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Jüdische Rundschau · 1928-09-13 · Heft 72-73 (13.9.1928) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 72-73 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 72/73, 13. IX. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 521 abzulehnen. Im Gegensätze dazu haben Keren Hajessod, rellgiöse Vereine bestimmter Richtung, orthodoxe und liberale Rabbiner-Seminare Anspruch auf aktive Förderung durch jede Gemeinde; denn Einrichtungen der letzteren Art leisten lediglieh aufbauende jüdische Arbeit, ohne sich kämpferisch angreifend gegen irgendeine Partei der Judenheit zu wenden. Umbau der Jüdischen Gemeinde Von Dr. Georg L u b i n s k 1. Nachdem der jahrelange Kampf um die Herrschaft in der Gemeinde zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, nachdem die gegenwärtige Form der jüdischen Gemeinde in ihrer Frag- Würdigkeit fast allgemein erkannt ist, geht man von zwei verschiedenen Standpunkten daran, die Gemeinde umzugestalten und zu verändern. Von dem einen Standpunkt aus sieht man die Gemeinde als die einzige verbliebene jüdische Körper- Schaft des öffentlichen Rechtes an, deren Autorität und deren Finanzkraft in den Dienst neuer Aufgaben gestellt werden soll. Von hier aus wird auch die Forderung der Verweltlichung der Gemeinde erhoben, die durch die Gegenüber- Stellung Volksgemeinde und Religionsgemeinde zum Ausdruck kommt, ln Wirklichkeit ist die heutige Gemeinde keines von beiden, sondern sie ist Vcrwaltungsgemeinde. Die Assoziation, die das Wort Gemeinde hervorruft, ist nicht die Gemeinschaft verbundener Menschen, sondern es sind die politischen Körperschaften von Gemeinde- Vorstand und Repräsentanten, von denen der Rabbiner, der ״Fromme kraft Amtes“ abhängig gedacht wird, der auf den Gebieten ״führt“, auf die es nicht ankommt. Der Gegensatz von ״Volksgemeinde“ und ״Religionsgemeinde“ ist gedanklieh niemals zu Ende ausgetragen worden, es ist — das soll einmal offen ausgesprochen werden — nicht einmal voll gelungen, den Gegensatz, ganz anschaulich zu machen, weil einfach keine erfüllte Vorstellung von der ״Volksgemeinde“ je entwickelt worden ist. Wohlfahrtspflege und Schule als Inhalt der Volksgemeinde reichen nicht aus, denn sie betreffen nur Teile der Gemeindeglieder und erfassen nicht diejenigen, die nicht hilfsbedürftig bzw. nicht mehr schulbedürftig sind. Andererseits ist die reine Religionsgemeinde in ihrem Bestand in weitem Umfange aufgehoben, weil eine große Zahl der Gemeindemitglieder durch das Band der gemeinsamen religiösen Uebutig nicht mehr zusammengehalten wird, — und wie wir glauben — auch nicht mehr zusammengehalten werden kann. So sind die Parolen ״Volksgemeinde“ oder ״Religionsgemeinde“ wohl Richtlinien, die die Proportion der Etatmittel bestimmen können; sie können aber nicht zu einer Erneucrung der Gemeinde führen, zu ihrem wirklichen Umbau. Diese Möglichkeit der Erneuerung liegt nur in einer einzigen Richtung: in der Schaffung neuer Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde. Die Grundfrage für alle wesenhafte Gemeindepolitik muß sein: Wodurch und an welchen Stellen kann Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde entstehen? Alle Einrichtungen müssen auf ihre gemeinschaftsbildende Kraft hin untersucht werden. Dabei ist von vornherein jede romantische Auffassung des Begriffes Gemeinschaft abzulehnen. Gemeinschaft soll die tatsächliche Verbundenheit der Individuen in bestimmten Beziehungen ihres Lebens bedeuten. Gemeinschaft bedeutet die Existenz, eines Kollektivsinnes, dessen Erfüllung auch das Einzelleben bereichert. An welchen Stellen unseres Gemeindelebens kann also Gemeinschaft entstehen? Wir bringen hier nur einige Hinweise und lassen dabei den ganzen religiösen Bezirk im wesentlichen unberührt, obgleich er, letztlich ernst genommen, zur Entstehung von Genneinschaft für religiös bereite Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Die Jugend ist am ehesten gemeinschaftsbereit und gemeinschaftsfähig. Das mag der Grundstruktur des jugendliehen Menschen entsprechen, der ״ergänzungsbedürftig“ isflü Deshalb sind unsere Jugendbünde wichtige Gemeinschaft«- zellen der Gemeinde, Um sie als solche voll werten zu können, ist noch eine bewußte Hinwendung der Jugendbündc auf den Gesamtzusammenhang der Gemeinde erforderlich. Die Jugend muß von ihrer Einordnung in die Gemeinde wissen und sie wollen. Das erscheint möglich, wenn diese Zusammenhänge gedanklich erst deutlich genug geworden sind. Neben dem Jugendbund steht die jüdische Schule, Dabei sind zunächst alle die Einschränkungen zu machen, die sich aus ihrer verhältnismäßig geringen Verbreitung in Deutschland ergeben. Auf der anderen Seite ist hier, stärker noch als in der Jugendbewegung, das Entwickeln und das Herausarbeiten der gemeinschaftsbildenden Kräfte erforderlich. Lehrer und Schüler müssen von ihrer Aufgabe, Gemeinschaft zu schaffen, wissen. Und alle neuen Bestrebungen, Arbeitsunterrieht, Schulgemeinde und Schullandheim müssen in unseren jüdischen Schulen Eingang finden, denn diese neuen Erziehungsformen zielen auf eine praktisch-seelische Verbundenheit. Dazu haben dann, noch geringer an Zahl, unsere Waisen- und Erziehungsheime zu treten. Hier ist — der Idee nach — die engste Gemeinschaft möglich. Sie wird oft genug schon im Entstehen zerstört durch eine Standesscheidung zwischen Führung und Zöglingen, durch eine autoritäre Scheidung der Seelen. Für eine etwas höhere Altersstufe, mit der Möglichkeit umfassendster Bedeutung, haben dann die gemeinsamen Bildungseinrichtungen zu beginnen. Wir denken liier an Veranstaltungen, wie das Frankfurter jüdische Lehrhaus oder die jetzt in Berlin unmittelbar vor ihrer Verwirklichung stehende ״Schule der jüdischen Jugend“. In einem freien Lern- und Studienbetrieb beschäftigt sich die Jugend mit allen Gegenständen jüdischer Bildung, eine Schulgemeinde gibt die Möglichkeit der Aussprache und Stellungnahme zu aktueilen Fragen des jüdischen Lebens. Alle diese Einrichtungen finden ihren örtlichen Mittelpunkt in dem zu erstrebenden Volks ha use. Hier ist ein Zentrum des Gemeindelebens außerhalb des religiösen Bezirks. Das Volkshaus wird auch die schwierigere Aufgabe einer Lösung nahezubringen haben, wie auch unter der älteren ,Generation Gemeinschaft entstehen kann. Hier sind zuerst die Tatgemeinschaften, Wohlfahrtspflege, Darlehnskassen, Berufs- Zusammenschlüsse zu nennen. Alle Einrichtungen der Hilfe für Gemeindemitglieder können auch auf Seiten der Helfenden Gemeinschaft erzeugen, wenn die Hilfe in dem Geiste der Gesamtverantwortung und Solidarität mit dem Hilfsbedürftigen geübt wird. Auch hier kommt es wesentlich auf einen Bewußtseinsvorgang an. Die Hilfe kann entweder aus einer Gesinnung der Ueberlegenheit und der Selbstzufriedenheit geleistet werden, sie kann aber auch aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Hilfsbedürftigen geboren werden. Wichtiger noch sind Gemeindeversammlungen, an denen alle Gemeindemitglieder teilnehmen können und die durchaus nicht immer religiöse oder wohlfahrtspflegerische Gegenstände zu behandeln brauchen. Daneben werden auch rein gesellige Veranstaltungen zu fördern sein. Bisher bestehen diese im wesentliehen nur für die gehobenen wirtschaftlichen Klassen und mit teilweise über die Geselligkeit hinausgehenden Aufgaben in Form der Logen. Aehnliche Einrichtungen sind für alle Schichten der jüdischen Bevölkerung anzustreben. Endlich müßte versucht werden, die bestehenden Ge* sinnungsgemeinschaften religiöser oder politischer Art, wie religiöse Vereine und politische Parteien in der Richtung der Erzeugung einer engeren Verbundenheit fruchtbar zu machen. Das Geheimnis ist hier überall Dezentralisation. Gemeinschaft bildet sich nicht in künstlichen organisatorischen Gebilden, sondern auf Grund einer auch örtlichen Nähe. Bei allen Umbauversuchen der jüdischen Gemeinde muß man sich darüber klar sein, daß es unmöglich ist, daß die jüdische Gemeinde das Leben ihrer Mitglieder in seiner Totalität ergreift. Das Leben jedes von uns schwingt um die Mittelpunkte zweier Kreise, die sich nicht decken und von denen jeder dem Leben eine andere Bahn vorschreiben will: das Zentrum unseres jüdischen Lebens liegt anderswo, als das Zentrum unserer wirtschaftlichen und politischen Tätigkeit sonst. Dazu kommen noch die Gegensätze wirtschaftlicher Art innerhalb der jüdischen Gesellschaft. Gemeindearbeit in der Galuth hat immer ihre Begrenzung. Erst in Palästina kann die erweiterte Gemeinde die Totalität des Lebens ihrer Glieder erfassen und binden. Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik Von Dr. Max Kreutzberger, Berlin. Die gegenwärtige jüdische Wohlfahrtspflege ist einem anhaltenden und durchgreifenden Wandelihrerldeen unterworfen. Während früher im wesentlichen ihr Sinn im Almosengeben zu suchen war, ausgehend von dem Kriterium der Würdigkeit, geübt von dem zufälligen Einzelnen, erlebt die gegenwärtige Wohliahrtsarbeit einen entscheidenden Umgestammgsprozeß. Aus dem Moment der Würdigkeit ist der Anspruch geworden, aus der zufälligen Gate des Einzelnen die organisierte Wohlfahrtspflege. Das hat seinen Grund darin, daß die Achtung vor dem menschlichen Individuum durch die sozialen Umwälzungen der Nachkriegszeit in unvergleichlichem Maße gestiegen, daß das Moment des persönlichen Verschuldens zurückgetreten und der Gedanke der sozialen Gesamthaftung in den Vordergrund getreten ist. Hinzu kommt, daß die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre eine Ausdehnung der wohlfahrtspflegerischen Maßnahmen notwendig machte, wie sie die•* Vorkriegszeit überhaupt nicht kannte: nicht nur der Einzelne, sondern ganze Bevölkerungsschichten sind über Nacht hilfsbedürftig geworden. Hier aber mußte das reine Almosengeben der helfenden Einzelpersönlichkeit versagen. Es entstand die organisierte jüdische Wohlfahrtspflege, deren Träger die jüdischen Gemeinden wurden. Die Organe der jüdischen Gemeinden haben dadurch; daß sie den Kreis ihrer Betätigung in sozialer Hinsicht nuf breiteste Basis stellten (der Wohlfahrtselat steht bei den größeren Oemeinden dem Kultusetat nicht nach), zu erkennen gegeben, daß die ernstesten Lebensinteressen der jüdischen Bevölkerung auf dem Spiele stehen, daß die sozialen Nöte an dem Fortbestand des Judentums rütteln. Es handelt sich hier nicht mehr um den Juden als Einzelindividuum, sondern es geht um die Erhaltung des Judentums als Gesamtheit. Damit aber rückt die Gemeindearbeit wieder in das Zentrum des jüdischen Gesamt- Interesses. Wenn dem aber so ist, so wird es klar, daß Wohlfahrtspflege — im weitesten Sinne des Wortes — mehr sein muß als ein Unterstützungs- und Almosenapparat. Sinnvolle Wohlfahrtspflege muß vorbeugend sein, d. h. sie darf nicht warten, bis der Notstand eintritt, sondern sie muß alle Maßnahmen zu treffen versuchen, die den Eintritt des Not- Standes soweit wie möglich hindern. Deshalb ist das Fundament aller Wohlfalirtsarbeit die Jugendfürsorge und Jugendpflege. Während man im allgemeinen in den vergangenen Jahren der reinen Jugendfürsorge (Waisen-, Erziehungs- und Gefährdetenfiirsorge) erhebliche Beachtung schenkte, werden die kommenden Jahre mehr dem Ausbau der Jugendpflegearbeit gewidmet sein müssen. Körperliche Ertüchtigung der Jugend, Turn- und Sportbewegung, Unterstützung der Wander- und Ferienfahrten werden allmählich immer stärker in das Arbeitsprogramm aufzunehmen sein. Daneben findet leider der Gedanke der Errichtung von umfassenden Volks- und Jugendheimen viel zu wenig Beachtung. Es muß als merkwürdige Tatsache registriert werden, daß selbst die größten jüdischen Gemeinden keine Stelle besitzen, die der Jugendarbeit im Jugendheim erst die Möglichkeit voller Entfaltung gäbe. Mit der Jugendfürsorge im engsten Zusammenhänge steht das wichtige Gebiet der Gesundheitsfürsorge. Während einige größere jüdische Gemeinden vorbildliche jüdische Krankenhäuser besitzen, der vorbeugenden Erholungstürsorge immer mehr Beachtung schenken, ist die sanitäre Hilfe Im Hause selbst und in den zusammenfassenden Wohnbezirken ein noch kaum in Angriff genommenes Arbeitsgebiet. Die musterhafte Berliner ״Jüdische Kinderhilfe‘f, ein jedem jüdischen Kind offenstehendes unentgeltliches Ambulatorium, hat leider bisher nur wenig Nachahmung gefunden. Und doch sollte gerade die zu ernster Sorge Anlaß gebende letzte jüdische Bevölkerungs- Statistik Ursache sein, die gesundliche Fürsorge für das jüdische Kind aufs weiteste auszubauen. Der innere Wandel der jüdischen Wohlfahrtspflege ist aber am stärksten auf jenen Arbeitsgebieten zu beobachten, die man gemeinhin die sozialpolitischen nennt. Hier prägt sich am deutlichsten die Neukonstitution der Wohlfahrtspflege als produktive Wohlfahrt, als Arbeltsfürsorge aus. Die alte Armeniürsorge wird zur modernen Arbeitsfürsorge. Sie wird gekennzeichnet durch das Bestreben, vorbeugend arbeitsfähig zu erhalten und mit der Fürsorge notwendig verknüpfte Maßnahmen produktiv zu gestalten. Verselbständigung und Stützung der Arbeitskraft, Wiedereinordnung in den Wirtschaftsprozeß, Erhaltung der Menschenwürde auf der einen Seite, Senkung der stark angewachsenen Wohlfahrtskosten, durchgreifende und aufbauende Fürsorge auf lange Sicht, produktive Nutzung der menschlichen Arbeitskraft auf der anderen Seite — das sind die entscheidenden Faktoren, die auf eine immer stärkere Wandlung der heute zum Teil noch üblichen Wohlfahrtsmethoden hinarbeiten. Auch hier heißt es, will man nachhaltige Wirkung erzielen, bei der Jugend zu beginnen. Wer von Anfang an den richtigen Beruf ergriffen hat, der der Eignung entspricht und wirtschaftliche Existenzmöglichkeiten in Aussicht stellt, der wird es nicht mehr nötig haben, öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Deshalb ergeht die Forderung nach einer umfassenden udischen Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung. Hier iegt auch der einzig mögliche Wirkungspunkt für eine durchgreifende jüdische Berufs- und Umschichtungspolitik, Fragen, denen im deutschen Judentum der letzten Jahre so gern wirkungslose Diskussionen gewidmet wurden. Aus den Ergebnissen der letzten wirtschaftlichen Krisenjahre war zu lernen, daß es für den qualifizierten jüdischen Arbeiter keine Arbeitslosigkeit gibt; dämm wird gerade eine weitschauende jüdische Berufspolitik den Fragen der ergänzenden und höchstqualifizierten Berufsausbildung besonderen Wert beimessen müssen (Ausbildungsfonds). Die Zeit jugendlicher Erwerbslosigkeit (die in den letzten Jahren zeitweise außerordentlich stark zu beobachten war) gibt Gelegenheit, die sonst für die Jugend folgenschwere freie Zei^auszunutzen und mangelnde Qualifikation durch intensive Ausbildung zu mildern. Die jüdische Arbeitslosigkeit hat im Verlauf der letzten Jahre einen erschreckenden Umfang angenommen. Das hat seine wesentliche Ursache darin, daß die wirtschaftlichen Umwälzungen der Nachkriegsiahre das in der Hauptsache im Mittelstand konzentrierte deutsche Judentum eben als Mittelstand am schwersten treffen mußten. Der selb* ständige und wenig kapitalkräftige Kaufmann wird proletarisiert. Hinzu kommt der in den letzten Jahren sich immer stärker be* merkbar machende Ausstoßungsprozeß der Juden aus gewissen Wirtschaftszweigen und Berufen. Die Verengerung der Wirt* schaftssphäre und der Möglichkeiten des jüdischen wirtschaftenden Menschen gestalten den Wirtschaftskampf des Juden in Deutschland von Jahr zu Jahr katastrophaler. Deshalb konnte die jüdische Arbeitsnachweisbewegung in den letzten Jahren eine noch vof kurzem nicht für möglich gehaltene Aufwärtsentwicklung durchmachen, und zwar aus der Erkenntnis heraus, daß das Ideal aller produktiven Arbeitsfürsorge sein müsse, menschliche Arbeitskraft in den Gesamtprozeß Wirtschaftliehen Verhaltens erneut einzuordnen. Eine besondere Schwierigkeit bildet hierbei gerade im jüdischen Bezirke die nicht gering« Kategorie der Ueberalterten, d. h. all jener Personen (sei es qualifiziert oder unqualifiziert) über vierzig Jahre. Es ist eine grauenhafte jüdische Tragödie, die sich in unseren Tagen abspielt, und die durch die bisherigen unzulänglichen selbständigen produktiven Unternehmungen der Gemeinden nur wenig gemildert werden konnte. Mögen diese Versuche (Brockensammlungen mit Werkstätten) aber noch so unzulänglich sein, so geben sie doch immerhin die Möglichkeit, unabhängig von den Schwankungen des Arbeitsmarktes vorübergehend Arbeitskraft zu stützen und zu erhalten. Auf einer anderen Basis versucht in letzter Zeit die jüdische Dar lehn skassen Bewegung (zum Teil auch Genossenschaftsbanken), dem schwer ringenden jüdischen Mittelstand Hilfe zu bringen. Bei dieser Situation ist es nicht verwunderlich, daß in letzter Zeit immer stärker die Fragen eines wirksamen Wirtschafts־ Schutzes, der durch Aufklärung, Propaganda, Rechtsberatung und Rechtshilfe dem wirtschaftlichen Boykott der Juden entgegentreten soll, diskutiert werden. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat die ersten Vorarbeiten hierzu in Angriff genommen, wobei sich aber als außerordentlich erschwerendes Moment die Tatsache in den Weg gestellt hat, daß wir Juden keine Stelle besitzen, die in der Lage wäre, irgendwie umfassendes statistisches wirtschafts- und bevölkerungspolitisches Material für eine derartige Aktion zur Verfügung zu stellen. Deshalb wird der Ausbau der jüdisch-sozialpolitischen Arbeit zu einem guten Teil der Beschaffung und statistisch-wissenschaftlichen Durcharbeitung dieses Materials gelten müssen. Erst auf Grund dieser Ergebnisse wird die Basis einer ernsthaften Diskussion der Fragen der jüdischen Bevölkerungspolitik gegeben sein. Eines scheint aber schon jetzt klar zu sein: die Wurzel jedes gegenwärtigen jüdischen bevölkerungspolitischen Problems ist im Wohnungsbaulichen zu suchen. Deshalb wird die Frage der Wohnungspolitik gerade von jüdischer Seite ernsthaft geprüft werden müssen. Die, Ideenukl die. Forderung der Produktivierung aller Wohlfahrtsarbeit hat auch nicht vor einem der schwierigsten Zweige der jüdischen Fürsorgetätigkeit, nämlich der Wanderfürsarge, halt machen können. Die wirtschaftlichen Katastrophen, die vor politischen Grenzen keine Achtung haben, zwingen alljährlich Tausende jüdischer Menschen zur Wanderschaft. Wertvolle jüdische Arbeits- und Wirtschaftskraft geht verloren. Mit organisatorischen Mitteln allein, so wichtig sie auch immer sein mögen, ist Abhilfe nicht zu schaffen. Deshalb wird dem Versuch der Gründung jüdischer Arbeitsstätten auf landwirtschaftlichgärtnerischer Basis von allen Seiten ernsthafte Beachtung geschenkt. Rückwanderer aus Uebersee, die hier oft monatelang auf die Beschaffung ihrer Papiere warten müssen, Arbeitsuchende, die in Zeiten besonderer Notstände jede vorübergehende Arbeit anzunehmen bereit sind, Strafentlassene, die heute schwer in Arbeit unterzubringen sind, werden hier Beschiftigung finden. Darüber hinaus gibt die Ärbeiterkolonie die Möglichkeit, sich intensiver mit dem einzelnen Menschen, für den die Wanderung oft ein Verhängnis ist, zu befassen und ihn dem Arbeitsmarkt wieder einzuordnen. In diesem Zusammenhänge muß noch mit einem Wort Jene Arbeit erwähnt werden (untrennbar mit dem Namen Fritz Mordcchai Kaufmanns verbunden), die in den Nachkriegsjahren — und wie heute gesagt werden kann, mit Erfolg — darauf gerichtet war, unseren ostjüdischen Brüdern jene Hilfe zu bringen, die ihnen Lebensmöglichkeiten in Deutschland eröffnete. Die letzten wirtschaftlichen Katastrophenjahre sind aber auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen, sondern haben sie doppelt schwer getroffen. Hier sind arbeitsfürsorgerische Aufgaben entstanden und Pfobleme umfassender Produktivierung zu lösen, die von den führenden jüdischen Persönlichkeiten in allen Lagern kaum gesehen, geschweige einem Lösungsversuch nähergefuhrt worden wären. Schon dieser notwendig kurze Ueberblick dürfte zeigen, daß die jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik einem anhaltenden Gestaltwandel unterworfen ist, der einen Vergleich — sei es dem Umfang oder der Form nach — mit der früheren ״Armenpflege“ vieler Gemeinden nicht mehr zuläßt. Gewiß ist jede sozialpolitische Arbeit Stückwerk und Notbehelf, gewiß vermag sie nicht schöpferische Kräfte auszulösen und aufzubauen, aber dennoch wird jede jüdische Bewegung — und in allererster Linie die zionistische —, die die Erhaltung pnd Fortentwicklung des Judentums als den Wesenskern ihrer Arbeit empfindet, diesem wirtschaftlichen und sozialpolitischen Umwandlungsprozeß des deutschen Judentums ihre interessierte Beachtung in viel stärkerem Maße, als es bisher oft der Fall war, zuwenden müssen. Wissenschaft und Kunst im Gemeindeleben Von Dr. Aron Sandler Man mag den Aufgabenkreis der Gemeinde so eng um* grenzen als man wolle — immer wird die Förderung der Wissenschaft Aufgabe der Gemeinde oder der von den Gemeinden gebildeten Landesorganisationen bleiben. Das ״Volk des Buches“ hat immer Lehre und Erziehung neben dem Gottesdienst in den Mittelpunkt der Betätigung seiner gemeindlichen Organisationen gestellt. Jüdisches Wissen zu mehren, galt von je als hohe Pflicht der Kehilla. Trotz des im Mittelalter häufigen Wohnsitzwechsels der Juden legten die jüdischen Lehrhäuser Büchersammlongen an, die jedem zur Verfügung standen. Selbst die kleine Gemeinde hatte ihre Bethamidrasch, der bedeutendere Rabbiner seine Jeschiwa. Auch heute finden wir in allen größeren Gemeinden jüdische Bibliotheken, auch dort, wo es große jüdische Büchersammlungen in jüdischen Lehranstalten, Staatsbibliotheken usw. gibt. Während die Bibliothek der kleineren Gemeinde den

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