Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 556 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 78/70, 5. X 1928 Liberalismus und Zionismus Von Dr. Oskar Wolfsberg, Berlin. In keinem jüdischen Lager würde man es begreifen, wenn die Gruppe, die bisher die einzige große religiös-orientierte Föderation im Zionismus bildet, der Misrachi, zu den Ereigniesen um die Liberale Weltkonferenz schwiege. Insbesondere verlangt das Verhältnis des Liberalismus zum Zionismus, das von zionistischer Seite mit großer Lebhaftigkeit diskutiert wurde, eine Stellungnahme unsererseits. Nur um das Stillschweigen zu brechen und nicht durch Abstinenz ln der Diskussion Mißdeutungen Tür und Tor zu öffnen, trete ich mit den hier folgenden Bemerkungen hervor. Ich bemerke aber ausdrücklich, daß diese meine persönliche provisorische Stellungnähme keinen weniger befriedigt als mich, und daß ich glücklieh gewesen wäre, wenn einer meiner Freunde jetzt, wo mir ein Uebermaß von Arbeiten den Atem benimmt, in die Bresche gesprungen wäre. Ausdrücklich sei betont, daß ich mir eine umfassendere, der Würde des Gegenstandes angemessenere Behandlung des Problems Vorbehalte. f. ich will zunächst von der Sonder nummerder ״J ü d i - sehen R u n d s c 11 a u“ sprechen. Es ist der Eindruck entstanden, daß diese Nummer aus einer stillen Sympathie gewisser zionistischer Kreise, besonders in Deutschland, für die liberalreligiöse Orientierung geboren sei. Das war auch mein Eindruck, der ich ganz gewiß frei von Vorurteilen bin und nicht dazu neige, Handlungen meiner zionistischen Freunde, selbst in kulturpolitischen Dingen, die doch oft heikel sind, zu verdächtigen. Ich will hier nicht alle Pressestimmen registrieren, die einen ähnlichen Eindruck wiedergeben, denn dazu ist diese Betrach־ tung nicht bestimmt. Insbesondere unterlasse ich einen Hinweis auf die antizionistische orthodoxe Presse, die natürlich ihre beiden Gegner gern vereint schlagen möchte. Aber es sollte doch bedenklich stimmen, daß selbst einem Organ wie dem ״Haolam“, dem ״Moment" und manch anderem Blatt der hebräischen und jiddischen Presse das Verständnis für das Unternehmen der ״Rundschau“ abgeht. (Ich weiß natürlich, daß die Apologeten dieses Unternehmens Kleinmann und Swet, sowie andere, die ablehnend Stellung genommen haben, nicht als berufene Kritiker gelten lassen werden. Aber so leicht darf man sich die Rechtfertigung nicht machen. Der östliche Zionismus hat wohl doch in diesen Dingen mehr Instinkt und sieht die Gefahren für den Zionismus, die aus einer Glorifizierung des Liberalismus erwachsen.) Ich begreife das propagandistische Bedürfnis der ״Rundschau“ angesichts der Konferenz und damit die Notwendigkeit einer diesem Ereignis gewidmeten Nummer. Meinem Gefühl nach stellen aber die Aufsätze von B u b e r und Simon (eine Auseinandersetzung mit dem Beitrage des Letzteren ist heute nicht möglich) trotz der Vorbemerkung Bubers keinen direkten Beitrag zum Thema dar und verleihen damit der Nummer, jedenfalls gegen den Willen der Herausgeber und gewiß der Autoren, den Charakter eines prononcierten Annäherungsversuches an den Liberalismus, der besonders bei den religiös-traditionellen Zionisten, aber auch weit über difsep, Jf^eis; Jpn^ns, Ablejinupg findet. Es entspricht nicht der Würde des Zionismus, bei einer solchen Gelegenheit,! die Kritik, die unsere Bewegung am Liberalismus zu üben hat, in den Hintergrund zu drängen. Bei solcher Gelegenheit hatten auch die Punkte klarer herausgearbeitet werden müssen, die zionistische Auffassung von liberaler unterscheiden, und dadurch deutliche Kritik am Liberalismus als solchem geübt werden müssen. Diese Kritik nur durch den Mund liberaler Zk> nisten aussprechen zu lassen, mag recht vernünftigen Erwägungen entspringen. Aber die Veranstalter der Nummer übersehen dabei, daß die Herren, vor allem die liberalen Rabbiner, die zu dem Thema sprechen, gemäß ihrer Denkrichtung und religiösen Einstellung kaum in der Lage sind, die große Grundfrage zu prüfen: Bedeutet die 1 iberal-reügiöse Anschauung eine Bereicherung des zionistischen Denkens, ist sie geeignet, dem Zionismus außer Menschen auch Zufluß an fruchtbaren jüdischen Ideen zu geben, oder gefährdet das, was seit Bestehen des Liberalismus sich aus ihm herleitet, die Renaissancebcwegting des jüdischen Volkes! Möglieh, daß viele zu der Auffassung neigen, diese Erörterung hätten nur Zionisten führen können, die zu k e i n e r religiösen Gruppe gehören. Ich bin nicht dieser Meinung. Auch aus meiner Frakt;on hätte dazu, wie überhaupt zu dem ganzen in Rede stehenden Problem ein ernstes, durchaus nicht verletzendes Wort gesagt werden können. Das hätte sicherlich nicht den propagandistisehen Erfolg völlig in Frage gestellt. Es ist ja auch sonst nicht zionistische Art, um eines Erfolges oder Zieles willen Meinungen zu verbergen. Wir sind doch sonst mutig und offenherzig. Uebrigens wäre sicher in einer akademischen Erörterung vor der Konferenz im Rahmen der Sondernummer unser misrachistischer Wortführer den liberalen Gästen Berlins gegenüber nicht plump tmd taktlos gewesen. Auf jeden Fall hätte es dem Ansehen des Zionismus mehr entsprochen, ein getreues Bild der dem Liberalismus im zionistischen Haus entgegengebrachten Uebcrzeugungen zu geben. II. Ich möchte glauben, daß man sich in offiziellen Kreisen des deutschen Zionismus über den möglichen Erfolg einer solchen Propaganda starken Illusionen hingibt. Soweit ich sehe, hat die Nummer bei Zionisten vielfach einen sehr günstigen Eindruck gemacht. Die Liberalen, die gleichzeitig Zionisten sind — es gibt deren ja nicht allzuviele —, sind ja eigentlich nicht Objekt der Werbung, und deshalb ist at»f1 deren Beifall nicht gerade maßgebend. Im liberalen, antizionistischen Lager aber glaube ich nicht an die Wirkung. Vielleicht kann man einzelne Liberale, niemals aber den Liberalismus als solchen für den Zionismus gewinnen. III. Es liegt mir durchaus fern, ernste liberale Gesinnung zu schmähen. Ich begreife, was einen modernen Menschen geistig in die Nähe des Liberalismus führen kann. Aber das bedeutet doch keinesfalls eine Identifizierung mit dem, was historisch Liberalismus ist. Diesen hat der Zionismus stets mit größter Heiligkeit bekämpft. Nun will er ihm Hilfssteliung leisten. Ich stelle hier die Frage, ob man mit voller Ueberlegung der Kon- Sequenzen den Liberalen Platz im Zionismus angeboten hat. Gäbe es eine spontan entstandene liberal-zionistische Bewegung — wir müßten sie in Kauf nehmen, anerkennen, je nachdem. Wir, der Misrachi, hätten mit ihr zu kämpfen. Aber es gibt nichts derartiges bisher, und deshalb ist es nicht berechtigt, eine Bewegung dieses Charakters ins Leben zu rufen oder ihre Entstehung zu begünstigen, wenn nicht gleichzeitig ein deutlich erkennbarer Frontwechsel zur jüdischen Orundaaffassung bei den so gewonnenen Anhängern des Zionismus stattfindet. Da aber die Existenz einer solchen Bewegung bisher aussteht, so ist die Frage bedeutungsvoll: Verträgt der Zionismus diese Gruppe? Ich gebe zu bedenken, daß dem liberalen Judentum und seiner Weltorganisation auch das Reformjudentum angehört, das uns, wenn es die erwünschte Schwenkung des Liberalismus mitmachen würde, mit seinen unerträgliehen Postulaten belasten würde. Wir haben freilich auch heute Reformjuden bei uns; sie aber gehören als I nd i v i d u e n zu uns und stellen keine Gruppenforderung. Als Kollektiv müßten sie dem Zionismus verhängnisvoll werden. Ich brauche nur an die Verlegung des Sabbat auf Sonntag zu erinnern, um die Gefahren anzudeuten, die hier keimen. Es ist wirklich keine Engstirnigkeit, wenn ich sage, daß die traditionell-religiöse zionistische Föderation auch vom Standpunkte der allgemeinen Zionisten die Bewegung nie schädigen kann. Bringt jene doch die Fülle jüdischer Lebens- und Erkenntniswerte mit und potenziert dadurch das Bemühen der nationalen Bewegung. Der historische Werdegang des Liberalismus aber hat erwiesen, wieviel er zur Dekomposition des Judentums beitragen mußte. Die propagandistische Aufgabe der Z. V. f. D. und der Weltorganisation ist deshalb lediglich die Gewinnung der Liberalen für den Zionismus; diese Feststellung bedeutet eine geistige Umstellung des liberalen Individuums zugunsten des Primats nationaler Anschauung, die ein Teil traditionellen Wesens ist. (Analog bedeutet auch der Anschluß eines Orthodoxen an die zionistische Bewegung eine Entscheidung im Sinne untrennbarer Verbindung von Nationalem und Religiösem, wobei letzterer Begriff nicht schärfer Umrissen werden soll.) Liberale sollen Zionisten werden, ohne Rücksicht darauf, wie ihr Liberalismus dabei besteht. Sie aber kollektiv und unter Wahrung — ja selbst verblümter Anerkennung — ihrer liberalen Besonderheit in den Zionismus zu überführen, ist — zionistisch gesehen — außerordentlich bedenklich, da es nicht anzunehmen ist, daß sie in der Kollektivität die obigen Forderungen anerkennen. Deshalb hätte in ganz anderer Weise als es bisher geschah — nur vereinzelt ist das geschehen — als notwendige Voraussetzung für eine anders geartete Bewertung des Liberalismus eine Sinnesänderung dieser Richtung gefordert werden müssen. IV. Oder man denkt und rechnet schon mit einem Liberalismus anderer Wegrichtung? Dann tut mir die terminologische Unkiarheit leid. Es besteht überhaupt in der Gegenwart die Gefahr, durch verschwommene Darstellung und mangelnde Schärfe der Begriffsbestimmung alles zu verwirren. Liberalismus ist — einiger erfreulicher Outsider ungeachtet —• das, was historisch uns allen vor Augen steht. Wenn in der denkenden Jugend und überhaupt aus der Problematik unserer Zeit heraus gewisse Verschiebungen, Frontänderungen usw. stattfinden, so liegen durchaus keine Uebcreinstimmungen vor, wenn auch in Einzelfragen Verwandtschaft besteht. Philosophisch und historisch — ja auch in den Fragen der Philosophie — nicht naiv zu sein, bedeutet nicht, sich liberal zu orientieren. Die Zionisten verwechseln das oft. Die vielen mangelnde Kenntnis der Gesctzesliteratur im weitesten Sinne, das fehlende Verständnis für die traditionalistische Haltung,, die stark im Heute verankerte Position, die Neigung "zu älleh F'öftnfen des RcSffivistntis; die gäwHT dem 5 JüdentaMre in seiner großen, ewigkeitsstarken Prägung feindlich sind, wenn ihnen eine überzeitliche Einstellung ganz abgeht, erwecken in ihnen die Vorstellung, sie ständen in der Nähe der Liberalen. Aber einzelne verwandte Problemstellungen sind eben durchaus kein Ausdruck kultureller Gemeinschaft. Dazu gehören nationale oder willensmäßige Voraussetzungen, wie sie trotz allem mit dem traditionellen Judentum vorliegen. — Die Sondernummer enthalt nicht viel Typisches im Sinne des alten, klassischen Liberalismus. Aber sie zieht kaum irgendwo scharf die Trenmingslinie. Und das ist geistiger, inhaltlicher Mangel. V. Ich kann hier nicht auf die einzelnen Beiträge erschöpfend eingehen. Sie haben zum Teil in mir Befriedigung erweckt. Ich spreche schon nicht von Bergmanns Beitrag, der meinen eigenen erzieherischen Auffassungen hinsichtlich der Grundtendenzen, die dem nationalen Schulwerk in Palästina unterlegt werden müßten, sich nähert. Ich brauche auch bei Ziegler nicht zu verwehen, dessen Aeußerungen nach einem langen Leben im klassischen Liberalismus eine ganz schwere Verurteilung desselben bedeuten; vielleicht ist seine Darlegung sogar reichlich konfessionalistisch gefärbt. Grünewalds revoluiionierender Ruf ist sehr beachtlich; in meinem Kreis habe ich ja ähnliches versucht. Ich glaube freilich, daß das Judentum die Losiösung von der Bourgeoisie — besonders in der Galuth — nur im Zusammenhang mit der integren religiösen Tradition ohne Schaden überstehen wird. In Elks Ausführungen ist mir doch die Ablehnung des misrachistischen Lösungsversuchs nach der eingangs so ehrfurchtsvoll gezollten Bewunderung der Formel allzu unbegründet, fast hätte ich gesagt: leichtfertig. Gegenüber Wiener muß ich hervorheben, daß der Versuch, für den Liberalismus die Notwendigkeit der nationalen Fundamentierung in höherem Grade als für das konservative Judentum in Anspruch zu nehmen, mir mißglückt erscheint. VI. Ebenso wie der Begriff Liberalismus ist der der Orthodoxie zu weit gespannt. Damit erleichtern sich die Liberalen die Durchführung ihrer Gedankengänge ebenso* sehr wie ihre Offensive nach rechts. Die Liberalen differenzieren nämlich nicht im geringsten die vorhandenen Richtungen und Strömungen innerhalb des traditionellen Judentums und glauben, wenn sie im geistigen Kampf die Position der Orthodoxie strengster Observanz erschüttert haben, daß auch die kulturfreundlichen traditionellen Gruppen damit erledigt seien. Tatsächlich müßte sich die liberal-zionistische Gruppe mit den Gruppierungen der Rechten auseinandersetzen, die ihnen den Kampf weniger bequem machen, u. a. auch mit dem Misrachi. Im engeren misrachistischen Kreis fand kürzlich anläßlich der Anwesenheit von E. M. Lipschitz, Jerusalem, eine ideologische Aussprache statt, die auch Sthamzionisten gezeigt hätte, mit welchem Ernst sowohl die Tradition als auch modernes Denken und die Problemlage der Gegenwart zum Zwecke der Gewinnung einer national-religiösen Theorie durchdacht wird. Auch sonst schematisiert man über das Maß des Erlaubten hinaus. Die Wissenschaft des Judentums ist nicht die ausschließliche Domäne des Liberalismus. Es ist unzulässig, Z u 11 z oder gar Frankel zu typischen Liberalen zu stempeln, die Namen und Verdienste von Rapoport, Z. H. Chajes und verschiedenen anderen zu verschweigen. Vor allem aber hätte scharf und deutlich herausgearbeitet werden müssen, wie wenig der Liberalismus Jüdisches Leben in seiner Fülle zu erhalten oder gar zu gestalten imstande war, wie sehr viel mehr überall durch ihn Wissen und Leben zurückging, wie weit er, selbst von seinem Standpunkt aus, im Beginn des vorigen Jahrhunderts über alles Maß und alle Notwendigkeit hinausging und im Zerstören des Bewährten gar nicht Einhalt tun konnte. Und endlich: glaubt man wirklich, daß man durch das Uebermaß der Akzentuierung des Erlebens (religiösen Erlebens) jüdisches Leben aufbauen kann? Keiner verkennt die Bedeutung dieses Aktes, aber ihn so sehr zu unterstreichen, gefährdet mehr, als cs fördert. Oder will man uns glauben machen, daß die großen Scharen der Liberalen, die doch mehr Indifferente zählen als jede andere Gruppe, Im Rausche des Erlebens dahinleben? Ist die Feiertagsstimmung der liberalen Konferenz nicht überhaupt reichlich aufgebauscht worden? Ist sie auch nur eine natürliche Steigerung des liberalen Alltags? Ich möchte die Z. V. f. D. vor einem Irrweg bewahren —• deshalb schrieb ich diese Zeilen. Eine Geringschätzung wahrhaftiger liberaler Bestrebung liegt mir sehr fern. Meine ganze Gedankenführung, die vor Erscheinen von Blumenfelds Bericht über die Sitzung des Landesvorstandes niedergeschrieben und zum Druck übergeben war, und nur infolge äußerer Umstände so lange zurückgestellt werden mußte, beweist hoffentlich, wie wenig zutreffend und unvollkommen Blumenfelds Wiedergäbe meiner Diskussionsrede in der Sitzung des Landes- Vorstandes war. * Nadibeiiierkang Wir haben in unserem einleitenden Aufsatz in der der Liberalen Weltkonferenz gewidmeten Nr. 64/65 dargelegt, was diese Nummer bezweckt und warum wir unsere Freunde vom Misrachi nicht zur Mitarbeit aufgefordert haben. Als Zionisten sind wir in religiösen Streitfragen prinzipiell neutral, d. h.: nicht einseitig gebunden, und nur von unserer nationalen Grundanschauung her können wir zu einer religiösen Gruppe im Judentum Stellung nehmen. Es schien uns daher unangemessen, bei einer solchen Gelegenheit den Misrachi aufzufordern, der in bezug auf religiöse Anschauungen eine fest umrissene Gruppe darstellt, deren prinzipieller Gegensatz zum Liberalismus bekannt ist. Worauf es uns ankam, war der Nachweis, daß auch der jüdische Liberalismus, wenn er lebensfähig sein will, seine negative Haltung zum Gedanken des jüdischen Volkstums aufgeben muß. Dr. Woifsbergs Beitrag scheint uns zu beweisen, wie richtig die Haltung der Redaktion war, da eine Beteiligung des Misrachi eine reli״ giöse Polemik zur Folge gehabt hätte, die wir, so wichtig sie an sich zur Klärung der Anschauungen sein mag, doch im zionistischen Rahmen nicht am Platze glauben. Als Zionisten kämpfen wir gegen die Tendenz der Assimilation, und wir kämpfen seit Beginn unserer Bewegung gegen den Liberalismus, weil er sich mit der Assimilation identifiziert hat. Die Behauptung Dr. Woifsbergs, wir hätten in der Sondernummer unsere zionistische Kritik des Liberalismus in den Hintergrund gedrängt, ist schlechthin unbegreiflich. Die ganze Nummer war nichts als eine scharfe KritikdesempirischenLiberalismus wegen seiner assimilatorischen Ideologie; und diese Kritik mußte um so wirksamer sein, wenn sie aus dem Munde von Persönlichkeiten kam, die der liberalen Bewegung angehören. Der einleitende Aufsatz in der Sondernummer hat diese unsere unversöhnliche Gegnerschaft gegen den assimilatorischen Liberalismus klar unterstrichen. Fine liberal-religiöse Anschauung jedoch, die sich von der Ässimifa ionstenienz: lossagt, ׳ kann nicht, mehr vom zionistischen Gesichtspunkt aus -bekämpft werden. Der Kampf zwischen Liberalismus und Orthodoxie Hegt auf einer anderen Ebene als der zwischen Zionismus und Assimilation. Dr. Wolfsberg weiß selbst, daß auch im orthodoxen Lager assimilatorische Würdelosigkeit zu Hause ist, die von uns ebenso bekämpft werden muß wie die im liberalen Lager. Um diese Problematik handelt es sich, nicht aber um die von Wolfsberg aufgeworfene Frage, ob ״die liberalreligiöse Anschauung eine Bereicherung des zionistischen Denkens“ ist, denn diese letzte Frage kann nicht allgemeingültig beantwortet werden, da der Zionismus als solcher überhaupt keine religiöse Anschauung rezipieren kann. Daher scheint uns der größte Teil der Wolfsbergschen Ausführungen von ganz falschen Voraussetzungen auszugehen. Seine Bedenken, wir könnten dem Liberalismus ״Hilfssteliung leisten“, sind unbegründet. Wir werden aber jeden Juden, sei er religiösliberal oder orthodox, willkommen heißen, wenn er sich den nationalen Werten des Judentums wieder nähert und für die Forderungen eintritt, die wir als wesentlich für die Erhaltung und Erneuerung des Judentums betrachten. Den Liberalen gegenüber hatten wir die lange versäumte Aufgabe nachzuholen, einmal offen auszusprechen, was uns als Zionisten von ihnen trennt, und klarzustellen, daß, sofern sie sich von der Assimilation abwenden, ihre religiösen Anschauungen nicht mit dem Zionismus kollidieren; wofür übrigens der emnirische Beweis bereits erbracht ist durch die einfache Tatsache der Existenz zahlreicher zionistischer Liberaler. R. W. Lord Melclieft Aber die Jewish Agency Lord Melchett, der seit einigen Tagen in den Vereinigten Staaten weilt, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Vertreter der J. T. A. über die Funktion der Jewish Agency wie folgt: Die Funktion der Jewish Agency sollte sich auf politische Angelegenheiten beschränken, die Jewish Agency sollte die Exekutiv-Verpflichtungen der Zionistisehen Exekutive nicht auf sich nehmen. — Es ist wichtig, fuhr Lord Melchett fort, daran zu erinnern, daß die Zukunft der jewish Agency in der Hauptsache von der Haltung der britischen Regierung abhängt. Schließlich gab er seiner Meinung Ausdruck, daß man ohne Säumen an die Verwirklichung der Vorschläge der Joint Palestine Survey Commission Herangehen solle, ohne erst auf die Neubildung der Jewish Agency zu warten. Von der Zionistischen Organisation Amerikas New York, 18. September. (J.T.A.) Dr. Mordechal M. Kaplan wurde einstimmig zum Vorsitzenden des Admlnisträtiv-Komltees der Zionistischen Organisation von Amerika gewählt. Dr. Kaplan, der 47 Jahre alt Ist, spielt seit langem eine führende Rolle In der Zionistischen Organisation Amerikas. Während der letzten Differenzen zwischen der Lipsky- und der Oppositionsgruppe war Dr. Kaplan einer der Führer des sogenannten Friedenskomitees. PalisUns-Begiermg und Zertiiikate Nachdem die Zionistische Exekutive eine Anzahl von Zertifikaten für die Einwanderung von Arbeitern angefordett hat, ist ein Beamter des Einwanderungsdepartements der Regierung beauftragt worden, die Arbeitslage in den Städten zu untersuchen. Resultate der Untersuchung sind noch nicht bekannt.