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Jüdische Rundschau · 1928-09-13 · Heft 72-73 (13.9.1928) · page 12

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Israel Jacobson Zum hundertsten Todestag (Geborenen Halberstadt am 17. Oktober 1768, gestorben in Berlin in der Nacht vom 13. zum 14. September 1828.) Von Dr. Josef Meisl. Lessings ״Nathan der Weise“ hat für die noch heute nicht überwundene Problematik des deutschen Judentums die klassische Formulierung geprägt: ״So ganz Stockjude sein zu wollen, — geht schon nicht. - Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.“ Moses Mendelssohn glaubte, in seinem ״Jerusalem“ dieses diffizile Problem durch die einfache Antwort lösen zu können: ,,Schickt Huch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches Ihr versetzt seid, aber haltet auch standhaft bei der Religion Eurer Väter. Tragt beider Lasten, so gut Ihr könntI“ Wieviele aber gab es, die aus dem seelischen Dilemma diese goldene Mittelstraße fanden0 Die jüdische Großbourgeoisie, vor allein in Berlin, ganz, im Banne des Zeitgeistes, rationalistisch und individualistisch eingestellt, hatte völlig den inneren Halt! verloren. Ein wahrer Assimilationstaumel ergriff sie, alles Christliche galt ihr als Ideal, das überlieferte Judentum als häßlicn, abstoßend, ein Hindernis auf dem Wege zur Gleichbereditigung, das Zeremlnial als inhaltlose Form. Geradezu fanatischer Haß erfüllte sie gegen die Exponenten der ״jiidisehen Nationalität“, gegen die Rabbiner, den Talmudismus, die Gemeindevorsteher. In krassem Gegensatz zu den Wünschen und Hoffnungen dieser sozialen Oberschicht lastete auf ihr noch der Fluch der Rechtlosigkeit. Vollzog sieh doch der Aufstieg zur bürgerlichen Gleichberechtigung nur in langsamen, schwer erkämpften Etappen. Die' tiefe Enttäuschung, die sich weiter Kreise der Judenhcit bemächtigte, als in Preußen nach langen Mühen nicht mehr als der Laib/oll (17S7T788), der Zwang zum Porzellan- Export (1788), die solidarische Haftung für die Abgaben (1792) beseitigt wurden, fand ihren ergreifendsten Ausdruck in David Friedländers ,,Sendschreiben an Se. Hochwürden usw. Probst Teller zu Berlin von einigen Hausvätern jüdisch״!• Religion“ (1790), in welchem er den IJebcrtritt zu einem dogmcnlosen Christentum Vorschlag•. Andere gingen noch einen Schritt weiter und vollzogen den völligen Bruch mit dem Judentum. Nicht weniger als ein Zehntel (etwa 50 Familien) der jüdischen Gemeinde Berlin trat in den Jahren 1803—181t zum Christentum über. Einige Mutige stellten sich der reißenden Flut entgegen, um zu retten, was zu retten war. Das Heilmittel hieß: innere Reform des Judentums. Zu denen, die damals in den vordersten Reihen der deutsehen Judenhe't für die Sprengung der Fesseln im bürgerlichen Leben einerseits, für eine zeitgemäße Umgestaltung des Judentums andererseits kämpften, gehörte Israel Jacobson. In traditionellem Geiste aufgewachsen, zunächst für den Rabbinerstand bestimmt, wurde er schließlich Kaufmann, 1795 als Nachfolger seines Schwiegervaters, Herz Samson, braunschweigischer Kammeragent und Landrabbiner für den Weserdistrikt. Er hatte am eigenen Leibe erfahren müssen, was es heißt, als Jude in fürstlichen Diensten zu stehen. Wie alle Kammeragenten war er selbst ungezählten behördlichen Schikanen ausgesetzt, seinem eigenen Sohne wurde von der braunschweigischen Kaufmannsgifde die Aufnahme als Lehrling verweigert. 1805 erhielt er das Bürgerrecht, ein Jahr später den Titel eines Geheimen Finanzrats. Rasch zu Wohlstand gelangt, verwandte er seinen Reichtum zu wohltätigen Zwecken. Er unterstützte Gelehrte, Schriftsteiler ohne Unterschied des Glaubens, förderte christliche und jüdische Wohlfahrtsinstitutionen. Von seinem Einkommen, das er auf 30 000 Tater jährlich bezifferte, verwandte er nur 4000 für sich, 26 000 für soziale Zwecke. Ehrgeizig, eitel, stark auf äußere Wirkung bedacht, eine aktive und impulsive Natur, von tiefem Rechtsgefiih! erfüllt, benutzte er seine ausgezeich•? neten Beziehungen, um für die Hebung der bürgerlichen Stellung der luden zu wirken, die hemmenden Einflüsse der Bürokratie, die Attentate der judenfeindlichen Volksstimmung abzuwehren. 1801 hatte Jacobson in Seesen auf seine eigenen Kosten für mehr als 100000 Taler eine zunächst für die Ausbildung zur Industrie und zum Ackerbau bestimmte Schule errichtet, in der auch christliche Knaben Aufnahme fanden. 1803 setzte er mit Wolff Breidenbach die Abschaffung des Leibzolls in Braunschweig und Baden durch. Die napoleonische Aera mit ihren Reformversuchen des Judentums beflügelte seine Hoffnungen auf baldige Befreiung der Juden von ihrer Rechtlosigkeit. Es ist nicht unmöglich, wenn auch keineswegs gewiß, daß seine Schrift ״Le premier pas de la nation juive vers le bonheur sous les auspices du grand monarque Napoleon“ (1806). in der er die Ernennung eines hohen Rates für die europäische Judcnheit mit einem Patriarchen an der Spitze anregte, Napoleon zur Einberufung des Pariser Synhedrions veranlaßt hat. Er intervenierte zugunsten der Frankfurter Judenschaff bei dein Fürsten Primas Dalberg, dem Regenten des Großherzogtums Frankfurt, als die dort 1808 cingeführtc neue ״Stättigkeits- und Schutzordnung“ das Ghetto und andere mittelalterliche Beschränkungen bestehen ließ. Goethe hat ihn damals spöttisch den braunschweigischen ״Judenhciland“ genannt und, als Jacobsons Schritt zunächst keinen Erfolg hatte, sarkastisch an Bettina von Arnim geschrieben: ״Es war mir sehr angenehm, zu sehen, daß man den finanzgcheimrätlichen jacobinischen Israe'sohn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat.“ hoch nicht der Dichterfürst, sondern der Jude behielt Recht, denn 1811 erlangten die Frankfurter Juden tatsächlich die Gleichberechtigung. Vor eine neue Aufgabe sah sich Jacobson in dem 1807 errichteten Königreich Westfalen, unter dem Sohn Napoleons, Jerome, gestellt Der König, dem Jacobson in seinen Finanzgeschäfteil gute Dienste leistete, hatte am 27. Januar 1808 den Juden die Gleichberechtigung gewährt. In dem westfälischen Konsistorium, mit dem Sitz in Kassel, das nach französischem Muster eingerichtet worden war, bekleidete Jacobson das Amt des Präsidenten. Neben ihm wirkten in diesem mittler Ausübung (Fortsetzung* von Seite 523.) die Möglichkeit geschaffen werden, daß die Synagogen- Vorstände, die schon heute zum Teil von den Besuchern gewählt, Zum anderen Teil von den Gemeindebehörden dclegiert werden, den Ritus der Synagoge unter Beachtung hestimmter Richtlinien und im Hinblick auf die Wünsche der Besucher selbständig bestimmen. Die straffe Zenfralisierung der Gemeindeverwaltung kann unhüdtnklieh beibehalfen werden. Aber sie muß sich nicht notwendig darin äußern, daß jede geringfügige Anordnung von der Zentrale in der Oranienburger Straße erlassen wird, cs genügt, wenn in jeder Kommission ein Beauftragter des Gemeindevorstandes sitzt, der dort die Gedanken der Zentralversammlung vertritt. Eine Reihe von Entwürfen für das Gemeindestatut liegen bereits vor. Der Kommentator des Judengesetzes, Rechtsanwalt Köllens eher, hat einen solchen Entwurf, der auf eine klare Neuformung abzielt, bereits der öffentlichen Kritik unterbreitet. Nichtsdestoweniger sind die Arbeiten ins Stocken geraten. Wir glauben, daß nach Beendigung der Ferien der Gemeindebehörden die für die Ausarbeitung des neuen Gemeindestatuts eingesetzte Kommission mit tunlichster Beschleunigung einberufen werden sollte. Denn eine organisch gegliederte, systematisch aufgebaute, den heutigen Zeitbedürfnissen angepaßte üemeindesatzung ist ein Gebot der Stunde. staatlicher Funktionen betrauten und dem Nimbus einer hohen Behörde umgebenen Gremium noch drei Rabbiner, zwei Laien und ein Sekretär. Jacobson leistete vor dem Kultusminister einen feierlichen Eid für den Landesherrn, nahm seinen Amtsgenossen den gleichen Eid ab, legte sich eine Amtstracht ״ein schwarzes Gewand mit Silber gestickt und die Gesetzestafeln um den Hals gehängt“ an, ließ Münzen mit der Inschrift ״Königlich Westfälischcs Konsistorium Mosaischer Religion“ prägen. Diese große Aufmachung steht zu dem ephemeren Bestand des Konsistoriums, das 1813 mit dem Königreich Westfalen verschwand, in etwas eigentümlichem Kontrast. Das Konsistorium hatte in diesem Zeitraum unter Jacobsons Führung nicht nur die äußeren Verhältnisse der Juden geregelt, sondern auch durch eine Organisation des Kultus tief in ihre inneren Verhältnisse cingegriffen. Eheschließungen oder Ehescheidungen ohne standesamtlichen Akt wurden für ungültig erklärt, der Gottesdienst sollte nur in den Gemeindesynagogen, nicht auch in Privathäusern zugelassen und nur in der vom Konsistorium vorgeseliriebenen Gottesdienstordnung abgehalten werden. EHe Mädchen- und Knabenkonfirmation wurden cmgeführt, ebenso die deutsche Predigt, die auch später in den gesetzestreuen Kreisen Eingang fand, (Jacobson selbst trat als Prediger auf) und in dem 1810 eröffneten, der Jacobson-Schule angcg’liedcrtcn Tempel (Jacobson-Tempel), bei dessen Einweihimg als Symbol der Aifcsöhnung der beiden Konfessionen die Kirchenglocken läuteten und Jacobson im Ornat eines Pastors predigte, auch die Orgel. Jacobsons Berater, vor allem der radikale David Fried- Linder, bemängelten die Zaghaftigkeit seiner Reformen, ״das Tcmporisieren, das Schonen, das Nichtanstoßgeben“. Und doch mußten diese Reformen, die sich nicht ganz ohne polizeiliche Mitte! durchführen ließen, in den orthodoxen Kreisen den schärfsten Widerspruch Hervorrufen, ganz abgesehen davon, daß die Steuerbelastung von den Juden, die selbst die Kosten des Konsistoriums zu tragen hatten, als drückend empfunden wurde. Bevor noch Jacobson nach dem Zusammenbruch des Königreichs Westfalen seinen Wohnsitz in Berlin aufschlug, hat er durch seine Beziehungen zu Hardenberg u. a., zusammen mit David Friedländer, an der Entstehung des Preußischen Emanzipationsedikts vom 11. März 1812 fördernd mitgewirkt. Er mag es als persönliche Genugtuung für alle seine Mühen um die Gleichsielhing empfunden haben, daß ihm der Erwerb von Wittergiitern und die Ausübung der Landstandschaft in Mecklenburg- Schwerin gestattet wurden. In Berlin veranstaltete er einen reformierten Gottesdienst in seinem Hause, der, als die Räume sich als unzureichend erwiesen, in das Haus des Bankiers Jacob Herz Beer, des Vaters des Komponisten Giacomo Meyerbeer, verlegt wurde. Um diesen Jacobson-Becrschen Tempel entbrannte ein langer, heftiger Streit in der Gemeinde und mit den Behörden. Während der Berliner Gemeindevorstand, angesichts der stürmischen Forderungen der Reformer, eine Spaltung der Gemeinde durch möglichstes Entgegenkommen zu vermeiden sich bemühte, verfügte der jeder Reform abgeneigte König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1823 die endgültige Schließung des Tempels, der infolge von Reparaturen in der Gemeindesynagoge einige Zeit einen Ersatz für diese gebildet hatte. Dieser Tempel, in welchem außer Jacobson noch E. Kley, S. C. Giinsburg, 1. L. Auerbach 11. a., später auch I. N. Manheimcr und Leopold Zunz predigten, dessen Liturgie aus hebräischen Gebeten mit deutscher Ueber- Setzung und mehreren deutschen Gebeten bestand (Die deutsche Synagoge usw. in zwei Teilen herausgegeben von Kley und Giinsburg), für den Zelter, Goethes Freund, die Kompositionen verfaßte, und in dessen Chor Christen mitsangen, hat seine über die Berliner Gemeinde, ja über die Grenzen Deutschlands hinausreichende Wirkung gehabt. Er wurde später, als die unterdrückte Reformbewegung wieder auflebte, mustergebend und anregend für die Qottesdienstrcform überhaupt. Jacobson griff noch in den Hamburger Jempelstreit 1818 entscheidend ein und beteiligte sich, wenn auch schwerlich aktiv, an dem ״Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“. Als er vier Jahre vor seinem Tode in Preußen eingebürgert wurde, war er ein stiller und körperlich gebrochener Mann geworden. Berufene und Unberufene haben über Jacobsons ״Reform- Fabrik“ reichlich gespöttelt. Trotz allem, was man gegen die Reform überhaupt anführe'ti kann — Loslösung aift dem Mutterbodens des jüdischen Volkstums, Germanisierung und Christianisierung —, hat sie weite Kreise des Judentums, mag auch die Verknüpfung oft nur eine lose gewesen sein, der jüdischen Gemeinschaft erhalten. Sie hat dämm, so unzeitgemäß sie uns in der gegenwärtigen Epoche des Judentums anmutet, ihr unstreitiges geschichtliches Verdienst. Bernhard Dnhm Bernhard D u h m ist gestorben, ln der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ sind schon ein paar Daten über sein Werk gegeben worden, die wir uns deshalb hier sparen können. Dennoch komme ich der Aufforderung der Redaktion, eine kurze Würdigung des Mannes zu geben, gern nach. Nicht jeder Alttestamentler gellt uns gleich viel an. Duhm gehört nicht zu denen, die uns ganz nahe angehen. Etwa Strack ist ein solcher ״Naher“ gewesen. Dennoch hat Duhm sichtbar auch uns alle stark berührt. Das gilt nicht nur für die Theologen unter uns. Sondern ich glaube, daß jeder, der sich mit Fragen der Bibel und der Bibelwissenschaff mehr als peripherisch beschäftigt hat, von Duhm viel gelernt hat. Duhms Methode ist die kritische gewesen. Er gehörte z. B. mit zu den ersten Kritikern, die die Metrik als wichtiges textkritisches Mittel in die Bibchvissenschaft eingeführt haben. Aber seine Stellung innerhalb der Bibelkritik war doch eine eigenartige. Er gehörte nicht zu denen, die ihre eigenen Erlebnisse als letzte Offenbarungen nahmen. Alles, was er schrieb, war mit diesem dauernden Gefühl geschrieben: daß er genali wußte, ״daß ich manche andere textkritische Vermutung für ebenso gut halte wie meine eigene“. Deshalb sprach aus jeder Zeile seiner Kommentare diÄe Bescheidenheit. Er kannte seine Grenzen und er kannte die Grenzen seiner Wissenschaft. 1892 schreibt er einmal: ״Ich bin von der Voraussetzung ausgegangen, daß die Autoren, bevor nicht das Gegenteil bewiesen ist, als gute Schriftsteller angesehen werden sollten, die nicht radebrechen und stiimpern, sondern richtig und vernünftig reden: eine an sieh selbstverständliche Voraussetzung, die aber doch nicht von allen Erkläre™ geteilt wird.“ Diese Selbstbescheidung die er sich und seiner Wissenschaft aufiegt, die ihm dauernd vor Augen stand und ihm immer wieder klar machte, daß das ״völlige Erfassen“ der Propheten ״eine Aufgabe ist, die niemals vollkommen erfüllt werden wird“, — diese Bescheidenheit ist im tiefsten eine religiöse. Er hoffte immer, Leser zu finden, ״denen an der Wahrheit und an der Religion gelegen ist“. Ihm selbst war nicht nur daran ״gelegen“. Für ihn war die Bibel und ihre Erforschung nicht Sache der Literatur, sondern sie war ihm Sache seiner Religiosität. Und es mag ihn besser zeichnen a!s alles andere, wenn wir hier die Zeilen hinsetzen, die er der vierten Auflage seines Jesajakommentars vorausschickte (1922): ״Daß in den letzten acht Jahren ein Jesaiakommentar vergriffen werden konnte, ist ein Zeichen, daß die alten Propheten noch leben. Die al^en und jungen Theologen, die in dieser erbärmlichen Zeit zu den Propheten hinsitzen, werden als Mitarbeiter an der Gesundung der Menschheit sich davon erheben.“ r־\ _ . Jakob Wassermann Ober Judentum Jakob Wassermann hat auf der Tagung Deutscher Staatsrechtlcr in Bad Reichenhall am 5. September einen Vortrag über Judentum gehalten, der nun im Berliner 8״-Uhr-Abendblatt“ in vier Fortsetzungen (am 68 ״., 10. und 11. September) erschienen ist. Wassermann zeichnet in diesem Vortrag die eigentümliche psychologische Situation des modernen Juden und zergliedert, anknüpfend an ein Gespräch mit einem deutsch-völkischen Phi'osophen, die Haltlosigkeit der üblichen antisemitischen Argumente. Die Anschauungcn Wassermanns sind bereits aus seinem Buch ״Mein Weg als Deutscher und als Jude“, bekannt. Er leugnet die Existenz einer jüdischen Nation, ist sich jedoch dessen bewußt, daß für das analogielose Unikum des jüdischen historischen Schicksals keine Bezeichnung ganz zutreffend sein kann. So spricht er selbst schließlich vom jüdischen ״Volk“, indem er sagt: ״Das ganze Leben der Juden in der Diaspora spielt sich zwischen den zwei Gefühlspolen Erinnerung und Hoffnung ab, und die ganze Geschichte der Juden durch diese zwei Jahrtausende ist keine Heroen- und Dynastengeschichte, keine Darstellung blutiger Ereignisse und kriegerischer Verwicklungen, sondern lediglich eine Kulturgeschichte, die nicht einzelne überragende Geister zu Trägern hat, sondern ein ganzes Volk. Ich habe einmal ein Gleichnis gelesen, das ich nicht vergessen habe: Wie ein mächtiger Strom, der sich ins Meer ergießt und trotz der innigen Berührung mit dem neuen Element seinen eigenen Laut cinhält und seine Farbe nicht wechselt, so haben die Juden inmitten der Bewegung durch die Völker ihre Art behalten und ihr Wesen sich bewahrt. Und es ist so, etwas von tiefer Stammeserinnerung steckt in jedem, etwas von der seligen Messiashoffnung in jedem. In der Seele eines jeden Juden sind Engramme des Leidens zu finden und verbliebene Aengste des Gehetzten und Verfolgten. Zweitausend Jahre sind eine Ewigkeit für das Individuum, im Gedächtnis der Generationen bedeuten sie nur eine kurze Spanne Zeit. Und es ist für jeden Juden das wichtigste Lebensproblem, wie er mit dem ihm innewohnenden Gencrationengedächtnis fertig wird.“ Von Palästina will Wassermann nichts wissen, aber eine!,ösung für das von ihm als tief einschneidend empfundene Problem vermag er auch nicht zu geben. So endet sein interessanter Vortrag! auf den gelegentlich noch zurückzukommen sein wird, pjiließlich im Tone völliger Resignation, Die Gefteindewahlen ln Kassel In Kassel ist noch das alte hessische Judengesetz in Geltung, wonach die Regierung zur Wahrnehmung der Geschäfte der jüdischen Gemeinschaft neun Gemeindeälteste ernennt. Eine Vertreterversammlung ist nicht vorgesehen. Diesen mittelalterücnen Zustand empfanden die Kasseler Juden entwürdigend und veranstalteten, um noch vor Inkrafttreten des vom Preußischen Landesverbände Jüdischer Gemeinden vorgeschlagenen Judengesetzes eine gewählte Vertretung zu haben, aus freien Stücken eine Wahl der neun Gemcindeäitesten. Die verschiedenen Richtungen in der Kasseler Judengemeinde traten zusammen und beschlossen, auf Grundläge fortgeschrittenster Wahlprinzipien, jene neun Männer zu wählen, die alsdann von der Behörde ernannt, d. h. bestätigt werden sollen. Die beschlossene Einheitsliste umfaßte folgende Namen: Dr. Joseph Kaizenstein (liberal), Albert Heß (liberal), Dr. Hermann Kugelmann (Volkspartei), Albert Heinemann (Mittelstandspartei), Moritz Loeb (orthodox), Th. Eisenberg (liberal), Rudolf Nußbaum (Volkspartei und Mittelstand), Siegfried Speyer (liberal), Julius Dalberg (Volkspartei). Die zwei yplkspartei'ichen Mitglieder in der Einheitsliste wurden in einer Versammlung der Ortsgruppe der Jüdischen Volkspartei nominiert, wobei der von einer ostjüdischen Gruppe präsentierte Herr Fischer in der Minderheit blieb. Diese ostjüdische Gruppe, die seinerzeit im Einvernehmen mit der Zionistischen Ortsgruppe, bevor sich eine Gruppe der Jüdisehen Volkspartei konstituiert hatte, Herrn Fischer als ihren Vertrauensmann erwählt hatte, erblickte in der Ablehnung des Herrn Fischer durcli die Volkspartci eine Benachteiligung der ostjüdischen Elemente durch die Jüdische Volkspartei. Sie trat daher im Wahlkampfe mit einer eigenen Liste auf, wodurch die Einheitsliste zu einer Gemeinschaftsliste wurde und die Wahl, welche durch Aufstellung einer Einheitsliste vermieden werden sollte, vorgenommen werden mußte. Bei den am 9. September vorgenommenen Wahlen beteiligten sich von den Wahlberechtigten 1262 Personen (66 °'o). Davon erhielt die Gemeinschaftsliste 1139 Stimmen und die Sonderliste Fischer 123 Stimmen. Gewählt sind also die neun Kandidaten der Gemeinschaftsliste. Es ist zu bemerken, daß nach Inkrafttreten des neuen Judengesetzes in Kassel eine Wahl einer Repräsentanten- Versammlung vorgenommen werden muß. Alsdann dürften die berechtigten Ansprüche der Ostjuden entsprechende Berücksiditigung finden, denn wie uns aus Kassel berichtet wird, lag der Grund, warum keine ostjüdischen Kandidaten von der Volksnartei nominiert wurden, darin, daß die Volkspartei im Verhandlungswege nur eine geringe Anzahl von Mandaten zu erlangen vermochte, und daß gerade mit Rücksicht auf die Uebergangszeit vom alten hessischen zum neuen gesamtpreußischen Judengesetz eine Vertretung der Volkspartei durch Juristen besonders geboten erschien. Pogrom in Wilkowischki Kaunas 9. September. (J.T.A.) .Die litauische Presse berichtet über Judenexzesse in Wilkowischki, die dort Donnerstag nacht von einer ״Geheimen Brigade“ veranstaltet worden sind. Die jüdische Bevölkerung, darunter auch Frauen, wurden iürchteriich gepeinigt. Es werden 60 Schwerverletzte gezählt. Die Kuliiisgemeinde-Wahlen io Lemberg Lemberg, 10. September (J. T. A.) Nach einer mehrere Wochen׳ dauernden überaus scharfen Agitation fanden in Lemberg am 9. September die Wahlen zur jüdischen Kultusgemeinde statt. Die Wahlbeteiligung betrug 11 368 von insgesamt 19000 Wählern. Um 4 Uhr nachts veröffentlichte die Haupt-Wahl-Kommission das Ergebnis, wonach der wirtschaftiiche Block 3420 Stimmen und 8 Mandate, der ״Bund“ 426 Stimmen und 1 Mandat, die Hitachduth 327Stimmen und 1 Mandat, die Agudah 2370 Stimmen und 5 Mandate, und die Zionisten 4180 Stimmen und 10 Mandate erlangt haben. In der endgültigen Berechnung der Stimmen können noch unbedeutende Aenderungen Vorkommen. Presseausstellung in Tel-Awiw. Die geplante palästinensische Presseausstellung wird in Tel-Awiw am 21. September eröffnet werden. Es gelangen 500 Zeitungen und Zeitschritten, die je in Palästina erschienen sind und noch erscheinen, zur Ausstellung, unter ihnen 400 in hebräischer und etwa 10) in jiddischer, spaniolischer, arabischer, englischer, französischer, deutscher Sprache und auch in Esperanto. Die älteste der zur Ausstellung gelangenden, in Palästina erschienenen Zeitungen datiert aus dem Jahre 1856.

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