Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 74-75 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 74/75, 21. IX. 1928 JU EDI SCH E RUNDSCHAU Sehe 583 Probleme der Religion Die Sdiediina Eine religioiugeschichtllche Studie Von Dr. S. H. Horodetzky, Berlin. Nachdem Gott aus seiner Vereinzelung hervorgetreten war und die Welt samt allen ihren Geschöpfen ins Dasein gerufen hatte, offenbarte er sich von Zeit zu Zeit den Menschen, sei es in äußerlich sichtbarer Erscheinung, sei es innerhalb seines Schöpfungswerkes. Diese Offenbarung der Gottheit erfolgte nach den Begriffen der alten Hebräer niemals als Manifestation des wahren, göttlichen Wesens, sondern in verschiedenen Spiegelbildern und eigentümlichen Gestaltungen. Gott ist im Sinne der Bibel und des jüdischen apokalyptischen Schrifttums einzig und Einer seinem Wesen nach, doch gar manigfaltig in seinen Erscheinungsformen. Den alten Hebräern stellte er sich in seiner Offenbarung als Windhauch, Feuerflamme, Engel, Mann, Herrlichkeit, Weisheit usw. dar. Ja, den Propheten — [esaia, Ezechiel, Daniel — erschien Gott geradezu in menschlicher Gestalt. Diesem mystischen Gedanken gaben die Weisen des Mi* drasch bei ihrer Schilderung der verschiedenen Offcnbarungsakte, deren die Israeliten gewürdigt worden waren, folgendermaßen Ausdruck: ״Gottes Erscheinung trat jedem besonderen Umstande und jedem Zeitpunkte gemäß zutage: auf dem Schilfmeere offenbarte er sich ihnen als siegreicher Feldherr, auf dem Sinai als ein Schriftgelehrter, der seine Jünger in der Thora unterweist, in den Tagen des Königs Salomo nach Maßgabe Ihrer Taten: ,,seine Gestalt wie der Libanon, ein Jüngling, ragend wie eine Zeder“ (Hohes Lied 5, 15), in den Tagen Daniels aber als greiser Lehrer“. Damit nun nicht der Irrglaube an viele Gottheiten in ihnen entstehe, ״sprach der Fleilige, gelobt sei er, zu ihnen: Obwohl ihr alle diese Gestalten seht — ich bin der Ewige, dein Gott! Ich bin auf dem Sinai derselbe, der ich auf dem Schilfmecre war.“1) Einer ganz eigenartigen göttlichen Erscheinungsform begegnen wir in späterer Zeit, im Talmud, im Midrasch und in den aramäischen Bibelübersetzungen: Gott in der Gestalt eines weiblichen Wesens ~ die Schechina. Die Schechina ist nach der Auffassung der Urheber dieser Schriftwerke Gott selber. Sie ist keine von Gottes Persönlichkeit gesonderte Substanz. Wenn Gott sich den Menschen kund gibt, sei es in äußerlich sichtbarer Erscheinung oder innerhalb der Schöpfung, so erfolgt diese Offenbarung in der Erscheinungsform eines göttlichen Weibes. Diese Gottheit wirkt und schafft nicht wie die durch das targumische ״Memrä“ (Logos) wiedergegebene Offenbarungsform, sondern sie ruht und ist gegenwärtig innerhalb der Schöpfung und im Kreise der Mensehen. Durch ihre Erscheinung kündet sie die Gegenwart Gottes. Die älteste Quelle für diese Erscheinungsweise der Gottheit finden wir in den Texten der ersten Mischna und im Targum Onkelos. Später ist die gesamte Talmud- und Midraschliteratur ganz erfüllt von dieser Form göttlicher Offenbarung. Im Sinne dieser Quellenschriften offenbarte sich die Schechina gleich zu Beginn des Schöpfungswerks. ״Von Anbeginn der Er- Schaffung der Welt ruhte die Schechina unter den niederen Wesen.“ Der Schöpfung selber wohnte sie »ne und wachte in* %sorgH<»e. Mutte#,die. ,neue» Geschöpfe/.. Alsbald jedoch sündigte der Mensch und die gesamte Schöpfung fiel mit ihm der Sünde anheim, das Geschöpf lehnte sich wider seinen Schöpfer auf und versagte Gott den schuldigen Gehörsam. Da wurde der Schechina der Raum innerhalb der Schöpfung zu enge, und sie entschwebte der irdischen Welt: ״Als Adam sündigte, wurde die Schechina in den ersten Himmelsraum entrückt; als Kain sündigte, zog sie sich weiter in den zweiten Himmel zurück; durch die Schuld des Geschlechtes Enosch hob sie sich in den dritten Himmel empor; das Zeitalter der Sintflut bewirkte ihre Flucht in den vierten Himmel; die Sünde des babylonischen Turmbaues ließ sie in den fünften Himmel emporsteigen; um der Greuel der Sodomiter willen entschwand sie in den sechsten Himmel, und die Untaten der Aegypter zur Zeit Abrahams veranlaßten ihre Entfernung in den siebenten Himmelsraum.“2 * 4) Gleichwohl verließ die Schechina die Schöpfung nicht ganzlieh. Von Zeit zu Zeit erschien sie den einzelnen auserlesenen Frommen; sie offenbarte sich Abraham, Isaak und Jakob, zog mit Josef nach Aegypten, erschien Moses im Dornbusch und redete mit ihm ״von Angesicht zu Angesicht“; ließ sich auf den Berg Sinai herab und verkündete die zehn Gebote; Nadab und Abihu ergötzten sich an ihrer Herrlichkeit.5) Israel empfing am Sinai die Thora und damit ״schwand die Befleckung durch die urzeitliche Schlange“. 'Die erste Sünde des Menschen hatte ihre Sühne gefunden, und die Schöpfung erlangte ihre ursprüngliche Reinheit und Heiligkkeit wieder. Nunmehr ließ sich die Schechina von neuem zu den Menschen herab, um unter ihnen zu thronen, und ״sie ruht auf jedem einzelnen Menschen, denn so heißt es: Der Ewige, Dein Gott, wandelt in der Mitte deines Lagers“ (Deut. 23, 15). Gar bald aber versank Israel durch die Anbetung des goldenen Kalbes wieder in schwere Schuld, und ״die Schechina entschwebte dem Volke“. Die Trennung von Israel fiel ihr allerdings sehr schwer: ״Sechs Monate verweilte die Schechina bei den Israeliten in der Wüste und vyollte die Hoffnung nicht aufgeben, daß das Volk seine Verwirrung bereuen und Buße tun würde“.1 * *) Eine andere Ueberlieferung weiß zu berichten: ״Die Schechina offenbarte sich auf dem Berge Sinai bei der Uebergabe der ersten Gesetzestafeln und entschwand nicht vor der Verleihung der zweiten Tafeln am Versöhnungstage; aber auch während des ganzen Winters, da Israel mit der Herstellung der Stiftshütte beschäftigt war, weilte die Schechina auf dem Berge, und von dorther erfolgte die Verkündung aller göttlichen Gebote mit mächtiger Stimme und mit Lichtblitzen wie am Tage der Ver- Ieihung der zehn Gebote. Als dann am 1. Nissan die Stiftshütte errichtet worden war, entfernte sich die Schechina vom Berge und ließ sich auf dem Deckel der Bundeslade nieder.“5) Die Schechina verließ Israel als Gesamtheit, doch einzelnen Auserwählten in Israel erschien sie immer wiede\ So offenbarte 5je sich Simson, David, Jesaia, Ezechiel. Und als der erste Tempel in Jerusalem erbaut worden war, ״ruhte die Schechina aut ihm“.0) Als aber Israel wieder einmal schwere Schuld auf sich geladen hatte und das göttliche Strafgericht Verbannung über das Volk und Zerstörung über das Heiligtum verhängte, da wich die Schechina aus dem Tempel. Sie nahm von den heiligen Hallen Abschied, ״wandte sich immer wieder um und umarmte und küßte die Mauern und Säulen der heiligen Stätte, indem sie D Jalkut Schimeoni I, 286. ־) Genesis rabba 10; Numeri rabba 12. D Gen. r. 42 und 49; Exod. r. 2; Deut. r. 11; Cant, r, 3: Targum Onkelos zu Exod. 24, 10; Targum Jonathan und Targum Jeruschalmi zu Exod. 10, 17, 18. 4) Sota 72; Numeri rabba 9. 5) Raschi zu Taanith 21. *) Sota Ob; Sabbath 56a; Exod. r. 2; Targum zu Jesaia 6, 5, und Ezechiel 1, 1. schluchzend ausrief: Lebe wohl, mein Heiligtum! Lebe wohl, meine Residenz! Lebe wohl, o Haus meiner Herrlichkeit!“ Unendlich schwer fiel ihr die Trennung. ״Dreieinhalb Jahre verharrte die Schechina auf dem Oclberge in der steten Hoffnung auf Israels Einkehr und Buße — doen cs war alles vergeblich. Immer wieder rief die Gottesstimmc aus: Kehret zurück, ihr abtrünnigen Kinder! Kehret zu mir zurück, und auch ich will mich euch wieder zuwenden! Als Israel dessenungeachtet sich hartnäckig jeder Regung der Buße verschloß, da sprach die Schechina: Ich will an meine frühere Stätte zurückkehren.“ — Eine Ueberlieferung lehrt allerdings: ״Niemals ist die Schechina aus dem Innern des Heiligtums geschwunden“, während eine andere Tradition besagt': ״Die Schechina hat die westliche Tempelmauer niemals verlassen.“‘) * Die Weisen des Talmud und des Midrasch verliehen der Schechina auch sinnlich wahrnehmbare Gestalt; sie sprechen von der ״Herrlichkeit der Schechina“, dem ״Angesicht der Schechina“, den ״Fittichen der Schechina“, dem ״Glanz der Schechina“. Von diesem Glanz ziehen die himmlischen Wesen ihre Nahrung, und auch Moses nährte sich vom Glanze der Schechina, als er 40 Tage und 40 Nächte bei Gott auf dem Berge Sinai weilte tmd weder Speise noch Trank zu sich nahm.8) Mit besonderer Vorliebe behandelt der Talmud und der Midrasch ebenso wie die verschiedenen Targumim diese Form göttlicher Offenbarung, das Walten der Schechina, während die gleichen Schriftwerke andere Erscheinungsformen der Gottheit nach Abschluß des biblischen Kanons kaum kennen. Und während die targumische Mystik ab und zu noch der ״Memrä“ gedenkt, die dem biblischen ״Wort Gottes“ entspricht, begegnen wir diesem Terminus sonst nur noch einmal im Midrasch (Canticum rabba 1). An den meisten Stellen des Talmud, des Midrasch und der Targumim, wo von der Schechina die Rede ist, muß dieser Ausdruck als die Erscheinung Gottes selber aufgefaßt werden, gewissermaßen als weibliche Erscheinungsform der Gottheit. Anders in der späteren jüdischen Mystik, in der Kabbala und im chassidischen Schrifttum. Hier erlangt die Schechina eine gesonderte geistige Wesenheit, ein eigenes selbständiges Dasein. Ihr Verhältnis zu Gott entspricht hier dem der Gattin zu ihrem Gatten, sie ist die Königin, ״die Matrone des Königs“. ,,Jede Sendung, die der König wünscht, geht vom Hause der ,Matrone‘, der Herrin, aus; ebenso gelangt jede Botschaft, die aus der niederen Welt an den König gerichtet ist, zunächst in das Haus der Herrin und von da an den Thron des Königs. Also ist die Matrone die Beauftragte aller: die der himmlischen an die irdische Welt und umgekehrt.... Alle Angelegenheiten des Königs gehen durch die Hand der Matrone.“9) ״Alle Gestalten und Antlitze der Menschenkinder werden durch sie kenntlich, wie alle Abbilder der höheren und niederen Wesen.“10) Sie wurde von ihrem göttlichen Gatten ausgesandt, in Israels Mitte zu weilen. ״Solange die Kinder Israels auf ihrem Heimatboden siedelten und Gottes Dienst versahen, war die Schechina still unter ihnen geborgen und verließ die inneren Gemächer des Hauses nicht, um draußen öffentlich zu erscheinen.“ Als aber Israel der Sünde anheimficl ״und sein Land entweihte“, da verdrängte es die Schechina von ihrer Stätte.11) Der Tempel sank in Trümmer, Israel zog in die Verhanmmg, allein die Schechina mochte Israel «Mit verlassen. ״Die Schechina wünschte, sich von ihrer Stätte loszulösen und mit den Israeliten ins Exil zu wandern.“ Und sie nahm an Israels Leidenszügen teil. Kleidete die Herrin sich im Lande Israels in königliche Prachtgewänder, so ist ״ihre Gewandung im Exil eine Trauerhülle“. Gott aber ist völlig vereinsamt, und er sehnt sich gleichsam nach beiden: nach der Schcchinah und nach seinen Kindern. ״Und um eurer Missetaten willen ist eure Mutter geschieden worden (Jes. 51), 1) — der Heilige, gelobt sei er, spricht: ihr habt es bewirkt, daß ich mit euch nicht beisammenwohne in der Welt. Ist ja die Herrin mit euch aus dem Palast gezogen, und der ganze Palast ist zerstört — mein Wohnsitz und der eure. Denn der Palast ziemt dem Könige nur, wenn er mit der Herrin einzieht, lind der König kann nur Freude empfinden, wenn er in die Halle der Herrin eintritt und ihren Sohn bei ihr vorfindet; dann freuen sie sich allesamt. Nun aber, da Sohn und Flerrin fehlen, ist der Palast völlig verwüstet. Was soll ich nun beginnen? Auch ich bleibe bei euch. So ist denn, wenn Israel auch ins Exil zog, der Heilige, gelobt sei er, stets mit ihnen und verläßt sie nicht.“12) So ist gewissermaßen Gott selber aus unendlicher Liebe und banger Sehnsucht nach der ״Herrin“ und nach seinem Sohne Israel in die Verbannung gezogen. Nun schmachten alle drei im Exil, der Erlösung bedürftig und ihrer entgegenharrend. ״Und wenn dereinst Israel aus dem Exil erlöst wird, kehrt auch der Heilige, gelobt sei er, mit seinen Kindern in die Heimat zurück.“15) Darum ist es Pflicht der Israeliten, ihr Leben zu heiligen und makellos dazustehen, damit sie gewürdigt werden, eins zu werden mit der Schechina und mit Gott in innigster Verbundenheit. Es liegt ihnen ob, zur Vereinigung der Schechina mit Gott beizutragen, denn die Schechina ״sehnt sich nach ihrem Gatten“, und sie klagt die Frommen Israels au, die nicht bemüht sind, durch frommes Studium und inbrünstiges Gebet die Vereinigung der Schechina mit Gott herbeizuführen. ״Heil dem, der sie durch sein stilles Gebet zu ihrem Gatten emporhebt.“11) ״Zur Vereinigung des Heiligen, geloht sei er, mit seiner Schechina“ — diese Formel schickt jeder Fromme und Gottesfürchtige in Israel dem Gebete und den Segenssprüchen voran. * Die Schechina ist eine Gottheit von weit stärkerem nationalen Gepräge als alle anderen göttlichen Offenbarimgsformen. Sie ist eine typische jüdische Gottheit, eine Gottheit des Exils. Im Exil entstand sie und entwickelte sie sich, mit den Exulanten ist sie unlöslich verknüpft. Sie zieht von einem Exil ins andere, wandert von Drt zu Ort. und begleitet die Versprengten und Verstoßenen Israels, wie eine zärtliche besorgte Mutter ihren kleinen, hilflosen Kindern überallhin folgt. ״Wohin auch Israel vertrieben wurde, die Schechina w׳ar allezeit mit ihnen; in Aegypten weilte sie bei ihnen ... in Elam war sie an ihrer Seite ... in Edom umgab sie sie.“ Niemals weicht die Schechina aus ihrer Mitte, ״selbst wenn sie unrein sind, die Sehechina verläßt sie nicht“.15) So sehen wir die Schechina mit den Leiderfüllten leiden. Mit ihnen schmachtet sie im Dunkel, in Unreinheit, in der Verbannung. ,.Die Schechina hi der Gefangenschaft.“ Und mit den Verbannten harrt sie auf Erlösung, auf die endliche Rückkehr in die Heimat. •) Exod. r. 2; Proömium zu Tlireni rabba 25. *) Gen. r. 2; Exod. r. 1 und 2; Num. r. 8; Beraschoth 61a; Sanhedrin 04 b. ״) Sohar II, 51. ,0) Tikkune ha-Sohar 70. ״) Sohar I, 4, 5. 15) Sohar I, 104; III, 115 und י 15) ibid. III, 115. u) Tikkune Sohar 70, 71. «) Joma 21, 57; Megilla 20. Freuds Buch über Religion Von Adolf Böhm, Wien. Sigmund Freud hat kürzlich ein kleines Büchlein über oder besser gesagt gegen die Religion veröffentlicht: ״Die Zukunft einer Illusion“ (Internationaler Psychoanalytischer Verlag). Selbstverständlich wendet Freud bei der Untersuchung seine psychoanalytische Methode an und kommt damit zu sehr geistvollen Resultaten. Er geht über die von ihm in ״Totem und Tabu“ und von den Forschern seiner Schule — von denen hier besonders Theodor Reik zu nennen ist — aufgcstellten Thesen oder Hypothesen hinaus und erklärt die religiösen Lehren als Illusionen, wobei ״Illusion“ für ihn ein solcher Glaube ist, bei dem sich in der Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt. Nach dem Schema seiner psychoanalytischen Theorie klassifiziert er die Religion als ähnlich der Zwangsneurose der Kindheit. Sie sei die allgemein menschliche Zwangsneurose, hervorgerufen durch notwendige Triebverzichtc, die die Menschheit in Zeiten ihrer Unwissenheit und intellektuellen Schwäche (ihrem Kindheitszustand) durch rein affektive Kräfte zustande bringt (S. 70). So weit wird man wie stets die geistvolle Analyse bewundern und je nach seiner Stellung zur Lehre Freud's seine Behauptungen ablehnen oder ihnen begeistert zustimmen. Daß dem durchgeführten Vergleich sehr viel Wahrscheinlichkeit zukommt, wagt auch der Laie zu behaupten. Allein damit ist die Frage der Religion durchaus nicht erledigt. Denn die genetische und psychologistischc Methode der Erklärung seelischer Inhalte — und mag sie in ihren Bezirken vollkommen richtig sein — kann, wie gerade in jüngster Zeit wieder sehr energisch durch eine Reihe von Philosophen, darunter aiich Theodor Lessing betont wurde, gar nichts aussagen über ihren Wert und ihre Bedeutung. Auch Freud scheint das zu fühlen, denn er begnügt sich nicht mit einer psychoanalytischen Kritik der Religion, sondern er führt gegen sie auch eine ganze Reihe verstandesmäßiger Argumente an und rollt damit einen geistesgeschichtlich bereits erledigten Prozeß, eine res judicata in philosophischem Sinn, wieder auf. Sollte ein Denker dieses Ranges die einzelnen Phasen dieses Prozesses nicht kennen? All seine Argumente sind längst schon vorgebracht und als nicht den Wesenskern treffend erkannt worden. Hierüber wird noch zu sprechen sein. Freud hat sich auf der anderen Seite auch gar nicht mit den großen Religiösen beschäftigt, um Aufklärung über das Wesen des religiösen Gefühls zu erhalten. Er wäre dann auf die einfache Wahrheit gekommen, daß der religiöse Trieb ein unausrottbarer Urtrieb im Menschen ist, sein Verlangen nach Einheit von Kosmos und Individuum, nach dem Bestehen eines Absoluten, nach einem inneren Zentrum, aus dem heraus die Zersplitterung und Vielfalt von Seele und Welt überwunden wird. Es ist am besten dies mit den Worten eines Religiösen auszudrücken, etwa des bekannten russischen RtAj/fonSphllösopHen V^fadimlr Solowjeff: ״Die Religion ist allgemein und abstrakt gesprochen der Zusammenhang des Menschen und der Welt mit dem absoluten Prinzip, mit dem Mittelpunkt alles Seienden. Wenn die Realität eines solchen absoluten Prinzips angenommen wird, so ist es einleuchtend, daß alle Interessen, der ganze Inhalt des menschlichen Lebens und Bewußtseins durch dieses Prinzip bestimmt, daß alles Wesentliche im Tun, Erkennen und Schaffen des Menschen darauf bezogen und von ihm abhängig gemacht Werden muß.“ (״Zwölf Vorlesungen über das Gottesmenschentum“, Stuttgart 1921, S. 1.) Hier ist das Wesentliche ausgesprochen. Das ״Absolute“ kann keine Wissenschaft finden, die immer nur Relativität, d. h. die gegenseitigen Verhältnisse des Wirklichen und die Gesetzmäßigkeit in allem Geschehen — und auch dies nur mit Hilfe von ״Fiktionen“ — aufdeeken kann. Natürlich kann man das Bestehen eines Absoluten leugnen oder dieses als völlig gleichgültig hinstellcn. Dann hat man aber das Sein des Absoluten durchaus noch nicht ״widerlegt“. Georg Simmel, also ein Philosoph, der kein Gläubiger war, sagte, die Aufklärung meine, daß der Glaube eine subjektive Phantastik sei, die rein psychologisch erklärt werden müsse, falls die Wissenschaft das Bestehen eines Methaphysischen in der Realität nicht zuläßt. Diese Meinung sei irrig, denn es gäbe ein drittes: ״Vielleicht ist dieser Glaube, diese seelisch gegebene Tatsache selbst etwas Metaphysisches! — insofern nämlich darin ein Sein lebt und sich ausdrückt jenes religiöse Sein, dessen Sinn und Bedeutung von dem Inhalt, den der Glaube ergreift oder erzeugt, völlig unabhängig ist.“ (״Das Problem der religiösen Lage“ 1911.) Freud liebt nicht die philosophische Analyse; er geht auf das erkenntniskritische Problem nur an einer Stelle kurz ein. Am Schluß seines Buches (S. 91) meint er, daß das Problem einer Weltbesehaffenheit ohne Rücksicht auf unseren wahrnehmenden seelischen Apparat eine leere Abstraktion sei. Für die Wissensehaft wohl. Aber für den religiösen Urtrieb, der darauf gerichtet ist, an Stelle der ewig relativistischen Wissenschaft, die immer nur Phänomene, Erscheinungen, zum Objekt hat, zu dem letzten Grunde alles Seins vorzudringen, es intuitiv zu erfassen, handelt cs sich um keine leere Spekulation, überhaupt um keine Spekulation, sondern um eine innere Gewißheit über den Sinn und Wert des Lebens, so ziemlich die wichtigste Frage für den Menschen, auf die ihm keine Wissenschaft eine befriedigende Antwort geben kann. Denn diese versagt selbst auf dem Gebiete der Moral, also einer Domäne, die man zur Not (wie es auch Freud in bezug auf das Mordverbot tut) irgendwie soziologisch (also wissenschaftlich) ableiten kann. Denn es ist nun einmal nicht möglich, eine Moral zu kodifizicren, ohne einen höchsten Wert — in der Soziologie den eiiies auf Gerechtigkeit basierten menschlichen Zusammenlebens — zu postulieren, ein Sollen, was eben die Wissensehaft nicht leisten kann. Denn sie ist selbst wertfrei und sie kann daher den gegensätzlichen Wertungen zur Stütze dienen. Man hat z. B. mit dem Darwinschen ״Kampf ums Dasein“ eine aristokratische Welt postuliert, die Herrschaft des Starken, mit der ״natürlichen Auslese“ den Krieg zu rechtfertigen versucht, man kann mit der ״Anpassungstheorie“ jedes schmähliehe und feige Gewährenlassen glorifizieren (siehe die Theorie der Assimilation), man hat mit der ״gegenseitigen Hilfe“ im Tierreich den Sozialismus naturwissenschaftlich unterbaut usw. Sogar Freud selbst hat in richtiger Erkenntnis, daß man aus