöglich sei, das räumlich so entfernte Krankenhaus in der Exerzierstraße aufzusuchen. Vom Vorstand der Gemeinde wurde die Anregung der Volkspartei lebhaft begrüßt. Anläßlich einer liberalen Anfrage nach dem Stand der Arbeiten der Kommission zur Bekämpfung von Taufen, Mischehen und Austritten kam es zu einer lebhaften Auseinandersetzung der Richtungen. Von liberaler und konservativer Seite wurde eine Reihe von Vorschlägen gemacht, so auf Einberufung einer großen Konferenz, zu der alle in Frage kommenden Organisationen geladen werden sollten u. a. Demgegenüber betonte Dr. Klee, daß, so wichtig diese kleinen Mittel sein mögen, durchgreifende Besserungen hier nur durch die j ü - dische Erziehung der jungen Generation zu erwarten sei. Erst wenn die jüdische Schule den jüdischen Geist tief in der Jugend verwurzelt habe, werden die Abfallserschetnungen nachlassen. ״Angenommen wurde auch nach einem Referat von Hornstein ein Antrag־ den Almemor in der alten Synagoge, den die Reformzeit beiseite geschafft hatte, wieder in der Mitte des Gotteshauses zu errichten. Auf eine Anfrage des konservativen Repräsentanten nach dem Stand der Arbeiten der Bibelübersetzungskommission wurde vom Vorstand die Antwort erteilt, daß ein beachtlicher Teil des Uebersetzungswerks bereits vorliege, vier Bücher des Pentateuch, die Bücher der Könige, Josua, Jeremia u. a. Professor L ö w׳ e ergänzte diese Mitteilungen und wies namentlich aut die Schwierigkeiten einer solchen Uebersetzung hin, die einerseits in Stil und Form leicht verständlich sein und dabei doch jeder wissenschaftlichen Kritik standhalten müsse. —־ Eine Anzahl von Gegenständen wurde vertagt, da über sie zum Teil vorher unter den Parteien Besprechungen stattfinden sollen s. e. Georg Kareski 50 Jahre Am 21. Oktober begeht Georg Kareski, Vorstandsmitglied und Finanzdezernent der Berliner Jüdischen Gemeinde, seinen 50. Geburtstag. Kareski, der im Mittelpunkte der zionistischen Gemeindearbeit steht und einer der tatkräftigsten Vollstrecker des zionistischen Gemeindeprogramms ist, würde es in seiner sachlichen, auf das Gegenständliche gerichteten Art übel vermerken, wollte man ihm, diesem jugendfrischen Kämpfer, an seinem 50. Geburtstage Elogen machen und seine Verdienste um das deutsche und das Berliner Judentum schildern. Georg Kareski, schon in seiner Posener Zeit einer der ersten und tatkräftigsten Zionisten, ist 50 Jahre jung und steht als ein temperamentvoller Kämpfer in der vordersten Reihe der vom Ideal der jüdischen Renaissance erfüllten Streiter. Seine Anregungen und Reformen auf verschiedenen Gebieten des Gemeindelebens und der Gemeindeverwaltung, die mit beispielloser Energie und großem Geschick durchgeführte Sanierung der Gemeindefinanzen erwarben ihm weit über den Kreis seiner Freunde bis in das Lager seiner erbittertsten Gegner Achtung und Anerkennung. Wenn das Gespräch auf Kareski kommt, so pflegen ja auch die verbohrtesten antizionistischen Widersacher zuzugeben, daß die Zionisten in der Gemeinde nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln verstehen. Anlaßlieh seines Jubiläums sprechen wir Georg Kareski unsere besten Glückwünsche aus. Warum Dr. Bad( mit dem ״Gra! Zeppelin“ nicht mitflog Einer unserer Mitarbeiter' hatte Gelegenheit, Herrn Minisferialdirektor Dr. B a d t über die Gründe seiner Nichtteilnahrae an der Amerikafahrt des Luftschiffes ״Graf Zeppelin“ zu befragen. ״Die Nachricht der ,Vossischen Zeitung', ich sei zum Start des Luftschiffes ,zu spät“ gekommen und hätte aus diesem Grunde Zurückbleiben müssen,“ erklärte Dr. Badt, ״ist natürlich Unsinn. Ebenso unrichtig ist die mir eben seitens einer meiner Freunde ausgesprochene Vermutung, es handle sich möglicherweise um eine auf antisemitische Motive zurückzuführende Aktion der Kreise um Dr. Eckener, die mich, den einzigen jüdischen Teilnehmer der Fahrt, im letzten Augenblick veranlaßt hätten, zurückzubleiben. Der wirkliche Sachverhalt liegt viel einfacher und harmloser. Als Dr. Eckener sich entschlossen hatte, einen Vertreter des Reichsrats als der Repräsentanz der 18 deutschen Länder zur Amerikafahrt einzuladen, konnte er annehmen, daß ich in meiner Eigenschaft als preußischer Reichsratsbevollmächtigter mit dieser Vertretung beauftragt werden würde. Man rechnete damals damit, daß die Herren Staatsminister infolge ihrer starken parlamentarlschen Inanspruchnahme keine Zeit finden würden, so lange der politischen Arbeit fernzubleiben. Nun hatte sich aber kurz vor aem Amerikaflug das preußische Parlament auf einige Wochen vertagt; dadurch wurde es zu meiner Freude dem preußischen Minister des Innern, Grzesinsky, ermöglicht, persönlich als Vertreter des Reichsrats an dem Amerikaftug teilzunehmen. Gleichwohl wollte Dr. Eckener, der mir noch vorige Woche bei einem Bankett zum Abschluß der ersten großen, über Hol-!and und die englische Küste führenden 34-Stundenfahrt des Luftschiffs, an der ich teilgenommen hatte, sagte, ich müßte unter allen Umständen mit nach Amerika kommen, diese Absicht noch verwirklichen. Er telegraphierte mir, ich solle auf alle Fälle nach Friedrichshafen kommen, freilich könne die Entscheidung über meine Teilnahme an der Fahrt erst im letzten AugenbHdk unmittelbar vor dem Aufstieg des Luftschiffes erfolgen. Die Gründe dafür setzte er mir später auseinander. Die räumliche Unzulänglichkeit der viel zu kleinen Luftschiffhalle in Friedrichs- Hafen und des Platzes vor der Halle machen Aufstieg und Landüng zu einem recht schwierigen Manöver, zumal bei etwas windigem Wetter; unter Umständen spielt hierbei ein Mehrgewicht von ein bis zwei Zentnern schon eine nicht unwesentliche Rolle. Noch wenige Minuten vor dem Start meinte Dr. Eckener zu mir, er gebe die Hoffnung noch nicht auf, mich mitnehmen zu können. Als sich aber nach dem Abwiegen des Luftschiffes herausstellte, daß die Belastung des Luftschiffes die für den Aufstieg zulässige Grenze erreicht hatte, war Dr. Eckener nicht in der Lage, seine Absicht zu verwirklichen. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, daß irgendwelche anderen Motive bei dieser Entscheidung auch nur in den Bereich der Erwägung gezogen worden sind.“ Zionistischer Grnppenverband Obersclilesien Am Sonntag,dem28.Oktober,findetinBeuthea in den oberen Räumen des ״HamburgerHofes“ Friedrich-Wilhelmring 6, ein Gruppenverbandstag statt. T agesordnung: I. Vormittagssitzung, Beginn 101/* Uhr pünktlich: 1. Mitteilungen; 2. Fragen der Gemeindearbeit (Referent: Arnold Wiener, Beuthen). H. Nachmitiagssitzung, Beginn 3 Uhr: 1. Kulturarbeit in den Ortsgruppen (Referent: Dr. Max Mayer, Berlin); 2. Aussprache; 3. Verschiedenes. Zu dieser Veranstaltung werden alle oberschlesischen Zionisten eingeladen. Deutsche Ausgabe des Berichtes der Jewish Agency- Kommission. Im Aufträge der Zionistischen Exekutive erscheint demnächst der von den Herren Lord Melchett, Dr. Fraenkel, Felix Warburg und Oskar Wassermann erstattete Bericht der Joint Palestine Survey Commission in deutscher und hebräischer Liebersetzung. Der Verkaufspreis wird 2,50 M. betragen. Bestellungen nimmt das Zentralbüro der Zionistischen Organisation in London entgegen. Jüdische Bibliothek Steglitz. Am 14. d. M. wurde die neue Filialbibliothek der Berliner jüdischen'Gemeinde für Friedenau-Steglitz, die sich in der Handjerystr. 60/61 befindet, eröffnet Bei der Eröffnungsfeier, zu der der Synagogenverein Friedenau eingeladen hatte, hob Herr Dr. S a nd - ler als Vertreter des Gemeindevorstandes und Dezernent des Bibliothekswesens die Bedeutung der Filialbibliotheken hervor, die berufen seien, namentlich in der Jugend, die auch nicht annähernd vollzählig durch den Religionsunterricht zu erfassen sei und deren jüdisches Wissen immer tiefer sinke, neues jüdisches Interesse wachzurufen. Die Bibliothek Steglitz sei die dritte, die die Gemeinde im Laufe der letzten zwei Jahre errichtet habe, die Eröffnung der vierten (in Lichtenberg) erfolge in den nächsten Tagen, die einer fünften (in Schöneberg) sei bereits beschlossen. Allmählich sollen alle penpheren Bezirke Berlins mit Bibliotheken versorgt werden. Nach welcher Riehtung die Bibliotheken auszugestalten seien, müsse die Erfahrung lehren. Weitere Ansprachen hielten Herr Oberbibliothekar Dr. Stern, Herr Rabbiner Dr. Winter, Friedenau, der die Leitung der Bibliothek übernommen hat, sowie Herr Gottschalk als Vertreter des Syoagogenvereins.