Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1928)
- Date
- 1928-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 16. Oktober 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 34 Nationales auf der Pressa Von Israel Rabin, Breslau. ln diesen Tagen wird die ,Pressa" in Köln geschlossen. Der Rückblick Dr. Rabins auf dieses große, jeden Knlturpotitiker hesnn - ders fesselnde und sehr lehrreiche Unternehmen wird vor allem denen, die selbst nicht dort waren, einen Eindruck des Gebotenen vermitteln. Besonders wichtig ist das über die Jüdische Sonderschau Gesagte auch jetzt, post festtsm, weil wir für zukünftige ähnliche Ereignisse daraus lernen sollen. Red. Nachman Krochmal, der jüdische Oeschichtsphilosoph, hat in seinem Essay über ״Völker und ihre Götter“ den Gedanken durchzuführen Versucht, daß in der religiösen Welt, in der Auffassung Gottes, wie in der kulturellen Schöpfung eines jeden Volkes, sich sein eigener ״Gott“, der Volksgenius, offenbart. Dostojewski begleitet diesen auch von ihm konzipierten Gedanken noch mit einem Werturteil. Er stellt in seinen Tagebüchem (mit Bezug auf die Lösung der Frage von Sünde und Gnade bei Tolstoi) die Behauptung auf, daß nur dasjenige Volk wert sei, als Volk in der Welt eine eigene Stellung einzunehmen, welches in der Welt des Geistes irgendeine kulturelle Schöpfung gezeitigt, irgendeine ״Lösung“ aufgezeigt hat, wie sie den anderen Völkern bis dahin nicht bekannt war. Bei einem Gang durch die fast unübersehbaren Räume der Kölner ״Pressa“ drängen sich einem die Betrachtungen der beiden Denker auf. Es war eine glückliche schöpferische Idee der Veranstalter der ״Pressa“, daß sie ihre Aufgabe nicht allein von der rein technischen Seite aufgefaßt haben. Nicht nur der ungeheure Fortschritt der Druckkunst sollte vorgeführt, vielmehr sollte die kulturelle Bedeutung dieser Kunst dargetan werden. Wenn demnach in vielen Sälen die großartigen Guß- Setz- und Druckmaschinen gezeigt werden, wenn man die Entwickelung der schwarzen Kunst von der primitiven Gutenbergwerkstatt bis zu den riesigen Ausmaßen eines modernen Zeitungsbetriebes mit Millionen Drucken verfolgen kann, so wird damit zum Teil Neugierde befriedigt. Belehrung findet schließlieh nur derjenige, der irgendwie mit dieser Welt der Technik in Verbindung: steht. Zu einer allen klar verständlichen Führerin durch die Kultur der Zeiten ist die ״Pressa“ in ihrer größten und gründlichsten Schau geworden, in der historischen Kulturschau. Dort kam man an den Zeugen ältester Zeiten wie an den primitiven Mitteln der Verbindung unter Menschen der kaum noch erschlossenen Länder Afrikas und Australiens erkennen, welche Wege der Mensch sucht, um sich mit seinem Nebenmenschen zu verständigen. Zeichen, an Baumrinden eingegraben, Feuersignale, Trommelzeichen, Fahnenschwenken, bestimmte Gestikulationen, sollten die Verständigung auf kleinere und größere Entfernungen herstellen. Früh aber empfand der Mensch auch die Notwendigkeit, durch Zeichen sich und seine Gedanken der Zukunft zu vermitteln, die Tat des Augenblicks in die Ewigkeit hinüberzuführen. Darin liegt die Bedeutung der Hieroglyphen der Aegvpter, der Keilschrift der Assyrer und Babylonier wie der Runen der Nordvölker. Es ist ein ungeheurer ,Weg, der von diesen ältesten Zeichen, in Stein gemeißelt, in weichen Ton gegraben, auf Scherben4 geritzt und gemalt, auf Papyrus geschrieben bis zu Unserer selbsttätig^ Setzmaschine führt. Uni diesen Weg zu zeigen, hat die ..Pressa“ uns eine Geschichte derkultur geben müssen. Die Darstellung ist lückenhaft, bet aller Lückenhaftigkeit aber gigantisch. In dieser Kulturschau, die ihrer Natur entsprechend international gestaltet werden mußte, zeichnen sich fast ebenso natumotwendig schon die Umrisse der nationalen Leistung ab. Als ob die Veranstalter der ״Pressa" diesem nationalen Drängen Halt gebieten wollten, gliederten sie der allgemeinen historischen Kulturschau räumlich die katholische Son* derschau unmittelbar an. Was in den Erzeugnissen der Jahrhunderte um die Wende unserer Zeitrechnung an nationaler Eigenart bereits stark sich offenbart, das wird in der katholischen Sonderschau wieder zur Universalität geführt. Ueber diese 14 Säle umfassende Schau einen Uebcrblick zu bieten, ist unmöglich. Sie will werben. Der Mönch in der Klause, die Frommen in den Prozessionen, die Gesellen katholischer Gewerkschaften in Versammlungen und Umzügen, alles wird im Bilde wiedergegeben. Schrift- und Druck wort, das die Kirche zur Schau bringt, ergreift alle Phasen des Lebens, Erbauungsbuch und Versammlungszette!. Werben wollte jeder, der sein Wesen und seine Idee an der ״Pressa“ zu verkörpern versuchte. Nur Chinesen, Japaner, Aegypter und Araber, für die Fremde, Freunde oder Beherrscher, die Herrichtung ihrer Sonderausstellung übernahmen, haben schlecht abgeschnitten. Träger einer eigenen Idee haben alles aut Wirkung abgestellt. Am schärfsten kommt dies zum Ausdruck in der Ausstellung Sowjetrußlands. Wenn in der katholischen Kirche alles einer einheitlichen religiöser! Formel untergeordnet ist, so wird in der Sowjelschau alles von einer bestimmten sozialer! Idee beherrscht. Auch hier eine Katholizität, aber eine solche besonderer Art. Riesenhafte Bilder, plastische Darstellung, graphische Veranschaulichung und nahezu astronomische Zahlen sollen den Beschauer von der allein seligmachenden Kraft des Leninglaubens und der Bolschewistentat überzeugen. Man muß zugeben, daß die Sowjets auch Kultur geschaffen, nicht nur Kultur getötet haben. Symptomatisch ist jedoch, daß — wenigstens in der Ausstellung — die russische Literatur mit Gorki beginnt und mit Lenin ihren Höhepunkt erreicht. Alles andere ist nur Nebenerscheinung. Die große russische Vergangenheit ist fast verschwunden, von einer kirchlichen Kultur ist nichts zu sehen. Die 4000 neuen Bücher, die jedes Jahr als geistige Nahrung für 153 Millionen Menschen erscheinen, enthalten wohl mindestens zur Hälfte bolschewistische Traktätchen. Lenins Abhandlungen liegen in 55 Sprachen übersetzt zur Schau. An ihnen hat der neue russische Mensch seinen Geist zu bilden, von ihnen soll das Licht seiner Seele ausgehen. Einseitigkeit und Eindringlichkeit, das sind die Merkmale dieser Ausstellung. Und trotzdem wirkt die Sonderschau der Russen imponierend. Fanatischer Glauben versagt hier bei den Sowjets ebensowenig, wie dort bei der Kirche. Staaten und Nationen bemühen sich, das Sondergesicht ihrer Kultur in eigenen Ausstellungen zu zeigen. Aus der Fülle der Staatenschauen der ״Pressa“ soll nur noch eine einzige Erwähnung finden. Die Ts c 11 e ch en mit ihren 13 Millionen Bürgern zeigen in nüchternen hellen Räumen, was ein zum Leben drängendes Volk in einer kurzen Spanne Zeit hervorbringen kann. In der katholischen Schau ist es die Idee des .Glaubens, bei den Russen ist es die Politik, die wirken will, die Tschechen geben sich als Apostel der Kultur, einer auf eine bestimmte nationale Gruppe beschränkten Kultur. 6000 Bücher, die alljährlich in die Welt geschickt werden, Hunderte von Zeitschriften, eine Fülle von Schulbüchern und vor allem recht viele Lesehallen und Bibliotheken haben, wie graphische Darstellungen zeigen, die Aufgabe, in alle Schichten des Volkes Kultur zu tragen. So kann das kleine Land mit den anderen größeren Brüdern in der Völkerfamilie wetteifern. Auch jüdische Leistung ist in zahlreichen Pavil- Ionen vertreten. Es gehört aber ein scharfes Auge dazu, sie festzustellen. Sie ist auf anderem Konto gebucht. So ist es in der technischen Abteilung, wo vielfach Maschinen und Werkzeuge auch aus jüdischen Fabriken zu sehen sind. Sie stehen in den deutschen, in den englischen wie in anderen Pavillonen. Unter den großen Zeitungen wird wohl, wie man annehmen darf, manch ein ״Judenblatt“ zu finden sein! Bei der Ausstellung bleibt die Vaterschaft ungewiß. Nur der Philo-Verlag (Central-Verein), die Zionistische Vereinigung für Deutschland (Jüdische Rundschau) und das Hamburger Israelitische Familien-BIatt sind natürlich als jüdisch zu erkennen, ln den Ausstellungen der einzelnen Staaten, die eine jüdische Minorität mit eigener Presse haben, ist natürlich auch diese zu sehen (Polen, Rumänien, Litauen. Rußland usw.). In dem besonders liebevoll eingerichteten Pavillon, der das Kulturschaffen der Frau zu zeigen hat, würde die Tat der jüdischen Frau, die befremdlicherweise nicht einmal in der Abteilung der Romantik ihren Platz gefunden hat, unerwähnt bleiben, wenn nicht der Jüdische Frauenbund ein besonderes, rührend intimes Stübchen zum Zeugen ihrer Wirkung eingerichtet hätte. Schmerzlich bleibt mancher Eindruck zurück. Ein Prachtsaal der Ausstellung hat die Aufgabe, die Typenkunst in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit und auf der Höhe ihrer Entfaltung zu zeigen. Man hat dazu das erste Kapitel des ewigen Buches gewählt. Ist es nur ein Versehen, daß unter den Hunderten von Blättern, die mit dem ersten Worte der Thora beginnen und in vielen Sprachen das Wirken Gottes bei der Schöpfung verherrlichen, gerade ein Blatt im Urt e x t fehlt? In der historischen Kulturschau ist u. a. auch ein Abklatsch der Slloa-Inschrift des Königs Hiskijahu zu sehen, nebenbei nicht nur ein Zeugnis des ältesten, zur Sicherung einer Wasserleitung errichteten, Tunnelbaues, sondern zugleich mit ein Zeugnis der ältesten Buchstabenschrift (die in Israel allerdings bereits viele Jahrhunderte vorher schon bekannt und verbreitet war), vielleicht sogar das älteste Zeugnis, wenn die Skeptiker der Sinai- und Mesa-Stein-Forschung recht behalten sollten. Auch ein kleines Stück alten Pergaments hängt an der Wand, irrtümlich als das Stück einer Thorarolle bezeichnet, obwohl es in großen Lettern die Namen der zehn Söhne Hamans enthält. (Der Fehler wurde wohl inzwischen auf meine Anregung hin ausgebessert.; In den Abteilungen der neueren Zeit aber wird man die auch typographisch wundervollen Er- Zeugnisse palästinensischer Druckkunst vergeblich suchen. Jüdische Leistung würde in ihrer Tarnkappe ganz verschwinden, wenn das jüdische Inkognito nicht zum Teil gelüftet worden wäre. Diese Aufgabe hat die ״I s o p“ (J ü - dische Sonderschau der Pressa) übernommen. Sie hat sie allerdings, dies muß mit Bedauern festgestellt werden, nur zu einem Teile gelöst. Die Initiatoren der Ausstellung• glaubten von vornherein, daß die Jüdische Sonderschau keine geschlossene Weltanschauung, analog z. B. der katholischen, darzustellen vermöge. Bei der starken Verschiedenheit religiöser wie politischer Richtung Ist die jüdische Presse der Kampfplatz entgegengesetzter Gedanken und Bestrebungen. Man suchte und sah schließlich in dem sittlichen und sozialen Gedanken, der das gesamte jüdische Schrifttum beherrscht, das einigende Band. Beide Momente hätten zur Grundidee der Isop werden können, die bewußte Betonung der starken Differenziertheit kultureller und ethischer, politischer und religiöser Tendenzen in der modernen jüdischen Presse wie das kraftvolle Herausarbeiten der sittlichen Ziele, der Teilnähme der jüdischen Publizistik am Kampf für religiöse Freiheit, für Menschen- und Bürgerrechte. Merkwürdigerweise ist keine dieser Ideen mit rechter Energie verfolgt worden. Dadurch fehlen dem Antlitz der Isop die markanten Züge. Unleugbar ist viel mühevolle Arbeit auf die Isop verwandt worden. Man ist vielfach überrascht von der Fülle des Gesammelten. Aber es war mehr die Hingabe des wissenschaftlichen Sammlers am Werk, als der Eifer des werbenden Verkünders. Sicherlich haben Stolz und Freude an eigenen Kulturgütern bei der Ausstellung mitgewirkt. Woran es fehlt, ist die Reklame, die im besten Sinne verstandene Reklame. Alle, die zur ״Pressa“ gekommen sind, wollten werben. ”11 der feop ist eine Werbe-Idee kaum zu merken. An diesem Mangel ist vielleicht nicht zuletzt das Streben nach Parteilosigkeit schuld. Gegensätzliche Richtungen haben sich verbunden, um die jüdische Sonderschau zu ermöglichen. Während sich aber der Widerstreit der Kräfte sonst segensreich auswirkt, führte die Zusammenarbeit hier zu einer Neutralität, bei der keine Richtung es wagte, ihr Wesen voli und ganz zu gestalten. Aus Teilen ist hier kein Ganzes geworden. Harmonie kann ein Großes herverbringen, verflachende Harmonisierung ist dazu nicht imstände. Von allen Abteilungen der Isop ist die kulturhistorische die wertvollste. Hier wenigstens tritt eine zentrale Idee klar zutage. Hier sollte bewußt Zeugnis abgelegt werden, Zeugnis für eine ewige Idee. Daher ist im Mittelpunkt unserer Schau die Schrift des Zeugnisses, die Thora, aufgerichtet. Es war ein richtiger Grundgedanke, den der geistige Urheber dieses Teiles der Isop, Rabbiner Dr. Adolf Kober, Köln, dabei verfolgte. Bei uns geht alles von der Thora aus und soll zur Thora zurückfiihren. Sie ist der Quell, aus dem alle Kultur des Judentums geflossen ist. Auch das Profane gewinnt hier den Wert des Heiligen. Die Siloainschrift, auch hier gezeigt, weckt die Erinnerung an schwere und große Tage jüdischer Geschichte. Sie legt nicht nur für die Höhe der Kultur im alten Israel Zeugnis ab, sondern zugleich auch für den siegreichen Kampf, den das kleine Volk gegenüber den Mächtigen der damaligen Welt bestand. Im Endeffekt haben sich die stillen Wasser des Siloa noch immer stärker erwiesen als die brausenden Wogen der großen Ströme (Jes. 8, 6—8). Aelteste Handschriften und erste Drucke bekunden, daß wir nicht umsonst den Ehrentitel ״Volk des Buches“ führen. In sinniger Weise wird in diesem Saale auch das Leben der Gemeinschaft wie der Familie in geschriebenen und gedruckten Urkunden vorgeführt. Wohl hätte es größerer Mittel und vielleicht auch größeren Mutes bedurft, um in dieser Ausstellung das große Kapitel neuester Geschichte, Juden und Presse, zu illustrieren. Aber wenn darauf auch verzichtet werden mußte, so hätte doch in großzügigerer Weise dargetan werden können, was die jüdische Presse innerhalb des Judentums in ihren religiösen, Der Reiter Novelle von Ludwig Siraass (Nachdruck verböte»)!.Kapitel Entgegen seiner Herkunft aus priesterlichem Stamm, dessen Namen er führte, lebte Nathan Hakohen abgeschieden von der Gemeinde und ihrem Dienst. Als Knabe schon im väterlichen Handel tätig, war er mit Lea, einem schmalen, lieblichen und scheuen Wesen aus befreundeter Sippe, vermählt worden. Sie zog ins Haus von Nathans Eltern, die wenige lahre darauf bald nacheinander verstarben. Nathan, bis dahin von dem kränklichen und cholerischen Vater knapp und strenge gehalten, breitete sogleich eine laute und gewaltsame Herrschaft über das gesindereiche Haus und Geschäft ausv Die erfahrenen Diener des Vaters störte er mit unbedachten, herrischen Anweisungen aus der Ordnung ihres Tuns, ohne eine neue Ordnung erfinden zu können, und während er auf solche Art das Geschäft in Verwirrung hinein regierte, geriet der jungen Frau, deren ursprüngliche Schüchternheit sein wildes Gebaren zur Lahmheit des Wesens und Willens hatte verstecken lassen, auf andere Art der Haushalt in nicht geringere Wirrnis. Sie ließ die Mägde schalten, die, den Verfall witternd, aus dem untergehenden Vermögen noch alle nur mögliche Bereicherung sich zu gewinnen wußten. Je weniger nun der Mann die eigene Sache gedeihlich zu führen vermochte, desto grimmiger richtend eiferte er gegen die Frau. Leas Fremdheit gegen ihn wurde Abneigung, die ihre durchsichtigen Züge nicht verbargen. Daran aber entflammte sich in ihm zwar nicht Liebe, doch eine trübe, heftige Leidenschaft, die sie duldend wie alles andere hinnahm. Er umstellte sie mit Verdächtigungen unsinniger Eifersucht und so geriet er in Gewalttat gegen einen ihr knabenhaft ergebenen jungen Verwandten, die er mit schwerer Buße an Geld, schwererer am ererbten Ansehen und Vertrauen zahlen mußte. Zu jener Zeit kam über da% ukrainische Städtchen die Kunde von Sabbatai Zwi, der als der verheißene Erlöser Israels zwischen Abendland und Orient aufgestanden war. Auch Besonnene entrückte der Taumel der übermächtigen Hoffnung dem sicheren Gang ihres Lebens. Nathan log sein Wanken in solchen Taumel um. Wohl wissend, daß er Geschäft und Haus nicht lange mehr halten könnte, und unfähig, den ihm verfeindeten Juden seines Kreises die Niederlage zuzugeben, war er froh, sich denen gesellen zu können, die alle unbewegliche oder lästige Habe verkauften, nichts als Geld und nötige Vorräte behielten und ln Zelten vor der Stadt leichte Wohnung nahmen, gewärtig alle Tage des Rufes zur Fahrt ins gelobte Land. Wie Jene ihn aber aufnahmen, als wäre das Vergangene ausgelöscht, herzlich brüderlich, befiel ihn das Glück des Ncubeginns. Er ward gläubig, und mit der grünen Schärpe, dem Wahrzeichen des erstandenen Messias, gegürtet, predigte er und rief auf in den Straßen. Lea indessen, hoffnungslos und unkräftig, in den Verlust der noch so bitteren Heimstatt und das rauhe Warteleben sich zu finden, konnte ihre erste und schwere Schwangerschaft nicht zu Ende tragen. So gebar sie im Zeltlager den Sohn Naftali, der im siebenten Monat, größer als eine ausgereifte Frucht, ob auch ohne Nagel und Haar, den Schoß der ohnmächtigen Mutter brach. Wie nun mit den Hoffnungen das Lager einschrumpfte, Zelt um Zelt abgebrochen ward, dieser mit herbem Schaden das aufgegebene Gut wieder erwerben, jener in der alten, selig überflügelten Weise neu anheben mußte, auch die Brüderlichkeit schwand und der Gescheiterte utfd Mißachtete wiederum gescheitert und mißachtet war, zog Nathan unter den Letzten aus dem Lager, pachtete mit dem Rest seines Vermögens ein Stück kargen Bodens nahe der Stadt, richtete das schlechte Haus, das lange verlassen darauf stand, notdürftig her und bezog es mit Frau und Kind. Er war schweigsamer und gegen die Seinen duldsamer geworden, wider alle Nachricht von Fall und Schmach Sabbatais verbissen und wortlos seinen Glauben panzernd. Da er mit zorniger Macht arbeitete, auch die Frau nach der Geburt des Kindes unvermutet zu einiger Kraft und Umsicht gelangt war, brachten sie das geringe Anwesen hoch. Das Haus ward sauber und fest, die Stallung erweiterte sich und eine wachsende Herde kleiner schwarzglänzender Rinder graste auf der freien Steppe um den Hof. Das Kind Naftali wuchs ohne Gefährten auf. Früh hielt ihn der Vater zur Arbeit in Stall und Haus an, und als Achtjähriger trieb er die Rinder zur Weide in die meerhafte Ebene und zur Schwemme in die Untiefen des Stroms, keck mit Zuruf, Schleuder und Stab, unangefochten von der eigenen Winzigkeit, die mächtigen, dumpfen Leiber regierend. Der Weg zur Stadt war ihm vom Vater verboten, aber heimlich mit Briefen und Grüßen sandte die Mutter ihn hin zu ihren Verwandten, mit denen Nathan heillos zerfallen war. Da gewann der Traum ihm Gehalt, der namenlos und infaßbar ihn gepeinigt hatte, wenn er auf dem Rücken liegend in der Steppe ziehenden Wolken den ungenügsamen Sinn zufliegen oder ihn hatte tanzen lassen mit dem wagrecht geschleuderten ()sehen Stein über die wandernde Fläche des Stroms. Er sah die fein gewandeten Vettern, die den bäurischen Jungen spöttisch maßen und nach seinem Lernen befragten. Sein Wissen um Acker und Vieh schien ihm nichts gegen die Weisheit Jener, der Gleichaltrigen, die Abschnitt um Abschnitt der heiligen Schriften lasen und, wie er meinte, hinter den schmalen, bleichen Stirnen eingerollt die Pergamente trugen, mit den allbeschreibenden Zeichen bedeckt, die er nicht verstand, und gar der Aclteren, die in der Deutung unterwiesen waren und das Geheimnis gültiger Entscheidungen und machtiger Gebete eingebannt trugen in die glühende Nacht ihrer Blicke. Die schmächtigen Knaben mit der schnellen und eifrigen Regung sprechender Glieder wurden ihm Bilder aller Vollendung. Beugte sich dann wieder draußen der Hirt über die seichte Flut, sein Bild zu beschauen, sah die hohe Stirn und die groß geöffneten, aber grauen und weichen Augen der Mutter in dem breiten Gesicht über breiten Gliedern des Vaters, und über dieser Stirn des Vaters brandrotes Haar und wo an den Schläfen der Vettern die kohlschwarzen, zartgeschwungenen Locken sich hinabzogen, die eigenen wirren Strähnen und die rauhe, rötliche Haut an Antlitz und Händen, so trieb ihn der Zorn, mit stampfendem Fuß und schlagender Faust gegen den ungefällige« Spiegel sich zu werfen, daß im wirbelnden Sand des Grundes