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Jüdische Rundschau · 1928-09-13 · Heft 72-73 (13.9.1928) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 72-73 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Kr. 72/73, 13. IX 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 519 Probleme der Gemeinde - Arbeit Beiträge von Sem.-Lehrer Bambergcr, Hans Goslar, Rabb. Grünewald, Max Jacobsohn, Max Kollenscher, Leo Kreindler, Max Kreuzberger, Georg Lubinski, Max Meyer, Aron Sandler, Hugo Schachtel, Siddy Wronsky Vorbemerkung Der Ausbau der preußischen und gesamtdeutschen Juden- Organisationen ist im großen ganzen als abgeschlossen zu betrachten. Nicht zuletzt der Initiative der im jüdischen (jemeindeleben wirkenden Zionisten in Deutschland ist es zu verdanken, daß die preußische Judenheit im Landesverbände der Jüdischen Gemeinden und die gesamte deutsche Judenheit in der Arbeitsgemeinschaft des jüdischen Reichsverbandes, die hoffentlich bald dem Reichsverbandc der Deutschen Juden Platz machen wird, zusammengeschlossen ist. So wMitig diese Voraussetzungen für die Aufnahme einer fruchtbaren Gemeindearbeit im Interesse der Stärkung, Erhaltung und Sicherung des Bestandes der deutschen Judenheit sind, so darf man sich doch nicht darüber täuschen, daß Organisationen, unbeschadet ihrer Bedeutung, doch nicht Selbstzweck sind, sondern nur einen Rahmen abgeben, der eine Fülle auf* bauender Arbeit umfassen soll. Ueber Inhalt und Ziel jüdischer Gemeindearbeit sind sich die deutschen Zionisten in großen Zügen wohl im klaren. Es handelt sich aber darum, auf den einzelnen Gebieten konkret Ziel und Weg dieser bewußt-jüdischen Gemeindearbeit berauszuarbeiten. Zu diesem Zwecke erschien es uns geboten, eine Diskussion über die Fragen der jüdischen Gemeindearbeit in Deutschland zu eröffnen. Wir lassen im nachstehenden eine Reihe von Zionisten zu Worte kommen, die im jüdischen Gemeindeleben an führender Stelle stehen oder die sonst mit den Arbeiten der Jüdischen Gemeinde direkt verbunden sind. Selbstverständlich ist jeder Autor für das von ihm Gesagte allein verantwortlich. Es handelt sich hier um Ansichten und Vorschlage, nicht um allgemein die zionistische Gemeindearbeit in Deutschland verpflichtende Formulierungen. In verschiedenen Punkten bestehen, was ja selbstverständlich ist, auch unter den Zionisten hinsichtlich der Betätigung in der Jüdischen Gemeinde Nuancen und Differenzen. Diese treten besonders in der Stellung zum Fragenkomplex der Kultusaufgaben, sowie in den Fragen der Jugenderziehung zutage. Das kann nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß die Zionistische Organisation fraktionell nicht einheitlich ist und Menschen umschließt, die weltanschaulich verschiedene Standpunkte vertreten, jedoch in einer Beziehung einheitlich sind: ln der Betonung des Volkscharakters der Judenheit und in der Anerkennung Erez-Israels als der Schlüsselposition zur Lösung der Judenfrage. Im Wesen handelt es sich bei all diesen Vorschlägen, welche nachstehend gemacht werden, darum, die bisherige Gemeinde, die vornehmlich Religionsgemeinde war, in eine ״Volksgemeinde“ umzuwandeln. Worunter keine politische Gemeinde, sondern die Forderung verstanden wird, daß die Jüdischen Gemeinden in ihren Um- Kiels alle die Aufgaben einbeziehen müssen, durch die die besonderen Interessen und das Eigenleben der Juden charakterisiert sind. Aus der Judengemeinde soll eine jüdische Gemeinschaft werden. Der Durchführung dieser Absicht sollen alle Maßnahmen dienen, die von den Vertretern der zionistisehen Anschauung in den Jüdischen Gemeinden in Vorschlag zu bringen sind. Die heutige Aussprache bedeutet einen Anfang. Sie soll fortgesetzt werden und neben den besonderen Tagungen, die die Zionistische Vereinigung für Deutschland zur Besprechung der Gemeindearbeit einberufen hat und noch einberufen wird, dazu beitragen, diesen Fragenkomplex in den zionistischen Reihen zu klären und die Wirksamkeit der zionistischen Mandatare im Gemeindeleben der deutschen Juden ideologisch vorzubereiten und zu unterstützen. * Gemeinde und Klal Von Hugo Schachtel, Breslau. Vier Dinge waren es, die den Juden gemeinsam waren, sie zu einer Gemeinschaft machten, den Klal Jisrael bestehen ließen: Das Gesetz, der Gedanke an Erez-lsrael, das Hebräische und die Gemeinde. Alle Vier verloren immer mehr ihre Bedeutung als Bindemittel. Das Gesetz galt nur noch einem immer mehr sich verkleinernden Teil, — die Zeit wurde immer areligiöser, die allen Zeitströmungen stets vorauseilenden Juden gingen eher als die anderen und in viel größerer Zahl in das Lager der Freidenker, der Monisten, der ethischen Gesellschaften, wurden hier Bannerträger heraufdämmernder Entwicklungen. Alle anderen Bindemittel litten unter dieser Zeitströmung. Aber selbst Kreise, die das ״Gesetz“ noch hochhielten, zumindest den Glauben, das Religiöse noch predigten, hielten es für gut, für rationell, für politisch klug, den Glauben an Erez-lsrael zurückzudrängen, zu verdrängen, zu sublimieren, durch Umformung und Umbiegung ins Symbolische zu ersetzen. Und das Hebräische! Sollte es für moderne Europäer und United Statler nicht genügen, wenn das Hebräische etwa die Rolle spielte, wie das Lateinische in der katholischen Kirche? Oder war das nicht schon viel zu viel? Sicherlich! Die Bedeutung der Gemeinde für den Bestand des Judentums und für eine Gemeinschaftsbildung hatten die Christliehen Regierungen schon lange erkannt und erstrebten mit ihren Judengesetzen stets die Vereinzelung der Gemeinden. Sie wurden in ihrem Bestreben unterstützt durch die Angst des offiziellen Judentums vor dem Vorwurf des jüdischen Zusammenschlusses, der jüdischen Gemeinschaft, womöglich gar der internationalen. Und auch innerhalb der Gemeinden wurde der Gedanke der Einheit unterdrückt. Jeder aus einer anderen Gemeinde zuziehende Jude wurde zunächst unter eine Karenzzeit gestellt, jeder Ausländer möglichst völlig entrechtet. Und die Eingeborenen schichteten sich nach der Größe des Geldbeutels. In den Gemeindestuben saßen und regierten die Sprößiinge eingesessener reicher Familien, die ihre Wirtschaftliehe Macht wohl zu nutzen verstanden. Sie, die im bürgerlichpolitischen Leben meist liberal und demokratisch sich gaben und damit für nichtjüdische Kreise die Parteivertretungen dieser Richtungen verdächtig machten, führten in ihren vor der Außenwelt meist hdrtnetisch abgesch'ossenen Gemeindestuben, in denen sie sich von der christlichen Umwelt unbeobachtet glaubten, durchaus nicht demokratisch und durchaus nicht liberal auf. Sie, die sonst jeden neuen Gedanken, kaum geboren und sicher noch unausgegoren, schleunigst aufzugreifen und zu propagieren sich beeilten, vergaßen ihn, in die jüdische Gcmcindepolitik zu übertragen, ihn dort, wo sie die Macht hatten, in die Wirklichkeit umzusetzen. Dem Eindringen sozialer Ideen standen die stärksten Widerstände entgegen.... So sah es im deutschen Judentum aus, als im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts der jüdische Volksgedanke neu auflebte und als sein stärkster Ausdruck der politische Zionismus in die Erscheinung trat, der eine Regeneration des Judentums, eine Neubelebung der jüdischen Gemeinschaft und des jüdischen Gemeinwillens erstrebte, den neuen Klal Jisrael. Darum mußte der Z i o n i s m u s bald dem Gemeindeleben sich zuwenden, mußte bald die Parole ausgeben: Erobert die Gemeindestuben! Die Entwicklung wurde noch beschleunigt durch das Verhalten der bisherigen Beherrscher der Gemeinden, die ihre Macht dazu benutzen wollten, um den unbequemen neuen Gegner ihrer Selbstherrlichkeit, ihrer Herrschaft über die jüdischen Massen den Garaus zu machen. Zwar sagte das zionistische Programm nur, daß diese altneue Bewegung die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina erstrebe. Also eine Aufgabe, die eigentlich, wie ja auch noch heute im Kampf gegen den Zionismus gesagt wird, mit der Arbeit in den Gemeindestubcn nichts zu tun hat. Indes halten die, die sich in ihrer Macht bedroht sahen, ein feines, von der Angst eingegebenes Gefühl dafür, daß das Baseler Programm nicht das letzte Ziel des Zionismus aussprach, nur das wichtigste Mittel zu seiner Erreichung, zur Schaffung eines regenerierten Judentums. Wenn sie auch immer so taten, als glaubten sie, die Zionisten wollten nur alle Juden nach Palästina verfrachten, so wußten sie doch sehr genau, daß die Zionisten nicht so dumm waren, nach einer solchen Utopie zu streben. Sie wußten ganz genau, daß die große Mehrzahl der Juden immer in der Diaspora verbleiben würde und daß gerade darum es im Streben der Zionisten liege, die Organisation der Gemeinden und die Mitglieder der Gemeinden nach ihrem Sinne zu gestalten. Darum Kampf gegen den Zionismus! Nicht wegen Palästina, nicht wegen der angeblichen, von ihnen selbst nicht geglaubten Gefahr, die Zionisten könnten die Steuern erhöhen, um mit dem so erpreßten Gelde Palästina aufzubfiuen, wenn sie auch mit solchem Kinderschreck naive Gemüter in den Wahlkämpfen zu beeinflussen versuchten.... Und in der Tat: Der Kampf der Zionisten um die Gemeinden galt und gilt der Erhaltung, der Neubelebung des Judentums, gilt dem erneuten engen Zusammenschluß der ganzen Judenheit, gilt dem neu zusammengefügten und in seiner so geschaffenen Festigkeit allein widerstandsfähigen Rutenbündel, gilt dem neuen Klal Jisrael. _ - Wohl hat unter dem Einfluß des ernsten Wollens und Kämpfens der Zionisten der Klal-Gedanke in den letzten dreißig Jahren eine neue Belebung erfahren, wohl sind schon neue Gedanken in die Gemeindestuben eingezogen, wohl sind aus den Verwaltungsmechanismen vielfach lebendige Organismen geworden, wohl haben weite Kreise die alte Angst vor dem neuen Klal-Gedanken abgestreift — die liberale Weltkonferenz hat es gezeigt —.... Aber noch ist keine Bürgschaft dafür, daß unsere immer noch weitergellenden Gedanken sich ganz durchsetzen werden. Noch gibt cs innerhalb der jüdischen Gemeinden in der Theorie und mehr noch in der Praxis jüdisch-rückschrittliche Gedanken, gibt es Vertreter von Angsttheorien, gibt es Erben des Ghetto, gibt es Bonzentum, gibt es Partikularismus, gibt es jüdische Antisemiten, gibt es einen sogenannten Liberalismus, der noch immer alle ״feigen Versuch-, Verkriech- und Versteckjuden“*) bei den Wahlen zu seiner Hilfe heranziehen wird, ist noch immer zwischen Theorie und Praxis eine große, große Kluft.... Und darum können und werden wir diesen Kampf nicht eher aufgeben, als bis jede Zelle der jüdischen Gemeinschaft, wie unsere Gemeinden sie darstellen, vom Gedanken des Klal-Jisrael erfüllt sein und all ihr Tun danach gestalten wird. Grundsätzliches zur jüdischen Schulpolitik * Von Dr. Max Kollenscher. I. Der Kampf, der viele Jahrzehnte hindurch im deutschen Judentum um die jüdische Schule getobt hat, scheint in neuester Zeit entschieden zu sein. Noch vor einem Jahrzehnt war die Stimmung für jüdische Schulen in Deutschland außerordentlich gering; man ließ die öffentlichen jüdischen Schulen leichten Herzens eingehen und interessierte sich noch weniger für die Gründung privater jüdischer Lehranstalten. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, hat erst die jung-jüdische Bewegung und die von ihr ausgehende moderne üemeindepoütik die Forderung nach der jüdischen Schule wieder erhoben. Man hat bei ihrer Geltendmachung sich nicht so sehr auf den Rechtsanspruch gegenüber dem Staat gestützt, hat auch die Forderung nicht mit der immer wachsenden ungleichmäßigen Behandlung jüdischer Schüler in allgemeinen Schulen durch Lehrer und insbesondere durch Mitschüler begründet, sondern ist von der Erkenntnis ausgegangen, daß *feine wirksame Beeinflussung der Schuljugend, eine Erziehung im jüdischen Geiste, zum jüdischen Wissen und zur jüdischen Lebensführung, zur Einstellung in die jüdische Gesamtheit des Mittels der jüdischen Schule nicht entraten kann. Die jüdische Lehrerschaft, und zwar unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer innerjiidischfn Partei, hat uns in unserem Bestreben, die jüdische Schule wieder zur Geltung zu bringen, fast ausnahmslos unterstützt. Wir haben dies gern und freudig anerkannt. Der jüngsten Zeit ist es Vorbehalten geblieben, auch den Wechsel in det Gesinnung derjenigen Kreise zu erleben, die sich am längsten und hartnäckigsten widersetzt hatten. Zum Teil erkennen diese ehemaligen öegner der jiklisehen Schule ihre Berechtigung jetzt ausdrücklich an, zum anderen Teil haben sie sich wenigstens damit abgefunden, daß sie auf Widerspruch auch da verzichten, wo sie die Möglichkeit der Verhinderung hätten. Nur vereinzelt will man sich noch ahwartend verhalten und verweist auf die bevorstehende reichs¬ *) Alfred Kerr ״Die Welt im Licht“ B. II. S. 173. gesetzliche Regelung des gesamten Schulwesens. Eine dilatorische Behandlung der Schulfrage ist jedoch aus jüdischen Gründen nicht möglich, weil die Zeit drängt und jedes Jahr und jeder Lag der Unterlassung unwiederbringliche Verluste an jüdischem Gut bringt. Sie ist auch aus doppelten Gründen nicht zweckmäßig: einerseits müssen wir aus der geschichtlichen Ent- Wicklung die Erfahrung gewinnen, daß eine gesetzliche Verobschiedung dieser Materie, die staatlich viel schwerer zu regeln ist als intierjüdisch, in absehbarer Zeit kaum gelingen wird. In Preußen hat man sich ein halbes Jahrhundert vergeblich um eine gesetzliche Regelung der Schulfrage bemüht. Im Reiche haben bisher seit der Weimarer Verfassung die zuständigen Ministerien sich mehrfach, aber immer ohne Erfolg an die Lösung dieses Problems gemacht. Was Zedlitz-Tritzschler, Goszler, Koch, Schiele und Keudell unter wechselnden Konstellationen in politischen und Parteivvegen nicht gelungen ist, wird auch in Zukunft nicht so schnell zu Wege gebracht werden können. Dies hat der gegenwärtige zuständige Reichsminister Severing erst in den letzten Tagen auf dem Gewerkschaftskongreß ausdrücklich anerkannt. Wenn aber selbst eine gesetzliehe Regelung erfolgt und wenn diese selbst, was von jüdischliberaler Seite erstrebt wird, das Prinzip der Simultanschuie festlegt, so ist damit für die jüdische Sache nichts gewonnen. Daß die Sirnultauschulcn nur den beiden christlichen Konfessionen Gleichberechtigung gewahren, ist leider eine feststehende Tatsache. Daß man auch für die Zukunft nichts anderes zu erwarten hat, wird jeder zugeben müssen, der die Diskussionen über den letzten Entwurf eines Reichsschulgesetzes im Parlament und im sonstigen öffentlichen Leben verfolgt hat. Auch wo von Simultanschulen die Rede war, ist der christliche Charakter stets besonders betont worden. Seihst ein so vorurteilsfreier Mann wie der gegenwärtige preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Unterricht, Dr. Becker, hat in der bekannten Rede bei der Eröffnung der simultanen Frankfurter Akademie diesen Standpunkt mit unverkennbarer Deutlichkeit vertreten. Wir brauchen deshalb auf ein zukünftiges Gesetz unsere Hoffnung nicht zu setzen. Die gegenwärtige Rechtslage, wie sie durch die Reichsverfassung und die Landesgesetzgebung geschaffen ist, gewährt die Möglichkeit zur Einrichtung und Unterhaltung jüdischer Schulen. Nützen wir sic überall mit vereinten Kräften aus. 11. Weit schwieriger ist aber die Frage, was eine jüdische Schule ist. Wenn das preußische Judengesetz von 1847 von jüdischen Schulen spricht, so versteht es darunter Schulen, in die jüdische Schüler gehen und in denen jüdische Lehrer wirken. Vom Standpunkt des Gesetzes aus mag diese Auffassung auch ausreichend sein. Leider war aber auch die Auffassung jüdischer Kreise lange Zeit hindurch keine andere. Immerhin kam zu dem personellen jüdischen Charakter hinzu, daß Sabbat und jüdische Feiertage geheiligt wurden. Darüber hinaus gab es allerdings kaum ein besonderes jüdisches Lehrziel. Der Religionsunterricht ist nur im Rahmen des sonst an öffentlichen Schulen üblichen Religionsunterrichts erteilt worden, die hebräische Sprache war , kein Unterfichtsgegenstand, so daß nicht einmal der Besuch der ReliglohSschule sich für Besuchet dieser jüdischen Schulen erübrigte. Schulen dieser Art sind nicht ausreichend. Sie sind ״konfessionelle Schulen“ im Sinne der Staatsgesetze — aber nicht jüdische Schulen im Sinne einer jüdischen Auffassung. Sie können ausreichen, um unsere Jugend vor Zurücksetzungen und Kränkungen zu schützen und ihr Verbitterung zu ersparen; sie mögen ausreichen, um dein jüdischen Lehrer einen gleichberechtigten Wirkungskreis zu schaffen. Die positiven jüdischen Zwecke aber erreichen sie nicht. Wo nicht ein besonders glücklieber Zufall Lehrer in diese Schulen bringt, die sich ihrer jüdisehen Verpflichtung und Verantwortung voll bewußt sind, brauchen diese Schulen nicht im jüdischen Geiste geführt zu werden. Die jüdische Schule hat aber nicht den Zweck, Abwehr- Juden zu züchten, sondern sie muß Aufbau-Juden erziehen. Ein lebendiges Judentum soll aus den jüdischen Schulen hervorgehen, ihre Zöglinge sollen die stärksten und besten Juden werden. Darum müssen wir von jüdischen Schulen fordern, daß sie sich mit der jüdischen Materie ganz besonders stark befassen, und daß in ihnen eine Erziehung im jüdischen Geiste zur jüdisehen Tat stattfindet. Der jüdischen Geschichte aller Zeiten sowie der hebräischen Sprache und ihrer Literatur muß ein breiter Raum gewidmet sein. Selbstverständlich darf darunter die Ausbildung in den allgemeinen Lehrfächern in keiner Weise leiden. Es kann auch keine Rede davon sein, daß die Schüler unserer Schulen etwa dem deutschen Lande entfremdet und ausschließlieh auf Palästina eingestellt werden sollen. Auch die jüdischen Schulen erziehen ihre Zöglinge zu guten Staatsbürgern; sie haben die besondere Verpflichtung, Bürgerkunde und Verfassungslehre in verstärktem Maße in den Lehrplan aufzunehmen, eine gute republikanische und demokratische Gesinnung zu vermittein, die Schüler zur Mitarbeit am Staatsleben, an der Wirtschaft und Kultur des Landes zu erziehen. Dieser Verpflichtung wird sich eine jüdische Schule nicht nur nicht entziehen, sondern sie wird ihren Stolz darin erblicken, gerade auf diesem Gebiete Vorbildliches zu leisten. Daneben freilich ist es eine heilige Pflicht der jüdischen Schule, die Jugend auf Zusammenhänge des jüdischen Lebens hinzuweisen, sie nicht nur mit dem Stoff jüdischen Wissens auszurüsten, sondern ihr auch die Gesinnung zu vermitteln, aus der heraus sic willig und freudig sich in den Dienst der jüdischen Gesamtheit stellt und an dem großen Werk des jüdischen Aufbaus teilnimmt. III. Eine mehr technische Frage ist es, die Arten der jüdischen Schule festzustellcn. Grundsätzlich hat die jüdische Jugend ebenso wie die Jugend jedes anderen Volkes Anspruch auf mittlere und höhere Schulen zur Auswahl je nach Neigung und Begabung, Daß beide Gattungen erforderlich sind, wird nicht bestritten werden können. Wenn bisher die jüdische Schule zumeist eine Volksschule war, so kann man sich hiermit für die Zukunft nicht abfinden. Gerade diejenigen, die höhere Schulen besuchen und durch ihren späteren Lebensberuf führende Steihingen im öffentlichen Leben cinzunehmen berufen* sind, müssen mit einer guten jüdischen Schulbildung ausgerüstet sein. Freilich ist zuzugeben, daß es nicht leicht sein wird, beide Systeme von Schulen überall nebeneinander bereitzuhalten. Die unglückselige Schichtung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, das Zusammendrängen in wenige Großstädte und die außerordentliche Entvölkerung an sonstigen Ortschaften, bringen es mit sich, daß nur wenige Großstädte in der Lage sind, ihre Erziehungsaufgaben in vollem Ausmaße zu erfüllen. Die Grenzen zu finden, wird den Judenscliaften der einzelnen Orte überlassen bleiben müssen. Wenn private und öffentliche Organisationen einen Ausgleich schaffen können, erfüllen sie eine ihrer wichtigsten Aufgaben. IV. So sehr auch grundsiiizlieh die mdi-vhc Schule in allen Orten und in allen Gattungen gefordert werden muß, gibt es doch Grenzen, die auch an dieser Stelle ausdrücklich hervorzuheben

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