Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 72-73 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 522 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72/73, 13. IX. 1928 Ansprüchen aller Kreise, die überhaupt ein jüdisches Buch brauchen — sei es zur Forschung oder zur Fortbildung, zur Erbauung oder zur Abwehr —, genügen kann, müssen die Großgenieinden darauf bedacht sein, neben zentralen Bibliothekcn, die auch die wissenschaftliche Literatur, besonders Hebräern und Judaica, sammeln, kleinere Zweigbibliotheken und Lesehallen einzurichten, um das Interesse der jüdischen Massen, besonders auch der Jugend sowie der wenig Vorgebildeten, an allen Fragen, die Juden und Judentum betreffen, zu wecken und zu vertiefen. So hat die Gemeinde Berlin begonnen, neben ihren zwei Hauptbibliotheken mit 60 000 Bünden eine Reihe von Filialbibliothekcn, die für das große Lesepublikum berechnet sind, in den peripheren Stadtteilen anzulegen. Dem gleichen Zwecke dienen die von den Gemeinden subventionierten Volkshochschulkurse. Hierher gehört auch in einem weiteren Sinne das gesamte, von der Gemeinde unterhaltene oder subventionierte Erzichungswescn, insbesondere das Schulwesen, über das von anderer Seite in dieser Nummer berichtet wird. Die Unterhaltung der Wissenschaftliehen Institute ist seit der Schaffung von Landesverbänden der Hauptsache nach von diesen übernommen worden; aber diese Verbände, soweit sie, wie der preußische, keine Steuerhoheit besitzen, beziehen ja ihre F.inna|1nen von den Ge- .meinden, aus denen sich der Verband zusammensetzt. Vor Begründung der Verbände wurden die Mittel von den Großgemeinden selbst bereitgestellt. So wird ein beträchtlicher Teil der Etats der drei Rabbinerbildungsanstalten von den Gemeinden gedeckt. Bis vor wenigen Jahren, in Berlin bis 1925, d. 11. bis die Lehrerausbildung auf eine neue Basis gestellt wurde, unterhielten die Gemeinden auch Lehrerbildungsanstalten, und auch in Zukunft werden hierfür wieder Mittel notwendig sein. Auch die Subventionierung wissenschaftlicher Organisationen gehört zu dem Pflichtenkreis der jüdischen Gemeinden, desgleichen die Erleichterung der Herausgabe neuer, besonders wissenschaftlicher Werke durch Unterstützung der Autoren oder durch Ankauf zahlreicher Exemplare sowie die Herausgabe wissenschaftlicher Werke im Aufträge der Gemeinde. Wissenschaftliche Bedeutung hat auch die im Gesamtarchiv der deutschen Juden ständig fortgeführte Bearbeitung der Gemeindeakten, die hier aus dem ganzen Reiche, z. T. auch aus den abgetretenen östlichen Provinzen, fortgesetzt gesammelt werden. Die Gemeinden selbst können durch Bearbeitung und Veröffentlichung ihrer Akten und Dokumente, durch Aufnahme der alten Grabsteine 11. dgl. dazu beitragen, den Schatz jüdischen Wissens zu mehren. Ein noch ziemlich brachliegendes Gebiet ist die zusammenfassende Wissenschaftliehe Bearbeitung der Gemeindeverfassungen, besonders seit 1800. Erst in neuerer Zeit haben es sich größere Gemeinden zur Aufgabe gemacht, Sammelstellen jüdischer Kunst und jüdischer Altertümer zu begründen. Solche Sammlungen haben, abgesehen von ihrem kunsthistorischen Wert, auch in ihrer Eigenschaft als Lehrsammlungen große erzieherische Bedeutung. Wer z. B, in der Berliner Kunstsammlung beobachtet hat, mit welchem Interesse die klassenweise von ihren Lehrern dorthin geführten Schüler und Schülerinnen den Demonstrationen folgen, wird den erzieherischen Wert solcher Sammlungen zu schätzen wissen. Als Sammelgegenstände kommen in Betracht: Kultusgegenstände jeglicher Art, Münzen und Medaillen, graphische Sammlungen, Originale, Photographien und Lichtbilder von jüdischer Schrift- und Druckkunst, Architektur, Plastik, Malerei und Graphik, von Oertlichkeiten und Portraits, Dokumente historischen und kulturgeschichtlichen Inhalts, Karikaturen und vieles andere. Die ammtung von wertvollen Handschriften, Inkunabeln u. ä. ist dagegen Aufgabe der Bibliotheken. Kunst und Wissenschaft sind ein weites, fruchtbares Feld gemeindlicher Fürsorge; diese Fürsorge aber ist eine würdige, dankbare, erfolgverheißende jüdische Aufgabe. Die Jüdische Gemeinde und die Jugendarbeit Einige praktische Vorschläge. Von Ministerialrat Hans Goslar. im knappen Rahmen, der diesem Aufsatz gezogen ist, muß jede Begründung der Forderung in Fortfall kommen, warum die moderne Jüdische Gemeinde eine systematische und großzügige Jugendarbeit zu leisten hat. Die Forderung ist ohnehin für die Leser dieser Blätter eine Selbstverständlichkeit; nur über Ausmaß und Methode können da noch unterschicdlichc Meinungen bestehen. Ich möchte aus meiner praktischen Einsicht in die Verhältnisse einer Großgemeinde 11s Mitglied der volksparteilichcn Fraktiön in der Berliner Repräsentanfcnversammlung die folgenden Postulate aufstellen, die meiner festen Ueberzeugung nach sämtlich zu realisieren sind, ohne daß dabei der Etat der Gemeinde etwa in ungebührlicher Weise belastet würde. A. Religiöse Forderungen. Die Gemeinde ist verpflichtet unter restloser Ausnutzung aller gesetzlichen Möglichkeiten, alle öffentlichen Schulen für Knaben und Mädchen mit gutem Religionsunterricht zu versorgen. Die Heranbildung pädagogisch wertvoller Lehrkräfte, die so ausreichend bezahlt werden, daß der Beruf des jüdischen Lehrers wieder eine Zukunftschance für gebildete Menschen in sich schließt, muß mit Nachdruck durciigeführt werden. Der Religionsunterricht soll zunächst die legitimen Lehren des Judentums vermitteln. Nach Möglichkeit ist die Stundenzahl so zu erweitern, daß die Kinder, welche nebenbei nicht zum Besuch einer Religionsschule bewogen werden könncJAJ'picht in den Anfängen der Bibelkundc steckenblciben, sondern' ganz durcharbeiten und soweit in die Anfangsgriindc der hebräischen Sprache eingeführt werden, daß sie technisch imstande sind, sich bei vorhandener Lust und Liebe später selbständig fortzubilden. Die Institution der Jugendgottesdienste soll stark ausgebaut werden. Diese Gottesdienste mit dem sog. seif government der Jugend, die ich in New Yorx und u. a. auch in der vorbildlich geleiteten Gemeinde Luzern in größerem Maßstabe gesehen habe und die im kleinen Rahmen meines Wissens auch schon vereinzelt in Berlin auf Initiative einzelner Schüler eingeführt sind,, beleben das Interesse der Jugend ganz anders als die heutigen schematischen Jngendgottesdienste, bei denen die Jugend sich an die Wand gedrückt fühlt. Besonderer Wert ist auf die menschliche Auswahl der Religionslehrer und -lehrerinnen zu legen. Ein Religionsunterricht wird erfahrungsgemäß erst dann etwas Nachhaltiges und Bleibendes erreichen und die Schüler über das rein Pflichtgemäße und bald wieder Verfliegende hinaus zum Nachdruck anregen, wenn sich, in Erkenntnis der Tatsache, daß der jüdische RyJigionsunterricht etwas völlig anders Geartetes sein soll, als eine der üblichen Schulstunden, zwischen Lehrer und Schülern ein engeres menschliches Band anspinnt. Erst wenn der Unterrichtende es fertig bringt, daß der wertvollere Teil seiner Schüler sich eine Freude daraus macht, in seiner Wohnung mit ihm über das Unterrichtspensum hinaus jüdische Bücher zu lesen, jüdische Studien zu machen, Freitagabende zu feiern, hat der Lehrer resp. hat die Lehrerin ihre außerordentlich schwere Pflicht, jüdische junge Menschen aus ganz entfremdetem Milieu zu interessieren, richtig aufgefaßt und erfüllt. Ich wäre deshalb dafür, daß die Jüdische Gemeinde die dazu geeigneten Lehrer durch spezielle Beihilfen in den Stand setzt, seinen Schülerkreis an Freitagabenden und Festtagsabenden in ihren Wohnungen einzuladen, um ihnen jüdisches Leben vor Augen zu führen. Des weiteren sollte ein Vorschlag weiter verfolgt werden, auf den ich schon einmal an anderer Stelle hingewiesen habe, und der von unserem Gesinnungsgenossen, dem Regensburger Distriktsrabbincr Harry Levy nerrührt, der als akademischer Religionslehrer in Berlin zum ersten Male mit etwa 15 seiner Schüler aus Gymnasialoberklassen eine ״Ferienreise in das alte jüdische Deutschland“ gemacht hat und den Jungen Frankfurt a. M,, Worms, Speyer usw. in eindrucksvoller Weise gezeigt und ihnen so ein ganz anderes historisches Bild verschafft hat, als es allein Bücherstudien ycrmögen. Auch für solche Zwecke müssen Gemeindemittel zur Subventionierung unbemittelter Schüler bereitgestellt werden. Beim Religionsunterricht selbst muß die Gemeinde, was heute keineswegs der Fall ist, ihre sämtlichen Lehrer verpflichten, darauf bei den Elfem der Schüler hinzuwirken, daß sie ihre Söhne bar mizwah werden lassen. Natürlich muß Hand in Hand damit auch die entsprechende geistige Einwirkung auf die Schüler selbst gehen und in ihnen der Wunsch erweckt werden, durch den Akt sozusagen der rcligionsgesetzlichen Mündigkeit den ersten Schritt zum vollwertigen Judentum zu tun. Heute sind wir von diesem idealen Zustand noch außerordentlich weit entfernt, und wenn ich auch auf eine vor einem halben Jahr an den Gemeinde- Vorstand gestellte Anfrage über die Zahl der Knaben, die aus der Gesamtzahl der Unterrichteten bar mizwah geworden sind, bezeichnenderweise noch immer keine Antwort habe, so zweifle ich nicht daran, daß das Ergebnis außerordentlich deprimierend sein wird. Es ist weiter unumgänglich notwendig, daß die Lehrer resp. Lehrerinnen zeitlich so gestellt werden, daß sie die Möglichkeit haben, die Eltern all der Schüler und Schülerinnen zu eingehenden Rücksprachen persönlich aufzusuchen, die ihre Kinder aus irgendwelche!! Gründen nicht in den Religionsunterricht schicken. Auf das schwierige Haupt- Problem, ob ein gesetzestreuer Lehrer befugt sein soll, durch eindringliche Darlegung einzelner Hauptforderungen des Judentums, wie der Sabbatheiligung, der Speisegesetze usw. die Kinder — wie manchmal aus liberalen Kreisen geklagt wird — in Gegensatz zum Elternhaus zu bringen und auch vor Gewissenskonflikte zu stellen, kann hier, ohne Gefahr zu laufen, ein ungeheuer wichtiges Thema aus Raummangelgründen mit ein paar Phrasen abzutun, absichtlich nicht gesprochen werden. Es wäre dies ein Thema für sich, von dem heute* nur gesagt werden kann, daß es praktisch im Unterricht ohne sehr viel Herzensbildung, Takt und Einfühlungsvermögen nicht behandelt werden kann. Es muß weiter den Ursachen des ständigen Rückganges des Besuches der Religionsschulen nachgegangen werden und unbarmherzig mit etwaigen pädagogischen Rückständigkeiten, schematisch gewordenen und allzu schulmäßigen Lehrmethoden sowie mit unzulänglichen Lehrkräften aufgeräumt werden. Für diese Schulen, die auch räumlich automatisch immer näher an die jeweiligen Punkte jüdischer Hauptsiedlung in der Stadt herangebracht werden müssen, müssen die besten und auch menschlich wertvollsten Kräfte der Gemeinde herausgestellt werden. Hier muß nach neuen Unterrichtsmethoden, fern vom üblichen Schulmäßigen gesucht werden. Als Oberbau über die Schulklassen und den Unterricht in den öffentlichen Schulen müssen in den Großstädten unter völliger Neubelebung des Volkshochschulgedankens unter Heranziehung möglichst großer Jugendkreise lebendige und interessante Lehr vor* trage genatten 'werden, die systematisch so ineinandergreifeh, daß durch sie und anschließende Seminarien eine geschlossene jüdische religiöse Bildung vermittelt werden kann. Man wird hierbei selbstverständlich bis zum Studium der Gemarah in weiterer Folge־ Vordringen können und wird auch Erfolg haben, wenn man nicht nach pilpulistischer Methode, die dem religiösen Erleben der heutigen Jugend völlig fern liegt, vorgeht, sondern vielmehr von dem Prinzip ausgeht, das gesamte Studium unter dem Gesichtspunkt zu betreiben, zu ergründen, was das Gesetz im einzelnen menschlich und natürlich auch jüdi sch bezwecke. Dann ist die Möglichkeit gegeben, die großen leitenden Gesichtspunkte der talmudischcn Diskussionen herauszuarbeiten und die einzelnen Leitsätze jüdisch-menschlicher Grundeinstellung und Betätigung so scharf und klar herauszuschälen, daß der suchende junge Jude von heute aus ihnen selbsttätig auch für seine einzelnen LebcnsproblemeallmähliehdieStellungnahmc logisch abzuleiten lernt, die das legitime Judentum sinngemäß auf Grund seiner allgemeinen und speziellen menschlichen Ziel- Setzungen ein nehmen würde. Und das scheint mir das Wesentliche und eigentlich Lebensvolle der gesamten religiösen Erziehung zu sein. B. Soziale Forderungen. Die Jüdische Gemeinde der Großstadt und der Mittelstadt, in die erfahrungsgemäß der größte Teil der Jugend der Landgemeinden und der kleineren Städte abströmt, darf diese Jugend in jüdischer Hinsicht nicht zugrunde gehen lassen. Sie muß sich um sie aktiv und systematisch kümmern. Ich habe in der Berliner Gemeinde die Forderung der Einstellung eines oder mehrerer Jugendrabbiner mit dem Beispiel begründet, das die Berliner Katholiken in dem aufopfernden Wirken des — meines Dafürhaltens übrigens von jüdischer Seite abstammenden — Dr. Sonnenschein geben, der sich ausschließlich um jüngere und junge Menschen bemüht, ihnen moralisch und geistig eine Stütze sein will und für ihre sozialen Nöte sich bei allen geeigneten privaten und öffentlichen Stellen einsetzt. Das beste Wohlfahrts- und Jugendamt mit all seinen beruflichen und ehrenamtlichen Pflegern, das letzten Endes doch immer nur auf Wohltätigkeit eingestellt ist, kann diesen Anforderungen rein individuell niemals gerecht werden. Wir brauchen ganz bestimmt in Berlin zwei oder drei jüdisch-weltanschaulich hervorragend durchgebildete, menschlich wertvolle Männer und auch ein oder zwei ebenso kluge wie warmherzige Frauen, welche ausschließlich sich mit der kaufmännischen, studentischen und gewerblich arbeitenden Jugend zu befassen haben und das Vertrauen sehr weiter Kreise sich erobern. Ohne irgendwie ״Pietisten“ zu sein, werden sie mit Klugheit, Güte und Lebenserfahrung unendlich oft den Hilfsbedürftigen unter den vielen tausend ortsfremden jüdischen Studenten, Kaufleutcn und jungen Mädchen helfen und raten können, werden ihnen in den entscheidenden Jahren der Lebensformung und des Ringens um die Weltanschauung im jüdischen Sinne nützen und ihnen auch in wirtschaftlicher, sozialer und gesundheitlicher Hinsicht durch Vertretung ihrer Interessen an den geeigneten Stellen, an die heranzutreten sich die jungen Menschen naturgemäß oft scheuen, wirksam unterstützen können. Immer wieder muß hierbei die Forderung nach modernen, großen jüdischen Jugendheimen mit Logiermöglichkeit, mit Bibliothek, Erholungs-, Versammlungs- und Spielräumen an die Gemeinde gerichtet werden, damit diese Heime resp. Häuser ein freiwilliger Mittelpunkt großer, sonst vielfach heimatloser jüdischer Kreise werden, in denen auch Sabbat- und Festtagslebcn sich abspielen kann, und von denen aus auch kaufmännische und gewerbliche Fortbildungskurse sowie jede nur mögliche soziale und Bildungshilfe zur Verbesserung der Chancen, insbesondere von stellungslosen Jugendlichen, sich entwickeln können. Es ist klar, daß unter solchen Ausbildungsmöglichkeiten auch die verstanden werden müssen, welche zur sozialen Um- Schichtung jeder Art, insbesondere zur Uebcrleitung ins Handwerk oder in Landwirtschaft und Gartenbau, bestimmt sind. Für alle diese Zwecke müßte z. B. in Berlin das heute dem Wohlfahrtsamt angegliederte Jugendamt Berlin ausgebaut werden und sich bemühen, in acn Besitz einer Kartothek zu gelangen, welche systematisch so ä jottr gehalten werden muff, daß nach Möglichkeit alle nach Berlin hinzuziehenden Studenten und Studentinnen, Kaufleute, Arbeiter, Verkäuferinnen usw. im jugendlichen Alter aufgenommen werden. Es muß absolut das Ziel sein, daß jeder der jungen Mensehen durch die beamteten oder geeignete ehrenamtliche Vertreter des Jugendamtes mindestens einmal aufgesucht wird, um fcstzustellcn, ob es nötig und möglich ist, ihn in irgendeiner Weise aus dem Bereiche sehr vieler Möglichkeiten in das Netz der Beziehungen des jüdischen Jugendamtes zu verflechten. Eine ganze Reihe von Arbeiten der Praxis, wie z. B. schon allein die Begründung einer Reihe von guten und billigen jüdischen Mittagstischen für junge Menschen beiderlei Geschlechts, berufliche und andere Beratungsstellen, Erholungsheime (siehe oben), sowie die Anbahnung von Familienverkehr bieten dann die Handhabe für weitere Intensivierung der Beziehungen. Der Erfolg kann sehr groß sein. Denn es ist schon an sich von gewaltiger moralischer Wirkung auf einen jungen Menschen, wenn er nach Berlin kommt oder natürlich auch nach Hamburg, Frankfurt, Breslau, Köln und Leipzig und sofort die Erfahrung macht, daß es eine jüdische Gemeinschaft gibt, die sich für ihn intercssicrt, die ihm nach Maßgabe ihrer Kräfte wenigstens in etwas die Heimat ersetzen möchte und die wünscht, ihn wissen zu lassen, daß sie, wenn irgend möglich, bereit ist, ihm im Lebenskampf zu helfen. Heute macht der junge Mensch nur zu oft die Erfahrung, daß man von ihm überhaupt keine Notiz nimmt, von seinen menschlichen und Wirtschaftliehen Kämpfen und Nöten überhaupt nichts zu wisseii scheint und ihm vielfach, wenn er endlich einmal die Initiative ergreift und sich meldet, nur als Bittsteller behandelt, mögliehst mit der Tendenz der einmaligen Abfertigung und nicht der dauernden Verknüpfung. Hier bedarf es einer völligen Umstellung des Apparates der Gemeinde und der ehrenamtlichen Mitarbeit einer sehr großen Zahl von Männern und Frauen mit Herzensbildung, damit nicht länger dem Judentum sehr viel von den wertvollen Energien, die^ aus dem immer kleiner werdenden Landreservoire in die Groß- Städte einströmen, gerade in den besten Jahren der Ent- Wicklung verloren gehen. C. Kulturelle Aufgaben. Die Schaffung billiger, vom Populären zum sachlich Weitvollen systematisch aufsteigenden Buchliteratur für junge Menschen muß, da die Privatinitiative, z. T. aus Mangel an Mitteln in diesem Punkte ziemlich versagt hat, Aufgabe der Großgemeinden und des Landesverbandes sein. Wir brauchen eine gute, billige Biicnerci in hohen Auflagen, welche sich bemüht, auf die großen Tagesfragen und für die Jugend aktuellen Probleme, wie Sozialismus, Pazifismus, Stellung zum Staate, Sexualfragen, Gottesgcdaijke, Willensfreiheit, Lebensformung usw. vom jüdischen Standpunkt aus Antwort zu geben. Daneben müssen die großen Perioden jüdischer Geschichte, die Fragen jüdischer Volkskunde, Palästina, die Berufsschichtung der Juden, jüdische Volkshygiene, das Leben großer jüdischer Persönlichkeiten und vor allem der Extrakt von Bibel, Mischnah, Gemarah, also vor allem die Haiachah, wie auch der agadische Teil der jüdischen klassischen Litenatur in einer Reihe von Einzeldarstellungen behandelt werden, die so anregend geschrieben sind, daß sie für das Selbst- Studium in Frage kommen. Es soll kein Schüler, keine Schülerin von einer Religionsschule oder vom Religionsunterrieht einer öffentlichen Schule abgehen, denen nicht im Auftrag der Gemeinde einige solche Hefte, insbesondere über die Grundlchren des Judentums (nach Art z. B. der wertvollen Schriften von Dr. Ludwig Pick: ״Der jüdische Idealismus“• und ״Die Weltanschauung des Judentums“) überreicht werden. Außerdem sollen die Schriften in großem Umfange in den Berliner und provinziellen Sortimentsbuchhandel hineingeleitet werden. Hier kann eine mustergültige Vertriebsorganisation für die Jugend der Kleingemeinden, wie die akademische fugend usw., ganz große Dienste leisten. Fragen des Lehrernadiwudises Von Seminarlehrer Bambcrger, Würzburg. Alle erzieherischen Bemühungen werden heute von einem starken Unsicherheitsfaktor beunruhigt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychologie, das Bewußtwerden der sozialen Abhängigkeitskomponente für den Entwicklungsgang des Jugendlichen, nicht zuletzt auch die Auflehnung der jüngeren Generation selbst haben viele Ueberzeugungen der Vergangenheit erschlittert, ohne daß es bisher schon auf der ganzen Linie zu einem endgültig neuen System gekommen wäre. Auf dem Gebiet der Lehrerbildung wirkt ein solcher Uebergangszustand in vermehrtem Maße als Hemmnis. Wie soll sich ein junger Mensch für sein Leben orientieren, wenn ihm schon in der Unterrichtslehre das Vertrauen zu alten ״bewährten“ Methoden genommen wird, er sich aber zugleich bewußt wird, daß ihm die moderne Psychologie noch verhältnismäßig wenig Handhaben zu einer radikalen Umgestaltung bietet. Wird er noch über dies in die Praxis des gegenwärtigen Schulbetriebes hineingeführt, so erlebt er ein Nebeneinander von Methoden, von denen ihm die eine als veraltet erscheinen mag, di* andere aber die Züge des Experiments noch recht deutlich an sich trägt. — Die Unsicherheit wächst jenseits des rein Dfdaktischen. Eine immer mehr anschwellende Fülle von Bildungsstoffen dringt auf die Schule ein. Ganz abgesehen von der Frage, wofür und zu welcher Zeit der Jugendliehe aufnahmefähig ist, entsteht für den Lehrer »das ernsthafte Problem, ob er angesichts der Masse der von ihm zu erwerbenden Kenntnisse noch Totalität (itn Sinne Sprangers) und damit die Voraussetzungen für wahres Erziehertum erreichen kann. Die höhere Schule hat aus diesem Grunde schon lange das System des Faehlehrertums einführen müssen. Für die Volksschule — und jüdischen Gemeinden sind in erster Linie an solchen interessiert — kommt diese Spezialisierung bis auf weiteres nicht in Frage. Um trotzdem auch für den Bereich des Elementarunterrichts jenen erwähnten Schwierigkeiten zt! begegnen, vollzieht sich gegenwärtig auf dem Gebiete der Lehrerbildung ein bedeutsamer Wandel: das Studium der Volks- Schullehrer wird seiner Zeitdauer nach verlängert und auf die Universität oder ihr gleichwertige Institute verlegt. Die Semina re alten Stils werden entweder aufgelöst (Preußen) oder in Aufbauschulen umgewandelt (Bayern), die gewissermaßen den 1. Abschnitt der zukünftigen Lehrerbildung darstellen. Gegner dieser Akademisierung sagen nun eine Abwanderung in den höheren Schuldienst voraus. Für den preußischen Staat mit seinem Ucberschuß an unbeschäftigten Junglehrern wäre eine solche Abnahme nur erwünscht. Anders steht es mit dem jüdischen Lehrernachwuchs, der schon vor der Neuordnung in der Abnahme begriffen war. Eia weiterer Rückgang würde