Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 78/79, 5. X. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 5S!» Zwei praktische Vorschläge zur Kulturarbeit Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Die folgenden Vorschläge seien zur Diskussion gestellt, ob* wohl sie erst einer verhältnismäßig sehr kurzen palästinensischen Erfahrung entstammen. Da sie sich aber wesentlich auf den Zusammenhang des Diasporajudentums mit dem Jischuw und nur mittelbar auf dessen interne Angelegenheiten beziehen, dürfen sie vielleicht schon jetzt geäußert und beachtet werden. 1. Die Krise des palästinensischen Schulwerkes scheint für den Augenblick behoben zu sein: durch die Budgeterweiterung, die Miß Szold für ihr Erziehungsressort auf der letzten A.-C.-Sitzung erreicht hat, durch Sonderspenden der ״Jung-Haddassa“, die in Zukunft die Kindergärten übernehmen wird, durch andere er* folgreiche Anstrengungen auch Dr. Berksons in Amerika und, nicht zuletzt, durch die ausgezeichneten persönlichen Be* Ziehungen, die Miß Szold auf der neulichen allgemeinen jüdisehen lehrerkonferenz in Jerusalem mit der Versammlung herzustellen wußte. Aber dies alles, so sehr es auch zur Beruhigung der Lehrer mit Recht beitrug, enthebt uns nicht der Verpflichtung, auf eine endgültige Befestigung der Lage zu sinnen, im Gegenteil, es hat eine solche Besinnung erst recht möglich gemacht. Vor kurzem wies Schiff mann,ein bekannter palästinensischer Lehrer, in einem ausgezeichneten Artikel des ״Haaretz“ auf die Notwendigkeit hin, die ersehnte fünfte Alijah auch pädagogisch und schultechnisch vorzubereiten. Kaum minder dringlich ist das Problem der Lehrerseminare, zu dem hier ein Wort gesagt sei Wie vielleicht auch in Deutschland bekannt ist, richtet sich der Reformwille Dr. Berksons vor allem auf eine Umgestaltung der Lehrerseminare, von denen es im Lande nicht weniger als vier gibt: drei in Jerusalem, zwei für Lehrer (allgemein und Misrachi) und eins für Lehrerinnen (Misrachi), sowie ein allgemeines Lehrerinnenseminar in Tel-Awiw, das aber vermutlich in absehbarer Zeit mit seiner ״Bruderanstalt“ in Jerusalem ver* einigt werden dürfte. Einer gleichen Vereinigung seiner beiden Seminare widersetzt sich der Misrachi aus religiösen Gründen, ebenso aus solchen des Lehrplanes: bei den künftigen Lehrern steht Talmud im Mittelpunkt, bei den Mädchen tritt zum Teil Hauswirtschaft an seine Stelle. Daß eine Vereinigung orthodoxer mit unorthodoxen Schulen für beide Teile fast unüberwindliche Gewissensschwierigkeiten schafft, dürfte gleich■ falls auf der Hand liegen. Wohl mit aus diesen Gründen bewegen sich die Pläne des zionistischen Erziehungsdepartements neuerdings in einer anderen Richtung: die Seminare sollen überhaupt aufgehoben und durch zweijährige Kurse auf der Universität nur für Abiturienten ersetzt werden, etwa nach dem Vorbilde der neuen ״Pädagogischen Akademien“ in Preußen. Gegen diesen Plan aber besteht fast im ganzen Lande eine Einheitsfront: man verweist mit Recht darauf, daß die Seminare historisch gewachsen seien und daß überdies eine möglichst frühe pädagogische Belehrung und Erprobung (auf den Uebungsschulen der Seminare) die Auswahl geeigneter Lehrer viel eher ermögliche, als wenn diese erst mit 18 oder 19 Jahren auf der siMversiflt einsetzen. Schließlich steht bei uns Juden n&h mehr als auch in Deutschland zu befürchten, daß nach Abitur und Universitätsausbildung gerade die Begabtesten nicht mehr bereit sein werden, als Volksschullehrer oder gar als Landlehrer zu arbeiten. Auf der anderen Seite läßt sich das Argument einer gewissen Hypertrophie der palästinensischen Lehrerbildung nicht ganz von der Hand weisen. Zwar hat man durchaus mit Recht geltend gemacht, daß die beiden Mädchenseminare zugleich die einzigen Höheren Schulen nur für Mädchen sind, von deren Äbsoiventinnen ein großer Teil gar nicht den Lehrberuf ergreift. Ebenso dienen auch die Lehrerseminare zugleich als höhere Schulen und vermitteln nicht nur künftigen Lehrern, sondern auch künftigen Vätern pädagogische Bildung. Solche an sich zutreffenden Argumente begegnen aber dem Hinweis, daß sich höhere Schulen in stärkerem Grade selbst, d. h. durch Schul* gelder, erhalten müssen, als dies gerade bei den Seminaren der Fall ist, die sich vor allem aus unbemittetten Schülern zusammen* setzen. (Nebenbei: Vielleicht könnte durch eine Zentrali* s i e r u n g der jetzt von den Direktoren überwachten Schulgelderhebung bei der zionistischen Leitung das Ergebnis verbessert werden. Die besonders in Jerusalem akute Gefahr der schulgeldfreien Missionsschulen niederen und höheren Grades ist freilich auch dadurch nicht zu beheben.) Diese verwickelte Lage macht Erwägungen notwendig, die aus dem Zauberkreis der innerpalästinensischen Verhältnisse herausführen und auf die Grundidee zurückgreifen, die Achad Haara schon nach seiner zweiten Reise ins Land äußerte, als er den Plan eines Lehrerseminars in Jaffa erwog. Hebräische Lehrer un d Lehrerinnen sollen in Palästina ausgebildet werden, aber nicht nur für Palä* stinä. Es wäre eine Aufgabe der Gesellschaft ״Tarbuth“, die sich soeben in Danzig offenbar reorganisiert hat, eine dauernde Verbindung zwischen ihren Schulen und den Seminaren des allgemeinen Typs in Palfstina herzusteilen: dies wäre wesentlicher als die Erhaltung eigener Seminare in der Diaspora. Und für die Misrachiseminare, von denen die Tar* buthschulen kulturell-religiös, die Schulen der agudistischen ״Jawne“ politisch und ideologisch getrennt sind, käme, außer dem verhältnismäßig kleinen Diaspora-Schulwerk des Misrachi (Reformchadarim usw.), vielleicht folgender Vorschlag in Frage, der aber auch für die allgemeinen Seminare mit von Bedeutung sein kann. Es sollten sich eine Reihe jüdischerGemeinden auf der ganzen Welt verpflichten, einen bestimmten Teil ihrer künftigen Rcligions- oder Volksschullehrer ganz oder zusätzlich in Palästina ausbilden zu lassen. Ais Gegenleistung sollten die Gemeinden die finanzielle Erhaltung der Seminare mitübernehmen und andererseits moralisch berechtigt sein, neben den von ihnen selbst entsandten Lehrern auch palästinensische, nur im Lande ausgebildete, für ihr Schuiwerk anfordern zu können, denen sie dann eventuell den noch fehlenden Teil der europäischen Ausbildung selbst geben müßten. Die Vorteile eines solchen systematischen Austausches liegen für beide Seiten auf der Hand. Palästina könnte sich vier höhere Schulen erhalten, ohne daß sein Budget allzu sehr belastet wäre und ohne daß ein Büdungsproletariat von stellungslosen Lehrern herangezüchtet wird. Und die Gemeinden der Diaspora bekämen Lehrkräfte, deren sprachliche und sachliche Ausbildung für ihr F a c h: Judentum, z. B. nicht mehr hinter der Ausbildung zurückstände, die alle Kulturstaatcn einem Teil ihrer klassischen Philologen durch Reise- und Studienstipendien in Griechenland und Italien zu geben pflegen. Es wäre ein erster Schritt zum ״geistigen Zentrum“. Was die Ausführbarkeit dieser Idee betrifft, so läßt sich darüber Endgültiges erst nach erfolgtem Versuch sagen, aber es gibt schon jetzt eine Reihe verheißungsvol'er Anreichen. Schon jetzt beziehen die jüdischen Schulen Bulgariens und zum Teil auch Südafrikas einen gewissen Prozentsatz ihrer Lehrer aus Palästina. Schon jetzt hat die Jüdische Oemeinde Berlin für einen ihrer Religionslehrer oder Rabbiner ein jährliches Reise- Stipendium nach Erez-lsrael ausgesetzt. Schon jetzt bricht sich sogar im Kreise der extremen Orthodoxie, geschweige denn ira Misrachi, die Erkenntnis Bahn, daß nur durch Beherrschung des lebendigen Hebräisch und durch Kenntnis der historischen und geographischen Realität Palästinas wir annähernd das Maß jüdischen Wissens erreichen können, das unsere Alten ohne diese Hilfsmittel, aber mit einem ungeheueren, heute unmöglich gewordenen Zeitaufwand erreicht haben. (Vgl. die Rede von Schachnowitz, Redakteur des ״Israelit", auf dem vor mehreren Jahren stattgefundenen Bundestag des orthodoxen ״Bundes jüdischer Akademiker“ und den Beitrag von Dr. Armin Blau in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Misrachi, herausgegeben von der deutschen Landsmannschaft) Und während diese Zeilen geschrieben werden, bringt die Zeitung den neuesten Beschluß der Berliner Gemeinde: sie hat der Haifaer Realschule jährlich 1COO Mark bewilligt unter der Bedingung, daß diese den jährlichen Reisestipendiaten Berlins bei sich aufnehme und unterweise. Ist das nicht schon ein Vorbote der Verwirklichung für unseren Plan? Wir fassen unsere Vorschläge zusammen: 1• Das Erziehungsdepartement der Zionistischen Exekutive in Jerusalem möge sich mit der Gesellschaft ״Tarbuth“ und verwandten Gesellschaften In Verbindung setzen, damit diese Ihr die Ausbildung der ln Osteuropa benötigten Lehrer übertragen und s!:h aafür an der Erhaltung der palästinensischen Seminare beteiligen. 2. Das Erziehungsdepartement möge — sei es selbst, sei es durch geeignete Mittelsmänner oder Organisationen — an alle irgendwie bedeutenden jüdischen Gemeinden der ganzen Welt herantreten, Insbesondere aber an die nicht von der Tarbutlmrbeit erfaßten Gemeinden Westeuropas, Amerikas und des sephardischen Orients, um Ihnen den detaillierten Plan eines Lehrcraustauschcs vorzulcgen• II. Der folgende Vorschlag bezieht sich lediglich auf die Arbeit in der Diaspora; seine Durch'ührung würde aber auch Palästina zugute kommen. Die hebräischen Sprachschulen sollen in das Prcg amm ihrer oberen Klassen die Lektüre der palästinensischen Zeitungen, insbesondere der Arbeiterzeitung ״D a w a r“, des linksbürgerlichen Tageblattes ״H a a r e t z“ und der rni-r.v christlichen Wochenschrift ,Hator“, grundrätzlich aufnehnrn. Die Kosten des Abonnements sollen von der 1 »11 ti che 11 Ortsgruppe getragen werden, eventuell in mehreren Exemplaren. Als Gegenleistung verpflichten sich die betreffenden, meist wohl schon reiferen Schüler, allmonatlich vor dem gesamten Kreis der Ortsgruppe abwechselnd ״Palästina - Preßreferate“ zu halten, sei es üher das gesamte Gebiet, sei es über bestimmte •Themen Wirtschaftlicher, kulturdiler, ,jfolirtÄher, r^igiöser, parteilicher Auswahl. Als Vorteile einer solchen Arbeit seien angeführt: Erstens: die jüngere Generation des Zionismus kommt wirklich in das lebendig gesprochene Hebräisch Palästinas hinein. Ich habe jetzt selbst erprobt, ein wie nützlicher, ja unentbehrlicher Helfer die Zeitung dazu ist. Freilich ist ihre Lektüre nicht leicht, doch kenne ich einen rheinischen Primaner, der sich hauptsächlich durch Selbstunterricht — mit Langenscheidt! — so weit gebracht hat. Natürlich darf die Grundlage auch des modernen Hebräisch, vor allem Bibel und Mischna, nicht vernachlässigt werden; aber gerade von der Zeitung her wird der erfahrene Lehrer wiederum zahlreiche Rückbeziehungen vornehmen können. Zweitens bietet nur die regelmäßige Lektüre der hebrälschen Presse eine Gewähr dafür, daß die neue zionistische Generation stärker mit den sachlichen Realitäten Palästinas ver- NEUi NEU1 SCHRIFTENREIHE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Soeban erscheint Heft 1: DIE JÜDISCHE IDEE UND IHRE TRÄGER Baitriga wir Frag• daa Jlldlaahan Ubarallamua and Natlonallamua van_ La« BAECK David BAUM3ARDT Kurt BLUMENFELD Martin BUBER lamar ELBOQBN Ma« ELK DIE JÜDISCHE IDEE UND IHRETRÄQER Mai GRÜNEWALD Baltrgga aurFrag« daa JOdlaehan Maa JOSEPH Maurica l» PERLZWEIG Ernat SIMON MaMa WARSCHAUER Fall« WELTSCH Rabart WUTSCH Maa WIENER Ignai ZIEQIER Ubarallamua und Nallsnallamua PREIS 80 PFENNIG Schrlftanralha dar JOdiechan Rundaohau 1 Bai Sanmalbaaug Rabatt Zu bnlahtn durah |ad« gute Buchhandlung •dar gagan Vorausbezahlung bzw. Nach nahm« vom Varlag dar Jildlsohan Rundachau, Barlln W15 Als Heft 2 der Schriftenreihe Ist In Vorbereitung: DER JUDE IN DER EUROPÄISCHEN WELT DAS PROBLEM SEINER SENDUNG Von Karl GLASER VERLAG DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Berlin W16 Melnekestr. 10 / Postscheck Berlin 17392 wächst, als dies der älteren Generation großenteils gelungen ist. Der unzweifelhaft hervorragend gute Wille der heute führenden deutschen Zionisten hätte sich viel ungehemmter, viel schwankungsfreier, viel weniger mißverstanden durchsetzen können, wenn er von einer stärkeren Kenntnis des palästinensischen Alltags geleitet wäre. Dieser allein genügt freilich nicht: das sehen wir fast täglich an den außerordentlichen Mißgriffen beinahe aller Selbstverwaltungslnstitutionen des Jischuw; aber auch die besten Einsichten sind so leer ohne ihn, wie er blind ohne sic. Drittens würde die regelmäßige Mitarbeit der Jugend am Leben der Ortsgruppe dadurch sicher gestellt werden, daß man der Jugend eine ihr ganz spezifische, im Augenblick nur von ihr zu lösende Aufgabe anweist, die zur zentralen Veranstaltung im Ortsgruppenleben wird. Auf der anderen Seite hätten die älteren Mitglieder die Möglichkeit und Verpflichtung, einen, vermutlich in den Preßreferaten vorherrschenden, rein palästinensischen Standpunkt von den Erfahrungen und Forderungen der Weltorganisation her zu korrigieren. Viertens würde auch materiell die Lage der hebräischen Zeitung günstig beeinflußt werden und vielleicht auch die Lage des hebräischen Buches: die regelmäßigen Hinweise auf die wöchentlichen Neuerscheinungen, die sich in der Presse finden, würden wohl doch dem hebräischen Buch manchen Leser gewinnen und so seinen Bestand sichern helfen. Etwas wie eine ״Hebräische Universalbibliothek“ in der Art der Reklamsrhen ist uns für Palästina so nötig wie das liebe Brot; möglich kann sie aber nur werden, wenn ihr Verbreitungskreis weit über den Jischuw hinausgeht. Auch deshalb muß man schon jetzt an seine systematische Erweiterung denken. Und das F ü n f t e ist vielleicht das wichtigste. Dr. Alfred Landsberg hat in diesem Blatte vor und nach dem Delegiertentag wiederholt die Ansicht verfochten, die Zionisten müßten als solche am Leben ihrer Umwelt, auch der nichtjüdischen, geistigen Anteil nehmen. Es ist merkwürdig, wie wenig Widerhall dieser wichtige Gedanke anscheinend gefunden hat. Vielleicht fürchteten seine stummen Widersacher, er bedeute eine neue Assimilation. Nun, dem ist nicht so. Entwurzelte Menschen können sich auch, das ist gerade eine palästinensische Erfahrung, in dem neuen Leben nicht einwurzeln. Viele Weitjuden scheitern hier wohl mit aus dem Grunde, weil sie vor def Uebersiedlung in einer merkwürdig unwirklichen Situation gelebt haben: von ihrer nichtjüdischen Umgebung durch eine hauchdünne Eisschicht wirksam getrennt und ihr Judentum stets auf eine ideal ferne Raumzeit projizierend. Das war keine Vorbereitung auf die ungeheuer hautnahe Wirklichkeit, die jeden hier erwartet. Insofern also hat Landsberg vollkommen recht, sein Grundgedanke ist durchaus zionistisch. Geht man aber daran,ihn zu verwirklichen, so erhebt sich einfach die Zeitfrage: man wird noch mehr Kraft und Zeit jüdischen Dingen ab* und nichtjüdischen zuwenden. Das ist für den Westjuden eine ge* fährliche Belastung, die aus einem zionistischen Antrieb in der Tat eine assimilierende Wirkung herausholen kann. Aus diesem Dilemma zeigt sich vielleicht ein, wenn auch nicht völlig be* friedigender Ausweg. Es gibt einen einzigen Ort auf der Welt, wo sich heute eine jüdische Kollektivmeinung oder doch mehrere jüdische Kollektivmeinungen zu den Oeschehnissen der universalen Zeitgeschichte bilden: Palästina. Wer eine jt* dische Stellungnahme oder sogar eine zionistische zur Umwelt erstrebt, wird nicht an der Meinungsäußerung Palästinas vorbei* gehen dürfen, wenn er sie auch keinesfalls immer zu teilen braucht. Aber er findet zum Beispiel, unter bewußt oder unbe* wußt jüdischen Gesichtspunkten, im ״Dawar“ fast alles aus der internationalen Arbeiterbewegung, im ״Haaretz“ mancherlei allgemeine Weltpolitik und übrigens mitunter mehr über deutsch* jüdische Verhältnisse als in deutsch-jüdischen Zeitungen: nirgends las ich einen so ausführlichen Bericht über die Rabbiner* tagung in Berlin wie im ״Haaretz“. Und auch der palästinensische Umblick durch die jüdische Welt der Diaspora kann zu unserer zionistischen Besinnung auf allgemeine Zusammenhänge beitragen, wie folgendes Beispiel zum Schluß lehren möge. Eine der Fragen, mit denen sich die Welt jetzt beschäftigt, ist der Kampf gegen den Alkohol. Er spielt bekanntlich in den amerikanischen Präsidentschaftskämpfen die Rolle des Hauptarguments, und andererseits verlangt der bewegte Teil der deutschen Jugend das ״Gemeindebestimmungsgesetz“ gegen den Alkoholmißbrauch. Diese Frage wird also auch manchen Zio* nisten, insbesondere manchen jungen, mehr oder minder be* schattigen. Hat sie auch ein jüdisches Gesicht? Wie ich dem ״Haaretz“ vom 16. Elul entnehme, gibt es ein derartiges Ge* melndebestimmungsgesetz, für das sich einzusetzen die meisten Zionisten und Juden .־- etwa nach dem Vorgänge des ״Jüdischen Frauenbundes“ — geneigt sein werden, bereits in Polen. Dort werde es aber von den ruthenischen oder polnischen Antisemiten Galiziens zur Vertreibung der jüdischen Schankwirte mißbraucht. Die naiv-judozentrische Stellungnahme des palästinensischen Blattes wird nicht die unsere sein: wir werden in Konflikt kommen zwischen unserem Drange, allgemein menschlich zu reagieren, und zwischen der jüdischen, historisch entstandenen und historisch verstehbaren Realität. Dieser Konflikt aber ist geradezu das zionistische Urerlebnis, das zu dem Ent* Schluß führt, eine möglichst autonome Wirklichkeit aufzubauen, in der menschliche und jüdische Stellungnahme nicht mehr aus* einanderfallen. Und so würde auch kulturelle hebräische Arbeit und die Auseinandersetzung mit den geistigen Mächten der Umweit immer wieder hinleiten zu den Grunderkenntnissen gerade des politischen Zionismus. Ehrung für Scbalom Asch Warschau, 1. Oktober. (J.T.A.) Der polnische P. E. N.־Klub gab zu Ehren des jüdischen Dichters Schaiom Asch im Hotel ״Europa“ ein gr0 ß es Banke11. Bei dieser Gelegenheit haben sich die polnischen und die JE(- dischen Schriftsteller zum ersten Male auf gesell* schaftlichem Boden getroffen. Der Veranstaltung wohnten die bekanntesten polnischen Schriftsteller wie Sieroszewski, Gettel, Lechon, Kaden-Bandrowski und andere bei. Kaden- Bandrowski fungierte als Toastmeister. Schaiom Asch führte in seiner Dankrede ungefähr aus: Als Polen noch keine Staat* liehen Grenzen hatte, lebte der Geist Polens in der polnischen Literatur. Die Juden haben heute noch keine staatliche Macht, aber eine reichliche Literatur, in der sich ihr Geist spiegelt. Wir Judgn fordern nicht Liebe, sondern wünschen Verständnis für die jüdischen Ideen und Bestrebungen; ein solches Verständnis ist durch die Kenntnis der jüdischen Literatur zu gewinnen. — Die Rede Aschs machte auf alle Anwesenden einen starken Eindruck. Man blieb in Feststimmung bis in die späte Nacht beisammen.