Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 74-75 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 534 JUEDISCHE $Wb“SCHAU Nr. 74/75, 21. IX. 1928 der Wissenschaft keine Ethik ableiten kann, es einmal abgelehnt, dies aus der scinigen zu tun (״Vorlesungen“ S. 459). Die ״wissenschaftlichen“, besser gesagt ״Verstandes• mäßigen“ Argumente Freud's gegen die Religion sind zudem, wie gesagt, nicht neu, sondern längst veraltet. Man kann natürlich zum Nachweis dieser Behauptung zumindest bis zu den Enzyklopädisten zurückgehen. Das sind gut 180 Jahre, oder auf den von Feuerbach ausgehenden Matcrialismiis, den Freud in seiner Jugend sicher selbst noch kennengelernt hat. Die Ableitung der Religiosität aus dem Bedürfnis der Menschheit nach Trost (S. 21) nach Personifizierung der in unserem Schicksal wirkenden Kräfte, um sodann den selbstgeschaffenen Gott irgendwie zu beeinflussen, ferner aus der Hilflosigkeit des Menschen (Analogie zum Kinde, Vatersehn־ sucht) usvv. — diese Art der Argumentation ist genau dieselbe, welche schon 1848 Feuerbach anstellte, der übrigens gleichfalls die Religion als ״Illusion“ bezeichnete. All das findet sich natürlich mehr oder weniger scharf schon bei den Enzyklopädisten. Der berühmte Feind Gottes, Holbach, sagte schon 1770 in seinem Systeme de la naturc“, daß Unwissen־ heit und Furcht die Götter geschaffen haben. Auch er spricht schon von der ״Kindheit des Menschengeschlechtes“. Freud verwendet mitunter Argumente, die nicht auf dem Niveau seiner geistigen Größe stehen, was ein Zeichen einer gewissen Unsicherheit ist. So fragt er z. B. warum wir etwas deshalb glauben sollen, weil ein anderer es geglaubt habe. Allerdings will er zu dem ״Wahrheitswert der religiösen Lehren nicht Stellung nehmen“, aber er fragt, wieso gerade unseren armen, unwissenden, unreifen Vorvätern die Lösung der schwierigen Welträtsel geglückt sein sollte (S. 53). ״Unwissend“ — darin drückt sich wieder die Kompetenziiberschreitung des Wissenschaftlers aus. Gewiß haben Moses, Jesaias, Plato, Paulus usvv. nichts von drahtloser Telegraphie gewußt, sie waren herzlich ״unwissend“, aber sie waren religiöse Genies, wie sie infolge des Ucberwucherns des wissenschaftlichen, d. h: notgedrungen kritischen und skeptischen Geistes in unserer Zeit seltener werden. Doch kann man nicht einmal behaupten, daß es im modernen Zeitalter der Wissenschaft keine großen Religiösen gäbe und gegeben habe. Man denke an Kierkegaard, Dostojewski, Tolstoi, tim nur die allbekanntesten Namen zu nennen. Gewiß ist die Anziehungskraft der Religion — vielleicht nicht zuletzt wegen der völlig Irreligiosität der meisten Religions- Verwalter — gegen frühere Zeiten viel geringer geworden — aber das beweist doch nichts gegen die Religion! Es beweist nur, daß das elementare religiöse Bedürfnis schwächer geworden ist, die Folge ist aber keine Verschönerung der Welt, sondern ein Zunehmen der Seelenlosigkeit, Veräußerlichung, des nüchternen Rationalismus usw., und als Reaktion ein Drang nach Religionsersatz — Anthroposophie, Theosophie, Okkultismus usw. Im übrigen kann man gar nicht wissen, ob tatsächlich die religiöse Grundfärbung bei den Menschen von heute schwächer geworden ist. Denn die Unbedingtheit und Opferfreudigkeit des menschlichen Tuns, die als ״religiös“ bezeichnet werden müssen, erweist der Mensch heute auf anderen Gebieten, bei nationalen, sozialen Kämpfen usw., ohne zu wissen, daß dies ״Alles oder nichts“ eine — religiöse Grundhaltung zu Welt und Leben bedeutet. Freud verlangt auf Grund der Problematik aller Religion eine ״religionslose Erziehung“. Soweit damit die Schule gemeint ist, so ist diese Forderung durchaus nicht eine bloß freidenkerische, sondern vielfach wird von Religiösen selbst der Unterricht der Religion in der Schule verworfen, ln Amerika, Italien usw. und was für uns am wichtigsten ist, in den modernen Anstalten Palästinas wird ״Religion“ nicht unterrichtet. Was aber die häusliche Erziehung betrifft, so wird ein religiöses Eiternpaar sicher immer seine Kinder religiös erziehen. Wenn, wie erwähnt, vielfach religiöse Menschen den ״Unterricht“ in Religion in der Schule verwerfen, so geschieht dies meist deshalb, weil ein solcher fast immer ein negatives Resultat hat und in den Kindern das in ihnen schlummernde religiöse Gefühl nicht nur nicht weckt, sondern meist erstickt. Zusammenfassend kann man sagen: Die rationalistischen Argumente Freuds gegen die Religion sind sehr alte und nicht überzeugend, seine Vorschläge betreffs der ״religionslosen“ Erziehung rennen —• sofern die Schule gemeint ist — offene Türen ein, seine psychoanalytische Methode hat im Bereich des Genetischen und Psychologischen, wie bekannt und schon eingangs erwähnt, große Resultate gezeitigt. Will er sie nun aber auch auf Wesen und Wert der Religion anwenden, so ist sie ein untaugliches Mittel dazu. Es ist vielleicht gut, zum Schlüsse eines Mannes zu gedenken, der — lang vergessen — einer der bedeutendsten Kulturforscher war, Bachofen’s, des Entdeckers des ״Mutterrechtes“ in der Urgeschichte der Menschheit, weil man ihn, der als erster die durchschlagende Rolle der Geschlechtlichkeit für die Kulturentwicklung erkannt hat, als Vorläufer Freuds und unverdächtigen Zeugen anrufen kann. Vor 70 Jahren erklärte er die Religion als den ״einzig mächtigen Hebel aller Zivilisation“ (״Mutterrecht“ 1861, Vorrede) und wendet sich dagegen, daß die edelsten Erscheinungen der Ge- *chichte auf die niedrigsten Motive zurückgeführt werden, namentlich die Religion, deren Höchstes, die Richtung auf das Uebernatürliche ״in Zusammenhang mit den tiefsten Bedürfnissen der menschlichen Seele steh t“. Zeitschriften schan Das soeben erschienene Auguslhefl der ״Monatsschrift für Geschichle und Wissenschaft des Judentums‘1 zeichnet sich wieder’*׳ durch reichhaltigen Inhalt aus. L. Lew in gibt einen Ueberblick über ]Neuerscheinungen, die Geschichte der Juden im Osten betreffend, S. S c 11 11 1 s 0 h n führt seine Geschichle der Juden in der Bukowina zu Ende, F. Friedman n bespricht ein besonders interessantes Kapitel aus dem Emanzipationskampf der polnischen Juden, V. A p t o vv i t z 0 r s Nachweis der Lehre, daß die Welt aus einem Urlicht geschaffen worden ist, und A. Marmorsteins Behandlung volkslümlicher Bräuche im rnischmschen Schrifttum erläutern die jüdische Gedankenwelt in sehr lehrreicher Weise aus weit verbreiteten Vorstellungen umwohnender Völker. Archivdirektor Lövinson-Pama zeigt aus ungedruckten Urkünden, mit welch seltsamen Mitteln die Kirche bestrebt war, den Kreis der Täuflinge zu erweitern. II. M. Wiener setzt seine Auseinandcrsclzung mit der neueren Bibelforschung fort, indem er den W echsel der Gottesnamcn in der Thora einer eingehenden Tntersuchung unterzieht. Man bezieht die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von io M. an diese Gesellschaft (,Postscheckkonto Paul Veit Simon, Berlin 7080) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgezählt sind. Versöhnungsfest Von Oskar Baum. Ein windslillcs sonniges Fruhncntsiwetter trug erheblich zu der feierlichen Stimmung bei, die am heiligen Versöhnungstag über Groß-Podscheiitz lag. ״No ja, die Juden haben Glück!“ sagten die Leute am Markt und in den Kaufläden. Sie waren heute alle verdrießlich wegen des schlechten Geschäftsgangs. Am Ringp’atz und in allen Straßen fielen die geschlossenen Läden aut und von ihnen schien die festliche Ruhe auszugehen, die in dieser größtenteils Christliehen Stadt heute unverkennbar vorherrschte. Mit scheuer Ehrerbietung grüßte man die schwarzgekleideten Herren im Zylinder, die ihre Frauen im Seidenkleid zur Synagoge führten. Die großen Gebetbücher, in Zeitungspapier gewickelt, trug jeder in der Hand. Mit anerkennender Hochschätzung besprachen viele, an denen sie vorbeikamen, die weihevolle Frömmigkeit. Sie rechneten es hoch an, daß auch die Aermsten den Verdienst dieses Wochenmarkttags so ohne weiteres fahren ließen, wo doch die Gefahr so groß war, daß die Konkurrenz ihnen manche Kundschaff dauernd wegfische. Lebhaft und angeregt ging es vor detn kleinen Tempel zu, der auf einem weiten freien Platz stand, umgeben von gepflegten TEMPEL-SPENDEN ZU GUNSTEN DES KEREN KAJEMETH1 4 * ZT, 1 Anlagen, die sich auf einem, wie eine alte unbewiesene Sage erzählte, ehemaligen Friedhofe erhoben. Das große runde Tor stand auf und der Tempcldiener in einem alten knappen Salonrock davor mit einem weitrandigen glanzlosen Zy'inder, um alle Unberufenen fernzuhalten. Der breite Park um den Tempel her war voll von Kindern, die mit gedämpfter Lustigkeit hin- und herliefen und miteinander spielten. Wenn eines zu ausgelassen war, erinnerten es die anderen mit ״Pst!!“ daran, welcher Tag und welcher Ort dies war, ,Jwji^hen den spielenden Kindern״ die sich meist am Wegrand hielten, gingen dre jungen Mädchen in lichten neuen Kleidern Arm in Arm in Reihen oder Gruppen spazieren, mit Gewürznelken besteckte Aepfel, Orangen oder Zitronen in den Händen, deren Duft sie über den Hunger hinwegtrösten sollte. Von Zeit zu Zeit kamen Leute aus der Synagoge, um nach ihren Kindern zu sehen oder um frische Luft zu schöpfen. Drin war es heiß. Der Tempe: war überfüllt; aus den umliegenden Ortschaften kamen viee herbei und vermehrten die Gemeinde. Jeder kannte seinen Sitznachbar, da die Familien ihre Sitze schon seit Menschengedenlen innehatten. Wenn der eine zu spät kam, ließ er sich von einem andern sagen, wo der Kantor hielt, und die Stelle im Gebetbuch aufblättern, indes er sich den Gebctmantel um die Schultern legte. Gemeinsam kritisierten sie auf dem Heimweg die Rede des Rabbiners, tauschten die Meinungen über die Beträge aus, die die Wohlhabenden für die Armen gespendet hatten, wenn sie zur Thora gerufen wurden, und schimpften zusammen über die jungen Leute, die im Tempel schwätzten. Aber beim Gottesd'enst saßen sic ernst über ihre Gebetbücher gebeugt und mit einem l ispeln flogen die Lippen und sie befeuchteten sich immer die Fingerspitzen vor dem Umblättern. Um sie her tönte der begeisterte Gesang des Kantors, der bald leise, fast weinend vor Innigkeit, dann beschwörend brünstig oder milde tröstend zu den fe'erliehen Akkorden der Chorbegleitung, die an seine Stimme geschmiegt auf- und abschwellend von der Galerie hinabschwebte. Und immer wieder und wieder unterbrach die flehenden, die dankenden Rezitationen voll jauchzender Freude und Siegesbewtißtsein das schmetternde ״Schema!!“. Die Gemeinde begleitete den Gesang mit Summen und Murmeln, das sich je nach Wichtigkeit und Melodie des Gebets hob und senkte. Greise wackelten in besonderem Eifer mit Kopt und Oberkörper und rezitierten ihre Gebete im eigenen Singsang, der ganz anders war als die Melodien des Kantors, an uralte ferne Zeit gemahnend, und es beirrte sie die laute stolze Baritonarie des Kantors nicht, oft nicht einmal der Chor. Wie wäre es auch möglich gewesen? Diese Melodien waren ja mit dem Gebet verwachsen, waren das Gebet für die Greise. Was da die Vorbeter und Kantoren arrangierten und komponierten, war vielleicht ein gutes Konzert, nein, das Gebet war so. Und sie zogen ihren beweglichen ״N'iggen“ mehr durch die Nasen als durch den Mund, legten oft mehrere Töne lang ihre ganze Seele in ein ״N“ oder ״M“. Und sie verschluckten die Vokale, wiederholten Silben, solange die Melodie reichte. Und vielen stieg im Rausch der Rührung das Wasser in die Augen. Dachte vielleicht einer an die schauerlichen Bluttaten und Martyrien, die die Entstehung und Wirkung der bedeutendsten unter den frommen Gedichten umschwebt? An den Rabbi etwa, der nicht gehorchte, als ihn der König am Versöhnungstag zu sich rufen ließ und zu dem die Henker in die Synagoge kamen, um ihm die ungehorsamen Füße abzuhacken und der sich dann mit den blutenden Stümpfen vor die Thora tragen ließ und laut zu Gott betete und ihn pries: ״Unesane tokef!“ und alle Leute sangen weinend mit und merkten sich die Worte, und als er die letzte Silbe gesungen hatte, war auch das Blut des Rabbi verströmt und sein Kopt sank stumm neben den Altar. Nachmittags um zwei begann die Pause, die bis um vier Uhr zu dauern hatte; aber die wenigsten von den älteren Männern und Frauen verließen den Tempel. ״Wie Ich an die Luft komme, habe ich Hunger“, pflegten die meisten zu sagen und einige von den Aeltesten begriffen nicht, wozu inan die bewährte alte Einrichtung abgeschafft hatte, die Gebete den Tag über nicht enden zu lassen, wie noch heute in den Gemeinden des Ostens. In der Pause kamen die Töchter und die Söhne zu ihren Eltern, die plaudernd auf ihren Plätzen saßen, brachten ihnen Blumen und wünschten, man möge sich alles Gute ausgebetet haben und weiter gut fasten. Man beteuerte sich gegenseitig, man fühle gar nicht, daß man faste und stattete dann gemeinsam bei den Plätzen der Bekannten und Verwandten in den verschieden«! Sitzreihen Besuche ab. An-sky als Vorbeter Eine Jomkippur-Erinnerung von Leib Jaffe. Der Direktor des Keren Hajessod stellt uns die folgende Erinnerung aus der Zeit der russischen Revolution zur Verfügung. Mit großen Schwierigkeiten haben wir die Erlaubnis erhalten, Moskau zu verlassen. Es war nach dem Attentat auf Lenin. Eine junge Jüdin, Dora Kaplan, hatte auf Lenin geschossen. Sie wurde erschossen. Der rote Terror begann. Die Artikel der Zeitungen und die Resolutionen der Arbeiterver- Sammlungen forderten Rache, die Vertilgung der Bourgeoisie und der Konterrevolutionäre. Hunderte von Menschen wurden in Petrograd und in Moskau getötet. Unheimlich und schreckenerregend war es um uns. Nach Mitternacht hörten wir in den Straßen Moskaus Schüsse. An den Mauern der vielen Gefängnisse in den verschiedenen Teilen der Stadt wurden die Mensehen hingerichtet, die durch die Tscheka verhaftet worden waren. Viele Sozialisten und Sozialrevolutionäre, die in den Augen der Bolschewisten die gefährlichsten Feinde waren, wurden erschossen. Die ganze Sozialrevolutionäre Partei wurde für vogelfrei erklärt, ln dem Trubel jener Tage begegneten wir auf dem Smolenski-Markt Pinkas Ruthenberg umherirrend. Er suchte die Möglichkeit, aus der Stadt zu entrinnen. Die Bolschewisten betrachteten ihn, den Sozialrevolutionär, als ihren gefährlichsten Gegner. Wir verließen Moskau in den Viehwaggons des Zuges, in dem man die litauischen Flüchtlinge laut dem Brestlitowsker Vertrag in ihre Heimat, in das deutsche Okkupationsgebiet, zurückschickte. Die Wagen, die für Vieh oder Fracht bestimmt waren, waren kalt, ohne Oefen. An Stelle der Fenster kleine Oeffnungen mit Holzläden. Wir lagen auf Holzpritschen oder auf unserem Gepäck. Die Juden sammelten sich in besonderen Wagen. Kurz vor der Abfahrt bemerkte ich auf dem Perron J. An-sky. Er ging an mir vorbei und flüsterte mir zu: ״Mein Name ist Rappaport“. Ich verstand, daß er vor den Bolschewisten floh und niemand seinen literarischen Namen, unter dem er bekannt war, wissen durfte. Einige Zeit vorher hatte ich ihn selbst seinen ״Dybuk“ in russischer Sprache vorlesen gehört. Für ihn war die Situation besonders gefährlieh. Er war ein angesehener Mitglied der Sozialrevolutionären Partei, Mitglied der russischen Gründungsversammlung und der Petrograder Stadtverwaltung, wo er scharf gegen die Boisehewisten gekämpft hatte. Bis zur Grenze wußte niemand, wer dieser alte Mann ist, mit der grauen Löwenmähne, dem charaktervollen, edlen, innerlieh durchleuchteten Gesicht. Schnell hatte er die Zuneigung seiner Nachbarn gewonnen, besonders die Liebe der Kinder. Er erzählte Legenden und Anekdoten und wurde bald die zentrale Figur dieser Umgebung. Alle fühlten, daß ein ungewohnlicher Mensch in ihrer Mitte ist, und man wollte von uns wissen, wer er ist. Wir fuhren aus Moskau am Erew Jomkippur ab. Als es zu dämmern begann, gingen wir an einer Station in den Wagen, in dem sich An-sky befand. Wir wurden eingeladen, mit den Reisenden dieses Wagens das Kol-Nidre-Gebet zu verrichten. Es war ein kalter, trüber Herbstabend, die Fensterläden geichlossto. Ein schweres» drückendes Abenddunkel umhüllte uifis. Der upaüfhörMph, monoton trojjfehdej ״ ffle Seele ‘ertnSdÄIe Regen klopfte an Wände und Dach.... Eine lastende Trauer krampfte unsere Herzen zusammen. Aus Kisten und Brettern hat man einen Gebetständer errichtet. Man deckte eine Decke darüber, zündete Kerzen an, deren blasses Licht die Dunkelheit zerriß und die umherirrenden Schatten in den Winkeln des Raumes noch mehr verdichtete. An-sky wickelte sich in einen vom vielen Tragen zerfaserten, geflickten Talles und begann Kol-Nidre in der Melodie eines alten ״Baal-Tefille“ zu singen, wie man sie noch in den kleinen entlegenen Städtchen findet. Wir alle standen an seiner Seite. Auch die Frauen und Kinder verließen ihre Pritschen und sammelten sich um ihn. Erregt und erschüttert hörten wir seinem Gebet zu und wiederholten es. 1 Seine Stimme war etwas heiser, die Melodie nicht gelungen, vielleicht war auch sein Hebräisch fehlerhaft — aber nie in meinem Leben habe ich ein solches Gebet gehört, durchdrungen von der verhaltenen Trauer eines Einsamen, eines Wanderers; Gefühl einer Seele, die in Schmerz vergeht, sich sehnt und — betet, — wie dieses Gebet an diesem Erew Jomkippur, in den unendlichen Steppen Rußlands, in dem finsteren Wagen, in den man uns wie in einen Sarg eingeschlossen hatte, beim dunkeln flimmernden Schein der Kerzen, unter dem Klagen de• Windes und dem monotonen, quälenden Klopfen des Regens. Es war merkwürdig, An-sky in der Rolle eines ״Baal- Tefille“ zu sehen, ihn, einen der Gründer der russischen Partei ״Volkswille“, der zu den Bauern gegangen ist, um ihre Kinder zu lehren und zu erziehen, den treuen Sekretär des Sozialistenführers Peter Lawrow und das Mitglied der russischen Gründungsversammlung, in die er als Vertreter der Bauern aus einem Gouvernement im Innern Rußlands geschickt wurde. Und noch jetzt steht dieser Abend vor mir in allen seinen Einzelheiten — in den Steppen Rußlands, im dunkeln Wagen' mit den Pritschen und Säcken, mit den Menschen, gespenstisch beleuchtet von dem züngelnden Licht der Kerzen. Und vor mir steht An-sky, hochgewachsen und mager, mit einem Gesicht, durchleuchtet von dem heiligen Feuer, dem Feuer der Ekstase, und ich höre seine traurige Stimme, die er, durch alle seine Wanderungen, aus dem kleinen jüdischen Städtchen seiner Geburt, aus der chassidischen Welt gerettet hat. Das Gebet war für mich wie ein Symbol des Lebens dieses Mannes. Henri Temienka. Man merke sich den Namen dieses jungen jüdischen Geigers. Es ist ehrliche, vorerst bedeutend technische Kunst, die er bietet, aber ohne Artistik. Der Geist folgt nicht ganz mit, der Rhythmus ist nicht straff genug, aber was tut das! Dio Ausbildung ist 50 gut. daß man vor seinem Lehrinstitut in Philadelphia allen Respekt bekommt. Schon heute fühlen alle seine Kollegen, die sich bereits Namen erworben haben: hier ist einer, der uns mit seiner fabelhaft leichten Linken eine gefährliche Konkurrenz bereiten wird. Bruno Eisncr übersprudelte mit seiner Kunst den jungen Techniker, aber gerade hier merkte man, welch ein natürlicher Musiker in Temienka steckt. Sonst begleitete musterhaft, wie immer Liachowiky. — Uebrigens: wie viele jüdische Musiker-Nerven an einem solchen Abend über Leben und Tod hinaus mitschwingen: Mendelssohn- Barlholdy, Saint-Saens, (Händel) Flcsch, Wieniawski, — so ziemlich das ganze Programm hindurch. A, N.