Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 83, 19.X. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 581 Die Wedgwood'Versammlungen in Berlin Die Massenversammlung im Lehrervereinshaus Die Berliner Zionistische Vereinigung machte sich die Anwesenheit €01. Wedgwoods in Berlin zunutze und veranstaltete am 16. d. M. im großen Saale des Lehrervereinshauses eine zionistische Kundgebung, in der als Hauptreferent der englische Gast auftrat. Kurt Blumenfeld eröffnete die Versammlung mit Dankesworten für Wedgwood, den begeisterten und uneigennützigen nichtjüdischen Freund des Zionismus, der weder Zeit noch Mühe spart, um der Sache des jüdischen Volkes, die er zu seiner eigenen gemacht hat, zu dienen. Blumenfeld berichtet von dem glänzenden Verlauf der am Vortage in Krolls Festsälen abgehaltenen Veranstaltung des Deutschen Keren Hajcssod, in welcher Wedgwoods flammender Appell anwesende Gäste zur Beitragsleistung von insgesamt 110 000 Mark für den Palästinaaufbau veranlaßte. lumenfeid verlas das Begrüßungsschreiben des Staats- Sekretärs P ü n d e r, welches offiziell in klarer und eindeutiger Form die Sympathie der Reichsregierung für die Sache des jüdischen Nationalheims zum Ausdruck bringt. Die Versammelten nahmen den Inhalt des Briefes mit lebhaftem Beifall entgegen. Blumenfeld betonte schließlich, daß es nach der Veranstaltung des Keren Hajessod der Zionistisehen Vereinigung und Col. Wedgwood ein Bedürfnis gewesen sei, in einer rein zionistischen Versammlung anspornend die Winterarbeit zu eröffnen. Das Publikum, das schon beim Erscheinen Wedgwoods den Gast herzlichst begrüßt hatte, bereitete ihm nach Blumenfelds Ansprache, indem es sich von den Sitzen erhob, eine rauschende Ovation, Col. Wedgwood sprach diesmal deutsch. Oft von Zustimmung und Beifall unterbrochen, erklärt er zunächst in seiner liebenswürdigen humorvollen Weise, warum gerade England sich für den Palästinaaufbau einsetzen müßte. Wenn er den Vorzug, den Juden bei der Verwirklichung des Zionismus zu helfen, für sein Land beanspruche, werde man dies eher für proenglisch als für projüdisch halten. Auf die zionistischen Probleme übergehend, erklärt Redner, der gegenwärtige Fortschritt sei viel zu langsam, weil zu wenig Geld vorhanden sei, er müsse jedoch sich in erster Linie an seine eigen« Regierung wenden mit seinen Beschwerden. Denn was zunächst nottut, ist eine von stärkerer Sympathie geleitete Administration in Palästina. Die englische Verwaltung lasse viel zu wünschen übrig, denn sie ist im Grunde so w־ie andere Regierungen, die in der Hauptsache darauf bedacht sind, ein ruhiges Leben zu haben. Man muß ihr daher einen Stoß versetzen. An die deutschen Juden richte ich den Appell, Zionisten zu sein, Zionismus bedeutet Selbsthilfe, er verwandelt die Juden in Menschen mit geradem Rücken. Der tschechoslowakische Staatsmann, Herr Benesch, zeigte es mir an einem kleinen Finger, den er erst verkrümmte und dann ausstreckte, indem er sagte: ״Das ist es, was der Zionismus für die Juden tut“. Redner bespricht dann ausführlich die Beziehungen zwischen jüdischem und englischem Geist, die er für sehr verwandt hält. Er bittet die. zionistische Welt, die Idee einer dauernden engen Verbindung der beiden Völker nicht zu verwerfen. Palästina soll ein jüdisches Nationalheim werden, aber gleichzeitig ein Bestandteil des britischen Weltreiches, das sich in einen Bund freier Völker verwandeln wird. Mit einem starken Appell, für die Sache der jüdischen Freiheit Opfer zu bringen und mit der Versicherung, daß das Ringen des jüdischen Volkes um seine Befreiung di« Sympathien und die Hilfe der Besten der Menschen verdient, schließt Wedgwood seine Rede, die von der Hörerschaft mit lebhaftester Anteilnahme angehört und zum Schluß herzlieh und dankbar akklamlert wurde. Kurt Blumenfeld dankte Col. Wedgwood für seine warmherzigen Worte und betonte, daß dem britischen Gast als Sozialisten besonders das Werk des Jüdischen Nationalfonds am Herzen liege. Nach einer Pause, in welcher die Anwesenden Spenden für den Keren Kajemeth gaben, ergriff zum ersten Male in einer größeren zionistischen Versammlung Fritz Naftali, bekanntlich einer der bedeutendsten Wirt- Schaftstheoretiker der deutschen Sozialdemokratie und zugleich Mitglied des Landesvorstandes der Z.V. f. D., das Wort. Frttz Naftali wies darauf hin, daß bedeutende Führer der internationalen Sozialdemokratie Sympathie und Verständnis für die Sache des Zionismus bekunden. Nachdem man in Berlin Gelegenheit hatte, den Führer der belgischen Sozialisten Van derv e 1 d e zu hören, habe jetzt einer der bekanntesten Vertreter des englischen Sozialismus gesprochen. Es sei kein Zufall, daß gerade Sozialisten für die Sache des Aufbaues von jüdischem Volk und jüdischem Land Verständnis haben. So• zialisten sind gewöhnt, den Menschen nicht nur als Individuum zu sehen, sondern als Glied der Gemeinschaft. Deshalb wird niemand besser als ein Sozialist verstehen, welche Bedeutung für das Leben eines Volkes die nationale Freiheit hat Der Zionismus ist die nationale Emanzipation der Juden, wo Immer sie leben, aber die Verwirklichung geht über die nationale Heimstätte in Palästina. Natürlich gibt es innerhalb des Zionismus verschiedene Meinungen über die Gestaltung des jüdischen Lebens. Das teilen wir mit anderen Völkern. Aber unsere Situation ist insofern anders, als wir nicht in eine fertige Welt hineingestellt sind, die wir umzugestalten haben, sondern in eine Welt, die erst im Entstehen ist und in der wir größere Möglichkeiten haben, die soziale Struktur von vornherein zu beeinflussen. Wenn man in Palästina die Arbeiter in ihrem konstruktiven Werk gesehen hat, erfüllt von nationaler Begeisterung, von dem Willen, sozial Neues zu schaffen, so muß man sagen, es gibt wohl an wenigen Plätzen in der Welt einen stärkeren sozialen Enthusiasmus. Wir sind nicht nur als Juden stolz darauf, sondern auch als Sozialisten. Das Streben nach sozialem Neuland wird natürlich nicht hundertprozentig erfolgreich sein. Aber das Maß, in dem ein konstruktiver Sozialismus gelingt, wird nach meinem Glauben entscheidend sein für die Zukunft des ganzen Zionismus. Wenn wir dein Zionismus seinen sozialen iehalt nehmen, die Arbeit der Arbeiter daraus entfernen, dann wird das Werk verarmen und sinnlos werden. Wir wissen natürlich, daß die nationale Emanzipation in Palästina unmöglich ist, wenn sie nicht von der Gesamtheit des jüdischen Volkes getragen ist. Das Werk der Arbeiterschaft ist nicht zu verwirklichen, wenn sie nicht die Mithilfe der anderen Schichten des jüdischen Volkes hat. Es ist nur natürlieh, daß sich dabei in bezug auf soziale Probleme Kämpfe ergeben, und es ist wichtig, daß die Arbeiterschaft weiß, daß sie nicht allein steht. Darum haben die Sympathien unserer nichtjüdischen sozialistischen Freunde eine entscheidende Bedeutung. Wir zionistischen Sozialisten sind in einer eigentümlichen Position. Jeder Sozialist hat den Kampf für den Sozialismus dort zu führen, wo er steht; wir haben ihn an zwei Fronten zu führen, einerseits in dem I Lande, in dem wir leben und dem wir als Staatsbürger anehören, andererseits in dem Volke, das sich seine nationalen I ebensformen schafft. Es ist in der Welt nicht so eingerichtet, daß jeder seinen Kampf nur auf ein bestimmtes lebiet abgrenzen kann. Da aber Sozialisten es als einen Vorzug betrachten, wenn sie möglichst viel für den Sozialismus kämpfen können, so ist es nur eine Steigerung unserer sozialistischen Wirkung, daß wir als Deutsche und Zionisten an zwei Fronten das unsrige zu tun haben. Redner schließt seine wirksamen Ausführungen mit der Hoffnung, daß auch in Zukunft die Führer des internationalen Sozialismus Freunde des zionistischen Palästinaaufbaus sein werden. (Lebhafter Beifall.) Als letzter Redner charakterisierte Kurf Blumenfeld die Schwierigkeit, das Gafuth-judentum für die Sache des jüdisehen Palästina zu gewinnen. Es handelt sich hierbei nicht nur darum, Juden der Diaspora zur Beitragsleistung für den Palästina-Aufbau zu veranlassen, sondern zum Eintreten für eine Sache, die in ihrem soziologischen Gehalt den Lebensformen der Gahithjuden strikt zuwiderläuft. Die Zwangläufigkeit im Werke des Aufbaues äußert sich in einer Umformung aller Vor- Stellungen der Diaspora-Juden auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet in bezug auf Erez-Israel. Je stärker Nichtzionisten an der Palästinaarbeit interessiert werden, um so mehr denken und lernen sie um. Bluntenfeld sprach hierauf von den Vorfällen au der Klagemauer. Er verlas die vom!Geschäftsführern den Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland beschlossene Protestresolution, die von der Versammhing durch demonstrativen Beifall gutgeheißen wurde. Mit einem Appell, die nichtzionistische jüdische Welt dermaßen in das Tempo und die Vielfalt der zionistischen Arbeit einzubeziehen, aaß sie nicht mehr imstande ist, sich von der Mit- Wirkung an diesem Werke zu lösen, schloß Blumenfeld unter starkem Beifall seine Ausführungen. Die Versammlung hinterließ einen ausgezeichneten Eindruck. * Zu unserem Berichte über die Keren Hafessod > Kundgebung am Montag tragen wir noch folgendes rach: Der von Herrn Blumenfeld verlesene, an Col. Wedgwood gerichtete Brief des britischen Botschafters lautet in deutscher Uebersetzung: Lieber Colonel Wedgwood! Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dem Komitee des Jüdischen Palästinawerkes mein aufrichtiges Bedauern darüber übermittelten, daß ich durch zwingende Umstände verhindert bin, an dem feierlichen Abend teilzunehmen. Wäre es mir möglich gewesen, anwesend zu sein, dann hätte ich der Ver- Sammlung gern versichert, mit welcher Wertschätzung wir in England ihre wichtige Arbeit verfolgen und wie sehr ich selbst in jeder möglichen Weise diese Sache zu unterstützen wünsche. Seit der Gedanke einer jüdischen Heimstätte in Palästina zum erstenmal auftauchte, ist meine Regierung stets in einer besonders engen Beziehung zu dieser Bewegung gestanden, und auch heute ist es ihr Wunsch und ihre Pflicht, aHes, was möglich ist, zu tun, um die jüdischen Gemeinden in der ganzen Weit in dem Interesse, welches sie an der großen und schwierigen Aufgabe der Juden in Palästina nehmen, zu unterstützen und zu ermutigen. Was wir insbesondere von den jüdischen Gemeinschäften im Ausland verlangen, ist nicht mir Idealismus und Freigebigkeit: mit diesen beiden kann man immer rechnen, wenn man es mit dem jüdischen Volk zu tun hat: was wir aber noch darüber hinaus verlangen, ist Geduld und Verständnis, Verständnis der großen Schwierigkeiten, welche mit dem Problem Zusammenhängen; Geduld in der Erwartung der allmählichen Lösung dieser Schwierigkeiten. Die Arbeit, die in Palästina bereits geleistet wurde, ist so, daß sie die vorzeitigen Pessimisten, die den ganzen Plan für eine Chimäre erklärten, zum Schweigen bringen muß; aber wenn die Hoffnungen unserer Optimisten voll gerechtfertigt werden sollen, dann müssen wir noch mehr Unter- Stützung und auch mehr Wohlwollen beanspruchen. Ich weiß, daß der praktische Idealismus aller deutscher Juden den an ihn gestellten Erwartungen genügt, und daher ist es meine ernste Hoffnung, daß das, was Sie ihnen heute zu sagen haben werden und was sicherlich ihre Energie und ihre Begeisterung steigern wird, sie nicht glauben machen wird, daß nichts anderes zu tun ist, als Beifall zu spenden. Ihr usw. Horace Ru mb old. Prof. Einstein sandte folgenden Brief: An das Präsidium des Keren Haiessod! Ich bin leider durch Krankheit verhindert, an dieser wichtigen Veranstaltung teilzunehmen. Es ist der jüdischen OeffentUchkeit noch immer nicht völlig zu Bewußtsein gekommen, eine wie große Bedeutung das Palästina-Werk für die jüdische Psyche und für die äußere Position der Juden hat. Gemeinsames Werk neben gemeinsamer Tradition und Gesinnung Ist nötig zur Lebendlg-Erhalturg der Gemein- Schaft und hat ln diesem Sinne schon Großes geleistet. Furchtsame und Kleinmütige, hört aus fremdem, wohlwollendem Munde, was Ihr den Eigenen nicht glaubt, und was Ihr deshalb oft nicht sehen könnt, well Ihr In den Sorgen des Alltags steckt. Kritisiert nicht von außen wie Unbeteiligte unsere eigene Sache, sondern trachtet darnach, sie zu stützen und günstig zu beeinflussen, wo sich Irrtümer und Uebelstände zeigen. Ich begrüße Col. Wedgwood mit aufrichtiger Sympathie, wünsche seinem Streben Erfolg und danke ihm, daß er mutig ln für uns vorbildlicher Welse für seine Ueberzeugung auch aktiv eintrltt. A. Einstein. mm Berliner Zionistische Vereinigung » Am Sonnabend, den 3. November, abends */9״ Uhr, im Plenarsaal des Reidhawirtschaftsrats, Bellevuestraße 15. Vortrag von Kurt Blumenfeld Thema! ״Jüdische EMWlCMtMÜ und zionistische Aussichten“ 1 V■........ ■11—1—.11— Georg Bernhards Rede Georg Bernhard: Franz Oppenheimer hat die Frage gestellt, wodurch sich dieser Abend von anderen Abenden in diesem Saal unterscheidet. Ich möchte diese Frage mit anderen Worten stellen: mah nischtane halajlo haseh? Aut diese Frage gibt es bekanntlich mehrere Antworten, Vielleicht trifft die Antwort mit den bitteren Kräutern zu, wenn wir sic daraut beziehen, was das Keren Hajessod-Komitee von den Anwesenden während der Pause gefordert hat. Für mich aber liegt das Bemerkenswerte dieses Abends darin, daß aus England ein Nichtjude zu 1ms kommt und uns mahnt, daß wir Juden gemeinsam ein jüdisches Werk zu unterstützen haben; daß wir beiseite lassen den Hader, der schon so lange innerhalb der Judenheit ausgefochten wird. Ich bin, wie Sie wahrscheinlich wissen, nicht Zionist, aber ich habe mich von Anfang an für das Palästinawerk eingesetzt gerade um der jüdischen Einigkeit willen. Ich war der Ansicht, daß es sich hier um eine Sache handelt, die nicht getrennt behandelt werden darf von allen Juden, denen, die glauben, daß sie der Rasse nach von den Hebräern aus Palästina abstammen, und auch jenen, die meinen, daß sie vielleicht Nachkommen judaisierter Romanen sind. Franz Oppenheimer hat gesagt, daß wir den Wechsel, den der Fürstmensch Theodor Herzl mit seinem Blut unterschrieben hat, einlösen müssen. Ich möchte hinrufiigen: Nicht nur Gründe des Idealismus zwingen uns, das zu tun, sondern höchst reale Erwägungen. Denn wir streiten uns heute nicht mehr um die Frage, ob < las Werk Theodor Herzls in die Realität zu überführen ist. Durch die Balfour-Deklaration ist Palästina zur Nationalen Heim- Stätte der Juden bestimmt worden, und seitdem sind wir Juden alle in gleicher Weise an der Existenz dieses Werkes interessiert. Seit der Balfour-Deklaration ist eine Schar mutiger junger Mensehen nach Palästina gezogen, um dort in harter Arbeit den Boden zu bebauen, und diese Menschen haben gezeigt, daß der Jude wieder Bauer sein kann wie einstmals in biblischen Zeiten. Sie bedürfen aber unserer Unterstützung, und diese liegt in unserem eigenen Interesse. Denn wenn dieses Werk zugrunde geht, wird man nicht die Toren schelten, die hinausgezogen sind, sondern auch auf uns wird man mit Fingern weisen und wird sagen: Seht ihr, wie recht wir gehabt haben, a!s wir den Juden kein Werk des ernsten Aufbaues und keine Fähigkeiten produktiver Arbeit zugetraut haben. Hier zeigt sich die Untüchtigkeit eurer Rasse! Es gibt im Judentum und sogar im Zionismus eine große Menge Richtungen und Parteien, vielleicht schon zu viele. Sogar innerhalb des Zionismus wird von manchen Gruppen die Parole der freien Wirtschaft für Palästina gepredigt. Man sagt, man solle die Juden nur hereinlassen, es sei egal, was dort aus ihnen wird. Man will das Ghetto von Warschau nach Palästina verpflanzen. Das scheint mir eine Sünde gegen den heiligen Geist dessen zu sein, was man von Palästina für das Judentum erwarten muß. Was notwendig ist, ist planmäßige, beaufsichtigte und beaufsichtigende Kolonisationsarbeit. Aber gerade diese Seite der Palästinasache ist nicht zu machen ohne Geld. Ich bedaure sehr, daß das britische Reich nicht die Konsequenzen zieht aus dem, was es in der Balfour-Deklaration versprochen hat, und freue mich, darin einer Meinung zu sein mit Col; Wedgwood, Es ist bedauerlich, daß die Mändatarmacht nicht In stärkerem Maße seihst für die Entwicklung und Urbarmachung des Landes durch die Juden sorgt und dies auch finanziell sichert. Aber das ist nicht eine Frage der Judenheit, sondern eine innerpolitische Frage des englischen Reiches, von der ich überzeugt bin, daß sie sich allmählich in unserem Sinne entwickeln wird. Aber solange das nicht der Fall ist, müssen die Juden der ganzen Welt ohne Unterschied ihrer inneren jüdischen Gesinnung das Geld beisteuern. Ich fühle mich — w ie wahrscheinlich auch die meisten Zionisten — durchaus als Deutscher. Ich wurzele mit der ganzen Kultur und dem Gefühlsleben in diesem Lande. Ich habe mich auch immer In diesem Lande als gleichberechtigt gefühlt. Aber nicht allen ist es ganz so ergangen. Wir müssen feststellen, daß erst, seitdem die zionistische Jugend sich so tapfer zum Judentum bekannt hat, jenes Minderwertigkeitsg e f ü h I von den Juden abgefallen ist, das sie gehindert hat, sich innerlich als Gleiche zu fühlen. Schon um dieses idealen Wertes willen sind die Juden gezwungen, zu dieser Sache beizusteuern. Denn wenn wir vielleicht bezüglich des jüdischen Volkes verschiedener Meinung sind, so sind wir doch darüber einig, daß die jüdische Religion alle Juden zusammenhält. Und auch für die jüdische Religion ist jene Stätte heilig, auf der einst ihre Quellen geflossen sind. Selbst wenn wir den ersten Tempel unberücksichtigt lassen und nur in geschichtlicher Zeit bleiben, so wissen wir, daß die Juden nach dem babylonischen Exil zurückgewandert sind und den Tempel neu aufgebaut haben. Damals hat Esra zum erstenmal die Thora in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens gestellt und sie zum jüdischen Gesetzbuch gemacht, das Buch, von dem aus sich das Licht über die ganze Welt verbreitet hat. Also auch wenn man im Judentum nur eine Religion sieht und gerade dann hat man Veranlassung, den Wiedereinzug der Juden nach Palästina zu fördern. Auch zu Esras und Nehemias Zeiten gab es eine Art Keren Hajcssod, der befohlen worden ist von zwei Nichtjuden, Cyrtis und Artaxerxes. Auch damals kam derselbe Kleinmut zum Ausdruck wie heute. In Palästina selbst gibt es wenig Kleinmütige, aber hier hören wir immer Wieder zweifelnde Ansflüchte, wir seien zu schwach, das Werk könne nicht gelingen. Wie zu Esras Zeit muß der Kleinmut überwunden werden. Ich hoffei, daß Palästina von uns allen Juden gemeinsam in jüdischem Geiste aufgebaut wird und in jüdischem Geiste, das heißt, in Gottes Geist, gedeiht. Schon als Junge habe ich gelernt: Gott hilft nur dem, der sich selbst hilft. Juden, helft euch selbst! (Lebhafter Beifall.) Die Schlußreden Willy Dreyfus bemerkt zu Anfang seiner Rede, daß er Col. Wedgwood bereits in London, am 2. November 1927, anläßlieh des 10. Jahrestages der Balfour-Deklaration gehört hat. Seitdem ist eine wichtige Entwicklung vor sich gegangen, der Berieht der Agencv-Komtnission liegt vor und die erweiterte Jewish Agency ist in Vorbereitung. Daraus ergeben sich große Perspektiven für die Palästina-Bewegung. Der Redner gedenkt der Pioniere der Bewegung und entbietet einen herzlichen Gruß Dr. Weizmann, der sich gerade auf dem Weg nach Amerika befindet. Die Palästinasache ist die in die Zukunft weisende Bewegung des Judentums, der die tätige Mithilfe aller Juden gebührt. Kurt Blumenfeld geht in seiner Schlußansprache auf die einzelnen Reden kurz ein und zeigt, wie sich hier Menschen verschiedener Art und verschiedener Anschauungen zu einem g e - meinsamen Werk verbinden. Die Reden des Abends waren so etwas wie eine innerjüdische Debatte. Wir begrüßen es, daß verschiedene Anschauungen offen zum Ausdruck kommen. Dies allein ist wahre Neutralität. Der Keren Hajesrod hat das Große erreicht, daß charaktervolle Menschen an einer Sache Zusammenarbeiten, ohne daß ein Opfer der Gesinnung oder auch nur ein Verbergen gefordert wird.