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Jüdische Rundschau · 1928-10-16 · Heft 82 (16.10.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 82 (16.10.1928)
Date
1928-10-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 576 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 82, 10.X. 1928 politischen und sozialen Richtungen für das jüdische Geistesleben des letzten Jahrhunderts bedeutet. Die Isop hat hier die Mittel der augenfälligen Darstellung verschmäht. Durch die Herausgabe einer kleinen Schrift (Josef Lin: Die hebräische Presse, Verlag Jalkut, Berlin) wurde vorn Komitee der Isop der Versuch gemacht, den Entwicklungsgang der hebräischen Presse zu charakterisieren. Ausstellungsbesucher orientieren sich aber nicht nach gedrucktem, sondern nur nach anschaulichem Material. Dem nichtjüdischen Besucher, aber auch dem Juden, hätten die großen Abonnentenzahlen jüdischer Zeitungen aus Polen und Amerika wie die, an der jüdischen Bevölkerung des Landes gemessen, außerordentlich große Zahl der Leser hebräischer Zeitungen in Palästina doch manches über die in ihren Wirkungsformen zwar veränderte, und doch imponierende Art des jüdischen Geisteslebens sagen können. Zahlen in graphischer Darstellung oder andere Mittel der Veranschau'ichung hätten die Wirkung des gedruckten Wortes in der Welt der Moderne verlebendigen können. Zürn Verständnis jüdischer Gegenwart in ihrem Schwanken zwischen Altem und Neuem hätte auch die Be- (deutung alt- und neujüdischer Literaturgatümgen stärker hervorgehoben werden müssen. Die Rolle, die heute noch in den Ländern jüdischer Siedelung das jüdische Buch — von Siddur und Chummescli bis zutn hebräischen Schulbuch und wissenschaftlichen Werke — spielt, ist nicht zur Geltung gebracht. Guter Wille überall, in einigem gute Gestaltung, vielfach aber fehlt die lebendige Beziehung zur jüdischen Wirklichkeit. * Am 21. September wurde in Tel-Awiw eine Aus- Stellung der hebräischen Presse e/öffnet. Die Ausstellung zeigt annähernd 500 Zeitungen, darunter 400 hebräische, während die übrigen Organe in jiddischer, spanio- Ifscher, arabischer, englischer, französischer, deutscher tmd Esperantosprache sind. Habimali •Bankett Am Sonntag, dem 14. d. M., fand im ״Kaiserhof‘' ein vom Berliner Komitee der ״Habimah“ veranstaltetes Bankett anläß- Hch des zehnjährigen Jubiläums der ״Habiinah“ statt. Nach einer Eröffnung durch Generalkonsul Eugen Landau erklärte Herr Wilfrid Israel den Zweck der Veranstaltung. Sodann trug Iso Go II and, Mitglied der Staatsoper und früher der ״Habimah“, mehrere hebräische Lieder vor. Arnold Zweig schilderte in seiner Ansprache die Bedeutung des ״HabitUah“ für das westliche Theater. Bei aller künstlerischen’ Leistung könne jedoch ein Theater nicht nur im Umherziehen leben, sondern müsse ln einer natürlichen Umgebung wurzeln, inmitten eines Volkes, das dieses Theater braucht und dessen Leben und Leidenschaften es künstlerisch gestaltet. Diese Einsicht führte die ״Habimah“ nach Palästina. Trotz der Kleinheit des Landes und trotz den Krisen, in denen sich die Krisen Europas wiederholen, ist dort die Atmosphäre, aus der eine neue Produktivität der ״Habimah“ wachsen kann. Die wirtschaftliche Fundierung des Theaters jedoch muß von Europa und Amerika aus erfolgen. Wenn es gelingt, im Ausland die Mittel zu schaffen für die Existenz der ״rfabimah", dann ist damit auch uns Juden in Europa ein großer Dienst erwiesen, denn uns wird die ״Habimah“ noch vieles zu geben und zu sagen haben. Alfred Kerr las seine enthusiastische Kritik der ״Habimah“ vor und setzte sich gleichfalls für die Förderung der Sache ein. Zum Schluß sprach Intendant Jeßner, der auf den Zusammenhang zwischen politischem Leben und Theater hinwies und der Hoffnung Ausdruck gab, daß die ״Habimah", wenn sie aus Erez Jisroel zurückkehrt, etwas von dem starken, lebendigen, aggressiven Geist des palästinensischen Judentums mit* .,bringt, so daß sie nicht nur bodenständig ist im Sinne der!alten ״Chumoschim-Welt“, sondern auch aktuell. Die ״Hab!- jmah“ möge — schließt Jeßner — den Tag erleben, wo sie nicht mehr nur Lobeshymnen hört, sondern auch Kritik, scharfe Angriffe, Kämpfe durchmacht, aus denen sie sieg-! reich hervorgehen möge. Zwischen den einzelnen Rednern trug G oll and noch mehrere seiner Programm nummern vor, die man nie zu oft!hören kann, und erntete stürmischen, wohlverdienten Bei- [fall. Das Publikum, in welchem man zahlreiche Vertreter [der Literatur sah, folgte den Darbietungen mit starker innerer (Anteilnahme, aus der zu erkennen war, wie aufrichtig die ,Sympathien sind, die die ״Habimah“ sich in Berlin er-!worben hat. 1 - j In kurzem erscheint in Warschau ein neues Buch von Prof. Simon Dubnow, dem repräsentativen jüdischen Historiker, das den Titel führt: ״Von Jargon zu Jiddisch“. Es enthält bisher unveröffentlichte Erinnerungen des hervorragenden Geschichtsschreibers und Denkers. Und im spritzenden Gestrudel der Fläche das Bild zerstob. Zuhause lag er der Mutter mit Bitten an, sie möge beim Vater erwirken, daß der ihn in die Stadt schicke, mit den Andern zu lernen. Die Mutter jedoch hielt ihm Mund und Augen mit weichen Händen zu, er fühlte sie schüttern und in sein Haar niederweinen, und als sie wieder ihrer Stimme mächtig war, beschwor sie ihn, nie zu dem Vater von solchen Wünschen zu reden, ja selber sie auszutilgen aus dem Herzen, und von da an sandte sie ihn nicht mehr zur Stadt. Aber Naftali, so fest er nun schwieg, vergaß nicht und hegte im Innern den zehren- 'den Brand seines Traumes fort. Eines Tages, als das sinkende Gestirn die Steppe in grünes, f fließendes Gold wandelte und der Knabe, seine Wünsche in .'den Schein dichtend, auf den Untergang zu die Rinder herni- | trieb, fiel ein Schwarm räuberischer Kosaken, auf niedrigen, | wirrmähnigen Pferdchen anfliegend, über Herde und Hof.!Naftali wurde ergriffen und gefesselt im Tor des Gehöfts, als jer seinen Vater aus dem qualmenden Haus treten sah in der!Gestalt, in der er fortan seinem Gedächtnis eingezwungen blieb:!'die grüne Schärpe des falschen Messias um die gewaltigen!Hüften, das fleischige, fast augenlose Gesicht über und über gerötet, den Mund aus dem Feuerbart zu schallendem Lobgesang aufgetan, die Rechte mit blankem Beil gegen den Feind (geschwungen. Naftali sah den Schlag nicht mehr, er wurde j herumgerissen und draußen auf den vom Ritt noch dampfenden Rücken eines angepflockten Gauls gefesselt, lag vom Stampfen •des Tieres geschüttelt eine Weile in rasendem Bäumen und Zerren wider die sichern Stricke, dann jagte er mitten im Schwarm davon, den Flackerschein der vergehenden Heimat in den Augen. II. Kapitel > Ein Pferd gleicher Art, wie es den Geraubten fortgetragen hatte, brachte Jahre später den Entwichenen zurück, ln der äußersten Gasse des Städtchens, als der Reiter die Zügel fester nahm, um das nur wie durchstürmtes Element besinnungslos jagende Tier in langsamen Gang zu zwingen, brach es unter ihm Palästinaquaisch Von M. Y. Ben-Gavriel, Jerusalem. Den Bemühungen einiger unbestechlicher Männer scheint cs endlich gelungen zu sein, Palästina wenigstens so weit zu entromantisieren, daß׳ der europäische Durchschnittsleser nur noch selten missionarefressende Kannibalen oder assagaischwingende wilde Juden bei uns sucht. Auch die Legende, daß der große Stamm der Benisachrbeduinen dem Hochkommissar von Palästina ein Ultimatum überreicht habe, wonach er die (noch nicht gebaute) Bahnlinie von Jerusalem nach Bagdad zerstören werde, falls nicht sämtliche Krieger des Stammes als Postunterbeamte angestellt würden, — auch diese Legende scheint bereits außer Kurs gekommen zu sein. Was sonst aber an phantastischem Unsinn über Palästina in Europa gedruckt wird, genügt, um die Vermutung aufkommen zu lassen, daß Palästina etwa gleichzeitig mit dem Auftauchen Nobiles am Nordpol entdeckt wurde. Man muß nicht allzuviel von den geographischen Kenntnissen einer europäischen Inteliigenzklasse halten, um doch zu staunen, wenn eine große deutsche Orientbank konsequent ״Jerusalem, Türkei“, adressiert (und infolgedessen türkische Pfunde schickt, die selbst ein Kameltreiber hohnlachend zurückweist) oder wenn eine der größten deutschen Zeitungen der unbeirrbaren Ansicht ist, daß man ״Jerusalem (Aegvpten)“ schreiben muß, und daß es nichts schaden kann, wenn man das gelegentlich in ״Jerusalem (Kleinasien)“ oder ״Jerusalem bei Palästina“ variiert. Aber ich meine gar nicht diese geographischen Kleinigkeiten, wie ich auch nicht von den großen Schlagern sprechen will. Es liegt mir durchaus fern, jene berühmte Meldung des vorderasiatischen Karl Mav-Korrespondenten an seine Wiener Zeitung zu glossieren, der den aussterbenden Stamm der samaritanischen Juden nach dem Osteropfer schlicht und bieder das schöne deutsche Lied ״Stille Nacht, Hei- 1 i g e Nacht“ singen läßt. Es liegt mir durchaus fern, mit diesem Wiener Blatt darüber zu rechten, daß die Samaritaner Juden und nicht Christen sind, daß Ostern nicht Weihnachten ist und daß daher die Behauptung, eine Gesellschaft von aussterbenden, hebräisch - arabisch erzogenen Gentlemen singe einen deutsch-christlichen Choral, füglich eine Uebertreibung sein muß. Manches von dem, was der Tag einem heimtückischerweise so zufällig in die Hände spielt, stimmt sogar fröhlich, so die Bildbeilage des ״Hamburger Fremdenblatfes", in der man wieder einmal das zum Ueberdruß bekannte Bild der Omarmoschee in Jerusalem erblickt, mit einer Unterschrift, die vermuten läßt, daß diese Zeitung sich auch in Zukunft nicht davon abbringen lassen wird, dies sei ״die durch das Erdbeben schwerbeschädigte Grabesk i r c h e in Jerusalem“. Oder wenn wir aus einer in Wien erscheinenden Zeitung erfahren, daß bei dem Begräbnis eines berühmten Mannes in Palästina ״die jungen Burschen und Mädchen ganz in Weiß, der Trauer färbe der Juden, gekleidet hinter dem Sarg schritten“. Dies alles könnte man noch hinnehmen. Aber anderes schlägt den Palästinenser geradezu nieder. Von einem phantasiereichen Reiseberichterstatter erfuhren wir kürzlich ganz unvorbereitet, daß der hebräische Buchstabe D, ״Dalet", der auch die Zahl vier bedeutet, — daß dieser Buchstabe, welcher von der letzten Wahl her noch auf vielen Jerusalemer Hausmauern aufgemalt ist, durchaus nicht die Aufforderung bedeute, für die Wahlliste vier zu stimmen, sondern ein kahba'isfisches Abwehrmittel der abergläubischen Juden gegen den Satan und den bösen Blick sei. ,/ Bestürzt lege ich das Blatt zur Seite, greife nach einem neuen Buch von Schalom Asch und erfahre, daß man die ״Via dolorosa“ auch mit ״das Leidensgäßchen Rosa“ übersetzen kann. Das nenn’ ich neue Sachlichkeit. Ich flüchte mich in die Wissenschaft. Schlage auf Jeremias: ״Jerusalem zur Zeit Jesu“ (Leipzig 1023) und schon muß ich mich, der ich Jerusalem so gut kenne wie die Kakteen vor meinem Fenster, beschämt belehren lassen, daß es im heutigen Jerusalem ein Quartier der ״Beduinenjuden“ gibt. Ich nehme an, daß in dieser abenteuerlichen Gegend Jerusalems die Sache mit dem Hohenpriester vor sich ging, der nach der Entdeckung eines deutschen Bibelforschers ausgerechnet am Versöhnungstag ״das Fleisch des Zugabeopfers roh aß“. Dies scheint mir immerhin eine Leistung, wenn man bedenkt, daß der Versöhnungstag der höchste und strengste Fasttag ist. hin und verendete schäumend am Boden. Hinkend vom Sturz, hohläugig und schweißtriefend, in verschmutzter, abgerissener Kleidung, kam der Jüngling vor den Oheim. Machte die Spur der bestandenen Flucht seinen Anblick erschreckend, so wäre er auch ohne sie nicht gewinnend erschienen. Lang war Naftali und mager um das breite Skelett, Hände und Füße unmäßig groß, die Haltung, da er nicht zu Pferde saß, lässig und wank, alle Glieder wie zufällig aneinandergefügt, ohne Einstimmen in Regung und Richtung. Das sommersprossige Gesicht, mit knolliger Nase, tiefen Gruben zwischen dem starken Mund und den abstehenden Ohren, war von rotem, wolligem Gekräusel umrahmt, aus dem die Wucht des Kinns noch deutlich schien. Steil und faltig über den schwachen Brauen hob die Stirne sich zu dem drahtigen, feuerfarbenen Haar. Nur wie dem Steigenden zwischen Felsen unvermutet ein himmelspiegelnder See aufgeht, lagen in der wilden Oede dieses Gesichts die weiten, tiefgrauen Augen. Der Oheim, rund und kurzbeinig, ein kritisch blickender, behäbiger Mann, war mehr erstaunt als erfreut, den Sohn der Schwester in solcher Gestalt lebendig und frei vor sich zu sehen. Doch nahm er ihn, die Hand etwas mühsam auf die Schulter des ragenden Burschen gelegt, in sein bestes Zimmer, und als beide saßen und sein Auge in gleicher Höhe zu dem Naftalis hinübersah, wurde er herzlich und mitleidig. Er teilte dem Neffen mit, Vater und Mutter seien bei jenem Ueberfall umgekommen, was Naftali wohl gedacht, ja vom Vater gewißlich geglaubt hatte. Die Mutter lebendig zu hoffen, war freilich schön gewesen. In den Jahren der Knechtschaft, auf der Weide wie daheim, vom gleichen Antlitz der Erde wie daheim angeschaut, Strom und Steppe, hatte er oft bei der abendlichen Rückkehr mit den Rindern, von denen mehr als eines aus der heimischen Herde war, hinter einer Bodenwelle sich das Haus erbaut und die Mutter gebildet, drinnen auf ihn zu warten mit aller Kraft der lösenden Güte, die ihm nicht mehr ward. Aber im Schwarme der Fremden auf ihren Raublahrten hinreitend hatte er zu wissen gemeint, daß auch sie verloren war. Das sind nur ein paar kleine Blüten unsystematisch betriebener Lektüre. Aber sie genügen, um feststellen zu können, daß die feschen, reschen, forschen und kühnen Zeitungskorrespondenten, die von Jerusalem oder Dschiddah aus mit dem Finger auf der Landkarte selbst bis nach Mekka vordringlieh werden, und die sich auch sonst sehr aufgeräumt zeigen, wenn es gilt, schwer kontrollierbare Dinge zu erzählen, daß diese Zeitungskorrespondenten wackere Hilfe bekommen von jener Seite, die bis nun auf sie herabsah: von den Bücher- Schreibern. Wer nur ein wenig Phantasie hat (und stammte sie auch von Lawrence oder der guten Gertrude Bell oder vom unübertrefflichen Hadsch Karl May) und einen Verleger in Europa, findet in Palästina genug, um mit scharfem Blick etwas daraus zu machen, was nicht nur eine schier unerschöpfliche Quelle von Zeilenhonoraren ist, sondern auch ein trefflich beschickter Bazar für unkontrollierbare Kulturkuriosa. Mein Wort: wenn morgen ein Korrespondent oder ein Bibelforscher oder sonst ein kühner Entdecker entdeckte, daß auf der Strecke von Jerusalem nach Tel-Awiw grüne Beduinen in Ehegemeinschaft mit violetten Indianerjuden leben, ich würde ebensowenig erstaunen, wie etwa über die Nachrieht, daß die Kamele der Huet.itbeduincn Straußeneier legen und den Yankee doodle dazu singen, oder daß der Hachambaschi der Taimaniin in Südarabien zum Ehrenmitglied des Vereins gebürtiger Hamburger in Bremen E. V. ernannt wurde. (Aus dem ״Tagebuch“.) Zwi Scharfstein: Hachinuch be-Erez Israel (Die Erziehung in Palästina). New York. 191 Seiten (hebräisch). Dieses von der hebräischen Organisation in Amerika herausgegebene Buch ist die erste umfassende Würdigung unseres hebräischen Schulwerkes in Palästina durch einen Fachmann. In der Einleitung weist Scharfstein mit Recht darauf hin, wie sehr sich die Stellung der zionistischen Oeffcntlichkeit zu unserm Erziehungswerke gewandelt hat. Als im Beginn der zionistischen Bewegung die Schule in Jaffa gegründet wurde, galt ihr alle Liebe der gesamten Organisation, ln den letzten Jahren vor dem Kriege stand das hebräische Gymnasium iti Tel-Awiw mit seinen Lehrmethoden im Mittelpunkte der Diskussion, an der Achad Haam hervorragenden Anteil nahm. Heute nimmt man zur Frage des Schulwesens in Palästina nur noch vorn Standpunkte des Budgets aus Stellung und läßt im übrigen den Dingen ihren Lauf, ohne sich über Erziehungsziele und Er- Ziehungsmethoden Rechenschaft zu geben. Scharfstein versucht hier zu tun, was ein einzelner tun kann, wobei allerdings gesagt werden dürfte, daß der Nutzen des Buches für Palästina selbst größer gewesen wäre, wenn seine Stellung eine kr itischere wäre. Scharfstein tadelt wohl einzelne Seiten, bekämpft z. B. die Absonderung des Erziehungswerkes der Arbeiterschaft von dem allgemeinen zionistischen Schulwesen, weist auch in bezug auf die radikalen Schulreformen, die an einzelnen Stellen durchgeführt wurden, darauf hin, daß sie oft nicht so sehr dem schöpferischen Willen zu neuer Schulgestaltung entsprangen sind als der Nachahmung europäischer Reformen — aber im großen ganzen ist sein Buch ein Hymnus auf die großen Leistungen des jüdischen Lehrers in Palästina. Die Mittelschulen hat Scharfstein nicht in den Bereich seiner Betrachtungen gezogen, aber er geht mit großer Liebe den oft heroisehen Anstrengungen nach, welche im Kindergarten und in der Volksschule gemacht wurden. Seine Betfachtungen umfassen ebenso das Schulwerk des Misrach! wie das der Arbeiterschaft (er verweist übrigens darauf, daß einzelne Schulen der Arbeitef* schaff mit ihrem "individuellen Unterricht sich der Unterrichtsart des Cheder mehr annähern als die religiösen Schulen mit ihrer durchaus europäischen Unterrichtsmethode). Er bringt sehr viele Beispiele von Kinderliedern, Tagebuchaufzeichnungen und Kinderzeitungen und so ist sein Buch eine reiche Sammlung von Material. — Dem Keren Hajessod, der das Schulwerk finanziert, wäre sehr zu empfehlen, daß er das Buch in deutscher und englischer Uebersetzung herausbringt. Es würde unserer Arbeit in Palästina viele Freunde verschaffen in Kreisen, die uns sonst fernstehen. h. b. Lia Rosen, die berühmte Schauspielerin, die am Wiener Burgtheater, dann bei Reinhardt in Berlin und zuletzt in Amerika gewirkt hat, gibt gegenwärtig ein Gastspiel in Czernowitz. Sie erzählte den Pressevertretern, daß sie sich in New York, wo sie zuletzt im ״D y b u k“ von Anski aufgetreten war, mit dem bekannten Zionisten Ing. Mark Schwarz verheiratet hat, der jetzt in Palästina weilt. Von Czernowitz begibt sich die Künstlerin zu dauerndem Aufenthalt nach Palästina. Der Oheim sah mit Zufriedenheit, daß den Knaben der Tod der Mutter inniger als der des Vaters bewegte. Das ließ ihn beschließen, den Flüchtling aufzunehmen. Was er denn zu tun gedenke, fragte er und erwartete wohl eine Gegenfrage, aber ohne Zaudern kam das fertige Wort, all die Jahre ungesprochen im Innern bewahrt und zu briinsriger Kraft genährt, über Naftalis Lippen: ״Lernen.“ Der Oheim zog die Brauen hoch und führte die Augen mit wehmütigem Lächeln über die Züge des Jungen, die eher eines Hirten, der er gewesen w׳ar, eines Fuhrmanns, auch noch eines Lastträgers Züge sein konnten als eines Gelehrten. Noch erstaunter war der Oheim, als er nächsten Tags dem sauber und anständig hergerichteten Gast eine schriftliche Arbeit für sein Geschäft auftrag und dieser mit ruckenden Lippen und ersticktem Laut gestand, daß er Lesens und Schreibens nicht mächtig sei. Nach wohl verrichteter Arbeit habe er heute Abend mit ihm lernen wollen, sagte der Alte, worauf der Junge nun in polterndem Sturz der Worte ihm antrug, ihm die Rösser zu warten, den Stall zu fegen, Fuhren ru fahren, Wagen zu laden und zu räumen und die schadhaften zu richten, Wäsche zu waschen, das Dach zu flicken und alle Kunst, die er irgend vermochte: ״Aber lern am Abend mit mir!“ Dergleichen Dienste seinem Neffen aufzugeben, schien dem Alten unter der Würde des Hauses; aber soviel Inbrunst nach Wissen bei soviel Unwissenheit erweckte mit seinem Anteil seine Neugier. Er stahl dem Handel eine Stunde und sagte Naftali das Alphabet vor, einmal ums andere, bis der Junge es ihm nachsagte. Dann schrieb er groß die Buchstaben auf eine Tafel und überließ Naftali sich selber. Bei Tisch schaute alles auf den Gast, Frau und Kinder des Hausherrn, die nie fehlenden Armen und tagweis von Haus zu Haus speisenden Schüler, das zahlreiche Gesinde. Sie fragten ihn von dort und hier nach den Leiden seiner Gefangenschaft und den Bräuchen der Räuber. Er aber gab karge, stockende Antwort, es war zu sehen, daß er dieser Geschicke sich schämte, und achselzuckeqd ließen sie von ihm ab, mit spöttisch mitleidigen Blicken und dem Handwurf leichten Verzichts untereinander sich einigend. (Fortsetzung folgt.)

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