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Jüdische Rundschau · 1928-09-28 · Heft 76-77 (28.9.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 76-77 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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VON JÜDISCHER MUSIK -S.-, BEILAGE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU .JggiJ- Probleme der Synagogen-Musik Anmerkung der Redaktion: Die hi«• veröffentlichten Aoußerungcn zweier Fachleute sind wichtige Beitrüge zur Diskussion, die die Anschauungen der Verfasser, keineswegs eine Stellungnahme der Redaktion, zum Ausdruck bringen. Die Renaissance der synagogalen Musik Von Arno Nadel. Das Altertum. Was ist das zunächst: ״Das Altertum“, wenn wir von svnagogaler Musik reden? Das wäre etwa: die Musik des zweiten oder gar ersten Tempels. Und dann die Musik der ersten Bethäuser in Babylonien, in Palästina, in Alexandrien. Das hört sich vielversprechend und verlockend an. Es sei gleich nachdrücklichst gesagt: wir wissen gar nichts über die alte hebräische Musik. Trotz der Hunderte von Schriften altchristlicher und altjüdischer Schriftsteller über diese Materie, und trotz neuerer abenteuerlicher Rekonstruktionsversuche. Ich denke an Leopold Haupts ״Sechs alttestamentliche Psalmen mit ihren aus den Akzenten entzifferten Singweisen“ (Leipzig 1854) und an die teilweise sehr geistvolle Schrift des berühmten Stenographen Leopold A. F. Arends über den Sprachgesang der Hebräer. Wenn wir die Weisen der heutigen orientalischen Juden betrachten, werden wir kaum eine klare Vorstellung vom Charakter der althebräischen Musik erhalten. Denn diese Melodien sind ähnlich wie die heutigen und die älteren arabischen Singweisen und wie viele sonstige orientalische Oesänge. Sie haben meistens einen geringen Intervallenumfang und sind eintönig und innig-fromm rezitatorisch. Nur hie und da erheben sie sich aus ihrer Enge und preisen üott oder klagen auf eine eindringliche Art, die uns Juden nicht fremd ist. Der Rest und der Anfang dieser Musik ist der gesamten Judenheit in den Akzenten erhalten geblieben, die trotz aller Versionen und Anpassungen den alten, wahrscheinlieh jahrtausendealten Charakter bewahrt haben. Am ehesten können wir uns von den Melodien des letzten großen Tempels eine Vorstellung machen, wenn wir die restaurierten griechischen Götterlieder uns vergegenwärtigen. Das Wesentliche. Das Wesentliche aber bleibt, daß im alten Tempel viel gesungen und gespielt worden ist. Man denke an die Sängerschulen und an den Jubel des letzten Psalms, der mit Exaltation auf allen Instrumenten und von allem odemhauchenden Wesen deip!,einzigen Schöpfer ein unerhörtes Halleluja an stimmt. Wö so rauschend Gott angebetet wird, da ist Gesang und Chor und Instrumentalmusik natürliches, helles Element. Daher zu allen Zeiten die selbstverständliche Begeisterung für synagogale Musik. Die synagogale Musik, das ist die Hauptmusik der Juden. Unsere polnischen Brüder wissen davon zu erzählen und zu jubeln. Da ist der Sabbat — vom Jomtow ganz zu schweigen — ein Konzerttag großen Stils. Da steht der Chasan mit den Jungen und mit den Männern und singt bis in den Mittag hinein, und alle Jehudim stehen umher und strahlen Freude aus und leben die Nigunim und die Gebettexte so tief mit, wie nichts, nichts sonst. Vom letzten Psalm bis zu unseren Ostjuden führt eine gerade Linie. Das Material. Ueberblicken wir das Material, das vorliegt. Zunächst gewissermaßen das Rohmaterial. Das sind 1. Die Akzente (ein ungeheurer Komplex verschiedenartiger Kulturen; Idelsohns Bände, Jewish Encyclopedia, Russische Encyclopedie und der 2. Band der Encyclopedia judaica, der bereits den Artikel ״Akzente“ vom Autor dieses Aufsatzes enthält). 2. Die orientalischen Weisen, wie sie die Idelsohnsehen Bände bringen. 3. Der polnische Nussach (sehr bedeutsam, weil er den neuen Atem der Judenheit erkennen läßt, den europäisch-asiatischen, der zugleich eine neue, wunderbare Originalität schafft. 4. (wenn man will) den rein aschkenasischen, d. h. den fiiri- und westdeutschen Nussach, der zwar weniger originell hebräisch ist, aber dennoch eine Fülle von schönen Bestandteilen enthält. 5. Den scphardischen Nussach, deutlicher ausgedrückt, den europäisch-sephardischen, einschließlich des südfranzösischen (Consolo, Carpentras u. a.). Die Kompositionen. Hier kann schon von Epochen geredet werden. 1. Rossi. Anschließend an Rossi die späteren Italiener, etwa bis 1830. 2. Sulzer (in der Klassizität alle späteren überragend). 3. Die Franzosen Lovy, Näumbourg und David. (Kultivierte Verwertung der Tradition. Sulzersches Barock.) 4. Lcwandowski (deutscher, fast preußischer Stil. Eine Art ״Jugendstil“ mit einigen kultivierten Prachtnummern, von denen ich nur ״Ki K’schimcho“ nennen will. Die Rezitative. Zumeist ebenfalls Rohmaterial. (Herrlichstes, echtestes, hebräisches Gut, zukunftsträchtig wie nur die beste Tradition, ln meinem Besitz viele hunderte Manuskripte aus Rußland, Litauen, Polen, Ukraine, Galizien, Ungarn usw.) Renaissance. Was hat dieser Ueberblick mit der Renaissance der synagogalen Musik zu tun? wird man bald fragen. Sehr viel. Zunächst ist alles, was Ueberblick bedeutet, schon Renaissance der Materie. Eduard Birnbaums wertvolle Aufsätze, die der Potsdamer Oberkantor Guttinann gesammelt herausgibf, enthalten meistens Liturgisches. Die Ihitersuchung des rein Musikalischen geschieht auf neuem Boden, so daß jeder Ueberblick, der das Ganze vom murikalisch-künstlerischen und zugleich tatsächlichen Standpunkt aus ins Auge faßt, jedem Interessenten von Nutzen sein muß. Ein Zitat. ״Langsam wird die Verbesserung der Liturgie vor sich gehen. Solange nicht alle Gebildeten, Gelehrten und die dazu berufenen Beamten Zusammenwirken, und dem niederen Volke klar und deutlich beweisen, wie verderbt die alte Liturgie auf unsere Gesinnungen, Handlungen, unser Staats- und Familienleben, auf unseren Kultus und Charakter einwirkt, solange hier und dort die sogenannten jüdisch-pharisäischen Missionäre vom Volke so verehrt und geachtet werden, und unsere gesamte Nation nicht selbst im Geiste Gottes ausruft: ,J’hi or* und sich nicht wahrhaft davon überzeugt ,Es hoor ki tow‘, solange wird die allgemeine Veredlung unserer Liturgie nur langsame Schritte, oft da, wo sie vorwärtsgegangen, wieder Rückschritte machen. Die göttliche Vorsehung arbeitet aber oft durch die schwachen Bemühungen und zuweilen durch weitentfernte Menschen im stillen zu dem vor, was später fürs Ganze wichtige Folgen hat.“ — Diej schrieb Hermann Ehrlich, ״Schullehrer und Kantor zu Berkach bei Meiningen“ vor etwa achtzig Jahren in der von ihm herausgegebenen ״Liturgischen Zeitschrift“. Trotz seines kuriosen Stils haben Ehrlichs Worte heute noch hohe Bedeutung. Die gesamte Nation, wo ist sie? Aber die Rückschritte sind heute noch da, aber auch die Vorsehung und die weitentfernten Menschen im stillen. Es genügt aber nicht, daß Komponisten — wie neuerdings Kornitzer in Hamburg*) — den Gottesdienst neu komponieren und neue Wege einschlagen, — der Geist des ganzen Volkes muß ein neuer, ein anderer werden, alle müssen mitwirken, unser Gottesdienst bedarf einer Reform. Reform. Der Beter muß wissen, was er betet, der Sänger muß wissen, was er singt. Der Komponist muß wissen, daß er hebräische Texte komponiert, er muß ein Musiker und ein Jude sein. Und Jude bedeutet liier frommer Jude, nicht im *) Römemoss El, Jüdische gottesdienstliche Gesänge (J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M, 1928). Sinne der Ewigkeitswerte unserer Religion. Da, namentlich nach dem Kriege, der Jahrhunderte übersprungen hat, ein neuer jüdischer Geist auflebt, der werden und sich gestalten will, schreit die Musik unseres Gottesdienstes nach Erneuerung. Sie kann nur durch wahre Juden — Andersgläubige können heute nicht mehr, wie früher oft, hebräisch komponieren — und echt hebräisch geschehen. Das Rohmaterial muß verwendet werden, die Kompositionen müssen studiert werden, der Blick muß asiatisch, muß kosmopolitisch werden. Aber auch die ganze Gemeinde muß sich erneuern. Vor allem müssen es die Machtfaktoren der Gemeindevorstände. Welche wahrhafte Taten geschahen in früheren Zeiten! In München wurde 1832 der erste reguläre Synagogenchor gegründet. Sieben Jahre später konnte bereits das erste bedeutende Kompendium synagogaler Musik (heute von unschätzbarem Werte), mustergültig ausgestattet, in München erscheinen. Warum geschieht heute, in einer weit reiferen und reicheren Zeit, nichts ähnliches? All dies sind nur Andeutungen innerhalb der Grenzen eines Zeitungsartikels —• wie vieles zum Thema gehörende mußte fortgelassen, verschwiegen werden ־— doch hege ich die Hoffnung, daß es genügend eindeutig ist, um den Suchenden auf ein lohnendes Ziel hinzuweisen. Chor und Orgel im Gottesdienst der Zukunft Von Felix Saul, Stockholm. Ist es notwendig, die hier vorliegenden Fragen zu diskntieren? Ach, cs ist bitter notwendig, alles unter Diskussion und Debatte zu stellen, was mit jüdischem Leben, noch mehr aber das, was mit jüdischem Sterben zusammenhängt. Notwendig für alle, die nicht mehr in die Lobeshymnen über die herrlichen Zeiten (instimmen können, denen uns unsere Emanzipations- Vorfahren vor hundert Jahren entgegenzuführen begannen. Notwendig für alle, die nicht der Eitelkeit so vieler unserer ״Führer“ verfallen sind, sondern angesichts unserer leeren Synagogen rufen: mea culpa, mea maxima culpa. Daß man im Zeitalter der Emanzipation von dem regellosen und abstoßenden, ״vielstimmigen“ Durcheinander des mittelaltetliehen Gottesdienstes unmittelbar zum ״feinen“ Kunstgesang eines ״vierstimmigen“ Chores überging, ist nur zu erklären aus der jüdischen Neigung zu Extremen — derselben Neigung, die an Stelle fles früheren Chaos in der Synagoge eine Ordnung setzte, überwacht von --- hier und da sogar säbeigeschmückten — Lakaien in Livree, die sogar das Aufstehen und Setzen der Andächtigen zu reglementieren und uniformieren hatten. Andererseits mußten die kunstloseren, für den einstimmigen Gemeindegesang bestimmten, nach protestantischem Muster fabrizierten ״Choräle“ sehr bald dem Fluch der Lächerlichkeit verfallen. Leider trüben sie noch heute in manchen Gegenden mit ihrer inneren Unwahrhaftigkeit den Sinn für Ausdruckseclrtheit itn jüdischen Gottesdienste. Die beste Lösung der Frage ״mehrstimmiger Chor oder einstimmiger Gemeindegesang“ wird auch in Zukunft dieselbe sein, die Lcwandowski vorschwebte: Chor — wo die Möglichkeiten für einen solchen vorhanden sind — für die ״beweglicheren“, dazu textlich ausgeführteren Teile des Gottesdienstes, Gemeindegesang für die ״festen“ Teile: Responsen, Kcduschah usw׳. Mit besonderen, mehr außerhalb des eigentlichen Gottesdienstes stehenden, einstimmigen Gemeindegesängen in der Landessprache, die mehr als ephemere und lokale Geltung beanspruchen können, werden wir uns hübsch gedulden müssen, bis unsere Religionslehrer die Kunst erlernt haben werden, die musikschöpferisch Begabten unter ihren Schülern ans Judentum zu fesseln. Wenn diese bisher fast durchgehend der Synagoge und oft auch dem Judentum den Rücken gekehrt haben, so möge auch hier der verantwortungsbewußte Lehrer, Rabbiner oder sonstige Führer sich an die Brust schlagen und ausrufen: mea culpa, mea maxima culpa — oder meinetwegen: chotossiü Und welche Lockungen gehen für den musikbegabten, schaffensfreudigeil jungen Juden von unsern Gemeinden, namentlieh den Großgemeinden aus? Eins der traurigsten Kapitel bilden dabei die Musikverhältnisse in den Berliner Synagogen. Weil ein für seine Zeit großer Mann einstens dort an der Spitze stand, ist der Chorgesang in den Synagogen der größten deutschen Gemeinde in einem einseitigen Kult seines Schaffens erstarrt. Und Erstarrung ist der schlimmste Feind jeder Kultur, nicht zuletzt der religiösen. Dabei war Lewandowski alles andere als ein unübertroffener Meister des Chorgesanges. Sulzer, Deutsch, Weintraub, die großen russischen Kantoren-Komponisten, AIman (!) scheint man in Berlin nicht zu kennen. Wirklich sagte mir einmal ein Dirigent, der jahrzehntelang den Chor der größten Berliner Synagoge geleitet hat, ganz naiv: ״Ich kenne keine Note EPOCHALE NEUHEIT! HEBRÄISCHE GESÄNGE AUF MUSIKPLATTEN ODEON und PARLOPHON״ELECTRIC In dieser Vollendung bisher unerreicht! Aufnahmen vom verstärkten Synagogenchor vom Friedenstempel, Berlin, unter Leitung von Chemia Winawer, Oberkantor Hermann Fleischmann, Köln. uaw. Di• Pr«a1« »chreibt* Der verstärkte Syuagogao-Chor unter Leitung von Cheasia Winawer zeigt durch *Odeon“ die hohe künstlerische Bedeutung seiner Gesinge; eindrucksvoll das Solo Hartenbergs bei dem Einbeben der Thora, ergreifend der unterstreichend« Chorgesang. Von eigenartigem Reiz sind di« Gesang« des verstärkten Synagogea-Chors des Friedens• tcmpeli. hebr&iscb« Kirchenmusik in vorzüglicher Ausführung. Odeon- und Parlaphon-Musikplatten werden ohne jeden Kaufzwang bereitwilligst vorgespielt in den offiziellen Verkaufsstellen des Lindström-Konzerns Berlin, Leipziger Straße 110, Kur Kirstendamm 29, Friedrichstraße 91, Oranienatraße 64 ferner in allen anderen Odeon• und Parlophon-Musikhäusern und besseren Fachgeschäften. CARL LINDSTRÖM A.-G-, BERLIN SO 36

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