Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 74-75 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 ,5ד/4ד. IX. 1028 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 531 ,Jenseits der Kordilleren" Eine historische Reminiszenz. Von Dr. Fritz Simon, Jerusalem. Den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ wird der erschotternde Bericht sicherlich noch in Erinnerung sein, in dem Leib Jaffe von seiner abenteuerlichen Begegnung mit chilenischen Marranen in einem Gebirgsdorfe jenseits der Kordilleren erzählt1 2 * *). Wie ein Märchen klingt diese Geschichte jener wirklich ״verlorenen“ Kinder Israels, die unter ihrem König Jesus Christus als Juden das gelobte Land wiederaufhauen wollen. ״Wir glauben, wir wissen, daß der Tag nahe ist und die Worte unserer Propheten erfüllt werden. Unser Volk wird auferstehen, es wird sich aus allen Enden der Zerstreuung sammeln und in sein Land zurückkehren.“ So sprachen die Bauern zu dem zionistischen ״Ambassador“, der uns die Kunde davon überbrachte. Es möchte scheinen, daß dies nur eine jener zahllosen tragischen Episoden unserer Geschichte ist, an denen wir mit einem schmerzvollen Zucken des Herzens vorbejgehen, nur eine Illustration des jüdischen Unterganges, wie sie die Botschafter des jüdischen Aufbaus in allen Ländern der Welt immer wieder zu Gesicht bekommen. Und doch gehört diese Geschichte juden-christlicher Zionssehnsucht, scheinbar so losgelöst vom lebendigen Entwicklungsstrom unserer Volksüberlieferung, durchaus in den Rahmen jüdischen Weltgeschehens, sie ist nur der letzte verdorrte Ausläufer einer Bewegung, die vor weniger als dreihundert Jahren dem Schicksal des jüdischen Volkes eine bis auf unsere Tage entscheidende Wendüng gegeben hat. Am 25. November 1649 schrieb der Amsterdamer Rabbiner Menasseh ben Israel (1604—1657) an einen englischen Freund, daß er einen Traktat verfaßt habe, in dem er die Ureinwohner Amerikas, die, wie er glaube, zu den Zehn Stämmen gehören, behandeln wolle. Sie seien auch über andere Länder zerstreut und hielten an ihrem Glauben fest, ״in der Hoffnung, zur festgesetzten Zeit in das Heilige Land zurückzukehren“*). Im folgenden Jahre erschien dann der versprochene Traktat gleichzeitig in spanischer, lateinischer und englischer Sprache unter dem Namen: ״Die Hoffnung Israels. Verfaßt von Menasseh Ben Israel, einem hebräischen Gottesgelehrten und Philosophen. Vom Verfasser dem Hohen Gerichtshof, dem Parlament von England und dem Staatsrat gewidmet.“ In diesem Traktat wird aufgezeigt, wo sich die Zehn Stämme gegenwärtig aufhalten, teilweise bewiesen durch die seltsame Erzählung eines gewissen Antony Montezinus, eines Juden, was diesem auf einer Reise in den Kordilleren begegnete, nebst verschiedenen anderen Einzelheiten über die Wiederauferstehung der Juden und zu welcher Zeit8). Die Zehn Stämme, englisches Parlament, Kordilleren — wie fügt sich das zur Hoffnung Israels zusammen? Aber hören wir, was uns Menasseh Ben Israel selbst erzählt: Am 18. EluI 5404, nach christlicher Zeitrechnung also im Jahre 1644, sei ein gewisser Aaron Levy, auch Antonius Montezinus genannt, in Ams t e r d a m erschienen und hätte den Vorstehern der ״portugiesischen Nation“ (d. h. der portugiesischen Judengemeinde) 'folgendes berichtet: Vor zweiundeinhalb Jahren hätte er von Port Honda in Westindien (halte Bahia Honda in Nordkolumbien) einen Transport ־ MauleseL ■t0 ־ die (Otifto5 in Ecuador) geleiiet. Mit ihm gingen eine Anzahl Indianer unter der Führung eines gewissen Francis. Als sie nun in die Kordilleren gekommen seien, hätte sich ein großer Sturm erhoben, durch den die Maultiere in den Abgrund gestoßen worden wären. Die Indianer wären aber ruhig geblieben und hätten gesagt, daß dieses Unglück sowie die grausame Behandlung, die sie durch die Spanier erlitten, nur eine Strafe für ihre vielen Sünden sei. Aber die Stunde der Vergeltung werde kommen und Hilfe durch ein unbekanntes Volk gebracht werden. — Nach Carthagena (Kolumbien) zurückgekehrt, sei er, Montezinus, ins Gefängnis geworfen worden (durch die Inquisition) und hätte da das Gebet gesprochen: ״Gelobt sei der Name des Herrn, der mich nicht zum Götzenanbeter, Barbaren, Neger oder Indianer gemacht hat.“ Bei dem Worte ״Indianer“ sei ihm aber plötzlich die נ) Siehe ״f. R.“ Nr. 62 vom 7. August 1928. 2) Luden Wolf, Menasseh Ben Israel’s mission to Oliver Cromwell, London 1900, S. LXXVIII. s) Abgedruckt bei Wolf, a. a. O., S. 1 ff. Hermann Ungar ״Da* rote General" (Theater in der Königgrätzer Straße.) Der Eindruck, den dieses erste Theaterstück Hermann Ungars hinterläßt, ist ein starker und dauernder, und kleine Unzulänglichkeiten des dramatischen Könnens sind — eben wegen der Stärke des Gesamteindrueks — kaum der Erwähnung wert. In diesem Trauerspiel eines zionistischen Autors wird das Judenproblem behandelt: das Geschick jener Juden, die, ganz in der sie umgebenden Welt aufgehend, plötzlich erfahren müssen, daß sie von dieser Welt als Fremde empfunden werden. Es ist dies gewiß kein neues Thema, neu ist vielleicht nur, daß dieses Judenproblem in einer Welt auftaucjit, in der die Gegenüberstellung ״Jude und Nichtjude“ prinzipiell nicht anerkannt wird, in einer Welt, die sich frei von solchen Ueberbleibseln einer überwundenen Kultur wähnt, und ln der man dennoch dazu gelangt, nach den alten Rezepten zu handeln, aus Staatsraison, aus Rücksicht auf die Volksmassen. Es handelt sich um den alten Gegensatz zwischen den vollkommen zur Anpassung bereiten Juden und den Andern, die noch lange nicht bereit sind, sie zu empfangen. Hierin lag die Tragödie Rathenaus und vieler anderer, und nicht anders ist es mit dem Helden des Ungarischen Dramas Podlcamienski. Podkamienski, mit seinem richtigen Namen Moische Frischmann, ist zum Oberbefehlshaber der ״Roten Armee“ ernannt worden. Diese Ernennung erweckt den glühenden Haß des Bruzkin, der in Podkamienski den Jucjen und den Intellektuellen sieht. Bruzkin, Bauernsohn, volkstümlicher Heerführer, ist ein Haudegen von großer Rücksichtslosigkeit und Brutalität. Um den verhaßten Oberbefehlshaber zu treffen, läßt er während des siegreichen Vormarsches in Podkamien einen bestialischen Pogrom veranstalten und unter zahlreichen anderen Juden auch den Vater Podkamienskis, Mendel Frischmann, hinmorden. Zwiebel, ein Jude aus Podkamien, der sich gerettet hat, schleicht sich ins Hauptquartier zu dem Oberbefehlshaber und überbringt die Nachricht. Zusammengebrochen schreit er mit letzten Kräften ״Pogrom... in Podkamien. Alle Iden geharget, alle tot, auch euer Vater.“ Erleuchtung gekommen: ״Die Juden sind Indianer“, und nun habe er beschlossen, noch einmal mit Francis zusammenzukommen, um näheres darüber zu erfahren. Er habe sich ihm als Jude vom Stamme Levi bekannt, und dieser habe sich daraufhin bereit erklärt, ihn wiederum in die Kordilleren zu führen, wo große Ueberraschungen seiner harren würden. Nach beschwerlicher Bergwanderung seien sie endlich an einen großen Fluß gelangt (wahrscheinlich der Yapura, ein Nebenfluß des Amazonenstromes), und dort seien ihnen auf ein Winkzeichen des Francis hin drei Männer und eine Frau in einem Boot genaht. Einer sei am jenseitigen Ufer geblieben, während die übrigen bei ihnen gelandet seien, ihn umarmt hätten und dann auf hebräisch die Worte gesprochen hätten: ״Semah (sic!) Israel, adonai Elohenu adonai ehad.“ Dann hätten sie ihm in einer fremden Sprache, die Francis verdolmetscht hätte, erzählt, ihre Väter seien Abraham, Isaak, Jakob und Israel, ferner Rüben. Joseph wohne inmitten des Ozeans (wahrscheinlich eine Anspielung auf England), und wer mit ihnen wohnen wolle, dem würden sie Platz anweisen. Im übrigen könne ihm Francis weiteres über sie berichten. Dieser habe ihm dann später erzählt, daß die Minner, die er getroffen habe, wirklich Juden seien, die durch große Wunder nach Amerika gekommen wären und bis jetzt allen ihren Feinden siegreich widerstanden hätten, ja daß die Zeit kommen würde, wo sie nach dem Worte Gottes wieder die ganze Welt beherrschen würden. Soweit die Geschichte des Montezinus, die Menasseh Ben Israel seinem Traktat ,,Die Hoffnung Israels“ voranstellt. Leider wissen wir von Montezinus nicht mehr, als daß er ein Marranne war, später zum Judentum zurückkehrte und sich den größten Teil seines Lebens in Westindien und Südamerika aufgehalten hat. Seine Erzählung klingt äußerst unglaubwürdig und dürfte exakter wissenschaftlicher Kritik wohl schwerlich standhalten. Aber semper aliquid haeret, und nachdem wir von Leib Jaffe über Mariannen gehört haben, die sich im Süden der Kordilleren an chilenische Bauern assimiliert haben, warum sollte es unmöglich sein, daß Juden im nördlichen Teil des Gebirges einmal zu ״Rothäuten“ geworden sind? Montezinus bemerkt über die äußere Erscheinung dieser Juden-Indianer, daß ihre Haut etwas durch die Sonne ausgedörrt erscheine und daß sie ihr Haar teils lang bis zu den Knien reichend, teils wie gewöhnliche Mensehen trügen. Sie seien schön von Gestalt, ihre Füße seien mit Ornamenten verziert und um den Kopf trügen sie ein Leinentuch gewickelt. Aber wie dem auch sei, Menasseh Ben Israel war jedenfalls der Meinung, daß die Erzählung des Montezinus der Wahrheit durchaus entspreche, auf ihr fußend und unter Zugrundelegung zahlreicher jüdischer und nichtjüdischer Quellen — neben Bibel und Talmud finden sich da Plinius und die Kirchenväter — baut er nun ein großartiges Beweissystem auf, dessen Zweck ist, darzulegen, daß ״die Zeit erfüllet ist“, daß die Wiederauferstehung Israels noch in unseren Tagen erfolgen wird, denn: der völligen Wiedcrher- Stellung muß die völlige Zerstreuung vorausgehen, diese ist aber damit erreicht, daß Juden nicht nur in der alten Welt, sondern auch in Amerika zu finden sind. Das Wort des Propheten Daniel muß also Wahrheit werden: ״Und wenn die Zerstreuung des Heiligen Volkes ein Ende haben wird, dann werden alle diese Dinge erfüllt werden“ (Daniel XII, 7), wallejj!ese Dinget* — das ist die Rückkehr nach Xion. , Diese Botschaft konnte wohl für die Juden von höchster Bedeutung sein, was aber hatte das englische Parlament und der Staatsrat, dem doch die ״Hoffnung Israels“ gewidmet ist, damit zu tun? Man sollte annehmen, schlechterdings nichts. Menasseh Ben Israel wußte, was er wollte. Hinter dem apokalyptischen Zionrschwärmer verbarg sich ein Realpolitiker, der die Stimmen der Zeit zu hören verstand. Der Weg nach Zion mußte — schon damals — über England führen. England, von wo die Juden im Jahre 1290 endgültig vertrieben worden waren, war das einzige noch fehlende Glied in der Kette der Zerstreuung. Erst wenn Joseph wieder ״inmitten der See“ wohnte, dann konnte die große Heim- Wanderung beginnen. Der Augenblick war günstig, das königliehe Regiment war gerade gestürzt worden (1649), Oliver Cromwell stand an der Spitze einer Puritanerregierung. Der Staatsstreich war nicht nur ein Sieg des freien Bürgertums, er war ebenso sehr ein Sieg der Bibel und vor allem des Alten Testamentes über den Katholizismus anglikanischer Observanz. Das englische Geistesleben machte damals seine entscheidendste, bis auf unsere Zeit wirksame Umwandlung Podkamienski ist getroffen, hart, schwer, schwerer als er sich vorstellen konnte. Er wähnte sich von allen Bindungen frei, nur der Sache der Revolution dienend, in seiner Sache aufgehend. Nach einem kurzen Erstarren versucht er, die Gefühle persönlichen Leids zu unterdrücken und schreit den ohnmächtig gewordenen Ueberbringer der traurigen Botschaft an. Er überschreit seine eigene innere Unsicherheit mit den geläufigen Phrasen der offiziellen Doktrin: er sagt, daß es Pogrome nicht mehr gibt, daß es nur Siegesmärsche einer kämpfenden Armee seien und daß die Juden durch ihre Angst den Zorn der Revolutionäre hervorgerufen haben, wobei unter vielen anderen Opfern auch sein eigener. Aber da bricht er ab, wird sich der ganzen Sinnlosigkeit eines solchen Ausweichens bewußt, während Zwiebel weinend stammelnd dabei bleibt: ״Pogrom. Alle Iden geharget.“ Podkamienski leitet eine Untersuchung der bestialischen Taten Bruzkins ein. Er kann ihn nicht einfach absetzen, weil sonst Motive persönliche־ Rachsucht oder gar Parteilichkeit des Juden für unzuverlässige Stammesgenossen ihm unterschoben würde. So eilt e mit dem gesammelten Material, mit den Protokollen zu der Sitzung der Volkskommissare, um ein Gericht über die ״gegenrevolutionären“ Handlungen des Bruzkin zu fordern. Er kommt gerade in dem Moment an, als Nowosielzew den Genossen einen Antrag unterbreitet, worin ״mit Rücksicht auf die Stimmung der Armee und um dem Streben nach Schaffung eines volkstümlichen Helden entgegenzukommen, Genosse Bruzkin als Sieger proklamiert wird.“ Podkamienski bittet, die Angelegenheit zu verschieben, da er einiges gegen Bruzkin vorzubringen hat. Vielleicht werde dann die Persönlichkeit Bruzkins in einem anderen Lichte erscheinen. Bruzkin wird vorgeladen, Podkamienski liest die Protokolle vor, bezichtigt den volkstümlichen Heerführer der schändliebsten Taten. Die Taten werden von den Volkskommissaren mißbilligt, aber aus Staatsraison, aus Rücksicht auf die Massen, ist ein Verbleiben Bruzkins unerläßlich. Nowosielzew argumentiert: ״Ich sage, daß wir cs prüfen müssen. Prüfen..... Bruzkin hat Juden umgebracht, der Oberbefehlshaber hat seine Ab- Setzung verlangt. Das heißt.,., wie wird man es auslegen, durch, die Epoche jenes weltmissionarischen Imperialismus hatte begonnen, die, wie ein durchaus nicht scherzhaftes Scherzwort sagt, durch den Kampf für ״Bibel und Baumwolle“ bestimmt ist. Menasseh Ben Israel hatte das mit sicherem Blicke erkannt. Sein Traktat, durch jüdisches und christliches Beweismaterial gleichermaßen gestützt, war ganz ״Bibel“. Er wurde von den Puritanern begeistert aufgenommen, Neuauflagen wurden in rascher Folge nötig, die ״Hoffnung Israels“ wurde in Theologenkreisen und im Geheimen Rat des Lord Protectors aufs eifrigste diskutiert. Nachdem so der Boden gut vorbereitet war, konnte Menasseh weitergehen. Jetzt bot er ״Baumwolle“. In einer ״Ehrerbietigen Adresse an Seine Hoheit den Lord Protector (London 1655)') spricht er nur einleitend und kurz davon, daß der Messias erst kommen könne, wenn die jüdische Zerstreuung sich auch bis auf England erstrecke, während der Großteil der Adresse dem Nachweis gewidmet ist, wie nützlich (״how profitable“) die Juden auf Grund ihrer internationalen Verbindungen in Holland, Italien und der Türkei für den englischen Handel sein würden. Menasseh Ben Israel hatte sich nicht verrechnet. Cromwell )ud ihn ein, nach England zu kommen und vor einer Kommission, die typischerweise aus Geistlichen und Kaufleuten zusammengesetzt war, seine Sache zu vertreten. Die sich hieraus entspinnenden Verhandlungen, denen Menasseh übrigens nicht bis m ihrem Ende beiwohnte, haben dann nach anfänglichem heftigen Widerstande von seiten der Eng-!ander zu dem praktischen Erfolge geführt, daß im Jahre 1657 England den Juden wieder geöffnet wunde. In demselben Jahre starb auch Menasseh Ben Israel, einsam und verbittert, ohne die Verwirklichung seiner Zionshoffnungen erlebt zu haben. Die angeblichen oder echten Kordillerenjuden dürfen also das historische Verdienst für sich in Anspruch nehmen, an der Wiege der jüdischen Rückwanderung nach England gestanden zu haben. Welche Wirkungen dann wiederum das Vorhandensein eines starken und selbstbewußten Judentums in England auf die Idee der Palistina-Rückwanderung ausgeübt hat, braucht ja wohl nicht mehr dargelegt zu werden. Etwas mehr als zweihundert Jahre nach dem Bekanntwerden der Erzählung des Montezinus wurde der erste landwirtschaftliche Stützpunkt des jüdischen Volkes in Palästina geschaffen. Er trägt den Namen von Menasseh Ben Israels Traktat, Hoffnung Israels — Mikveh Israel. Und wiederum fünfzig Jahre später haben, gleichsam um eine alte Ehrenschuld einzulösen, die Söhne Cromwells den Kindern Israels die Hand gereicht, um ihre Hoffnung zu erfüllen. Nun kehren die gänzlich Zerstreuten gänzlich zurück, von der Themse und der Wolga und von — Jenseits der Kordilleren. Musa Kasim Pascha und die Balloar-Deklaration Jerusalem, 14. September. (J. T. A.) Der Präsident der arabischen Exekutive in Palästina, Musa Kasim Pascha, veröffentücht in der Presse eine Erklärung, die als ein Kommentar zu dem von ihm dem Vertreter der J. T. A. gegebenen Interview über die Zukunft der arabisch-jüdischen Beziehungen in Palästina gedacht ist. In jenem Interview, das ihm viele Angriffe seitens arabischer Kreise eingetragen hat, hat Musa Kasim Pascha bekanntlich erklärt, daß die Forderungen der palästinensischen Araber nicht in Widerspruch stehen zu Groß-Britanniens internationalen Verpflichtungen. Diese Aeußerung wurde so verstanden, daß die Araber nun auch das Palästina-Mandat anerkennen wollen. In einem Kommentar deutet Musa Kasim Pascha sein Interview in dem Sinne aus, daß er unter ״Groß-Britanniens internationalen Verpflichtungen“ nur jene internationalen Verträge Englands gemeint hat, die allgemeine Angelegenheiten, wie religiöse Freiheit, Handelsverträge, sanitäre Vorkehrungen und ähnliches betreffen. Was aber die besonderen Vergünstigungen an die Juden angeht, so wolle er betonen, daß die Araber nach wie vor gegen eine Erweiterung der Privilegien andie Juden sind. Die Juden Palästinas sollen die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten wie die Araber besitzen, und zwar im Verhältnis zu ihrer Zahl im Lande. Musa Kasim schließt seine Erklärungen mit folgenden Worten: ״Ich habe auf dem fünften arabischen Kongreß einen Schwur getan, den Kampf gegen die Balfour-Deklaration mit allen Kräften zu führen, ich bleibe diesem Schwur treu!“ 4) Abgedruckt bei Wolf, a. a. O., S. 73 ff. Genossen? Für den Oberbefehlshaber, für Podkamienski...“ Es wäre doch eine Minderung seines Ansehens, wenn er als Judenschützer dastünde. Podkamienski erliält den zweiten Schlag, für ihn den schwersten. Er sieht sich preisgegeben. Es herrscht verlegenes Schweigen im Kreise der Volkskommissare. ״Ihr schweigt alle? — ruft Podkamienski — Gargunow, Du schweigst, Surkow.... oh, oh.... Ihr hattet die Karten gemischt, schon ehe ich kam.... Mein eigener Vater ist darunter gewesen. Gargunow,... auch ein Weißer? Vielleicht bin ich selbst.... mir dämmert es,... soll vielleicht der Sieger in Deiner Proklamation vor allem kein Jude sein, Nowosielzew? Ich verstehe Dich, Nowosielzew.,.. Was würde die weiße Propaganda.... Ich verstehe Euch....“ Podkamieski legt den Oberbefehl nieder, er will ins Ausland gehen. Auf dem Bahnhof wird er von weißgardistischen Verschwörern umstellt und erschossen. Seine letzten Worte gelten dem Kampfe, gelten seiner Sache. Er nimmt seine letzten Kräfte zusammen, um den Befehl zu erteilen, das weißgardistische Nest, wo das Feme-Urteil gegen ihn gefällt wurde, auszuheben. Nicht alle Szenen sind von gleich starker Wirkung, aber der Autor versteht es, den Zuschauer in Spannung zu halten. Ob bei der Schilderung der Hauptgestalt Podkamienski Trotzki bloß Anregung oder Vorbild war, ist nicht von großer Wichtigkeit. Viele Situationen, Konflikte, Paradoxe dieser Handlung sind erschütternd, besonders für jüdische Zuschauer, weil sie lebenswahr sind. Die innerliche Fremdheit der zwei Welten, die sich im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden berühren, tritt sinnfällig in Erscheinung. Die Tragödie des jüdischen Volkes, das unverstanden bleibt, verachtet wird, dem gegenüber der feindliche Volksinstinkt auch im Herzen des aufgeklärten, theoretisch die Gleichheit aller Menschenkinder proklamierenden Revolutionärs sich regt, und dessen Söhne auch dann den ״Makel“ behalten, wenn sie in größter Selbstlosigkeit der Gesamtheit dienen und der von allen erstrebten Sache den Sieg bringen. ״Bin ich schlechter, weil meine Väter noch mehr unterdrückt wurden als die ihren?“ — so ungefähr fragt Podkamienski, als ihm der erste