Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 74-75 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 536 JUEDrSCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75, 21. IX. 1028 Hamburger Jugendtreffen Vom 7. bis 9. September fand in Grande bei Friedrichsruh ein Fiihrcrlager der nationaljüdischen Jugend Hamburgs statt, an das sich an! Sonntag, dem 9. September, ein Treffen der nationaljüdischen Jugendbiinde anschloß. Das Führerlager hatte zwei Aufgaben: Es sollte einmal die Menschen, die für die Arbeit in und mit der Jugend verantwortlich sind, auf einige Tage zu gemeinsamem Leben, und damit zum gegenseitigen Kennenlerm n, zu gegenseitiger Aussprache rusammcnführcn, und zweitens sollte der Weg besprochen werden, den die nationaljüdische Jugend in der weiteren Arbeit, insbesondere in der des nächsten Winters, cinschlagcn soll. Der Sabbat kam ganz der ersten Aufgabe entgegen. Es fanden zahlreiche zwanglose Aussprachen statt, man unterhielt sich in kleinen Kreisen über die liberale Weltkonfercnz und den Agcncy-Bericht sowohl wie über die internen Fragen der einzelncn Bünde. Am Nachmittage des Sabbat versammelten sich die meisten Chawerim und Chaweroth um den Gast des Lagers, Dr. Max M a y e r, Berlin, der in hebräischer Sprache über die Psyche des ostjüdischen Schulkindes erzählte. Am Sabbat-Ausgang, nachdem die übrigen Teilnehmer eingetroffen waren, begann die eigentliche Führertagung, die von Heinrich Strauß abends 10 Uhr mit einem Referate über die bevorstehende Winterarbeit eröffnet wurde. Strauß entwickelte ein Programm, das zwar die innere Autonomie der Jugendbünde betonte und sicherstellen wollte, aber eine Einordnung der Jugendarbeit in die Gesamtarbeit der zionistischen Vereinigung verlangte. Drei Kurse sollten diesen Winter veranstaltet w׳erden, und die Vorarbeiten seien nahezu abgeschlossen. Ein Kurs unter dem Protektorate des Jung-Jüdischen Wanderbundes und der zionistisch-sozialistischen Gruppe über ״Zionismus und Sozialismus“, ein weiterer unter dem Protektorate der Zeire Misrachi über ״Zionismus und gesetzestreues Judentum“ und ein dritter unter dem Protektorate des K. J. V. über ״Zionismus und n a t i o n a 1 e r G e d a n k e“. Die Bünde müssen eine geschlossene Front sowohl nach innen wie nach außen bilden; nach innen, indem sie ihre Führer in einem Jugendring vereinen und in diesem Gremium die internen wie prinzipiellen Fragen der Organisationen und biindischen Erziehung diskutieren, nach außen, indem sie die Geschlossenheit, Aktivität und erzieherische Wirkung einer zionistischen Erziehung im Galuth zeigen und gemeinsam a!1 den Jugendfragen der Gemeinde im allgemeinen mitarbeiten. Es sei z. B. beschämend, daß die gesamte nationaljüdische Jugend Hamburgs sich zwar die Beschäftigung mit dem Sozialismus als Thema der Winterarbeit gewählt habe, bisher aber auf dem Gebiet der praktisch-sozialen Arbeit versage. Praxis müsse mit der Theorie einhergehen, zum mindesten ist es leicht, sich abstrakt mit den sozialen Problemen zu beschäftigen und an der täglichen sozialen Not vorüberzugehen. Der Referent nannte lokale Arbeitsgebiete, die er von aen Bünden durch Kurse vorbereiten lassen wollte. Eine wichtige Aufgabe der nationaljüdischen Jugend sei ferner die Arbeit des Landesausschusses der jüdischen Jugendverbände, es gelte, die Gemeinde mit jugendlichem Geiste zu erfüllen, um, in Hamburg, die primitivsten Forderungen einer Jugendunterstützung über den enggezogenen Kreis der Jugendpflege hinaus durchzusetzen. Eine größere Diskussion erfolgte nicht, da Dr. Strauß es absichtlich vermied, die grundsätzlichen Fragen zu berühren. Dies überließ er dem Referate Dr. Max Mayers am Sonntagmorgen. A,uf einer Wiese vor etwa hundert Führern und 1 Aelteren sprach Dr. Mayer über ״Zionistische Erziehu n g“. Der Referent ging von der bisherigen Arbeit und dem augenblicklichen Status der Jugendorganisationen aus. Es ist ihnen nicht gelungen, jüdische Menschen zu erziehen, abgesehen von einigen Ausnahmen. Unsere Erziehung muß den Mensehen jüdische Kulturinhalte vermitteln, Oaluthverneinung dürfe nur Galutheroberung heißen. Nur ein geringer Teil der Jugend, nur etwa 10 »b, ist überhaupt jüdisch erfaßt, und von diesem Teile bilden wir, die nationaljüdische Jugend, wieder nur einen geringen Prozentsatz. Wir müssen die andere Jugend gewinnen, wir müssen Expansionspolitik treiben. Hier taucht das Problem Extensität-Intensität auf. Die Bünde haben das Bestreben, sich gegenüber der Umwelt abzuschließen, innerer intensiver Arbeit zu leben — sie geraten aber dabei leicht in die Gefahr, eine Idylle zu schaffen, die die Entwicklung auf- und vorwärtsweisender Energien hemmt. Andererseits birgt jede Expansion die Gefahr einer Nivellierung auf das Minimum in sich, es fehlt die Zeit zur Vertiefung. Dr. Mayer glaubt, daß dieses Problem nur gelöst werden kann, wenn eine allgemeine Hebung des Niveaus erfolgt. Es gilt, die Menschen schon früh zu erfassen, ein in allen Einzelheiten ausgebautes Schulsystem zu schaffen, das den Schülern schon ganz früh die Werfe vermittelt, deren Aneignung den älteren Führern so schwer fällt. Dr. Mayer sprach dann über chaluzische Schnellcrzichung. Er glaubt an eine Erfassung dieser Menschen, an ihre zionistische und jüdische Erfülltheit, aber schon aus ökonomischen Gründen muß er sic als Normalform ablehnen. Hier setzte die Kritik eines Vertreters des J. J. W. B. (Arnold Tun es) ein, der die Forderung nach unbedingter Chaluziuth als Erziehungsmittel nicht aufgehen wollte. Eugen Michaelis (Zeire Misrachi) nahm eine vermittelnde Stellung ein. Das Ideal der Chaluziuth müsse weiter gespannt werden, gefordert müsse werden Einsatz der ganzen Persönlichkeit (Programm der Zeire Misrachi). Krönung sei die reine Chaluziuth, für die aber nur die Eignung, nicht die Aufgabe maßgebend sein dürfe. S c 11 e i 11 e r (Hcchaluz) war auch gegen die Ueberbetoming der Chaluziuth als Mittel der Erziehung. Erich Buch holz w׳andte sich gegen eine Unterscheidung; zionistische und chaluzische Erziehung, Chaluziuth sei nur die höchste Stufe des zionistischen Erfaßtseins. Ziel jeder Jugenderziehung müsse es selbstverstündlich bleiben, die Bereitschaft zu schaffen, selbst nach Erez- Israel hinüberzugehen. Im übrigen brachte die Diskussion nichts wesentliches. Um 1 Uhr wanderten die Teilnehmer an der Führertagung etwa 5 Kilometer nach Rothenbeck, wo inzwischen von den Jüngeren der Bünde ein Geländespiel durchgeführt worden war. Um 2 Uhr trafen die etwa 2׳.K> nigeiulliclien aut der Spielwiese ein. Sportliche Wettkämpfe und hebräisches Lied bildeten den Hauptteil des Treffens. Dieser Sonn!.״1״macln1ittag, insbesondere aber der gut organisierte Rückmarsch der!Dreihundert, der von Kadimah und Zeire Misrachi geleitet wurde, zeigte die Geschlossenheit und Stärke der nationaljüdischen Jugend Hamburgs. Eugen Michaelis, Hamburg. Preußischer Landesverband (A ni 11 i c 11.) Am 9. September d. J. fand unter dem Vorsitz des Herrn Prof. Dr. El bogen die erste Sitzung des Ausschusses zur Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler statt. Eine Reihe von Vertretern aus verschiedenen preußischen Provinzen war erschienen. Die eingehende Aus- Sprache ergab Einigkeit darüber, daß der Besitz an jüdischen Altertümern, Kultus- und Kunstdenkmälern von Gemeinden und Privatpersonen nach Möglichkeit erhalten werden muß. Es wurde beschlossen, die Arbeiten des Ausschusses zukünftig in engster Fühlungnahme mit dem Gesamtarchiv der deutschen Juden, der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmälcr in Frankfurt a. M. und den vorhandenen jüdischen Museen zu leisten. Der Ausschuß erklärte cs für erforderlieh, daß ein hauptamtlicher, fachmännisch vorgebildeter Bearbeiter in Berlin mit der Durchführung der Arbeiten betraut werde. Geplant ist die Herausgabe eines Handbuches, mit dessen Hilfe in Zukunft sachverständige Arbeit auf diesem Gebiet selbst in der kleinsten Gemeinde geleistet werden kann. Endlich wurde beschlossen, mit Hilfe des Verbandes jüdischer Lehrervereine in Preußen alsbald eine Liste aller in kleinen und aussterbenden Gemeinden vorhandenen Friedhöfe aufzustellen. * In diesen Tagen erschien eine neue Nummer des Verwaltungsblatts des Landesverbandes, worin u. a. der Entwurf einer Verfassung des Reichsverbandes der deutschen Juden abgedruckt und ferner der nunmehr dem Preußischen Kultusministerium vorliegende Entwurf eines Gesetzes, betreffend die jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen, abgedruckt sind. Des weiteren wird der Haushaltsplan des Landesverbandes für das Rechnungsjahr 1928/1929 veröffenilicht. Ausweis der Schekeleinsänse 5688 Abgeschlossen am 19. September 1928. Aachen 28 Ahlem — Ahlen — Ahrweiler — Alleiistein — Alsfeld — Altrip b. Mannh. 1 Arnstadt 2 Arnswalde — Aschaffenburg 8 Aschersleben 23 Augsburg — Baden-Baden 2 Bamberg 26 Bayreuth — Bergzabern 1 Berlin 2677 Bernburg — ßcuthen 150 Bielefeld Bochum 42 Bonn 12 Bottrop — Brandenburg Braunschweig- Wolfenbiittcl so Bremen Bremerhaven- — Geestemünde — Breslau S19 Buchau 5 Bunde (Ostfries land) — Bunzlau 8 Bütow 6 Cassel 50 Castrop _ Celle — Chemnitz 210 Coethen 44 Corbach־ — Cottbus 25 Darmstadt 17 Dessau 47 Detmold — Deufsch-Eylau — Dieburg — Dieckow (Mark) Dierdorf Dinslaken b. — Hamborn _ Dorndorf (Rhön) 1 - Dortmund — Dresden 101 Duisburg 40 Düren 27 Bad Dürkheim — Düsseldorf 76 Eisenach 5 Elberfeld 29 Elbing — Emden 15 Emmerich a. Rh. 4 Erfurt 102 Erlangen -T- Eschwege 12 Essen 85 Eydtkuhnen Fischach b. 16 Augsburg 4 Fischershof 10 Flehingen — Flieden 1 Frankfurt a. M. 317 Frankfurt a. O. — Freiberg (Sa.) _ Freiburg 3 Friedberg 40 Fulda — Fürth 3 Gailingen — Geilenkirchen — Gelsenkirchen — Georgsthal — Gera — ,Gießen 10 Gladbeck Glatz — Glciw itz 78 Glogau — Göppingen ..... Görlitz 32 Gotha 19 Gottesberg 3 Göttingen 6 Grevenbroich 2 Gr.-Strehlitz 10 Griisen b. Cassel 2 Guben 9 Gumbinnen — Günzenhausen 3 Cruttstadt 11 Haigerloch 6 Halberstadt 55 Halle 31 .Hamborn 25 Hamburg 30 Hameln 50 Hamm — Hanau — Hannover 72 Hattingen — Heidelberg 15 Heilbronn 3 Hcilsberg 3 Herford 4 Herne _ Hersfeld 2 Hervest-Dorsten 1 3 Hildburghausen 1 Hildesheim Hindenburg 38 Hirschberg — Homberg (Hess.) 3 Hoppstädten — Hörde — 1 lorst-Emscher Idar 3 Ilmenau 2 Insterburg 29 Jauer _ Jena 15 Jeßnitz 6 Jülich 20 Kaiserslautern ' — Kalkar — Karlsruhe 59 Kiel — Kissingen 6 Koburg — Kolberg 1 Köln 251 Königsberg 254 Königsheim — Konstanz 25 Krefeld 3 Kudowa 6 Landau (Pfalz) — Landeck 2 Landsberg a. W. 18 Lehe-Wesermünde — Leipzig 324 Liebstadt — Liegnitz 49 Limburg 10 Lötzen — Lübeck 1(» Lübbecke — Luckenwalde — Ltidwugshafen — Lüneburg 5 Magdeburg 78 Mainz 66 Mannheim 66 Marburg 25 Marienwerder — Mellrichstadt 6 Militsch 9 Minden — Mittweida 5 Mühlhausen 5 Mülheim München 99 M.-Gladbach 22 Münster _ Namslati _ Nauheim _ Neuenahr 5 Neumarkt (Pf.) — Neuß 5 Neuwied 2 Nordhausen 35 Nürnberg 251 Oberhausen 30 Oeynhausen 12 Offenbach Offenburg __ Oels 7 Oldenburg Oppeln 59 Osnabrück 60 Osterfeld Osterode _ Ottweilcr Pen zig 4 Pfarrkirchen Pforzheim 12 Pirmasens Pit sehen 8 Plauen 30 Pvritz Pyrmont Rastatt 10 Ratibor 51 Recklinghausen Rees _ Regensburg ........ Reichensachsen 2 Remscheid . Repzin __. Rodges 9 Rostock Saarbrücken 79 Salzbrunn Selters 2 Siegburg Soest Sondershausen 2 Suhl 5 Schivelbein 1 Schloppe 1 Schna'ttach Schneidemühl _ Schönlanke ___ Schötmar 1 Schwab. Hall Schwedt 4 Schweinfurt Stargard Staßfurt- — Leopoldshal 3 Stendal 10 Sterkrade Stettin 46 Stolp 20 Stuttgart Tauberbischofs- — heim Tiefenort 3 Tilsit Trachenberg Trier Ulm 1 Uerdingen Varel Verne ....._ Waldenburg 14 Waltershausen 6 Weikersheim 1 Weilheim Wertheim 1 Wetzlar Wiesbaden 125 Wilhelmshaven — Worms . Würzburg 10 Zirndorf ... Zwickau 83 Wir legen der zionistischen Oeffentlichkeit hiermit einen Ausweis der bisherigen Schekeleingänge vor, aus dem ohne Kommentar hervorgeht, wie diese wichtigste zionistische Arbeit bisher von unseren Ortsgruppen und Schekelvertrauensleuten vernachlässigt wurde. Die Exekutive hat uns gestattet, die Schekelsammlung für 5688 jetzt noch fortzusetzen. Wir rechnen mit Bestimmtheit damit, daß alle Gruppen und Schekelvertrauensleute erstens die inzwischen eingezogenen Schekalim unverzüglich an uns abführen und zweitens die Sammlung jetzt energisch aufnehmen werden, um mindestens die Schekelergebnisse des Vorjahres zu erreichen. Der nächste Schekelausweis wird am 5. Oktober erscheinen. Zionistisch« Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Meinekestr. 10. Postscheckkonto: Berlia 8091. Briefe an die Redaktion An die Anvcrs, den 17. September 1928. ״Jüdische Rundschau“ Berlin. Sehr geehrte Redaktion! Der ,,Jewisli Chronicle“ vom 31. August brachte einen Aufsatz von Herrn Jos. Cowen über die Araber-Frage in Palästina. Nachdem ich dort in der Nummer vom 14. September einige Bemerkungen dazu veröffentlicht habe, bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Artikel des Herrn Cowen zu gleicher Zeit, am 31. August, auch in der ״Jüdische Rundschau“ erschienen ist. Dürfte ich Sic bitten, auch mir die Gastfreundschaft Ihrer Kolonnen zu gewähren? Die Art und Weise, in welcher die arabische Frage seit zehn Jahren in unserer Bewegung behandelt wurde, beweist nur ״wieder einmal“, daß wir keine genügend festgesetzte, große Richtlinie in unserer Politik haben. So sehen wir auch von Zeit zu Zeit einen mehr oder weniger hervorragenden Zionisten Vorschläge bezüglich der Araber-Frage in die Oeffentlichkeit bringen, die w׳anrscheinlieh nie gemacht worden wären, wenn das Verantwortung«- gefühl in unseren Reihen stärker entwickelt wäre. Besonders habe ich die Anregungen betreffend einen bi-nationa!cn Staat und die Kampagne für die Organisierung einer bewaffnetcri jüdischen Verteidigung im Auge. Ein anderer Bew׳eis von viel ernsterem Charakter für das Fehlen der Richtlinie ist, daß ohne die Zustimmung und vielleicht auch ohne jede Meinungsäußerung seitens der Zionistischen Organisation der erste High Commissioner die Frage einer Volksvertretung in Palästina aufs Tapet brachte. Glücklicherweise haben die Araber seinerzeit den Vorschlag abgewiesen. Gewiß hat Herr Cowen recht, wenn er sagt: ״daß wir es vermeiden müssen, durch unser Verhalten den Eindruck hervorzurufen, daß wir durch unsere Ablehnung jeder Art öffentlieber Kontrolle durch die Bevölkerung, den britischen Beamten den Nacken steifen“, aber wir müssen nötigenfalls unseren Standpunkt in aller Offenheit vertreten und aufrecht halte!1. Ich betrachte es als durchaus verkehrt, daß w׳ir Zionisten es für unsere Pflicht halten sollten, in der Angelegenheit der Volksvertretung jetzt die Initiative zu ergreifen. Herr Cowen sagt ferner: ״Die Araber und die Juden müssen in Palästina zusammen leben und es gibt nur einen Weg. indem wir Freunde sind.“ Kein vernünftiger Mensch kann diese Anschauung bekämpfen. Es ist dies die allgemeine Forderung, die überall durch jeden gesunden Politiker gestellt wird. Und doch ist das Leben so geartet, daß dieses höchste Prinzip oft durch die Wirklichkeit umgestoßen wird. Um wahren Frieden zu haben, genügt es nicht ihn zu dekretieren. Frieden ist eine Frage von Mentalität und Stimmung. Mit Recht weist Herr Cowen im ״Jewish Chronicle“ auf die bestehenden unbefriedigenden Zustände in Palästina hin und kritisiert nicht nur das Verhalten der Araber gegen uns, sondern auch das unserer jüdischen Freunde in Palästina gegenüber den Arabern. Herr Cowen schreibt: ״Als Demokrat vermesse er sich zu glauben, daß eine Kontrolle durch die Bevölkerung, so unbefriedigend sie sein mag, auf die Dauer besser ist als eine automatische oder bürokratische, da alle Länder rings um Palästina bereits eine Art Volksvertretung haben.“ Es liegt mir fern, hier die Politik der Großmächte anzugreifen, aber wenn man die Lage in -den Ländern von Nord-Afrika und sonst um das Mittelmeer herum untersucht, so wird man־,‘ glaube ich, so manches finden, das vom Standpunkte der Demokratie zu tadeln wäre. Es ist mehr als zweifelhaft, ob Palästina in seinem jetzigen Zustande genügend fortgeschritten ist, um einen Beginn von Selbstvertretung zu bekommen. Und wenn ich diese Meinung zu äußern wage, so denke ich keineswegs an etwaige Unfähigkeit der Araber, sondern an die herrschenden Zustände in Palästina. Es ist wahr, daß wir Juden geborene Demokraten und Liberale sind, aber es ist dies ein Charakteristikum unseres Volkes, daß wir zumeist für andere Demokraten sind. Wir haben gezeigt, welcher Opfer, welcher Selbstlosigkeit wir im Kampfe für Demokratie und Menschlichkeit fähig sind, aber innerhalb des Judentums ändert sich das Bild. Wir haben jüdische Institutionen von der größten Wichtigkeit, wo keine Spur von Demokratie zu entdecken ist, und selbst in unserer Zionistischen Organisation, die auf demokratischen Prinzipien aufgebaut ist, bleibt in dieser Richtung noch viel zu wünschen übrig. Unsere Politik ist in dieser historischen Epoche in einer autokratischen und bürokratischen Manier geführt worden. Was nun die Frage irgendeiner Form von Volksvertretung in Palästina betrifft, so gibt cs einen Punkt von vitaler Bedeutung. Vorher muß durch alle Beteiligten da• Prinzip ehrlich und ohne Umschweife an erkannt werden, daß der Jude auf Grund seines unbestrittenen historischen Rechtes nach Palästina zurückkehrt. Die Araber haben bis jetzt bei jeder Gelegenheit gegen die Baifour-Deklaration protestiert. Solange dieser Zustand dauert, können wir uns der Uebermacht der Araber nicht ausliefern, indem wir ihnen beispielsweise die Möglichkeit geben, vor uns die Tore des Landes zu versperren. Ich habe nicht den mindesten Zweifel, daß wir durch eine tatsächliche und andauernde FriedenspoliHkunddurchFreundschaftsverhältnisdic Araber überzeugen werden, daß ihre Auerkennung unseres Rechtes ihnen nicht den mindesten Schaden bringen wird. Es gibt noch andere Stellen, wo dieses jüdische Recht noch sehr weit davon entfernt ist anerkannt zu sein, — ich meine manche jüdische Kreise! Auch hier ist es eine Frage von Mentalität. Dreißig Jahre moderner Zionismus und fünfzig Jahre Palästina-Arbeit haben nicht genügt, die Verheerungen vvettzumachen, die 2000 Jahre Galuth in der jüdischen Seele angerichtet haben. Die Araber haben keine Verpflichtung, auf die jüdische Entwicklung zu warten, aber wir haben Veranlassung, uns zu beeilen. In Anbetracht der politischen Basis, wie sie uns durch die Baifour-Deklaration una das Mandat gegeben ist, wo manche Punkte mit Absicht unbestimmt gelassen sind, ist der politische Status von Palästina in der nächsten Zukunft der Entwicklung überlassen. Wie so viele andere Zionisten wünsche ich, daß die Entwicklung rasch vor sich gehen möge. Wir müssen alles Mögliche anwenden, ihren Fortschritt zu begünstigen, aber jetzt haben wir noch nicht die unerläßlichen Garantien, die uns die Beruhigung verschaffen können, irgendeiner definitiven Form von Volks- Vertretung mit Verwaltungsrechten näherzutreten. Wir haben zuzusehen, daß die Mandatarmacht in Uebereinstimmung mit ihrer übernommenen Verpflichtung handelt, d. h., ״daß sie ihr Bestes an wendet, um die Errichtung eines jüdisch-nationalen Heimes in Palästina für das jüdische Volk zu erleicht e r n.“ Mit aufrichtigem Dank für Ihre Bereitwilligkeit und den freundlichsten Grüßen Hochachtungsvoll Jean Fischer.