Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-09-13 · Heft 72-73 (13.9.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 72-73 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653037--20243-2678204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 72/73, 13. IX. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 517 suggerierte Phrase ist, und jedem Worte, das aus der Unmittelbarkeit des Lebens geboren wurde — das ist schlechthin meisterhaft. (Nebenbei: Unsere Arbeiterbewegung bemüht sich in letzter Zeit sehr viel um Propaganda. Sie tut recht daran, wenn sie nicht isoliert bleiben will. Aber fraglieh ist, ob die Wege, die man in letzter Zeit einschlägt, die richtigen sind. Sie benützt die große Maschinerie der internationalen Verbände, die längst aufgehört haben, Quellen geistigen Lebens zu sein. Das gibt wohl viel Zeitungslärm, aber schwerlich echte Wirkung, ich fürchte nicht einmal — Hypnose. Man habe doch den Mut, eine Auswahl von Oordons Schriften, vor allem seine Aufsätze über den Krieg, deutsch, englisch und französisch herauszugeben. Das wird zunächst wohl wenig öffentliche Wirkung haben und nicht allzu viele Leser — aber diese wenigen werden diejenigen sein, auf die es morgen ankommt.) Man hat in Verbindung mit dem Namen Oordons und seiner Partei oft von ״konstruktivem Soz i a 1 i s m us“ gesprochen, ihn aber ganz äußerlich verstanden als Schaffung gewisser sozialistischer Zellen in der kapitalistischen Gesellschaft. Auch Ciordon spricht von Konstruktion: sie ist ihm Aufbau der Seele. Sein Sozialismus ist ״nicht ein äußerer gesellschaftlicher Kampf, sondern ein innerer Kampf, die Eroberung neuer Bezirke in der Seele des Einzelnen. Besser: nicht ein Kampf, sondern Enthüllung seelischer Leuchtkräfte, neuer Horizonte, neuer Schätze der Seele. Dies ist der Kampf des Lichtes mit der Finsternis: das Licht kämpft nicht, es erstrahlt/* So führt denn auch Qordon in letzter Analyse den Trieb zur Herrschaft auf mangelnde Leuchtkraft der Seele zurück. Der Mensch hat Kräfte, die er zu betätigen sucht, und denen er keinen Ausweg weist; so greift er in die Sphäre anderer Menschen ein, da ihm die seine zu eng ward. Ein moderner deutscher Ethiker, N. Hartmann, spricht davon, die gewöhnliche Erscheinung sei das Versagen der Menschen vor der Wertfülle seines Lebens, das Vorbeileben an sich selbst. Er verlangt ein ״Ethos der Fülle“, Ausweitung der Person im Sinne des Raumhabens für alles Wertvolle. Genau dies meint Gordon, wenn er von der ״Leerheit“ der Seele spricht, welche der Ursprung des Herrschaftstriebes ist und den Menschen schließlich dahin treibt, selbst die Natur beherrschen zu wollen. Wie falsch war es, den Willen zur Macht auf die Fülle menschlicher Seelenkräfte zurückzuführen. ״Wir leben in einer unendlichen Welt, jeder Augenblick unseres Lebens ist Ewigkeit, — kann es da einen Menschen, ja einen Uebermenschen geben, dessen Kräfte über das hinausschießen, was sie zu leben und zu leisten haben? Nicht aus Ueberschuß von Kräften folgt der Wille zur Herrschaft, sondern aus dem Unvermögen, das Leben in seiner Fülle zu leben. Diese Ohnmacht dem Leben gegenüber erzeugt Herrschaft und Ün(e׳rdrfeki1tg. Neue Ein richtunge n der Gesellschaft werden da nicht helfen. Nur eine neue Einstellung zur Natur und zum Kosmos — von ihr muß jede Befreiungsarbeit beginnen. So ist das eigentliche Problem des Sozialismus der einzelne Mensch. Ueber die künftige Gesellschaftsordnung wird in den Untergründen der Seele die Ent- Scheidung herbeigeführt. Hugo Bergmann. Bücher, die Sie lesen musssenf N. LENIN / G. PLECHANOW L. N. TOlStOi I im Spiegel des marxlsmus Ein Sammelband / Veröffentlichung der Kommunistischen Akademie in Moskau ln diesem Band macht die Sektion für Literatur und Kunst der kommunistischen Akademie in Moskau eine Reihe von Artikeln N. Lenin’s und G. Plechanow’s dem deutschen Leser zugänglich, um Klarheit darüber zu schaffen, welches die sozialen Wurzeln der Schöpjungen Tolstoi’s sind, was er für Marxisten bedeutet und warum ihn der marxistisch Eingestellte nur bedingt bejahen kann. 128 Seiten, 5 Bildtafeln, Oänzleinen 3.50 Mk. In Kürze erscheint: §g A. FADEJE W I Die Neunzehn In diesem Werk (dessen russischer Titel ״Rasgrom“ lautet) schildert A.Fadejew meisterhaft den heroischen Kampf sibirischer Bauern gegen die intervenierenden japanischen Truppen, ihren Kampf um die Freiheit. Aufwühlend und mitreissend sind hier Kampf,Tod und Leben in dcrTaiga geschildert. Niemand wird das Buch ohne Erschütterung aus der Hand legen können. ca.. 250 Seiten. Preis broschiert ca. 3.50 Mk. Ganzleinen ca. 5.~ Mk. VERLAG FÜR LITERATUR UND POLITIK WIEN.BERLIN SW 61 / PLANUFER 17 Die stürmischen Abenteuer des Lasik Roitschwanez Ueber den Roman gleichen Namens von DJa Ehrenbarg (Russisch erschienen in Paris.) Von Sch. 0 or e 1 i k. Jedesmal, wenn die Gedanken beim russischen Judentum weilen, das einst tonangebend in der jüdischen Welt war, heute aber in weite Ferne gerückt nur sehr selten von sich Kunde gibt, jedesmal, wenn all die Stätten ehemaligen Lebens voll Eigenart und Mannigfaltigkeit wieder auftauchen, stehen uns jene litcrarischen Helden vor Augen, in denen wir die Verkörperung echten jüdischen Wesens zu sehen gewöhnt waren. Und daß man dann vor allem an Tewje, den Milchhändler, denkt, ist doch klar. Wir fragen: Was mag wohl dieser allerliebste Tewje jetzt tun? Sein Schöpfer, Scholem-Alcichem, der große Meister des Worts und der Gefühle, ist schon lange nicht mehr, aber ist cs möglich, daß auch seine Gestalten nicht mehr vorhanden sind? Ist es möglich, daß auch die Tcwjes aus dem jüdischen Leben in Rußland verschwunden sind? Fließt nicht vielleicht noch irgendwo die so wohltuende, sanfte Rede dieses schlichten, weisen Mannes? Interessant wäre es doch, zu erfahren, wie Tewje sich mit der ihn umgebenden neuen Welt abgefunden hat. Daß er sie nicht allein vom Standpunkte des Verlustes seines Pferdes und Wagens betrachtet, ist gewiß. Ein leidenschaftlichcr Besitzer war er niemals. In dieser Hinsicht vermochte er sich stets zu einer Selbstlosigkeit, Großzügigkeit auf- In der Fremde Von Leib taffe. Und wieder steh ich fremd an fremdem Strand, Ich wandere durch Welten, ferne, triibr. Ich hab’ getrunken deine Luft, mein Land, Und ich bin krank vor Liebe. Ich ward vergiftet von der süßen Luft, Wann naht, mein Gott, die Stunde meiner Stillung? Wann atrn’ ich flüssig Gold und reinen Duft Dich, Heimathauch — unendliche Erfüllung? Wann sch’ ich Zions Dünen silbrig — bleich, Dich graue Wüste öd' und liebet rer, Euch Berge Moabs, wilden Tieren gleich, Versteinte Hügel an dem Toten Meer, Den ,,Alten Mauer“-Schein im Abendglan:, Den ״Berg des Hauses“, früh im Purpurkran:, Ruinen träum ich, abgebrannt und schwär Vcrfallne Mauern, naß von ew’gen Tränen. Es wird verzehrt, es wird verdorrt mein Her: Vom wilden Weh, von Trauer und von Sehnen. Dir, Zion, galt des Jünglings Liebeskrafl, .׳» :du:peiK׳Wd^mannti^&mmiuif1. ־ ־׳^־5 ^־'- ׳' ״־J Des Kindes Spielen, Dir ward cs gespielt, Des Knaben Träumen, Dir ward es geträumt. Das tiefste Fühlen, Dir ward cs gefühlt, Das wehste Weinen, Dir ward es geweint. Du hast verworfen. Und Du wirst erhöhen, Du tötest mich, Du läßt mich auferslehcn. Mein Land ist arm und ausgebrannt und wild. Mein Land ist wüst, doch wer nur einmal trank Den heißen Atem, einmal sog sein Bild, Wird schnsuchtsmüd... Ich bin vor Liebe krank! Des Leibes wunde Glut, der Seele Beben, Mein Land, ein Opfer ist es Deinem Leben. (Ueber»etxt von Hilde Geiringer) zuschwingen, die selten zu finden ist. Aber die innere Welt Tcwjes war eine zu reiche, als daß sie sich nur auf soziales Empfinden beschränken ließe. Geborener Philosoph, der er nun einmal war, sind in seinen bedeutsamen, Seelen vollen Monologen immer die Fragen nach dein •Sinn des Lebens verborgen gewesen. Sein Gefeitsein gegen kleinen und grollen Acrgcr, die vornehme Toleranz, und die beispiellose Güte, die ihn auszeichneten, sind nur auf jene glückliche Einstellung zurück- Zufuhren, wonach wir alle nur kurzweilende Gäste auf di .*..er Erde sind, und daß aus diesem Sachverhalt überaus wichtige Schlüsse auf unser Verhalten Welt und Mensch gegenüber zu ziehen sind. Auf dieser l.inie mögen wohl hauptsächlich die Auseinandersetzungen liegen, die Tewje mit den Anhängern der neuen jüdischen Wirklichkeit jetzt vielleicht irgendwo in einer von Juden besiedelten russischen Ecke führt. Er führt sie jetzt mit seinen Enkeln, die wahrscheinlich zu den Komsomolzen gehören, und seine Reden sind wahrscheinlich noch, wie dazumal voller Zitate aus alten jüdischen Büchern, die für ihn noch immer gelten und die Hauptquellc sind, aus welcher sein reiner Geist schöpft. Gern, gar zu gern möchte man von diesem verschollenen, aber hoffentlich noch immer lebenden Tewje einen Grti 11 empfangen.... Wenn nun hier über das neue Werk des russischen Schriftstellcrs llja Ehren bürg ausführlich die Rede sein soll, so auch deshalb, weil der Hauptheld dieses merkwürdigen Buches, der Homler Schneider Lasik Roitschwanez, Züge aufweist, die uns lebhaft an Tewje erinnern. Ilja Ehrenburg, Jude, aber nicht jüdischer Schriftsteller, dennoch in jüdischen Dingen offenbar Bescheid wissend, mag wohl bei der Schilderung der Odyssee seines Helden an die berühmten Figuren Scholem-Aleichems gedacht haben. Trotz, mancher Verzcrrtheit und Fratzcnhaftigkcit, mit denen Ehrcnburg seinen 1 leiden ausgestattet hat, trotz des Anstößigen, dem wir auch sonst in diesem Buche begegnen und die es dem jüdischen Leser manchmal unangebracht erscheinen lassen, überhaupt irgendwelche Vergleiche mit den lichtvollen Gestalten Scholem-Aleichems anzustellcn, ist es doch Tewjes Stimme, die wir hier oft zu hören vermeinen, ist es doch ein Gruß von ihm. Und dieser Umstand genügt, um Ehrcnburgs Roman einer längeren Betrachtung zu würdigen. Lasik Roitschwanez, Schneider in der Stadt Hornel, ist Junggeselle, einsam wie ein Stock, aber nichtsdestoweniger heiteren Wesens und zum Philosophieren sehr geneigt. Im Lexikon der neuen Weltordnung kennt er sich ziemlich gut aus, aber sein Hirn, seine Seele sind mit allerhand Sentenzen, Parabeln, heiteren wie!ehrsamen Geschichten aus der alten, nicht mehr geltenden jüdischen Welt überladen, derart, daß jede sich ihm nur bietende Gelegenheit dazu ausgenutzt wird, aus dem unermeßlichen Schatz einiges vorzutragen. Die Fülle drängt ihn dazu, das intensive Denken seines talmudischen Kopfes zwingt ihn zur Mitteilsamkeit. Oft zu seinem eigenen Unheil. In solchen Fällen eilt Lasik Roitschwanez zu Lewka, dem Barbier, damit er ihm den gekräuselten Bart wegrasiere, denn er glaubt nämlich, daß der Bart und die fatale Angewohnheit, an ihm zu zupfen, diese Intensität des Denkens in ihm hervorruft und ihn zu unzeitgemäßen Acußerungen treibt. Philosoph und gleichzeitig Fatalist äst Lasik Roitschwanez. Die Art und Weise, wie er die allzu zahlreichen Schläge des Schicksals, vom Verfasser als ״Stürmische Abenteuer“ wehmütig-ironisch bezeichnet, zu ertragen versteht, kennzeichnet ihn. Sein ständiges Pech und die Fähigkeit trotz aller Mißgeschicke bei guter Laune zu bleiben, erinnern staTk an die stoische Geduld eines Chaplin. Und zu ertragen »h8t*er.3viek *-LBwfc/lioiteAwanfe'-iftrcwar־Schneider,׳ aber׳ in der traurigen Chronik seines Lebens, die vor uns liegt, sehen wir ihn niemals diesen Schneiderberuf ausüben. Eine überaus unglückliche Begebenheit drängte ihn für immer aus seiner gewohnten Arbeit und bewirkt, daß er fortan zum Spielball eines unerbittlichen Schicksals wird, das ihn zerrt, jagt, treibt von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, bis er ganz wund an Leib und Seele, aber ohne seine Beredsamkeit, ohne den Humor zu verlieren, in Palästina, an Rahels Grab den letzten Atemzug aushaucht. Der Wendepunkt im Leben Lasik Roitschwanez’ verdient, in ein paar Worten festgchalten zu werden. Er datiert von jener unglückseligen Stunde, als er bei einem Spaziergang durch die Stadt Hornel ein frisches Plakat an der Litfaßsäule kleben sah, worin der erfolgte Tod ״des erprobten Führers des Homler Proletariats, Genossen Schumrigin“, kundgetan wird. Lasik Roitschwanez liest dieses Plakat und stößt einen Seufzer aus. Er wird ihm zum Verhängnis, denn ein beobachtendes Auge denunzierte ihn, qualifizierte diesen Seufzer als eine Gering- Schätzung, als eine Verhöhnung, kurz als einen konterrevolutio- J ••*«••mm״»••*»• •mm•( ••t»1Mm1»mm״״mMmimMMt •1 •<•••.•••• iitm.o• nt 1.1..1 11' 5 Neuerscheinungen des Jüdischen Verlags sBeiiihwsz: I Das erste maische Konversationslexikon in deutscher Sprache. Eine jüdische Bibliothek in sich! Einzigartiger Bilder •Reich tum: Ueber 2000 Abbildüngen, Tafeln u. Beilagen; 3ü6ifd?e0£e£t£on inf&än&ett. Öet:2.San5(D-H),^l"Ä tagen&er ausgrftattet iß als &er l. Öan&. 3n <Banj« lem»n Ulf. 55 in ^albltbfr 11! f. H־— pro Sanb. SIMON DUBNOW Weltgeschichte des jüdischen Volkes In ■{eh 11 Bänden Uebersetzung aus dem russ, Manuskript von Dr. A. Steinberg Ein Monmncnialwcrk der jüd. Wissenschaft ©«eben e 1• f # t e n 5er $. Bötih * « ©ubfFriptionspcets no<b bi» Cnbe btefes 3al)res: 1n©anj• leinen HIF. J2,—, in ^alblebec ttlF. 15.— pto Banb S>0» YDeiT liegt bis?um dfröbjabc 192A fomplert ש»מ c .< m ׳ m 3übifcf?er &tnber0&־lcnber §erausgegeben Bon «mil Uernftar4 4«I!n. Illit sabireidjen Beiträgen, lg farbigen Biibern SO lejiiilnjlrationen, einem farbig. tt>arfel|>iei oft». 3״ pappbanb Ulf. 3.60, in ®ansleinen ITtf. 4.80 ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.