Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 76/77, 28. IX. 1028 JUEDISCHE RUNÜSCHA'Ü Seite 547 Jffrno JVade/ zum 50. Geburtstag Der Dichter Wenn man an Arno Nadels literarisches Werk denkt, scheint für einen ästhetischen Anteil all das von geringerem Wert zu werden, was man sonst als die klangliche und stoffliche Eigenweit eines Dichters liebt. Sein geistiges Profil prägt sich einem schnellen Leser weder durch den Ausdruck eines sonderbaren Willens noch Temperamentes ein (trotzdem das frühe Schauspiel ״Cagliostro und die Halsbandgeschichte" übermütig lebensvoll Ist und in einer verächtlichen Welt des Betruges den Meisterbetrüger zum dämonischen Anwalt des rechten Empfindens macht). Erst allmählich enthüllt sich das zweite Gesicht dieses Dichters. Aber dann überwältigt es uns naturhaft und problemlos, kraft seines erweckten Sinnes für das offenbare Geheimnis der Welt. Denn Nadel steht mitten in dem Kunstbetrieb Europas als Orientale verschlagen, gerade den östlichsten Künstlern sehr nahe verwandt, ln seinem zentralen Werk ״Der Ton, einer Lehre von Gott und Leben“ hat er so ganz die sanfte Art chinesischer Weisheitslehrer: sich in den Bann eines Wissens zu stellen, das nicht erlernt und nicht erarbeitet wird, das vielmehr einen von selbst umfängt, sobald man die Hülle der Worte lind Erscheimmgen zurückzuschlagen versteht. Aber wo sich chinesische oder auch indische Meister von dem heiligen All- Einen durchwehen lassen, um mitsamt allem Wandelbaren der Welt In ihm einmal zu verlöschen, kennt Nadel, der Jude, den Weg zu einem Gott, der gegenständlich über aller Welt da ist, wie alle Welt gegenständlich in ihm. Nicht im Göttlichen versinken, sondern Gottes durch die dünne Wand des Lebens hindurch inne werden, also Gott nahe sein, verkündet die in Nadel erneuerte Mystik des Judentums. Hier wird das Dingliehe nicht verworfen oder überwunden, sondern erhoben und sinnvoll. ״Gott bleibt, wie Welt bleibt", heißt es in den letzten Sprüchen des ״Ton“. ln Versen zu Budkos Radierungen ״Das Jahr des Juden“ ist diese jüdische Mystik an der synagogalen Ordnung des Zeitablaufes mit frommer Innigkeit bewußt geworden und in den Dramen Nadels, im ״A d a m“, in den biblischen Szenen ״D e r Sündenfall“, wird das Dynamische solcher Mystik, das Ringen um Gott als den ewigen Gegenspieler der Welt, vielfaltig schaubarer Ausdruck. Die Gestalten und Ereignisse gleiten nicht durch eine Sphäre ahnungsvoller Verschwommenheit, sondern sind ins helle Licht der Wirklichkeit gestellt, um gerade durch sie Gott nahe zu sein. Diese, wenn man so sagen darf, sachliche Mystik scheint Nadel nach da und dort veröffentlichten Proben neuestens zu einer ״Lehre“ geführt zu haben, in der für Zwischenstufen zwischen Gott und Mensch, wie sie der Kabbala nicht fremd waren, wieder Platz wird. Ja, wie der ״Ton“, wie die biblischen Szenen nicht der Niederschlag einer bestimmten Phase von Nadels Entwicklung sind, sondern seine Entwicklung selbst nicht bewegtes Ziel, sondern ständiger Weg, so ist auch alles, was wir von ihm noch zu erhoffen haben, voller wachsender Möglichkeiten. Und mit ihnen wächst• das Judentum selbst Friedrich Thieberger. Der Maler Am 3. Oktober tritt Arno Nadel, — auf seltene Art dreifach künstlerisch begnadet: als Maler, Dichter und Musiker — in die Reihe der 50 jährigen; und vielleicht liegt es gerade an dieser Vielseitigkeit, daß er 50 Jahre alt werden mußte, ehe sein größtes und reichstes Talent, die Malerei, für ein größeres Publikum entdeckt wurde. Nicht viel mehr Menschen als der engste Kollegenkreis wußten von Arno Nadel, dem Maler. Die ersten Ausstellungen waren lat/ge vergessen, und in den letzten Jahren, den reichsten des Schaffens, zeigte er — irreführend durch den Gesamttitel und daher wenig glücklich — ein paar gute Pastelle, wenn auch nicht gerade die wesentlichsten, in der Ausstellung der Maler, die keine Maler sind. Jetzt erst wird in München eine große Ausstellung einen Teil auch dieser für ihn wesentlichen Pastelle einer größeren Oeffentlichkeit zugänglich machen. Es ist genug Ueberraschendes dabei. Dies zu erklären schweife ich ein wenig ab. Arno Nadel ist in der jüdischen und zionistischen Oeffentlichkeit ,l äSS i&SI&s®iS״!: öi;|: I! \mm Arno Nadel Selbstportrait mm liii* gekannt als Dichter deutscher Sprache, doch er ist an jenem 3. Oktober 1878 in Wilna geboren. Als Jude und in seinem Judentum, Orientale mit dem Blick nach Asien, lebt er seither 30 Jahre lang in Berlin. Dies Berlin wirkte auf ihn anders als auf die meisten ostjüdischen Künstler und am nachhaltigsten auf seinen Ausdruck als Dichter mit dem Wort. — Vielleicht wäre er als Dichter größer In Jiddisch, doch das Weiche seiner Natur, die Hingegebenheit an Schönheit des Menschen, der Seele, des Augenblicks schwingt auch in den deutschen Versen der sieben biblischen Szenen, die genannt sind nach dem ersten ״Sündenfall“. Westlich beeinflußt wurde Arno Nadel, abgesehen von seiner Handhabung der deutschen Verse, jedenfalls kaum. Sein jüdisches Gefühl reagierte zunächst in seiner Hinneigung zur großen Völkergemeinschaft Asien. Auch in Berlin fand er Menschen, die seiner Natur verwandte Züge aufwiesen, unter seinen Choristen, bei Schauspielern und immer wieder bei Schauspielern. Nächst Pallenberg, den er in grausiger Realistik als Sterbenden in Zeichenmystik in grandiosem Wurf bringt, entdeckt er durch seine Pastelle den fast Sokolow ähnlichen Reinhardt-Schau- Spieler Karger und gibt ihm mimische Gewalt, die man sonst nur in den Schauspielerköpfen der chinesischen Netsuken findet. Arno Nadels Pastelle dieser Art sind gleichfalls noch nicht entdeckt. Arno Nadel als Künstler fand seinen Ausdruck, dein er bis in die feinsten Regungen meistert, in der Malerei. Daher kommt die Kenntnis seiner Pastelle und Kreide- und Tusch- Zeichnungen einer Neuentdeckung gleich. Denn Pastell rechnet bei ihm nicht ohne weiteres zur Graphik, er ist Maler in Pastell, Dichter, Mystiker, Träumer. Arno Nadel ist Impressionist, er behauptet es von sich und man kann diese Gestaltung auf der Spitze der Konzentration, wenn man will, auch so nennen. Was er aber gibt — als stärkstes gibt — ist Ausdruck des Augenblicks. Und Arno Nadels Empfindungswelt, wie sie sich in seinen Pastellen offenbart, ist so interessant und merkwürdig. Voller Gefühl: des primitivsten, des Tatsinns, der Linie, der Fläche, von Licht, Farbe, Plastik, aber auch Negation der Plastik in einer natürlichen Liebe zum dekorativ durchgefühlten Blatt oder zum Aufbau in der ge- Arno Nadel: Suskin als ״Senderl“ in Granowskys ,,Benjamin!11.“ schiossenen Fläche, oder der ruhenden Fläche eines Gesichts, dessen Zugeschlossenheit den Ausdruck zurückwendet ins Innere. So vieles kommt in jeder Faser durch die Intuition. Das Weltbild des Asiaten ist namentlich in einer immer wieder gezeichneten ostjüdischen Frau wundervoll erfaßt. Arno Nadel malt nur Pastell oder er zeichnet mit Kreide. Aber eine Tänzerin im roten Kleid ist jedes Meisters der Zeichnung würdig und bei einigen Köpfen in Tusche und Kreide denkt man an japanische Zeichnung. Vor 9 Jahren begann er so, unbewußt, als lange noch nicht die japanische Mode der heutigen modern japanischen Linie in Paris ihren Siegeszug angetreten hatte. Es war damals Suche nach dem absoluten Ausdruck, weil in der Linie, im Ornament der Orientale zum künstlerischen Ausdruck kam, vor dem Juden. Keine Einzelerscheinung! Unter den deutschen jüdischen Malern ist in der Linie, die exzelliert, trotz aller sonstigen Gegen- Sätze, ihm am allerähnlichsten Ludwig Meidner, und in der Dichtung geht den gleichen Weg über Asien Alfred Döblin. Sein Leben als Jude äußert sich, — hier ist er ganz dem Westjuden assimiliert —, nur indirekt. Die Flucht ins Asiatische, in die Schönheit des Ornaments, den Spiegel Asiens, ist ähnlich der Flucht, die der Westjude durch seinen Verstand ins Geistige antritt. Tragik vorläufig fast aller unserer besten. Erst in Palästina wird es anders sein, bei der nächsten Generation. Aber seine Beweglichkeit ist jüdisch und seine Liebe zum jüdischen Menschen. Durch sie gibt es in sehr vielen Blättern seiner Freunde unter den Choristen, vor allem aber in den beiden herrlichen Zyklen der ״Habimah“ und des Grajtowsky-Theaters, wahrhaft vom Mittelpunkt des Wesens her eine innere Schau in den Reichtum und die Wandlungsfähigkeit des jüdischen Antlitzes. Seinen Benjamin III. wollte er ursprünglich in der Humorausstellung zeigen — in dieser Ausstellung ״Humor in der Malerei“, die in seltener Fülle jüdischen Humor in jüdischer Kunst zeigt. Man sieht aber in der Sezession nur den ״Moser“ aus den ״Artisten“ und Pallenberg als Schwejk. Der Moser ist artistisch fein geschliffen, der Pallenberg lebendige Schau. Arno Nadel als Techniker ist in diesem Material, das ihm einziges Ausdrucks* mittel — der Farbe — wurde ungeheuer reich und variabel. Berliner Zionistische Vereinigung Dienstag, den 2. Oktober, abends 81/״ Uhr im Gartensaal des Logenhauses, Kleiststraße 10 Arno Nadel-Abend anlSSllch seines 50. Geburtstagen Mitwirkende: Ansprachen: Dr. Schalem Hildesheimer Felix Stössinger Oberkantor Gollanin I ״ Frau Eahel Ermolnikoff J Gesan& Gad Shelaso: Rezitation Alice Jacob-Loewenson: Klavier Karten zum Preise von Mk, 3.—, 2.— und 1.— erhältlich in der B. Z. V,, Melnekestraße 10 und an der Abendkasse. Näheres Programm s. redaktionelle Notiz Suskin als Senderi ist in Hingebenheit und welcher Gelöstheit ein so vollkommener Gegensatz zu den Pastellen von der ruhigen Frau mit dem ausdrucksvoll verschlossenen Quannongesicht, daß man die ״gleiche Hand“ nur in der Ausgestaltung des Bildraumes erkennt. Jedes Bild hat wie eine Schriftseite ornamentalen Abschluß, der mit der Schrift und dem Rhythmus des Blattes eine Einheit bildet. Auch der gelöste Senderi tritt aus solch einem Rahmen hervor. Sehr merkwürdig ist die Rowina aus dem ״Dybuk“ im Habimah-Zyklus. Sie ist Lea, aber die Lea aus dem jiddischen Original, rauh und weich, zu gewaltigem Ausbruch fähig, nicht zu leisem, verhaltenem, in Gesang sterbend wie in der Habimah. Aber wunderbar ist der ״Chanan“, uneingeschränkt wunderbar. Durchgeistigt mit Furcht und Grauen vor der eigenen Macht, der er sich nahe glaubt. Oder die Bettlergestalten, der blinde und der lahme Bettler. Wie der blinde Bettler aus vielem Schwarz empor* taucht und das Schwarz die Farben mildert oder hebt, wie es Ornament wird in der Fläche, das macht das Blatt über den Zweck hinaus zu einem Werk für sich. Der Rabbi mit dem Kirppelhut ist da um der Linie willen. Trotzdem gibt Arno Nadel eine erstaunliche Anzahl jüdischer Menschen und Typen sowohl in den Zyklen ״Habimah“ und ״Qranowsky-Theater“ wie in den Einzelblättern. Else Lasker Schüler ist auch dabei mit dem sarkastischen Humor, den sie manchmal aufblitzen läßt. Die Menschen, vor allem die vielfachen seiner ״Selbstbildnisse“, kommen aus einem Urwald von Phantasie, anders kann man es kaum nennen. Ein Zyklus heißt darum auch ״Variationen um ein Selbstbildnis“ — auch die andern Selbstbildnisse könnten so heißen. Die übrigen rankt er um andere Zufallsmodelle. Anlaß ist die Außenwelt zumeist. Gad Shelaso gab er Dämonie der Linie, schuf ihn zur Traumgestalt eines klassischen Schauspielers im Chinasinn, zum Spieler seines Körpers, der er kurze Zeit versprach, zu werden. Arno Nadel sah das Werden erfüllt. Alle Dämonenkämpfe eines leldenschaftliehen Ghettozwielichts, oder vielmehr einer östlichen Ghetto lichtheit, zerschmettert im wesentlich zerschneidenden Verstand, malte er um seinen toten Freund Justus Lichten, den Dichter und Romantiker. Im Sprachlichen findet man von all dem Reichtum der Zeichnung und des Pastells wenig im späteren Werk. Im frühen muß dagegen allerhand vorhanden sein. Ich zitiere nur diese Verse: ״Mir ist für das, was wir Geschehen nennen, der Sinn entschwunden und ich muß mich halten, daß ich nicht im Verlöschen und Entbrennen zerbröckle und in stürmendem Entfalten. Diese Verse stehen in dem Band: ״Um alles dies“. Es ist ein Band, den er geschrieben hat, ehe er in der Zeichnung seinen vollkommensten Ausdruck fand, vor etwa 10 Jahren. Wahrscheinlich sind diese Verse deshalb so aufschlußreich, es liegt in ihnen: Seine ganzen Pastelle, der ganze kommende lange Ausklang, der bis heute andauert. Arno Nadel ist voller Pläne. Für seinen Weg im neuen Material, auch er will im Oel den potenzierten Klang suchen, kann man ihm nur wünschen, daß ihm auch weiterhin die intensive Folgsamkeit von Zeitschrift, Tusche und Pastell bleiben möge. Ruth Morold. Der Mnsiker Arno Nadels Bedeutung kann man nur gerecht werden, wenn man seine vielseitige Produktivität als das nimmt, was sie von Natur aus ist: als die Aeußerungsform eines religiösen, kindlich-volkhaften und musischen Organismus, dessen Zentrum vieler Kanäle bedarf, um sich adäquat auswirken zu können. Arno Nadel war erst Musiker, dann Schriftsteller. Maler wurde er zuletzt. In der jüdischen Musik führte ihn sein Weg von der synagogalen Musik (seine Lehrer auf diesem Gebiet waren Eduard Birnbaum, Ludwig Mendelssohn, Wiliam Wolff und A. Kellermann) über das jüdische Volkslied (״Jontefflieder“, ״Jüdische Liebeslieder“, ״Jüdische Volkslieder“, alles im Jüdischen Verlag, Berlin) wieder zur synagogalen Musik zurück. Jetzt arbeitet er (im Aufträge der Berliner Jüdischen Gemeinde) an einem etwa siebenbändigen Kompendium, das die wertvollsten jüdisch-kultischen Musik-Schöpfungen der letzten hundert Jahre, viele ganz seltene z. T. von ihm entdeckte Manuskripte und eine Anzahl eigener Kompositionen enthalten wird: ein Werk, das zu den hervorragendsten dieser Art gehören dürfte. Seine liturgischen Kompositionen können sich im Rahmen dessen, was heute in einer deutschen Synagoge zu singen und zu spielen möglich ist, wohl mit dem Besten messen, was im Laufe des vergangenen Jahrhunderts auf diesem Gebiet geleistet wurde. Nadels publizistische Tätigkeit im Bereich der jüdischen Musik ist ebenfalls ungeheuer intensiv und mannigfaltig. Er veröffentlichte in zahlreichen jüdischen Blättern und Zeit- Schriften einschlägige Dokumente und Aufsätze und lieferte in den letzten 25 Jahren sehr interessante Musikbeilagen für ״Ost und West“, den ״Juden“, das ״Gemeindeblatt“, das ״Jüdische Lexikon“ und die ״Jüdische Enzyklopädie“. Seit 12 Jahren wirkt er als Chordirigent an der Berliner Jüdischen Gemeinde. Alice Jacob-Loewenson. Im musikalischen Teil der Feier, die die Berliner Z i o - nistische Vereinigung zum 50. Geburtstag Arno Nadelt veranstaltet, werden Raael Ermolnikoff und Leo Gollan i n Volkslieder und religiöse Gesänge in Nadels Bearbeitungen singen. Alice Jacob-Loewenson wird u. a. eine eigene Klavierübertragung eines Orgelvorspiels des Komponisten zum erstenmal zu Gehör bringen. Das genaue Programm der Feier finden die Leser an anderer Stelle dieses Blades. Die dichterischen Werke Arno Nadels wurden vom Verlag FelixStössinger (Berlin) übernommen.