Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 76-77 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 78/77, 2a IX 1928 Seite 544 ■m ■wi 1M’ |i w! II. In Palästina wird von den Arabern um dasselbe Ziel prekainpft. Aber hier liegen dl» Verhältnisse weitaus komplialerter durch die Anwesenheit der Juden, ihre kolonisatorischen Bestrebungen und deren rechtlich anerkannte Grundlage, die Balfour-Deldaration. Es wird immer deutlicher, dab die palästinensischen Araber die besondere Situation, die dadurch im Lande geschaffen ist, erkennen und mit ihr rechnen. Der Kampf um das parlamentarische Regime, der die letzten Monate ihrer Aktion auszeichnet, war von Beginn an von dieser Erkenntnis getragen. Die siebente Konferenz in Jerusalem stand im Zeichen der Gemäßigten, die ihre Forderungen nach bestimmten Formen der Selbstverwaltung imRahroenderbestehenden Verhältnisse auf stellten und durchdrücken wollten. Und die letzten Monate brachten von arabischer Seite Aeußerungen, wie wir sie in Palästina noch nicht gehört haben; Ein Interview von Musa Kaslm Pascha gegenüber dem Redakteur des Palästina Bulletin und mehrere Artikel des Jaffaer ״Falestin“. (Wir haben über den Inhalt dieser Kundgebungen bereits in Nr. 67 gesprochen. — A. d. R.) Musa Kaslm, die treibende Kraft der arabischen Exekutive und eines der Häupter der größten Familien im Lande, der HuSseini, ist in diesem Falle als Sprachrohr der ausschlaggebenden moslemischen Kreise zu betrachten. Der ״Falestin“ ist das größte Organ des christlichen Arabertums im Lande. Es war also ersichtlich, daß hier eine Umwälzung (die schon auf der arabischen Konferenz in Erscheinung trat) statt gefunden hatte, und daß hier vielleicht die Möglichkeit geeben sei, zu einer gewissen gemeinsamen asis zu gelangen. Voraussetzung dafür war selbstverständlieh, daß überhaupt irgendwelche Verhandlungen stattfanden und daß die Anerkennung der Balfour-Deklaration, die für die Araber ein wichtiges Novum darstellt, einen Widerhall unter den Juden hervorrief. Die Aufnahme der Erklärung von Musa Kaslm unter den Juden ebenso wie unter den Arabern war jedoch charakteristisch. Die arabische Presse oder zumindest ein Teil davon bcgann mit großem Nachdruck ein« Erklärung von Musa Kasim zu fordern, was er mit seinen Aeußerungen gemeint habe. Die jüdische Presse andererseits widmete ihre Aufmerksamkeit fn erster Linie der arabischen Haltung zur Frage der Einwanderung und ließ Musa Kasims Bemerkung über die ״Anerkennung der internationalen Verpflichtungen“ nicht genügend zum Bewußtsein kommen. Dazu kam, daß sich die Hoffnungen der Araber aut ein Parlament, in welcher Form auch immer, verringerten und schließlieh zerschlüge«. Während die Antwort Plumers bei seiner Abreise noch neutral war, enthielt die Stellung des Colonial Office eine klare Ablehnung. Und diese Ablehnung ging nach den englischen Blättern, in erster Reihe nach dem ״Near East“, das dem Colonlal Office nahesteht, darauf zurück, daß Palästina als Einwanderungsland ein Spezificum darstelle und keine parlamentarische Regierung bekommen könne, solange die Gefahr bestände, daß die Mehrheit die Minderheit unterdrücke. Zieht man noch ln Betracht, daß diese Beschlüsse gefaßt wurden, als Vertreter palästinensischer Arbeiterparteien denselben Standpunkt in London verfochten und kurz darauf aut der Konferenz der Internationale in Brüssel eine ähnliche Resolution in bezug auf Palästina durchsetzten, so wird man sich nicht darüber wundern, daß eine entscheidende Wendung im arablsehen Lager vor sich ging. Bisher hatte man — wie z. B. der ״Falestin“ schrieb — darauf gehofft, die grundlegende Forderung nach Selbstverwaltung gemeinsam mit den Juden durchfechten zu können und darum habe man das größte Hindernis — die Nichtanerkennung der Balfour-Deklaration — aus dem Wege zu räumen gesucht. Nachdem es sich herausstellte, daß die iüdische Presse Keine Anstalten zu einer Auseinandersetzung machte, daß die offiziellen Instanzen keine Stetlün g i ü de r F rä ge rrahrtrebj man dagegen «iMeKMft* mußte, daß die abschlägige Antwort Englands zu einem guten Teil auf jüdischen Einfluß zurückzuführen sei, änderte sich die Situation von Grund aus. (Inzwischen ist eine Art zionistischer Stellungnahme durch das an anderer Steile dieser Nummer erwähnte Interview von Col. Kisch erfolgt. — A. d. Red.) Musa Kaslm hatte auf die wiederholten Aufforderun« gen, seine Worte und seine Stellungnahme zu erläutern, lange Zeit geschwiegen. Jetzt aber, wo die Frage des Parlaments wieder einmal negativ entschieden schien, gab er eine Erklärung in der Presse ab, die nichts war als ein verschleierter Widerruf. Er behauptet, daß er mit den von ihm anerkannten ״internationalen Verpflichtungen“ Engiands nichts anderes gemeint hätte, als die Beteiligung der Regierung am Kampf gegen die Malaria, hygienische Verpfllchtungen usw., also ganz unpolitische Beziehungen. Die Gegnerschaft gegen die Balfour-Deklaration aber bleibe be* stehen. . . . Der Ton der arabischen Presse ist wieder schärfer geworden, und am letzten Samstag ist es einem extremen Nationalisten (Hamdi ei Hussein!) gelungen, eint moslemische religiöse fugenddemonstration in Jaffa mit zu einem Protest gegen das Mandat zu verwenden. Man kann voraussehen, daß — wo die Gelegenheit zu Verhandlungen wieder verpaßt ist — eine neue Kampagne( unter den Arabern, nicht mir gegen die Regierung, sondern auch gegen die Juden einsetzen wird. Die fugend, die hier aufwachst und die alten Führer unter den Arabern abzulösen beginnt, versteht überhaupt nicht mehr, daß die englische Regierung und die Juden nicht genau dasselbe seien. Kampf gegen England heißt für sie Kampf gegen die Juden und umgekehrt. Die Bedeutung dieser Dinge wird Im Lande kaum erkannt. Was das Parlament anbetrifft, so hat man jetzt bei den Juden das Gefühl, daß alles gut gegangen sei, so daß man nicht einmal die Gelegenheit zu einer Klärung benutzt. Diese Ahnungslosigkeit muß sich rächen. Ihr schädlicher Einfluß äußert sich bereits heute in dem Stimmungsumschwung im arabischen Lager, das vielleicht zu einer Verständigung mit den Juden bereit war, und jetzt eventuell die Konsequenz zieht, daß kein Weg zu einer Zusammenarbeit bestehe. Sanitätsrat Pr. Bradt | Am Jom Kippur verschied nach mehrwöchigem schweren Leiden in München, wo er sich vorübergehend aufhielt, Sanitätsrat Dr. Gustav Bradt, der gesenäftsführende Schriftführer der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Gustav Bradt war eine allseitig verehrte Persönlichkeit. Trotz seiner verhältnismäßigen Jugendlichkeit — er erreichte nur ein Alter von 57 Jahren — war er der Typus eines abgeklärten, milden und weisen Menschen. In mehreren Wohlfahrts-Organisationen, wie der Chewra Kadischa, und an sozialen Unternehmungen, wie der Gründung des Kinderheims Eimen, war er führend beteiligt. Eine glühende Liebe erfüllte ihn zu der geistigen Welt des Judentums, in die ihm Hermann Cohen der verehrte Führer war■ ln der von ihm gegründeten und geleiteten Hermann Cohen-Stiftung hat er dem Meister ein würdiges Denkmal gesetzt. Seine Liebe zur jüdischen Geistigkeit fand auch in seiner Mitarbeit am Ausbau der Nationalbibliothek in Jerusalem —• er war Vorsitzender der ״Gesellschaft der Freunde der Jerusalemer Bibliothek“ — ihren Ausdruck. Seine große Lebensaufgabe Indessen erblickte er in der ״Akademie für die Wissenschaft des Judentums“. Bradt war es, der im Jahre 1917 den Ruf Franz Rosenzweigs ״Zeit ist’s“ aufnahm und Hermann Cohen veranlaßte, gemeinsam mit ihm an die Gründung der Akademie zu schreiten, in den zehn Jahren, welche die Akademie seitdem durchmessen hat, war Dr. Bradt die wahre Seele des Werkes. Bis zum letzten Atemzuge war Bradt um ihren zukünftigen Ausbau besorgt, und oft bezeichnete er dieses sein Werk als sein Vermächtnis an die gesamte, insbesondere die deutsche Judenheit. Bradt gehörte seit Jahren der zionistischen Bewegung an, die ihm ein ehrendes Andenken bewahren wird. Bei der Beerdigung am Donnerstag war die Z, V. f. D. durch das Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses, Dr. Nahum Goldmann, vertreten. JakoUosky geht nach Palästina In den nächsten Tagen wird sich Jabotinsky nach Palästina begeben, wo er als Direktor der amerikanisch-jüdischen Ver- Sicherungsgesellschaft ״Judaea Insurance Company“ seinen Wohnsitz nehmen wird. Es heißt, daß das Einwanderungs- Departement der Palästinaregierung zuerst bei Erteilung des , Vjswp ,Schwierigkeiten _ gemacht^at./ , Eine , Pressemeldung besäglfe sogar,'die Regiertinf liffi'C an di6:JtmÄa':lhsüranee'״Co.; die Forderung gestellt, sie solle die Garantie dafür übernehmen, daß sieh Jabotinsky in Palästina nicht politisch betätigen werde. Diese Nachricht hat in der jüdischen Oeffentlichkeit berechtigten Protest hervorgerufen. Unter anderem hat auch der Stadtrat von Tel-Awiw eine Protestresolution beschlossen. Falls es sich hier nicht um ein etwas aufgebauschtes Gerücht, sondern um eine Tatsache handelt, würde ein unbegreiflicher Mißgrift der Regierungsorgane vorliegen. Fest steht jedenfalls, daß nunmehr Jabotinsky das Visum ohne alle Einschränkungen erteilt worden ist. In einem Gespräch mit einem Ita-Vertreter sagte Jabotinsky, er freue sich, der Arbeit der Judaea Insurance Company sich widmen zu können, die eine Lieblingsidee Theodor Herzls verkörpert, die Idee nämlich, daß die Versicherungsfonds der Juden sich in Palästina konzentrieren. Laut seinem Abkommen mit der Company habe er die vollkommene Freiheit, sieh journalistisch, literarisch und öffentlichpolitisch zu betätigen, und er beabsichtige, diese Tätigkeit energisch fortzuführen. | Dr. Markiis Sußmann | Dr. Markus Sußmann« der langjährige Herausgeber der ״Zionistischen Korrespondenz“ in Berlin, wurde am Vormittage des Versöhnungstages im Augenblicke, da er sich anschickte, den Weg zum Gottesdienst anzutreten, von einem plötzlichen Tode ereilt. Ein Lehen, das von den Tagen des ersten Bewußtwerdens bis zum letzten Augenblick ganz von Zionssehnsucht und -hoffnung erfüllt und von der Zeit des ersten Wirkens bis zum letzten Atemzuge ganz in den Dienst des Zionismus gestellt war, ist jäh und lange vor der von der Natur gesetzten Grenze erloschen. Dr. Markus Sußmann hatte den Zionismus aus den besten Quellen in sich aufgenommen, ln Lemberg geboren und erzogen« genährt mit den jüdischen Traditionen einer der angesehensten Rabbinerfamilien Rußlands, war er als Zionist ein Schüler vorn Adolf Stand und Abraham Korkis. Es war oft rührend zu sehen, wie er die eigene zionistische Gesinnung und Leistung und die anderer an der Gesinnung und Leistung der Lehrer maß. In jungen Jahren oft aktiv an den politischen Kämpfen der Zionisten Galiziens beteiligt und politisch gereift durch die Mitarbeit mit Korkis an der Herausgäbe des galizischen zionistischen Organes ״Woschod“, fand er. in den Sturmjahren des Weltkrieges in die Ferne verschlagen, an dessen Ende ein geeignetes, seinen journalistischen und zionistischen Qualitäten entsprechendes Wirkungsfeld. Die ״Jüdische Preß-Zentraie“ in Zürich, die er von 1918 bis 1922 redigierte, war zwar kein zionistisches, sondern ein allgemeinjüdisches Nachrichtenorgan. Aber jedermann spürte, daß hier ein Mann wirkte, dem Zionismus Lebensinhalt war. So war es nur natürlich, daß, als Zionistische Organisation und Keren Hajessod im Jahre 1922 für die damals von beiden herausgegebene ״Zionistische Korrespondenz“ einen Redakteur suchten, ihre Wahl auf Dr. Sußmann fiel. Man hätte keinen besseren Redakteur dieser Nachrichtenkorrespondenz finden können. Denn dieser Mann, der weder Ehrgeiz noch Eitelkeit kannte, der von sich rühmend sagen durfte — er hat es oft getan —, daß er seinen Namen niemals habe drucken lassen, der immer bescheiden im Hintergründe blieb, —• dieser Mann diente nur der Sache. So hat er sechs Jahre in vorbildlicher Treue und Hingebung die ״Zlonisfische Korrespondenz“ redigiert und sie in unermüdlicher Arbeit zu dem bestinformierten und zuverlässigst informierenden Korrespondenzblatt des Zionismus gemacht. Was in den letzten Jahren an Nachrichten über den Aufbau des neuen jüdischen Palästinas und über die Entwicklung der zionistisehen Bewegung in die jüdische Presse gelangte, das hatte vielfach seinen Ausgangspunkt in der Arbeit Dr. SuBmanns, seine Quelle in der ״Zionistischen Korrespondenz“. Die Presse wußte und merkte, daß hier jede Nachricht, bevor sie an die Oeffentlichkeit ausgegeben wurde, auf ihre Richtigkeit geprüft und darum zuverlässig war. In diesem Sinne war die ״Zionistische Korrespondenz“ in der Form, die Dr. Sußmann ihr gab, eine zionistische Leistung besonderer Art, um so höher zu bewerten, als der Herausgeber von seinem Organ sagen durfte, daß alle Anerkennung, die diesem zuteil wurde, eine Anerkennung der Sache, nicht der Person sei. Denn die wenigsten kannten Dr. Sußmann. Auch auf den Zionistenkon״ grossen der Nachkriegszeit, auf denen Dr. Sußmann Herausgeber des mustergültig abgefaßten und mit fast unglaublicher Raschheit hergesteliten Presse - Bulletins war, wußten nur die wenigsten, daß der ewig fleißige Dr. Sußmann Tag und Nacht dafür sorgte, daß die Oeffentlichkeit über die Vorgänge auf dem Kongreß informiert werde. Dr. Sußmann verschwand hinter seiner Leistung. , , ,״ Um isp lauter aber,% zionistische Oeffentlichkeit ja dieser־־ Stündi ‘des’ ^»filedS'^vod*" Dtf 'Sußmann ' *WlhÄ״; daß wieder einmal ein Mann von uns ging, dem Zionismus Inhalt des Lebens und der Arbeit war. unser aller Teilnähme wendet sich in diesen Tagen den Angehörigen des Heimgegangenen zu, die so jäh und so früh des Gatten, Vaters, Sohnes und Bruders beraubt sind. Georg Herlitz. * Die Beerdigung Dr. Sußmanns fand am 27. d. M. in Weißensee statt. Sämtliche in Berlin anwesenden Mitglieder der zionistischen Büros nahmen an der Trauerfeier teil. Die Keren Hajessod-Eingänge im August Jerusalem, 23. September. (J.T.A) Im Verlauf des Monats August sind beim Hauptbüro des Keren Hajessod in Jerusalem un ganzen £ 16,327 an Spenden eingegangen. Es ist dies der niedrigste Monatseingang seit 1923. — Im Juni d. J. hatten bereits die Keren Hajessod-Eingänge die niedrigste Ziffer dieses Jahres, nämlich £ 26.910, erreicht. Im Mat betrugen die Eingänge £ 58.541. Der durchschnittliehe Monatsertrag des laufenden Jahres übersteigt die Summe von £ 40.000. weiß, ob das schöne Wetter anhatten wird?“, murmelte er.... Wir erschraken förmlich. Was? Regnen sollte es? Heute?... Nein, es durfte nicht regnen.... Wir protestierten alle, am energischsten |aga und die paar Bauern, die die Sukkall hatten aufbauen helfen. Es konnte heute gar nicht regnen, es waren ja jüdische Feiertage!... Es war nämlich eine alte Bauernregel, daß an jüdischen Feiertagen schönes Wetter sein mußte. Man rechnete damit und verlegte auf diese Tage das Herausnehmen der Kartoffeln und ähnliche Feldarbeiten, die schönes Wetter erforderten. Sollte der liebe Gott mit dem alten Herkommen plötzlieh brechen?... Aber der Himmel sah immer verdächtiger aus.... Gegen Mittag wurde das ״Sechach“ (grünes Reisig) gebracht,'Vater kletterte hinauf und streute es behutsam auf die Querbalken hin. Wir standen in der Sukkah und rissen die Köpfe hoch, um zu sehen, ob der Himmel hineinblickte, denn allzu dicht durfte die Decke nicht sein. Wenn nun schon die Decke gelegt war und das Ganze fertig dastawi und wir uns nach so viel Mühe und Arbeit so sehr auf den Abend freuten, so mußte Gott unbedingt ein Einsehen haben. Je näher der Abend heranrückte, um so gemütlicher sah in der Sukkah aus. Die Wände entlang wurden Bänke gezimmert, in der Mitte stand ein großer Tisch, ein Teppich bedeckte dessen rauhe dicke Bretter, und darüber streckte sich ein Miitenweißes Tischtuch. Das Innere gewann immer mehr sabbatliehes Aussehen. Ans obere Ende legt! Mutter die großen gefochtenen Sabbat-Brote und breitete ein weißes, gesticktes Tuch darüber, am entgegengesetzten Ende des Tisches tauchte der sechsarmige silberne Sabbat-Leuchter auf, in jedem Arm eine Kerze tragend und still den herabsinkenden Abend erwartend, um aufzuleuchten. Vom Himmel fiel kein Tröpfchen, obwohl der Horizont ganz von Wolken umhüllt war und von Zeit zu Zeit verdächtige Windstöße erwachten. Es dunkelte schon, als eine Anzahl Nachbarn sieh zum Gottesdienst einfand, ln der Sukkah flammten die Kerzen aut, auch unsere Melone sandte von der Decke ihr bescheidenes Flimmern herab. Wir waren indessen in der großen guten Stube versammelt, die in den Feiertagen als Betsaal diente. Der Gottesdienst begann. Klopfenden Herzens lauschte ich hinaus. Nur das Rasseln verspäteter Bauernfuhren war vernehmbar, es regnete offenbar nicht. Es wollte nicht regnen. Es durfte nicht regnen. Wenigstens heute nicht. Heute wird’» nicht regnen. Gott wird es nicht zulassen. Schon hat sich die ganze Gemeinde in das Gebet vertieft.., Es wird nicht regnen.,., Da — mitten in der stillen Schemoneh Esreh — läßt sich ein eigentümliches Rauschen vernehmen.,.. Ganz, wie wenn es regnet.... Ich halte den Atem an.... Das eigentümliche Rauschen hört nicht auf.,.. Regnet es wirklich? Es wagt zu regnen...« Doch, halt.... Es ist wieder tiefe Stille.... Es war mir eine Drohung, ein Versuch.... Ah.... Es ist wirklich still geworden. Der Gottesdienst ist zu Ende. Die anderen empfehlen sich und eilen davon.... In die Sukkah werden die silbernen Kidduschbecher und die goldig leuchtende bauchige Weinflasche hineingetragen, und der Vater ordnet an, daß alle Erwachsenen den Kiddusch zugleich rezitieren, damit wir rascher fertig würden.... Es droht doch eine Gefahr, ging es uns durch den Sinn. Doch es regte sich nichts.... Mit einer feierlichen, klangvollen Melodie ging der Kiddusch zu Ende.... Gepriesen sei, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns befohlen hast, zu sitzen in der Sukkah.... Da ... ein großer Tropfen fiel klatschend hinein und traf just eine Kerzcnflamme, die aufzuckte.... Das war nur so,.., Wir guckten alle in die Höhe, durch die Oeffnringen in der Decke wollte jedes von uns einen Stern oder zwei, drei wahrgenommen haben ־, abgerissene Wolken jagten einander, für eine Sekunde blickte sogar der Mond hindurüh, verhüllte aber sogleich sein Angesicht.... Dann fingen die Tropfen an, schnell hintereinander zu fallen. Wir saßen noch eine Weile da, lautlos, mit herabgelassenen Blicken. Dann würde der Tisch geräumt, die Lichter wurden hinausgetragen. Wir wandten uns ab und gingen langsamen Schrittes, wie beschämt und zögernd, hinaus. An der Schwelle wandte Ich mich noch einmal um und erfaßte mit wehmütig sehnsuchtsvollem Blick die Laubhütte, die dunkel und einsam dalag.... Gott hatte nicht gewollt, daß wir in der Sukkah saßen.... In dem geräumigen Speisezimmer strahlten die Lichter. In der Flasche funkelte der goldige Wein. Auf dem Tische dampften die köstlichen Speisen una verbreiteten einen würzigen Dürft. Aber wir saßen alle schweigend da, eine Fröhlichkeit wollte nicht aufkommen. Es war Festtag.... Gott aber wollte nicht, daß wir heute in der Sukkah saßen.... Er hatte unsere Mizwah verschmäht. Ein jüdischer Film (״Der Jazzaänger", Gloria-Palast, Berlin.) Wer unvorbereitet der Erstaufführung dieses Films im Gloria-Palast leiwohnte, mußte das vor Beginn des Films von dem Konzertmeister des Schmidt-Gentnerscnen Orchesters zum Vortrag gebrachte ״Kol-Nidre“ als zarte Aufmerksamkeit für das erschienene Premierenpublikum auffassen; später erst verstand man den Zusammenhang: Es handelt sich um einen jüdischen Film. Es ist möglich, daß dieser Film in Amerika dank der großen Popularität des Hauptdarstellers Al Jolson, des bekanntesten Neger-Imitators, dort beifällig aufgenommen wird, zumal er die ersten Tonbildeinlagen brachte. Der Kritiker hier muß jedoch feststellen, daß weder die Dar- Stellungskunst des im Mittelpunkt der Handlung stehenden Helden noch die seiner weiblichen Partnerin genügend Anziehungskraft ausübt, um über Längen und eine sehr störende starke Verwendung von Zwischentexten hinwegzuhelfen. Ueber den sogenannten jüdischen Inhalt zu referieren, fällt besonders schwer. Wir kennen diese Gegenüberstellung von alter und neuer Welt schon aus früheren amerikanischen Filmen, z. B. aus dem ״Meisterboxer״, ,,Väter und Söhne“ usw., und bedauern, daß der Regisseur nicht wenigstens die größten Geschmacklosigkeiten vermieden hat. Wenn z. B. der filmheld, der dreizehnjährige Sohn eines Kantors in der fünften Generation, der seinen Jungen wieder für diesen Beruf bestimmt hat, ausgerechnet kurz vor Kol-Nidre von einem würdigen Frommen des Ghettos in einer Kneipe beim Vortrag von Gassenhauern ertappt wird, so wirkt dies genau so grotesk, als wenn der wegen dieses Vergehens Verstoßene später als Arrivierter vor seinem Auftreten in einer Premiere von eben diesem Frommen fortgeholt wird, um an Stelle seines erkrankten Vaters den Jaum Kippur-Gottesdienst abzuhalten, weil sonst die Gemeinde zum ersten Male ohne Vorbeter sein würde und weil der Vater, der diesen Sohn verstoßen hat dadurch seine Gesundheit wiedererlangen könnte. Der Vater stirbt aber doch, und das Schlußbild zeigt die Mutter des Helden, die, wie alle jüdischen Mütter, natürlieh zu ihrem Sohn gehalten hat, mit dem würdigen Frommen als begeistertes Publikum bei seinem Auftreten in der Revue. Der sentimentale Inhalt und vor allem die durch das Orehester gut gespielten jüdischen Melodien dürften doch ein großes Publikum anlocken. B. F, ä